Pipin: Ein Sommererlebnis

Part 5

Chapter 53,596 wordsPublic domain

Dr. Kranich weiht eben Pipin in einige Geheimnisse der amerikanischen Küche ein, während der Graf am anderen Ende des Tisches mit würdevoller Ergebung in das Unvermeidliche an einem sehr zähen Kalbsbraten kaut, und Elmenreich dem Kellner zum hundertsten Mal erklärt, daß er unbedingt entschlossen sei, diesen »Schlangenfraß« nicht länger zu sich zu nehmen. Da ließ sich an einem leerstehenden runden Tisch in der Mitte ein junger Mann nieder. Er trug einen Folianten unter dem Arm, den er sogleich vor sich aufschlug. Seine langen, schwarzen Haare fielen ihm in fettigen Strähnen über die Backen und verdeckten sein Gesicht, als er sich so über das Buch beugte. Man sah nur eine große Nase mit einem großen goldenen Zwicker herausragen. Ein weiter Kameelhaarmantel umgab in reichlichen Falten seine Gestalt bis zu den Füßen, die nach Art der römischen Hirten mit Bundschuhen versehen waren.

Als der Kellner ihm die Speisenkarte überreichte, blickte er mit weltverlorener Miene auf und fragte mit sanfter Höflichkeit:

»Was wünschen Sie, lieber Freund?«

Und auf die Frage, ob er nicht zu Mittag speisen wolle, versetzte er wie aus einem Traum erwachend:

»Ach so! Nun ja; bringen Sie mir ein Glas Wasser, ich bitte!«

Dann öffnete er seinen Mantel über der Brust. Ein gelbliches Baumwolltuch, das ein herausfordernd ungewaschenes Aussehen hatte, erschien an der Stelle, die bei anderen Europäern durch eine Kravatte eingenommen wird. Es war kreuzweise übereinandergelegt und durch eine umfangreiche Agraffe von rätselhaften Umrissen zusammengehalten.

Er langte in die linke Brusttasche und zog ein flaches Glasfläschchen mit einer hellgelben Flüssigkeit heraus, das er vor sich auf den Tisch stellte. Dann langte er in die rechte Brusttasche und zog ein Pergamentsäckchen heraus, das er gleichfalls vor sich hinstellte.

Sämtliche Anwesende verfolgen mit gespanntem Interesse jede seiner Bewegungen. Selbst der Graf unterbricht sein ergebungsvolles Kauen, winkt den Kellner zu sich und fragt:

»Wer ist dieser Fremdling?«

Die Nachricht, daß derselbe nur ein unbekannter Passant sei, vermindert das Interesse keineswegs. Niemand ißt mehr; alle Gespräche sind verstummt; die Kellner stehen herum und glotzen ihn an.

Und in diesem feierlichen Schweigen entkorkte der Fremdling gelassen, als wäre er allein auf der Welt, sein Fläschchen, goß einige Tropfen Oel in seine hohle Hand, schüttete aus dem Pergamentsäckchen einige Erbsen dazu, und ließ sie, indem er sich weit zurückbeugte, in seine Mundhöhle verschwinden. Das wiederholte er, bis das Pergamentsäckchen leer war. Dann reinigte er seine Hände, indem er sie gegeneinander rieb und sich ein paarmal über die Haare fuhr. Zuletzt trank er das Glas Wasser aus und rief:

»Kellner, zahlen!«

Der Kellner bemerkte spöttisch, daß das Wasser vorläufig noch umsonst zu haben sei.

Aber mit unstörbarer Freundlichkeit griff der Fremdling abermals in die Falten seines Prophetenmantels, zog einen Silbergulden heraus und überreichte ihn dem Kellner.

»Für Ihre Mühe, lieber Freund«, sagte er wie oben.

*

»Pipin, gaffen Sie diesen verehrungswürdigen Mann nicht so unverschämt an«, ermahnte Dr. Kranich ernst.

»Was? Verehrungswürdig?« versetzte Pipin, der sich vor Lachen nicht mehr halten konnte. »Das ist doch ein Narr, oder ein Geck! Warum würde er sonst seine Mahlzeit hier, statt an dem nächstbesten Brunnen, einnehmen? Hab ich nicht recht, Dr. Elmenreich?«

Elmenreich stieß nur einen Laut unaussprechlicher Verachtung aus.

Dr. Kranich jedoch erklärte mit erhöhtem Gewicht, ein Mensch, der es verstehe, sich mit so unbeweglicher Seelenruhe zum Gegenstand des allgemeinen Gelächters zu machen, sei ein wahrhaft überlegener Mensch. »Sie, lieber Pipin, halten es vielleicht für ein Zeichen von Mut und Ueberlegenheit, wenn ein Mensch sich duelliert, wozu jeder beliebige Leutnant die Seelenstärke aufbringt. Aber sich dem öffentlichen Spott aussetzen und nicht mit einer Wimper zu zucken, hundert Augen mit Geringschätzung auf sich gerichtet sehen und nicht einen Moment die Fassung zu verlieren, sich lächerlich machen mit vollem Bewußtsein, das können nur die ganz seltenen Menschen. Ich werde mich ihm zum Zeichen meiner Hochachtung vorstellen.«

Gerade als Dr. Kranich sich anschickte, seinen Vorsatz auszuführen, stand der Fremdling auf und entfernte sich. Vorher hatte er seine Busennadel aus dem Baumwolltuch gezogen und sie als Lesezeichen in das Buch gesteckt, das er auf dem Tische liegen ließ.

»Nun, Doktor Kranich«, sagte Elmenreich, »da Sie soviel Courage haben, gehen Sie doch einmal nachsehen, was für ein Buch das ist, in dem Ihr Held so dringend zu lesen hat.«

»Fürchten Sie sich nicht, Elmenreich, Ihre Neugier soll befriedigt werden auch ohne mich. Pipin, das ist eine Aufgabe für Sie. Stehen Sie unauffällig auf, gehen Sie unauffällig an dem Tisch vorbei und lesen Sie unauffällig den Titel des Buches.«

Pipin traf vor dem Tische mit einem Dutzend anderer Abgesandter zusammen. Er kehrte sehr nachdenklich zurück.

»Es ist lateinisch«, sagte er. »Obenauf steht =Arcana coelestia=; alles Uebrige habe ich in der Eile nicht lesen können. Denn das Merkwürdigste ist die Kravattennadel, die er hineingelegt hat. Denken Sie sich: sie besteht aus einer Schlange, die sich in den Schweif beißt! Und diese Schlange schlingt sich um einen sechseckigen Stern, und in diesem Stern hängt ein Ding, das aussieht wie ein kleinwinziger Stimmschlüssel. Das muß etwas zu bedeuten haben! Ich glaube wirklich, Doktor Kranich hat Recht, dieser geheimnisvolle Fremde ist jemand Besonderer, glauben Sie nicht auch, gnädige Frau?«

Indessen war der Fremdling zurückgekommen. Eilig huschten die letzten Neugierigen auf ihre Plätze. Er aber steckte friedlich seine Nadel wieder an, nahm sein Buch in den Arm, schlug seinen Mantel mit einer weiten, malerischen Bewegung vorne übereinander und ging.

Der lang zurückgestaute Strom der Rede ergoß sich jetzt in brausenden Wogen durch die Veranda. Von den Tischen der Räte drangen Laute der heftigsten Entrüstung herüber. Sie verhinderten Elmenreich, seine eigene Entrüstung zu äußern; denn Dr. Kranich sagte lächelnd:

»Da drüben haben Sie ja Gesinnungsgenossen, Elmenreich. Wollen Sie nicht hinübergehen und mit den Hofräten heulen?«

Als man sich gesegnete Mahlzeit wünschte, fiel es auf, daß der Graf fehlte. Niemand hatte ihn fortgehen gesehen.

Er ist auch beim Abendessen noch nicht wiedererschienen.

Pipin: »Das wäre mein Ideal: ein Kreis hervorragend gescheiter Menschen, die so recht auf der Höhe der Kultur stehen, die alles begreifen, was in der Welt vorgeht und darüber gut zu reden wissen, so daß man die Empfindung hat, man lebt ganz im Zentrum, man lebt so reich und intensiv, als es zur Zeit möglich ist. Und mit solchen überlegenen, ausgezeichneten Menschen in einer wahren, lebenslänglichen Freundschaft verbunden zu sein -- sagen Sie, Herr Doktor, wäre das nicht ein himmlisches Glück?«

Elmenreich: »Puah! Lebenslängliche Freundschaft! Wie können Sie denn in Ihrem Alter noch so was erwarten! Lebenslängliche Freundschaft ist nur möglich unter Menschen, die stehen bleiben, also unter nicht modernen Menschen; denn das macht ja den modernen Menschen aus, daß er sich beständig wandelt. Und dann -- giebt es etwas Langweiligeres als lebenslängliche Freundschaft? Man kennt sich längst auswendig, man hat sich nichts Neues mehr zu sagen, keine Ueberraschungen mehr zu machen, keine Rätsel mehr aufzugeben! Man weiß schon im Vorhinein, was der werte Freund in jeder Lage denken und thun wird; so oft er zu reden anfängt, fragt man sich gähnend: Du lieber Gott, wird er denn sein ganzes Leben lang auf diese paar Gedanken reisen?«

Pipin, nach einer Pause schüchtern: »Aber weil wir schon bei diesem Gegenstande sind, Herr Doktor -- darf ich offen sprechen?«

Elmenreich unwirsch: »In Gottes Namen, wenn Sie wieder einmal etwas nicht bei sich behalten können.«

Pipin: »Ich verstehe nämlich nicht -- Sie werden freilich sagen, daß ich nicht alles zu verstehen brauche. Aber vielleicht ist Doktor Kranich falsch unterrichtet. Er behauptet nämlich --«

Elmenreich: »Gewöhnen Sie sich doch dieses schreckliche Nämlich ab, Pipin. Nämlich ist ein geradezu schwachsinniges Wort.«

Pipin errötet, faßt sich aber gleich wieder: »Danke; ich werde es mir abgewöhnen. Doktor Kranich also behauptet --«

Elmenreich: »Gehört Doktor Kranich zur Sache?«

Pipin bemerkt nicht, daß Elmenreich ausweichen will. Er fährt tapfer fort:

»Ei freilich! Er behauptet näm -- pardon, er behauptet, daß Sie vor einigen Jahren der beste Freund des Grafen waren, -- wie er sich ausdrückt: =frère et cochon= mit ihm. Ist das wahr?«

»Und wenn es wahr wäre?«

»Dann verstehe ich nicht -- Sie haben mir ja erlaubt, offen zu sprechen, Herr Doktor -- ich verstehe nicht, wie Sie jetzt so böse auf ihn sein können. Wenn man einmal eines Menschen Freund ist, muß man es doch bleiben!«

Elmenreich macht eine Bewegung ärgerlicher Ungeduld. Pipin aber läßt sich nicht einschüchtern.

»Ich bitte Sie, Herr Doktor, sagen Sie mir die Wahrheit! Die Sache beunruhigt mich auf das Tiefste. Sie sind doch beide so großartige, bedeutende Menschen! Wie herrlich müßte es sein, wenn Sie beide wieder vereinigt wären! Gäbe es denn kein Mittel?«

»Lassen Sie das, Pipin!«

»Ist es wirklich unmöglich? Können Sie mir nicht wenigstens den Grund sagen? Den Anlaß Ihres Zerwürfnisses? Vielleicht ist es ein bloßes Mißverständnis gewesen, das nur aufgeklärt zu werden braucht? Vielleicht, wenn Sie sich dazu bewegen ließen, mit mir darüber zu sprechen, könnte ich dem Grafen -- glauben Sie mir, Herr Doktor, ich würde nichts unversucht lassen! Ich würde alles -- sagen Sie doch ein Wort!«

Elmenreich schien durch Pipins Eifer gerührt. »Pipin, das verstehen Sie nicht« -- sagte er, aber in einem väterlichen Ton.

»Vielleicht doch! Versuchen Sie es wenigstens! Gott, wenn es mir gelänge, wenn -- wenn ich das bewirken könnte, ich wäre närrisch vor Freude!«

»Also da Sie es durchaus wissen wollen: es ist gar kein besonderer Anlaß gewesen, gar kein Zerwürfnis. Wir haben uns einfach auseinandergewandelt.«

»Auseinanderge -- was?« fragte Pipin.

»Auseinandergewandelt!« wiederholte Elmenreich mit Betonung. »Nun werden Sie wohl begreifen, daß da nichts zu machen ist.«

Pipin sah nicht sehr überzeugt aus. Er seufzte, wagte aber keine Frage mehr.

Abends nahm er Dr. Kranich beiseite. »Ich möchte Sie etwas fragen«, sagte er mit wichtiger Miene. Als ich mich entfernen wollte, hielt er mich zurück. »Oh, es ist kein Geheimnis, gnädige Frau; vielleicht können Sie mich aufklären, falls Doktor Kranich nicht wollte. Denn Doktor Kranich ist leider nicht geneigt, sein Wissen und Können in den Dienst anderer zu stellen. Denken Sie sich, neulich hat er gesagt, daß das »Humane« ein überwundener Standpunkt ist, von dem nur mehr Provinzschullehrer und gebildete Damen das Heil erwarten --«

»Ei Pipin, Sie fangen an, mich bei den gebildeten Damen zu denunzieren? Wollen Sie etwa mit der gnädigen Frau einen Wohlthätigkeitsverein für Arme im Geiste gründen?«

Ungehaltener, als ich ihn jemals gesehen, versetzte Pipin: »Ach bitte, lassen Sie doch die gnädige Frau aus dem Spiel! Ich wollte Sie ja nur fragen, weil Sie sich in allen modernen Fragen so gut auskennen, was denn das heißt: »sich einfach auseinander wandeln --?«

»Wo haben Sie denn das aufgeschnappt?«

»Ist das nicht alles eins?«

»Ich frage, wo Sie das aufgeschnappt haben?«

»Wenn ich es sagen muß: Doktor Elmenreich behauptete es von sich und dem Grafen. Er sagte wörtlich: »wir haben uns einfach auseinandergewandelt.«

Dr. Kranich lachte laut auf. »Na, dann zerbrechen Sie sich Ihr Köpfchen nicht darüber, Pipin. Das ist nur für die =upper ten thousand= des Geistes und nicht für Sie.«

* * *

(Aus einem Briefe.)

26. Juli 1893.

... Dir mehr über Pipin mitzuteilen? Wer Pipin ist? Aber es fällt doch niemandem ein, darnach zu fragen. Er ist da, das ist genug. Und namentlich ist er immer da, wenn etwas von ihm gebraucht wird. Jemand langweilt sich -- Pipin leiht ihm Bücher; jemand hat keinen Regenschirm -- Pipin bringt ihm den seinen; jemand macht eine Bergpartie -- Pipin versorgt ihn mit Bergstock und Landkarte; jemand hat sein Taschentuch vergessen -- Pipin zieht ein frisches aus der Tasche; jemand fürchtet, sich zu erkälten -- Pipin wickelt ihn in seinen Plaid; jemand hat sich in den Finger geschnitten -- Pipin klebt ihm englisches Pflaster auf; jemand fühlt sich schlecht -- Pipin hält ihm den Kopf. Was immer geschehen mag, Pipin wird um Hilfe gerufen; was immer fehlen mag, Pipin schafft es herbei. Es ist mit Sicherheit anzunehmen -- obwohl Pipin darüber die strengste Verschwiegenheit bewahrt -- daß er auch in hervorragendem Maße angepumpt wird. Denn Pipin ist eben so reich, als er gefällig ist.

Ein Umstand fällt mir auf, den ich mir nicht ganz erklären kann. Pipin wird von allen Gruppen dieser bunt zusammengewürfelten Gesellschaft, von den freien Geistern und höheren Menschen wie von den Würdenträgern und Titulaturgrößen bis herab zu jenen untergeordneten Elementen, die nach keiner Richtung qualifiziert sind -- belächelt. Jedermann nimmt seine Dienste als etwas Selbstverständliches an, und jedermann macht sich lustig über ihn, kaum daß er außer Hörweite ist.

Vielleicht liegt die Veranlassung dazu bloß in dem Namen Pipin, den er sich giebt, obwohl er eigentlich Josef heißt, mit der vorstadtmäßigen Variante Pepi. Wer die Idee hatte, diesen Pepi in einen Pipin zu verwandeln, ist nicht bekannt; aber Dr. Kranich war es, der den Namen Pipin mit dem schmückenden Beiwort »der Dumme« versah. Viele kennen seinen wirklichen Namen gar nicht; alle Welt nennt ihn einfach Pipin. Und nun heißt es Pipin hin, Pipin her; und wenn er den Rücken kehrt, verbreitet sich ein behagliches Schmunzeln, und das Wort »der Dumme« summt wie ein dumpfer Glockenton von allen den schmunzelnden Lippen.

Warum sollte ein Name nicht genügen, um einen Menschen in den Augen seiner Mitmenschen lächerlich erscheinen zu lassen? Aber es ist auch möglich, daß er sich durch etwas in seinem Benehmen lächerlich macht. Er ist immer voll Dienstfertigkeit und Aufmerksamkeit -- auch jenen gegenüber, die gewohnt sind, als etwas Nebensächliches und mit Geringschätzung behandelt zu werden. Nun nehmen sie an, daß Pipin tief unter ihnen stehe -- weshalb wäre er sonst voll Dienstfertigkeit und Aufmerksamkeit gegen sie? Und noch eine Eigenschaft hat Pipin, die geeignet ist, ihn in den Augen der »ernsthaften« Menschen herabzusetzen. Er bewundert alles. Immer ist er voll Staunen über irgend etwas. Die Natur, die Welt und die Menschen sind ihm ein Gegenstand unerschöpflicher Bewunderung. Dadurch erweckt er den Anschein der Inferiorität; denn die meisten befinden sich doch in einem Zustand beständigen Mißvergnügens, und es ist ihnen nichts recht zu machen. Sie sind Kritiker, nicht Bewunderer, und finden darin einen Beweis ihrer Ueberlegenheit über die Dinge und Menschen ...«

* * *

Mondaufgang am Seeufer. Staffage: Eugenie, Dr. Kranich, Elmenreich, Pipin, ich.

Dr. Kranich unterhält sich damit, in den öligen Wasserspiegel, dort, wo der Mond wie ein goldenes Wasserrosenblatt schwimmt, Steine zu werfen. Dann zerfällt der Mond in glitzernde Trümmer, hüpft unruhig über die Wellenkreise und sammelt mühsam wieder seine zerrissene Scheibe.

Eugenie steht mit Elmenreich abseits.

»Patsch!« sagt Dr. Kranich und stößt mit dem Fuß einen großen Stein ins Wasser. »Fräulein Eugenie, ich bemühe mich seit einem Jahrhundert vergeblich, Ihre gnädige Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Erbarmt Sie der arme Mond gar nicht, der da so gern ungestört auf dem Wasser liegen möchte und sich selber betrachten? Sie wissen doch, im Mond sitzt eine wunderschöne Fee, die sich wie alle schönen Frauen unersättlich in dem Spiegel schauen will --«

»Das hab' ich nie gehört«, versetzt Eugenie; »im Mond sollen zwei Liebende zu sehen sein, die sich küssen --«

»So weit versteigt sich meine Phantasie noch nicht! Ich weiß bis jetzt nur, daß diese wunderschöne Fee einsam in ihrem Nachen fährt und sich langweilt. Es fehlt ihr zwar nicht an Gesellschaft; ein ganzes Heer von Schwänen zieht hinter ihr drein, angelockt durch ihre märchenhafte Schönheit. Alle Arten von Schwänen sind darunter; feiste, solide, mit ernsthaften Absichten und kleinen beginnenden Glatzen hinten auf dem Kopf; und unglückliche magere, die bloß einen langen Hals und lange Zähne beim Anblick der Mondfee kriegen, weil sie keine fixe Stellung haben und nicht einmal noch Aussicht auf Quinquennalzulagen; junge Schwäne, ganz rosig wie Spanferkel vor Anbetung und Liebe, die mit einem schwärmerischen Augenaufschlag hinter den anderen herschwimmen und demütig warten, ob die Mondfee einmal bemerken wird, daß sie auf der Welt sind; und freche schwarze Schwäne, mit einem blutroten Ring auf dem Schnabel, die nach jedem hacken, der sich vordrängen will --«

Pipin ist begeistert. »Großartig«, ruft er und hustet vor übermäßigem Ergötzen, während Eugenie unbeweglich bleibt und nach Elmenreich sieht, was er für ein Gesicht macht.

»Und alle diese Schwäne singen unermüdlich die Mondfee an, jeder nach seiner Weise, die feisten soliden mit ehrbaren Annäherungsversuchen und notariell sichergestellten Lockrufen; die rosenroten jungen tragen ihr in gereimten Vierzeiligen Herz und Hand entgegen; die frechen schwarzen aber schreien nur siegesgewiß kuckuck, kuckuck --. Denn die schwarzen Schwäne, Fräulein Eugenie, sind von sonderbarer Abkunft. Es war einmal ein Kuckuck, der verliebte sich in eine große schwarze Amsel. Aber die Amsel wollte nichts wissen von seiner Liebe, weil der Kuckuck kein =épousseur= ist und bekanntlich kein Nest baut. Mit einem so liederlichen Vogel wollte sich die Amsel nicht einlassen. Da sagte der Kuckuck: O liebe Frau Amsel, wie könnt ihr doch einem Kuckuck mit solchen moralischen Bedenken kommen! Laßt das meine Sorge sein; wir Kuckucke brauchen ja gar kein Nest, wir legen unsere Eier nach gutem Kuckucksrecht in fremde Nester. Und als die Amsel das Kuckucksei gelegt hatte, trug es der Kuckuck in ein Schwanennest; dort brütete es der schneeweiße Schwan gewissenhaft aus. Es entstand zwar ein großes Schütteln des Kopfes in der Verwandtschaft über den unvermuteten schwarzen Sprößling; aber gutmütig, wie diese schneeweißen Vögel einmal sind, machten sie sich weiter keine Gedanken darüber.«

»Der Schluß ist schwach, mein lieber Arthur«, sagte Elmenreich; »es fehlt ihm die Pointe --«

»Und die Mondfee?« fragte Eugenie. »Kommt die Mondfee in der Geschichte nicht mehr vor?«

»Die Mondfee fährt in ihrem goldenen Nachen weiter, ungerührt und unergründlich, wie eine marmorne Sphinx --«

»Ich behaupte, die Mondfee ist in den fliegenden Holländer verliebt«, begann Elmenreich. »Sie hat sich's in den Kopf gesetzt, kein anderer als der fliegende Holländer soll es sein, so wundervoll romantisch, wie sie sich ihn vorstellt, melancholisch, weltschmerzlich, unbändig gescheit aber doch zugleich erlösungsbedürftig. Und wenn ein Schiff vorüber fährt mit einer dunklen Gestalt am Steuer, so erhebt sie ihre Sirenenstimme und streckt ihre weißen Hände dem Unbekannten entgegen. »Komm zu mir, ich will dich erlösen«, ruft sie ihm zu und winkt mit dem Taschentuch. Geschmeichelt hält der Unbekannte an, um in den goldenen Nachen einzusteigen.

»Ich kenne dich, du bist der fliegende Holländer«, sagt die Mondfee mit ihrer Sirenenstimme.

»Du lieber Gott, nein, ich bin ein ganz gewöhnlicher Sterblicher«, versetzt der Unbekannte enttäuscht.

Aber die Mondfee bleibt dabei, daß er der fliegende Holländer sei; »ich habe dich ja«, sagt sie und weist mit ihrem Lilienfinger ins Blaue, »ich habe dich ja auf jenem geheimnisvollen Schiffe gesehen, das dort in der Ferne segelt.« Denn das ist das Eigentümliche an dem fliegenden Holländer, daß er immer in der Ferne segelt und niemals von dem goldenen Nachen der Mondfee eingeholt wird. Der Unbekannte will der Sache auf den Grund kommen; er rudert aus Leibeskräften, bis er das spukhafte Schiff erreicht. Am Steuer sieht er eine vermummte Gestalt stehen; die fragt er beherzt: »Alle guten Geister loben Gott den Herrn -- wer bist du?« Da bewegt sich das Phantom -- und mit Staunen nimmt er wahr, daß er selber es ist, der dort am Steuer steht, aber in einem phantastischen Kostüme, mit Scharlachmantel und Barett und gestickten Königskronen an den Rockaufschlägen. »Wer ich bin?« antwortet der gespenstische Doppelgänger und wirft sich in die Brust. »Ich bin derjenige, den sich die Mondfee unter dir vorstellt --« und schwupps! ist er wieder unerreichbar weit weg.«

Dr. Kranich gähnt. »Das ist nichts für mich, dabei muß man sich etwas denken«, sagt er zu Eugenie; »dieser lasterhafte Elmenreich will einen immer zum Nachdenken verleiten --«

»Sind Sie etwa noch niemals mit Ihrem Phantom zusammengestoßen, Arthur? Es liegt doch etwas Furchtbares, fast Schauerliches in dem Gedanken, daß wir so wenig wissen, als was wir in dem Gehirn unserer Nebenmenschen existieren. Heften sich nicht an unsere einfachsten und flüchtigsten Worte unberechenbare Wirkungen? An Worte, die wir unbedacht hinaussprechen unter dem Einfluß einer vorübergehenden Stimmung? Und diese Worte werden in fremden Seelen eine Macht, über die wir selber keine Gewalt haben --«

Pipin, der indessen verschwunden war, kehrte jetzt zurück. Er hatte Eugeniens Jacke aus der Veranda geholt.

»Ihnen ist kalt, nicht wahr?« sagte er, während er ihr beim Anziehen behilflich war. »Ich habe gesehen, daß Sie auf einmal so blaß geworden sind --. Vor lauter Märchenerzählen hätten wir beinahe die arme Mondfee vergessen --!«

* * *

Pipin: »Ich möchte Sie gerne etwas fragen, lieber Doktor, darf ich?«

Elmenreich: »Schon wieder?«

Pipin: »Aber Sie müssen mir aufrichtig antworten --«

Elmenreich, zu mir gewendet: »Da hören Sie diesen Menschen! Aufrichtig antworten! Und das sagt er so leicht hin, als ob er da eine Kleinigkeit verlangte, etwas Selbstverständliches! Als ob Aufrichtigkeit nicht zu den schwierigsten und verantwortlichsten Dingen gehörte, die ein Mensch auf sich nehmen kann!«

Pipin: »Aber gehen Sie doch, Herr Doktor, Sie werden doch nicht auch anfangen, mich aufzuziehen?«

Elmenreich: »Ueberdies bin ich ein durchaus unaufrichtiger Mensch, Pipin; Aufrichtigkeit ist nicht meine Sache --«

Pipin, glühend: »Sie? Sie sind der ehrlichste Mensch unter der Sonne!«

Elmenreich: »Den aufrichtigen Menschen, die immer mit ihrer »Wahrheit« herausplatzen, fehlt einfach das geistige Schamgefühl, deshalb entblößen sie ihre Seele bei jeder Gelegenheit. Und sie muten es auch den anderen zu, die anständig genug sind, ihre Kleider anzubehalten. Zum Kuckuck, wissen denn diese Leute nicht, daß Kulturmenschen einander nicht ohne Widerwillen nackt sehen können?«

Pipin, ratlos: »Dann bitte ich um Verzeihung, Herr Doktor. Ich habe es aber wirklich nicht so gemeint. Ich sagte ja nur »aufrichtig«, weil ich -- je nun, sagen Sie selbst, was hat man denn von einem unaufrichtigen Urteil?«

Elmenreich: »Im Gegenteil: wer hat etwas von einer Aufrichtigkeit, die nicht schmeichelhaft für ihn ist? Der Mensch mit dem dämonischen Glauben an sich selbst verachtet den Tadel und haßt den Tadler; der Mensch aber, dem dieser Glaube fehlt, wird durch den Tadel entmutigt und ins Herz getroffen. Und wissen Sie, Pipin, da will ich noch lieber einen solchen wütenden Stier des Selbstbewußtseins wider mich aufgebracht haben, als eine solche arme Seele tiefer ins Fegefeuer des Zweifels hineinstoßen. Offen gestanden, es ist mir zu unbequem, eventuell einen solchen Zusammengefallenen mit gütlichen Argumenten aufrichten zu sollen, bis er wieder halbwegs allein stehen kann --.«

Pipin wußte sich nicht zu helfen. »Das habe ich wieder recht ungeschickt angefangen«, sagte er, während er aus Verzweiflung den Hut abnahm und sich den Kopf kratzte. Dann auf einmal lachte er erleichtert.