Pipin: Ein Sommererlebnis

Part 6

Chapter 63,532 wordsPublic domain

»Ach so, Sie meinen, daß Sie an mir einen solchen Zusammengefallenen hätten, wenn Sie aufrichtig gegen mich wären? Da brauchen Sie nichts zu fürchten, lieber Doktor; es handelt sich gar nicht um mich. Ich wollte Sie ja nur fragen, was Sie aufrichtig, aber wirklich aufrichtig, über Fräulein von Gabielski denken?«

»Ueber Fräulein von Gabielski? Warum fragen Sie das gerade mich?«

Elmenreich warf unter seinen gerunzelten Augenbrauen hervor einen strengen Blick auf Pipin, der dunkelrot wurde. Er antwortete nicht gleich.

»Ich habe mir gedacht, daß Sie ein gewisses Vertrauen, eine gewisse Zu -- ein gewisses Wohlwollen für mich haben -- Sie sehen, Herr Doktor, ich bin nicht so ganz ohne Selbstbewußtsein! Und wenn ich Sie nun bitte, geben Sie mir einen solchen Beweis von Vertrauen --?«

»Sie sind ein Kindskopf! Welchen Wert glauben Sie denn, daß solche bestellte Vertrauensbeweise haben können?«

»Also nein, nicht als Beweis von irgend etwas. Sondern sagen Sie es mir nur als Menschenkenner, als Mann von überlegenem Urteil, als Ihre ganz persönliche Meinung --«

»Ich weiß nicht, was Sie wollen. Fragen Sie doch lieber die gnädige Frau; wenn es sich um Frauen handelt, muß man immer Frauen fragen; die sehen da viel schärfer als wir Männer.«

»Daran zweifle ich nicht: aber wenn es nun gerade Ihr Urteil ist, das mich interessiert, Ihre ganz persönlichen Empf -- wie soll ich denn nur sagen, damit Sie nicht unangenehm berührt sind, oder damit Sie mich nicht für zudringlich halten --? Ihre persönliche Meinung halt!«

»Hol mich Gott, was haben Sie denn vor, Pipin? Wollen Sie dieser jungen Dame einen Heiratsantrag machen?«

»Gesetzt den Fall -- was würden Sie dazu sagen?«

Elmenreich faßte Pipin mit beiden Händen bei den Schultern und schüttelte ihn heftig. »Mensch, Mensch, Sie werden doch nicht --?«

Pipins Miene schien ihn zu beruhigen. Er ließ ihn los, ging ein paarmal auf und ab, und sagte dann kühl:

»Also meine persönliche Meinung über Fräulein Eugenie! Mna! Lieber Pipin, über junge Mädchen giebt es kein Urteil. Wer soll denn erraten können, was für ein Schmetterling aus einem solchen Seidencocon ausfliegen wird? Und was meine persönliche Meinung über die Ehe betrifft, so kann ich Ihnen nur sagen: entweder man muß den Mut haben, kopfüber hineinzuspringen, auf den ersten Anlauf, ohne einen Blick in die Tiefe zu werfen, als Abenteurer und Glücksritter; oder -- nun, sobald man sich besinnt, ist es aus; man kehrt tausendmal lieber um und geht den langweiligen ebenen Weg der Junggesellenexistenz allein weiter, als daß man sich in diesen schauerlichen Abgrund stürzt, der da vor einem liegt.«

»Aber ganz so schrecklich kann die Sache nicht sein, da doch die meisten Menschen den Sprung machen!«

»Das ist nur ein Beweis mehr, daß die meisten Menschen gedankenlos und empfindungsroh sind. Sonst könnte eine so furchtbare Institution wie die Ehe nicht bestehen. Wenn in einem Zirkus zwei reißende Bestien in einen Käfig zusammengesperrt werden und sich zerfleischen, dann schreien die Empfindsamen über Tierquälerei; sie bemerken aber nicht, daß sie selbst alle paarweise in Käfige gesperrt werden, und daß der Mensch in seiner gemeinen Alltäglichkeit das bösartigste Vieh auf der Welt ist. Giebt es etwas Abstoßenderes als diese Tragikomödie der Ehe, in der zwei von Natur aus so feindliche Wesen wie Mann und Weib mit ihren primitivsten Instinkten auf einander losgelassen werden, um sich durch ihre albernen Gewohnheiten und schäbigen Unarten, durch die ganze erbärmliche Notdurft des täglichen Lebens zu Tode zu schinden --?«

»Aber wenn sich die beiden lieben --«

»Desto schlimmer! Sie glauben wohl auch, Pipin, die Liebe ist ein Packesel, dem man alles aufbürden kann, was im Leben lästig und schwierig ist? Und dann: welcher denkende Mensch wird im Zustand des Rausches eine Entscheidung auf Lebenszeit treffen wollen? Verliebt sein, heißt nichts anderes, als eine illusionäre Vorstellung auf eine ganz unbekannte Person übertragen. Wenn man aus Liebe heiratet, erhebt man diese unbekannte Person zur »Lebensgefährtin«, um durch die Erfahrung belehrt zu werden, wie sehr man sich im Zustande der Illusion verrechnet hat. Nein, lieber Pipin, Liebe und Ehe -- das sind zwei getrennte Welten, die vernünftige Menschen nicht in Verbindung setzen wollen. Aber kommen Sie so einer höheren Tochter mit dergleichen! Da wird jedes Bedenken über die Ehe gleich als persönliche Beleidigung aufgefaßt, als eine böswillige Betriebsstörung. Heiraten, heiraten, das ist das Alpha und Omega ihres ganzen Denkens. Wenn sie einen Mann kennen lernen, so sehen sie ihn gleich daraufhin an, ob er für sie »passend« ist oder nicht --«

»Nun ja, ja«, unterbrach ihn Pipin etwas ungeduldig. »Das ist aber ganz selbstverständlich, da ja das Heiraten in der That das Alpha und Omega für sie bedeutet. Wie sollten sie denn nicht alle Mittel anwenden --«

Aber Elmenreich ist nicht der Mann, der sich unterbrechen läßt. Er fuhr fort:

»Und dann sieht man erst, wie undifferenziert diese zarten und feinen Wesen sind. Wo die äußeren Verhältnisse entsprechende sind, wird ihnen alsbald auch der Inhaber dieser »Verhältnisse« eine interessante, eine anziehende, eine liebenswerte Persönlichkeit, da verzeihen sie alles, da dulden sie alles, da ertragen sie alles, ganz wie es der heilige Paulus von der Liebe will. Man muß sie nur kennen, diese Virtuosinnen der standesgemäßen Liebe, um zu wissen, was man von ihrem leisen Entgegenkommen und ihren verschämten Anbiederungsversuchen zu halten hat --«

»Sie sind ein Weiberfeind«, rief Pipin mit Entrüstung.

»Nein, lieber Pipin, ich bin nur für reinliche Unterschiede. Die Hochschätzung meiner Person ist mir sehr wertvoll bei Frauen, die an meinen übrigen Verhältnissen nicht interessiert sind. Und was die erotischen Vergnügungen betrifft -- nun, wissen Sie, Pipin, wenn schon einmal dafür bezahlt werden muß, dann zieh ich diejenigen Personen vor, die diese nackte Thatsache nicht mit dem Brimborium der Liebe überschminken. Alles in allem: um den Preis der Ehe kaufe ich die Erlaubnis nicht, meine schönen Gefühle durch den täglichen Gebrauch abzunützen.«

»Ach Gott, Sie haben ja gar keine schönen Gefühle, sonst würden Sie nicht so reden«, sagte Pipin verzweifelt. »Was helfen alle diese allgemeinen Betrachtungen, wenn sie auch zehnmal richtig sind? Sehen Sie denn nicht, wie die Sachen liegen? Ein schönes, edles, herrliches Geschöpf schmachtet in der erbärmlichsten Umgebung, wird mit Füßen getreten, muß täglich, stündlich alle Qualen erdulden, die nur immer einem höheren Wesen durch niedrige und rohe Menschen zugefügt werden können -- und Sie stellen allgemeine Betrachtungen über die Ehe und die standesgemäße Liebe an! Nein, ich begreife Sie nicht, Herr Doktor! Können Sie da wirklich ruhig zusehen? Sind Sie denn in Ihrem Innern nicht der Meinung, daß da etwas geschehen soll?«

»Ich fühle in meinem Innern durchaus keine Nötigung, mich bei jeder beliebigen Andromeda als Perseus aufzuspielen. Und da Sie mich um meine aufrichtige Meinung gefragt haben, so würd' ich auch Ihnen dringend raten, Pipin, sich vor jedem derartigen Versuch zu hüten. Es sollen Fälle vorkommen, wo die befreite Andromeda sich späterhin selbst in einen Drachen verwandelt, der über den voreiligen Perseus herfällt --«

Pipin knöpfte mit zitternden Fingern seinen Rock zu.

»Verzeihen Sie, aber ich bin wirklich nicht imstande, diesen Ton länger auszuhalten«, sagte er und ging hastig weg, bevor Elmenreich ihn zurückhalten konnte.

* * *

Welche seltsame Gewalt die Stimmung der Umgebung ausübt!

Jemand spielte Orgel in der Kirche. Gedämpft drangen die Töne heraus wie aus einer unbestimmten, raumlosen Ferne; zuweilen schwollen sie heulend an, zuweilen starben sie in ein ersticktes Flüstern hin. Es dämmerte; die tiefherabhängenden Wolken färbten sich mit einem schwermütigen Violett und zerrissen hier und dort. Dann sah man auf graue Felswände oder schwarze Wälder wie auf unbegreifliche fremde Welten. Aber nur in einer kurzen Vision; die Nebel zogen sich wieder darüber, wallten abwärts, aufwärts, in einem lautlosen, feierlichen Spiel, ruhevoll geschäftig wie in verschwiegener Vorbereitung wunderbarer Dinge.

Elmenreich steht neben einem der Grabsteine und betrachtet in tiefem Nachdenken den Rasengrund, der so viele menschliche Leiber verschlungen hat. Nach einem langen Schweigen richtet er sich aus seiner Versunkenheit auf.

»Diese Musik, diese furchtbare Musik! Gehen wir doch fort! Ich kann die Musik nicht ertragen! Sie reißt etwas auf in meinem Innern, das sonst verschlossen ist, und alle dunklen Gestalten kommen daraus hervor, die ich nicht sehen will, die ich nicht hören will --«

In seiner Stimme war jener Ton des Leidens, der immer mitklingt, wenn er von sich selber spricht. Und ich sagte: »Ja, lassen Sie uns gehen. Es ist besser, man räumt der Musik keine Gewalt ein; sie verspricht immer etwas, ohne es zu halten --«

Aber er hörte mich gar nicht, und er ging auch nicht fort. Er blieb an der niedrigen Mauer lehnen, das Gesicht hinausgewendet gegen den Himmel. Die alten, verfallenen Grabsteine ragten neben ihm auf wie Geistererscheinungen, stumme, hoffnungslose Zeugen, daß alles Leben ewig in dem ungeheuren Ozean des Nichts ertrinkt.

Und ich glaubte zu wissen, was in dieser schweigenden, versunkenen Gestalt vor sich ging. Deutlich als hätte ich sie eben vernommen, lebten die Worte in meiner Erinnerung auf, die er einst in einer ähnlich feierlichen Stunde zu mir sagte, die Worte, die einen so großen Eindruck auf mich machten, daß sie mir der Schlüssel zu seinem ganzen Wesen geworden sind.

»Ich bin mit dem Leben unzufrieden, es ist mir eine Last. Und warum sollte ich mich nicht davon freimachen können, wie von einer anderen Plage und Last? Aber ich will die Entscheidung darüber treffen als ein freier und besonnener Mensch; und ich will mir vorher das Leben darauf hin ansehen ein paar Jahre lang. Wir leben für gewöhnlich so blind in den Tag hinein, als ob es sich von selbst verstünde, daß man lebt. Man könnte aber auch das Leben einmal unter der Perspektive seiner Wertlosigkeit betrachten -- und in dem Augenblick, als man erkannt hat, daß es nichts wert ist, ein Ende machen, aus freiem Entschluß, mit unbewegter Seele, göttlich überlegen über Tod und Leben ...«

Oft seither, wenn ich ihn stumm und finster vor sich hinbrüten sah, dachte ich mit einem Schauer, daß er vielleicht jetzt über Leben und Tod entscheide. Mit einem Schauer fragte ich mich oft, ob wohl der Termin, den er sich gesetzt hat, abgelaufen sei. Und Elmenreich schien mir aus der Reihe der gewöhnlichen Sterblichen herausgetreten, dem gemeinen Erleben entrückt. Etwas wie eine höhere Mission schien einen Nimbus um ihn zu verbreiten. Er war ein Richter zwischen Sein und Nichtsein. Deshalb löst er alles Geschehen in Reflexionen auf und verwandelt seine Umgebung in bloße Zuhörer. Er sucht keine Antworten, keine Zustimmung, keine Meinung eines anderen. Ein Argument, das er nicht selbst findet, ist etwas Fremdes und Unbrauchbares für ihn. Und er muß immer allein mit sich bleiben und kann niemals von einem anderen etwas empfangen.

Ueber die grauen Wogen des Nebels kam ein Anhauch von Röte heraufgeflogen. Er setzte die Gegend in ein wundersam verheißungsvolles Zwielicht. Morgen, wenn die Sonne heraufsteigt, werden diese Schleier fallen. Dann stehen alle Gipfel in wolkenloser Klarheit am Himmel und erfüllen die Thäler mit dem Glanz ihres Anblicks -- die Thäler, für die ihre grauenvollen Schluchten nur sanfte blaue Schatten, ihre tötlichen Einöden nur leuchtende Sonnenflecke sind.

Das Orgelspiel erhob sich zu einer triumphierenden Schlußkadenz. Die Töne rauschten noch einmal laut auf, schwollen in breiten Fluten herein, den Friedhof mit festlichem Brausen umbrandend.

Dann plötzlich tiefe Stille. Entzaubert, ernüchtert lag die Welt in der grauen Dämmerung. Von der Straße leuchteten die ersten Laternen herüber. Es wurde empfindlich kalt; wie Reif senkte sich die Feuchtigkeit als blasser Schimmer auf die Wiesen.

Elmenreich schüttelte sich wie ein Erwachender. Er wendete sich an mich und begann zu reden.

Aber was er sagte, war nicht das, was ich erwartete. Es war bloß der Kommentar zu seinem gestrigen Gespräch mit Pipin. Ich hatte seine schweigende Versunkenheit ganz falsch interpretiert. Und wie ungerecht es auch sein mochte -- ich war verdrießlich darüber und nicht geneigt, auf sein Gespräch einzugehen.

»Ist man nicht ein Narr, wenn man sich vor dem Unglück fürchtet? Was könnte mir schließlich dabei geschehen? Unglücklich werden? Als ob ich jetzt glücklich wäre! Was hat man denn davon, daß man im Leben immer mit heiler Haut davongekommen ist, dank seiner Besonnenheit, dank seiner »höheren Einsicht« --? Man leidet zuletzt an seiner heilen Haut eben so sehr als an allen Wunden der Enttäuschung und Verbitterung. Giebt es etwas Lächerlicheres als die Borniertheit der Erkenntnismenschen, die beständig den Ast absägen, auf dem sie sitzen? ... Eine Illusion, ein Königreich für eine Illusion! In diesem einen Fall einmal nichts durchschauen, nichts besser wissen, in diesem einen Fall glauben und vertrauen, blind sein, aber glücklich, glücklich! Ganz hinschmelzen in der süßen Wärme, die von der Illusion ausströmt! Und warum nicht? Es könnte ja etwas Echtes im Hintergrund sein! Möglicherweise ist doch nicht alles Berechnung, Anempfindung, Komödie! Ich könnte mich doch auch einmal täuschen. Dieses Mißtrauen ist vielleicht nur eine andere Art Verblendung. Man müßte sich eben Beweise schaffen, untrügliche Beweise. Hja! untrügliche Beweise für die Menschen des Mißtrauens! Ohne Beweise zu glauben, da liegt's! Das ist die ganze Kunst, zu lieben. -- Aber nur vor allem nicht merken, wer da so geschäftig am Werke ist! Wer da so wütend an der Kette reißt! Wer da die Oberseele verleumdet, um die Geschäfte der Unterseele zu besorgen. Eine angenehme Stellung für das Ich, so als beteiligter Zuschauer dabei zu sein, wie sich die Interessen der Gattung und die Interessen der Persönlichkeit in den Haaren liegen! Diesen Krieg zweier entgegengesetzter Instinktsphären in der eigenen Brust mitzumachen! Und etwas schreit nach Glück, nach Glück, nach Frieden, nach Ruhe -- nach allem, was einfach ist und widerspruchslos. Zum Teufel mit der Persönlichkeit, wenn sie Händel anzettelt, wenn sie sich auflehnt, wo sie zu gehorchen hätte! Zum Teufel mit der Einsicht, wenn sie das Leben schwer und kompliziert macht, statt es zu erleichtern! ...«

Unversehens fixiert er mich mit einem prüfenden Blick.

»Nun, und Sie sagen gar nichts?« fragt er beinahe vorwurfsvoll. »Sie müssen doch auch einen Eindruck haben, eine Meinung! Man geht doch an einer solchen Erscheinung auch als Frau nicht gleichgiltig vorüber?«

»Aber Elmenreich! Glauben Sie denn im Ernst, daß meine Meinung den Eindruck, den Sie selber haben, im Geringsten beeinflussen könnte? Meine Meinung würde Sie nur zum Widerspruch reizen -- nicht weil Sie sie geringschätzen, sondern eben, weil Sie sich nicht beeinflussen lassen wollen --«

Da lacht er mit seinem kurzen, scharfen Lachen. »Ja, das ist wahr! Ich bin dazu verurteilt, mit mir allein zu bleiben in alle Ewigkeit ...«

=II.= Teil.

Der Auserwählte.

Hier entstand eine Lücke in diesen Aufzeichnungen. Mein Mann holte mich zu einer kleinen Reise ab, und ich war ungefähr eine Woche abwesend.

Als ich zurückkam, fiel es mir auf, daß eine Art Entfremdung zwischen Pipin und Elmenreich eingetreten war. Nicht als ob Pipin weniger ehrfurchtsvoll jeden Wink Elmenreichs beobachtet hätte. Aber es war nicht mehr Elmenreich, dem er sich anschloß, wenn mittags die Tafel aufgehoben wurde, es war der Graf. Die herablassenden Blicke, mit denen Graf Hermosa sonst Pipins Annäherungen duldete, hatten sich in vertrauliche verwandelt; er ergriff beim Fortgehen Pipins Arm, und man konnte unschwer merken, daß er wichtige Angelegenheiten mit ihm verhandelte.

* * *

(Aus einem Briefe.)

11. August 1893.

... Der mich am freudigsten begrüßte, war Pipin. Er kündigte mir gleich an, daß eine Ueberraschung bevorstehe und fragte, ob ich ein paar Stunden Zeit für ihn habe.

Dann führte er mich einen Weg den Wald hinauf, abseits von den großen Heerstraßen des Promenandenpublikums.

Unterwegs teilte er mir mit, daß es dem Grafen gelungen sei, mit jenem »Fremdling«, der kurze Zeit vor deiner Ankunft hier durchgekommen war, Beziehungen anzuknüpfen. Damit habe der Graf einen tüchtigen Rekord über Doktor Kranich erzielt. Denn während Dr. Kranich sich begnügte, die Unerschrockenheit dieses außerordentlichen Menschen hervorzuheben, und es bloß bis zur Absicht brachte, sich ihm vorzustellen, sei der Graf ihm nachgereist, habe seine Bekanntschaft gemacht und ihn bewogen, sich für einige Zeit hier niederzulassen --

Einen Rekord über Dr. Kranich? Es sei mir gar nicht bekannt gewesen, daß der Graf solche Ambitionen gegenüber Dr. Kranich hege --

Dr. Kranich habe doch einmal von sich gesagt, er sei =champion of the world= in allen Fragen der höheren Geisteskultur -- müsse man das nicht als eine direkte Herausforderung für Elmenreich und den Grafen betrachten, die beide sicherlich den gleichen Anspruch auf diese Weltmeisterschaft hätten --?

Im Grunde seines Herzens natürlich finde der Graf diesen beständigen Wettbewerb unwürdig und beschwerlich; deshalb habe die Erscheinung des Fremden ihm den Plan eingegeben, diesen Mann als den wahrhaft Ueberlegenen, als »geistige Potenz =hors concours=«, der sich alle freudig unterordnen könnten, hierherzubringen und in unserer Mitte festzuhalten.

Vorerst aber mußte für den Fremden eine entsprechende Unterkunft geschaffen werden. Ihm ein Hotelzimmer anzubieten, wo über ihm, unter ihm, neben ihm lärmende Gäste mit Husten, Spucken, Schnarchen, mit Geplapper und Gepolter ihr Wesen trieben, das lehnte der Graf auf das Entschiedenste ab. Und alle Wohnungen, jede Kammer, jede Dachluke jetzt in der =haute saison= von Kurgästen und Sommerfrischlern besetzt!

Wer anders konnte da Rat schaffen, wenn nicht Pipin? Und Pipin rannte drei Tage lang von früh bis Abend die ganze Gegend ab; dann glaubte er seine Aufgabe gelöst zu haben. Am Abhang des Tressensteines, ganz einsam auf einer Lichtung im Wald, liegt ein kleines Gehöft, inmitten von Scheune und Stallung ein Bauernhaus mit einem weißgetünchten Vordertrakt und vielfach geflicktem Schindeldach. Dort hatte Pipin den Gast eingemietet, in der guten Stube des Hauses, in der das Gastbett der Bäuerin steht.

Eine noch junge Frau, abgemagert bis auf die Knochen und von jener mißfarbigen Blässe, die durch den Sonnenbrand in ein schmutziges Gelb verwandelt worden ist, begegnete uns im Flur. Ihre eingefallenen Wangen röteten sich ein wenig, als sie Pipin, der vor mir eingetreten war, erblickte. Ich sah zwei glühende, in tiefen Höhlen liegende Augen erwartungsvoll von ihm zu mir gehen. Aber gleich darauf erlosch diese belebte Miene in einem Ausdruck der Enttäuschung. »I han gemoant, der gnä' Herr bringt 'n schon mit«, sagte sie mit tonloser Stimme.

Pipin lachte. »Ja ja, so sind die Frauen!« versetzte er scherzhaft. »Zuerst haben Sie ihn durchaus nicht bei sich aufnehmen wollen, und jetzt können Sie seine Ankunft nicht erwarten.«

Aber die Frau schien nicht geneigt, auf diesen Ton einzugehen. Sie verschwand wie ein Schatten, ohne eine Antwort zu geben.

»Ich habe ihr einiges über den Fremden erzählt und vielleicht ihre Neugierde dabei zu hoch gespannt«, sagte Pipin zur Erklärung, während wir über die schmale Holztreppe in das Zimmer hinaufstiegen. »Aber ich mußte sie doch vorbereiten, daß da nicht ein Stadtmensch von der landläufigen Art einziehen wird, sondern jemand Besonderer -- so eine Art Einsiedler in härenem Gewand, hab' ich ihr gesagt, der halt auf seine eigene Façon selig werden will. Mir scheint gar, sie stellt sich jetzt einen wirklichen Einsiedler und Heiligen vor, der mit Händeauflegen die Krankheiten vertreiben kann. Armes Weib! Da fehlt's wohl auch irgendwo gewaltig! Sie hat alle ihre Kinder und zuletzt ihren Mann kurz hintereinander verloren -- und jetzt ist sie selber krank, wenn nicht gar übergeschnappt. Und da glauben wir immer, die Bauern, das sind noch die gesunden und natürlichen Menschen!«

Das Aussehen des Zimmers scheint allerdings seine Worte zu bestätigen. Ringsherum an den Wänden, über dem hochgetürmten Bett, das bis zur halben Höhe des Zimmers hinaufsteigt, über dem harten, mit schwarzer Wachsleinwand überzogenen und mit weißen Porzellannägeln beschlagenen Sofa, bis in die hinterste Ecke, die ein großer grüner Kachelofen einnimmt, hängen zahllose Heiligenbilder, billige Farbendrucke in grüngelben Tönen, darstellend schönfrisierte Heilandsgesichter mit Dornenkronen, von welchen das Blut in dicken Tropfen herabrinnt, Mariengestalten, denen sieben Schwerter in die blaudrapierte Brust gestoßen sind, herausgeputzte Heilige, die ihre Marterwerkzeuge als Trophäen in den Händen halten -- eine Galerie des Leidens, die durch den Kontrast zwischen dem Gegenstand und der fabriksmäßig gleichgültigen Darstellung ganz unerträglich wird. Ein Glasschrank ist mit Wachsstöcken angefüllt, mit Rosenkränzen, mit Wallfahrtsmedaillen, mit Weihbrunnkesseln aus Blech oder Porzellan, mit quecksilberbelegten Glasleuchtern, in denen bunte Wachskerzen stecken; obenauf unter einem Glassturz steht ein Kruzifix, auf dem ein vergilbtes wächsernes Brautkränzlein hängt, daneben in einer blaugläsernen Vase ein Bouquet graurötlicher Blumen aus geknetetem Brot.

Und in der halben Dämmerung, die von den schwärzlichen Balken der Decke auf die grauviolett schablonierten Wände herabzufließen scheint, glimmen alle diese Dinge mit fahlen Glanzlichtern und verleihen dem Raum etwas Unheimliches. Eine unbefriedigte und gewaltsame Frömmigkeit redet hier, die Not einer gepeinigten Seele, die sich nicht genug thun kann in Opfern und Gebeten vor der zürnenden, unerbittlichen Macht auf dem Throne der Welt.

»Gerade komfortabel ist das Zimmer nicht«, sagte Pipin entschuldigend; »aber meinen Sie nicht auch, gnädige Frau, daß man es einem so ungewöhnlichen Menschen eher anbieten kann als ein Hotelzimmer?« ...

* * *

(Aus einem Briefe.)

12. August 1893.

... Auf dem Rückweg fragte ich gestern Pipin, was denn zwischen ihm und Elmenreich vorgegangen sei. Da schüttete er sein ganzes Herz vor mir aus.

Daß sich Eugenie für Elmenreich auf das Lebhafteste interessierte, war doch niemandem ein Geheimnis, und gewiß diesem selbst am wenigsten. Trotzdem trieb er nur ein zweideutiges Spiel mit ihr; sobald sie ihm entgegenkam, kehrte er seine abstoßendste Seite heraus, sobald sie verstimmt war und sich zurückzog, suchte er sie wieder auf, wollte sie versöhnen und benahm sich so, daß er sie geradezu kompromittierte, falls er nicht die Absicht hatte, Ernst zu machen. Und diese Absicht hatte er nicht, darüber konnte kein Zweifel bestehen. Oder hatte er sie dennoch? Dachte er in Wahrheit nicht vielleicht trotz allem anders als er vorgab? Was bleibe aber übrig, als sich an seine Worte zu halten, wenn man über ihn gefragt werde?

Und Pipin war gefragt worden. Pipin war ausgezeichnet worden, Pipin war zum dienenden Knappen avanciert, mit der Möglichkeit, dereinst zum Ritter geschlagen zu werden.

Und schon war er seiner Dame mit Leib und Leben unterthan, und es unterliegt keinem Zweifel, daß sie fortan das regierende Prinzip seines Lebens sein wird.