Part 12
Er lüftete höflich den Hut und wandte sich zum Gehen.
Aber noch einmal trat ihm der Graf entgegen.
»Ich habe gebeten -- ich bitte noch einmal!« Elmenreich knöpfte sich mit einer ungestümen Bewegung seinen Rock zu. Der höfliche Ton schien ihn Ueberwindung zu kosten, als er sagte:
»Und ich habe mir erlaubt, anzudeuten, daß ich jede Unterredung zwischen uns für aussichtslos halte. Es fehlt jedes Mittel der Verständigung zwischen uns. Ich bedaure, aber ich kann daran nichts ändern.«
»Tonuelo, Sie müssen mich anhören, Sie müssen! Ich habe mich ferngehalten nach Ihrem Wunsche, ich habe gewartet mit übermenschlicher Geduld, ich habe nur stumm um Gnade gebettelt, und Sie haben mich nicht verstehen wollen --«
»Genug! Ersparen Sie sich doch die Wiederholung dieser ebenso peinlichen als unnützen Auseinandersetzungen.«
Er ging mit entschlossenen Schritten rasch dem Ausgang zu und verschwand.
Wortlos starrt ihm der Graf nach. Pipin stürzt voll Teilnahme zu ihm hin.
Mit einer heftigen, blinden Geberde schüttelt ihn der Graf ab. Seine Lippen bewegen sich in einem unhörbaren Murmeln, und wie ein Nachtwandler, den Blick starr in die Richtung gewendet, in welcher Elmenreich verschwand, geht er ihm langsam nach.
Pipin giebt sich einer rebellischen Anwandlung gegen Elmenreich hin.
»Nein, das geht zu weit! Das ist nicht recht! Wirklich, ich begreife ihn nicht --«
Dr. Kranich hatte mit beifälligem Interesse dem Auftritt zwischen Elmenreich und dem Grafen zugesehen. Pipins Bemerkung reizt ihn, wie alle Bemerkungen Pipins. Er antwortet mit funkelnden Augen, indes um seine Lippen das gewohnte Lächeln spielt.
»Natürlich begreifen Sie ihn nicht, Pipin! Ich hoffe doch, Sie vermessen sich nicht, Elmenreich begreifen zu wollen? Oder gar seine Handlungen zu kritisieren? Ein Mensch, der so turmhoch über Ihnen steht, daß Sie ein Fernrohr brauchen, nur um seine große Zehe zu betrachten --«
Dr. Kranichs Lächeln verleitet Pipin, gleichfalls zu lächeln.
»Für Sie ist er ein für allemal das =au-delà=, in das Sie nicht hineinsehen können, weil Ihnen das Organ dafür fehlt --«
Und indem Dr. Kranich fortfährt, Pipin abzukanzeln, gelangt er dahin, ein glänzendes Bild Elmenreichs zu entwerfen -- vielleicht weniger, um Elmenreich zu verherrlichen, als um Pipin zu demütigen. Nach diesem Bilde wird aus Elmenreich ein »Charakter«. Charakter auf niedrigen Stufen der Intelligenz ist, nach Dr. Kranich, weder etwas Seltenes, noch etwas Besonderes; bornierte Menschen sind sogar gewöhnlich charaktervoll, weil sie Scheuleder vor ihrem Intellekt haben, die sie verhindern, rechts oder links zu schauen. Aber Charakter auf hohen Stufen der Intelligenz -- das ist das ganz Seltene, das ganz Große. Denn der erleuchtete Mensch muß in jedem Augenblick der Entscheidung den ganzen Reichtum der Motive, die er nach allen ihren Möglichkeiten überblickt, beherrschen und eine Wahl aus überlegener Einsicht treffen. Und als Mensch der überlegenen Einsicht habe sich Elmenreich gezeigt, indem er mit herrlicher Unbeugsamkeit die Annäherung eines Menschen ablehnte, der durch alle seine verkehrten Veranstaltungen bewiesen hat, daß er gänzlich unfähig ist, auf die Bedürfnisse eines anders gearteten Geistes einzugehen.
Pipin macht einen tapferen Versuch, sich zur Verteidigung des Grafen mit Dr. Kranich in eine Auseinandersetzung einzulassen. »Wie? Darf man einen Menschen, der bittet, der sich demütigt, so hart von sich stoßen --?«
Aber Dr. Kranich wirft ihn gleich nieder.
»Ein Mensch, der sich demütigt, ist das Verächtlichste, was es giebt. Er verdient vollkommen den Fußtritt, den er bekommt ... Uebrigens diskutiere ich darüber nicht mit Ihnen. Ich, Pipin -- wenn ich einen Adler auf einen Hasen herabstürzen sehe, so werde ich mich über die königliche Pracht des Adlers freuen; Sie aber werden mit dem jämmerlichen Hasen um Hilfe schreien und den Adler niederschießen, wenn Sie können --«
*
Mittlerweile war der Brunnhofer-Seppl hereingekommen und fragte um den Grafen. Vor dem Hotel warte der »gspaßige Fremde« auf ihn, der droben bei der Tressenbäuerin einlogiert sei, und habe dringend mit ihm zu sprechen; es sei »drobmat was passiert«.
Dr. Kranich fragte, was denn passiert sei. Da der Brunnhofer Seppl nicht gleich mit der Sprache herauswollte, schenkte ihm Dr. Kranich ein Glas Wein ein und sagte mit seinem malitiösen Lächeln:
»Ich bin mit dem Grafen so vertraut wie du, Seppl; vor mir brauchst du keine Geheimnisse zu bewahren. Sonst, wenn ich einmal schief gewickelt bin --« er drohte ihm mit dem Finger.
Der Brunnhofer Seppl lachte verlegen und machte Dr. Kranich das Kompliment, daß er »allerweil fidel« sei. Aber er sträubte sich hartnäckig, etwas zu verraten.
»I därf nöt, der Herr Graf hat's verboten« --
»Nun gut, Seppl, da du mir nichts erzählen willst, werde ich dir was erzählen. Vor ein paar Tagen bin ich beim Herrn Pfarrer gewesen; der hat mich gefragt, ob ich denn nicht mit dem Grafen von früher her bekannt bin, und was für ein Herr dieser Graf denn wäre. Denn sein Umgang mit dir, Seppl, gefalle ihm gar nicht, sagte der Herr Pfarrer -- und wer Jahr aus Jahr ein so viele Sünden gebeichtet bekommt, der kennt sich aus, Seppl --. Ich habe dir und dem Grafen natürlich das beste Leumundszeugnis ausgestellt; aber wenn du dich so wenig nett gegen mich benimmst --! Also, was ist auf dem Tressenstein passiert, Seppl?«
Daraufhin gab der Brunnhofer Seppl schleunig seinen Widerstand auf und vertraute uns an, daß es die Bäuerin sei, um die es sich handle. Der gspaßige Fremde kenne sich nicht mehr aus und wolle den Grafen fragen, was denn mit der Bäuerin jetzt geschehen soll.
»Ja, was ist denn der Bäuerin passiert, Seppl?«
Mit angehaltenem Atem antwortete der Brunnhofer-Seppl:
»A Wunder!«
Dr. Kranich setzte sogleich eine ernste Miene auf. »=A la bonne heure!= Das läßt sich hören! Das freut mich! Das ist einmal ein Erfolg!«
Und diese ernste Miene behielt er, während er seinem Opfer alles entlockte, was er wissen wollte. Schon gestern, als der Brunnhofer Seppl den Grafen hinauf begleitete, habe er davon reden gehört, daß mit der Bäuerin was Besonderes vorgehe. Sie sei den ganzen Tag nicht klar wach geworden, habe der Fremde dem Grafen erzählt -- der Brunnhofer-Seppl dachte einen Augenblick angestrengt nach: »er hat ihm gsagt, sie is immerfort sommerbühl«, sagte er geheimnisvoll; und mit noch leiserer Stimme setzte er hinzu: »sie hat gestern in ganzen Tag mit'n Erzengel Gabriel gredt. Der is ihr erschienen, sie hat'n genau beschrieben, wie er ausschaugt. No und heunt --«
Der Brunnhofer Seppl verstummte wieder, als könne er von diesen Dingen unmöglich vor Uneingeweihten mehr mitteilen. Er suchte sich vor Dr. Kranichs Fragen mit einem scheuen: »mehr woaß i selber nöt«, zu salvieren; Dr. Kranich hatte ihn aber mittelst einer versteckten Drohung ganz in der Gewalt: »Red', Seppl, sonst -- red' ich --« und so wand sich der arme Seppl in den Klauen des schwarzen Panthers hilflos wie ein Kalb. Wenn der Graf erfahren möcht', daß er so viel ausplauschen thät --! Und der Herr Dr. Kranich sollt' do an Einsegn haben mit arme Leut'; das Leben is gar hart im Winter, und wer nöt dazuschaugt im Sommer, daß er si a bißl was zrucklegt --
Nach dieser kleinen, auf Dr. Kranichs »Einseg'n« zielenden Abschweifung fuhr er zu erzählen fort. Vormittags habe ihn der Graf, der »die ganze Zeit auf'n Dr. Elmenreich paßt hat«, mit einer Post an den Fremden hinaufgeschickt; und da sei es der Bäuerin eben sehr schlecht gegangen.
Es verhielt sich nämlich so:
Die hohe Gnade, die der Tressenbäuerin widerfahren war, hatte den Neid des Teufels herausgefordert, wie das bei allen außerordentlichen Gnadengeschenken des Himmels der Fall ist. Und kaum war der Erzengel Gabriel von ihr weggegangen, so fiel der Teufel über sie her, verdrehte ihr alle Glieder, riß sie beim Kopf, und warf sie so heftig im Bett herum, daß der Brunnhofer-Seppl dem Meister beistehen mußte, sie zu halten. Aber schließlich mußte der Teufel doch wieder abziehen, weil die göttliche Kraft den Sieg über ihn davon trug. Das alles erklärte die Bäuerin selbst, als der Kampf mit dem Teufel überstanden war. Der Meister wollte sie bewegen, etwas Suppe zu sich zu nehmen, denn sie hatte schon seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen; aber sie weigerte sich und sagte, wer von dem himmlischen Brode zu essen bekomme, der brauche keine irdische Nahrung mehr. Dabei war ihr Gesicht so verklärt wie das einer Heiligen. Dann schickte sie alle aus dem Zimmer; es sei ihr angekündigt, sie werde die allerheiligste Jungfrau Maria von Angesicht zu Angesicht sehen und von ihr mit wunderthätigen Gaben gegen den Teufel und seine bösen Werke in der Welt begnadet werden --
Nachdem der Brunnhofer Seppl die Furcht, daß er zu viel »ausplauschen« könnte, einmal überwunden hatte, legte er sich keine Zurückhaltung mehr auf. Er erzählte mit jener atemlosen Gehobenheit, welche die Ueberbringer einer sensationellen Nachricht zu empfinden pflegen; und als er den Lauf der Begebenheiten erschöpft hatte, begann er ungesäumt von vorne. Er schien den Meister, der vor dem Hotel wartete, völlig vergessen zu haben.
Pipin aber war gleich nach den ersten Andeutungen Seppls zu ihm hinausgeeilt; jetzt brachte er ihn mit sich herein.
Der Meister sah sehr niedergeschlagen aus; er setzte sich gedrückt an den Tisch und blickte mit seinen zerstreuten Augen ratlos im Kreise herum.
Dr. Kranich gratulierte ihm zu seinem »schönen Erfolge«, ganz ernst, ohne die leiseste ironische Nuance. Dennoch nahm der Meister den Glückwunsch nicht an.
»Die Sache ist sehr fatal«, sagte er, zu Pipin gewendet. »Ich begreife nicht, wie das geschehen konnte -- ich habe keine Gewalt mehr über die Frau -- und dazu diese Ideen, die da plötzlich auftreten, ich weiß nicht, woher --«
Er sah sich nervös nach allen Seiten um. Wo denn der Graf bleibe? Man könne die Sache unmöglich länger anstehen lassen; er möchte um keinen Preis noch einen solchen Tag mitmachen, wie den heutigen. Es müsse etwas geschehen -- der Graf müsse eine Entscheidung treffen. Denn der Graf habe von allem Anfang an die Verantwortung übernommen. Er selber sei immer nur ungern mit dieser Frau in Kontakt getreten. Man sollte sich nicht mit Medien abgeben, die auf einer anderen Bildungsstufe stehen; da stoße man auf zu viele unbekannte Mächte, die sich der Leitung widersetzen.
Pipin wagte eine Anfrage, ob man wohl daran denken dürfte, einen Arzt zu konsultieren. Diesen Gedanken griff der Meister bereitwillig auf. Es werde hier wohl einen Kurarzt geben? Den könnte man vielleicht dazu bewegen, daß er mit hinaufkäme? Ob Pipin nicht die Freundlichkeit haben wolle, das gleich zu veranlassen?
Aber Dr. Kranich ereiferte sich. Was? Einen Arzt? Unsinn! In solchen Zuständen kenne sich kein Arzt aus, das wisse man doch. Ein Arzt würde höchstens sagen, daß da in unverantwortlicher Weise mit einem labilen Nervensystem herumexperimentiert worden sei, und wohl gar, um seine eigene Hilflosigkeit zu bemänteln, eine Anzeige erstatten. Nein, nur keinen Arzt! Jetzt müsse man den Dingen schon ihren Lauf lassen; jede fremde Hand würde die Sache verpfuschen. Der ganze Fehler sei, daß der Meister =contre-coeur= und unter dem Einfluß eines fremden Willens operiert habe -- unter solchen Umständen ließe sich natürlich die Einmischung anderer Mächte nicht verhüten --
Der Meister hörte ihm mit ängstlicher Spannung zu. Namentlich die Möglichkeit einer Anzeige schien ihm großes Unbehagen zu verursachen. Aufgeregt sagte er:
»Also dann -- also dann muß der Graf entscheiden, was hier zu geschehen hat. Wo in aller Welt bleibt er denn? Seppl, schaffen Sie doch den Grafen herbei. Oder Sie, Pipin -- weiß denn niemand, wo der Graf ist?«
Schließlich ging er mit Pipin und Seppl fort, um auf die Gefahr hin, von Elmenreich insultiert zu werden, den Grafen bei ihm zu suchen.
Dr. Kranich lehnte sich in seinen Sessel zurück und blies aus seiner Cigarette die denkbar vollkommensten Ringe in die stille Luft. Er machte einen Versuch, seinen Ernst zu bewahren; dann übermannte ihn doch sein mutwilliges Lächeln.
»Jetzt sitzen die beiden Revivalists mit ihrem Dilettantismus in der Tinte! Wollen sehen, wie sie sich aus dieser Affaire ziehen werden!«
* * *
(Aus einem Briefe.)
12. September 1893.
... Dr. Kranichs Neugierde ist bald befriedigt worden. Die Revivalists haben es vorgezogen, allen etwaigen Verwickelungen ihrer Angelegenheit durch ärztliche oder geistliche Einmischung aus dem Wege zu gehen, und sind abgereist. Ganz in aller Stille, ohne Abschied, selbst ohne einzupacken. Für den Meister wäre das Einpacken freilich eine überflüssige Ceremonie gewesen; denn er besitzt -- wenn Pipin recht unterrichtet ist -- außer dem, was er auf dem Leibe trägt, nur ein Hemd und zwei Taschentücher. Diese Habe steckte er zwischen Deckel und Vorsatzpapier seines großen Folianten und schützte sie mit Bindfaden vor dem Herausfallen.
Schwieriger war die Frage des Einpackens für den Grafen. Er hinterließ sie unter zahlreichen anderen Vermächtnissen Pipin. Und Pipin packte einen halben Tag lang im Schweiße seines Angesichtes an allen diesen Anzügen aus weißem Flanell, aus gelber Rohseide, aus silbergrauem Kammgarn, an Schärpen und Krawatten, an weißen und bunten Seidenhemden, an gestickten Unterhosen und karrierten Strümpfen, an silbernen Bürsten und elfenbeinernen Kämmen, an Parfümflacons und Manicüre-Utensilien, an Schachteln, Dosen und Etuis ohne Zahl. Er konnte sich diese raffinierten Anstalten zur Pflege des irdischen Leichnams nicht ganz mit der Leidenschaft des Grafen für die »Wissenschaft des Uebersinnlichen« zusammenreimen und fand, daß die Tressenbäuerin im Grunde konsequenter sei, die keine Speise mehr anrühren will, seit sie sich mit dem Göttlichen in Verbindung glaubt.
Die Tressenbäuerin ist auch ein Vermächtnis des Grafen an Pipin. Er hat ihm strenge aufgetragen, dafür zu sorgen, daß sie nicht etwa in ihrem Wahn Hungers stirbt und auf diese Weise zu lästigen behördlichen Rekriminationen Anlaß giebt. Genau genommen, sei ja doch Pipin an diesem Zwischenfall schuld, da er es war, der den Meister dort oben bei dieser unzurechnungsfähigen Person einquartierte -- eine unpraktische Idee schon deshalb, weil ihm, dem Grafen, dadurch die Unannehmlichkeit aufgebürdet war, eine Stunde bergan zu laufen, so oft er mit dem Meister zusammenkommen wollte.
Pipin geht getreulich jeden Tag hinauf, setzt sich an das Bett der Bäuerin und trachtet, ihr einen Löffel Suppe einzureden. Bisweilen hält sie ihn für eine der himmlischen Personen, mit denen sie verkehrt; dann thut sie gutwillig, was er anordnet. Zu anderen Zeiten liegt sie teilnahmlos, starr und stumm; dann nützt weder Güte noch Gewalt. Einen Arzt zu rufen, hat der Graf ausdrücklich verboten; das Ganze werde in wenigen Tagen ohnedies von selbst vorübergehen, wenn sie sich körperlich wieder ein wenig gekräftigt hätte. Pipin möge nicht etwa glauben, daß er dieses Zwischenfalles wegen so rasch abreise. Er bedaure im Gegenteil, daß er gerade jetzt gezwungen sei, zu scheiden -- aber er könne unmöglich Elmenreichs Auftreten gegen ihn länger ertragen. Und er hinterließ eine ganze lange Auseinandersetzung für Elmenreich als drittes Vermächtnis an Pipin. Pipin sollte Elmenreich sagen -- nun, Pipin hatte sich alle die leidenschaftlichen Vorwürfe, Klagen, Bitten und Versprechungen nicht gemerkt, nur den Auftrag, ihm zu erklären, daß der Graf im Begriffe sei, ein neues Werk in Angriff zu nehmen. Die Zeitung sei eine Verirrung gewesen, Elmenreich habe vollständig recht gehabt; aber jetzt sollte es etwas viel Wirksameres, viel Umfassenderes, viel Großartigeres werden, etwas Ungeheures und Niedagewesenes. Näheres darüber könne er noch nicht mitteilen; aber der Tag sei nicht ferne, an dem Elmenreichs Sinn sich wenden und er seine Ungerechtigkeit tief bedauern werde.
Dieses letzte Vermächtnis scheint Pipin nicht gerne übernommen zu haben. Im übrigen bleibt er dem Grafen unwandelbar ergeben; er hat ihm den Schafskopf vollkommen verziehen und ist nach wie vor bereit, an alle wunderbaren Dinge zu glauben, die dem Neophyten versprochen sind ...
* * *
(Aus einem Briefe.)
19. September 1893.
... Für Pipins Herzensangelegenheit war die Abreise des Grafen von ausschlaggebender Bedeutung. Der Zusammenhang zwischen dieser Abreise und der endgültigen Entscheidung Eugeniens sollte ihm nicht verborgen bleiben: Die Stiefmutter nahm nunmehr die Verlobungsfrage in die Hand und machte mit der ihr eigenen Resolutheit reinen Tisch.
Pipin ist eben von mir weggegangen, beseligt durch die Gewißheit, daß er der Erkorene ist, und doch zugleich betreten über die Umstände, unter denen er es ward.
Ganz unumwunden hat ihn die Stiefmutter aufgefordert, doch endlich »Ernst zu machen«. Worauf er denn warte? Er sei in ihrem Hause täglich aus- und ein gegangen, man habe ihm Vertrauen geschenkt, ihn für einen Ehrenmann gehalten, die ganze Welt spreche schon davon -- er könne Eugenie unmöglich kompromittiert haben, wenn er nicht daran denke, Ernst zu machen --.
Pipin war ja mit Freuden bereit, Ernst zu machen; aber niemals würde er Fräulein Eugenie überreden, würde sie irgendwie zu einem Entschlusse drängen --
Wie? Was? Drängen? Sollte Eugenie noch immer nicht zur Raison gekommen sein? Was sie denn eigentlich denke? Ob sie wohl glaube, daß ihr Vater wieder das Opfer dieses kostspieligen Landaufenthaltes umsonst gebracht habe?
Und hierauf eine unverblümte Darstellung der Verhältnisse:
Dr. Kranich, ein Mensch ohne reelle Absichten, dem man nicht fünf Schritt über den Weg trauen könne, Elmenreich, ein alter Junggeselle mit grundsätzlicher Abneigung gegen das Heiraten, der Graf, ein Sonderling, der aus Angst Reißaus nimmt, wenn ihm eine Dame in die Nähe kommt -- was gebe es da noch zu schwanken und zu überlegen? Da sei die Wahl doch einfach genug!
Armer Pipin! Das war die Art, auf welche er den »Rekord über alle anwesenden höheren Menschen« erzielt hat ...
* * *
»Guter Gott« -- erzählte Pipin weiter -- »Sie werden mich doch nicht mit solchen Argumenten dem Fräulein aufnötigen?«
»Aufnötigen?« antwortete sie ungehalten. »Wer spricht denn von aufnötigen? Die bloße Vernunft genügt da, sollte man denken. Wenn ein Mädchen jung und schön ist, und sonst nichts, muß sie ihre Zeit benützen. Eugenie ist fünfundzwanzig Jahre alt; glaubt sie vielleicht, daß sie ewig jung und schön bleibt? Aber es ist ihr ja keiner gut genug; sie will ja immer oben hinaus, sie hat ja lauter romantische Ideen im Kopf, oder was weiß ich -- und eines schönen Tages wird sie verblüht sein und niemand wird mehr etwas von ihr wissen wollen --« Zum Schluß erklärte sie, sie werde ihr jetzt einmal selbst den Kopf zurecht setzen.
»Und nur nach vielem Bitten«, fuhr Pipin bewegt fort, »gelang es mir, sie dahin zu bringen, daß sie das mir überließ -- nicht das Kopfzurechtsetzen, sondern eine entscheidende Unterredung mit Eugenie.«
Und dann hatte Pipin die entscheidende Unterredung.
Er fand Eugenie in tiefer Verstimmung, nicht geneigt, ihm ihr Herz zu eröffnen. Auf seine Frage, ob sie ihm nicht anvertrauen könne, was sie so sehr bedrücke, schüttelte sie nur stumm den Kopf. Er beteuerte, daß er bereit zu allem sei, was sie von ihm fordern möge; aber auch das brachte nicht den geringsten Eindruck auf sie hervor; »denn«, sagte Pipin entschuldigend, »das habe ich ihr schon allzuoft wiederholt, ohne doch einen Finger für sie zu rühren. Solche Beteuerungen sind auch etwas Abgeschmacktes. Aber wenn ich nur einen Weg zu ihrer Seele fände! Ein Wort, mit dem ich ihr eine Freude machen könnte! Endlich sagte ich, um mit etwas Positivem anzufangen: »ich habe eben mit Ihrer Frau Mama gesprochen, Fräulein Eugenie.« Das war natürlich nicht das Wort, das ihr Freude machen konnte. Sie antwortete in ihrer Verstimmung: »Nun, dann ist ja alles in Ordnung. Dann haben Sie ohnedies alles erfahren, was Sie wünschen!«
Was er wünsche? Niemals habe er gewünscht, daß ein Zwang auf sie ausgeübt werde, niemals würde er das zugeben! Wenn sie befehle, so verschwinde er für immer aus ihrem Gesichtskreise --
Sie lachte bitter auf. Ja wenn mit diesem Verschwinden etwas gethan wäre! Sie zu vergessen, das wäre für ihn einfach genug; doch sie selbst, wie würde sie weiterleben in diesem Hause, in dem sie von Jahr zu Jahr mehr als das Ueberflüssige, als ein lästiges Anhängsel behandelt werde! Wo sie dahinlebe wie jemand, der kein Recht auf sein Dasein hat, der bloß schandenhalber geduldet wird, weil man ihn nicht losbringt, weil man ihn nicht abschütteln kann, obwohl man ihn knebelt und mißhandelt und mit Füßen tritt --
Da fiel Pipin auf die Kniee und begrub sein Gesicht in den Falten ihres Kleides:
»Eugenie, ich schwöre es Ihnen -- fordern Sie, was Sie wollen, ich werde es erfüllen. Sie brauchen nur ein Wort zu sprechen und Sie sind frei -- warum sprechen Sie das Wort nicht aus, das mir die Erlaubnis giebt, Sie zu befreien?«
»Sie sind ein guter Mensch, Pipin, aber Sie können mir nicht helfen, Sie können mir nicht helfen!«
Sie stand auf, irrte im Zimmer herum, rang die Hände. »Gott, Gott, warum hat man nicht mehr Gewalt über sich, warum kann man nicht das, was man möchte!« Sie betrachtete ihn traurig.
»Ich weiß, was Sie mir nicht sagen wollen, Fräulein Eugenie. Wie könnte es mir verborgen geblieben sein? Aber habe ich denn die Anmaßung gehabt, es zu verlangen? Glauben Sie mir doch, ich will nichts als Sie glücklich sehen. Ein Lächeln auf Ihrem Gesicht ist eine solche Freude für mich, eine solche himmlische Belohnung, daß mir um diesen Preis nichts zu schwer und nichts unmöglich erscheint ...«
Er unterbrach sich und sah mit feuchten Augen vor sich hin. »Ja, es war keine leere Beteuerung! Mir ist, als ob sie mein zweites, höheres Selbst wäre, für das dieses niedrige und gewöhnliche Selbst, das mein eigenes ist, sich ganz auslöschen sollte, sich ganz und ohne Rest hingeben sollte. Und ich bin ihr so dankbar, so dankbar, daß ich sie so liebe! Daß sie mir diese selige Empfindung geschenkt hat! Es ist etwas, das über alle Worte geht, etwas Unaussprechliches. Und ich konnte es ihr auch nicht sagen. Ich sagte bloß: »Ich will alles, was Sie wollen. Was Sie thun, ist mir recht. Denn ich bin glücklich, daß ich Sie so lieb haben kann!« Aber sie wurde nur immer trostloser: »Ich bin zum Unglück geboren«, seufzte sie, »ich werde Sie nicht glücklich machen, Pipin. Wenn ich Ihre Schwester wäre, könnten Sie mir vielleicht raten, mich vielleicht beschützen --«
»Dann lassen Sie mich Ihren Bruder sein, Eugenie!«
»Nein, o nein, das ist nicht möglich! Ich will mich mit Ihnen verheiraten, ich will Ihre Frau werden, ja, ich will es! Ich habe den festen Vorsatz, ich will es mit allem, was gut in mir ist -- und Sie werden mir Zeit lassen, bis ich es mit -- mit meinem ganzen Wesen kann, nicht wahr, Pipin? Ich gebe Ihnen mein Jawort, Pipin! Feierlich geb' ich Ihnen jetzt mein Jawort -- erinnern Sie mich in jeder Stunde und in jeder Minute daran, lassen Sie mich an nichts anderes denken, zwingen Sie mich, halten Sie mich fest, Pipin!«
Sie warf sich wie aus einem plötzlichen Entschluß an meinen Hals. Ich fühlte, daß durch ihren Leib ein Zittern lief, ein Schauder fast --. Da wagte ich nicht, sie an mich zu ziehen; ich löste ihre Hände von meinem Halse und sagte: »Ja, Eugenie, ich will Ihnen Zeit lassen, ich verspreche es Ihnen.«
Sie aber wandte sich mit einem Ausdruck von mir ab, den ich nicht begriff, mit einem Ausdruck der Enttäuschung, kam mir vor. Gott, hatte ich sie denn mißverstanden? Erwartete sie, daß ich sie zu einem Kusse zwingen würde? Daß ich ihr etwas abnötigen würde, was sie nicht freiwillig und gerne gab?
Sie verabschiedete mich kühl, indem sie sagte: »Gehen Sie nun, und teilen Sie der Mama mit, daß wir uns verlobt haben.«
* * *
(Aus einem Briefe.)
21. September 1893.