Part 5
Die fürchteten sich aber keineswegs vor dem großen Vogel, stiegen von den Pferden, traten näher und schlugen vor Freuden die Hände über dem Kopf zusammen. Da war sie ja endlich, die verschwundene Krone! Und wie es seit Jahrhunderten vorausgesagt worden war, lag sie im Schoße eines Kindleins, eines Knäbleins. Einer der Männer hob Mäxlein vom Boden auf, setzte ihm die Krone auf seinen dicken, blonden Lockenkopf und alle riefen nun laut: »Hoch lebe unser kleiner Kronprinz, unser zukünftiger König!«
Die Eltern, die der Lärm aus dem Hause gelockt hatte und denen die Reiter nun alles berichteten, konnten sich vor Staunen und freudigem Schreck nicht fassen. Aber sie begannen doch zu weinen, als einer der Männer nun ihren Knaben zu sich aufs Pferd hob und sie eilends mit ihm davonritten.
Aber Gevatter Langbein tröstete sie und sprach: »Ihr seht Euer Mäxchen bald wieder, denn auch Ihr müßt nun in die Hauptstadt ziehen und werdet in einem schönen Hause wohnen und herrliche Kleider tragen und in goldener Kutsche fahren. Ich fliege aber sogleich hinterher und weiche auch ferner nicht von Eures Knaben Seite.«
Mit großen Schritten eilte nun der Gevatter noch einmal ins Häuschen. Dort rieb er mit einem feuchten Waschlappen tüchtig seinen roten Schnabel, daß er schön blank weithin leuchtete, reinigte seinen schwarzen Gehrock von jedwedem Stäubchen und versteckte unter seinem linken Flügel ein Stück Brot, eine Bretzel und eine fette Leberwurst, die für das Frühstück des Bauern auf dem Tische bereit lagen. Er hatte nämlich erfahren, daß es an Königshöfen mit dem Essen gar oft nicht weit her sei.
Dann nahm er gerührten Abschied von den Eltern des zukünftigen Königs Max und heidi -- gings im Fluge der Großstadt zu.
Rechtzeitig langte er im Schlosse an, um der feierlichen Handlung beiwohnen zu können. Dort waren die Königin, Minister, hohe Herren und Damen und viel Volks um Mäxchen versammelt, der auf seidenen Windeln in einem goldenen Korbe thronte. Hinter dem Korbe stellte der Gevatter sich auf und machte sein allerwürdigstes Gesicht. Nun sprach der Minister: »Geehrte Anwesende! Unsere Sehnsucht ward erfüllt. Dem Lande wurde der erhoffte Kronprinz bescheert. Das geweissagte Wunder ist geschehen. Hoch unser kleiner Kronprinz Max!«
»Hoch! Hoch! Hoch!« jauchzte es durch den Saal.
Da wurden einige Stimmen laut und riefen: »Wie geschah denn das Wunder? Laßt es uns wissen.«
Alles schwieg.
Endlich trat Langbein vor, verneigte sich und erzählte wie er dem Kindlein die Krone gebracht habe.
Laut jubelte das Volk. Aber einige Stimmen erhoben sich dagegen und riefen: »Wo ist denn da das geweissagte Wunder? Das ist doch ganz natürlich zugegangen. Es ist der rechte Kronprinz nicht.«
Schreiend umdrängte das Volk den goldenen Korb.
Niemand sah das listige Schmunzeln in Langbeins Zügen.
Niemand sah, wie Langbein mit seinem Schnabel die Windeln ordnete, wie Langbein mit seinem Schnabel unter seinem linken Flügel einen Gegenstand hervorzog und denselben schnell unter Mäxchens kleinem Hinterteil versteckte.
»Es ist der rechte Kronprinz nicht!« »Er ist es doch!« so riefen alle durcheinander. Da begann das Kind bitterlich zu weinen. Endlich erbarmten sich die Hofdamen seiner, hoben ihn empor und -- starrten wie gebannt in den Korb hinein.
»Das Wunder!« »Da ist es ja, das Wunder!« riefen sie.
In Mäxchens seidenen Windeln lag eine schöne, blanke Leberwurst.
»Hoch! Hoch!« riefen nun alle Anwesenden und verneigten sich tief vor dem Kinde.
»Er ist der rechte Kronprinz! Das geweissagte Wunder, hier ist es! Noch nie fand man in den Windeln eines Kindes eine Leberwurst.« Der Jubel wollte kein Ende nehmen.
Endlich traten die Minister zusammen, besprachen sich heimlich und hingen dann feierlich um Gevatter Langbeins Hals das Großkreuz des silbernen Piepvogelordens.
Das Lied der Mutter.
Friedel war ein lieber, lieber Bub, den alle Leute gut leiden mochten. Immer war er freundlich und lustig wenn er mit seinen Spielkameraden zusammen war. Schon von weitem hörte man sein helles Lachen. Nur, wenn er allein im Zimmer saß, oder in der Laube hinten im Garten, oder am Bach, wo die Fischlein springen, da wurde er oft ganz still und traurig und mußte weinen. Dann dachte er an sein Mütterlein, das er so lieb gehabt hatte, so lieb, wie man gar nicht beschreiben kann, und das nun nicht mehr bei ihm war, weil der liebe Gott es zu sich in den schönen Himmel genommen hatte. Solch ein Mütterlein, wie sein Mütterlein gewesen war, hatte kein anderes Kind das wußte er immer besser, je älter er wurde. So schön war Mutter gewesen, wie ein Engel. Und so herrliche Lieder hatte sie gesungen den ganzen Tag, wie die Vögel im Walde es tuen. Des Abends hatte sie ihn in den Schlaf gesungen mit einem Lied, das war eigentlich gar kein Lied, es war wie ein süßer Hauch. Es hatte keine Worte gehabt -- nur Töne, aber nie wieder hatte er ein so schönes Lied gehört. Den Anfang hatte er wohl behalten und summte ihn oft vor sich hin, wenn er ganz allein war. Aber wenn er an eine bestimmte Stelle kam, dann wußte er nicht weiter. Dann quälte er sich und suchte in seinem Kopfe nach den fehlenden Tönen, aber er fand sie nicht und war sehr traurig darüber. Als er größer wurde, zeigte es sich, daß er der Mutter Talent für die Musik geerbt hatte. Mit Leichtigkeit lernte er die Noten, die auf dem Papier die Töne darstellen, und lernte sie auf dem Klavier zu spielen und sie zu singen.
Nun suchte er in allen Musikheften, ob er nicht in einem von ihnen das Lied der Mutter fände. Er suchte, suchte, aber fand es nicht. Da weinte er oft bitterlich.
Das sah nun sein Mütterlein im Himmel droben und hatte keine Ruhe, weil ihr Kind sich so sehr grämte und sie ihm nicht helfen konnte. Darum bat sie den lieben Herrgott: »Bitte, bitte, laß mich nur solange wieder hinunter auf die Erde, bis ich dem Friedel mein Wiegenlied gelehrt habe. Er kann es ja nirgends finden, mein armer Bub. Es steht ja nirgends geschrieben. Ich habe es mir ja selber für ihn ausgedacht.«
Als der liebe Gott den Schmerz der Mutter sah, sprach er: »Dein Sohn soll nicht länger weinen. Schwebe in der Nacht zu ihm hinunter und singe ihm Dein Liedchen vor.«
Ueberselig war da die Mutter und bedankte sich bei Gott Vater.
Als die Nacht kam, saß die Mutter als schöner, lichter Engel an Friedels Bett und sang ihm das Lied so lange vor, bis auch er es bis zu Ende singen konnte. Wie selig war da Friedel! Aber am Morgen, als er erwachte und sah, daß er ganz allein war und merkte, daß alles nur ein Traum gewesen, versuchte er wenigstens das Liedchen zu singen, wie er es im Traume so schön gekonnt hatte. Da mußte er nun erst recht bitterlich weinen, denn mitten im Gesang blieb er stecken. Den Schluß hatte er wieder vergessen. Oben im Himmel aber saß seine Mutter traurig auf einem Wolkenkissen und dachte darüber nach, wie sie ihren Friedel von seinem Kummer erlösen könnte.
Da vernahm sie ein leises Rauschen in den Lüften, und als sie aus dem Himmelsfenster schaute, sah sie, daß ein feiner Regen zur Erde niederging. »Ihr Regentröpfchen!« sprach sie, »die Ihr die Erde befruchtet, daß sie Blüten und Früchte trägt, die Ihr den Menschen so viel Segen bringt, bringt meinem Friedel das Lied seiner Mutter.«
Und sie neigte sich weit aus dem Himmelsfenster hinaus und sang den Tröpflein ihre Melodie vor.
Die trugen sie hinunter zur Erde und: »Punk -- punk! Punk -- punk!« hörte es Friedel in die Dachrinne und gegen die Fensterscheiben schlagen und dachte: das klingt mir doch so bekannt -- wie ein Lied! --
Daß es das Lied seines Mütterleins war, das verstand er nicht.
Da verzweifelte die Mutter im Himmel und in ihrer Not bat sie den Abendwind, sich ihres Friedels anzunehmen, ihm ihr Schlummerlied vorzusingen. Der lauschte aufmerksam ihrem Gesang und versprach, sein Bestes zu tun.
In den Aesten der großen Linde vor Friedels Zimmerchen rauschte und flüsterte er und hatte keinen Ton des schönen Liedes vergessen. Wohl horchte Friedel auf und dachte: Heute weht der Wind einmal schön! Aber das Lied der Mutter erkannte er nicht.
Da winkte die Mutter einem Zug Schwalben, der am blauen Himmel hin und wieder flog. Die Vöglein kamen gehorsam herbei und ließen sich von dem Leid des schönen Engels erzählen. Dann steckten sie ein Weilchen die Köpfe zusammen und wippten mit den Schwänzen und endlich zwitscherten sie: »Wir erfüllen Deine Bitte ganz gewiß. Wozu nennt man uns denn sonst die Liebesboten? Wenn Friedel auch unseren Gesang nicht versteht -- wir machen uns ihm auch anders verständlich. Wir kennen die Welt und ihre Einrichtungen ja so genau. Sei nur ganz ruhig und baue auf uns!«
Am nächsten Tage lag Friedel im Garten auf dem Rasen und träumte in die blaue Luft hinein, in der die Schwälblein munter singend hin und her huschten. Aber er hörte nicht auf ihren Gesang. Er war in Gedanken wie so oft mit Mütterleins Lied beschäftigt und summte erst leise, dann immer lauter die ihm bekannten Töne, und es war, als wenn das Lied eine Leiter wäre, auf der er höher, immer höher zum Mütterlein steigen könnte. Aber plötzlich konnte er nicht weiter, das Lied brach mitten drin ab, die Leiter war zu Ende. Vor Kummer schlug er nach den Blumen im Grase und biß mit den Zähnen in die Halme. Endlich aber blickte er wieder unverwandt sehnsüchtig in die Wolken hinauf. Da bemerkte er über sich die langen Linien der Telephondrähte und wünschte in seinem Herzen, daß solch ein Draht doch auch in den Himmel hinaufführen möge. Wie schön wäre das! Dann würde er den ganzen Tag über mit Mutter telephonieren und den Hörer gewiß erst wieder anhängen, wenn es Abend wäre und er ins Bett müßte.
Er konnte den Blick nicht von den blanken Drähten abwenden, auf denen sich eben die Schwälblein niederließen. Nun saßen sie einzeln und in kleinen Gesellschaften beieinander im Sonnenschein und rührten sich nicht, und sangen nicht. Ordentlich feierlich still war es in der Luft. Gebannt hing Friedels Blick an all den schwarzen Punkten auf den dünnen Linien.
»Ei, das sind ja richtige Noten,« rief er aus und sprang vom Boden auf. »Das ist ja, das ist ja!« Jetzt sang er selig die Noten nach. Dann klatschte er in die Hände und jubelte laut: »Das ist ja Mutters Lied!« Und die Vöglein saßen ganz still, bis Friedel das Lied so oft gesungen hatte, daß er es ganz genau kannte. Da winkte er ihnen selig zu und rief: »Habt Dank, habt Dank, Ihr lieben Schwälblein, nun vergesse ich es niemals, niemals wieder!« Und Mutter droben im Himmel war nun ganz glücklich, daß ihr Friedel sich nicht mehr zu grämen brauchte und immer, wenn er sein Liedel so recht von Herzen sang, daß Blumen, Vögel und Menschen ihre Freude daran hatten, stimmte Mütterlein glücklich mit ein, und bald sangen alle Englein im Himmel es mit. Die Schwälblein aber sind zwitschernd von dannen geflogen. Und eines ist an mein Fenster gekommen und hat mir die ganze schöne Geschichte erzählt.
Die Nesselhexe.
Es war im Lande der blauen Sterne. Wohin man blickte, schauten sie vom Boden auf wie Tausende lieber, blauer Kinderaugen. Als wäre ein Stück des Himmels zur Erde gesunken, so sahen die breiten, breiten Felder des Flachses aus, und die Menschen, die ihn gesät hatten, waren glücklich, denn sie wußten nun, daß sie eine reiche Ernte haben würden. Sie waren arme Weber und bauten sich selber den Flachs, aus dem sie die schöne, glatte Leinewand herstellten. Aber die Freude der armen Leute wurde vernichtet. Krieg überzog das Land. Wilde, berittene Soldatenhorden rasten über die Felder, über die blauen Sterne hin und scharfe Pferdehufe zertraten die Hoffnung der Webersleute. Da ging ein Jammern und Wehklagen durch die Hütten. Weinend standen Männer und Weiber vor den zertrampelten Feldern und manch wilder Fluch wurde zum Himmel geschickt. Die sonst fromm und gläubig gewesen waren, zürnten dem Herrgott und verlernten das Beten. Nur die Gret, die junge Witwe, die mit ihren beiden Kindern hinten am Waldesrande in einer winzigen Hütte wohnte, fluchte und jammerte nicht. Sie weinte nur heimlich und still vor sich hin, wenn sie an kommende Tage des Elends und der Not dachte. Auch ging sie fleißig zur Kirche wie bisher und betete zu Gott, daß er ihr helfe und sie und ihre Kleinen vor dem Hungertode bewahre. Abends las sie eifrig in dem Gebetbuche, das sie von ihrer seligen Großmutter geerbt hatte. Eines Tages, als sie es wieder zur Hand nahm und es aufschlug, fand sie darin einen vergilbten Zettel, den sie in den langen, langen Jahren noch niemals gesehen hatte. Auf dem stand von unbekannter Hand geschrieben: »Bete und arbeite«.
Lange saß die Gret und dachte nach, woher diese Mahnung wohl kommen mochte, bis es ihr klar wurde, daß Gott sie ihr gesandt haben mußte. Von diesem Tage an war sie noch fleißiger im Gebet und in der Arbeit. Es nahte die Zeit der Beerenlese. Da zog sie früh mit ihren Kindern aus und sammelte mit ihnen am Bergeshang in glühendem Sonnenbrand lachende Erdbeeren, Heidelbeeren und Himbeeren, die sie in der nächsten Stadt für schönes Geld verkaufte. Dafür erwarb sie dann Brot zum Lebensunterhalt.
Aber die Leute im Dorfe wunderten sich, daß sie so zufrieden blieb und niemals dem Herrgott wegen ihres Unglückes zürnte, und verhöhnten sie darum.
Als der Sommer zu Ende ging und sie nun wohl zum letzten Male Beeren suchte, hörte sie hoch oben in den Felsen ein jammervolles Klagen. Sie suchte und fand ein Ziegenböckchen, das sich verstiegen hatte und mit gebrochenem Fuß im Grase lag. Behutsam trug sie es heim, machte ihm im Schuppen neben der Hütte ein weiches Lager und kühlte liebevoll das schmerzende Glied. Die Nachbarn kamen und schlugen die Hände zusammen und lachten und riefen: »Was willst Du denn mit dem Elendswurm? Das wird doch nie wieder gesund und Milch gibt es doch auch keine, weil's ein Bock ist.«
Aber die Grete kehrte sich nicht an ihre Reden und sorgte weiter liebevoll für das Tierchen.
Am Tage trug sie es zum Wiesenrain und ließ es dort grasen und oft, wenn es in der Nacht vor Schmerzen jammerte, sprang sie aus dem Bett, um ihm das Bein zu kühlen. Eines Nachts, als das Böcklein ganz besonders schmerzlich klagte, eilte sie flink zu ihm in den Schuppen und dachte nicht anders, als daß ihre Augen verzaubert wären. Golden leuchteten die Hörner des Böckchens aus der Tiefe des Stalles ihr entgegen, und leuchtend heller Schein lag hinter dem Tierchen. Als sie zitternd näher trat, öffnete es das rosige Schnäuzchen und sprach: »Gret, brave Gret! Achte auf das, was ich nicht fresse, und denke, es wäre Flachs!« Sogleich wurde es dunkel im Stalle und auch die Hörner des Ziegenbockes leuchteten nicht mehr golden. Um Mittag trug sie wie immer das Zicklein hinaus zum Wiesenrain, ließ es äsen, legte sich selber daneben ins Gras und paßte genau auf. Da bemerkte sie, daß es gierig alle Gräser und Halme und Blättlein fraß, aber eine Pflanze ließ es stehen, die rührte es gar nicht an. Das war die Brennessel. Am nächsten Tage geschah es ebenso und auch am nächstnächsten. Da dachte die Gret: Die Brennessel ist's, von der ich denken soll, sie wäre Flachs. Wo sie nun ging und stand, sammelte sie Brennesselpflanzen und trug sie heim und behandelte sie ganz genau, wie sie es sonst mit dem Flachs gemacht hatte, und als sie dann die Stengel genau betrachtete, da sah sie innen darin genau solche graue Fäden wie im Stengel des Flachses. Da wußte sie, wie reicher Ersatz ihr nun für die verdorbene Leinernte beschert worden war und sie jubelte vor lauter Glück und dachte sogleich an ihre vielen, vielen Leidensgenossen, an die anderen unglücklichen Weber, und zeigte ihnen ihre Entdeckung. Die aber lachten sie laut schallend aus und verhöhnten sie wieder und riefen: »Mach nur zu! Das wird ein feines Zeug werden, Dein Nesselgespinst!«
Die Gret ließ sich jedoch nicht beirren und sammelte fleißig weiter die verachtete Brennessel. Als der Winter ins Land zog, sahen die Leute mit Erstaunen die Gret am Fenster sitzen und spinnen. Sie schüttelten die Köpfe und tuschelten untereinander, die Gret wäre wohl verrückt geworden -- sie wolle Brennesseln spinnen.
Um Weihnachten hörte man aus dem Häuschen der Gret tagaus, tagein das Klappern des Webstuhles -- in allen anderen Hütten stand er still. Um so lauter gingen die Zungen der Weberleute mit Schimpfen und Schelten.
Der Winter nahm seinen Abschied mit Sturmgebraus. Heißer wurden die Strahlen der Sonne und beschienen auf der Wiese vor Grets Häuschen breite Streifen selbstgewebten Zeuges, die die Gret dort zum Bleichen hingelegt hatte. Mit ihrer Gieskanne ging sie hin und her und begoß den Stoff und die Sonne tat ihre Schuldigkeit und bleichte das Gewebe, bis es weithin leuchtete, weil es so wunderbar weiß geworden war wie die allerschönste Leinewand. Als das die Leute im Dorfe sahen, ergriff sie wilder Neid. Wütend drohten sie der Gret mit den Fäusten über den Zaun hinweg und schrien: »Das geht nicht mit rechten Dingen zu! Da ist Zauberei dabei!« Und sie nannten sie von nun an »die Nesselhexe«. Aber die Gret ließ sie reden und war ihnen nicht böse darum. Im Gegenteil! Sie bot ihnen freundlich an, ihnen zu zeigen, wie sie es machen mußten, um aus der verachteten Nessel so schönes Zeug zu gewinnen. Aber sie hörten nicht auf ihr freundliches Angebot und liefen scheltend von dannen.
Die Gret war nun im siebenten Himmel mit ihren beiden Kinderlein. In der Stadt war sie alsbald berühmt für ihre schönen Nesselstoffe und bekam hohe Preise für dieselben bezahlt, denn durch das Kriegsunglück konnte man sonst nirgends welche kaufen. Sie wurde bald eine reiche Frau. Konnte eine Kuh kaufen, die ihr ein Kälbchen brachte, konnte ein Schweinchen mästen und Hühner anschaffen und wäre nun ganz glücklich gewesen, hätte sie bei den anderen Dorfbewohnern nicht so viel Elend und Unglück sehen müssen. Oft versuchte sie es ganz schüchtern, sie zur Verwertung der Brennesselfaser zu bewegen, aber immer vergebens, und nicht selten hörte sie sie hinter sich herrufen: »Nesselhexe! Nesselhexe!«
Was aber alles gute Zureden und alle Liebe der Gret nicht vermochte, das erreichte endlich die liebe Eitelkeit bei den Leuten. Als eines Tages, wie jetzt immer, alle Dorfbewohner in schäbigem, zerfetztem Gewand zur Kirche kamen, erschienen Gret und ihre kleinen Mädchen in herrlichen neuen, seidenglänzenden Kleidern. Da reckten die Leute die Hälse und sperrten vor Neid und Staunen die Mäuler auf und konnten sich nicht sattsehen an den feinen Stoffen. Als der Gottesdienst vorüber war, schlichen sich die Dorfkinder leise an Grets Kinder heran, befühlten ihre feinen Kleider. Und auch die Frauen traten herzu und betrachteten mit großen, glänzenden Augen den Feststaat der Gret. Anderen Tages erschien in Grets Hütte eine eitle Frau, um ihr Geheimnis zu erfragen, am nächsten kamen gar vier und so wurden es immer mehr. Sie sagten, ihre Kinder hätten ihnen keine Ruhe gelassen, sie wollten auch so schön gekleidet gehen. Im Grunde war es aber nur die liebe Eitelkeit, die sie dazu zwang -- sie gestanden es nur nicht ein.
So kam es, daß im nächsten Sommer alle Einwohner des Dorfes Brennesseln sammelten, um daraus schöne Stoffe zu machen -- daß nun alle Not ein Ende hatte.
Die Gret hieß nun aber nicht mehr »die Nesselhexe«. Sie wurde weit und breit geachtet und geliebt.
Ihr Ziegenböcklein aber, das ihr so viel Glück ins Haus gebracht, hat sie hoch in Ehren gehalten und liebevoll gepflegt bis zu seinem Tode.
Das Guckerohr.
Was man ein Sonntagskind nennt, das wißt ihr Kinder ja schon lange und auch, daß ein solches sieht, hört und erlebt, was andere Menschenkinder nicht sehen, hören und erleben.
Heute will ich Euch einmal erzählen, was einem Sonntagskinde an einem schönen Sommermorgen im Walde begegnete.
Flipsius war schon ein älterer Herr, aber noch gesund und munter, seines Zeichens Glasschleifer.
Im Winter saß er fleißig hinter dem Tische in seiner Werkstatt und schliff die herrlichsten Glassachen.
Wenn aber der Frühling ins Land kam, Berge und Täler das schöne grüne Kleid mit den bunten Blümlein darin anzogen, dann duldete es Flipsius nicht mehr zu hause.
Dann zog er aus in Gottes Wunderwelt und lauschte und horchte und äugte, daß ihm ja keine von allen ihren Schönheiten entginge.
Es war im Hochsommer vor Sonnenaufgang, da griff Flipsius zum Wanderstabe und schlich zum Hause hinaus. Er wollte einmal sehen, wie es in aller Herrgottsfrühe draußen in der Natur zugeht. Mit ganz leisen, vorsichtigen Schritten, daß er ja in der Dämmerung kein Würmchen und kein Blümlein zertrete, betrat er den grünen Wald.
Da war es so still wie in der Kirche. Unter grünen Farnblättern schliefen Eidechsen und Frösche. Behutsam verkroch er sich unter die breiten Blätter des Huflattich und wartete geduldig. Endlich erscholl von der höchsten Spitze einer Tanne der leise Pfiff eines Vögleins -- und wieder -- und noch einmal.
Da reckte Flipsius vorsichtig die Nase aus seinem Versteck hervor, roch die würzige Morgenluft und sah allzugleich, daß Frau Sonne mit ihren ersten, rosigen Strahlen die Kronen der Bäume streichelte.
Wups verkroch er sich wieder hinter die Blätter. Er wollte ja sehen, aber selber nicht gesehen werden.
Jetzt ließen schon mehrere Vöglein ihre Stimme erschallen und als gar ein Nußhäher mit lautem Schrei sein Erwachen ankündigte, da wurde es rings lebendig.
Dicht neben Flipsius regte es sich. Eine Amsel kam geschäftig dahergetrippelt und machte sich mit Klopfen und Pochen an der breiten Spalte in der Rinde einer morschen Eiche zu schaffen bis aus dem Innern des Stammes ein feines Stimmchen antwortete.
Da bog Frau Amsel mit ihrem Schnabel ein Farnkraut beiseite, das den Eingang versperrte und heraus schlüpfte ein Elflein zart und rosig, rieb sich die Augen, gähnte recht herzhaft und schaute umher, ob auch kein Lauscher in der Nähe sei.
Dann hüpfte es vergnügt zu einem großen Fliegenpilz, in dessen Mitte sich eine Menge Tautropfen gesammelt hatten, ließ das Hemdlein aus allerfeinstem Nebelbatist herunter bis auf die zarten Füße und wusch Gesicht, Brust und Arme, daß es eine Lust war.
Flipsius lächelte und hielt den Atem an -- es sah ja gar zu lieblich aus.
Als nun das ganze Geschöpfchen schön sauber war bis hinter die winzigen Ohren, griff die kleine Elfe zum Handtuch aus Spinnengewebe, das nebenan auf einer Distelstaude hing und trocknete und rieb sich ab; zuletzt kamen die Aeuglein daran. Da stieß sie einen gellenden Schrei aus, so daß Flipsius sich vor Schreck beinahe verraten hätte, hielt beide Hände vor's Gesicht und rief: »Mein Auge! Oh mein Auge! Helft mir doch! Herbei! Herbei!«
Da kamen von allen Seiten viele, viele andere Elflein herbeigeeilt, besahen das kranke Auge, betrachteten das Handtuch, das an dem Schmerz schuld sein sollte und rangen ratlos die Hände.
Endlich erschien Frau Amsel, brachte auf einem Frauenmantelblatt kühlenden Morgentau für das geschwollene Auge und sagte: »Ich hole den Doktor Humpelpumpel. Mit Eurem Heulen und Zetern ist da nicht geholfen!« und flog eilends davon.
Nun konnten die kleinen Elflein sich nicht genug tun mit Bedauern und Streicheln und »ach! und oh!«
Die arme Kranke saß mitten unter ihnen auf einem Baumstumpf und weinte bitterlich. Als dann endlich der Doktor Humpelpumpel kam, wußte Flipsius sogleich, daß er zum Geschlecht der Zwerge gehörte und warum er den Namen Humpelpumpel führte. Er hatte einen kurzen Fuß und humpelte ganz fürchterlich. Dafür aber hatte er eine riesengroße, spitze Nase und sah dadurch sehr gescheit aus. Er besah sich sofort das kranke Auge, runzelte die Stirne, pfiff durch die Zähne und lachte.
»Da haben wir ja schon den Schaden! Einen Augenblick!« Mit spitzen Fingern griff er zu. Elflein schrie herzzerreißend.