Pipin: Ein Sommererlebnis

Part 13

Chapter 133,700 wordsPublic domain

... Die Kunde von dem »Wunder« beginnt sich zu verbreiten. Sie steigt hinauf zu den einsamen Huben in den einsamen Hochthälern, wo die Menschen stundenweit von einander entfernt wohnen, wo sie tagelang allein sind, bei der harten, unbarmherzigen, eintönigen Arbeit auf dem steinigen Acker, auf den abschüssigen Wiesen, im feuchtdunklen Wald. Und die Arbeit macht ihre Gesichter faltig und verschlossen, ihre Lippen dünn und schweigsam. Aber hinter ihrer schweigsamen Verschlossenheit verbirgt sich das, was sie aufrechthält von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr, von Jugend zu Alter, das, was sie nicht aussprechen, weil sie keine Worte dafür haben, was nur in seltsamen und unverständlichen Aeußerungen an die Oberfläche dringt. Ist es die Hoffnung auf das Wunderbare, das sich endlich einmal ereignen und die unerbittliche Eintönigkeit des Lebens zerbrechen muß wie eine steinerne Grabplatte, unter der sich der verborgene Mensch als ein Wiedererweckter und Auferstandener erheben wird?

Und so gehen sie in die Kirche, wo das Wunderbare aus festlichen Schnörkeln und Schnitzereien, aus vergoldeten Heiligen und Engeln mit eindringlicher Ueberredung zu ihren Herzen spricht; und so wallfahren sie zu den Gnadenorten, wo sich vor Zeiten das Wunderbare erfolgreich festgesetzt und sich durch die hartnäckige Gewalt des Gebetes noch immer zu ihnen herab bewegen läßt; und so horchen sie mit offenem Munde, wenn über ihre Berge die Kunde geweht kommt, daß ein neues Zeichen geschehen ist. Du lieber Gott, und wenn es sich nun gar in ihrem Landl ereignet, auf dem Grund und Boden, zu dem sie gehören, der wie ein Stück von ihnen selbst ist! Da verfliegt ihr Mißtrauen, ihr Starrsinn, ihre hartköpfige Bauernlogik wie Reif in der Sonne: man kann wieder staunen und schaudern, der eiserne Ring des täglichen Lebens ist gesprengt, jetzt gilt es, den Augenblick zu benützen!

Täglich wächst die Zahl der Besucher.

Alle Krüppel, alle Siechen und Bresthaften, alle, die von Kummer, von Furcht, von irgend einer dunklen und unaussprechlichen Pein heimgesucht sind, für die es sonst nirgends Erleichterung giebt, ziehen herbei. Mühsam und stöhnend schleppen sie sich auf den Gebirgssteigen und Waldpfaden und weichen mit ängstlichen Augen zurück, wenn sie einmal beim Kreuzen eines Promenadeweges einem Fremden begegnen. Die ganze Gegend hat ihr verheimlichtes Elend ausgespien, das sich, solange die Fremden da sind, in den Winkeln der Viehställe, auf den Heuböden, in den Hinterstuben verstecken muß. Jetzt aber giebt es kein Halten mehr. Man führt sie heraus ans Licht, an die Wunderstätte; sie tragen ihre Kröpfe, ihre Eiterbeulen, ihre verkrümmten, ausgemergelten, schlottrigen Leiber an das Bett der Gebenedeiten, durch deren Mund die himmlischen Mächte, die über Segen und Fluch, Heil und Unheil gebieten, ihren Willen kundthun.

Drinnen aber in der niedrigen Stube mit der schwarzen Holzdecke und den weißgetünchten Wänden, in die blaukarrierten Federpölster versunken, weiß und blutlos wie ein Leichnam, liegt die unbewegliche Gestalt. Die Läden sind geschlossen; das Tageslicht dringt nur als Dämmerung zwischen den Spalten herein. Auf einem irdenen Teller neben dem Kopfende des Bettes brennen beständig eine Anzahl kleinerer und größerer Wachskerzen und ersticken die Luft mit ihrem heißen Geruch. Das sind die Opfergaben der Besucher. Schon hat sich ein Ritual herausgebildet, ohne daß jemand wüßte, wie es entstanden ist. Dazu gehört außer der Darbietung der Wachskerze auch ein Trunk und eine Besprengung aus dem Brunnen neben dem Hause, dessen eiskaltes Wasser ununterbrochen in den Holztrog plätschert.

Dort sitzen sie herum und teilen sich im Flüsterton alle wunderbaren Heilungen mit, die sich schon ereignet haben. Keiner von ihnen weiß es aus dem eigenen Munde des Geheilten; aber je ferner er ist, je unauffindbarer, desto sicherer und zuversichtlicher ist ihr Glaube. Und indem sie ihre groben, rauhen Stimmen zu diesem ungewohnten Flüstern dämpfen, verleihen sie dem Wunderbaren erst die rechte Stimmungsgewalt, etwas Feierliches und Unwiderstehliches. Einige verzehren dort ihr Mittagessen -- zwei Stücke hartes Schwarzbrot mit einem brüchigen, trockenen, graugelben Landkäse dazwischen -- langsam und andächtig, wie Menschen essen, die am eigenen Leibe erfahren haben, was für Plage und Schweiß an aller menschlichen Nahrung klebt. Andere verbinden daneben mit schmutzigen Lappen und Fetzen ihre gichtgeschwollenen Gelenke und wehen Füße, die Wunden, die ihnen das unbarmherzige Klima und der geizige Boden schlägt, der Hunger und der Frost.

Für den Fremden ist es nicht ratsam, sich dort einzudrängen. Dort sind sie nicht die ehrerbietigen, scheuen unterwürfigen Geschöpfe der Dienstbarkeit, die für ein Stück Geld ihre Haut verkaufen. Ihr Mißtrauen gegen den Stadtmenschen, der heimliche Haß gegen ihn, den zu verbergen und zu überwinden sie erst der Nutzen gelehrt hat, steigt dort wieder an die Oberfläche herauf. Sie verstummen, wenn man sich nähert; ihre Mienen nehmen einen finsteren und drohenden Ausdruck an -- und es könnte leicht sein, daß ein skeptisches Lächeln oder ein geringschätziges Wort dem Frevler, an dem sie es bemerken, verhängnisvoll würde. Eine Art Instinkt scheint ihnen zu sagen, daß dieses Ereignis nicht von fremden Augen betrachtet werden darf. Und sie sind eifersüchtig darauf; denn es ist eigens für sie vom Himmelvater veranstaltet worden; eine der Ihrigen ist es, die er berufen hat, und so gehört das Wunder ihnen ganz allein.

Neulich begegnete ich auf dem Promenadeweg einem alten Mann. Er humpelte mit unsäglicher Mühe dahin; sein rechtes Kniegelenk war in einem stumpfen Winkel gegen das linke eingebogen; ein Kropf, groß wie ein zweiter Kopf, machte ihm das Atmen fast unmöglich. Als er mich kommen sah, blieb er stehen und stammelte keuchend eine Entschuldigung, daß er sich hier auf dem Promenadeweg antreffen lasse; aber auf dem anderen Weg sei halt das Gehen »gar so viel hart«. Ich fragte ihn, wohin er denn gehe. Da sah er mich prüfend einen Augenblick an; dann deutete er hinauf in die Richtung des Tressensteines; sein verrunzeltes Gesicht, das wie aus Baumrinde geschnitzt war, erhellte sich mit einem Ausdruck unwiderstehlicher Zuversicht, und er sagte freudig: »O mei! Der Himmelvater hat halt do no nöt auf uns arme Leut vergessn!«

Pipin war beim Speisen ausgeblieben.

Später kam er mit Eugenie am Arm, zu seiner Linken den unvermeidlichen Blumenhut, an unseren Tisch.

»Wir stellen uns als Verlobte vor«, sagte Eugenie in einem scherzhaften Ton. »Gratulieren Sie uns, Dr. Elmenreich, gratulieren Sie uns, Dr. Kranich --«

Sie nahm die konventionellen Redensarten mit einem halben Lächeln an, während Pipin mit feierlicher und gerührter Miene dankte.

Dr. Kranich schüttelte ihm über den Tisch hinüber die Hand: --

»Ja, ja, wer das Glück hat, führt die Braut heim! Das hätt' ich mir nicht gedacht, Pipin, daß Sie auch als =ladykiller= so viel Erfolg haben werden, wie als Adept. Ich sehe, Sie sind ein =protégé= des Glücks, man muß sich auf guten Fuß mit Ihnen stellen.«

Und mit seinem herrlich lachenden Munde, der immer seine ernstesten Worte Lügen straft, sprach er eine Art Segen über das Brautpaar: »denn ich bin ein frommer Mensch, wie Sie wissen. Ich liebe die schönen, heiligen Ceremonien, wenn sie auch in einem Restaurationslokal deplaciert erscheinen. Ja, Gott segne Sie, Pipin!«

Und dann rief er Eugenie, die er neben sich Platz zu nehmen gezwungen hatte, als Zeugin an, ob er ihr nicht stets Pipin als den geeignetsten Mann zum heiraten bezeichnet habe, als denjenigen, der alle erforderlichen Qualitäten besitze, mit denen ein Gatte und namentlich der Gatte einer schönen Frau, die auf den Händen zu tragen sei, ausgerüstet sein müsse --. Eugenie warf unter halbgesenkten Lidern einen abwehrenden Blick auf ihn. Als er aber so weit ging, zu behaupten, daß es seine Ratschläge seien, denen Pipin sein Glück verdanke, fiel sie ihm ins Wort.

»Sie irren sich, Dr. Kranich«, sagte sie mit einem Versuch, ihn kalt und von oben herab anzusehen. »Ich befolge Ihre Ratschläge nicht; es ist ganz mein eigener Entschluß. Es ist meine eigene Wahl! Pipin ist der liebste, beste Mensch von der Welt! Der einzige Mensch«, -- mit einem Seitenblick auf Elmenreich -- »der mich wirklich liebt, der an mich glaubt. Ich werde ihm das nie vergessen: ich werde ihm immer dankbar dafür sein! Wenn Sie auch über alles spotten, Dr. Kranich, ich werde meine Vorsätze doch ausführen, ja, das werd' ich!«

»=Sapristi!= dann bleibt mir allerdings nichts übrig, als meinen Irrtum freudig einzugestehen. Ich bin ein Bewunderer der guten Vorsätze und schönen Entschlüsse; sie sind ja in diesem gemeinen Leben, in dem sich alles nach langweiligen Gesetzen und mit öder Notwendigkeit vollzieht, das einzige Erhebende und Erbauliche. Hier aber sitzt so ein ruchloser Skeptiker, der an dergleichen löbliche Bestrebungen nicht glauben will. Auf, Elmenreich! Warum sind Sie so lässig? Lesen Sie dieser leichtsinnigen Jugend, die da mit guten Vorsätzen in die Ehe treten will, tüchtig die Leviten.«

Elmenreich antwortete nicht. Schweigsam und finster hatte er an seinem Barte gedreht, und er blieb schweigsam, bis die Verlobten sich wieder zum Gehen anschickten. Da sagte er zu Pipin: »Ich möchte mit Ihnen reden, Pipin. Kommen Sie zu mir, so bald Sie Zeit haben.«

* * *

Gegen Abend erhielt ich ein Billet von Elmenreich: »=Adieu= in aller Eile. Ich packe ein und reise mit dem Nachtschnellzug ab. Unwiderruflich. Sehe ich Sie vielleicht noch vorher?«

Ich fand ihn inmitten einer chaotischen Unordnung; der Inhalt seines Kleider- und Wäscheschrankes war über sämtliche Möbel des Zimmers verstreut.

Er war so irritiert, daß ihm in diesem Augenblick jeder Handgriff als eine unüberwindliche Schwierigkeit erschien.

Nicht ohne mißtrauisches Widerstreben ließ er es zu, daß ich seinen Koffer packte; er warf sich mit abgewendetem Gesicht in einen Fauteuil, und blieb sitzen, ohne sich zu rühren, bis ich fertig war und mich neben ihn setzte. Da zündete er sich eine Cigarre an -- ein Zeichen, daß das Schlimmste vorüber war. Melancholisch verfolgte er die blauen Ringe, die in der Dämmerung gegen das Fenster hinzogen, wo das Abendrot sie mit violetten Schatten färbte.

»Und so geht ein Jahr nach dem anderen dahin, und ich werde immer ärmer, immer einsamer, immer kahler! Ich strecke meine Hand aus nach Liebe, nach Freundschaft, nach Teilnahme -- aber ich ergreife nur faule Früchte, wohin ich lange. Und wenn ich einmal etwas Wertvolles finde -- dann muß ich die Hand dennoch leer zurückziehen, weil eine gewandtere und listigere mir zuvorgekommen ist --!«

»Haben Sie denn die Hand ausgestreckt, Elmenreich? Haben Sie nicht vielmehr ein Herz, das Ihnen entgegengetragen wurde, so weit es ein junges Mädchen nur entgegentragen kann, auf das Entschiedenste abgelehnt?«

Elmenreich hatte aber ein anderes Herz gemeint.

Eugenie -- pah, das war nichts, worüber ein Mann in seinem Alter nicht hinweg könne. Da spielen die erotischen Anziehungen nicht mehr jene große Rolle, wie es die Frauen voraussetzen; der Ersatz für Liebe ist zu leicht, und man hat sich zu sehr daran gewöhnt, Ersatz zu finden. Aber ein Freund, das Herz eines Mannes, ein Jünglingsherz -- das ist das Unersetzliche, der Verlust, für den nichts in der Welt entschädigt. Ueber die Bitterkeit des Altwerdens kann nur eines hinwegtrösten: sich für die jüngere Generation, und wär' es auch nur für einen einzigen Menschen dieser Generation, als notwendig, als unentbehrlich zu fühlen, ihn zu führen, auf ihn den ganzen, unverbrauchten Schatz zu häufen, den man mit sich trägt, das Pfund, mit dem man selbst im Leben nicht gewuchert hat. -- Ein hohes und subtiles Kulturproblem liegt in diesem Bunde zwischen zwei Generationen, zwischen der kommenden und der gehenden -- --

Als Elmenreich so redete, ließ ich mich verleiten, ein Wort für den Grafen einzulegen. Wenn er diese Verbindung zweier Generationen so hoch einschätze, warum denjenigen unerbittlich zurückstoßen, der alles daran setze, das zerrissene Band wieder zu knüpfen --?

Diesmal aber war Elmenreich nicht in der Stimmung, den Grafen als einen Gegenstand der Unterhaltung zu behandeln.

»Nennen Sie nur den nicht! Erinnern Sie mich nur nicht daran, daß es einmal eine Zeit gegeben hat, in der ich diese sumpfige Gegend für einen Garten hielt, eine Zeit, in der ich mich durch diese Pose von Freundschaft und Hingebung täuschen ließ. Nein, erinnern Sie mich nicht an den! Ich könnte sonst Dinge sagen, die ich nicht sagen will. Wenn ein solcher Mensch große Worte in den Mund nimmt, dann sollten von rechtswegen alle, die es mit den großen Worten ehrlich meinen, sich zusammenthun und ihn aus dem Tempel hinaustreiben --«

»Aber wäre es nicht doch möglich, daß Sie ihn jetzt zu hart beurteilen, Elmenreich?«

»Das würde ich mir nur zur Ehre anrechnen. Nirgends muß man härter sein, als gegenüber den Mißbrauchenden. Das sind die Menschen, die alles entwerten, alles verderben, alles suspekt machen, was die echten Großen hervorbringen -- schädliche Insekten sind sie, die das Fleisch der edelsten Früchte fressen und sie wurmstichig, hohl, ungenießbar zurücklassen. Ich, meinesteils, verkehre lieber mit Pfahlbauern und Spießbürgern als mit solchen Falschmünzern des Geistes ... Der Graf existiert nicht mehr für mich, ich habe ihn einfach ausgestrichen aus meinem Leben --«

»Verzeihen Sie, Elmenreich: Das kann ich Ihnen nicht glauben. Denn ein klein wenig hat Sie sein Thuen und Treiben die ganze Zeit her dennoch interessiert -- und wenn er Ihnen so ganz gleichgiltig wäre, hätten Sie es nicht der Mühe wert gefunden, ihm den Streich mit der Zeitung zu spielen --«

Er sah mich überrascht an und begann heftig zu werden. »Wie? So wird das mißverstanden? Und obendrein von Ihnen? Ja, haben Sie denn nicht bemerkt, daß es dieser verdammte Pipin war, um den es sich handelte? Der da vor einer großen Dummheit bewahrt werden mußte? Wenn der Graf auf eigene Faust seine Leiweriam hätte herausgeben wollen, dann hätte ich mich einen blauen Teufel darum gekümmert. Oder wie? Hat er am Ende auch Eindruck auf Sie damit gemacht? Aber das sage ich Ihnen im Voraus: wenn Sie« -- er sah mich unter finster zusammengezogenen Brauen böse an -- »wenn Sie geneigt sein sollten, für ihn Partei zu ergreifen, so wäre das ein =casus belli= zwischen uns --«

»Sie fordern also, daß man sich Ihrem Urteil unbedingt unterwirft, blindlings, ohne eigene Meinung --?«

»Herr des Himmels!« brauste er auf, »ich fordere gar nichts! Meinetwegen mag jeder seinen Weg gehen wie er will, und sich das Genick brechen, wenn es ihn freut --«

Er sprang auf, stellte sich ans Fenster und sah in die einbrechende Nacht hinaus.

Nach einigen Minuten kam er zurück und entschuldigte sich. Mit diesem Einwand habe ihn früher schon Pipin zur Raserei gebracht, nun käme ich und wiederhole dieselbe Leier. Ob ich es auch darauf anlege, ihn fühlen zu lassen, daß er der Ueberflüssige sei, der Unnütze und Unausstehliche? Gewiß, er verlange, daß man an ihn glaube; wie anders wäre wohl ein Verhältnis von Person zu Person möglich! »Hol mich Gott, es liegt keine Befriedigung darin, den überflüssigen Warner zu spielen! Oder soll ich etwa auf die Genugthuung warten, daß Pipin in drei, vier Jahren gekrochen kommen und sagen wird: »Hätt' ich Ihnen doch gefolgt, Elmenreich!« Pfui Teufel über dieses Rechtbehalten im Nachhinein! Wenn erst Thatsachen eintreten müssen, und mir Recht geben, damit ein Mensch, dem ich zugethan bin, an mich glaubt! Wenn ich, ich, meine Person, meine Einsicht, ihm nichts gelten, keine Macht haben! Wenn ich meine Bestätigung von den Ereignissen erwarten soll! Aber ich danke für diese Bestätigungen! Wer Recht behält, ist immer unangenehm. Man geht ihm aus dem Weg, diesem beschwerlichen Herrn, der alles besser weiß, man hat keine Freude, wenn man ihn trifft, denn er erinnert einen nur daran, daß man eine Dummheit gemacht hat, daß man unterlegen ist. Und wie die Menschen einmal sind, lassen sie das denjenigen entgelten, der die Veranlassung zu dieser Erinnerung giebt. Da steht er dann, der Ganzgescheite, der Einsichtsprotz, und begreift nicht, warum man ihn meidet, warum er einsam ist! Da steht er draußen und kann zusehen, wie die anderen in warmer Gemeinschaft leben, wie sie leben, leben, während er zusieht, immer zusieht! Und eines Tages weiß er, daß er der Ueberflüssige ist, weil das, was er zu geben hat, keine Macht unter anderen Lebensmächten bedeutet, weil es nur als etwas Störendes und deshalb Feindliches empfunden wird« ...

Da entstand auf dem Gange ein Geräusch.

»Ganz bestimmt, er ist noch nicht fort«, sagte eine weibliche Stimme.

»Aber es ist alles finster bei ihm, seine Fenster sind nicht beleuchtet«, rief Pipins Stimme. Die Thür öffnete sich, ein Lichtstreifen fiel herein.

»Gott sei Dank«, sagte Pipin und faßte mit beiden Händen Elmenreich bei den Rockaufschlägen, als müßte er ihn noch in diesem Augenblick festhalten. »Gott sei Dank! Ich habe noch keinen Atem, so bin ich gerannt. Wenn Sie schon fortgewesen wären, ich weiß nicht, was ich gethan hätte!«

»Und eben früher hatten Sie es doch so eilig, von mir fortzukommen«, versetzte Elmenreich in dem gewohnten, trockenen und barschen Ton.

»Ich danke Gott, daß ich lieber davongelaufen bin. Ich danke Gott, daß ich wenigstens so viel Verstand hatte -- denn jetzt sehe ich alles in einem anderen Licht« --

Elmenreich machte eine überraschte Bewegung: »Also sind Sie inzwischen zur Vernunft gekommen, Pipin?«

»Ja! mein ganzer Groll gegen Sie ist weg. Sie haben mir das Aergste angethan, Herr Doktor, ich muß es Ihnen sagen, -- und als ich von hier fortrannte, dachte ich, daß ich Ihnen nie im Leben würde verzeihen können. Wenn Sie über mich geschimpft hätten, mir gesagt hätten, daß ich ein Esel bin, ein Dummkopf, ein Taugenichts -- alles was Sie nur wollen, da hätte ich Ihnen Stand gehalten; aber Sie haben jemanden angegriffen, den ich mehr liebe als mich selbst, ein Wesen, das unendlich höher steht als ich -- und wenn irgend wer anderer, als Sie es gewagt hätte, -- aber nein, nein, davon wollte ich ja gar nicht reden! O Gott, wo soll ich nur anfangen -- ich habe Ihnen so vieles zu sagen!«

Er fiel ganz gebrochen in den Fauteuil, in dem früher Elmenreich gesessen hatte.

Das Mädchen brachte die Lampe. Bei Licht konnte man erst bemerken, wie blaß und verfallen Pipin war. In sein junges, faltenloses Gesicht, in dem noch keine Erfahrung und keine Sorge ein Zeichen eingegraben hatte, war ein anderer Zug gekommen; die glatte Fröhlichkeit, die ihm etwas Ausdruckloses, Unbedeutendes verlieh, war mit einem Male daraus weggewischt.

»Hören Sie mich an, Doktor Elmenreich! Ich habe in diesen paar Stunden furchtbar gelitten -- mehr als ich imstande bin, Ihnen zu erklären --«

»Erklären Sie mir nichts, Pipin. Sagen Sie mir lieber ohne Umschweife: ja oder nein? Alles andere interessiert mich nicht.«

Pipin machte einen schwachen Versuch zu lächeln. »Grade dieses andere müssen Sie mir von der Seele nehmen. Das ist es, was ich Ihnen sagen muß! Ich könnte nicht mehr ganz glücklich sein, wenn Sie mir nicht wieder gut sein wollen --«

»Sie kennen die Bedingung, Pipin --«

»Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie, fangen Sie nicht wieder damit an! Wie soll denn ein Mensch von meiner Beschaffenheit sich in einen Streit mit Ihnen einlassen, sobald Sie sich auf Ihre überlegene Einsicht und Ihr überlegenes Urteil berufen? Da bin ich ja im vorhinein geschlagen. Sie waren doch sonst so voll Großmut und Wohlwollen gegen mich! Warum wollen Sie mich jetzt ganz vernichten? Sehen Sie, als ich früher davon ging, hatte ich wirklich die Empfindung, daß Sie mich ganz vernichten wollen. Ich war so außer mir, daß ich zu allen bösen Dingen fähig gewesen wäre -- nein, fähig war, zu allen bösen Gedanken nämlich. Ich konnte einfach nicht glauben, daß Sie mit Ihrem hohen Verstand und Ihrer Ueberlegenheit im Ernst von mir fordern sollten, ich müßte meine Liebe, mein Alles, den Inhalt meines ganzen künftigen Lebens unter Ihren Schiedsspruch stellen! Was für ein elender Mensch wär ich, wenn mein Herz durch fremde Einflüsterungen irre zu machen wäre in seinem Glauben und Vertrauen --? Nein, nein, das konnten Sie nicht annehmen! Und deshalb fragte ich mich: warum? Warum handelt er so gegen mich? Warum handelt er so gegen sie, die ihm selbst früher nicht gleichgiltig war? Wenn, wenn -- o Gott, wie soll ich es Ihnen nur sagen, damit Sie mir wieder verzeihen? -- wenn er die ganze Welt nur deshalb für krank und bitter hielte, weil er selbst eine kranke und bittere Seele hat? Wittert er nicht überall unwürdige Hintergedanken, eigennützige Beweggründe? War es nicht genau dasselbe mit dem Grafen und dem Meister? Und -- und noch mehr: ist er denn in diesem Fall wirklich unparteiisch? Ist er nicht vielleicht im innersten Grunde seines Herzens, dort wo die Dinge geschehen, von denen wir nichts Genaues wissen, ist er nicht vielleicht doch unbewußt böse auf mich und -- auf sie?«

Pipin hielt inne und ließ seinen Kopf auf seine Hände sinken, wie um den Zorn Elmenreichs über sich ergehen zu lassen.

Elmenreich stand unbeweglich. Pipin faßte seine herabhängende Hand. »Ich bin aber schon wieder bei Besinnung. Jetzt weiß ich, daß das Alles undankbare, ungerechte, unsinnige Gedanken waren, wie sie der Schmerz eingiebt! Jetzt bin ich gekommen, um Ihnen alles zu gestehen, um Ihnen alles abzubitten; ich bin gekommen, weil ich es nicht aushielt, auch nur eine Stunde lang ein schlechtes Gefühl gegen Sie auf der Seele zu haben --«

Elmenreich hörte nicht auf ihn. Er drehte Locken in seinen Bart, ganz mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, und führte ein Selbstgespräch in unartikulierten Lauten.

Pipin hielt noch immer seine herabhängende Linke umfaßt. Er schüttelte ihn ungeduldig daran: »Sagen Sie doch etwas! Sagen Sie, daß alles zwischen uns wie früher ist! Was soll ich denn thun, daß Sie mir wieder verzeihen?«

Elmenreich befreite seine Hand und kreuzte seine Arme über der Brust.

»Wenn ein Mensch wie Sie, Pipin, mißtrauisch wird, muß wohl ein arger Fehlgriff in der Behandlung geschehen sein«, sagte er kühl. »Ich hatte gedacht, ich könnte durch mein persönliches Urteil, durch meine Autorität Eindruck auf Sie machen. Da war ich aber gewaltig auf dem Holzweg, wie ich sehe. Also gut, gehen wir einen anderen Weg! Sind Sie gar nicht auf den Gedanken gekommen, Pipin, daß das, was ich als bloße Vermutungen hinstellte, als meine subjektive Meinung über diejenige, die ich nicht nennen will -- daß alles das einen realen Hintergrund hat? Daß es Thatsachen giebt, Pipin --«

»Thatsachen?« fragte Pipin mit vibrierender Stimme. »Was wollen Sie damit sagen?«

»Hören Sie mich an, Pipin. Ich wollte Ihnen und mir die Erwähnung dieser Thatsachen ersparen -- da Sie aber meiner Unparteilichkeit mißtrauen, muß ich mich rechtfertigen --«

»Nein, um keinen Preis!« rief Pipin heftig, sprang auf und hielt sich die Ohren zu. »Ich will nicht, daß Sie sich rechtfertigen. Lieber Gott, warum wollen Sie mich nicht mehr verstehen? Was würde alles Rechtfertigen nützen, wenn ich keinen Glauben an Sie hätte? Und wozu brauche ich Ihre Rechtfertigung, da ich meinen Glauben an Sie ohnedies wiedergefunden habe --?«

Elmenreich drückte ihn in den Fauteuil zurück.

»Also nicht als meine Rechtfertigung, sondern um Ihnen zu beweisen, daß Ihnen der Glaube eben jenen Possen spielt, den er gewöhnlich aufzuführen pflegt -- er ist ein Vogel, der sich gern auf den unrechten Ast setzt. Daher geschieht es, daß Sie dort glauben, wo Sie mißtrauen sollten, und dort mißtrauen, wo Sie glauben sollten --«

Pipin wollte ihn unterbrechen, er wehrte ab.