Pipin: Ein Sommererlebnis

Part 10

Chapter 103,635 wordsPublic domain

Aber jetzt ist der Zorn über den »ewigen Regen« nicht mehr zu beschwichtigen. Die Langeweile wächst und mit der langen Weile der Ueberdruß an den Genüssen des Landlebens. Alle Promenaden, alle Aussichtspunkte, alle Jausenstationen hat man unzählige Male abgegrast; was steht da noch Großes zu erwarten, wenn auch nächste Woche wieder schönes Wetter wäre? Und die Vorstellung der Stadt mit ihren Kaffeehäusern und Theatern, mit ihrem vielsagenden Lärm und ihrem geschäftigen Hinundher, das den Eindruck einer so wunderbaren Wichtigkeit in der Seele der Müßiggänger erzeugt, wird täglich unwiderstehlicher. Flucht, Flucht von allen Seiten. Der Speisesaal ist schon halb leer, und so still geht es zu, daß Elmenreich mit seiner lauten Stimme für sämtliche Anwesende spricht, sobald er eine Bemerkung macht. Er ist der Chorführer der Mißvergnügten; von Tisch zu Tisch steigert sich beim Eintreten sein Grimm über die unerhörten Unbilden der Witterung. »Morgen früh reise ich ab«, das ist sein stehendes Wort. Da er alle Anwesenden kennt und mit jedem dritten Menschen einen Händedruck wechselt, dauert es stets ziemlich lange, bis er in den Hafen unseres eigenen Tisches einläuft ...

* * *

Im Speisesaal. Dr. Kranich zu Elmenreich, der eben seine Bekannten absolviert hat:

»Eine scheußliche Unsitte, dieser europäische =shakehands=-Verkehr! Man sieht, daß Sie noch robuste Nerven haben, Elmenreich, die gesegneten Nerven der früheren Generation! Alle diese heißen oder kalten, fetten oder knochigen, schwitzenden oder klebrigen Hände der Reihe nach in die meine zu bekommen -- =fi donc=! In diesem Punkt halte ich es mit den Chinesen, die das Christentum ablehnen, weil die Missionäre ihnen gleichzeitig das Handgeben angewöhnen wollen.«

Statt zu antworten, starrte Elmenreich mit angespannter Aufmerksamkeit auf die Eingangsthür. Man sah durch die Scheiben eine Ansammlung von Regenschirmen und Regenmänteln, die sich eine Zeitlang draußen herumbewegten, ehe die Glasthür sich öffnete.

Dann trat Pipin mit Eugenie ein, hinterdrein die Stiefmutter an der Seite des Grafen. Sie ließen sich an einem Tische in einiger Entfernung von uns nieder. Der Graf schien sich verabschieden zu wollen, obwohl die Stiefmutter ihn mit ihrem zuthunlichsten Lachen zum Bleiben nötigte, und schon einen Stuhl zurechtrückte. Allein erst, nachdem Pipin sich ins Mittel gelegt hatte, setzte sich der Graf, zögernd und widerwillig, nieder. Mutter und Tochter bemühten sich fortwährend angelegentlich um ihn; Eugenie wurde beinahe lebhaft und ihre Augen leuchteten in erhöhtem Glanz, so oft sie sich auf das Gesicht des Grafen richteten.

Elmenreich hatte aufgehört zu essen. Sprachlos verfolgte er die Dinge, die da drüben geschahen, als seien es die seltsamsten und unerhörtesten Vorgänge.

Er murmelte unverständliche Worte vor sich hin. Und dann zu mir gewendet, blaß vor Erregung:

»Sehen Sie, das ist es, was ich an den Weibern verächtlich finde: diesen Mangel an Ehrgefühl, diese Unfähigkeit zu unterscheiden! Unglaublich! Sich so gewohnheitsmäßig anzubieten, ohne jede Empfindung dafür, was für ein Exemplar man vor sich hat! Es ist eine Schmach!«

Das sagte er halblaut in seinen Bart, unverwandt hinüberstarrend. Endlich stieß er seinen Sessel zurück, legte die Serviette mit einem Faustschlag auf den Tisch und ging hinüber.

Dort begrüßte er kurzangebunden die Damen, übersah den Grafen und setzte sich demonstrativ zwischen diesen und Eugenie. Das Gesicht des Grafen hellte sich auf, dasjenige Eugeniens verfinsterte sich.

Ich bemerkte zu Dr. Kranich, Elmenreich mache es wie die Hunde, die einen Bissen stehen lassen; aber wenn ein zweiter kommt, der danach schnappt, so wollen sie ihn doch selber haben.

»Stimmt nicht ganz«, antwortete Dr. Kranich lächelnd. »Denn hier ist kein zweiter Hund, der nach dem Bissen schnappt. Zum mindesten nicht der Graf.«

»Dann aber verstehe ich wirklich diese Eifersucht nicht.«

»Es ist auch nicht Eifersucht. Einer so simplen und primitiven Empfindung ist Elmenreich gar nicht fähig.«

»Wenn nicht Eifersucht, was ist es sonst?« Dr. Kranich zuckt die Achseln. »Giebt es nicht viele Empfindungen, für die wir noch keine Etikette besitzen? Der Fall Elmenreich scheint so zu liegen: Elmenreich hält diese junge Dame nicht für geeignet, die Würde seiner Frau zu bekleiden. Er achtet sie nicht. =Néanmoins= ist er verliebt in sie -- und darum wird er immer wild, wenn sie etwas thut, was ihm besonders unwürdig erscheint. Denn seine Liebe möchte gar zu gern über seinen Verstand Herr werden, wie das so üblich ist bei der Liebe. Elmenreichs Verstand ist aber nicht unterzukriegen; er sitzt ihm auf dem Genick wie der gelbe Zwerg im Märchen, und Elmenreich muß dorthin laufen, wohin der befiehlt. Und weil der gelbe Zwerg um eine Nasenlänge über den Menschen Elmenreich hinausragt, so hält ihn dieser für ein höheres Wesen, und reicht ihm unterthänigst sein Herz zum Fraße hin. Manchmal aber will sich das Herz nicht gutwillig fressen lassen -- und dann wird Elmenreichs Betragen eben »unverständlich«.

* * *

In einer Regenpause ging ich heute mit ihm den Fußweg um den See. Der Weg ist beinahe einsam geworden, so viele Sommergäste hat das schlechte Wetter schon vertrieben. Alle Uebriggebliebenen benützen den ersten trockenen Augenblick, um wieder ihren Spaziergang anzutreten; Elmenreich findet noch genug Hände zu schütteln.

Auch Eugenie mit ihrer Stiefmutter kommt uns entgegen.

Es war an einer Stelle unweit des Ortes, wo der Weg eine ziemlich lange Strecke geradlinig fortläuft; man kann dort einen Kommenden schon von weitem erblicken. Auf einmal machten die beiden Damen kehrt und gingen ihren Weg wieder zurück. Nach einigen hundert Schritten bogen sie in einen Seitenweg ein, der dort mündet. Es war die ganz unzweideutige Ablehnung einer Begegnung.

Elmenreich hatte im ersten Moment seine Schritte beschleunigt; dann blieb er stehen und sah starr den Verschwindenden nach. Mit einem finster schmerzlichen Ausdruck schüttelte er ein paarmal den Kopf wie über etwas Unbegreifliches, für das es nach dem normalen Verlauf der Dinge keine Erklärung giebt. Es schien mir, als ginge ihm dieser kleine Zwischenfall sehr nahe, mehr noch, daß er ihm unverhältnismäßig wehe that.

Da es ganz vergeblich ist, zu seiner Seele im Augenblick der Empfindung einen Zugang zu suchen, begnügte ich mich, gleichfalls nur den Kopf zu schütteln. Aber selbst dieses Kopfschütteln war schon ein zu eigenmächtiger Eingriff in sein Erleben. Kaum bemerkte er es, da wurde seine Miene gleich beherrscht und kalt. Er lachte höhnisch auf.

»Sie sehen, gnädige Frau, ich bin in Ungnade gefallen! Das Fazit ist, daß man mich ausstreicht und sein Glück anderwärts versucht. Ist es der eine nicht, so ist es der andere. Fräulein Eugenie scheint übrigens eine Vorliebe für uneinnehmbare Festungen zu haben: je unzugänglicher man ist, desto erpichter wird sie. Sie gehört offenbar zu jenen Weibern, denen gegenüber man sich nach bekanntem Rezept mit einer Peitsche bewaffnen muß. Mna! Jetzt ist sie aber an die unrechte Adresse gekommen; da könnte sie höchstens reüssieren, wenn sie selbst die Peitsche in die Hand nähme. Pfui Teufel! So gar keinen Instinkt zu haben!«

In dieser lieblosen und geringschätzigen Weise redete er einige Minuten lang hastig, mit gezwungenem Lachen dazwischen. Dann verstummte er wieder, verlor sich in Gedanken, vergaß seine Miene, die in ihren früheren schmerzlichen Ausdruck zurückfiel. Endlich auffahrend:

»Verzeihen Sie, gnädige Frau: aber dieser langsame Schritt ist mir heute unerträglich. Manchmal hat man das Bedürfnis, sich ordentlich auszulaufen. Ich verabschiede mich -- Sie verzeihen!«

Er ging in heftigem Tempo vorwärts, bis er die Abzweigung des Weges erreichte, welche die Entflohenen benützt hatten. Auf dieser Abzweigung verschwand auch Elmenreich wie mit Siebenmeilenstiefeln ...

* * *

Pipin unternimmt unermüdlich neue Angriffe auf die Festung Elmenreich. Als er heute abermals mit dem Zeitungsprojekt herausrückte, faßte ihn Elmenreich wieder einmal bei den Schultern und schüttelte ihn, als ob er ihn mit Gewalt aus einem Traume aufwecken wollte.

»Mensch, Mensch, so nehmen Sie doch Vernunft an! Wozu habe ich Ihnen denn kürzlich meine Meinung gesagt? Nützt denn gar nichts bei Ihnen?«

Pipin richtete sich mit Heiterkeit seinen Rock, den ihm Elmenreich halb ausgezogen hatte. Nun ja, Elmenreich habe neulich einige Witze über den Meister gemacht -- aber er könne doch nicht annehmen, daß er, Pipin, auf ein paar gelungene Witze hin im Ernst von dem Meister und dem Grafen abfallen werde?

Und dann begann er gleich wieder, mit inständiger Beharrlichkeit in Elmenreich zu dringen, daß er »mitarbeiten« solle. Er war mehr denn je durchdrungen davon, daß etwas geschehen müsse, daß die Zeit gekommen sei, und wiederholte alles, was er mir darüber gesagt hatte, mit eindringlichem Nachdruck zu Elmenreich, ohne sich durch dessen unaufhörliche Unterbrechungen beirren zu lassen. Der geduldige Zuhörer Pipin hatte endlich selbst einmal das Wort an sich gerissen und behauptete es dem ungeberdigsten aller Zuhörer gegenüber durch die Gewalt seiner Ueberzeugung.

»Geschehen, geschehen, was soll denn geschehen?« schrie Elmenreich endlich erbittert. »Können Sie die Gesetze ändern, nach denen sich alles Geschehen unabänderlich vollzieht? Sehen Sie denn nicht ein, daß alles Geschehen bloß der Ausdruck für einen Zustand ist? Ja, die Welt ist schlecht und gemein -- diese alte Wahrheit braucht gar keiner Bestätigungen mehr. Aber zu ändern giebt es da nichts. Ich werde Ihnen das an einem naheliegenden Exempel beweisen: wenn ein Mensch, der voll Güte und gutem Glauben ist, ausgenützt und mißbraucht wird, so ist das sehr häßlich und sehr traurig -- aber er wird ausgenützt und mißbraucht, weil er wehrlos ist gerade durch seine Güte und seinen Glauben, sintemal die Menschen Raubtiere sind, die über den Wehrlosen herfallen und ihn auffressen. Dieses einfache Exempel schreiben Sie sich hinter die Ohren, Pipin, und geben Sie sich nicht dazu her, den verkappten Ehrgeiz anderer Personen mit Ihrem guten Geld und Ihrem guten Glauben zu bezahlen.«

»Aber wenn mich Ihr einfaches Exempel gar nicht überzeugt? Ich meinesteils kann nicht finden, daß die Menschen der Güte und Gläubigkeit ausgenützt und mißbraucht werden; warum sollte ich da annehmen, daß die Menschen im allgemeinen Raubtiere sind --?«

»So, Pipin? Sie sind also in Ihrem Leben noch nie ausgenützt, noch nie mißbraucht worden?«

»Ach Gott, mich meinen Sie mit Ihrem Exempel, Herr Doktor? Nun ja, es ist ein paarmal vorgekommen, daß mir hinterdrein Gedanken darüber aufgestiegen sind, ob ich in einer Sache nicht der Gefoppte war. Aber wenn auch -- was liegt denn da dran? Sie sagen ja selbst, daß das schon einmal so ist und nicht zu ändern. Also giebt es in einem solchen Fall nichts, als sich mit Heiterkeit in das Unvermeidliche ergeben und sich denken, daß es auf ein paar Gauner und Gaunerstreiche mehr oder weniger nicht ankommt; deshalb bleibt die Welt doch voll von lieben, wunderbaren, großartigen Menschen --«

»Mna --«

»Und weil Sie schon mich als Exempel genommen haben: auf mich paßt es am allerwenigsten. Denn ich bin ja ein besonders bevorzugter Mensch, ein wahres Glückskind, dem lauter unverdiente Herrlichkeiten in den Schoß fallen. Muß denn mein Herz nicht übergehen vor Glück und Dankbarkeit, wenn ich sehe, wie ich unablässig von allen Seiten königlich beschenkt werde? Gleich zum Beispiel -- Sie, Herr Doktor! Sie meinen es so gut mit mir, daß Sie sogar dem Grafen und dem Meister Unrecht thuen, weil Sie denken, die beiden könnten am Ende mit mir nicht ganz aufrichtig umgehen --«

Er ergriff Elmenreichs Hand und sah ihn mit seinen lichtblauen Augen beweglich an. Unversehens fiel er ihm um den Hals.

Elmenreich machte sich von ihm frei. »Was sind das für Kindereien!« sagte er unwirsch. Und gleich beschleunigte er seine Schritte, und ging allein voraus.

Betrübt sah ihm Pipin nach. Als er aber bemerkte, daß Elmenreich in einiger Entfernung stehen blieb, um uns wieder herankommen zu lassen, sagte er ganz beglückt:

»Er wird doch nachgeben, glauben Sie nicht, gnädige Frau? Er hat ja ein so weiches Herz; deshalb ist er immer so grob.«

* * *

(Aus einem Briefe.)

5. September 1893.

... Es ist, als ob er die Menschen von innen heraus erleuchtet sähe, in strahlenden, feurigen Farben, wie seltene Blumen, deren Anblick das Herz höher schlagen macht. Und das versetzt ihn zuweilen in Anfälle der Entzückung, daß er mit nassen Augen herum geht und sich selig preist, daß er auf der Welt ist. In solchen Augenblicken scheint sich die verborgene Schönheit und unzugängliche Tiefe jeder Eigenart vor ihm aufzuthun und ihn zum Eingeweihten ihrer letzten Geheimnisse zu erheben. Dann begreift er alles mit liebreichem Verständnis, auch das ihm Entgegengesetzte, auch das ihm Feindliche -- er betrachtet es durch ein anderes Medium als durch seinen bescheidenen Verstand, mit einer Helligkeit und Ueberlegenheit der Seele, die aus irgend einer unbekannten, besonderen Fähigkeit entspringt.

Wenn seine Psyche in ihren alltäglichen Zustand zurückfällt, wird allerdings wieder die Unzulänglichkeit seiner intellektuellen Mittel das Vorherrschende.

»Pipins =maîtresse facultée= ist die Dummheit«, sagte neulich Dr. Kranich; »ehren wir sie und lassen wir sie walten, wie es ihr gebührt.« Dr. Kranich hat etwas mit Pipin gemein: er betrachtet wie dieser alles, was geschieht, als gut -- allerdings aus einer weniger liebevollen Grundstimmung der Seele. Als das regierende Weltprinzip erkennt er das Gesetz an, daß der Schwächere durch den Stärkeren aufgefressen wird: und weil es das Weltprinzip ist, bedeutet es für ihn das Recht nach göttlicher Ordnung. Daher spricht er diesen Grundsatz überall mit Offenheit, ja mit einer Art Unschuld aus.

Als ich ihn fragte, ob er nicht auch glaube, daß die Gemeinschaft, die der Graf mit Pipin angeknüpft hat, nur auf eigennützige Absichten zurückzuführen sei, und daß Pipin in dieser Zeitungsgeschichte um sein Geld gebracht werden wird, versetzte er beinahe entrüstet:

»Da fragen Sie noch, gnädige Frau? Das ist doch selbstverständlich --!«

Und auf meinen Einwand, daß man doch versuchen müßte, diesen armen Pipin davor zu bewahren:

»Für einen Menschen wie Pipin ist es =by all means= eine Ehre, mit zwei relativ interessanten Persönlichkeiten, wie der Graf und Herr Wendl, zusammen zu sein. Und wenn er für diesen Umgang tüchtig zahlen muß, so ist das nur in Ordnung ...«

* * *

(Aus einem Briefe.)

7. September 1893.

... In der letzten Zeit hatte es den Anschein, als sollte Elmenreichs Herz über den gelben Zwerg -- wie Dr. Kranich seinen Verstand nennt -- triumphieren. Seit Eugenie ihre Gunst dem Grafen zugewendet hat, oder genauer gesagt, sich um die Gunst des Grafen bewirbt, hat er seine ablehnende Haltung aufgegeben. Während er sich früher sorgfältig von Eugenie fern gehalten und alle Gelegenheiten, mit ihr allein beisammen zu sein, vermieden hatte, heftete er sich jetzt an ihre Fersen, verfolgte sie auf Schritt und Tritt. Sogar in eine Tarockpartie mit dem Oberst hat er sich eingelassen -- was beinahe mit einem Duell geendet hätte, da er so zerstreut spielte, und der Oberst in seinen Ausdrücken nicht sehr wählerisch ist, wenn es gilt, Vergehen wider den heiligen Geist des Kartenspiels zu rügen.

Elmenreichs Benehmen war freilich nicht das eines zärtlichen Verliebten; aber wenn man mit seiner Art und Weise vertraut ist, konnte man wohl aus seinen bitteren und stacheligen Reden die Erregung heraushören, die in ihm arbeitete. Ich weiß nicht, ob Eugenie verstand, daß er seinen Gefühlen dieses rauhe Gewand anziehen muß, um sich mit ihnen abzufinden; so oft ich sie und ihn beisammen sah, verfiel sie noch immer in jene Ratlosigkeit ihm gegenüber, die von den ersten Zeiten an die Schwäche ihrer Stellung bildete. Jetzt aber verbarg sie ihre Ratlosigkeit unter einer hochmütigen Gleichgiltigkeit -- und, gespielt oder echt, diese Gleichgiltigkeit gab ihr eine viel größere Macht über ihn als ihre früheren Bemühungen, ihm zu gefallen. Damit hielt sie ihn beständig in Atem, damit lenkte sie diesen widerhaarigen Liebenden nach ihrem Willen, zwang ihn, sich zähneknirschend zu unterwerfen. Er hat wahrhaftig kein glückliches erotisches Temperament: Die Liebe ist bei ihm kein Aufblühen seines ganzen Wesens, keine freudige Verschmelzung der eigenen Person mit einem anderen Ich: sie ist ein wilder Kampf gegen das Eindringen einer fremden Gewalt, eine Empörung, eine Rebellion. Der gelbe Zwerg geberdet sich wie ein Rasender, verfällt in Krämpfe, schlägt alles nieder, was in seinen Bereich kommt. Dennoch unterlag er Schritt für Schritt. Elmenreichs Laune wurde im selben Verhältnis schlechter und schlechter -- aber sie berechtigte zu der Erwartung, daß in dem Augenblick, als die Entscheidung gefallen war, ein jäher Umschlag eintreten müsse.

Nun, der Umschlag ist eingetreten, -- fast gleichzeitig mit dem schönen Wetter -- aber die Entscheidung ist ausgeblieben. Irgend etwas hat sich zwischen Elmenreich und Eugenie ereignet -- niemand kann erraten, was. Mit einem Male hat er seine Ruhe und Sicherheit zurückgewonnen, geht mit spöttischer Höflichkeit an derjenigen vorüber, die noch kurz vorher nur in seiner Sehweite aufzutreten brauchte, um ihn in einen Zustand nervöser Unruhe zu versetzen. Der Fieberanfall ist wieder überstanden -- auf einen äußeren Anlaß hin, oder durch eine innerliche Wandlung, wer weiß es? Treibt er bloß ein grausames Spiel mit ihr? Unterhielt er sich damit, bei ihr Hoffnungen zu erwecken, um in dem Augenblick, als sie darauf eingehen will, ihr hohnlachend den Rücken zu kehren? Ich bemühe mich vergeblich, einen Schlüssel zu finden; wieviel er auch redet, über seine wahren Empfindungen läßt er sich doch keine Andeutung entschlüpfen. Er geht mit einer selbstzufriedenen Miene herum, die er sonst nicht hat, mit der Miene eines Siegers, oder mindestens eines Menschen, der einer Gefahr glücklich entronnen ist. Diese Miene scheint zu sagen: mich kann man nicht täuschen; ich behalte immer Recht.

Aber du wirst sagen, daß solche Interpretationen fremder Mienen etwas ganz Willkürliches sind. Ach, Liebster, unser ganzes Wissen von dem, was in den Seelen unserer Nebenmenschen vorgeht, ist ja nichts als eine willkürliche Interpretation! ...

* * *

Entwölkung. Eine unwiderstehliche Gewalt liegt in diesem Wetterschauspiel; die Seele verwandelt sich mit dem Himmel. Alles Schwere, Trübe scheint zu versinken, sich zu verflüchtigen, sich in eine himmlische Bläue aufzulösen.

Nun ruht das Firmament wie ein seidenes Zelt auf den beschneiten Gipfeln. Und in der tiefen Windstille dieses Thalkessels, unhörbar und unsichtbar, hebt die Luft ein wundersames Spiel an. Sie fließt von der blauen Kühle der Felsenwände herab und bringt den Hauch des Schnees mit sich; sie legt sich auf die sonnigen Matten hin, wo sie an den späten Blüten würziger Kräuter nippt, und schwebt erwärmt empor, um sich mit dem feuchten Atem der Wälder vollzusaugen, streicht über die taufunkelnden Wipfel, in deren Schatten sie sich erfrischt, bis sie wieder herabsinkt und auf dem Spiegel des Sees hingleitet, trunken von Düften, von allen zarten Gaben des Waldes, der Wiese, des Wassers. In diesem Spiel wird sie zu einem reineren, leichteren, freudigeren Element; man atmet sie, man überläßt sich ihr, geneigt, an alles zu glauben, wovon die hohen und einsamen Geister geträumt haben, wenn ihre Stimmung lauter, frei und spielerisch war wie die Luft des Hochgebirges.

*

Wir fahren im Boot; Pipin rudert, Elmenreich sitzt ihm gegenüber und steuert. Als Pipin bemerkt, daß Elmenreich ungewöhnlich guter Laune ist, fängt er gleich an: »Aber nicht wahr, Herr Doktor, zeigen wenigstens darf ich Ihnen die Vorarbeiten zu unserer Zeitung? Wenigstens ansehen werden Sie sich ein paar Blätter?«

Elmenreich, zwischen Aerger und Gelächter: »Gott steh mir bei, was für eine Wanze hab' ich mir in diesem Pipin zugezogen! Wenn ich gewußt hätte, daß der Besuch da oben mir so teuer zu stehen kommen sollte --«

Pipin hört auf zu rudern, legt seine Hand auf Elmenreichs Knie und sagt überredend: »Eines dürfen Sie aber nicht leugnen, Herr Doktor: der Meister hat Dinge gesagt, die -- die Ihnen aus der Seele gesprochen waren, Dinge, die einen Eindruck auf Sie gemacht hätten, wenn Sie sich nicht absichtlich widersetzt hätten!«

Elmenreich wird sehr aufmerksam. Er richtet einen scharfen Blick auf Pipin. »Dinge, die mir aus der Seele gesprochen waren? Ich verstehe nicht ganz, Pipin -- was für Dinge denn?«

Pipin, arglos: »O verstellen Sie sich nicht, Herr Doktor! Ich habe es ganz gut bemerkt, daß Sie wenigstens über den ersten Teil seiner Rede etwas -- etwas betroffen waren. Wie hätte das auch keinen Eindruck machen sollen, da es doch nur Ihretwegen gesprochen wurde, sozusagen auf Sie gemünzt war --«

Elmenreich: »Also das war's! Eindruck sollte auf mich gemacht werden! Man weiß die Stelle, wo ich verwundbar bin, und da läßt man auf diese Stelle zielen. Lieber Pipin, sagen Sie dem Grafen, daß er sich verrechnet hat. Er mag mich für einen Ertrinkenden halten, meinetwegen -- aber daß er glaubt, er könne mich mit seinen ausgedroschenen Strohhalmen zu sich an's Land ziehen, das ist einfach komisch. Das Land, auf dem er sitzt, ist keine Gegend für mich, sagen Sie ihm das; lieber kämpfe ich mein ganzes Leben lang mit Wellen und Winden, bevor ich dort vor Anker gehe. Wenn man ausgefahren ist, um einen neuen Weltteil zu entdecken, darf man nicht vor dem hohen Meer bange werden ... O diese Weltumsegler! Es geht ihnen umgekehrt wie dem Kolumbus: sie verkünden mit Triumph, daß sie eine neue Welt entdeckt haben, und bemerken gar nicht, daß sie in den wohlbekannten alten Hafen eingelaufen sind, wo schon seit längeren Jahrtausenden alle abgetakelten und seeuntüchtigen Herrschaften zu landen pflegen.«

Er war sehr vergnügt geworden. Etwas wie Stolz funkelte in seinen Augen; unter seinem mächtigen Bart kräuselten sich seine Lippen in einem mutwilligen Lächeln.

Als er Pipins niedergeschlagene Miene bemerkte, klopfte er ihm auf die Schulter:

»Na Pipin, Kopf hoch! Sie sind als Lotse ausgeschickt worden, um ein vermeintliches Wrack einzuholen, und Sie finden ein gutes Fahrzeug, das seinen Kurs fortsetzt -- da haben Sie keine Ursache, Trübsal zu blasen, alter Schwede!«

Ein gutes Fahrzeug, das seinen Kurs fortsetzt! War das wirklich derselbe Elmenreich, der bisher das Leben unter der Perspektive seiner Wertlosigkeit betrachtete?

Ich konnte mich nicht enthalten, eine Anspielung darauf zu machen: »Aber damals, als wir zum Fest des ersten Versuches unterwegs waren, haben Sie ganz anders geredet, Elmenreich!«

Er sah mich groß an, und verstand zuerst gar nicht, was ich meinte. Pah, eine momentane Verstimmung! Sollte man etwa für jedes Wort einstehen, das man in einem Moment des Verdrusses von sich giebt? Als ob man immer das ganze Programm seiner Existenz auf den Lippen hätte!

Ja aber -- wonach könne man einen Menschen sonst beurteilen, wenn nicht nach seinen Aeußerungen?

Man solle eben nicht ewig »beurteilen« wollen --

Also nicht beurteilen, sondern sich eine Vorstellung von ihm machen, von den inneren Zuständen seiner Seele --

Aber Elmenreich war entschieden nicht gesonnen, sich seine Laune durch Reminiszenzen verderben zu lassen. Die Gelegenheit war zu günstig; nun ließ er sich die Zügel schießen. Er begoß den unglücklichen Tänzer mit der Lauge seines Spottes; er sprudelte von witzigen Einfällen und vernichtenden Bosheiten über, und ergötzte sich selbst so sehr an dem Feuerwerk, das er hervorbrachte, empfand eine so große Lust an dem glänzenden Spiel seiner eigenen Gedanken, daß er ganz das Aussehen eines freudigen, selbstbewußten, hochgemuten Menschen bekam, der das Leben als ein königliches Kampfspiel aufnimmt und seinen Platz siegreich behauptet.

* * *