Part 7
Eugenie hatte ihn zu ihrem Vertrauten gemacht. Wenige Tage nach unserer Abreise geschah es, daß Pipin sie allein im Garten traf. Sie war in tiefe Melancholie versunken; Pipin glaubte Spuren von Thränen in ihren Augen zu bemerken. Da wagte er es, ihr seine Dienste anzutragen. Und sie sah nicht mehr kühl und gelangweilt über ihn hinweg; sie hörte ihn mit einer gewissen Aufmerksamkeit an. Dann wurde sie zusehends heiterer und begann ein Gespräch über gleichgültige Dinge. Aber schon allein, daß sie ihn eines Gespräches würdigte, empfand er als eine Gunst, die sie ihm bisher noch nie erwiesen hatte. Das Gespräch lenkte sich sehr bald auf Elmenreich; halb scherzhaft, halb im Ernst behauptete sie, Elmenreich sei ein Weiberfeind ... Auf diesem Wege kam Pipin dahin, ihr die ganze Unterredung, die er mit Elmenreich über die Ehe gehabt hatte, mitzuteilen.
Seither glaubte Pipin in ihrem Betragen gegen Elmenreich eine Veränderung zu bemerken; sie schien ihm auszuweichen, und wenn sie mit ihm zusammentraf, beachtete sie ihn geflissentlich nicht.
Pipin war in großer Unruhe und Bedrängnis über die wahre Veranlassung dieser Wandlung. Hatte er selbst sie mit seiner Mitteilung bewirkt? Oder war schon vorher etwas zwischen Elmenreich und Eugenie vorgefallen? Die bloße Möglichkeit, daß er da eine Ungeschicklichkeit begangen habe, daß er Ursache an einer für Elmenreich ungünstigen oder unerwünschten Wendung sein könnte, machte ihn fassungslos. Er rang die Hände.
»Nein, ich könnte mir das nie verzeihen! Daß ich daran Schuld sein sollte, ich, der ich so sehnlich gewünscht hätte, ihm einen Dienst zu erweisen, etwas zu thun, was seine Gemütsstimmung verbessern könnte! Natürlich bin ich gleich, als ich anfing, etwas zu merken, zu Elmenreich gegangen, um ihm alles zu sagen. Aber Sie wissen ja, wie schwer es ist, mit ihm zu reden. ›Eine Veränderung in Eugeniens Benehmen? Ist mir nicht aufgefallen;‹ sagte er vollkommen kühl; und dann gab er mir den Rat, mir nicht anderer Leute Angelegenheiten zu Herzen zu nehmen. Nun bitte ich Sie! Ihm sollte keine Veränderung aufgefallen sein, wenn sogar ich diese Veränderung bemerkt habe? Es war klar, er wollte ausweichen; aber ich ließ mich nicht irre machen, ich bestand darauf, daß ihm diese Veränderung nicht entgangen sein könnte, und daß ich alle Ursache hätte, zu fürchten, ich selber sei daran schuld, weil ich nämlich -- also wegen des Gespräches über die Ehe. Da lachte er -- es war aber kein ungezwungenes Lachen, das können Sie mir glauben -- schlug mich mit der Hand auf die Schulter und sagte: ›Pipin, das war das Gescheidteste, was Sie machen konnten. Ich bin sehr zufrieden darüber.‹ Nun, ich will augenblicklich tot niederfallen, wenn das nicht ganz gegen seine wirklichen Empfindungen gesprochen war! Aber was soll ich thun? Kann ein Mensch wie ich Elmenreich durchschauen, wenn er sich nicht durchschauen lassen will? Ich habe ihn angefleht, mir die Wahrheit zu sagen -- aber er bleibt dabei, daß ich ihm nur einen Dienst erwiesen habe, für den er mir dankbar sei. Und doch, und doch! Ich werde den Gedanken nicht los, daß es in seinem Innern ganz anders aussieht, als er merken lassen will ...«
* * *
Der Graf legt seine Serviette weg und tritt nicht ohne Feierlichkeit vor mich hin.
»Ich hege die Hoffnung, daß sich etwas wahrhaft Außerordentliches begeben wird. Ich richte die Bitte an Sie, gnädige Frau, daran teilzunehmen. Ich gebe mir die Ehre, Sie einzuladen, übermorgen auf den Berg Alvernia zu kommen« (lächelnd) -- »ich sage Alvernia, weil der Tressenstein nunmehr würdig ist, genannt zu werden mit einem erleseneren berühmteren Namen. Ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich das Werkzeug sein könnte, einen ungewöhnlichen Kreis zu versammeln um einen ungewöhnlichen Mann --«
Seine brennenden Augen heften sich auf Elmenreich und mit einer plötzlichen Bewegung faßt er heftig dessen Arm, als wollte er ihn nötigen, auf der Stelle mitzukommen.
Elmenreich weicht einen Schritt zurück.
»Sie lehnen ab?« murmelt der Graf tonlos.
Elmenreich versetzte kalt: »Ihre Einladung war nicht an mich gerichtet. Und Sie wissen ja, Graf, ich bin ein zu gewöhnlicher Mensch für alle ungewöhnlichen Vorgänge --«
Der Graf erhebt seine Hände. Seine Hände haben eine merkwürdige Ausdrucksfähigkeit -- etwas überredendes, schmeichelndes, liebkosendes.
»Oh! wenn Sie so sprechen! Damit haben Sie Ihre Zusage gegeben --«
»Meine Zusage wozu? Ich müßte doch vorher genauer wissen, was geschehen soll --«
»Sie werden kommen, Sie werden hören, Sie werden urteilen. Sie lieben es nicht, über Dinge zu urteilen, die Sie nicht haben selbst gesehen. Sie können nicht ablehnen, bevor Sie gehört und gesehen haben.«
Der Graf nähert sich ihm wieder um einen Schritt, und Elmenreich weicht wieder einen Schritt zurück.
»Gut also. Ich habe zwar schon gesehen, aber ich will auch noch hören. Sie sollen mir nicht nachsagen, daß ich voreingenommen bin.«
Der Graf greift mit beiden Händen nach Elmenreichs Hand.
»Ich danke Ihnen! Ich bin glücklich über Ihre Güte. Tonuelo, ich habe nie aufgehört, zu hoffen --«
Elmenreich schüttelt die Hände des Grafen ab, wie man ein Insekt abschüttelt, ungeduldig, mit Widerwillen.
»Ich heiße Anton«, sagt er, rot vor Zorn und in einem gereizten Ton, der in gar keinem Verhältnis zu dem geringfügigen Anlaß steht. »Lassen Sie mir meinen rechtschaffenen, gewöhnlichen Namen; ich wohne nicht auf dem Berg Alvernia.«
Er dreht ihm schroff den Rücken. Stumm verbeugt sich der Graf; seine Gestalt fällt in sich zusammen wie zerbrochen.
Diese Pedanterie mit dem Namen erschien mir kleinlich; und etwas wie Auflehnung wider Elmenreichs Hochmut verleitete mich, als der Graf sich mit Pipin entfernt hatte, eine Bemerkung über das Peinliche dieses Auftrittes zu machen.
»Wie?« antwortete Elmenreich mit einigem Erstaunen; »Sie finden meine Art und Weise peinlich? Und die Art und Weise des Grafen, die ist Ihnen nicht peinlich?«
»Der Graf benimmt sich wie ein Mensch, der Versöhnung sucht -- dabei ist nichts Peinliches, das ist eher rührend. Sie aber demütigen ihn vor anderen -- und das ist es, was ich peinlich finde.«
»Und sonst fällt Ihnen in der That nichts auf?«
»Es fällt mir auf, daß er voll Wärme und Liebe für Sie ist, daß er zu leiden scheint, während Sie ihm nur Gleichgültigkeit und Abneigung bezeigen.«
»Nun, und glauben Sie nicht, daß wir da beide unsere Gründe haben, er für seine Wärme und Liebe, ich für meine Gleichgültigkeit und Abneigung --?«
* * *
Im Hausflur wartete Pipin und nötigte mich in sein Zimmer. Dort stand der Tisch mit großen Körben beladen. Er öffnete sie der Reihe nach und wühlte behutsam in der Holzwolle, mit der sie gefüllt waren.
»Ich muß Ihnen doch meine Schätze zeigen« -- er hielt eine ungeheure Traube in die Höhe --. »Pompös, was? Da erinnert man sich doch an die biblische Geschichte, wo die Kundschafter aus dem gelobten Land mit der großen Weintraube zurückkommen. Und diese Birnen! Und gar diese Pfirsiche! Muß das eine Freude sein, wenn so ein Prachtexemplar reif wird! Dieser Duft! Diese Farben! Dieser Sammet! Ein wahrer Triumph der Kultur! Und was für ein lieber Gedanke ist es, daß die Natur solche Herrlichkeiten hervorbringt, wenn man sie mit Verstand und Liebe behandelt!«
Er packte aus, räumte ein, packte wieder aus und freute sich wie ein Kind.
Dieses Obst ist für das »Fest des ersten Versuches« bestimmt, zu dem uns der Graf eingeladen hat. Der Meister werde eine Predigt halten, so vertraute mir Pipin an; und der Graf sei voll großer Hoffnungen und Pläne, die aber vorläufig noch tiefstes Geheimnis bleiben sollten. Da aber das Ganze in der Form einer Landpartie vor sich gehen werde, mußte man auch an die Bewirtung denken. Der Graf habe es für unschicklich erklärt, in Gegenwart des Meisters Schinken oder sonst irgend einen »Leichnam« zu verzehren; deshalb ließ Pipin aus Görz diese Früchte kommen, die auch der Meister trotz seiner strengen Lebensweise vielleicht nicht verschmähe. Schon beginne sich die allgemeine Aufmerksamkeit dem »Einsiedler vom Berge Alvernia« zuzuwenden; auf ihren lebhaften Wunsch hin werde auch Fräulein Eugenie mit von der Partie sein -- ein Zugeständnis, das Pipin erst nach eindringlichen Bitten von Graf Hermosa erwirkte. Denn der Graf sei bekanntlich ein Sonderling in diesem Punkte; er liebe die Frauen nicht, und je jünger und schöner sie sind, desto weniger. Das heißt: Nicht, als ob er nicht alle Hochachtung vor ihnen hätte; aber zusammen wolle er nicht mit ihnen sein, namentlich nicht mit unverheirateten. Ja, ja, ein merkwürdiger Mensch, Graf Hermosa, nicht ohne Schrullen und Launen, zugegeben, aber groß, kühn, hinreißend. Was für eine Phantasie! Was für eine Leidenschaft! Die Welt, mit seinen Augen angesehen, erscheint wie in bengalischer Beleuchtung. Wenn man ihm zuhört, wird man geneigt, an alle unerhörten Ereignisse zu glauben, an Wunder und große Geheimnisse, denen wir gefühllos und blind gegenüberstehen, während sie sich vor uns abspielen. Kein Zweifel, der Graf wisse mehr von den verborgenen Dingen, als dem gewöhnlichen Verstand offenbar werde, der Graf sei ein Führer in unentdeckte Länder, in unsichtbare Gebiete des Lebens. Wundervolle Perspektiven gebe es dort, herrliche Aussichten, Hoffnungen, so berauschend, daß man nicht mehr begreift, wie man das alltägliche Leben mit seiner platten Nüchternheit ausgehalten hat --
»Sie machen mich ja ganz neugierig, Pipin! Was für Hoffnungen denn, was für Perspektiven? Können Sie mir nicht etwas Positiveres darüber verraten?«
»Positiveres? Offen gestanden, Positiveres weiß ich selber noch nichts. Ich bin erst auf dem Wege, »im ersten Vorhof«, wie der Graf sagt. Und das ist doch selbstverständlich, nicht wahr? Denn ich bin ein gewöhnlicher Mensch, der bis vor kurzem nichts von alledem geahnt hat. Aber vielleicht, mit redlichem Bemühen, werde ich einmal mehr davon wissen.«
»Also bis jetzt sind alle die Herrlichkeiten -- Versprechungen?«
»Ja, Versprechungen, wundervolle Versprechungen! Sagen Sie selbst: ist es nicht Zeit? Muß nicht etwas geschehen? Sehen wir nicht alle ein, daß das Leben regeneriert werden muß? Fühlen wir nicht alle im Innersten eine Sehnsucht nach etwas Neuem? Nach einer anderen Form des Lebens? Glauben Sie nicht, daß Tausende und Tausende nur auf denjenigen warten, der ihnen den Weg zeigt? Ja, es muß etwas geschehen, das ist klar. Und es wird etwas geschehen, Sie werden schon sehen. Herrgott, wie ich mich freue, wie ich mich freue!«
Er rieb sich die Hände vor Vergnügen, hob seine Körbe vom Tisch auf den Boden, vom Boden auf die Stühle, von den Stühlen wieder auf den Tisch und sagte dabei nur immer: »So ein Glückskind wie ich! Bin ich ein Glückskind! Wie ich mich freue, nein, wie ich mich freue!«
Dann ergriff er mich bei der Hand und sah mich mit seinen hellblauen Augen beweglich an:
»Freuen Sie sich doch auch, gnädige Frau! Ich möchte so gerne jemanden haben, der sich mit mir freut, damit ich nicht allein bin mit diesem köstlichen Freudegefühl --«
»Aber Pipin, ich weiß wirklich nicht recht, worüber Sie sich so freuen, ich meine, aus welchem Grunde --?«
»Ach Gott, ich weiß es ja selber nicht! Ich bin nur so glücklich, so voll Freudigkeit -- das Leben kommt mir so reich vor, so vielversprechend, so groß, so -- so -- ich habe so ein Gefühl der Dankbarkeit, daß ich da bin, daß ich lebe, daß mir so viel gegeben wird! So ein Gefühl der Zuversicht, als ob etwas Außerordentliches bevorstünde, etwas Großes und Wundervolles, daß alle Menschen einander die Hände drücken werden vor überströmender Glückseligkeit ...«
Unter der Buche neben dem grauen Stein. Alle Menschen sind weit weg; es giebt nur Bäume auf der Welt, unschuldige, schweigsame Bäume, die still auf ihrem Platze stehen und den Himmel betrachten. Von ihren Wurzeln herauf steigt ein feuchter Erdgeruch Er erweckt eine wundersame Stimmung, etwas wie Andacht vor der Fülle, vor der ewigen unerschöpflichen Fruchtbarkeit des Lebens. So innig beisammen Tod und Leben und so leidlos beide in dieser Welt!
Auf den frommen grünen Moosgrund niederzuknien und auszusprechen das Wort, das erst vernehmbar wird in dem großen Schweigen, wenn alle Geräusche des menschlichen Treibens verstummt sind!
Und die Einsamkeit des Waldes antwortet. In dem großen Schweigen spricht die Einsamkeit von dem, was unmitteilbar ist. Die Erde spricht; sie spricht von der ewigen unerschöpflichen Fülle des Lebens. Sie spricht: Fühle, fühle, mein Kind, ich habe dich, ich halte dich, ich trage dich durch die Ewigkeit!
*
Ein Geräusch. Bricht ein Hirsch durch den Wald? Es ist der schwarze Panther. Er geht über die Lichtung auf die Blockhütte zu. Das hohe Gras, das noch vom Morgentau glänzt, steht hinter ihm wieder auf; leicht, unhörbar, mit schwebenden Schritten geht er.
Bei der Blockhütte angekommen, reckt er seine schlanke Gestalt hoch auf, und beginnt unter dem Dache Heu herabzuholen, so lange, bis er im Schatten der Hütte ein aufgehäuftes Lager errichtet hat. Er wirft sich in übermütiger Lust darauf hin; dann erhebt er sich zur Hälfte und blickt sitzend rings herum. Sein Körper ist wie ohne Schwere; er gehorcht jeder Bewegung in einem Linienspiel voll Anmut und Kraft.
Plötzlich schnellt er empor, springt wieder auf die Füße. Hat er mich erblickt?
Jedenfalls thut er, als hätte er mich nicht gesehen. Er dreht sich um, steckt die Hände in die Hosentaschen und schleudert mit dem Fuße den Heuhaufen, den er eben aufgeschichtet hat, wieder auseinander. Zugleich intoniert er ein wunderliches, rauhes Geschrei:
»Hoiho, Hoiho, Hulli hulli hulli ho, hulli ho --«
Schreiend stellt er sich mitten auf die Lichtung in die Sonne.
Eine Zeit lang stieß er so in kurzen Absätzen dieses Gebrüll aus. Dann verschwand er in den Wald.
Wenige Minuten später hörte ich ihn hinter mir sagen:
»=I beg your pardon=, meine Gnädigste! Wenn ich eine Ahnung gehabt hätte, daß Sie hier meditieren, wäre ich früher nicht so lärmend gewesen. Sie belauschen hier das »Schweigen im Walde«, nicht wahr? Oder haben Sie für hier ein Rendezvous? Ein köstlicher Platz für solche Zwecke! Schade, daß Sie mir mit dieser Entdeckung zuvorgekommen sind! Jetzt haben Sie das Recht der Priorität.«
»Die Priorität zum Zwecke von Rendezvous kann ich Ihnen ohne Nachteil für mich abtreten.«
Er lächelte und setzte sich neben mich:
»=Good gracious=, giebt es denn hier nur die kleinste Möglichkeit einer =bonne fortune=? Eine einzige Erscheinung -- aber da müßte ich mich mit Pipin und Elmenreich in ein Wettrennen einlassen. Und diese beiden sind doch zu wenig =up to date=, als daß das einen Zauber für mich haben könnte. So bleibt mir nichts übrig, als mir die Banalität dieses Aufenthaltes mit meinen Reiseerinnerungen zu vertreiben. Ich muß mir von Zeit zu Zeit vorstellen, daß ich nicht hier bin, um es hier auszuhalten. Eben früher war ich in Norwegen. Was ich Ihnen unfreiwillig zum Besten gab, war der Ruf der norwegischen Sennen, wenn eine Kuh sich verirrt hat. Echte Kehllaute, an Ort und Stelle studiert. Dieses Europa hat doch nur mehr Interesse an seinen Grenzgebieten; der Rest ist schauderhaft langweilig. Uniformierte Trivialität. Die Polizei als segensreiche Himmelstochter: überall Sicherheit, Ruhe, Ordnung. Kulturdevise: =è proibito di lordare= ... Das neunzehnte Jahrhundert kommt mir vor wie ein langer Katzenjammer nach dem Rausch des achtzehnten. Oder wie die gewissen älteren Herren, die tugendhaft werden, nachdem sie sich ausgetobt haben; sie halten ihre Schwäche für Moral.«
Er stand wieder auf und ging mit einiger Nervosität hin und her.
»Wollen Sie nicht lieber einen Spaziergang machen?« fragte er etwas ungeduldig. »Da ich doch das Schweigen im Walde verscheucht habe, ist hier nichts mehr zu holen --«
»Sie vergessen mein Rendezvous, Dr. Kranich --«
»Das heißt, Sie wünschen von mir befreit zu sein, meine Gnädigste. Ja, es ist eine verdammte Sache um die unverhofften Zeugen bei Rendezvous. Die Menschen haben so ein naives Gefühl der Daseinsberechtigung; sie merken nie, wann sie überflüssig sind.«
Er warf aus seinen stechenden schwarzen Augen einen bösen Blick auf mich. Dann lachte er laut auf, mit seinem jauchzenden, triumphierenden Lachen.
»Ja, gnädige Frau, Sie wünschen mich in Ihrem gnädigen Herzen zum Teufel, und ich bleibe da und merke nichts. Wer wird nun eher das Feld räumen, Sie oder ich?«
»Dr. Kranich, ein unverhoffter Zeuge wird doch nichts sein, worüber ein »Herr des Lebens« sich nicht hinwegsetzen könnte?«
»Die lieben Frauen sind aber nie ›Herren des Lebens;‹ sie haben ewig andere Herren über sich. O bitte, das soll keine Lästerung sein: es ist ja eine sehr reizende Eigenschaft dieser teueren Wesen, daß sie so gerne abhängig sind. Ich möchte diese Eigenschaft an ihnen nicht missen. Nur giebt es Lebenslagen, in denen sie einem fatal wird -- und die unverhofften Zeugen gehören zu diesen Lebenslagen, nicht wahr, meine Gnädigste?«
Unten aus dem Walde trat eine weiße Gestalt. Sie kam aus einer anderen Gegend, als Dr. Kranich gekommen war; aber sie nahm wie er quer über die Wiese die Richtung nach der Blockhütte zu, ohne zu zögern und ohne sich umzusehen.
»Hei, was für ein schönes Wild«, rief Dr. Kranich. »Es scheint ja, daß auf diesem lauschigen Plätzchen alle Rendezvous des Ortes abgehalten werden --«
Er trat rasch vor und stieß sein Geschrei von früher aus: »Hulli, hulli ho, hoiho --«
Die weiße Gestalt blieb stehen wie angewurzelt.
»Hierher, Fräulein Eugenie, hierher! Hier finden Sie eine erlesene Gesellschaft. Hulli ho, hulli ho!«
Die weiße Gestalt rührte sich nicht. Dr. Kranich sagte lächelnd zu mir: »Ich hoffe, Sie verraten nicht, daß das ein Warnungsruf für verirrte Kühe ist. Die norwegischen Kühe scheinen im allgemeinen intelligenter zu sein als die hiesigen.«
Da die weiße Gestalt immer noch unbeweglich stand, setzte er hinzu: »Hier muß man wohl deutlicher reden«, und lief ihr entgegen.
Sie standen einige Augenblicke in der Sonne beisammen, ehe sie herauf kamen.
Eugenie sah aus wie eine aus den Wolken gefallene Göttin. Reizend angezogen: ein Kleid aus weißer Battist-Stickerei, um die Taille ein breites, rotblumiges Seidenband, das rückwärts in langen Schleifen hinabfiel. Dazu ein hochroter Sonnenschirm.
In ihrer apathischen Weise sagte sie zu mir: »Was für ein Zufall! Ich wollte einmal ganz planlos durch den Wald streifen -- und nun trifft man sich doch wieder!«
Dr. Kranich lächelte spöttisch. »=I beg your pardon=, Fräulein Eugenie, aber für einen solchen Streifzug sind Sie nicht ganz praktisch toilettiert! Gestehen Sie's doch lieber: Sie haben hier herum ein Rendezvous, bei dem Sie keine unverhofften Zeugen brauchen können. Die gnädige Frau und ich werden Ihnen das Feld räumen.«
Eugenie sah ihn mit ihren großen, etwas zu runden Augen sprachlos an. Sie war sehr rot -- aber es konnte auch vom Reflex des roten Schirmes sein, den sie aufgespannt auf der Schulter liegen hatte.
* * *
Bei Tisch, nachdem der Graf sich mit Pipin entfernt hat.
Dr. Kranich: »Ich behaupte: Der Mann achtet im Grunde keine Frau, die er -- =parbleu=, jetzt hätt' ich beinahe Ihre Anwesenheit vergessen, meine Gnädigste! Wenn ich mich also für Damenohren ausdrücken soll: Der Mann achtet im Grunde kein weibliches Wesen, in das er mit Erfolg verliebt ist.«
Elmenreich: »Eine feine Ansicht von der Liebe!«
Dr. Kranich: »Ansicht? Lieber Elmenreich, Sie scheinen den naiven Glauben der Mindergebildeten zu teilen, daß der höhere Mensch seine »Ansichten« wie Kleider trägt, die man an- und ausziehen kann --«
Elmenreich: »Na, zum Mindesten bemerke ich, daß er sie nach der Mode an- und auszieht.«
Dr. Kranich -- »alle echten Ansichten aber sind Spiegelungen einer Seele. Schicksale, Elmenreich. Warum bemoralisieren Sie meine »Ansicht« von der Liebe? Hand aufs Herz, Elmenreich: geht es Ihnen denn besser?«
Elmenreich stößt einen unartikulierten Laut aus, ungefähr wie jemand, der eine Fliege von seiner Nase wegscheuchen will.
Dr. Kranich lächelt unmerklich, zieht seine Dose aus der Tasche und dreht sich mit wunderbarer Geschwindigkeit eine Cigarette. Während er sie anzündet: »Zu Ihrer Zeit, Elmenreich, hat sich der höhere Mensch eben nur seine »schönen« Gefühle eingestanden; heute weiß er, daß er sich alles eingestehen kann, was in ihm ist, weil es in ihm ist. =Basta cosi.=«
Elmenreich, sehr gereizt: »Nein, lieber Arthur, zu meiner Zeit hat sich ein Mensch mit niedrigen Ansichten überhaupt nicht als »höherer« Mensch aufspielen können. Zu meiner Zeit hat man auch sein Glück bei den Frauen nicht mit solchen Ansichten gemacht. Ob man es heute macht, weiß ich nicht.«
Dr. Kranich lächelt etwas mehr, schnippt mit dem Finger ein klein wenig Asche von seiner Cigarette weg. Dann bläst er eine dicke Rauchwolke vor sich her und sagt ernst:
»Ja, Elmenreich, man macht es. Und dann hat man erst recht keine Ursache, zu achten. Aber wenn Sie wollen, kann ich mein Axiom auch affirmativ formulieren: Der Mann achtet im Grunde nur diejenigen Frauen, die ihm widerstehen. Die aber langweilen ihn.«
Das Fest des ersten Versuches.
Unterwegs.
Wir sind in einer geschlossenen Kolonne ausgerückt: vorne Elmenreich und Eugenie, dann Dr. Kranich und ich, hinter uns der Graf und Pipin, als Nachhut der Brunnhofer Seppl mit Pipins Körben und Plaids.
Elmenreich scheint einen seiner bewölkten Tage zu haben. Er spricht mit Eugenie von seinem Alter -- immer ein Anfang zu unerfreulichen Stimmungen.
Ich ergreife die Gelegenheit, um Dr. Kranich einen Wink zu geben.
»Machen Sie doch ihm gegenüber keine anzüglichen Bemerkungen mehr über sein Alter, Dr. Kranich. Es kann Ihnen gewiß nicht entgangen sein, daß das ein wunder Punkt bei ihm ist!«
»Deshalb mache ich ja diese Bemerkungen, meine Gnädigste. Hätten sie sonst einen Zauber für mich?«
Und dann entwickelt er seine Anschauungen über den »Fall Elmenreich«.
»Ein verwundeter Ehrgeiz ist die Quelle seiner Bitterkeit. Aber nie würde er es seinem Ehrgeiz abgewinnen, das einzugestehen. Daß er nicht etwas Großes werden konnte, hat ihn gehindert, überhaupt etwas zu werden. Er ist ein =chercheur=, der nichts gefunden hat. So geht er herum wie alle =ratés=, räsonniert über die gähnende Leere des Daseins, über das Illusionäre der menschlichen Bestrebungen, und rechtfertigt sich selbst, indem er alles, Menschen, Dinge und Gedanken, »durchschaut« und ihre Nichtigkeit nachweist --«
»Er gehört zu den Menschen, die an sich selber leiden --«
»Das heißt, er ist so eine Art geistiger Flagellant. Er geißelt sich und verschafft sich dadurch die Wollust, sein ohnmächtiges Selbstbewußtsein in Zuckungen zu versetzen. Und er ist grausam wie alle Ohnmächtigen; er geißelt auch die anderen mit. Wenn er schon vor sich selber nichts gilt, so sollen auch die anderen nichts gelten. Das ist charakteristisch für die Menschen mit defektem Selbstbewußtsein: es fehlt ihnen das Organ, das die Wertschätzung anderer erst möglich macht. -- Warum erweisen Sie mir die Gnade, mich anzulächeln?«
»Nun, Doktor Kranich, ich denke: Sie gehören nicht unter die Menschen mit defektem Selbstbewußtsein --«
»Beim Zeus, nein!«
»Aber das »Organ der Wertschätzung anderer« ist bei Ihnen doch verkümmert geblieben.«
Jauchzendes Gelächter.
Eine wunderliche Begleitung, dieses überschäumende Lachen, zu dem Gespräche, das Elmenreich indessen mit Eugenie -- oder vielmehr mit sich allein -- führt!
»Wozu unsere Geschäftigkeit, wozu alle die Pläne, Absichten, Entwürfe, Aufgaben, Ziele? Der ganze Lärm, den wir machen, dient er nicht bloß dazu, die eine furchtbare Frage in unserem Innern zu übertäuben, die Frage nach dem Warum des Lebens --? ...... Es könnte ja sein, daß wir alle zusammen wahnsinnig sind. Daß die ganze Menschheit bloß eine Schar von Verrückten ist, die ihren Wahnvorstellungen nachjagt. Sind nicht vielleicht die einzigen weisen und einsichtigen Menschen diejenigen, die hingehen und sich einen Strick um den Hals knüpfen oder eine Pistole vor den Kopf schießen, um diesem gräßlichen Narrenhaus endgiltig zu entrinnen?«