Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 7
»Ehedem war es nötig, die Tiere zu jagen,« erzählte der Buer, »und die Jagd war mühsam, weil die Vögel sehr scharf sehen und flink auf den Beinen sind. Die Kaffern hatten eine hübsche Manier, sie zu jagen. Sie strichen ihre Beine weiß an, nahmen einen Sattel auf die Schultern, der mit Straußenfedern besteckt war, und hielten einen Stock über ihren Kopf, an dem ein Straußenhals und Straußenkopf befestigt war. In der andern Hand hielten sie Bogen und Pfeil. So schlichen sie an die Herde heran, und wahrhaftig, sie machten es so listig, daß Sie selbst, Mynheer, auf zwei-, dreihundert Schritte nicht gesehen hätten, ob ein wirklicher Strauß oder ein Pfefferkopf herankam. Aber die Tiere wurden allmählich selten, und Straußenjagd wurde ein schlechtes Geschäft. Nun züchte ich sie, und wir ziehen ihnen die besten Federn aus. Freilich haben sie es nicht gern, weil es weh thut, und zwei starke Schepsels haben ihre Not, den Vogel zu halten, während der dritte ihm die Federn ausreißt. Aber sie werden gut bezahlt. Ein Pfund von den guten weißen Federn ist am Kap seine 35 bis 40 Pfund Sterling wert. Dazu gehören etwa hundert Federn. Jedes von den männlichen Tieren trägt ein Kleid, das seine 10 Pfund Sterling wert ist, die Weibchen sind freilich nur den sechsten Teil davon wert.«
Nach einem reichlichen Frühstück von Kaffee, Maisbrei und Ziegenfleisch machten sich die Reisenden von neuem auf den Weg und schieden von ihrem Wirt mit freundlichem Wunsche einer guten Gesundheit, aber ohne zu danken, nach der Sitte des gastfreien Landes. Kaatje, die jüngste Tochter, brachte noch einen Binsenkorb mit Apfelsinen an den Wagen, dann schrie Kobus: »Treck!« und die Ochsen zogen an.
Zwei Tage ging es weiter, und eine Nacht dazwischen hielten die Reisenden wieder bei einem Buern Rast, dann erblickte Pieter Maritz am Abend des zweiten Tages den Turm der hoch gelegenen Kirche von Botschabelo. Langsam ging es den gewundenen Weg bergauf, und dann lag die vom Missionar Merensky gegründete Station dicht vor des Knaben Augen. Auf dem Gipfel des Berges war eine kleine Festung erbaut, welche den Ansiedelungen Schutz gegen feindliche Angriffe gewähren sollte und auch wirklich gegen die Häuptlinge Sekukuni und Mapoch gewährt hatte. Die kleine Festung war zu Ehren des Königs von Preußen, nachmaligen deutschen Kaisers, Fort Wilhelm genannt worden und schloß die Missionsgebäude in sich. Rund herum zog sich draußen ein Kranz von Kaffernhütten, und diese waren von Kaffernfamilien bewohnt, welche das Evangelium angenommen hatten und einen Teil der um die Mission versammelten Gemeinde bildeten. Weiter unten im Thale lagen zahlreichere Hütten, und hier hatte sich der Hauptstamm der Gemeinde angesiedelt, ein aus drei verschiedenen Kafferstämmen, den Basutos, Bakopas und Bapedis zusammengesetzter Volkshaufe von mehr als 1000 Köpfen, Männern, Frauen und Kindern. So sah Pieter Maritz denn auch sehr verschiedenartige Gesichtsbildungen und Färbungen unter dem Volke, daß sich draußen um die Hütten herumtrieb. Zum größten Teil waren es Kinder und alte Weiber, während die Männer und jüngeren Weiber noch auf dem Felde beschäftigt und abwesend waren. Viele Kinder mit gewaltig dicken Bäuchen krochen nackt im Sande umher, und die Weiber, welche daheim geblieben waren, beschäftigten sich mit den einfachen häuslichen Verrichtungen, in denen dies arme Volk von seinen christlichen Lehrern unterwiesen worden war.
Im Versammlungshause auf dem Berge war Erstaunen und Freude unter den Brüdern, als der greise Missionar erschien, und er mußte erzählen, wie es ihm in den Jahren ergangen war, wo er fern im unwirtlichen Norden gelebt hatte. Der Superintendent selber war gegenwärtig und außerdem mehrere Missionare mit ihren Familien. Botschabelo war die größte unter den deutschen Stationen in Südafrika und Sitz der Superintendentur. Es war eine große Freude für den alten Mann, wieder einmal die Töne der Muttersprache zu hören, mit Brüdern im Dienste Gottes zu verkehren und die köstliche Häuslichkeit wiederzusehen, die von deutscher Frauenhand geleitet wird. Auch auf Pieter Maritz machte dies Zusammenleben von Männern, die ihr Leben der Arbeit im Weinberge des Herrn geweiht haben und die alle Freuden der Welt zu opfern gewillt sind, um den Heiden das Evangelium zu predigen, einen tiefen und erhebenden Eindruck. Als sich diesen Abend die Brüder und die Gemeinde in der geräumigen Missionskirche zum Abendgottesdienst versammelten und sich die Kniee so vieler schwarzen Menschen, die dem Christentum gewonnen waren, vor Gott in Andacht beugten, da fühlte der Knabe bei der Stimme des Predigers so mächtig wie noch nie die Gewalt der Lehre, von welcher kein Wort verloren gehen soll, wenn auch Himmel und Erde vergehen.
Beim Abendessen wurde gemeinsam besprochen, wohin der greise Missionar sich nun wohl am besten wenden würde. Denn er war ein feuriger Geist und liebte es mehr, hinaus an die fernsten Grenzen und in die schwierigsten Verhältnisse zu ziehen, als sich dem bequemeren Dienste anzuschließen. Ein jüngerer Bruder war kürzlich aus Natal eingetroffen und erzählte, daß die politische Lage zwischen den Engländern, den Buern und den Zulus sehr unsicher sei.
»England hat seine Herrschaft über die Transvaalbuern verkündigt und gedenkt sie auch zu behaupten,« sagte er. »Aber die Engländer sehen wohl ein, daß sie damit auch verpflichtet sind, die Buern vor den Angriffen der Zulus zu schützen. Ich habe ein Vögelchen pfeifen hören, das sang: Die Engländer rüsten einen Feldzug gegen den übermütigen Tschetschwajo.«
Pieter Maritz, der dabei saß, wurde ganz rot. Die Buern sind Manns genug, sich selbst zu schützen, dachte er. Er konnte nur mit Mühe seine Zunge im Zaum halten, doch sagte er sich, daß es ihm in Gegenwart so ehrwürdiger und gelehrter Leute nicht zustehe, den Mund zu öffnen.
»Wir hier in Botschabelo werden davon wenig berührt werden,« sagte ein anderer Bruder. »Wir liegen weit ab vom Kampfplatz. Wenn nur die Matabeles und Bapedis nicht wieder aufrührerisch werden durch Kriegsgerüchte! Zwar sind Sekukuni und Mapoch gedemütigt, doch ist überall umher unruhiges Volk, denn ihre eiteln Herzen trachten immer nach Neuem und sehnen sich nach Beute. So haben wir jetzt zwar im Norden Ruhe, aber im Osten gefällt es mir nicht.«
»Was ist im Osten?« fragte der alte Missionar.
»In den Drakensbergen wohnt ein Paar gefährlicher Räuber mit großem Anhang,« entgegnete der andere. »Solange sie dort blieben, waren sie uns nicht gefährlich, denn sie waren wohl fünfzehn Meilen von uns entfernt. Aber sie sind frech geworden und haben sich zuzeiten nach Norden hin bis in das Gebiet von Neuschottland gewagt, um Vieh zu stehlen. Ja, sie haben sich in den großen Wäldern zwei Meilen östlich von uns gezeigt.«
»Was sind es für Räuber, und von welchem Stamme sind sie?«
»Das ist eine ganze Geschichte,« erwiderte jener. »Es sind zwei Brüder, welche ehedem Fürsten waren, und sie sind vom Stamme der Basuto. Welchen Namen sie unter ihrem eigenen Volke hatten, weiß ich nicht, die Buern aber haben den ältern Bruder Titus Afrikaner, den jüngeren Fledermaus genannt, und unter diesen Namen sind sie der Schrecken der Kreise Utrecht, Wakkerstroom und Lydenburg geworden. Sie lebten ehedem im Oranjefreistaat, besaßen in ihrer Jugend ihre eigenen großen Herden, schossen ihr eigenes Wild, tranken aus ihren eigenen Bächen und ließen die Musik ihrer heidnischen Gesänge zu dem Winde erklingen, der über die Kalambaberge weht, wie sie im Oranjefreistaat die südwestliche Verlängerung der Drakensberge nennen. Als aber die holländischen Ansiedler an Zahl immer mehr zunahmen und sich des Grundes und Bodens bemächtigten, wo Titus Afrikaner und Fledermaus samt ihren Unterthanen zu jagen und zu weiden gewohnt waren, da zogen die schwarzen Fürsten zuerst weiter nach Norden, und endlich kamen sie in die Abhängigkeit der Buern. Sie wurden Hirten eines reichen Grundbesitzers und weideten ihm jahrelang treulich seine Herden. Aber der Buer war ein harter Herr und verlangte in ungerechter Weise immer mehr von seinen Untergebenen. Er und seine Söhne und Knechte peitschten die Anhänger der ehemaligen Fürsten, schossen sie bei geringen Anlässen tot, ermordeten ihre Kinder, mißhandelten die schwarzen Frauen und Mädchen. Als die Vorstellungen der beiden Häuptlinge nichts nützten, sondern der Buer immer übermütiger ward, da regte sich wilder Haß in ihrer Brust. Sie waren beide sehr geschickt im Gebrauch der Feuerwaffen und gute Reiter, und sie thaten ihrem Herrn gute Dienste, indem sie es vortrefflich verstanden, das von Räubern gestohlene Vieh wiederzufinden und zurückzubringen. Aber als sie nun ihre Bitten und Vorstellungen mißachtet sahen, weigerten sie sich eines Tages, nach einer von Buschmännern gestohlenen Herde auszureiten, und, wie man mir erzählt hat, wären sie auch nur die Opfer eines Betruges geworden, wenn sie fortgeritten wären. Denn dem Raube lag ein listiger Plan des Buern zu Grunde. Er fürchtete die Nähe der Häuptlinge und beabsichtigte, sie für immer zu entfernen. Ich lebte ehedem in jener Gegend, und daher kenne ich die ganze Geschichte so genau.
»Als nun der Buer auf offenen Ungehorsam stieß, ward er zornig und sandte den Beiden eines Abends den Befehl, vor seiner Thür zu erscheinen. Sie kamen, aber da sie Gewaltthätigkeiten fürchteten, nahmen sie ihre Büchsen mit und hielten sie hinter ihren Rücken. Der Buer stürzte, als er sie kommen sah, wütend heraus, den Sjambock in der Hand, und schlug sofort mit einem Hiebe über den Kopf den jüngern Bruder, Fledermaus, zu Boden. Da ergriff Titus Afrikaner das Gewehr, und durch die Stirn geschossen fiel der Buer vorwärts auf sein Gesicht. Dann traten beide in das Haus. Die Frau des Buern kam ihnen voll Angst entgegen, denn sie hatte die Ermordung ihres Mannes gesehen. Sie warf sich ihnen weinend und um Gnade flehend zu Füßen. Sie versprachen ihr Schonung, aber verlangten alle Gewehre und alle Patronen, die im Hause wären. Als sie diese hatten, befahlen sie ihr, samt ihren Kindern die Nacht über im Hause zu bleiben und die Thür nicht zu verlassen. Dann gingen sie fort und verteilten die Waffen unter ihre Anhänger. Aber zwei Kinder des Buern befolgten die Warnung nicht, sondern liefen zur Hinterthür hinaus, um zu sehen, was die Schwarzen trieben. Sie wurden beide ermordet. Hiernach verschwanden Titus Afrikaner und Fledermaus nebst einem Haufen ihrer ehemaligen Unterthanen aus jener Gegend und zogen über den Vaalfluß. Sie verbargen sich in Höhlen und Schluchten der Drakensberge, und von dort aus machen sie Raubzüge. Sie sind der Schrecken weiter Landstriche. Mehrfach sind Kommandos gegen sie ausgesandt, die Regierung von Oranje wie die Regierung von Transvaal haben Preise auf ihre Köpfe gesetzt, aber bis jetzt ist es nicht gelungen, sie zu erwischen. Sie sind voll Mut und haben manches Gefecht bestanden. Einmal hat Titus Afrikaner ganz allein stundenlang gegen zwanzig Buern gefochten, indem er im Walde von Baum zu Baum und von Fels zu Fels schlüpfte, und er ist erst geflohen, als ihm das Gewehr in den Händen zerschossen wurde.«
Der greise Missionar hatte aufmerksam zugehört, und ein Gedanke bewegte ihn.
»Diese Leute sind hart behandelt worden,« sagte er, »und ich erkenne in dem, was sie gethan haben, Züge einer wilden, aber doch großartig angelegten Seele. Wenn irgendwo, so muß in solchen Herzen das Evangelium einen fruchtbaren Boden finden. Ich weiß jetzt, was ich zu thun habe. Ich will meinen Stab von neuem zur Hand nehmen und den Weg zu Titus Afrikaner und Fledermaus suchen.«
Diese Erklärung des alten Mannes rief große Bewegung unter den Versammelten hervor, und alle drückten ihr Erstaunen aus. Sie stellten ihm ihre Bedenken vor, zählten die Schwierigkeiten auf, welche sein Vorhaben mit sich bringe, warnten ihn vor den Gefahren einer solchen Unternehmung und bezweifelten deren Erfolg.
Aber der alte Mann blieb fest. Eine himmlische Ergebung und ein bewunderungswürdiger Mut strahlten aus seinen Augen. »Ihr fürchtet für mein Leben,« sagte er sanft, »aber seht ihr nicht, daß meine Jahre sich zu Ende neigen? Welche Verwendung des kleinen Restes meiner Kraft wäre kostbarer als diese Mission unter den wildesten der Heiden? Und ist nicht überall unser Leben in Gottes Hand? Wer sollte auf den Höchsten vertrauen, wenn nicht wir, die wir seine Diener sind unter den Heiden? Ich fühle in meinem Innern, daß das Herz dieser Räuber verstockt ist durch das Unrecht, welches die Christen ihnen thaten, daß es aber schmelzen wird unter der Flamme christlicher Liebe. Es sind wilde und grausame Männer, aber bedenkt, daß im Himmel mehr Freude ist über einen Sünder, der Buße thut, denn über hundert Gerechte.«
»Ich denke, daß unser Bruder recht hat, wenn er meint, daß das göttliche Licht in den Seelen dieser Räuber nicht ganz erloschen ist,« sprach einer der Brüder. »Denn sie haben ja einst die Lehre gehört, und ein Rest davon schlummert sicherlich in ihren Herzen. Dafür ist mir ein Erlebnis, welches ich einst mit ihnen hatte, ein deutlicher Beweis. Zwar ist es eine Geschichte, die im Grunde lächerlich klingt, aber ich möchte sie doch als ein Beispiel dafür mitteilen, daß die Ehrfurcht vor dem Unsichtbaren in diesen Räubern lebt. Wo sich diese findet, da ist auch ein Anknüpfungspunkt für den Glauben an Christum gegeben.«
Er ward gebeten, zu erzählen, welche Begegnung er mit den berüchtigten Räubern gehabt habe, und berichtete folgendermaßen: »Ich hatte eine kleine Station drüben am Walde, etwa anderthalb Meilen von hier, gegründet und war dort mehrere Jahre thätig. Ein Kirchlein und ein Haus, dazu vier oder fünf Hütten, bildeten unsere Kolonie. Damals hatte ich den Schmerz, meine geliebte Frau zu verlieren, sie ward neben der Kirche bestattet, und noch einige andere Gräber gesellten sich im Laufe der Zeit dazu, so daß ein kleiner Friedhof entstanden war. Als es unruhig im Lande und unsere Kolonie gefährdet ward, zogen wir ab und kamen hierher. Aber eines Tages, etwa ein Jahr, nachdem ich fort war, wandelte mich Sehnsucht nach der Stätte an, wo ich glücklich gewesen war, und nach dem Orte, wo der Leib meiner treuen Lebensgefährtin ruhte. Mit einem christlichen Kaffer zusammen wandelte ich dorthin zurück. Als wir uns aber der verlassenen Station näherten, kam es uns so vor, als wären wir nicht allein in der Gegend, und wir versteckten uns in einem Dickicht, etwa hundert Schritte von der Kirche, welche noch da stand. Da sahen wir denn einen Haufen von bewaffneten Schwarzen herankommen, welche sich den Gebäuden näherten, alsbald hineindrangen und zu plündern anfingen. Viel konnten sie unmöglich finden, aber was da war, das schleppten sie heraus. Und der Kaffer neben mir flüsterte mir zu, daß Fledermaus an der Spitze der Schar sei. Da bemerkte ich, daß einige verwundert an dem Friedhof standen und die Hügel betrachteten, welche mit Kreuzen geschmückt waren. Und einer von ihnen ging über die Hügel weg. Da ertönte, als seine Füße die eine Erhöhung überschritten, ein sanftes Tönen, welches aus der Erde hervordrang. Er stand bewegungslos, blickte über seine Schulter zurück und wußte offenbar vor Angst nicht, ob er davonlaufen oder stehen bleiben sollte. Endlich ermannte er sich und trat von neuem auf den Hügel. Wiederum erklangen aus der Erde sanfte Noten einer dahinsterbenden Musik. Da ergriff er die Flucht, und mit ihm liefen die andern fort, und sie holten ihren Häuptling herbei. Fledermaus kam tapfer heran und schritt auf die Erhöhung. Als er aber nun ebenfalls die Musik vernahm, da trat er ehrfurchtsvoll zur Seite, versammelte alle seine Begleiter um sich und redete lange mit ihnen. Und offenbar erinnerte er sich der Lehre früherer Zeiten, die er gehört, als er noch unter den Buern lebte: daß nämlich die Seele unsterblich sei und nicht mit dem Körper untergehe. Denn er redete in feierlicher Weise und mochte wohl seinen Genossen auseinandersetzen, daß die Toten, die dort lägen, es nicht billigten, daß ihre früheren Wohnungen beraubt würden. Als er nämlich aufgehört hatte zu reden, trugen sie alle ihre Beute wieder in das Haus zurück und entfernten sich schweigend und, wie mir schien, voll Scheu über das, was sie erlebt hatten.«
»Und was war es mit der Musik?« fragte man.
»Die geheimnisvollen Töne rührten von meinem Pianoforte her,« sagte der Missionar lächelnd. »Es war mir bei unserer Flucht unmöglich, das schwere Instrument mitzuschleppen; da es aber der Lieblingsgegenstand meiner seligen Frau gewesen und mir selbst sehr wert war, wollte ich es nicht ohne weiteres im Stiche lassen. So begrub ich es denn und türmte Erde gleich einem Grabhügel zum Schutze darüber. Der Boden ist dort so trocken, daß es fast gar nicht von Schimmel und Fäulnis ergriffen war, und seine Saiten ertönten unter den Füßen der Schwarzen auf ganz natürliche Weise.«
Die Gespräche hatten Pieter Maritz nachdenklich gemacht, und als sich alle zur Ruhe begaben, folgte er seinem väterlichen Freunde und sagte mit bittendem Tone: »Nehmt mich mit Euch, Mynheer, wenn Ihr weiterzieht!«
»O nein, mein Junge,« rief der Missionar erschreckt. »Das geht nicht an. Hier müssen sich unsere Wege scheiden. Du kehrst zurück, und ich gehe weiter.«
»Nehmt mich mit,« wiederholte Pieter Maritz. »Ich habe Euch lieb. Wer soll Euch Wild schießen, wenn ich nicht da bin? Wer soll Euch schützen?«
»Der Herr hat nicht Gefallen an der Stärke des Rosses noch an jemandes Beinen,« erwiderte der Missionar. »Mit dem Stecken in der Hand sollen seine Diener ziehen, und ihre Waffenlosigkeit ist ihr stärkster Schutz unter dem raub- und mordlustigen Volke.«
»Ich bitte Euch, nehmt mich mit,« flehte der Knabe, des alten Mannes Hand ergreifend. »Es macht mir solche Freude, zu sehen, wie sich die Herzen der Heiden unter Euerm Worte beugen.«
Der Missionar sah den Knaben voll innigen Anteils an und las in seinem Gesichte edles Gefühl und den Drang zu hohen Thaten.
»Ich will es mir diese Nacht überlegen,« sagte er. »Überlege auch du es dir. Morgen früh wird dein Blut ruhiger sein. Gute Nacht!«
Sechstes Kapitel
Lord Adolphus Fitzherbert
Pieter Maritz harrte den ganzen folgenden Tag auf ein Wort des Missionars, welches ihn ermuntern sollte, die fernere Reise ins Ungewisse mitzumachen, aber der Missionar sprach nicht. So ging es auch den zweiten und den dritten Tag. Der Missionar wollte sich in diesen Tagen von den Anstrengungen der vorhergehenden Zeit erholen und zu den bevorstehenden Mühen neu kräftigen. Darum blieb er ruhig bei den Brüdern von Botschabelo, nahm an deren Gottesdienst teil, predigte an dem Sonntage, der innerhalb der drei Ruhetage fiel, und erging sich in erbaulichen Gesprächen mit den Männern und Frauen, die gleich ihm an der schweren Arbeit beschäftigt waren, die unwissenden Köpfe und kindischen Herzen eines auf tiefer Stufe stehenden Volkes zu einem guten Acker für Gottes Wort umzupflügen.
Pieter Maritz wagte nicht, von sich selbst aus seinen Wunsch wieder in Erinnerung zu bringen, aber er war keineswegs andern Sinnes geworden. »Kehre ich zurück,« dachte er, »so bin ich ein thörichtes Kind in den Augen der Knaben wie der Männer, denn ich habe meinen Auftrag nicht vollführen können. Und selbst wenn ich keine Strafe bekomme -- zu Hause bin ich immer nur ein Knabe, aber hier draußen gelte ich als Mann.«
Die Bilder eines ereignisreichen Lebens in der Ferne bewegten lebhaft sein Herz. Er sah mit Sehnsucht nach den fernen blauen Bergen hinüber und es war ihm wie dem Vogel, der seine Schwingen hebt, um in ferne Länder zu ziehen. Seine Einbildungskraft spiegelte ihm vor, daß sich ihm Gelegenheit bieten würde, ruhmreiche Dinge zu vollführen, so daß bei seiner späteren Rückkehr die Gemeinde mit Bewunderung auf ihn blicken und seine Altersgenossen ehrfurchtsvoll flüstern würden: »Das ist Pieter Maritz, der für sein Vaterland große Dinge gethan hat.«
Der Missionar hatte seinen Aufbruch für den vierten Tag festgesetzt, und Pieter Maritz hatte sich vorgenommen, falls der alte Mann nichts sage, sich einfach dem Zuge anzuschließen und herzlich zu bitten. Die ganze Versammlung der Brüder von Botschabelo nebst den Frauen und Mädchen saß am Abend vor der geplanten Abreise beim Essen zusammen, und eben war das Tischgebet gesprochen worden, als sich draußen ein großer Lärm erhob. Schreien und Jauchzen vieler Stimmen drang in das große Gemach, und alsbald kamen mehrere schwarze Diener hereingelaufen und meldeten in höchster Aufregung, daß fremde Krieger den Berg heraufgezogen kämen.
Die Brüder erhoben sich bestürzt von ihren Sitzen und ließen das Abendessen stehen, um vor die Thür zu treten; der erste aber, der draußen war, um zu sehen, was es gebe, war Pieter Maritz. Da hatte er einen Anblick, der sein Herz laut klopfen machte und ihn voll Bewunderung regungslos auf die Stelle bannte.
Ein Zug von Reitern kam die Straße bergauf geritten, wie er deren noch nie gesehen hatte. In den Strahlen der niedrig stehenden Sonne funkelten Waffen, glänzendes Lederzeug und der metallene Beschlag von weiß leuchtenden Helmen. Die Reiter waren in scharlachrote Röcke gekleidet, trugen hohe blanke Stiefel, ritten auf sehr schönen, großen Pferden und sahen so stolz und prächtig aus, wie Pieter Maritz niemals gedacht hatte, daß Krieger aussehen könnten. Er zählte ihrer vierundzwanzig, die zu dreien in einer Reihe ritten, ihnen voran kam ein blutjunger Mann, der das Kommando führte, und hinterher ritt ein bärtiger Soldat, der durch goldene Streifen auf dem Ärmel seines Rockes ausgezeichnet war.
Der Zug hatte den tiefsten Eindruck auf die ganze Gemeinde von Botschabelo gemacht. Es war niemand daheim geblieben, sondern alt und jung, Männer, Weiber und Kinder waren herbeigelaufen, schrieen vor Entzücken und zugleich vor Furcht und drängten sich so auf dem Wege, daß die Reiter nur in langsamem Schritte vorwärts kamen und sich in acht nehmen mußten, die neugierigen, tanzenden und schreienden Schwarzen nicht durch die Hufe ihrer Pferde zu Boden treten zu lassen.
Vor dem Versammlungshause angekommen, hielt der jugendliche Führer der Reiterschar sein Roß an, und da Pieter Maritz gerade neben ihm stand, wandte er sich an diesen und fragte, wer hier der Älteste sei und über die Gemeinde zu befehlen habe. Er sprach englisch, und Pieter Maritz verstand diese Sprache sehr gut, aber die Frage ward in so hochmütigem Tone und in einer so besondern Sprechweise gestellt, daß Pieter Maritz nur verwundert in das fragende Gesicht sah und nachdachte, warum dieser junge Krieger wohl so sehr durch die Nase spräche.
»Kann der Bauernlümmel nicht antworten oder will er nicht?« rief der Engländer.
Pieter Maritz wurde ganz rot vor Zorn und Scham und faßte unwillkürlich nach der Seite, wo er den Hirschfänger zu tragen pflegte. Aber er war ohne Waffen, wie er sich zu Tisch gesetzt hatte.
»Ob der Bursche nur wenigstens den Hut vom Kopfe thut!« rief der Engländer von neuem. »Es ist sehr notwendig, diesem Volke Manieren beizubringen.«
In diesem Augenblicke aber, ehe sich der Streit noch verschärfen konnte, kam der Superintendent heran und sagte, daß er der Vertreter der Missionsstation wie überhaupt der deutschen Kirchen in Transvaal sei. Der Engländer grüßte hierauf sehr höflich, obwohl immer noch mit der Miene der Herablassung, und sagte, er sei Lord Adolphus Fitzherbert, Leutnant und Kommandant einer Patrouille von der Dragonergarde Ihrer Majestät der Königin. Er beanspruche Quartier für eine Nacht in Botschabelo.
Der Superintendent gab hierauf Anweisungen, den Dragonern Wohnung und ihren Pferden Stallung zu geben, die Reiter stiegen ab, und der Leutnant ging mit den Missionaren in das Speisezimmer, wo die Schüsseln noch unangerührt standen. Er legte Helm, Pallasch und Revolver, auch das goldglänzende Bandelier mit der silbernen Patrontasche ab, setzte sich mit seinen Wirten zu Tisch und ließ es sich gut schmecken.