Part 4
Zu ihren Füßen Vergißmeinicht, Verbenen und Heliotrop. Zu ihren Häupten nur den blauen Himmel -- so stand die stolze Lilie in strahlender Schönheit inmitten eines herrlichen Parkes. Kerzengerade stand sie da, Tag und Nacht, edel und schön. Morgens schmückten sie unzählige Edelsteine -- der Nachttau war's, der sich leise auf sie niedergelassen hatte. Mittags kleidete der Sonnenschein ihre schlanke Gestalt in goldene Gewänder. Und wenn die Nacht zur Erde stieg, geschah es oft, daß das Mondenlicht die Holde in silberweiße Schleier hüllte. Das kleine Mädchen, das an der Hand einer lieben alten Frau auf den Wegen des Parkes dahintrippelte, stand oft mit gefalteten Händen vor der stolzen Lilie und konnte sich nicht sattsehen an ihrer Pracht. Eines Tages sagte das Kind: »Sieh, Großmutter, wie sie dasteht! Keine andere Blume hat eine so stolze Haltung, ein so köstliches Kleid und eine so wunder-wunderbare Krone. Ich glaube, sie ist eine Fürstin. Wir müssen sie verehren!« Und die Kleine hob mit beiden Händchen ihr Kleidchen und machte einen tiefen Knix vor der Blume und bat die Großmutter, es ebenso zu machen. Die lächelte -- dann verneigte sie sich tief vor der Fürstin unter den Blumen, ruhig und feierlich, wie alte Damen sich verneigen, wenn der Kaiser des Weges kommt. Seitdem hieß die schlanke Lilie nur »Die Fürstin« und Großmutter und Enkelin zeigten ihr ihre tiefe Verehrung durch eine Verbeugung, so oft sie vorübergingen.
Die Fürstin hatte aber auch noch andere Verehrer die Menge. Da war der weiche Südwind, der sie umschmeichelte und ihr seine Bewunderung ins Ohr flüsterte. Da waren die buntschillernden Schmetterlinge, die sie umgaukelten. Die großen und die kleinen Käferlein, die sie umsurrten. Surr -- surr! Sum -- sum! So ging es den ganzen Tag. Die Fürstin hatte ein Recht, stolz zu sein auf ihre prächtigen Gewänder, ihre herrlichen Juwelen und die vielen, vielen Verehrer.
Wenn der Winter in das Land zog, legte sie sich ruhig schlafen zusammen mit allen anderen Blumenkindern unter die weiche, linde Schneedecke. Sie wußte ja, der Sommer würde sie in alter, stolzer Pracht wieder erstehen lassen.
So war es einmal Spätherbst geworden und alle Blumen waren zur Ruhe gegangen. Da durchwandelten andere Leute laut und herrisch den schönen Park, Großmutter und die Kleine gingen nicht mehr darinnen umher. Ein Gärtner nahte mit schwerer Eisenschaufel und eine schrille Frauenstimme rief: »Hier müssen Rosen gepflanzt werden, viele feuerrote Rosen, damit die Vorübergehenden vor Staunen stehen bleiben. Fahren sie diese alte Erde hier fort und bringen Sie gute, neue dafür her.«
Der Gärtner holte eine Karre, schaufelte die Erde hinein, und mit ihr die Lilie, die jetzt in der unscheinbaren Knolle versteckt im Boden schlief. Er schob die Karre weit, weit fort in das Gebüsch, schüttete sie dort aus und ging von dannen.
Nun schlief die Fürstin ihren Winterschlaf in einem neuen Bette und wußte es nicht einmal, bis im Frühling alle Blumen erwachten und auch sie die Augen wieder aufschlug.
»Wo bin ich?« flüsterte sie. »Ist dies ein Gefängnis, daß es so dunkel um mich her ist, daß ich so ganz allein bin?«
Dunkle, dunkle Taxusbüsche beschatteten den Winkel, in dem die Fürstin nun wieder zum Leben erwachte, müde und traurig, denn hier gefiel es ihr gar nicht. Hier sah sie den blauen Himmel nicht. Kein Nachttau schmückte ihr Haupt mit Juwelen. Kein goldenes Sonnenkleid umhüllte sie mehr zur heißen Mittagsstunde. Um sie her am Boden lag in wüster Unordnung Schutt und Geröll. Und wo blieben Liebe und Verehrung, die bisher das Glück ihres Lebens ausgemacht hatten? Großmutter und Enkelin sah sie niemals wieder. Der laue Südwind konnte nicht mehr zu ihr gelangen. Lichtblaue und weiße Falter umgaukelten nun wohl andere Blumen -- zu ihr ins dunkle Gebüsch fanden sie nicht mehr den Weg.
Zitternd stand Fürstin Lilie einsam in der Verbannung und weinte bitterlich.
Da krabbelte und kraspelte es zu ihren Füßen. Unscheinbare braune Käferlein waren es, die einzigen Freunde, die ihr aus den Tagen ihres Glanzes in die Verbannung gefolgt waren. Sie wisperten und tuschelten ihr Worte des Trostes zu, aber Fürstin Lilie hörte nicht auf zu weinen. Ihr Leben war zu trostlos und öde geworden. Sie achtete gar nicht auf das Flüstern der kleinen Tierchen.
Eine armselige kleine Abwechslung gab es aber doch in dem Gefängnis für sie. Durch einen schmalen Spalt in dem dunklen Gebüsch konnte sie in die Ferne blicken. Da sah sie oft ein großes, schwarzes Ungetüm vorüberbrausen und hörte es laut fauchen und schnauben und stampfen. So schnell wie es gekommen war, verschwand es aber auch immer wieder. In einer besonders dunklen Nacht erwachte sie von den wilden Tönen, die das Ungetüm ausstieß, und war geblendet. Goldgelbe, silbernschillernde, rubinrote, himmelblaue Edelsteine spie es fauchend aus. Zu beiden Seiten des Weges sanken sie hin und waren dann nicht mehr zu sehen.
»Oh, könnte ich diese wenigstens haben, um mich in meiner Einsamkeit damit zu schmücken. Dann wüßte ich doch einmal wieder, daß ich die schöne Fürstin Lilie bin,« seufzte die Stolze. -- Das hörten die Käferlein -- die kleinen, unscheinbaren Käferlein. Ihnen war es ja bekannt, daß das Ungetüm die Eisenbahn war, und, daß die ersehnten Edelsteine die Funken waren, die die Lokomotive im Fahren ausspie. Gerne wollten sie den Wunsch der geliebten Fürstin erfüllen. So flogen sie denn am nächsten Abend ganz leise zu der Stelle, an welcher der Eisenbahnzug vorüberbrauste. Auf ihren kleinen braunen Rücken fingen sie jedes einen der schönen, schillernden Funken auf. Wohl tat es zuerst ein bißchen weh, aber das ertrugen sie gerne.
In Scharen kamen sie nun dahergeflogen, funkelnd in dunkler Nacht, und schwirrten hinein in den traurigen Winkel hinten im Gebüsch des Parkes, und schwebten im Kreise -- ganz leise, um Fürstin Lilie herum. Dann setzten sie sich ihr aufs Haupt, auf die schneeigen Schultern, die weißen Hände, und selig zitternd dankte ihnen die also königlich Geschmückte mit einem lieblichen Lächeln.
Und sehnt auch Ihr Euch einmal nach Fürstin Lilies Juwelen, dann sucht an warmen Sommerabenden in dunklen Büschen, im Grase am Wegesrande. Da werden sie Euch lieblich entgegenfunkeln und Euch umschweben, so wie sie Fürstin Lilie umschwebt haben -- die lieben, kleinen Glühwürmchen.
Der Wundergarten.
Brüderlein und Schwesterlein lebten in einer niedrigen Hütte mit Vater und Mutter. Brüderlein half dem Vater im Walde das Holz zu sammeln und es nach Hause zu fahren. Oder er lief mit ihm weit, weit über Land um Obst, Kartoffeln und Gemüse einzuhandeln und an andere Leute zu verkaufen. Schwesterlein aber blieb bei Mutter in der Küche, trocknete Schüsseln und Teller ab, schälte Kartoffeln und kehrte sogar schon die einzige Stube des Häuschens mit einem großen, struppigen Besen aus.
Wenn die Kinder fleißig gewesen waren, ging es ans Spielen. Dann holte Brüderlein seinen alten Baukasten hervor und baute die herrlichsten Festungen und Schlösser.
Schwesterlein legte ihr Püppchen »Wunderhold« zu Bett in eine große Zigarrenkiste ohne Deckel und sang ihm ein schönes Wiegenlied vor. War es aber Sommer und die Sonne schien so schön warm, dann spielten die Kinder auf der Wiese vor dem Häuschen und sprangen vor Freude in die Luft und wälzten sich im Grase und die Eltern freuten sich und lachten mit ihren Kindern um die Wette.
Nicht weit von dem Häuschen zog sich eine lange, hohe weiße Mauer hin. Herrlich grünende und blühende Bäume sahen stolz über dieselbe hinweg zu den Geschwistern herunter. Mal neigten sie vornehm kühl das Haupt, mal nickten sie den Kleinen freundlich zu. Auch flüsterten die Bäume eifrig miteinander. Sonst schien sich hinter der weißen Mauer nichts Lebendes zu regen. Eines Tages aber hörte Brüderlein mitten im Purzelbaumschlagen auf, setzte sich aufrecht ins Gras, hob den Zeigefinger in die Höhe und lauschte. Schwesterlein sprang vom Boden auf, ließ alle Blümlein aus ihrer Schürze fallen und flüsterte: »Horch!«
Aus dem Nachbarsgarten scholl jubelndes, seliges Kinderlachen. Da faßten die Geschwister sich an den Händen, liefen zur Mauer hin und versuchten dieselbe zu erklettern. Oh weh, es wollte nicht gehen! Vater und Mutter, die ihnen sicher geholfen hätten, waren fort auf Arbeit.
Endlich gelang es aber doch. Brüderlein nahm Schwesterlein auf seine Schultern, so daß es leicht hinaufsteigen konnte, und dann zog Schwesterlein Brüderlein an den Händen hinauf. Da saßen sie nun unter dem grünen, wehenden Blätterdach und sahen den ganzen blühenden Garten vor sich und den plätschernden Springbrunnen und die lachenden Kinder und waren stumm vor Staunen. Da waren kleine Knaben in weißen Höschen, die spielten mit einem prächtigen großen Hunde. Und kleine Mädchen in seidenen Kleidern schlugen mit blinkenden Schlägern nach rosenroten, himmelblauen und goldgelben Federbällen.
Dann sprangen sie lachend auf eine Bank zu und jedes Mädchen nahm zärtlich eine große Puppe mit blonden Locken in den Arm und tanzte mit ihr auf dem grünen Rasen. Und die Sonne schien noch schöner als sonst und die Vögel jubelten wie noch nie und als dann aus der Ferne eine silberne Glocke rief und die fremden Kinder ihr Spielzeug ergriffen und davon schwebten -- nur der Springbrunnen weiterplätscherte und die Bäume leise flüsterten, sahen Brüderlein und Schwesterlein sich ganz verdutzt an und glaubten, daß alles nur ein Traum gewesen wäre, und rutschten von der Mauer wieder herunter. Schwesterlein nahm sein Püppchen in den Arm, deren Kopf nur eine Kartoffel und deren Kleid ein Stück von Mutters Schürze war, und Brüderlein spielte mit den Karnickeln und waren seelenvergnügt. Am nächsten Tage scholl wieder das fröhliche Kinderlachen aus dem Nachbarsgarten zu ihnen herüber und wieder erkletterten sie die Mauer und erblickten die gleiche Herrlichkeit. Und so geschah es mehrere Tage fort. Da wurden die Kinder traurig, wenn sie in ihr ärmliches Heim zurückkehrten. Ihre billigen Kleider gefielen ihnen nicht mehr und an Puppe »Wunderhold« mit dem Kartoffelkopf und an dem alten Baukasten hatten sie keine Freude mehr. Sie erzählten nun den Eltern, was sie von der Mauer aus gesehen hatten. Und Brüderlein fragte: »Vater, warum haben es _die_ Kinder so himmlisch schön?« Und Schwesterlein sagte: »Wie können _denen_ ihre Puppen so schöne blonde Locken haben und Wunderhold hat keine!«
Da sah Mutter sehr traurig aus und Vater meinte: »Glück muß man haben, Kinder. Wer das Glück zu finden weiß, der hat's gut.«
Da gingen die Kinder aus, das Glück zu suchen. Jeden Nachmittag, wenn die Eltern zur Arbeit fort waren, schlichen sie sich leise aus dem Hause und liefen querfeldein und suchten und suchten, bis sie müde wurden und die Füße ihnen wehe taten. Das Glück hatten sie nirgends gesehen.
So gelangten sie eines Nachmittags in eine unbekannte Gegend. Still war es dort -- keine Seele war zu sehen. Sie standen vor einer hohen goldenen Gittertüre. Die öffnete sich lautlos ganz von selber und ließ die Kinder ein. Staunend traten sie in einen herrlichen Garten, der war noch viel, viel schöner als der Nachbarsgarten zu Hause und, was das Schönste war, Brüderlein und Schwesterlein waren die einzigen Kinder darin. »Hier ist unser Glück!« flüsterte Brüderlein. »Ja, ja, unser Glück!« stammelte Schwesterlein. Und sie nahmen sich bei der Hand und gingen von Blume zu Blume, von Busch zu Busch. Und sie betrachteten sich im Spiegel des Sees und schämten sich ihrer schlechten Kleider. Sie behängten sich mit blühenden Ranken und siehe da -- es wurden schöne seidene Kleider daraus. Und sie legten große grüne Blätter auf ihre Köpfe und diese wurden die allerschönsten Hüte.
»Das Glück, das Glück!« jubelten die Kinder. »Hier ist unser Glück!«
Und sie nahmen einen Apfel vom Boden und spielten damit und siehe da -- er wurde ein goldener Ball. Und sie bliesen die Samen der weißen Pusteblumen in die Luft und siehe da -- sie wurden rosenrote, himmelblaue und goldgelbe Federbälle. Mit einem dürren Zweiglein schlugen sie darnach und es wurde zum blinkenden Schläger. Endlich wurden die Kinder aber müde und setzten sich und Schwesterlein seufzte: »Hätte ich doch eine Puppe!«
Da nahm Brüderlein einen Apfel, steckte ihn auf ein Hölzlein und umwickelte es mit Schwesterleins Tüchlein. »Da, da hast Du eine!« sprach er. Kaum aber hatte Schwesterlein die Puppe im Arm, da schlug diese große, blaue Augen auf, die grünen Aepfelwänglein färbten sich rosig. Blonde Locken umringelten das Wachsköpfchen und Schwesterlein hatte nun eine ebenso schöne Puppe wie die kleinen Mädchen im Nachbarsgarten. Das war ein Glück! Die armen Kinder waren ganz betäubt und saßen wie Prinz und Prinzeßlein inmitten all des herrlichen Spielzeuges. Tiefer sank die Sonne und wollte bald der Welt gute Nacht sagen. Da erschrak Schwesterlein sehr, zupfte Brüderlein am Aermel seines weißen Wämsleins und rief: »Mutter!« und Brüderlein sprang auf und sah verstört um sich und schrie mit lauter Stimme: »Vater, Vater!«
Schnell packten sie die goldenen Bälle, die Federbälle, die Puppe in ihre Röckchen und liefen, was sie laufen konnten, zum goldenen Tor zurück. Lautlos öffnete dasselbe sich vor ihnen, aber -- als sie hindurchgeschlüpft waren, fiel es hinter ihnen mit lautem »Bum« zu. Im selben Augenblick fielen die herrlichen, seidenen Kleider von ihnen ab. Zu ihren Füßen lag statt der schönen Lockenpuppe die häßliche Puppe mit dem Apfelkopf, und statt der goldenen Bälle kollerten grüne Aepfel von dannen. Von den bunten Federbällen war nichts mehr zu sehen, aber in der Luft drehten sich ein paar feine, kleine Samenpinselchen der Pusteblume. Aus war's mit der ganzen Herrlichkeit -- mit dem endlich gefundenen Glück. Betrübt kamen die Geschwister zu Hause an und waren nun noch trauriger über ihre ärmlichen Kleider und das schlechte Spielzeug, als bevor sie in dem Wundergarten gewesen waren.
Sie wanderten auch noch öfters dorthin, freuten sich der seidenen Röckchen, des schönen Spielzeugs, aber immer wieder trieb die Sehnsucht nach den Eltern sie abends heim. Jedesmal aber mußten sie alle ihre herrlichen Schätze dort zurücklassen und die armen Kinderlein bleiben.
Da fielen ihnen die glücklichen Nachbarskinder wieder ein und sie dachten, ob sie wohl auch alle ihre schönen Sachen wieder hergeben müßten, wenn die silberne Glocke sie am Abend zu den Eltern zurückriefe.
Um dies zu erfahren, kletterten sie wieder mal auf die Mauer hinauf und sahen mit neidischen Augen dem Spielen der Kleinen zu. »Dürft Ihr das alles behalten?« fragte Brüderlein.
»Gewiß,« antwortete ein trotziger Junge, »das gehört uns doch, hier gehört uns doch überhaupt alles!«
»Auch wenn Du zu Deiner Mutter zurückgehst, auch dann hast Du das schöne Kleid an?« fragte Schwesterlein.
»Zu Mutter?« erwiderten die Kinder. »Wir haben ja gar keine Mutter.«
»Oder zu Eurem Vater,« meinten die Geschwister.
»Vater? -- Vater ist immer in der Stadt -- den sehen wir fast nie -- aber er ist sehr reich!«
Da war es, als wenn ein böser, kalter Wind aus dem Garten hinaufwehte, so kalt, daß Brüderlein und Schwesterlein sehr erschraken und schnell, schnell von der Mauer herunterkletterten und in ihr Häuslein zurückliefen.
Da saß Vater am Tische und las die Zeitung und Mutter flickte an einem Nachtröckchen von Schwesterlein. Da holte Brüderlein wieder seinen alten Baukasten hervor und Schwesterlein wiegte seine Wunderhold und es war so still und warm im Stübchen. Mit einemmal hörten die Kinder ein leises Singen, und als sie aufschauten, saß zwischen ihnen ein liebliches Wesen mit blonden Locken in einem rosenroten Kleide und lachte sie an.
»Wer bist Du denn?« fragten die Kinder ganz leise.
»Ich? Ich bin doch das Glück, Ihr kennt mich doch!« erwiderte die Lichtgestalt.
»Das Glück bist Du? Wie kommst Du denn dann hierher zu uns?« frug Brüderlein.
Da lachte das Glück hellauf und zwitscherte: »Ihr seid aber mal dumm, Ihr Menschlein! Ich war doch schon immer, immer hier an Eurem Tisch gesessen.«
Da sprangen die Geschwister auf und küßten Vater und Mutter und riefen: »Wir haben ja schon lange das Glück -- das Glück wohnt ja schon immer bei uns -- das Glück! Das Glück!«
Gevatter Langbein.
Trauer herrschte im ganzen Lande: Der junge Kronprinz war gestorben und hinterließ keine anderen Geschwister. Die Königin Mutter wollte schier vergehen vor Kummer, war es doch erst wenige Jahre her, daß sie den König, ihren Gemahl, begraben hatten, und nun stand sie ganz allein auf der Welt.
Dem Lande aber war die Hoffnung der Zukunft, der kleine Thronerbe, genommen. Was sollte nun werden?
Wohl gedachten einige Greise einer jahrhundertealten Weissagung, welche lautete: »Dem herrscherlosen Lande wird dennoch ein König erstehen. Das Knäblein, in dessen Schoße man dereinst die Königskrone finden wird, soll König werden. Und es wird ein Wunder geschehen.« Die jungen Leute aber lachten der alten Weissagung und schüttelten ungläubig die Köpfe in den Städten und auf dem Lande.
Die armen Bauersfrauen, an deren Schürze oft 3 und 4 Kindlein hingen, hatten inniges Mitleid mit der reichen und doch so armen kinderlosen Königin. -- -- -- -- -- --
In einer elenden Hütte am Waldesrande war eben ein Knäblein angelangt, das erste. Glückstrahlend lag die junge Mutter am Abend im Bette mit ihrem Kleinen und wollte eben einschlafen. Da regte sich's hinter der Kammertür. Eine große, schwarze Gestalt trat mit feierlichen Schritten herzu.
Die Frau meinte nicht anders, der Eindringling wäre einer der Paten des Kindes, der sich seinen schönsten Bratenrock angezogen hätte, um sie und den kleinen Jungen zu besuchen.
»Nur näher, nur herein, Herr Gevatter!« rief sie und winkte ihm freundlich mit der Hand.
Geschmeichelt trat der Gerufene näher und laut mußte die junge Mutter lachen. Der Storch war es, der alte, schwarze Storch! Der einzige, der in der Gegend nistete.
Der aber trat mit gravitätischen Schritten an das Bett und trug seinen langen, roten Schnabel stolz erhoben. »Herr Gevatter« hatte ihn noch niemand genannt. Durch das laute Lachen der Bäuerin waren die Nachbarsleute herbeigerufen worden. Die standen nun alle im Zimmer umher und lachten und freuten sich. Die Kinder aber jubelten: »Storch, Storch Steiner! Mit die langen Beiner! Der hat ja 's Mäxchen gebracht!«
Damals glaubten die Kinder noch an das alte Ammenmärchen, daß der Storch die Kinder bringt. Wir wissen heute ja längst, daß der liebe Gott die kleinen Geschwister schickt. Von dem Tage an hieß der schwarze Storch nur noch »Gevatter Langbein«. Und er war stolz auf den Namen und trug ihn mit Würde und Hoheit. Er benahm sich aber auch wie ein richtiger Gevatter. Wo Mäxlein war, da war auch er. Stand auf einem Bein neben der Wiege des Kindes und bewachte seinen Schlummer, und wenn die Mittagssonne zu heiß auf Mäxleins Gesicht schien, zog er mit seinem langen Schnabel ganz vorsichtig die Gardinen zu. So wuchs der Knabe fröhlich heran, treu behütet von Vater, Mutter und dem guten Gevatter Langbein. Dem machte es ganz besondere Freude, als das Kind die ersten Schritte machte. Da packte er's mit seinem Schnabel fest, fest hinten am Hemdenzipfel, und hielt es so vorsichtig und gut wie eine Mutter. Und Mäxlein jubelte und jauchzte und war seelenfroh mit seinem lieben Gevatter Langbein.
Dann kamen die trüben Wintertage, da konnte der kleine Max nicht mehr vor der Türe im Sonnenschein mit Ringelblumen und Kieselsteinen spielen. Da mußte er im Zimmer bleiben und langweilte sich. Das sah Gevatter Langbein und dachte ernstlich nach, wie er dem Kinde Unterhaltung verschaffen könnte. Endlich reiste er heimlich ab und ging auf die Suche nach schönem, blinkendem Spielzeug. Am Weihnachtsabend, als der Christbaum brannte, war auch der Gevatter plötzlich wieder da und trug in seinem Schnabel ein Körbchen mit den herrlichsten Geschenken: Bretzeln, Zinnsoldaten, Hampelmänner, Trompeten, -- alles lag in dem Körbchen und war für Mäxchen bestimmt. Das war ein Jubel ohne Ende und auch Langbein konnte sich vor Freude gar nicht lassen und sprang fröhlich klappernd auf seinen langen Stelzbeinen im Zimmer umher. Langbein hatte den kleinen Jungen eben allzu lieb. Darum war er auch nicht wie die anderen Störche im Herbst in südliche Länder gezogen. Er konnte sich von dem Kinde nicht trennen. Nun hatte Mäxchen Beschäftigung genug mit all den schönen Sachen. Die Bretzeln waren bald aufgezehrt, aber mit dem Hampelmann und den Soldaten ließ es sich zu schön spielen, und in die Trompete blies er mit vollen Backen wenn er auf Langbeins Rücken im Stübchen umherritt. Taterata!!
Endlich aber hatte auch diese Freude ein Ende. Der Hampelmann wurde zu alt und humpelte nicht mehr. Die Soldaten hatten im Kriege Köpfe, Arme und Beine verloren. Die Trompete hatte keine lustigen Töne mehr im Bauch, so sehr Mäxlein auch die Backen aufblies und hineintutete. Da weinte das Kind bitterlich. Das konnte der Gevatter nicht mit ansehen und ging schnell wieder auf Reisen. Weit, weit flog er bis in die Hauptstadt des Landes. Da sah er in den Schaufenstern der herrlichen Läden viel schönes Spielzeug, aber es sah alles so zerbrechlich aus. Das würde doch wieder nicht lange halten, meinte er. Er suchte nach etwas ganz besonders Schönem, Unzerbrechlichem. --
Im Schlosse sollte abends das Ordensfest stattfinden -- das einzige Fest, das seit dem Tode des kleinen Kronprinzen noch gefeiert wurde. Da wurden die prachtvollen Säle gekehrt, geschrubbt, gebohnt, daß sie abends schön sauber wären, und nach langer Zeit wieder zum ersten Male die Fenster zum Lüften geöffnet.
Neugierig umflog Gevatter Langbein das weite Schloß und blickte zu den Fenstern hinein. Was er da alles sah, blendete ihn schier. Das Schönste aber war ein blinkender, edelsteinleuchtender, goldener Gegenstand, der auf purpurrotem Kissen lag. Das war etwas für Mäxchen! Das mußte er haben. Leise, leise huschte Langbein durchs Fenster hinein, ergriff die leuchtende Königskrone und flog mit ihr in hohem Bogen weit über Seen, Flüsse und Berge zum Dorfe zurück. Nun hatte Mäxchen ein Spielzeug wie keines der anderen Kinder eines besaß, und unzerbrechlich war es auch, so viel er es auf dem Fußboden auch hin- und hertrudelte. Im Königsschlosse herrschte unterdessen die größte Unruhe. Die Krone war spurlos verschwunden. Laut jammernd liefen die Minister umher und heimlich flüsterten sie untereinander: »Das bedeutet das Ende! Unser Königreich ist verloren!«
Nur wenige, sehr alte Männer lächelten geheimnisvoll, gingen zur Königin und sprachen: »Gedenket der alten Weissagung, vielteure Landesmutter. -- Das Kindlein, in dessen Schoße die Königskrone gefunden wird, soll König werden. Und es wird ein Wunder geschehen. Gedenket dessen wohl und lasset nun im ganzen Lande nach diesem Kinde suchen. Der Verlust der Krone bedeutet uns Glück -- nicht Unglück.«
Da sandte die Königin berittene Boten aus, daß sie nach dem zukünftigen Könige forschten. Lange Zeit geschah es vergebens. Schon war der Sommer wieder ins Land gezogen und Königin und Volk wollten gerade die Hoffnung auf Erfüllung ihrer Sehnsucht aufgeben. -- Da geschah das Wunderbare: Ein kleines Häuflein von den Abgesandten der Königin ritt durch ein Dörflein und kam am Ende desselben vor eine arme Hütte. Da sahen die Männer ein eigenartiges Bild. Auf der Schwelle des Hauses saß ein kleiner Knabe und hielt einen blanken Gegenstand im Schoß. Neben dem Kinde aber stand gravitätisch auf einem Bein ein alter, schwarzer Storch und sah den Nahenden neugierig entgegen. --