Part 2
Und daß ich hier ohne dich ausharren muß, macht das Gefühl des Verbanntseins noch lebhafter. Ohne dich nimmt das Leben für mich eine seltsame Kälte und Fremdheit an; es ist, als ob es alle Wärme und alles Licht von dir empfinge. Die Menschen und Dinge gleiten an mir vorbei, aber sie nähern sich mir nicht. Und so werde ich hier allein herumgehen und darüber nachdenken, wie öde die Welt ist ohne diese göttliche Zuflucht einer geliebten Seele. Ich werde allein herumgehen unter lauter Fremden, die da neben mir hinleben mit undurchdringlichen Stirnen wie mit geschlossenen Visieren, gleichgültig, höflich, nur mit sich selbst beschäftigt --.
Aber du hast recht: ich bin undankbar. Ich vergesse, daß Elmenreich da ist.
Ja, Elmenreich ist da. Er erwartete mich auf dem Bahnhof, als ich ankam; er hatte ein Bouquet Alpenrosen mitgebracht, um es mir zu überreichen. Ich glaube, daß er sich sogar über meine Ankunft freute. Und das Gesicht eines Freundes an einem fremden Orte ist auf alle Fälle ein lieber Empfang. Aber -- je nun, Elmenreich ist der Mensch des Aber. Ich glaube fast, daß er es gewesen ist, der mich auf den Gedanken an die undurchdringlichen Stirnen und die geschlossenen Visiere brachte. Das scheint ihm gegenüber nicht am Platze zu sein; redet er denn nicht so viel, teilt er nicht alles mit, was ihm durch den Kopf geht --? Aber gerade sein vieles Reden macht ihn unerkennbar, kommt mir vor. Zum mindesten erscheint er mir in dieser fremden Umgebung nicht wie ein Altbekannter, wie ein Freund. Ich weiß nicht, warum: ich hatte auf einmal den Eindruck, als sei er ein anderer. Bei uns zu Hause, auf seinem gewohnten Platz, mit uns allein, ist er mir etwas Vertrautes, zu uns Gehöriges gewesen; hier fühlte ich plötzlich, wie wenig man einen Menschen kennt, den man immer nur in _einer_ Situation gesehen hat ...
* * *
Elmenreich begleitet mich auf meinem vorgeschriebenen Morgenspaziergang, obwohl er selbst nicht zum Kurgebrauch hier ist. Ich verstehe nicht ganz, warum er sich hier aufhält. Hört man ihn, so gewinnt man den Eindruck, daß ihm hier nichts behagt, am wenigsten die vielen Menschen, mit denen er fortwährend in Berührung kommt.
»Fremde Menschen -- was für eine Plage! Sich selbst wieder in Szene setzen müssen! Sich aufspielen müssen vor diesen gleichgültigen Augen, deren Blick immer an der Oberfläche haften bleibt! Und dazu das Befremden über das wunderliche Wesen, das aus der stillen Intimität des eigenen Innern herausgestiegen kommt! Wie angenehm haben es doch die Leute, die sich immer so wohl fühlen in der eigenen Haut, daß sie niemals auf den Gedanken kommen, was für ein erstaunliches und rätselhaftes Ding dieses Ich im Grunde doch ist, dieses Ich, das da in unserem Körper agiert wie ein schlechter Schauspieler. Zu denken, daß es Menschen giebt, die noch nicht auseinandergefallen sind in Zuschauer und Schauspieler! Die immer ganz bei sich zu Hause sind, sich ganz identifizieren mit dem =Spiritus familiaris=, der die Maschine in Bewegung setzt. Weiß der Teufel: was mich betrifft, mein Zuschauer zischt seinen Schauspieler gewöhnlich aus. Er ist gewöhnlich nicht erbaut über das Auftreten dieses mittelmäßigen Künstlers. Und doch ergreift er, wenn's darauf ankommt, für ihn Partei gegen das Publikum in der Außenwelt, das ihn aus der Stimmung bringt. Uff! Wenn der Mechanismus des Innenlebens so kompliziert geworden ist, sollte man sich nicht mehr den Berührungen aussetzen, die mit der Geselligkeit verbunden sind. Man erleidet zu viele Störungen. Und man braucht einen unverhältnismäßigen Aufwand von Kraft, um sich wieder ins Gleichgewicht zu setzen ...«
Wir waren eine Stunde oder länger auf einem einsamen Waldweg gegangen; als wir auf den Promenadeweg einlenkten, kamen gerade die Kurgäste von ihrer Morgentour zurück. Es wimmelte nur so von Menschen. Und Elmenreich kannte jedermann, begrüßte jedermann, blieb mit jedermann fünf Minuten beisammen stehen.
»Diese vielen Begegnungen sind Ihnen gewiß lästig«, sagte ich. »Könnten wir nicht einen anderen Weg einschlagen?«
Man braucht hier bloß hundert Schritt abseits zu gehen, auf einen der Wege, die der Verschönerungsverein nicht in Stand hält, und man ist ganz allein.
Aber Elmenreich überhörte meine Bemerkung. Er schien sich in dieser Gesellschaft ganz wohl zu fühlen.
»Nur eines bitt' ich Sie, Elmenreich: stellen Sie mir nicht alle Ihre hiesigen Bekannten vor, wenn wir ihnen begegnen!«
»Das geht doch nicht anders«, antwortet er erstaunt. »Was würden sonst die Leute denken?«
»Nun, Sie könnten ja Ihren Bekannten nachträglich sagen, daß ich menschenscheu bin oder dergleichen --«
Das versetzte ihn in Heiterkeit:
»Sie und menschenscheu! Niemand paßt besser für den Umgang mit Menschen als Sie! Sie besitzen die Gabe des Zuhörens -- und im Grunde verlangt jeder zu allererst von seinen Mitmenschen, daß sie hören, was er zu sagen hat. Jeder will selber reden, keiner will zuhören. Deshalb ist ein aufmerksamer und teilnahmsvoller Zuhörer der geeignetste Gesellschafter. In diesem Punkte werden Sie nur von einer einzigen Person übertroffen, die ich kenne, und das ist Pipin.«
»Pipin? Wer ist Pipin?«
»Pipin -- mna, Pipin ist Pipin. Gegenwärtig befindet er sich auf einer Bergtour mit Dr. Kranich. Wenn er zurückkommt, werde ich ihn Ihnen vorstellen -- außer Sie bestehen darauf, daß ich Sie mit niemandem mehr bekannt mache --?«
* * *
Sonntag.
Die Messe war aus. Ein Strom von Menschen ergoß sich ins Freie, Einheimische und Sommergäste durcheinander. Unter diesen größtenteils Damen, aber auch eine kleine Anzahl älterer Herren.
Elmenreich lehnte sich an das eiserne Geländer, das die Umgebung der Kirche von der höhergelegenen Fahrstraße trennt, und sah hinunter.
»Da kommen sie alle, die Sonntagsreiter des Glaubens«, sagte er verächtlich, »alle, die sich's mit dem lieben Gott nicht verderben wollen, für den Fall, daß er wider Erwarten doch da sein sollte. So machen sie ihm jeden Sonntag wenigstens eine Anstandsvisite, wenn sie sich schon die übrige Woche nicht um ihn kümmern. Mich wundert nur, daß diese Männer sich nicht schämen, mitten unter den Weibern einherzumarschieren --«
Da sagte hinter uns eine helle, übermütige Stimme in einem spöttisch wohlwollenden Ton: »Warum wundern Sie sich darüber, Elmenreich? In Amerika ist das nichts Ungewöhnliches. Dort gehört das Kirchengehen durchaus nicht bloß zum =cant= der Frauen.«
Als ich mich umwandte, sah ich zwei Reihen wundervoller weißer Zähne, die aus einem lachenden Mund blendend hervorblitzten. Diese Zähne beherrschten das ganze Gesicht; ich hatte fürs erste keinen anderen Eindruck als ein phänomenales Gebiß.
Elmenreich sagte halb über die Achsel: »Haben es denn dort die Leute auch notwendig?«
»Warum haben es die Leute hier notwendig, nach Ihrer Meinung?« versetzte das phänomenale Gebiß.
»Nun, es giebt bei uns gewisse Esel, die eine Löwenhaut tragen, und es daher als ihre Pflicht betrachten, »mit gutem Beispiel voranzugehen«, oder auch Wölfe, die es für ihr weiteres Fortkommen zuträglich halten, wenn sie sich einen Schafpelz umhängen, oder auch Schweine, die sich in den Geruch der Frömmigkeit bringen wollen, um sich für höherstehende Nasen angenehm zu parfümieren --«
»Gott wie witzig! Strengen Sie sich nicht so an, Elmenreich! Sie leben noch in dem Glauben, daß der höhere Mensch geistreich sein muß. Wissen Sie nicht, daß der Witz längst aus der Mode ist? Daß es nichts Altmodischeres giebt als das Geistreichsein?«
»Wodurch zeichnet sich denn gegenwärtig der höhere Mensch aus -- nach Ihrer Meinung?«
»Durch sein Herz!«
Elmenreich wandte sich mit einem Ruck nach dem phänomenalen Gebiß um. »Wie? Durch sein Herz? Was ist das Neues? Seit wann sind Sie auf das Herz verfallen?«
»Ich suche nur mehr Menschen von Herz. Gedanken sind überflüssig und unangenehm; Gefühl ist das Einzige, was das Leben erträglich macht. Ich bin für die schönen Gefühle; alles andere lehne ich gegenwärtig ab.«
Elmenreich lachte höhnisch und sagte zu mir gewendet laut: »Dieser Doktor Kranich hat immer geniale Einfälle! Es ist ja unendlich wohlfeiler, auf Gefühle zu posieren als auf Gedanken. Gedanken muß man mindestens irgendwo gelesen haben, während man Gefühle ohne weiteres aus Eigenem bestreiten kann --«
Obwohl Dr. Kranich hierauf ein jauchzendes Lachen ausstieß und sich vor Vergnügen auf den Zehenspitzen schaukelte, fand ich es nicht ganz behaglich, so als Schallwand für Elmenreichs Glossen zu dienen.
»Das ist Dr. Kranich?« fragte ich, um das Gespräch abzubrechen. »Da muß also auch Pipin wieder hier sein?«
»Oh meine Gnädigste -- =I beg your pardon=, Elmenreich hätte mich wohl vorstellen können --«
»Die gnädige Frau ist menschenscheu, man darf ihr niemanden vorstellen«, brummte Elmenreich.
Daraufhin blieb mir nichts übrig, als in Dr. Kranichs Gelächter einzustimmen. Ich bemerkte, daß über seinen herrlichen Zähnen zwei schwarze, stechende Augen funkelten, die durchaus nicht mitlachten.
»Was aber Pipin betrifft, meine Gnädigste, so muß ich bemerken, daß wir beide keineswegs =inséparables= sind, wie Sie anzunehmen scheinen --«
»Na, lieber Arthur, wenn Sie wirklich die Menschen nach dem Herzen taxieren, dann können Sie sich nur eine Ehre daraus machen, mit Pipin in einem Atem genannt zu werden.«
Dr. Kranich jauchzte wieder laut auf.
»Unbezahlbar, dieser Elmenreich!« sagte er wie überwältigt vor Vergnügen. »Ist er nicht amüsant, gnädige Frau? Was für eine himmlische Grobheit! Darin ist er unübertrefflich, unnachahmlich! Ich kenne auf beiden Hemisphären keinen Menschen, der ihm darin gleich käme. Aber Sie haben recht, Elmenreich: ich sollte in Pipins Gesellschaft mein Herz zu bilden suchen. Und ich will gleich den Anfang damit machen.«
Er lüftete den Hut und schwang sich mit behenden Sätzen die Stufen hinab, die zur Kirche führten. Etwas Mutwilliges, Selbstbewußtes, Ueberlegenes war in seinen Bewegungen, wie er so hinuntersprang. Seine Gestalt war schlank und biegsam; der schwarzblaue Stoff seiner enganliegenden Kniehosen zeichnete in knappen Falten langgestreckte, elegante Glieder. Er erinnerte an eine jener königlichen Katzen des Südens, die eben so schön sind als gefährlich, an einen schwarzen Panther, der wohl gezähmt ist, vor dem man aber doch auf der Hut bleiben muß.
Unter der Kirchenthür erschienen eben so ziemlich als die Letzten eine auffallend schöne junge Dame und an ihrer Seite ein unbedeutend aussehender, ganz junger Mann, mit einem blonden Backenbärtchen, das wie der Flaum eines eben ausgekrochenen Küchleins war. Hinter ihnen tauchte noch eine Uniform mit goldenem Kragen und ein bunter Blumenhut von ansehnlichem Umfang auf.
Elmenreich wandte sich ab. »Gehen wir, bevor sich diese ganze Gesellschaft uns an die Fersen hängt«, sagte er finster.
* * *
(Aus einem Briefe.)
6. Juli 1893.
... Es ist wirklich etwas Unsympathisches in dieser Gegend. Lauter Veduten. Man kann keine halbe Stunde unterwegs sein, ohne daß man auf einen »Punkt« gerät. Und dann steht immer in breitspuriger Gegenständlichkeit ein mehr oder weniger schneebedeckter Berg da, der nichts neben sich aufkommen läßt. Die Natur hat hier ihre Ruhe und Unbefangenheit verloren. Sie gewährt der Seele keinen Raum. Sie ist keine Zuhörerin, sie will immer selber reden. Noch mehr, sie will immer angestaunt werden. Und sie ist durch den Menschen noch ausdrücklich hergerichtet für das Angestauntwerden.
Es giebt hier schauerliche Felsenkessel, in denen verwitterte Trümmer übereinandergehäuft sind, ungeheure Wände, die senkrecht herabstürzen, furchtbare Schluchten, wo eisgrüne Wässer in der Tiefe brausen -- aber alle diese Schrecknisse sind unschädlich gemacht durch Geländer, Stege, Brücken, Wegweiser. Man glaubt sich in einer weltverlorenen Einsamkeit, aber plötzlich erblickt man eine Bank mit der unvermeidlichen Inschrift: »errichtet vom Verschönerungsverein«. Das erweckt eine verdrießliche Vorstellung, als wäre einem immer jemand auf den Fersen, als gäbe es keine Stelle mehr, wo man wirklich mit sich allein sein kann.
Und dazu die Kurgäste, diese Parasiten der Natur! Sie stören und verderben sie, sie gehören nicht zu ihr. Der Stil einer Landschaft ist vernichtet, wo die erste Villa steht. Die Villa, das ist die architektonische Verkündigung eines platten und stimmungslosen Lebens, in dem das Vergnügen die Herrschaft führt. Man braucht bloß eine Villa und ein Bauernhaus zu vergleichen, um als Mensch der Stadt etwas wie Beschämung vor den Bauern zu empfinden. Ihnen hat die Natur ihren Ernst und ihre Einfalt aufgeprägt, die harte Selbstverständlichkeit mit der sich das Leben vollzieht. Sie haben noch Stil in ihrer Erscheinung wie in ihren Wohnstätten; man sieht ihnen an, sie leben mit der Natur in einer wirklichen Ehe, die nicht zum Vergnügen der Einzelnen gemacht ist, die man nicht aufheben kann, sobald die Zeiten schlecht werden, in jener strengen und unauflöslichen Ehe, bei der es um Leben und Tod geht, in der man ausharren muß, auch wenn der unerbittliche furchtbare Winter anbricht.
Abseits von allen Punkten und Veduten habe ich eine Stelle gefunden, die nur mir allein bekannt ist -- außer den Einheimischen, die nicht zählen. Kein Promenadenweg führt hin, keine Marke bezeichnet die Richtung. Es ist eine Wiese tief im Wald; ringsherum sieht man nur die schwarzen Wipfel der Fichten und darüber den Himmel. Kein Berg, keine Felsenzacken, nichts, was sich aufdrängt, was mitreden will. Eine kleine Blockhütte, in der ein Rest vergilbten Heues vom vorigen Jahre liegt, steht auf der Wiese und am Waldrand gegenüber eine helle, hohe Buche. Mitten unter lauter Fichten eine einzige Buche. Zu ihren Füßen liegt ein großer grauer Stein. Jemand, der lange tot ist, hat einmal die Buche zu dem großen grauen Stein gepflanzt. Aus irgend einem Grunde, den niemand mehr weiß. Aber die Buche und der Stein denken in der Stille daran. Ich liebe die Buche und den grauen Stein wie gute Gefährten, die stumm bleiben, wenn sie sehen, daß man seinen Gedanken nachhängen will ...
* * *
Seit sechsunddreißig Stunden gießt es in Strömen. Das Thermometer zeigt sieben Grad Reaumur. Es ist um elf Uhr vormittags so finster in dem langen Speisesaal, daß die Petroleumlampen angezündet werden müssen. Nun herrscht ein peinliches Zwielicht; alle diese gelangweilten Gesichter sind halb blau, halb gelb, sie werden aber nicht interessanter dadurch. Noch weniger die weiblichen Handarbeiten, die das Regenwetter aus Koffern, Schachteln und Körben herausgetrieben hat. Eine ganze Armee von Kreuzelstichen ist längs den Tischen aufgepflanzt; sie eröffnen eine beängstigende Perspektive auf bürgerliche Wohnungen mit Schutzdecken und Tischläufern und Salongarnituren samt den dazu gehörigen Kaffeegesellschaften und Visiten.
Ein Aechzen und Stöhnen der Langeweile kommt von allen Tischen, an denen nicht Karten gespielt wird.
Elmenreich: »Da sitzen wir also einmal in den Wolken! Aber die Wolken sind Gegenden, die man nur aus der Ferne genießen kann ... Hol mich Gott! Auch die Menschen gehören zu jenen Gegenden, die man nur aus der Ferne genießen kann. Giebt es etwas Deprimierenderes als zweihundert Menschen auf einem Fleck beisammen? Nicht ohne Grund sind alle großen Menschenfreunde, die Heiligen, Propheten und Erlöser, in die Wüste gegangen. Hätten sie denn nicht zusammengesperrt mit zweihundert Exemplaren der Spezies Mensch, alle Neigung zu ihrem Werke verlieren müssen?«
Am Tische nebenan sitzen zwei ältere Herren.
»Ich muß sagen, ich schlafe hier wie eine Kanone. Von zehn bis sieben in einem Zug ohne Aufwachen --«
»Bei mir will es noch immer nicht kommen. Alle zwei Stunden bin ich wach, und von vier Uhr ab geht es überhaupt nicht mehr --«
»Und dieser Appetit! Ich kann meinen Kaffee schon beim Aufstehen kaum erwarten.«
»Das könnte ich leider nicht behaupten. Und gar heute! Ich glaube, der Kalbsbraten mit Rahmsauce gestern abends hat mir geschadet. Solche Gasthaussaucen sind immer verdächtig.«
»Ja, man hat gleich einen verdorbenen Magen!«
»Und ich besonders. Ich vertrage nun einmal keine Veränderung in meiner gewohnten Kost.«
»Wissen Sie, was ich mache, wenn ich einen verdorbenen Magen habe?«
»O da habe ich auch ein ausgezeichnetes Mittel --«
Elmenreich stand geräuschvoll auf und stieß seinen Stuhl zurück. »Jetzt kommen die Hausmittel an die Reihe. Da will ich doch lieber einen Spaziergang im Regen machen. Gehen Sie mit, Arthur?«
Dr. Kranich rauchte friedlich seine Zigarette daneben: »Warum denn? Diese lieben kleinen Philistergespräche sind doch so nett. Man denkt dabei so angenehm an nichts. Sie haben etwas Stimmungsvolles wie die Erinnerungen an die Kindheit; sie bleiben sich immer gleich wie alle guten Dinge auf der Welt.«
»Doktor Kranich, Panegyriker der Idiotik! Aber das ist Geschmackssache. Ganz wie Sie wollen; ich gehe.«
An der Thür begegnete er zwei Ankommenden. Es war das schöne Mädchen und die Uniform mit dem goldenen Kragen. Als diese Beiden herankamen, stieß der Besitzer des verdorbenen Magens einen Ruf der Erleichterung aus.
»Ah, da sind Sie endlich, Herr Oberst! Wir warten schon mit Schmerzen auf Sie. Bei diesem verzweifelten Wetter weiß man ja gar nicht, wie man die Zeit totschlagen soll, wenn man nicht seine Partie Tarock hat.«
Der Oberst grüßte ziemlich unterthänig; er gestand nach gewissenhafter Vergleichung der Taschenuhren eine Verspätung von zehn Minuten zu und entschuldigte sich umständlich. Eugenie habe durchaus mitgehen wollen; aber Frauenzimmer und Pünktlichkeit --! Deshalb sollte ein Soldat von Rechtswegen niemals heiraten; eine Frau und eine erwachsene Tochter, das belade einen Soldaten mit zu vielen weiblichen Ansprüchen --
Er schien unversehens die Tarockpartie mit einer Schlacht zu verwechseln und redete sich in Eifer.
Der Besitzer des verdorbenen Magens wandte sich mit einem galanten Lächeln gegen die Tochter. Einer so schönen Sünderin sei ja doch im Voraus alles verziehen; wer würde da nicht sofort die Waffen strecken --?
Dame Eugenie stand unnahbar; sie antwortete weder auf die Vorwürfe, noch auf das Kompliment mit der geringsten Veränderung ihrer Miene.
Indessen legte sich Dr. Kranich ins Mittel und nahm dem ungestümen Soldaten die weitere Sorge für seine weibliche Bürde ab, indem er ihr, nicht ohne korrekt um meine Erlaubnis gebeten zu haben, einen Platz an unserem Tische anbot. Und dann begann er mit ihr ein Gespräch über Toiletten und Frisuren, in Ausdrücken und Wendungen, als ob er selbst eine Dame oder ein Schneider wäre. Er kritisierte ihren Anzug vom Kopf bis zu den Füßen, lobte und tadelte mit Kennermiene. Durch eine geschickte Handbewegung lüpfte er sogar den Saum ihres Rockes, um die »=dessous=« zu prüfen.
Sie ließ alles gleichgiltig geschehen. Mit gesenkten Augen gab sie kurze einsilbige Antworten; wenn sie ihre Augenlider einmal aufschlug -- langsam und müde, als ob das Gewicht dieser dunklen, langen Wimpern nicht zu heben wäre -- so that sie es, um einen Blick in die Richtung der Eingangsthüre zu werfen. Sie schien zerstreut und unruhig; sie hörte nur mit halbem Ohre zu, kam mir vor.
Es konnte noch keine Viertelstunde vergangen sein, als sich die Thür öffnete und Elmenreich wieder eintrat.
»Unerträglich, dieses Wetter«, sagte er und schüttelte die Tropfen von seinem Wettermantel. »Keine Möglichkeit, eine Viertelstunde Luft zu schnappen, ohne bis auf die Haut durchnäßt zu werden.«
Dr. Kranich befühlte angelegentlich den Wettermantel. Na, das sei aber doch nicht der Rede wert! Elmenreich scheine noch keine ernsthaften Strapazen mitgemacht zu haben, wenn er über ein bißchen Feuchtigkeit schon außer Rand und Band komme --
Ja, ja, er wisse schon, am Ohio und Mississipi sei der Regen viel nässer als in Europa --
»Sehen Sie nur, Fräulein Eugenie: Dieser Mensch sagt viel lieber mir eine Bosheit, als Ihnen ein Kompliment. Elmenreich, das ist kein schöner Charakterzug von Ihnen. Gestehen Sie doch ohne schäbige Ausreden, warum Sie so rasch wieder zurückgekommen sind.«
Aber Elmenreich wurde gleich sehr übellaunig. Er verbat sich trocken solche »geschmacklose Bemerkungen«, setzte sich halb abgewendet an den Tisch und versank in Schweigen.
Auch Eugenie war mit Elmenreichs Erscheinen vollkommen stumm geworden.
Dr. Kranich machte einige Versuche, unbefangen sein Gespräch fortzusetzen; zuletzt sagte er mit einem sonderbaren Lächeln:
»Ich sehe, Elmenreich, Sie sind entschlossen, mich wegzuschweigen. Sie haben mit Fräulein Eugenie Dinge zu reden, bei denen ich überflüssig bin. Nun denn, als großmütiger Rivale räume ich freiwillig das Feld. Kann man ethischer handeln?«
Elmenreich erblaßte vor Aerger, Eugenie errötete. Lachend entfernte sich Dr. Kranich und gesellte sich zu einer Gesellschaft am anderen Ende des Saales.
»Ich -- ich fürchte mich beinahe vor Dr. Kranich«, flüsterte Eugenie mit einem Blick auf Elmenreich. »Er thut und sagt immer gerade dasjenige, womit er jemandem am meisten Aerger oder Verlegenheit bereiten kann.«
»Das fehlte noch, daß die jungen Damen anfangen, sich vor ihm zu fürchten«, versetzte Elmenreich aufgebracht. »Machen Sie ihm um Himmels willen nicht das Vergnügen, sich durch ihn in Verlegenheit setzen zu lassen!«
»Und doch machen Sie ihm das Vergnügen, sich über ihn zu ärgern!«
»Fällt mir nicht ein. Was er sagt, ist mir so gleichgiltig, wie wenn ein Hahn kräht oder ein Hund bellt.«
»Also dann -- was ist dann schuld, daß Sie so verstimmt sind, Herr Doktor?«
»Ich bin nicht verstimmt.«
»Und vorgestern -- vorgestern haben Sie auch die Flucht ergriffen, als Sie uns aus der Kirche kommen sahen!«
»Ach Gott, ich tauge nicht für Gesellschaft. Sie waren ohnedies umringt genug --«
»Es ist doch nicht alles eins, von wem man umringt ist --!«
Elmenreich machte eine skeptische Miene.
»Ich bin kein passender Umgang für junge Damen. Sie sind an Huldigungen gewöhnt, Fräulein Eugenie, und Sie haben ein Recht, sie zu beanspruchen. Aber dazu tauge ich nicht.«
»Habe ich denn Huldigungen von Ihnen beansprucht?«
»Ein Mensch wie ich kann Sie ja nur langweilen. Ich habe schon zu vieles erlebt; da verändert sich die Perspektive des Lebens. Sie sehen lauter aufsteigende Linien, Linien, die in die Zukunft führen; ich sehe fast nur mehr die absteigenden Linien der Vergangenheit.«
»Erzählen Sie mir davon, von Ihren Erlebnissen, wollen Sie nicht?«
»Erlebnisse! Da stellen Sie sich auch etwas wer weiß wie Interessantes vor, etwas Spannendes, Romanhaftes, Wunderbares. Aber das Leben ist kein interessanter Roman, weiß Gott! ... Wünschen Sie nicht, sie kennen zu lernen, diese trostlose Oede eines Geistes, der ohne Illusionen ist! Sie sind jung und schön, was wissen Sie davon! Mit zwanzig Jahren hat man keinen Grund zu murren. Da hadert man nicht mit dem Leben. Da hat man so viel Zeit vor sich, daß man denkt, es müsse ewig so dauern. Aber dann, wenn noch einmal zwanzig Jahre um sind, wenn die Zeit immer rascher und rascher vergeht, wenn man sie verzweifelt festhalten möchte, um Atem zu schöpfen, um nicht weiter hinabzujagen auf der abschüssigen Bahn; wenn man dasteht wie ein herbstlicher Baum, von dem jeder Tag ein Blatt abreißt, und man muß es so wehrlos geschehen lassen, so ohnmächtig! ......
... Muß man sich nicht zuletzt fragen, wozu man denn lebt, wenn das Aelterwerden nur ein Herabsteigen vom Gipfel des Lebens ist? Alle Gebiete des Denkens hat man durchwandert wie ein Vergnügungsreisender, der kein Daheim besitzt. Man ist überall gewesen, man kennt die ganze Welt, man hat alles hinter sich gelassen, und nun ist man müde und schwindlig, als wäre man die ganze Zeit im Kreis herumgegangen. Ein Ziel, einen Zweck, einen Glauben! Eine spanische Wand, die man vor dieser schwarzen Leere aufstellen kann! Etwas, an das man sein Herz hängen kann! .....