Pipin: Ein Sommererlebnis

Part 3

Chapter 33,548 wordsPublic domain

... Wie könnte es anders bei einem Menschen aussehen, der nichts von alledem erreicht hat, was ihm in den Jahren der Hoffnung erstrebenswert schien! Der hundert Anläufe genommen hat und immer auf halbem Wege stehen geblieben ist, weil er an dem Werte des Erstrebten irre wurde. Ja, da liegt's! Nicht irre werden, weder an sich, noch an der »Sache« -- das ist die große Tugend, die alle Einseitigkeit, alle Anmaßung, alle Prahlerei der Thatmenschen aufwiegt!«

Das Gesicht des schönen Mädchens blieb unbeweglich wie eine Maske. Nichts in ihren Mienen ließ darauf schließen, daß sie Anteil nahm. Möglicherweise ist es nur diese Unbeweglichkeit ihrer Züge, die ihr etwas Kaltes giebt, etwas Verstecktes und Abweisendes.

Mich aber verdroß es, daß Elmenreich so mit ihr redete. Hatte ich nicht gedacht, daß es besondere Augenblicke sind, in denen seine leidende Seele ihr Schweigen bricht und ihre geheimste Qual offenbart --? Es giebt Dinge, die nur groß sind, solange sie unausgesprochen bleiben. Vielleicht kann man sie einmal im Leben mitteilen, in einer einzigen und unvergleichlichen Stunde, die den Zauber der Stimmung mit sich bringt, jenes geheimnisvolle Medium, in dem allein die Seele einer anderen Seele begegnen kann -- --

Und nun vernahm ich die Worte wieder, die einstmals in einer solchen Stunde gesprochen worden sind. Diesmal aber machten sie einen anderen Eindruck auf mich. Lag es an mir, lag es an der Umgebung? Die jungen Damen kicherten, die alten Herren gähnten, und nebenan wurde der Pagat ultimo angesagt.

Als Elmenreich schwieg, sagte Eugenie: »Wie ich Sie beneide um Ihre großen Reisen! Nichts Herrlicheres kann ich mir vorstellen, als --«

»Um meine großen Reisen? Wieso?«

»Nun ja, Sie sagten doch eben, Sie kennen die ganze Welt? Das wäre mein sehnlichster Wunsch! Ich möchte das ganze Jahr auf Reisen sein, im Winter an der Riviera oder in Kairo, im Sommer in der Schweiz oder in Norwegen, und ich würde nicht müde und schwindlig werden. Man braucht doch in der Welt nur Geld zu haben, dann stehen einem alle Herrlichkeiten offen. Wenn ich denke, daß es soviel Sehenswertes giebt, und ich soll es vielleicht nie kennen lernen --! Ach, nur fort, nur fort!«

Dann, als hätte sie schon zuviel gesagt, verstummte sie jählings, und hörte wieder unbeweglich zu, während Elmenreich eine große Rede über das Lästige und Banale der Vergnügungsreisen hielt.

Später kam jemand von einem Nachbartisch herüber.

»Können Sie vielleicht Auskunft geben, Herr Doktor«, sagte er zu Elmenreich mit Gelächter, »wo steckt denn Pipin? Es ist schon ein allgemeines Fragen um ihn. Die jungen Damen möchten gerne Kirschen haben; da könnte doch Pipin geschwind einmal in den Markt laufen.«

Er lachte laut.

Eugenie sah den Lachenden von oben herab an.

»Pipin ist in den Markt gegangen, um etwas aus der Apotheke zu holen«, sagte sie kühl. »Die Mama hat ihn darum gebeten; sie ist heute nicht ganz wohl.«

Der Lachende entschuldigte sich und ging an seinen Tisch zurück. Dort entstand eine große Heiterkeit; der Umstand, daß Pipin im Regen herumlaufen mußte, schien eine unwiderstehliche Komik zu haben.

* * *

Ein grelles, kreischendes Lachen nähert sich. Es ist die Dame mit dem bunten Blumenhut, die so lacht, und ihr Begleiter, der sie so unterhält, ist einer der anwesenden Würdenträger. Daneben geht Eugenie, stumm, unbeweglich, mit einem lässigen, müden Schritt, und einem Gesicht, das so teilnahmslos ist, als höre sie einem Gespräch in einer fremden Sprache zu.

Als sie schon fast vorüber war, erblickte sie mich. Sie grüßte, zögerte einen Augenblick lang unschlüssig und kam dann auf mich zu.

»Ich bin so müde«, sagte sie. »Würden Sie mir erlauben, daß ich mich einen Augenblick neben Sie setze?« Und in einem trockenen, herrischen Ton gegen ihre Begleiterin gewendet: »Ich bleibe hier, ich bin zu müde, um weiter mitzugehen.«

Die Dame rief über die Achsel ein »Thu, was du willst« her und entfernte sich mit dem amüsanten Würdenträger.

Nach einigen Umschweifen kam Eugenie alsbald auf Elmenreich zu sprechen.

»Was für ein interessanter und ungewöhnlicher Mensch! Er ist ganz anders als die anderen, viel gescheiter, viel überlegener. Durch nichts läßt er sich imponieren; er durchschaut alles. Und er hat etwas so Melancholisches, das ist so interessant. Gewiß hat er viel Unglück erlebt! Hat er nicht? Sie kennen ihn ja schon lange, gnädige Frau?«

Und während ich versuchte, auf dieses offen zur Schau getragene Interesse für Elmenreich einzugehen, empfand ich deutlicher als je, wie wenig ich ihn kenne. Ich kenne alle seine Anschauungen und Meinungen -- aber ihn selbst? Sein Leben? Er hat mir zwar viel von seinem Leben erzählt -- aber wieviel kann ein Mensch beim besten Willen davon erzählen? Oder gäbe es in Elmenreichs Leben thatsächlich keine Erlebnisse, sondern nur Meinungen und Anschauungen? Nur intellektuelle Begebenheiten?

Und doch schien in der Vorstellung, daß er einen ungewöhnlichen Reichtum von Erlebnissen hinter sich habe, unzählige wunderbare Abenteuer, die Anziehungskraft zu bestehen, die er auf Eugenie ausübte. Seine Art und Weise, sich ablehnend, unerbittlich, steifnackig gegen alle Anerbietungen der Außenwelt zu verhalten, deutete sie als Wirkung einer unvergleichlichen Erfahrenheit und Ueberlegenheit; und es war unschwer zu erkennen, daß der Gedanke, diese vermeintlich so hochfahrende, unbeugsame Seele zu besiegen, einen eigenen Zauber für sie besaß. Besonders, da diese Ueberlegenheit gepaart war mit einem geheimnisvollen Gram. Irgend ein großes Unglück mußte in seinem Leben geschehen sein, davon war sie unerschütterlich überzeugt. Seine Weltverachtung konnte nur durch ungeheure Schicksalsschläge hervorgebracht sein, durch etwas ganz Furchtbares und Gewaltsames. Als Erklärung dafür schien sie die Schändlichkeiten eines weiblichen Wesens zu bevorzugen; am liebsten hätte sie die Geschichte eines frevelhaften Treubruches gehört. So durchdrungen war sie davon, daß sie mich ungläubig anlächelte, als ich sagte, daß es in Elmenreichs Leben keine harten Schicksalsschläge gebe, daß ihn vielmehr das Glück in allen Stücken begünstigt habe. Es sei bloß eine düstere Grundstimmung seines eigenen Innern, an der er leide, ein Hang seines Wesens zu Mißmut und -- ich wollte sagen Lebensüberdruß, aber ich brachte dieses Wort nicht über die Lippen. Kann man das innerste Geheimnis eines Menschen mit einer landläufigen Marke stempeln und auf eine Nachfrage hin preisgeben?

Da Eugenie dieses Stocken bemerkte, sagte sie:

»Oh, ich weiß, das sind Dinge, die man nicht mitteilen kann. Aber nichtwahr, diese düstere Grundstimmung hat ihre Ursachen? Sie können es mir unbesorgt anvertrauen, gnädige Frau, ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich es nicht weiter erzählen werde. Aber ich möchte so gerne -- glauben Sie nicht auch, daß er noch glücklich werden könnte? Sie sagen ja selbst, daß das Glück ihn im übrigen besonders begünstigt hat. In äußerlichen Dingen liegt also die Veranlassung zu seinem Unglück nicht? Hat er denn überhaupt irgend einen Beruf?«

»Er ist Advokat, aber er übt seine Praxis nicht aus --«

»Warum nicht?«

»Er findet, daß man als Advokat zu sehr in die Erbärmlichkeit der Durchschnittsmenschen hineinverstrickt wird --«

»Er ist also nicht darauf angewiesen, einen Beruf auszuüben?«

»Er ist völlig unabhängig.«

»Der Glückliche! Und doch ist er so unzufrieden? Nein, nein, dafür muß es einen Grund geben! Ein reicher, unabhängiger Mensch kann doch sonst nicht so unzufrieden sein!«

Und davon war sie durchaus nicht abzubringen. Eine düstere Grundstimmung ohne äußere Veranlassung konnte sie als zureichende Erklärung nicht gelten lassen.

Daß ich zu keinerlei weiteren Mitteilungen zu bewegen war, schien sie bloß als Unaufrichtigkeit auszulegen, oder als Unfreundlichkeit. Sie fiel mit einem Male in ihre kühle, statuenhafte Haltung zurück, blieb noch einige Minuten schweigend neben mir sitzen und empfahl sich dann mit einer konventionellen Entschuldigung, daß sie gestört habe.

* * *

(Aus einem Briefe.)

10. Juli 1893.

... Man kann unmöglich gleichgiltig ihr gegenüber bleiben. Ihr Blick allein macht betroffen. Er hat etwas Suchendes, Fragendes, Saugendes; er bleibt hängen an demjenigen, auf den er sich heftet, wenn sie vorübergeht. Und goldene Funken glühen in diesen Augen wie vom Reflexe ihrer blonden Haare, die sich kräuseln, ringeln, locken in einem unentwirrbaren Spiele, um sich über ihrem Nacken zu einem glänzenden Knoten zu schlingen. In ihrem höchst regelmäßigen Gesicht herrscht für gewöhnlich jene Miene hoheitsvoller Unnahbarkeit, in die ein Zug resignierter Schwermut gemischt ist, als trauere sie beständig darüber, daß die Welt so häßlich und so gemein ist. Du wirst diese Miene schon bei schönen Frauen gesehen haben. Es liegt viele Kunst und die Kultur von Jahrhunderten darin: sie soll den Eindruck hervorbringen, daß nichts Gewöhnliches, geschweige etwas Niedriges ihrer Trägerin nahe kommen könne. Und jede Bewegung, die ganze Haltung ist auf die gleiche Tonart gestimmt. Die Geberden dieser jungen Dame haben etwas vornehm Ansichgehaltenes, ein wohlabgewogenes Maß, das die Vorstellung erweckt, daß es in keinerlei Umständen durch gemeine Hast oder elementare Heftigkeit zu stören wäre. Und unter diesen fürstlichen Allüren der Schönheit verbirgt sich ihr Wesen undurchdringlich wie unter einem kostbaren Goldbrokat, dessen großlinige Falten nichts von der Gestalt verraten, die ihn trägt.

Ihr Vater hat vor kurzem zum zweitenmal geheiratet -- seine frühere Wirtschafterin, sagt man. Eine sehr hübsche, sehr herausfordernde, sehr energische Frau und in allen Stücken das Gegenteil ihrer Stieftochter. Keine vornehmen Manieren, keine damenhafte Würde, sondern sehr lärmend und sehr ungeniert. Niemand weiß etwas Näheres über dieses Familienleben, aber jedermann errät, daß es zum mindesten für die Tochter kein angenehmes sein kann. Daß sie sich nie beklagt, erhöht die Sympathie, die sie besitzt. »Sie sollte heiraten, das wäre das Beste für sie«, sagen die ganz Wohlwollenden. Aber die Weltkundigen versetzen: »Zum Heiraten gehört wie zum Kriegführen vor allen Dingen -- Geld.« Noch andere ziehen die Augenbrauen hinauf und ergänzen: »Und um ruhig an der Seite einer so schönen Frau zu leben, muß man entweder ein Tyrann sein oder -- ein Esel.«

Bei dieser Gelegenheit habe ich auch einige gemeinnützige Betrachtungen über die soziale Mission der Schönheit gehört. »So schöne Frauen dürften von Rechtswegen nicht einem einzigen gehören. Wozu hätte die Natur ihnen sonst die fabelhafte Anziehungskraft verliehen, mit der sie alle männlichen Wesen an sich locken --? In der Oekonomie der Natur ist solchen schönen Frauen eine andere Rolle zugedacht als sich die bürgerliche Moral träumen läßt.«

Es war Dr. Kranich, der diesen Kommentar zur Oekonomie der Natur in Dingen der weiblichen Schönheit gab ...

* * *

(Aus einem Briefe.)

12. Juli 1893.

... Außer diesen gehört noch der Graf zu unserer Tischgesellschaft. Ich bilde mir ein, es liegt immer eine Spannung in der Luft wie vor einem Gewitter. Aber die Luft bleibt trotzdem ruhig und kühl. Elmenreich wird schweigsam, sobald der Graf kommt; unausgesprochene Glossen auf den Lippen und versteckte Bosheiten in den Augenwinkeln sitzt er da, und spielt mit seinem Barte; wenn er etwas zu sagen hat, wendet er sich an Pipin oder an mich. Mit Dr. Kranich ist er kurzangebunden, mit Pipin grob, mit den Kellnern übellaunig, mit dem Grafen aber höflich. Er sieht ihn nie an; geschieht es, daß der Graf eine Bemerkung an ihn richtet, die er nicht überhören kann, so antwortet er auf das Tischtuch hin.

Die Art des Grafen kennst du ja. Er hat hier wieder einen Freundschaftsbund geschlossen. Sein gegenwärtiger Intimus ist der Brunnhofer Seppl, ein handfester junger Bursche, der als Bergführer, Gepäcksträger, Ruderknecht, Bote und dergleichen im Hotel beschäftigt wird. Er gehört unter die sogenannten schönen Männer; und es scheint, er weicht auch im Punkte seiner intellektuellen Fähigkeiten nicht von jener Regel ab, nach welcher die Natur in ihrer haushälterischen Weise die körperlichen Vorzüge an den geistigen abzuziehen pflegt. Der Graf verbringt fast den ganzen Tag in seiner Gesellschaft; häufig sieht man beide in der größten Sonnenhitze auf der staubigen Fahrstraße, den Brunnhofer Seppl mit einem Pack auf dem Rücken, den Grafen mit einem Päckchen auf dem Arm, das er ihm zur Erleichterung abgenommen hat.

Dieses Verhältnis erregt hier kein geringes Aergernis, wie du dir denken kannst. Unter den Hof- und Regierungsräten hat der Graf ohnedies wegen seiner bunten Schärpe heftige Feinde; diese Schärpe wirkt auf sie wie jenes rote Tuch, das bei den spanischen Stierkämpfen eine bekannte Rolle spielt. Und sie ergreifen jeden Anlaß, um ihrer Erbitterung über ihn Luft zu machen. Einer von ihnen sagte zu mir: »Da kann man sehen, wie weit es mit den Aristokraten schon gekommen ist! Sie sind gar nicht mehr fähig für den Umgang mit gebildeten Menschen.«

Dr. Kranich hingegen behauptet, der Graf habe dieses Freundschaftsbündnis eigens zu dem Zwecke begonnen »=pour épater les bourgeois=.« Und diese verrückten Spaziergänge in der Sonnenhitze unternehme er nur, um seinem gebleichten Gesicht wieder ein wenig »spanische Patina« zu geben. Denn seine spanische Abkunft, die ihm ein so interessantes Relief verleiht, sei sehr fragwürdiger Natur; sein Vater habe eine getaufte Jüdin aus Brünn geheiratet um sich »auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege« aus seinen finanziellen Kalamitäten zu ziehen. -- Es ist nicht gut, dem schwarzen Panther in die Klauen zu fallen!

Der neue Freund hat aber den alten nicht aus dem Herzen des Grafen verdrängt, ich wette darauf. Seine brennenden Augen gehen noch immer unter halbgeschlossenen Lidern ruhelos herum, bis sie sich plötzlich auf Elmenreich wie auf ein langgesuchtes Ziel richten, mit einem unverständlichen Ausdruck, vielleicht vorwurfsvoll, vielleicht hochmütig herausfordernd. Aber sobald Elmenreich eine Bewegung mit den Brauen macht, als wolle er ohne aufzuschauen diese Blicke von sich abschütteln, ergreifen sie die Flucht, und die langen, bläulichen Lider verschleiern eilends ihr Geheimnis.

Im übrigen benützt der Graf jede Gelegenheit zu kleinen Anknüpfungen mit Elmenreich; er reicht ihm das Salzfaß, die Wasserflasche, den Brotteller, er hebt ihm die Serviette auf, die Elmenreich ein paarmal während jeder Mahlzeit verliert und unter Fluchen auf dem Boden sucht. Man kann dann wohl bemerken, daß er unablässig mit ihm beschäftigt ist, wenn er scheinbar nicht auf ihn achtet. Oft antwortet er auf ein Wort Elmenreichs früher als derjenige, an den es gerichtet war; und während er die ganze Welt mit einer zerstreuten und nachlässigen Geringschätzung überhört und übersieht, hat er immer Aug' und Ohr für alles, was von Elmenreich kommt.

Aber Elmenreich verharrt unstörbar in seiner ablehnenden Kälte; selbst Dr. Kranich, der mit lächelnder Schadenfreude zwischen ihm und dem Grafen stichelt, vermag nicht, ihn zu beirren. Nur unmerklich, gewiß sehr wider seinen Willen, klingen Untertöne in seiner Stimme mit, die auf Uneingestandenes schließen lassen, auf Erschütterungen in der Tiefe. Es ist wie ein Erdbeben, das in einem leisen Zittern bis an die Oberfläche gelangt. Man horcht auf, man stutzt -- doch man kann nicht unterscheiden, ob dieses Erzittern wirklich von einem Erdbeben kommt, oder ob bloß der gewöhnliche Tageslärm vorübergehend stärker an den Mauern rüttelt.

Abends ist die Temperatur um einen Grad wärmer. Und je weiter die Zeit fortschreitet, desto mehr scheinen sich die Grenzen zu verwischen. Die Geister phosphoreszieren in ihrer beständigen Reibung, es funkelt von Schwerthieben und Degenstichen, Pfeile fliegen nach verborgenen Zielen, es wird beständig ins Blaue geschossen -- »gilt es mir oder gilt es dir?« Aber alle diese Brandraketen gehen unschädlich vorüber. Keiner der Getroffenen meldet sich; denn keiner will der Getroffene sein.

Oder ist es der Alkohol, der die Schärfe der Gegensätze in eine angenehme Wolke einhüllt? Wenn das Bier zu Ende geht und der Weinkeller geschlossen wird, braut Dr. Kranich amerikanische Getränke. Cognac, Rum, Slibowitz, was nur immer an Spirituosen aufzutreiben ist, verarbeitet er je nach der Witterung mit Eis oder mit kochendem Wasser; die letzten Zitronen des Hauses werden ausgepreßt, das letzte Stück Zucker, das die Wirtschafterin vorgegeben hat, muß ausrücken. Es wird spät und immer später; die Kellner lehnen herum und gähnen laut; einer nach dem anderen verschwindet, eine Lampe nach der anderen erlischt, und Pipin, der Zuhörer, macht krampfhafte Anstrengungen, seine lichtblauen Augen offen zu halten.

Um Mitternacht, wenn ich aufbreche, begleitet er mich bis zum Hause; diese Gelegenheit benützt er, um gleichfalls Reißaus zu nehmen. Wann die anderen zu Bett gehen, gehört in das Gebiet der Legende. Der einzige überlebende Kellner vertritt allerdings stets die Ansicht, daß es »nicht sehr spät« war; aber es ist anzunehmen, daß dieses kellnerische Zeitmaß durch die Höhe des Trinkgeldes bestimmt wird. Wenigstens bemerke ich, daß Pipin beim Fortgehen dem Kellner immer etwas in die Hand drückt, worauf dieser auffallend erfrischt mit einer tiefen Verbeugung die Thür hinter uns schließt ...

* * *

Fragmente der Abendgespräche.

Dr. Kranich: »Etwas Neues, etwas Neues! Nur das Neue hat hinreißende Gewalt, nur das Neue begeistert, entzündet die Herzen, erweckt Stärke, Kampfbereitschaft, Siegesgewißheit --«

Elmenreich: »Oder auch das Alte, das für etwas Neues gehalten wird -- was auf eins herauskommt. Man kann sagen, daß die Enkel immer den Geschmack und die Gedanken aus der Jugend ihrer Großväter für etwas Neues und Niedagewesenes halten. Nichtsdestoweniger betrachtet jede Generation die Anschauungen, die sie propagiert, als die alleinseligmachenden, als einen ungeheuren und epochalen Fortschritt. Und die jungen Menschen sind so kampfbereit und siegesgewiß, weil sie in aller Borniertheit glauben, daß sie das »Neue« erfunden haben, daß sie die »erste Generation« sind, daß mit ihnen die bessere Zukunft anbricht. Kann man aber dieses ganze Treiben noch ernst nehmen, wenn man einmal erlebt hat, wie die nächste Generation mit Lärm und Geschrei als Heilslehre gerade das Gegenteil von dem verkündet, was die frühere mit Lärm und Geschrei auf den Altar gehoben hat --?«

Dr. Kranich: »Elmenreich, Sie reden, wie das Alter eben daherredet. Denn genau in dem Augenblick, als man einsieht, daß das Neue eigentlich etwas Altes und Längstdagewesenes ist, wird man aus einem jungen ein alter Mensch. Jugend ist Illusionsfähigkeit -- nichts weiter als das. Der alte Mensch kommt vermöge seiner Einsicht in ein ganz falsches Verhältnis zu den Illusionen; er greift alle diese lieben Seifenblasen mit seinen harten, knochigen Fingern an und fühlt sich überlegen, wenn sie zerplatzen. Er weiß nicht, dieser Einsichtsvolle, daß der junge Mensch die Welt mit wunderbaren, wenn auch vergänglichen Gebilden bereichert, während er selbst nichts in der Hand behält als einen schmutzigen Tropfen.«

*

Dr. Kranich: »Die Wilden könnten in manchen Punkten unsere Lehrmeister sein. Welche geniale Idee, =for instance=, die Alten und Schwachen, die jede Gemeinschaft als unnötiger Ballast beschweren, =sans façons= über Bord zu werfen! Indessen wir Kulturmenschen herumgehen und den besten Teil unserer Jugend daran wenden müssen, uns die Alten vom Leibe zu halten. Und obendrein diese philanthropischen Veranstaltungen, alle schwachen, kränklichen, verpfuschten Exemplare der Gattung sorgfältig aufzupäppeln, damit sie am Leben bleiben und sich ungehindert vermehren können!«

Elmenreich: »Ich dachte, Sie wären gegenwärtig für die »schönen Gefühle«, Arthur? Aber Sie verstehen wohl die schönen Gefühle der Hottentotten darunter?«

Dr. Kranich, lächelnd: »Täglich, wenn ich mein Morgengebet verrichte, sage ich: Lieber Gott, nimm die Alten, Schwachen und Kranken zu dir; sie passen ja doch besser in den Himmel als auf die Erde! Denn Sie wissen, Elmenreich, ich glaube an Gott. Allerdings an einen Gott der Starken, Mächtigen und Gesunden. Daher fordern meine religiösen Gefühle, daß die Starken und Gesunden ganz nach Herzenslust darauf los leben und dafür sorgen sollen, daß sie sich vermehren und zahlreich werden wie der Sand am Meer.«

*

Elmenreich: »Diese Todeszuckungen der europäischen Kultur, die wir für die Wehen einer neuen Daseinsform halten, dieser allgemeine Zerfall, den wir als die Heraufkunft der freien Individualitäten betrachten! Fäulnis, nichts als Fäulnis! Der Zersetzungsprozeß der bestehenden Gesellschaftsordnung. Ein stinkender Sumpf, aus dem ein ungeheures Quacken schallt. Und alle diese Frösche, sie wollen sich »entwickeln«, sie wollen Evolution, Kulturfortschritt, Uebermenschentum. Deshalb sitzen sie im Sumpf und quacken.«

Pipin, sehr schüchtern: »Aber eine Hoffnung, einen Wunsch nach dem Höheren muß man doch haben! Irgend etwas! Ein Ziel, eine Richtung!«

Elmenreich: »O ja, natürlich haben wir ein Ziel, natürlich haben wir eine Richtung! Wir haben unseren Standpunkt, unsere Weltanschauung. Jeder seine eigene für sich. Denn wir sind Einzelne, wir sind Eigene, wir sind souveräne Individuen, nur sich selbst gleiche. Wir sind freie Herren unseres eigenen Willens. Nur allein das Leben gehorcht uns nicht, das widerspenstige, eigensinnige, gemeine Leben, in dem das Gesetz der Trägheit und das Gesetz der Schwere regiert -- und noch einige andere Gesetze, die wir nicht beachten oder nicht kennen. Es schreitet über uns hinweg, es läßt uns beiseite, es übersieht uns; wir stehen irgendwo im Winkel, unthätige Zuschauer, verlassen von allen Lebensmächten, deren Herren wir nicht sind --«

Graf Hermosa: »Ja, das Leben ist ein wirrer Traum, fühlen wir nicht zuweilen so deutlich? Ist uns nicht, wir müssen erwachen, wir sind dem Erwachen ganz nahe? Wie Engelsflügel es umweht uns und hebt uns in heiligen Ahnungen aufwärts, zu bewegen scheint sich der Schleier, der das Jenseits verhüllt -- aber wieder die bleierne Dumpfheit des Schlafes zieht uns herab, und wir träumen weiter in Angst und Not und Qual, allein in der Finsternis, ohnmächtig, gelähmt, hilflos, währenddem der schauerliche Spuk des Lebens tobt durch unsere Adern ...«

Der Graf seufzt laut -- etwas zu laut für eine von Affektation völlig freie Gemütsbewegung. Niemand antwortet. Dr. Kranich raucht seine Cigarette mit dem Behagen eines Menschen, dessen Lebensschlaf von jedem Alpdruck verschont ist; Elmenreich trinkt sein Glas leer und sagt dann zu Pipin:

»Aber lassen Sie sich nur nicht verleiten, einen Stein auf das zu werfen, was trotz alledem das beste Eigentum des Menschen ist. Weil es etwas Gewordenes, etwas Werdendes ist und nichts Vollendetes, ist es deshalb weniger ehrwürdig, weniger wertvoll? Es geht dem Gedanken selbst wie allen Genies: er wird verläumdet, beschimpft, gesteinigt von denen, die seine Mission in der Welt nicht begreifen. Leute, die in den Kellern des Gefühles herumlungern und ihren Haschischrausch für höhere Eingebungen halten, sind ja gar nicht imstande, die herrliche Helligkeit des Bewußtseins zu schätzen. Sie reden von den Offenbarungen der Nacht, weil in der Nacht die Sterne sichtbar werden, und sie bemerken nicht, daß sie dafür die ganze unerschöpfliche Pracht des Tages in den Kauf geben, diese Lichtscheuen, Lichtmüden, diese Nachteulen des Geistes, die immer dann ausfliegen, wenn der Abend einer Kultur zu dämmern beginnt« ...

*

Eine Viertelstunde später. Dr. Kranich beschreibt die Andachtsübungen und Riten einiger freireligiösen amerikanischen Sekten. Elmenreich findet, daß man als Europäer noch immer einen Vorsprung besitzt vor diesen amerikanischen Versuchen, sich mit dem Welträtsel auseinanderzusetzen.