Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal

Part 9

Chapter 93,718 wordsPublic domain

Pieter Maritz beugte den Oberkörper auf Jagers Hals vor und schnalzte ermunternd mit der Zunge. Wie ein Wirbelwind stob das treue Tier dahin. Das Futter in Botschabelo und die Ruhe während der drei Tage, wo der Knabe nur zu Spazierritten ausgewesen war, hatten das Pferd neu gekräftigt, und seine Beine schnellten über das Gefilde hin mit einer außergewöhnlichen Behendigkeit. Seitwärts des Weges, den sie geritten waren, floß ein Wässerchen mit flachen Ufern, welches sich an manchen Stellen seeartig erweiterte. Auf eine dieser Stellen, welche er schon vom Wege aus entdeckt hatte, lenkte Pieter Maritz hin. Das Wasser war hier wohl über hundert Schritte breit. Der Knabe jagte hinein und bald verlor das Pferd den Boden unter den Füßen und mußte schwimmen. Mitten im Wasser sah er zurück. Die Dragoner zauderten am Ufer, doch der Unteroffizier und fünf Mann warfen sich ebenfalls in das Wasser, indem sie dem Leutnant folgten. Pieter Maritz kam ans andere Ufer, als die Verfolger noch mitten im Wasser waren. Dann trabte er gelassen weiter. Er wählte sich das am meisten durchschnittene Terrain aus: dorthin, wo die Gebüsche dicht auf unebenem Boden standen, wo Felsblöcke umherlagen und von stachligen Kaktus umgeben waren und wo Bäche die Landschaft durchschnitten -- dorthin lenkte er Jager. Jetzt stiegen die Verfolger, deren prächtige Uniformen von Wasser trieften, ebenfalls ans Land, und der Knabe setzte sein Pferd in langen Galopp. Vor ihm rannte eine Herde Springböcke her, die gleich Gummibällen elastisch in weiten Sätzen flohen, und ein Rudel Gnus mit Hörnern gleich den Büffeln und Pferdeschweifen. Nach einem rasenden Ritt, der wohl eine halbe Meile Landes durchmessen hatte, vernahm Pieter Maritz nur noch wenig von dem Lärmen, der ihm zu Anfang im Rücken gewesen war. Er sah wieder zurück und erblickte keinen von den Dragonern mehr auf der Verfolgung. Ganz weit entfernt sah er die Truppe wieder zu einem dunklen Haufen versammelt, und nur noch der Leutnant war hinter ihm. Das schöne schwarze Pferd machte seiner edlen Abstammung Ehre, es kam jetzt eben mit einem weiten Satze über einen tief eingeschnittenen Bach dahergeflogen. Nur etwa zwanzig Schritte war es hinter Jager.

Pieter Maritz rief seinem Pferde zu, und wie ein Pfeil schoß es vorwärts. Vor ihm lag ein Dickicht von Aloes und buschförmigen Euphorbien, zwischen denen stachelige Mimosen standen, welche Dornen trugen, die Fischangeln ähnlich gestaltet waren. Pieter Maritz erkannte die eigentümliche Form dieser Mimose, der ~acacia detinens~, schon von weitem. Das Gebüsch stand nicht so dicht, daß nicht ein landesgewohntes Tier wie Jager hätte hindurchkommen können, und in der That wand sich Jager, obwohl in vollem Laufe, einem Aale gleich hindurch, indem er die stacheligen Büsche vermied. Aber dem Engländer ging es nicht so gut. Pieter Maritz blickte sich wieder um und mußte lachen, als er einen langen Riß in der Brust des prächtigen Waffenrocks klaffen und den einen Schoß in Fetzen herabhängen sah. Von der Brust des schwarzen Pferdes und an seinen Beinen lief das Blut herab, und der Schweiß rieselte an ihm nieder. Der Engländer hatte die Lippen zusammengepreßt, seine Augen funkelten vor Wut, und sein Gesicht war vor Hitze so rot wie sein Rock.

Jetzt brach Jager aus dem Dickicht hervor, und gleich hinter ihm kam das schwarze Pferd. Der Boden war hier so eben wie eine Tenne, das Gras kurz, und kein Hindernis auf wohl tausend Schritte Entfernung. Die langen Beine des englischen Rassepferdes gewannen hier Vorteil, und so schnell Jager lief -- der Engländer kam, von heftigen Sporenstößen getrieben, jetzt vor, die Nase des Rappen schnob auf Jagers Kruppe, und schon streckte der Offizier die Hand aus, um Pieter Maritz zu ergreifen. Da bog der Knabe aus und lenkte seitwärts. Er fürchtete sich nicht, mit dem Leutnant ins Handgemenge zu kommen; er vertraute darauf, ihn mit dem Hirschfänger fern halten zu können, wenn er wollte, aber es galt die Ehre des Reitens. Noch hatte Jager nicht seine beste Kraft eingesetzt. Auch wollte der Engländer offenbar nicht von seinem Revolver Gebrauch machen. Ritterlichkeit und Eitelkeit verboten dem vornehmen jungen Mann, sich in diesem Wettrennen anderer Waffen als der Schnelligkeit seines Pferdes und seiner bloßen Hand zu bedienen.

Einen lauten Ruf der Ermunterung stieß der Knabe aus, indem er dem Griffe des Offiziers entschlüpfte, und dieser Ruf schien Jager Flügel zu verleihen. Er lief auf dem ebenen Boden mit der Leichtigkeit der Antilope hin und ließ den Rappen hinter sich. Nun war die freie Fläche überschritten, und eine Schlucht, auf deren Grunde ein Bach rieselte, versperrte den Weg. Es war ein schwer zu passierendes Hindernis, denn steil ging es hinab und steil hinauf, und dazu lagen große Steine an beiden Abhängen, welche der Bach wohl, im Gewitter hoch anschwellend, vom Gebirge hergespült hatte. Für Jager, der an Ritte in diesem Lande und an die Jagd querfeldein gewöhnt war, bot diese Schlucht gleichwohl nur geringe Schwierigkeit. Pieter Maritz ließ ihm den Zügel, und das kluge Tier kletterte in schräger Linie mit der Gewandtheit einer Katze hinab, sprang über das Wasser und kletterte jenseits empor. Aber für den Engländer war dies ein ganz ungewöhnliches Ding, und nur der maßlose Ärger des jungen Mannes vermochte ihn, sein Pferd hier durchzutreiben. Mit ängstlichem Schnauben stieg der Rappe vorsichtig hinab, und es bedurfte wiederum der Sporen, um ihn durch diese tiefe Schlucht zu bringen. Der Knabe hatte einen solchen Vorsprung gewonnen, daß er Jager in ruhigem Schritt eine Minute lang verschnaufen lassen konnte. Ja, das Leben seines Verfolgers war völlig in seiner Hand. Er hätte nur die Büchse von der Schulter zu nehmen und es zu erwarten brauchen, daß der Offizier über dem Rande der Schlucht wieder auftauchte. Aber er dachte nicht daran; sein Zorn über die Beleidigungen des Lord war völlig verraucht.

Jetzt war der Rappe wieder auf ebenem Boden und die Jagd begann von neuem. Der Engländer setzte das Äußerste daran. Die Leidenschaft des Wettrennens hatte sich seiner völlig bemächtigt und ließ ihn jeder Vernunft vergessen. Er konnte den Gedanken nicht vertragen, von dem Buernjungen verhöhnt zu werden und sein herrliches Schlachtpferd besiegt zu sehen. So trieb er den Rappen zum stärksten Laufe an.

Aber immer unerreichbar blieb der Buernsohn vor ihm. Es war, als sei er zusammengewachsen mit seinem Pferde. Das waren nicht zwei Gestalten, Roß und Reiter, sondern es war nur eine Figur, und sie glitt mit einer Leichtigkeit, mit einer zierlichen Behendigkeit dahin, deren Anblick den Verfolger rasend machte. Wie zum Hohne schien ihm der Knabe so oft rückwärts zu blicken, und die blonden flatternden Locken schienen den jungen Mann zu äffen. Das Blut tobte ihm im Gehirn, seine Schläfen pochten, und es war ihm zuweilen, als ritte er hinter einer Traumgestalt her, wie sie wohl den Schläfer neckt, der sich vergeblich bemüht, das ungreifbare, vor ihm entweichende Bild zu erfassen.

Jetzt näherte sich die Jagd dem Walde. Wie eine dunkle Wand, doch durch die eigentümliche Beleuchtung des sonnigen Himmels in einen bläulichen Schleier gehüllt, dehnte sich ein unabsehbarer Wald vor den Reitern aus. Und dicht vor ihnen tauchte jetzt aus dem hohen Grase und den Büschen ein Wall auf, den die Natur erschaffen hatte, der aber so gleichmäßig geformt war wie eine Mauer. Jager verlangsamte seinen Lauf, als er des Walles ansichtig wurde, dann sammelte er seinen Körper und sprang mit einem schnellenden Satze, einem Panther ähnlich, oben hinauf und auf der andern Seite mit einem zweiten Satze hinunter auf den weichen Boden.

Der Engländer folgte. Aber angesichts des Walles scheute der Rappe und bog seitwärts aus. Der Leutnant führte das Tier im Bogen wieder vor, und als es sich bäumte, stieß er ihm mit voller Gewalt die Sporen in die Weichen. Der Rappe rannte in Angst und Schmerz vorwärts, hob sich zum Sprunge, -- aber ungewohnt des Terrains und auch von seinem Reiter nicht ganz richtig geführt, wollte er den Wall mit einem Satze nehmen, anstatt oben hinaufzuspringen. Herrlich hob sich das schöne Tier und flog vorwärts, aber seine Kraft langte zu einem so gewaltigen Sprunge nicht mehr aus. Mit den Vorderbeinen kam es hinüber, aber die Hinterhufe schlugen an den oberen Rand des Walles, und, sich überstürzend, rollte der Rappe am Boden. Lord Adolphus Fitzherbert flog in hohem Bogen während des Sturzes aus dem Sattel, schlug schwer zu Boden und blieb regungslos liegen.

Siebentes Kapitel

Titus Afrikaner

Pieter Maritz war schon eine Strecke weit vorgekommen, während der englische Offizier den Sprung über den Wall unternahm, aber er hörte das Krachen des Sturzes und hielt bei diesem Tone sein Pferd an. Als er sah, was geschehen war, ritt er alsbald zurück, sprang aus dem Sattel und lief auf den gestürzten Verfolger zu. In diesem Augenblicke richtete sich der Rappe, der eine kurze Zeit betäubt dagelegen hatte, empor, sprang auf die Füße und blieb an allen Gliedern zitternd auf dem Flecke stehen, wo er gefallen war. Lord Adolphus Fitzherbert dagegen blieb liegen. Er lag auf dem Rücken, der Helm war ihm vom Kopfe gefallen, sein Gesicht war jetzt ganz bleich, doch war die Stirn von Blut bedeckt, und Blut rann in sein kurzes dunkles Haar. Mit der linken Hüfte lag er auf dem Griff seines langen schweren Degens.

Voll Mitleid bog sich der Knabe über ihn, stützte des Verwundeten Kopf und zog den Pallasch unter dem Körper hervor. Der Leutnant öffnete die Augen nicht, er war bewußtlos.

Hätte ich doch Wasser, um ihm die Stirn zu waschen! dachte der Knabe. Es fiel ihm ein, daß der vornehme junge Mann beim gestrigen Abendessen ein weißes, beinahe durchsichtiges Tuch aus der Tasche gezogen und sich damit die Oberlippe gewischt hatte. Der Nutzen eines solchen Tuches war ihm unbegreiflich gewesen, aber jetzt dachte er, es könne nützlich sein. Er zog das Schnupftuch aus einer der hinteren Taschen des befleckten und zerrissenen Waffenrocks und trocknete damit das Blut von der Stirne. Da sah er, daß ein langer Riß die Kopfhaut vom rechten Augenlid bis zum Scheitel trennte. Er beschloß, den Verwundeten wieder in das Gras niederzulegen und Wasser zu suchen.

In dem Augenblick aber, wo er den schweren Oberkörper sanft niedergleiten ließ, ertönte ein wildes Geheul ganz in der Nähe, welches ihm das Blut in den Adern erstarren machte. Es war ein wildes, triumphierendes, langgezogenes Geschrei, welches ringsum von allen Seiten erscholl, und in derselben Sekunde fühlte sich der Knabe von starken Fäusten gepackt und sah eine Menge dunkler Gestalten mit großer Schnelligkeit vor sich auftauchen. Sie mußten erstaunlich geräuschlos herangeschlichen sein, denn nicht einmal das Rascheln welken Grases hatte ihre Ankunft verkündigt, und nun erfüllten sie wie aus dem Boden gewachsen den Raum umher.

Voll Bestürzung blickte Pieter Maritz sich nach allen Seiten um, während er so festgehalten wurde, daß er sich nicht im geringsten bewegen konnte. Wohl an vierzig Schwarze umringten ihn und den am Boden liegenden Offizier. Einer hatte die Zügel des Rappen, ein anderer Jagers Zaum ergriffen, und nun nahmen ihm flinke Hände die Büchse und den Patronengurt ab und gürteten den Hirschfänger von seiner Hüfte ab. Die Schwarzen waren von wildem Aussehen. Sie waren alle bewaffnet, die meisten mit Bogen und Pfeilen, Streitäxten, Wurfspießen und länglichen Schilden, einige aber auch mit Gewehren, und diese trugen nach Art der Buern einen Patronengurt über der Schulter. Manche waren mit Beinkleidern und Blusen oder auch mit Jacken oder wollenen Hemden bekleidet, andere trugen ein Fell vom Panther oder Tiger über den nackten Schultern, einige wenige waren unbekleidet bis auf den Karoß, ein kurzes Fell, welches um die Hüften gebunden wird und einen kleinen Schurz bildet. Alle aber trugen kriegerischen Kopfputz, indem aus ihren gelockten und mit Fett befestigten Haaren Federbüsche vom Strauß, vom Adler und von anderen Vögeln emporragten. In ihrer Mitte bewegte sich ein älterer Mann von gebieterischem Wesen, der ein glänzendes Halsband von großen weißen Zähnen, einen polierten Kupferring um den rechten Oberarm und einen Mantel von Löwenfell um die Glieder geschlungen trug.

Dieser wendete sich an Pieter Maritz und fragte ihn in fließendem Holländisch, woher er komme und was die Scene mit dem Jüngling in dem roten Rocke zu bedeuten habe.

Pieter Maritz sagte sich, daß die Schwarzen schon von weitem das Rennen beobachtet und verfolgt haben müßten, und er hielt es für das beste, die volle Wahrheit zu erzählen. Er berichtete, daß er aus Botschabelo komme, daß die englischen Reiter ihn gewaltsam hätten mit sich nehmen wollen und daß er ihnen entflohen sei.

Der Befehlshaber der Schwarzen richtete hierauf einige Worte an seine Leute, und diese machten sich alsbald daran, den noch immer bewußtlosen Engländer wegzutragen. Einige hieben starke Äste ab, andere holten zähe Ranken von Schlinggewächsen herbei, und dann stellten sie mit großer Geschicklichkeit eine Tragbahre her. Wieder andere plünderten währenddessen den Lord vollständig aus. Sie nahmen ihm seine Waffen ab, schnitten die blanken Metallknöpfe von seinem Rocke, zogen ihm seine Börse voll Guineen und Silberstücke sowie seine mit Edelsteinen besetzte goldene Uhr aus der Tasche und bemächtigten sich des goldenen Etuis mit den Cigaretten. Nur die Kleidung ließen sie ihm. Alsdann legten sie ihn auf die Tragbahre, und zwei starkgebaute Kaffern mit schwellenden Muskeln hoben die Bahre auf und gingen in schnellem Schritte mit ihm davon. Einen traurigen Anblick gewährte der vordem so elegante Offizier. Sein Gesicht war blutig, sein Haar klebte von geronnenem Blut zusammen, sein Anzug war zerrissen und mit Wasser, Blut und Schlamm bedeckt, seine hohen Stiefeln waren von Dornen zerkratzt und trugen so sehr die Spuren des mühseligen Rittes, daß von ihrem früheren Glanz fast nichts mehr zu entdecken war.

Hinter der Tragbahre ward Pieter Maritz weggeführt. Auf jeder Seite ging einer der Kaffern, und sie vertrauten wohl darauf, daß er ihnen nicht entlaufen könne, denn sie banden ihn nicht, sondern ließen ihn frei gehen. Beide Pferde wurden am Zügel hinterhergeführt, und ihnen folgte die ganze Schar der Leute, welche unter dem Befehle des Mannes mit dem Löwenfell standen.

Pieter Maritz sah, daß der weite und schnelle Ritt bis in die unmittelbare Nähe des großen Waldes geführt hatte, den er von der Höhe von Botschabelo aus als einen fernen bläulichen Streifen entdeckt hatte, und er konnte am Stande der Sonne erkennen, daß es in südöstlicher Richtung weiterging. Bald trat der Zug in den Wald ein, und kühlender Schatten umgab ihn und linderte die Pein des schnellen Fußmarsches in der glühenden Hitze. Denn mit großer Schnelligkeit ging es vorwärts. Die beiden starken Kaffern, welche den Offizier trugen, schienen von ihrer Last gar keine Beschwerde zu haben. Sie schritten mit elastischem Gange dahin, über Steine und unebenen Boden mit derselben Sicherheit wie auf ebener Grasfläche. Auch im Walde verminderte sich die Eile des Marsches nicht. Es gab hier gar kein Unterholz, keine Büsche und Sträucher standen zwischen den Bäumen, sondern die gewaltigen Stämme der Seidenwollenbäume, schattigen Tamarinden und Delebpalmen ragten wie Säulen in einem riesigen Dome empor und wölbten gleich einem Dache in großer Höhe ihre Wipfel.

So ging es wohl eine Stunde weiter, und Pieter Maritz sah voll Mitleid, mehr für den verwundeten Engländer als für sich besorgt, auf die Tragbahre, wo der elend zugerichtete Offizier noch immer bewußtlos lag. Aber jetzt erreichte der Zug eine Stelle, wo sich runde Hütten, zeltähnlich geformt, doch ohne Spitze, erhoben und wo der blaue Rauch von einer Feuerstelle zu dem Laubdach der Bäume emporstieg. Der Zug machte Halt, und Pieter Maritz sah eine Menge von Männern und Weibern zusammenlaufen, um die Ankömmlinge zu betrachten. Die Tragbahre ward in der Nähe einer der Hütten niedergesetzt, und der Mann mit dem Löwenfell sprach mit einem weißhaarigen Schwarzen, der langsam aus der Hütte hervorkam. Dieser Alte mußte wohl den Beruf eines Arztes unter seinem Stamme ausüben, denn er fing alsbald an, den Verwundeten zu untersuchen. Pieter Maritz blieb neben der Tragbahre und sah seinem Verfahren zu. Mit geschickter Hand wusch der Kaffernarzt das Blut von der Stirn und holte alsdann einen fein zugespitzten Knochen und sehr dünne Sehnen von irgend einem Wild herbei. Damit nähte er den klaffenden Riß sorgfältig und genau zusammen. Alsdann holte er eine Handvoll Kräuter aus der Hütte hervor, zerkaute sie mit seinen gewaltigen vorspringenden Kinnladen zu einem Brei, legte diesen auf den zugenähten Riß und band ein dünn geschabtes Stück Leder darüber, so daß die Stirn wie von einem großen Pflaster bedeckt war. Hierauf lagerte er den Verwundeten bequem im Schatten auf weichem Moos und Blättern und setzte sich zusammengekauert auf die eigenen Hacken daneben, die Arme um die dürren Beine geschlungen, das Kinn auf den Knieen.

Währenddessen hatten sich die schwarzen Krieger um das Feuer versammelt, wo mehrere große Töpfe brodelten und große Fleischstücke teils über den Flammen brieten, teils in den Kohlen lagen und mit Stäben umgewandt wurden. Der Mann mit dem Löwenfell lud auch ihn ein, an der Mahlzeit teilzunehmen, und Pieter Maritz, welcher sehr hungrig geworden war, setzte sich geduldig mit in den Kreis und nahm gleich den anderen ein Stück Fleisch zur Hand und aß. Mit traurigem Blicke sah er zu Jager hinüber, der nebst dem Rappen an einen Pfahl gebunden in der Ferne stand und mit seinem ehemaligen Verfolger zusammen friedlich an demselben Futter kaute. Würde er jemals wieder in Freiheit auf des treuen Tieres Rücken sitzen? Was wollten diese Räuber beginnen? Der Anführer zeigte keine Neigung, sich auf Erklärungen einzulassen.

Nachdem sie gespeist hatten, setzten sich die Schwarzen neben der Feuerstelle wieder im Kreise zusammen, indem sie sämtlich auf den Fersen hockten, und schwatzten sehr lebhaft. Dabei ließen sie die Beutestücke unter Ausrufen des Entzückens von Hand zu Hand gehen, und der Knabe konnte trotz seiner Niedergeschlagenheit das Lachen nicht unterdrücken, als er sah, daß sie die Cigaretten aus dem Etui nahmen, hin und her drehten und endlich in der Weise rauchten, daß sie in jedes Nasenloch eine steckten. Der feine türkische Tabak schien ihnen außerordentlich zu gefallen, denn sie patschten sich vor Vergnügen auf den Bauch. Den Revolver des Engländers betrachteten sie mit großer Neugierde. Sie schienen eine solche Waffe noch nicht zu kennen, gingen aber sehr gewandt damit um und erklärten einander die Einrichtung, so daß es klar war, sie seien mit Schußwaffen vertraut.

Pieter Maritz, der hin und wieder einen Blick nach dem Verwundeten und dessen treulich neben ihm hockenden Arzte warf, bemerkte jetzt, daß der Scharlachrock sich bewegte. Er lief alsbald dorthin und sah, daß der Leutnant die Augen aufgeschlagen hatte und träumerisch umhersah. Augenscheinlich war er noch ein wenig in seiner Ohnmacht befangen und wußte nicht recht, ob er lebe oder nicht. Erst nach einer Weile wurde sein Blick verständnisvoller und nahm einen zornigen Ausdruck an, als er auf den Knaben fiel. Dann faßte der Verwundete aber auch den alten Kaffern auf der andern Seite seines Lagers ins Auge und geriet in großes Erstaunen. Er wollte sich aufrichten, war aber vor Schmerzen und Steifigkeit dazu nicht imstande, sondern sank gleich wieder zurück.

»Was hat dies alles zu bedeuten?« fragte er.

Pieter Maritz redete ihm freundlich zu und erklärte ihm, was geschehen sei. Der Leutnant hörte zuerst halb ungläubig, dann aber mit dem äußersten Schmerze zu.

»Ich wollte lieber, ich hätte den Hals gebrochen!« murmelte er voll Ingrimm und schloß dann finster und trotzig die Augen.

Der Kaffernarzt war inzwischen aufgestanden und braute nun in einem Gefäße, welches aus einem Straußenei gearbeitet war, ein Getränk, welches er für heilkräftig halten mochte. Er mischte den milchigen Saft von Kräutern mit Wasser, drückte eine Apfelsine darüber aus und brachte diesen Trank dem Verwundeten. Dieser sah das Gefäß und den Inhalt mit höchst verächtlicher Miene an, mochte aber wohl sehr durstig sein, denn er probierte und trank dann alles aus.

Eine dunkle Gestalt erschien jetzt neben seinem Lager, der Anführer der Bande war herangeschritten. Er hatte seinen Mantel zurückgelassen und stand fast nackt da, die geschmeidigen und muskelstarken Glieder in ihrem schönen Ebenmaß zeigend. Die weißen Raubtierzähne um seinen Hals leuchteten auf der glänzend schwarzen Haut, der breite Armring funkelte gleich dunkelfarbigem Golde, und eine weiße Straußenfeder wallte von seinem Haupte. Der Engländer betrachtete ihn voll Staunen über den kriegerischen Stolz, der sich in seiner Haltung aussprach, und mochte wohl verwundert sein über den Unterschied, den er zwischen diesem freien Krieger und den sklavischen Schwarzen fand, die er bis jetzt während seines kurzen Aufenthaltes in Afrika kennen gelernt hatte. Doch war Lord Adolphus Fitzherbert keineswegs in Furcht, sondern zeigte den Stolz des Briten und des vornehmen Mannes auch in der Gefangenschaft und daniederliegend.

»Sprecht Ihr englisch, mein schwarzer Freund?« fragte er mit energischem Tone.

Der Anführer schüttelte den Kopf zum Zeichen, daß er nicht verstanden habe.

»Wenn Ihr diesem Manne etwas zu sagen habt, so will ich es ihm gern übersetzen; er versteht holländisch,« sagte Pieter Maritz freundlich zu dem Offizier.

Der Leutnant wandte sich zu dem Knaben und nickte dankend. »Ihr seid sehr gütig,« sagte er, »und ich werde Euch verbunden sein, wenn Ihr diesen Halunken mitteilen wollt, daß ich sie alle werde hängen lassen, wenn sie mich und mein Pferd nicht dahin zurückbringen, von wo sie mich geholt haben.«

Der Knabe schüttelte den Kopf. »Ihr handelt nicht klug, Mynheer,« erwiderte er. »Ihr könnt niemand hängen lassen, wenn diese Kaffern Euch umbringen, und wir sind doch beide in ihrer Gewalt.«

»Sie werden es nicht wagen, mich umzubringen,« entgegnete der Engländer. »Sie wissen recht gut, daß der Gouverneur diesen ganzen Wald mit allen schwarzen Spitzbuben, die darin stecken, ausräuchern würde, wenn man einem seiner Offiziere ans Leben ginge.«

Nachdem der Leutnant so gesprochen hatte, mochte er aber wohl selbst die Thorheit seiner Prahlerei einsehen, denn er setzte hinzu: »Ihr kennt aber wahrscheinlich diese Art Leute besser als ich, und wenn Ihr es für klüger haltet, so sagt ihnen, sie sollten eine große Summe Geldes haben, wenn sie mich nach Pretoria brächten.«

Pieter Maritz nickte und teilte dies dem Anführer mit.

Dieser hatte dem Zwiegespräch aufmerksam zugehört und antwortete jetzt auf die ihm übersetzte Mitteilung des Engländers, daß ein anderer darüber zu entscheiden haben werde. »Für jetzt aber,« fügte er hinzu, »macht euch fertig, denn ihr sollt weiterziehen.«

Auf seinen Wink kamen wieder zwei Männer heran, welche den Engländer auf die Tragbahre legten, ein Dutzend andere, alle gut bewaffnet, umringten die Bahre und den Knaben und lösten die Pferde los, und dann ging es in derselben beschleunigten Gangart, mit welcher sie gekommen waren, weiter. Mit einem Gefühl der Beruhigung sah Pieter Maritz, daß einer der Kaffern seine ihm vom Vater vererbten Waffen trug. Die Hoffnung flüsterte ihm zu, daß dies eine gute Bedeutung habe, daß er ebensowenig seiner Waffen wie seines Pferdes für immer beraubt werden solle. Der Anführer der Bande und deren größter Teil blieben bei den Hütten im Walde zurück, nur eine Begleitung von vierzehn Schwarzen brachte die Gefangenen und ihre Pferde weiter.