Part 4
Graf Hermosa: »Europa, das heißt, auf einem falschen Wege sein und doch immer weitergehen, totmüde und sterbenskrank, und halten ein Irrlicht für einen Leitstern. Europa, das ist nur ein mißratener Ableger von Asien. Asien ist den rechten Weg gegangen, und gekommen ans rechte Ziel. Welche Anmaßung, daß Europa sich aufspielt als moderne Menschheit! Und Grund, stolz zu sein, welchen? Besitzt denn die moderne Menschheit auch nur einen Tropfen Balsam zu gießen in eine verwundete Seele? Einen Tropfen Labsal den Dürstenden? Und was ist der Lärm, der aus dem Sumpfe schallt, anders als ein Schrei nach Erlösung? Alle die armen niedrigen Seelen, die aus dem Sumpfe ihre Stimme erheben, sie schreien vor Hunger, sie schreien nach dem Brote des ewigen Lebens, und es wird ihnen nicht gegeben. Denn die es geben sollten, sperren zu ihre Thüren, sitzen hinter geschlossenen Thüren allein, und welche von ihnen weinen, welche von ihnen lachen. Aber welche von ihnen wissen, daß sie ebenso bedürftig sind der Erlösung wie die armen Seelen im Sumpfe --«
Elmenreich stößt sein Glas zurück. Zu Dr. Kranich: »Na, hören Sie, Arthur, was haben Sie da für ein Zuckerwasser angemacht? Das ist ein Getränk zur Anfeuchtung für Nachmittagsprediger in einer Sonntagsschule. Geben Sie mir doch den Cognac herüber, sonst wird mir schlecht im Magen ...«
Elmenreich kam mit Eugenie den Promenadeweg herab. Sie waren in ein sehr lebhaftes Gespräch verwickelt. Ich wollte vorübergehen, aber Elmenreich hielt mich an.
»Gut, daß Sie kommen«, sagte er in einem sonderbar nervösen, gereizten Ton. »Vielleicht wird Fräulein Eugenie Ihnen eher Glauben schenken als mir. Bestätigen Sie ihr, was ich sage! Meine Worte machen keinen Eindruck; Fräulein Eugenie glaubt mich besser zu kennen als ich mich selbst. Sie lebt in dem Wahn, daß in mir was ganz besonderes steckt, daß ich im Geheimen ein ganz großartiger Mensch bin, nur so von außen voll Schlacken und unangenehmer Eigenschaften, die aber alle gleich abgestreift wären, wenn ich einmal in die rechten Hände käme --«
Das schöne Mädchen stand mit gesenkten Augen daneben und bohrte ihren Sonnenschirm in die schwarze Walderde. Ohne aufzublicken murmelte sie:
»Aber Herr Doktor! Das habe ich doch nie behauptet --«
»Nun ja, Sie sagen das freilich nicht so geradezu, aber ich errate es, ich lese es in Ihrer Miene, ich höre es aus dem Ton, in dem Sie mit mir sprechen. Und wenn Sie mich für einen unausstehlichen, unbrauchbaren, mißratenen Patron halten, so haben Sie ja recht tausendmal recht --«
»Aber wie können Sie nur --«
»Diese Prämisse ist völlig zutreffend und beweist Ihr gesundes Urteil. Nur die Schlußfolgerung, die Sie ziehen, gehört in das Gebiet jener Logik, wie sie den jungen Damen eigentümlich ist. Welche junge Dame glaubt nicht, daß es ein Zaubermittel giebt, durch das jede verfehlte, männliche Existenz zu kurieren wäre! Welche junge Dame glaubt nicht, daß sie die Mission hat, der rettende Engel irgend eines solchen verwunschenen Prinzen zu werden! Diese lieben kleinen Mädchen sind ja ganz charmante Wesen, das leugne ich nicht; aber sie denken eben, wenn sie einen Fingerhut voll Oel auf eine wilde See gießen, werden alle Stürme besänftigt und alle Wogen geglättet sein --«
»Es ist nicht schön von Ihnen, darüber zu spotten«, sagte Eugenie mit vibrierender Stimme.
»Ich bin weit entfernt davon, über diese holden Täuschungen der Mädchenintelligenz zu spotten. Aber Sie können es mir nicht übel nehmen, daß ich mich an meine eigene Lebenskenntnis halte. Wahrscheinlich besteht sie zwar gleichfalls aus Täuschungen, wenn auch aus weniger holden; nur werden Sie mich von meinen Täuschungen ebensowenig kurieren wie ich Sie von den Ihrigen. -- Nein, Fräulein Eugenie, glauben Sie mir, es giebt nichts Undankbareres als ein Rettungswerk an fertigen Leuten; dergleichen endet immer mit einer immensen Enttäuschung. Sie haben die Vorstellung, daß ich ein sogenanntes goldenes Herz in einer rauhen Schale bin; und Sie hören nicht auf mich, der ich doch zum Kuckuck besser wissen muß, was in mir steckt. Eine bittere Mandel, weiter nichts --«
Eugenie lächelte unmerklich. »Da Sie das selbst sagen, glaube ich es erst recht nicht. Damit beweisen Sie mir nur das Gegenteil.«
Und Elmenreich ereifert sich, macht sich mit Schwung herunter, erfinderisch in der Negation wie immer. Ja, eine bittere Mandel, eine taube Nuß, die außen vergoldet ist, nichts weiter. Wozu war denn ein solches Subjekt überhaupt auf der Welt? Einer von jenen Ueberflüssigen, von jenen Lebenszuschauern, die mit den Händen in den Hosentaschen daneben stehen, während sich die anderen im Schweiße ihres Angesichtes rackern. Die in ihrer Loge im ersten Rang sitzen und den Kämpfern in der Arena auf den Kopf spucken. Die selbst nie einen Finger rühren und immer besser wissen, wie es die anderen machen sollten. Ein Einäugiger, der sich unter den Blinden als König geberdet, weil er nicht bemerkt, daß die Blinden ihren Weg in der Finsternis finden, während er sich hundertmal verirrt; ein kalter Räsonneur, der sich überlegen fühlt, wenn er als Frost auf alle Blumen fällt, die so unvernünftig sind, zu blühen. Ein Pflastertreter der Geistigkeit, der überall hingekommen ist und nirgends etwas geleistet hat. Ein heulender Derwisch des Denkens, der sich ewig um sich selber dreht, in der Meinung, dadurch den Dingen auf den Grund zu kommen. Ein Baron Münchhausen der Erkenntnis, der sich an seinem eigenen Schopf aus dem Sumpfe ziehen will --
Eugenie lachte. Auch ihr Lachen ist leise und gemessen, fast nur die Andeutung eines Lachens. Ihr Gesicht verändert sich nicht dabei; sie öffnet nur ein wenig den Mund, so wenig, daß kaum der Rand ihrer Zähne sichtbar wird.
Dieses Lachen machte Elmenreich stutzig. Er hielt inne und sah befremdet auf.
»Da ist nichts zum Lachen«, sagte er finster. »Sie haben eben von solchen Zuständen keinen Begriff! Wenn Sie wüßten, wie einem solchen Menschen zu Mute ist, würden Sie nicht lachen.«
»Aber Herr Doktor, wenn jemand über sich selbst so lustig redet, kann es doch nicht gefährlich sein!«
»Lustig? Das kommt Ihnen lustig vor? Ich bin also für Sie eine Art trauriger Hanswurst, der umso komischer wirkt, je melancholischer er sich geberdet? Aber ich gestehe, Fräulein Eugenie, die Rolle des unfreiwilligen Komikers zu spielen, hab' ich nicht Lust. Das Leben hat mir zu wenig Humor dafür gelassen --«
Er war ernstlich böse.
Eugenie blickte ihn fassungslos an. Das Weinen schien ihr nahe zu sein.
»Nun weiß ich wirklich nicht mehr, was ich sagen soll! Ich kann es Ihnen nicht recht machen --«
»Ja, ich bin ein unleidlicher Patron, hab' ich es Ihnen nicht gesagt? Geben Sie mich auf, Fräulein Eugenie; wir werden uns nie verständigen. Mit solchen vertrackten Menschen wie ich ist nicht auszukommen, wie oft soll ich es denn wiederholen? Wollen Sie durchaus nicht hören?«
Sie legte schweigend ihre Hand mit dem Rücken an die Stirne und schloß die Augen. Ueber ihr marmornes Gesicht, dessen Linien so bedeutend sind, und das so wenig von dem verrät, was sich in der Tiefe dieser Seele abspielt, ging eine flüchtige Bewegung -- vielleicht Beschämung, vielleicht Enttäuschung, vielleicht nur Aerger.
Elmenreich sah diese Geberde. Und seine Haltung veränderte sich; er zog Eugeniens Hand von ihrer Stirne weg, schüttelte sie halb scherzhaft und halb leidenschaftlich und sagte mit einer Stimme, die nicht ohne Zärtlichkeit war:
»Gott bewahre, Gott bewahre! Wir werden uns doch dergleichen nicht zu Herzen nehmen! Es wäre ein Frevel an diesen himmlischen Augen, wenn sie durch Thränen getrübt werden sollten. Das möchte ich nicht verschuldet haben, nein, das nicht!«
Eugenie schlug die Augen auf. Sie waren trocken. Ein kühler, abweisender Blick fiel auf Elmenreich.
»Ich habe nicht geweint«, sagte sie stolz. »Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen.«
Da wurde auch Elmenreich sogleich wieder der Alte. Er versetzte kurz: »Desto besser«, und dann gingen beide verstimmt und schweigend nebeneinander her.
Am Ende des Promenadenweges lief uns Pipin entgegen. Er war ganz erhitzt und aufgeregt.
»Welches Glück ich habe!« rief er und schlug die Hände zusammen wie ein Kind. »Der liebe Gott meint es mit mir beinah so gut wie mit der gewissen Heiligen -- Sie werden ja wissen, wie sie heißt, Herr Doktor -- ich meine diese, Fräulein Eugenie, die sich mit einer Notlüge aus der Affaire zog. Eben habe ich mir Ihrem Herrn Papa gegenüber durch eine Notlüge geholfen -- und sieh da, es trifft alles ein!«
Eugenie erblaßte.
»Dem Papa gegenüber? Der Papa ist doch auf die Jagd gefahren? Ist er schon wieder zurück?«
»Es ist etwas dazwischen gekommen, ich weiß nicht was. Ich glaube, Fräulein Eugenie, es wäre gut -- vielleicht wären Sie geneigt, gleich nach Hause zu gehen. Er war ein wenig ungehalten darüber, daß Sie abwesend waren und Ihre Frau Mama allein -- oder vielmehr nicht allein, sondern ohne Sie. Da sagte ich -- verzeihen Sie, aber es schien mir in diesem Augenblick das Einfachste -- ich sagte auf gut Glück, daß Sie mit der gnädigen Frau zusammen spazieren gegangen sind: und siehe da, ich hab' es erraten!«
Eugenie runzelte die Augenbrauen und antwortete nichts. Sie beschleunigte aber ihren Schritt sofort.
Pipin hielt mich zurück; als ein genügender Zwischenraum zwischen den Vorangehenden und uns entstanden war, teilte er mir flüsternd mit, bei welchem peinlichen Auftritt er eben Zeuge gewesen sei. Er wollte versprochene Bücher bringen; beim Gartenthor traf er mit dem Oberst zusammen, der angeblich von einem vereitelten Jagdausflug zurückkehrte. Aber diesen Jagdausflug scheine er nur vorgeschützt zu haben, nur darauf angelegt, seine Frau unvermutet zu überfallen. Unglücklicherweise sei sie in der That mit dem betreffenden Herrn, der dem Oberst nicht passe, allein im Garten gewesen. Seine erste Frage war nach Eugenie; denn die Frau habe den strengen Befehl, die Tochter nie allein ausgehen zu lassen -- wahrscheinlich damit sie selbst nie unbeaufsichtigt bleibe. Und als es sich nun herausstellte, daß Eugenie nicht zu Hause sei, machte der Oberst eine unerhörte Szene, eine Szene, die jeder Beschreibung spotte. Er schimpfte und fluchte wie ein Hausknecht, ohne sich vor den unfreiwilligen Zeugen zu genieren. Die Frau aber blieb ihm nichts schuldig: und so wäre es fast zu Thätlichkeiten zwischen den beiden gekommen, wenn nicht schließlich die Zeugen sich ins Mittel gelegt hätten -- auf die Gefahr hin, von dem Wüterich hinausgeworfen zu werden. »Guter Gott, was für ein Daheim für dieses arme, schöne, edle Geschöpf! Wie schrecklich, diese Existenz zwischen einem rohen Vater und einer leichtsinnigen, ungebildeten Stiefmutter! Eine so herrliche Erscheinung in einer so gemeinen Umgebung! Wenn man sie daraus befreien könnte! Wenn man sie retten könnte!«
Pipin's unbedeutendes Gesicht wurde beinahe anziehend in dem Ausdruck der Empfindung, von der es bewegt war.
Nach einer Pause fuhr er nachdenklich fort:
»In diesem Punkte ist mir Elmenreich unbegreiflich. Wenn ich an seiner Stelle wäre -- es ist ja anmaßend und kindisch, sich so etwas vorzustellen, aber wenn ich an seiner Stelle wäre, ich würde -- lieber Gott! Ich glaube, ich würde vor Stolz und Glück den Verstand verlieren. Und ihn berührt es weiter gar nicht, er ist ewig verstimmt und schlecht aufgelegt Vielleicht bemerkt er es nicht einmal. Nein, wirklich, er ist mir unbegreiflich.«
* * *
(Aus einem Briefe.)
20. Juli 1893.
... Du hast wohl richtig geraten. Ich fühle selbst, daß ich mich Elmenreich gegenüber verändere. Dir kann ich es ja gestehen: ich fange an, nicht mehr ganz wie früher -- was nur? Während ich es nennen will, fehlt mir das Wort dafür. Nicht mehr ganz wie früher an ihn zu glauben? Aber er ist noch immer derselbe rechtschaffene Mensch, der Mensch des überlegenen Urteils, der unbestechlichen Selbsterkenntnis, der Mensch ohne Täuschung über sich und die anderen: kurz, noch immer alles, was ihn mir zu einer imponierenden und verehrungswürdigen Erscheinung gemacht hat. Nur scheint mir -- ganz im allgemeinen scheint mir in jeder Freundschaft der Augenblick bedenklich, in dem man die erste Schwäche entdeckt, die erste Unzulänglichkeit. Es ist eine entscheidende Wendung, wie die Wasserscheide auf einer Straße: von jetzt an geht es bergab. Unaufhaltsam! Unaufhaltsam, so gerne man oben bleiben möchte ...
Wie schwer ist es, einen Menschen in seiner Bedingtheit und Unvollkommenheit zu begreifen! Wir wollen immer etwas Ganzes und Fertiges, Helden oder Schurken, Engel oder Teufel. Daß der Mensch als etwas Halbes dazwischen steht, macht ihn unverständlich und ungenießbar.
Aber im besonderen brauchte das nicht zuzutreffen. Es ist doch gar nichts vorgefallen, gar kein greifbarer Anlaß eines Zerwürfnisses, einer Verstimmung. Nein, wirklich nicht das Geringste! Bloß, daß ich immer deutlicher die Empfindung habe, der Elmenreich, den wir vor drei Jahren kennen lernten, sei ein anderer Mensch gewesen als der Elmenreich von heute. Du wirst einwenden, daß sich ein Mensch nicht so rasch verändert, am allerwenigsten in Elmenreichs Alter. Immerhin gäbe es Erklärungsgründe. Es könnte ja der Einfluß des Grafen gewesen sein, der damals günstig auf ihn einwirkte. Nicht etwa, weil der Graf eine so ausgezeichnete Persönlichkeit ist, sondern weil Elmenreich ihn liebte, weil er ihn für eine hoffnungsvolle und vielversprechende Erscheinung hielt. Damals erwartete er doch große Dinge von ihm, wenn er das auch heute nicht mehr zugiebt. Und es muß zu seiner Verbitterung nicht wenig beitragen, daß der Graf einen so ganz anderen Weg eingeschlagen hat. Wie es auch sei: man reißt nicht eine Seele aus seinem Herzen, ohne daß tiefe Narben davon zurückbleiben -- --
Oder hätte nur ich mir ein Bild von Elmenreich gemacht, das nicht ganz zutrifft? Und ich wäre einfach im Begriff, die Fehler meines Bildes durch eine genauere Kenntnis zu korrigieren? Unlängst sagte er zu mir unter anderem: »Die Menschen glauben gewöhnlich das von einem, was man selbst über sich aussagt. Sie merken nie, was hinter diesen Aussagen steht, was man mit oder ohne Absicht verschweigt. Und dann erlebt man die merkwürdigsten Ueberraschungen, wenn man zufällig einmal erfährt, als was man in der Vorstellung seiner Nebenmenschen existiert.« Ich war ganz betroffen über diese Worte, denn ich hielt sie für eine Anspielung; aber als ich darauf eingehen wollte, sah ich sofort, daß sie nicht im Entferntesten auf mich gemünzt waren.
Ich habe angefangen, seine Gespräche aufzuschreiben. Dabei verhehle ich mir nicht, daß es ein schlechtes Zeichen ist, wenn man das Bedürfnis empfindet, die Aussprüche eines Freundes schwarz auf weiß zu besitzen ...
* * *
Graf Hermosa teilt die Menschen in drei Klassen: in Geistesmenschen, Naturmenschen und Maniermenschen.
Gestern erläuterte er dieses System vor einem gemischten Auditorium, nämlich vor Elmenreich, Pipin, dem Brunnhofer-Seppl und mir. Auf Grund vertrauter Mitteilungen, die nicht bekannt sind, scheint er den Brunnhofer-Seppl unter die Geistesmenschen zu rechnen, und behandelt ihn vollkommen als seinesgleichen.
Elmenreich und ich waren zufällig vorübergekommen. Kaum erblickte der Graf Elmenreich, als er seine Rede unterbrach und sich ihm in den Weg stellte.
»Ich erkläre; Pipin hat mich darum gebeten«, sagte er in einem demütigen Ton, als müßte er sich entschuldigen. »Pipin hat nicht verstanden; Pipin möchte wissen, wer hinter den verschlossenen Thüren sitzt, und wer aus dem Sumpfe schreit: Pipin hört zu und denkt nach, aber er versteht nicht, er ist noch ein Neophyt. Darf ich um die Ehre bitten, zwei Zuhörer mehr zu haben?«
Elmenreich verbeugte sich formell und blieb einen Augenblick stehen. Er musterte Pipin mit einem mißbilligenden Blick.
Der Graf fuhr in seinem Vortrag fort, mit seiner erloschenen Stimme, die sich kaum jemals über ein Flüstern erhebt in seiner andeutungsvollen, abgebrochenen Weise, die den Eindruck macht, daß er unaussprechliche Geheimnisse, etwas ganz Wunderbares und Unmitteilbares bei sich behält. Es kam mir vor, als rede er ausdrücklich für Elmenreich, als sei alles, was er sagte, an diesen gerichtet, obwohl er sich scheinbar nur an Pipin hielt.
Unter Maniermenschen verstand er die Philister, die Satten und Zufriedenen, die innerlich leer sind und sich deshalb mit konventionellen Begriffen ausfüllen, mit der Ehre, mit der Pflicht, mit der Moral. »Sie sind keine Menschen der inneren Wahrheit, sie sind Menschen der äußeren Manier. Der höhere Typus des Menschen lebt in einem anderen Elemente; er lebt nicht in der Zufriedenheit, sondern in der Sehnsucht. Die Sehnsucht ist der Weg der Erlösung. Der Einfältige, der arm an Geist ist, der Naturmensch, geht den Weg unwissentlich und blind, der Erleuchtete, der Geistesmensch, geht ihn mit Wissen und zielbewußt. Und welchen Weg er auch gehe, es ist für ihn nur ein Weg in jenes Reich, das unsichtbar ist den gemeinen Augen, aber ahnungsvoll gegenwärtig demjenigen, der von der =turris eburnea= der Eingeweihten die Welt schaut. Wie könnte es für diesen Schauenden noch Sünde geben? Welche That könnte er begehen, die nicht aus ihm selbst ihre Rechtfertigung empfinge? Kann daher der Geistesmensch nicht alles thun, was nach der Ansicht der Maniermenschen ein unauslöschliches Schandmal bildet? Alles -- wenn es für seine Seele der Weg der Entfaltung ist? Kann er nicht sein Ehrenwort brechen, nicht stehlen, rauben, morden -- und es wird für ihn nur eine Stufe sein --?«
Seine tiefen, brennenden Augen, unter denen violette Schatten liegen, hefteten sich auf Elmenreich. Es war eine flehentliche Frage in seinem Blick; und mit der südlichen Lebhaftigkeit seiner Geberden unterstrich er die eindringliche, verhaltene Leidenschaft dieser Frage. Er erhob seine beiden Hände gegen Elmenreich -- wunderbar gepflegte Hände mit schlankem weichen Fingern, auf denen in zahlreichen Ringen herrliche Juwelen funkeln.
Elmenreich stand mit der gleichgültigen und gelangweilten Miene eines Menschen da, der Gemeinplätze oder Phrasen anhören muß; der Brunnhofer Seppl hatte in seinem gebräunten Gesicht einen Ausdruck so düsteren Ernstes, daß man wohl vermuten konnte, er habe irgend eine Geistesmenschenthat auf dem Gewissen, über die er bisweilen maniermenschliche Regungen unangenehmer Art empfinde; Pipin aber starrte mit hochhinaufgezogenen Augenbrauen den Grafen an, sein Gesicht war ganz rot und ein banges Erstaunen malte sich in seinen Mienen. Der Atem schien ihm zu versagen; in der Stille, die entstanden war, schnappte er hörbar nach Luft.
Da wandte sich Elmenreich gegen den Grafen.
»Halten Sie ein, Graf«, sagte er spöttisch, »Sie stürzen diesen armen Neophyten zu früh in die Schrecknisse der letzten Grade.«
Der Graf warf den Kopf zurück und streifte Pipin mit einem ungnädigen Blick.
Und in einem Ton, der keine Widerrede gestattete, fügte Elmenreich hinzu: »Pipin, kommen Sie jetzt mit uns. Wenn Sie etwas nicht verstehen, können Sie ja mich fragen; ich werde Ihnen schon Auskunft geben.« Damit kehrte er dem Grafen den Rücken und setzte seinen Weg fort.
Pipin schloß sich ihm gehorsam an; aber er blieb in sich gekehrt und schweigsam.
Heute sagte er zu Elmenreich sehr vergnügt: »Ich glaube, ich weiß jetzt unter welche Gattung Menschen ich gehöre -- denn zu den Geistesmenschen darf ich mich nicht rechnen, und zu den Maniermenschen, offen gestanden, möcht' ich doch nicht gezählt werden --«
»Seien Sie nicht so albern, Pipin«, versetzte Elmenreich grob. »Sie werden doch diese Klassifikation nicht ernst nehmen?«
»Warum denn nicht?« antwortete Pipin unschuldig. »Ich finde sie großartig, das muß ich sagen. Und Sie, gnädige Frau?«
Aber Elmenreich ließ mir gar keine Zeit, mich zu äußern.
»Das hat Ihnen gerade noch gefehlt, Pipin, daß Sie sich solches Zeug in den Kopf setzen. Sie wären imstande, nächstens auf dem Promenadenweg dem Regierungsrat Müller die Geldbörse abzujagen, um sich vor dem Grafen als Geistesmensch zu legitimieren --«
»Ich habe doch eben erklärt, daß ich mir durchaus nicht anmaße, unter die Geistesmenschen gezählt zu werden --«
»Na, ein Geistesmensch sind Sie allerdings nicht, aber trotzdem ein Kerl, der mehr wert ist, als mancher andere. Sehen Sie denn nicht ein, daß alle willkürlichen Normierungen der Menschen keinen Schuß Pulver wert sind? Nichts als ein =jeu d' esprit= für solche Narren wie der Graf einer ist, und eine Leimrute für solche Narren, wie Sie einer sind --?«
Ich wendete ein, daß es doch ganz den Anschein gehabt hatte, als wolle der Graf nicht auf Pipin, sondern auf ihn Eindruck machen.
»Auf mich? Als ob ich diese Leier nicht längst auswendig kennte! Bei mir verfängt das nicht mehr. Uebrigens vielleicht -- vielleicht glaubt er, daß er damit noch etwas bei mir erreichen kann. Aber da täuscht er sich gründlich!« Und mit zunehmender Heftigkeit fuhr er fort:
»Ich werde Ihnen sagen, Pipin, unter welche Gattung Menschen er selber gehört. Lassen Sie sich nicht ein mit Leuten, die neue Klassen der Menschen kreieren, um sich selbst auf die oberste Stufe zu stellen, die sich als innerliche Kaiser und Könige aufspielen, weil sie keinen Platz im äußeren Leben ergattern können! Ich kenne sie, diese Ichprotzen, die aus der Kultur des Ich einen Kultus des Ich machen! Die selbstgefällig die Ausdünstungen ihrer angefaulten Seelen beschnuppern, um uns ihre Defekte als neue Seiten der menschlichen Natur aufzutischen! Diese =commis voyageurs= in geistigen Modewaren, die immer die Neuheit der Saison für eine erlösende Wahrheit ausgeben ... Je nachdem der Wind weht, hält man sich für einen Franz von Assisi, wenn man seine zerrütteten Nerven ein paar Wochen auf dem Lande ausruhen läßt, oder für einen Cäsar Borgia, wenn man seine Gymnasiastenstreiche zum Besten giebt; sie glauben schon, was Neronisches zu sein, wenn sie einen der Seitenwege einschlagen, auf denen die Instinkte niedergehender Kulturen lustwandeln --«
Ich machte einen Versuch, ihn zu unterbrechen:
»Aber hören Sie doch auf, Elmenreich! Wie paßt denn das auf den Grafen?«
»Was ihnen in die Hände fällt, wird zur Karikatur, die Ausschweifung und das Empfindungsraffinement, die brutale wie die sentimentale Pose. Sie können keine ihrer erbärmlichen Liebesaffairen erzählen, ohne Gott, Welt, Menschheit hineinzupfuschen. Und wenn sie sich mit Weibern oder Comestibeln überladen haben, fangen sie an, von ihrem Erlösungsbedürfnis zu reden. Sie behängen sich mit tiefen Erkenntnissen, wie Maulesel mit Schellen und glauben etwas für die Unsterblichkeit zu thun, wenn sie in allen Gassen damit herumläuten, bis die anständigen Leute Fenster und Thüren zuschlagen und alle tiefen Erkenntnisse zum Henker wünschen --«
Da leuchtete mir ein, daß hier nicht eine Beobachtung, sondern eine Leidenschaft Ausdruck suchte. Ich erinnerte mich an das, was Dr. Kranich neulich über Elmenreichs Verbitterung gesagt hat:
»Er bekommt seine ersten grauen Haare; bekanntlich aber hassen die Menschen von Vierzig nichts auf der Welt so sehr als die Menschen von Zwanzig.« Und mit einem Lächeln, unter dem seine blendenden Zähne so lieblich glänzten, als könnten nur gütige und milde Worte zwischen ihnen durchgleiten, hatte er geschlossen:
»Ueberdies posiert der gute Elmenreich mit seiner Galle. Galle ist ein wohlfeiles Surrogat für Tiefe. Und was gäbe er nicht darum, wenn er selber ein »tiefer« Mensch wäre!«
* * *
Ein Meteor ist aufgestiegen, das alle anwesenden höheren Menschen zu verdunkeln drohte. Zum Glück verschwand es alsbald wieder und ließ nur eine vorübergehende Sensation wie einen flüchtigen Feuerschweif hinter sich.
Beim Mittagstisch in der großen Veranda.