Pilgerreise zur seligen Ewigkeit
Part 28
Als seine Tochter +Furchterfüllt+ den Sachverhalt erfuhr, wünschte sie mit ihrem Vater zu ziehen. +Verzagt+ sprach zu seinen Freunden: „Ihr wißt, wie es mit mir und meiner Tochter gewesen und wie beschwerlich wir mit unserm Zustand allen Gefährten gefallen sind. Mein und meiner Tochter Wille ist, daß unsre Verzagtheit und knechtische Furcht nach unserm Abscheiden von keinem Menschen mehr mögen besessen werden. Aber ich weiß wohl, daß sie sich nach meinem Tod von selbst wieder andern anbieten werden. Ach es sind, um es euch offen zu gestehen, Gespenster, die wir am Anfang unsrer Pilgerreise aufnahmen und die wir hernach nicht mehr loswerden konnten. Und sie werden auch ferner umherwandern und bei Pilgern Aufnahme suchen. Aber wir bitten euch, schließt ja die Türen vor ihnen zu!“
Zur bestimmten Stunde begaben sie sich an den Strom. Die letzten Worte von +Verzagt+ waren: „Fahr hin, Nacht! Willkommen Tag!“ Seine Tochter ging singend durch den Fluß; aber keiner konnte verstehen, was sie sang.
Bald darauf kam ein Bote in die Stadt, der nach Herrn +Redlich+ fragte. Er trat in sein Haus und überbrachte ihm folgende Nachricht: „Dir wird geboten, dich über acht Tage fertig zu halten, vor deinem Herrn in seines Vaters Haus zu erscheinen. Und mein Zeichen ist dieses: ›+Gedämpft sind alle Töchter des Gesangs+‹ (Pred. 12, 4).“ Da berief +Redlich+ seine Freunde zu sich und sprach zu ihnen: „Ich sterbe; ich werde aber kein Testament machen. Was meine Redlichkeit betrifft, so soll sie mit mir gehen; wer nach mir kommt, möge sich dies gesagt sein lassen.“
Am Tage seines Scheidens trat der Fluß an manchen Stellen über seine Ufer. +Redlich+ hatte aber noch bei seinen Lebzeiten einen namens +Gutgewissen+ bestellt, ihn dort zu treffen. Dieser stellte sich nun ein, reichte ihm die Hand und half ihm hinüber. Seine letzten Worte waren: „Die Gnade herrscht!“ So verließ er die Welt.
Nach diesem ward es ruchbar, daß +Kämpfer-für-die-Wahrheit+ gleichfalls seine Aufforderung zur Abreise empfangen habe, und zwar unter dem Merkmal: „+Der Eimer zerfällt an der Quelle+“ (Pred. 12, 6). Von seinen Freunden, die er um sich versammelte, verabschiedete er sich also: „Ich gehe zu meinem Vater, und wiewohl ich unter großen Beschwerden hierher gelangt bin, so gereut mich doch jetzt die Mühe nicht, die ich darum gehabt habe. Mein Schwert soll der erben, der mir in meiner Pilgerschaft nachfolgen wird, und meinen Mut und meine Gewandtheit verleihe ich dem, der sie erlangen kann. Meine Striemen und Narben nehme ich mit mir zum Zeugnis, daß ich den Kampf dessen gekämpft habe, der nun mein Vergelter sein wird.“ Am Tag der Abreise begleiteten ihn viele zum Ufer. Mit den Worten: „+Tod, wo ist dein Stachel?+“ stieg er in den Fluß. Und als er tiefer hinabsank, rief er: „+Hölle, wo ist dein Sieg?+“ (1. Kor. 15, 55.) So kam er hinüber, und mit Posaunenschall ward er empfangen.
Danach kam eine Aufforderung an +Standhaft+. Der Eilbote legte sie ihm offen in seine Hände. Ihr Inhalt war: Er solle sich zum Abschied aus diesem Leben bereitmachen, denn sein Meister wolle nicht, daß er länger fern von Ihm bleibe. +Standhaft+ hatte anfangs einige Bedenken. Doch der Bote sprach: „Du brauchst an der Wahrheit meiner Botschaft nicht zu zweifeln, hier ist das Zeichen: ›+Das Rad wird zerbrochen am Born+‹ (Pred. 12, 6).“ Er berief hierauf den Führer +Mutherz+ zu sich und sprach zu ihm: „Lieber Herr, wiewohl ich auf meiner Wallfahrt deine Gesellschaft nur kurze Zeit genießen durfte, so bist du mir doch stets sehr förderlich gewesen. Ich weiß, du wirst wieder zu deinem Herrn zurückkehren, um noch andre Pilger hierher zu geleiten. Ich bitte dich, bei deiner Rückkunft zu meiner Frau und meinen fünf Kindern zu schicken, die ich beim Antritt meiner Pilgerreise zurückließ, und ihnen ausführlichen Bericht über mich zu erstatten. Sage ihnen von meiner glücklichen Ankunft an diesem Ort und von meinem seligen Abscheiden. Erzähle ihnen auch von +Christ+ und +Christin+, und wie sie mit ihren Kindern ihrem Mann nachgefolgt ist, auch von ihrem herrlichen Ende und ihrem jetzigen Aufenthaltsort. Außer meinen Gebeten und Tränen habe ich nichts, das ich meiner Familie schicken könnte. Es ist wohl genug; wenn du sie damit bekannt machst, könnte sie vielleicht dadurch gewonnen werden.“
Also ordnete +Standhaft+ alle seine Angelegenheiten, und als sein Tag kam, begab auch er sich zum Fluß. Dieser hatte zu der Zeit nur wenig Wasser und einen ruhigen Lauf, weshalb +Standhaft+ in der Mitte des Stromes stillstand und sich mit folgenden Worten an seine Freunde wandte:
„Dieser Strom ist vielen ein Schrecken gewesen, ja, ein bloßer Gedanke daran versetzte mich früher schon in Angst. Jetzt aber ist es in meinem Herzen ganz still, ich stehe sicher. Meine Füße ruhen auf demselben Grund, worauf die Füße der Priester standen, welche die Bundeslade trugen, während Israel über den Jordan ging (Jos. 3, 17). Wohl ist dies Wasser dem Gaumen bitter und dem Magen kalt, aber der Gedanke an die herrliche Zukunft und an das himmlische Geleit, welches jenseits auf mich wartet, glüht wie ein Feuer in meinem Herzen. Ich sehe mich nun am Ziel meiner Reise, die Tage der Mühe und Arbeit sind zu Ende. Ich darf nun bald den sehen, dessen Haupt mit Dornen gekrönt war und dessen Angesicht um meinetwillen verspeit ward. Bisher habe ich im Glauben gelebt; nun aber ziehe ich dahin, wo ich im Schauen leben und bei dem sein werde, dessen Nähe meine Wonne ist. Ich habe von nichts lieber gehört als von meinem Herrn, und wo ich nur Seine Fußstapfen auf Erden erblickte, da habe auch ich meine Füße hinzusetzen begehrt. Sein Name ist mir gewesen wie eine ausgeschüttete Salbe (Hohesl. 1, 3), ja lieblicher als aller Weihrauchduft. Nichts klang in meinen Ohren süßer als Seine Stimme; nach Seinem Angesicht habe ich mich stärker gesehnt als nach dem Licht der Sonne. Seine Worte waren meine Speise und Stärkung in der Schwachheit. Er hat mich erhalten und meine Übertretungen fern von mir sein lassen, ja, meine Schritte sind fest geworden auf Seinem Weg.“
Als er noch so redete, wurden seine Gesichtszüge verklärt, +seine Starken krümmten sich in ihm+ (Pred. 12, 3). „Nimm mich auf, denn ich komme zu Dir!“ waren seine letzten Worte, und man sah ihn nicht mehr.
Aber unaussprechlich herrlich war es mitanzusehen, wie die Luft voll war von Rossen und Wagen, von Posaunenbläsern und Flötenspielern, von Sängern und Geigern, um die Pilger zu bewillkommnen, während sie hinaufzogen und einer dem andern in das herrliche Tor der Stadt folgte.
Was der +Christin+ Kinder betrifft, nämlich ihre vier Söhne mit ihren Frauen und Kindern, so konnte ich an dem Ort nicht so lange verweilen, um auch sie noch hinübergehen zu sehen. Doch ist mir jüngst zu Ohren gekommen, daß sie noch am Leben und der ganzen dortigen Gemeinde zum Segen sind.
Sollte es mein Los sein, jene Gegend wieder einmal zu durchziehen, so kann ich vielleicht denen, die es begehren, dann weitere Auskunft geben. Inzwischen sage ich meinen Lesern Lebewohl.
Fußnoten:
[228] Tut Fleiß, eure Berufung und Erwählung festzumachen; denn wo ihr solches tut, werdet ihr nicht straucheln (2. Petr. 1, 10); lasset uns ablegen die Sünde, so uns immer anklebt und träge macht (Hebr. 12, 1).
[229] Das Feuerzeug ist das Gebet, z. B.: Herr, weise mir Deinen Weg und leite mich auf richtiger Bahn (Ps. 27, 11).
[230] Die Landkarte ist das Wort Gottes; Psalm 119, 6: Wenn ich schaue allein auf Deine Gebote, so werde ich nicht zuschanden.
[231] Wir haben desto fester das prophetische Wort, und ihr tut wohl, daß ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint in einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen (2. Petr. 1, 19).
[232] Der Gottlosen Name wird verwesen (Spr. 10, 7).
[233] Rufe Mich an in der Not, so will Ich dich erretten, so sollst du Mich preisen (Ps. 50, 15).
[234] Ihr Ehebrecher und Ehebrecherinnen, wisset ihr nicht, daß der Welt Freundschaft Gottes Feindschaft ist. Wer der Welt Freund sein will, der wird Gottes Feind sein (Jak. 4, 4).
[235] Die hier und auf den folgenden Seiten angeführten Stellen aus Prediger 12, 1-7 sind eine bilderreiche Schilderung des Alters. Zur Erklärung diene folgendes: „Der zerrissene silberne Strick“ bedeutet das Schwinden des Rückenmarks, wodurch die ganze Leibestätigkeit lahmgelegt wird; „die zerbrochene goldene Schale“ ist das stillstehende Herz; „die finster durch die Fenster sehen“ -- das abnehmende Augenlicht; „die beladene Heuschrecke“ -- die vom Alter beschwerte Hüfte; „die sich duckenden Töchter des Gesangs“ -- die Stimme wird leise wie das Piepen eines Vögleins; „der zerfallende Eimer an der Quelle“ -- man ringt, um Luft zu schöpfen; „das am Born zerbrochene Rad“ -- die den Dienst versagenden Verdauungsorgane; „die sich krümmenden Starken“ sind die wackeligen Beine.