Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 8
Pieter Maritz hatte tiefen Groll gegen den Fremden im Herzen und betrachtete ihn vom Ende des Tisches aus mit schrägen Blicken aus den Augenwinkeln. Der Engländer hatte den Ehrenplatz neben dem Superintendenten und benahm sich so fein und vornehm, daß Pieter Maritz nicht wußte, ob er mehr hassen oder mehr bewundern sollte. Dem Ansehen nach war der Leutnant nur wenige Jahre älter als der Buernsohn. Er hatte ein längliches, blasses Gesicht mit grauen Augen, zierlich geschwungene Augenbrauen und einen kleinen, schwachen Anflug von Bart auf der Oberlippe, und sein dunkles Haar war kurz geschnitten und zurückgekämmt. Seine Hände waren schmal und schneeweiß, mit rötlich schimmernden Nägeln, so daß Pieter Maritz in Verwirrung seine eigenen Hände betrachtete, welche niemals in Schafleder oder Ziegenleder gehüllt gewesen, braun von Farbe und hart wie Horn waren. An Wuchs war der Engländer wohl einen Kopf höher als Pieter Maritz, aber dieser dachte, wenn er sich mit dem übermütigen Jüngling einmal im Ringkampfe messen dürfte, so wollte er ihn in der Mitte durchbrechen.
Als das Essen vorüber war, wurden dem Gast zu Ehren einige Flaschen Wein auf den Tisch gesetzt, die Frauen entfernten sich, und die Männer fingen an, von Politik zu sprechen, da die Brüder sehr gespannt waren, zu erfahren, was die unerwartete und nie vorher hier erblickte Erscheinung britischen Militärs zu bedeuten habe.
Lord Adolphus Fitzherbert lehnte sich behaglich auf seinem Stuhle zurück, schlug die Beine übereinander, welche mit Stulpenstiefeln von Glanzleder bekleidet waren, zog aus der Brusttasche seines scharlachroten, goldgestickten Waffenrocks ein goldenes Etui hervor, auf welchem ein Wappen graviert war, und nahm eine Zigarrette heraus, welche er anzündete.
»Ja, meine Herren,« sagte er, den Dampf des türkischen Tabaks vor sich hin blasend, »ich habe einen kleinen Streifzug durch diese Gegend gemacht, weil es bei uns hieß, das Land sei nicht ganz sicher. Man spricht von ein paar schwarzen Kerlen -- Titus Afrikaner und Fledermaus heißen sie, wenn ich nicht irre --, die hier umhervagabondieren. Es würde eine heilsame Lehre sein, wenn wir einmal den einen oder den anderen der Niggers aufknüpften.«
Während er so sprach, hatte sich die Thüre geöffnet, und der Soldat mit den goldenen Abzeichen auf dem Ärmel war hereingetreten. Er pflanzte sich gerade vor dem Leutnant in strammer Haltung hin, legte die Hand an den Helm und sagte: »Ich habe Eurer Herrlichkeit zu melden, daß die Mannschaft und die Pferde untergebracht sind. Haben Eure Herrlichkeit noch weitere Befehle?«
»Es ist gut, Wachtmeister,« antwortete der Leutnant, »ich danke Ihnen.«
Der Unteroffizier zauderte zu gehen.
»Es wäre wohl gut, einen Posten auszustellen,« sagte er dann. »Wenn Eure Herrlichkeit befehlen, werde ich eine Vedette an den Rand des Thales postieren.«
»Ach lassen Sie das,« erwiderte Lord Adolphus Fitzherbert. »Wozu sollen wir die Leute müde machen? Was soll hier bei Niggern und Bauern passieren?«
Der Wachtmeister machte kehrt und marschierte sporenklirrend ab. Pieter Maritz wunderte sich, daß hier der alte erfahrene Kriegsmann von einem unerfahrenen Jüngling Befehle erhalte, während bei den Buern der Ältere das Kommando hatte. Er war unbekannt mit den Unterschieden von Rang und Stand.
»Sind Sie schon lange in Afrika, Mylord?« fragte der Superintendent.
»Ich bin erst vor vierzehn Tagen aus England gekommen,« antwortete der junge Offizier.
»Es sind ziemlich viel neue Truppen gelandet, soviel ich weiß.«
»Ja,« sagte der Leutnant, »die Transvaal-Buern machen uns mehr Plackerei, als sie wert sind. Nun wir sie einmal beherrschen, müssen wir sie auch beschützen. Sie möchten uns sonst von den Niggers aufgefressen werden.«
Pieter Maritz konnte sich bei diesen Worten nicht mehr halten. Er sprang auf und rief dem Engländer zu: »Wenn du die Transvaal-Buern kenntest, so würdest du das nicht sagen. Weder von den Niggern noch auch von euch Engländern werden sie gefressen werden.«
»Das ist wohl einer von ihnen, ein echter Bauernjunge!« sagte der Lord höhnisch. »Mache, daß du hinauskommst, Schlingel.«
Wenn nicht in dieser Sekunde der alte Missionar den Knaben am Arm ergriffen und festgehalten hätte, so würde es einen schlimmen Auftritt gegeben haben. Denn Pieter Maritz war so sehr außer sich, daß er den Offizier thätlich angreifen wollte. Aber der Missionar brachte ihn bald zur Ruhe.
»Was willst du thun, Unbesonnener?« sagte er in holländischer Sprache. »Willst du das Haus deiner Wirte in Gefahr bringen? Halte dich ruhig, die Demut ist die erste Tugend des Christen.«
Pieter Maritz ließ sich widerstandslos von dem verehrten Manne hinausführen, obgleich das Blut ihm in den Adern kochte. Draußen stand er schwer atmend still und starrte dem Missionar ratlos in das Gesicht. Das Gefühl der erlittenen Beleidigung stritt in ihm mit dem Wunsche, gehorsam und gut zu sein.
»Du bist brav,« sprach der Missionar, der den Zwiespalt der Gefühle in des Knaben Brust begriff. »Ich freue mich, daß du mir folgst, denn sich selbst zu besiegen ist die größte Heldenthat. Wir müssen vorsichtig sein, daß wir nicht den Bestand unserer Station gefährden. Dieser unerfahrene und unbesonnene Fant, der die Dragoner befehligt, könnte uns, wenn ihm Widriges begegnete, in ein schlechtes Licht bei der britischen Regierung bringen, die doch einmal unsere Obrigkeit ist und Gewalt über uns hat.«
»Es ist aber sehr schwer, sich so etwas gefallen zu lassen,« antwortete Pieter Maritz. »Dergleichen ist mir noch niemals begegnet.«
Der Missionar zuckte die Achseln. »Du bist auch noch jung,« sagte er, »und du kennst noch nicht den Übermut der Großen der Erde. Dieser junge Mann ist ein Lord, das heißt, er ist aus einer sehr vornehmen englischen Familie, und die vornehmen Engländer sind den Königen gleich, da sie die Ersten sind in einem Staate, der über viele große und reiche Länder gebietet. Aber freilich, du weißt ja auch nicht, was ein König ist.«
Der Missionar kehrte nach diesen Worten wieder um und ging, nachdem er Pieter Maritz gebeten hatte, das Speisezimmer zu vermeiden, zu der Gesellschaft zurück. Dieser aber wandte sich, durch einen lauten Lärm angezogen, einem andern Teile des Gebäudes zu. Aus Mangel an Raum war den Dragonern ein grüner Rasenplatz inmitten der Häuser als Aufenthaltsort zum Speisen angewiesen worden, und hier saßen sie in fröhlichem Lärm an mehreren gedeckten Tischen. Sie hatten ihre langen schweren Pallasche und Karabiner in die Ecken gestellt und an den Wänden aufgehangen, hatten die weißen Korkhelme, welche sie in den tropischen Klimaten anstatt der gewöhnlichen Helme tragen, beiseite gelegt und ließen sich den Antilopenbraten und das Schöpsenfleisch, welches ihnen in reichen Massen aufgetragen wurde, vortrefflich schmecken. Dazu tranken sie Branntwein und ein leichtes Bier, welches in Botschabelo selbst gebraut war.
Pieter Maritz fand, daß nicht er allein da war, um sich die Fremden anzusehen. Viel Volk aus dem Dorfe war heraufgekommen, und einige hübsche junge Weiber hatten ihre Halsketten von Tigerzähnen, Glasperlen und kleinen Schildkröten umgehängt, ihre besten Tücher und Röcke umgethan und zeigten sich lachend von ferne, um ebensowohl gesehen zu werden als selbst zu sehen. Es währte auch nicht lange, so wurden sie von den Dragonern hereingerufen, und Pieter Maritz wunderte sich, zu sehen, wie die Krieger mit den schwarzen Mädchen scherzten und Späße trieben, ganz unähnlich dem ehrbaren Benehmen in den Familien und Versammlungen der Buern. Und auch über das jugendliche Aussehen der meisten Dragoner wunderte er sich. Der Wachtmeister zwar war ein starker Mann in den höheren Jahren und glich wohl den Gestalten, die er unter den Seinigen als Krieger kannte, aber viele von den Gemeinen waren junge Leute, welche nicht sehr kräftig aussahen. Pieter Maritz zog sich bald zurück. Er mochte es nicht mit ansehen, wie die fremden Soldaten hier tranken und lachten und thaten, als ob sie die Herren wären. Er besuchte noch den treuen Jager, um sich zu überzeugen, daß die Gesellschaft der Dragonerpferde ihm nichts von seiner Bequemlichkeit raube, und ging dann in seine Kammer in einem der Nebengebäude zwischen den Ställen, um zu schlafen. Noch indem er die Augen schloß, sah er Lord Adolphus Fitzherbert mit den weißen Händen und der hochmütigen Miene vor sich stehen.
Schon früh am Morgen wachte Pieter Maritz auf und ging alsbald in den Stall, um Jager zu füttern und zu putzen. Es hatte ihm gestern einen kleinen Stich gegeben, daß die Pferde der Engländer blanker aussahen als Jager; aber Jager hatte auch in der letzten Zeit viel durchmachen müssen, Sturm, Regen und glühende Sonne hatten sein Fell sehr mitgenommen. Nun hatte das Pferd sich in Botschabelo erholen können, es sah sehr frisch und munter aus, und Pieter Maritz versuchte, ihm durch eifriges Reiben mit Strohwischen einen schönen Glanz zu geben. Auch Dragoner stellten sich bald darauf im Stalle ein und putzten ebenfalls. Pieter Maritz bekümmerte sich nicht viel um sie, sattelte Jager und ritt hinaus, um sich nach dem Wagen des Missionars umzusehen. Er fand Kobus, Jan und Christian damit beschäftigt, die Zugochsen auf den Wiesen zusammenzutreiben, und kehrte dann nach Fort Wilhelm zurück, fest entschlossen, sich dem Zuge des Missionars zuzugesellen.
Als er in den Hof der kleinen Festung einritt, sah er, daß die Dragoner sich zum Abmarsch ordneten. Der jugendliche Leutnant hielt zu Pferde vor ihrer Front, und neben ihm standen mehrere der Brüder, welche sich mit ihm unterhielten. Der Leutnant warf einen Blick auf Pieter Maritz und rief plötzlich: »Da ist ja unser ungehobelter Bauernbursche von gestern. Er kann sich heute nützlich machen. Wir haben noch keinen Führer. Gewiß kennt er diese Gegend ganz genau. Komm einmal her, Bursche, du sollst uns führen. Wir wollen auf dem besten Wege nach Pretoria.«
Pieter Maritz ritt näher, sah dem Engländer voll Trotz ins Auge und sagte: »Wenn ich den Weg auch kennte, so würde ich Euch doch nicht führen.«
»Oho!« rief der Leutnant. »Das klingt ja wie Widersetzlichkeit. Ich gebe dir hiermit den Befehl, uns zu führen.«
»Und ich führe Euch nicht,« entgegnete Pieter Maritz. »Niemand hat mir Befehle zu geben, ich bin ein freier Bürger von Transvaal, der südafrikanischen Republik.«
»Sieh doch,« rief der Leutnant höhnisch lachend, »da kann man sagen: wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen. Aber weißt du wohl, daß du da Hochverrat verübst, mein Junge? Es giebt keine Republik Transvaal. Ihre Majestät erwartet von jedem ihrer Unterthanen Gehorsam und verlangt, daß ihren Truppen auf Verlangen jede Hilfe und jeder Vorschub von seiten der Landeseinwohner geleistet wird.«
Der Wachtmeister drängte jetzt sein Pferd an das des Offiziers heran und sprach leise zu ihm.
»Ach was,« entgegnete dieser laut, »wenn wir auch den Weg ohne den Burschen finden können und ihn deshalb nicht unbedingt nötig haben -- er soll lernen, wer hier Gebieter ist und wem er zu gehorchen hat. Wir thun ein gutes Werk, wenn wir ihm das beizeiten einprägen, damit er es im Gedächtnis hat, wenn er älter wird. Der Bauernsohn reitet mit uns.«
»Ich bitte, Mylord, die Sache nicht zu weit zu treiben,« sagte jetzt der greise Missionar, welcher inzwischen herbeigekommen war. »Der Knabe ist mein Reisebegleiter, ich stehe für seine gute Gesinnung ein. Wenn er sich unehrerbietig geäußert hat, so liegt das in seiner Unkenntnis der politischen Verhältnisse, aber kommt nicht aus bösem Willen.«
»Wir wollen ihm ja nichts zuleide thun,« entgegnete der Offizier. »Er soll nur einsehen, daß er nicht, wie er sich nennt, ein freier Bürger der Republik Transvaal, sondern ein Unterthan der Königin von England, Gott beschütze sie, ist.«
»Und doch bitte ich, ihn nicht zu zwingen, Herr Leutnant,« sagte der Missionar mit ernster Betonung. »Es ist nicht geraten den Bogen allzu scharf anzuspannen.«
»Wirklich nicht?« fragte der Engländer spitzig. »Das muß ich am besten wissen. Mein Streifzug hat auch die Bedeutung, einen Einblick in die Gesinnung hier zu Lande zu gewinnen. Ich hoffe, daß ich nicht nötig habe, bei meiner Rückkehr zu melden, daß ich die unter unserem Schutze stehenden Deutschen für gute Freunde der Buern, aber nicht für gute Freunde Englands halte.«
Auch der Superintendent mischte sich jetzt in das Gespräch und versuchte, ihm eine weniger scharfe Wendung zu geben. Es war klar, daß der blutjunge Offizier sich mit unkluger Anmaßung benahm, indem er sich selbst wie dem Zwecke seines Kommandos eine übertriebene Wichtigkeit beilegte. Immerhin mußte er rücksichtsvoll behandelt werden, damit jede Gelegenheit vermieden würde, der Regierung der Kapländer ein Vorurteil gegen die deutschen Missionen einzuflößen. Der Offizier aber blieb bei seiner Ansicht, daß er über die Hilfsleistungen der Bürger von Transvaal zu verfügen habe, wenn er sich im königlichen Dienste befinde.
Pieter Maritz hörte dem Gespräche zu und hatte seine eigenen Gedanken. Gestern abend war er durch die hochmütige Behandlung des Engländers sehr gekränkt worden, weil sie ihn als etwas ganz Unerwartetes überrascht und in seinem Selbstgefühl gedemütigt hatte. Aber heute morgen, wo die Sonne vom Himmel lachte und die Welt so schön aussah, wo er noch dazu im Sattel saß und ein Gefühl der Sicherheit auf Jagers Rücken empfand, heute morgen kam ihm die Sache ganz anders vor. Er hielt in der Nähe der offenen Thür von Fort Wilhelm und sagte sich, daß niemand ihn zu irgend etwas zwingen könne. Er brauchte nur sein Pferd zu wenden und davonzujagen. Die ganze Welt stand ihm offen. In diesem Gedanken streichelte er mit liebkosender Hand Jagers Hals und zupfte ihn freundschaftlich an der Mähne. Jager drehte den Kopf, schnupperte an des Knaben Stiefel und scharrte dann mit dem Huf auf der Erde, als ob er sagen wollte, er sei zu allem bereit.
Aber Pieter Maritz wollte nicht fliehen. Er sah, daß er der Missionsstation keinen Gefallen mit seinem Trotz gegen die Engländer thue, und er hatte solche Ehrfurcht vor den frommen Männern, daß er ihren Wünschen nicht zuwider handeln mochte. Dazu aber fiel ihm ein, daß er vielleicht den Engländern als ihr Führer einen Possen spielen könne, und er hatte große Lust, das zu thun. Er gab seinen Plan, den Missionar zu begleiten, durchaus nicht auf; er hoffte auf eine Gelegenheit, den Dragonern zu entwischen und den Ochsenwagen wieder einzuholen.
In dieser Absicht ritt er auf den Leutnant zu, zog höflich seinen Hut und sagte: »Es ist nicht meine Absicht, Mynheer, einer so mächtigen Frau, wie die Königin von England zu sein scheint, Widerstand zu leisten. Denn ich bin ja nur ein armer Bauernsohn. Ich werde gern die Führung Eurer schönen Soldaten übernehmen, denn ich kenne die Gegend sehr gut. Nur bitte ich, daß Ihr mir mein Pferd nicht nehmt und daß Ihr mir gestattet, zu Pferde zu bleiben, denn ich kann nicht weit zu Fuße gehen in meinen schweren Stiefeln. Und ich bitte Euch auch, Mynheer, reitet nicht zu schnell, denn mein Pferd ist nur ein Bauernpferd und es hat in der letzten Zeit sehr weite Strecken zurücklegen müssen.«
Der Leutnant lachte. »Wenn du nur davor Angst gehabt hast, so beruhige dich, mein Sohn,« sagte er. »Wir wollen dir dein Pferd nicht nehmen und mitkommen wirst du auch schon. Übrigens scheint mir dein Gaul gar nicht so übel zu sein,« fuhr er dann fort, indem er Jager mit prüfendem Blicke musterte, »und ich glaube, wenn er anständig gesattelt und gezäumt würde und einen ordentlichen Reiter bekäme, so müßte er eine hübsche Figur machen. Es ist ein Pferd für die leichte Kavallerie. Aber nun vorwärts!«
Die Dragoner schwenkten auf das Kommando des Leutnants zu dreien rechts ab, Pieter Maritz aber näherte sich rasch dem Missionar, drückte ihm die Hand und wünschte ihm glückliche Reise, schwenkte dann seinen Hut gegen die Brüder, welche ihn bewirtet hatten, und wünschte ihnen gute Gesundheit. Alsdann ritt er, dem Winke des Leutnants folgend, auf dessen linke Seite an die Spitze des Zuges. Es ging im Schritt den Berg hinab, und die Dragoner lachten viel über das Gedränge der Schwarzen, welche sich schaulustig wieder eingestellt hatten, warfen auch Zigarren und Tabak vom Pferde herab in das Volk und belustigten sich an der Prügelei, die dadurch entstand. Wohl eine halbe Stunde weit blieb eine Schar an dem Zuge hangen, beständig tanzend und singend, ohne müde zu werden. Dann erst, als Trab kommandiert wurde, blieben die Schwarzen zurück. Für Pieter Maritz war es ein Vergnügen, an der Spitze der Dragoner zu reiten. Der Weg war gut, denn es war die gebahnte Straße in südwestlicher Richtung nach Pretoria. Der gleichmäßige Trab der Pferde, das Klirren der Pallasche und der am Sattel hangenden Karabiner, das Schnauben der Tiere, das Knirschen der Gebisse und des Lederzeugs, alles dies machte einen kriegerischen Eindruck auf des Knaben Sinn und erregte ihn. Er malte sich in Gedanken aus, wie schön es sein müßte, eine solche Reiterschar zu kommandieren und sie zum Angriff gegen den Feind zu führen. Nach längerem Trabe ließ der Leutnant wieder Schritt reiten. Die Sonne brannte heiß. Der Weg führte über ein Hochland hin, welches frei und offen lag. Zu beiden Seiten dehnten sich Grasflächen aus, und das Gras war braun gebrannt von der Hitze. Nur Mimosengebüsche unterbrachen die Einförmigkeit. Linker Hand zog sich in weiter Entfernung ein bläulicher Streifen hin, der Saum großer Wälder im Osten.
Pieter Maritz betrachtete die Pferde der Dragoner. Sie waren jetzt etwa eine Stunde auf dem Marsche, und der Knabe lächelte, als er sah, daß die meisten ganz naß am Bauche waren und daß ihnen ein weißlicher Schaum unter der Satteldecke stand, während Jager noch kein feuchtes Haar hatte. Nur des Leutnants Pferd war ebenfalls trocken. Es war ein wunderschönes Tier, ganz schwarz und glänzend wie poliertes Ebenholz, wohl eine halbe Handbreit höher als Jager, mit langem Halse, langen, dünnen Beinen und feinem Kopfe.
Der Leutnant redete den Knaben an. »Dein Pferd geht einen recht hübschen Trab,« sagte er, »und du scheinst dich auch gut aufs Reiten zu verstehen. Ist das Reiten bei euch Bauern allgemeine Sitte?«
»Ja, Mynheer,« antwortete Pieter Maritz, »wir reiten alle von Jugend auf, aber so schön wie bei den Soldaten der Frau Königin ist's bei uns freilich nicht.«
Er verglich mit einem bezeichnenden Blick die einfache Trense seines Pferdes mit dem silberblinkenden Stangengebiß im Maule des Rappen und seinen von Dornen zerkratzten, vom Kot vieler Wege und vom Wasser vieler Flüsse und Bäche nahezu schwarz gewordenen Sattel mit dem hellgelben, spiegelblanken Sattel des Leutnants.
»Nun,« sagte der Engländer, welcher diesen Blick aufgefangen hatte, »Sattel und Zaum sind etwas Äußerliches, das Pferd ist immer die Hauptsache. Haben denn viele Bauern gute Reitpferde?«
»Sie haben alle gute Reitpferde,« entgegnete der Knabe.
»Und wie viele Bauern giebt es denn wohl, die ins Feld rücken, wenn etwa Krieg mit den Zulus oder den Betschuanen ausbricht?« fragte der Leutnant, der die Gelegenheit benutzen wollte, Näheres über die Verhältnisse der Buern zu erforschen.
»Das ist sehr verschieden,« sagte der Knabe. »Wenn die Zulus angreifen, sammeln sich die Buern in den Gegenden nahe den Zulus; wenn die Betschuanen Überfälle machen, werden in den dortigen Gegenden Kommandos gesammelt.«
»Aber wenn alle bewaffneten Buern zusammenkämen, wie viele würden das sein?«
»Das weiß ich nicht,« erwiderte Pieter Maritz, indem er ein einfältiges Gesicht machte. »Es sind ihrer zu viele, als daß man sie zählen könnte.«
»Oho!« rief der Engländer. »Wenn es so viele wären, hätten sie es sich wohl nicht gefallen lassen, von uns unterworfen zu werden.«
»Wahrscheinlich sind es der englischen Soldaten noch mehr,« erwiderte der Knabe. »Wieviel Mann hat denn wohl die Frau Königin im Kaplande und in Natal?«
Der Leutnant antwortete nicht, aber er maß den Knaben mit einem argwöhnischen Blicke.
»Aus welcher Gegend bist du denn? Wo wohnen deine Eltern?« fragte er.
»Ich bin im Norden geboren,« erwiderte Pieter Maritz. »Die Gemeinde, zu welcher ich gehöre, wohnt nicht in einem festen Dorfe, sondern gehört zu den Trekbuern, das heißt, wir ziehen herum, was in unserer Sprache trekken genannt wird. Wir bleiben, wo es uns gefällt, und ziehen weiter, wenn das Vieh nicht mehr gute Weide hat oder die Jagd schlecht ist.«
»Ihr seid also eigentlich Vagabonden,« sagte der Engländer, indem er verächtlich herabsah. »Es ist hohe Zeit, daß wir Ordnung in eine solche Gesellschaft bringen.«
Die Landschaft war inzwischen eine andere geworden, der Charakter der Ebene verlor sich mehr und mehr, und zur linken Hand zeigte sich hügeliges Land, mit einzelnen Gebüschen und von Wasserläufen durchzogen. Pieter Maritz ließ seine scharfen Augen über die Gegend hinschweifen und überlegte.
»Wie weit werdet Ihr mich mitnehmen, Mynheer?« fragte er.
»Das wollen wir später sehen,« entgegnete der Engländer.
»Ich möchte nicht gern ganz bis nach Pretoria.«
»Du wirst thun, was dir befohlen wird,« sagte der Engländer.
»Ach, welch ein wunderschönes Pferd habt Ihr, Mynheer!« rief der Knabe aus. »Das habt Ihr wohl von England mitgebracht?«
Der Leutnant blickte selbstgefällig an seinem Gaul hinunter.
»Das Pferd kann gewiß sehr schnell laufen,« sagte Pieter Maritz von neuem, »das kann gewiß viel schneller laufen als unsere Bauernpferde.«
»Dies Tier ist allerdings sehr schnell,« erwiderte der Leutnant. Er hatte dreihundert Pfund Sterling in London für das Pferd bezahlt und konnte sich rühmen, keinen schlechten Handel gemacht zu haben.
»Kann das Pferd auch gut springen?« fragte Pieter Maritz mit seinem unschuldigsten Gesicht.
»Natürlich,« versetzte der Engländer. »Nun halte aber deinen Mund. Du hast zu warten, bis man dich fragt, und wenn du nicht gefragt wirst, hast du zu schweigen. So etwas nennt man gute Manier.«
Pieter Maritz rückte die Büchse und den Patronengurt bequemer auf den Schultern zurecht und drückte leise seine Unterschenkel an Jagers Leib, so daß dieser den Kopf erhob und die Ohren spitzte.
»Auf die Weise würde mir der Weg wohl langweilig werden,« sagte er dann mit freundlichem Lächeln zu dem Offizier. »Lebt wohl, ich wünsche Euch glückliche Reise!«
Nach diesen Worten warf er plötzlich sein Pferd zur Seite und jagte in gestrecktem Galopp nach links über das Feld hin.
»Verdammter Bursche!« rief der Engländer. »Haltet ihn, Leute! Hinter ihm her!«
Pieter Maritz hörte in seinem Rücken ein gewaltiges Rasseln und Rufen und das Stampfen und Schnauben vieler Pferde. Er blickte über die Schulter zurück und sah die ganze Schar der Dragoner in aufgelöster Ordnung daherkommen, um ihn zu verfolgen. Sie ritten in einer weiten Kette hinter ihm her, und ihre Scharlachröcke leuchteten in der Sonne, so daß es dem Knaben schien, als jagte ein hüpfendes Heer von Feuerflammen über das Gras weg. Allen voran ritt der Leutnant, dessen kohlschwarzes Pferd rasch einen Vorsprung vor den anderen Tieren gewonnen hatte, und er rief den Dragonern zu, sie sollten nicht schießen, er wolle den Burschen lebendig wieder haben.