Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 53
Indem er jedoch mit diesem Gedanken umging und sich einem Winkel des Lagers näherte, wohin die Feuer ihren Schein nicht warfen, ward es plötzlich lebendig unter den Truppen. Mehrere junge Offiziere liefen umher. General Colley hatte befohlen, daß die Truppen sich zum Aufbruch rüsten sollten, und ohne Signale wurden die Befehle mündlich weitergetragen. Ein Unteroffizier von den Dragonern rief den verkleideten Buernsohn an und befahl ihm, sein Pferd zu satteln. Pieter Maritz sah, daß er sich in das Unvermeidliche fügen müsse und daß er nicht an Flucht denken könne, während die gesamte Besatzung des Lagers auf den Beinen war. Überall sprangen die Schläfer von ihren Ruhestätten auf, überall wurden die Gewehre ergriffen, die Pferde gesattelt und Patronen sowie Lebensmittel verteilt. General Colley hatte befohlen, daß jeder Infanterist außer seiner gefüllten Patrontasche noch achtzig Reservepatronen mitnehmen und daß jeder Mann, Kavallerist wie Infanterist, für drei Tage Lebensmittel und Rum erhalten sollte.
Die Hochländer, das 58. und das 60. Regiment, soweit sie noch existierten, traten an, die Marinetruppen machten sich fertig und bespannten eines der Gatlinggeschütze, die Husaren sattelten, und auch die Dragoner nahmen marschbereit Aufstellung. Pieter Maritz nahm seinen Platz im Gliede ein und war auf alles gefaßt. Alles ging sehr schnell vor sich, General Colley drängte zur Eile und befahl größte Ruhe, damit die feindlichen Posten nichts vom Aufbruch der Truppen merkten. Er selbst erschien in einem Anzuge und einer Bewaffnung, die ihm das Bergsteigen erleichterten. Er hatte seine Reiterstiefel abgelegt und leichte Schuhe und Gamaschen angezogen, trug einen Stock in der Hand und im Gürtel nur einen Revolver. Er ging die Reihen der Truppen entlang und bestimmte deren Einteilung. Von den Hochländern sollten 180 Mann, von den Trümmern des 58. Regiments 148, von denen des 60. Schützenregiments 150 Mann, dazu 70 Marinesoldaten und Matrosen, dann die Husaren und ein Trupp Dragoner das Corps bilden, welches die Expedition machen sollte. Der Rest der Truppen sollte im Lager bleiben und es im Falle der Not verteidigen, bis General Wood zur Verstärkung herankäme.
Der Marsch wandte sich den Bergen zu und zunächst nach Süden, um in einem Bogen den nördlich gelegenen Majuba zu erreichen. Alle Befehle wurden mit halber Stimme gegeben, den Soldaten war das Sprechen untersagt worden, und in tiefer Stille wand sich die dunkle lange Kolonne über die nachtumhüllten Höhen und durch die Thäler der Drakensberge dahin. General Colley ging mit dem Buern, welcher führte, voran und ließ sein Pferd am Zügel nachbringen. Die Dragoner, welche schon mit den Eigentümlichkeiten des Landes vertraut waren, wurden von Zeit zu Zeit seitwärts in den Thälern vorgeschickt, um zu untersuchen, ob alles sicher und nichts von den Buern zu entdecken sei. Pieter Maritz hätte bei dieser Gelegenheit wohl schon entwischen können, aber er überlegte sich, daß es klüger sei, den ferneren Marsch der Engländer mitzumachen, um genau zu wissen, wo sie ihre Aufstellung nähmen, als etwa durch seine Entfernung einen Verdacht bei ihnen zu erwecken und sie vielleicht zu warnen und vorsichtig zu machen. Pieter Maritz hatte dem Gespräch zwischen dem General und dem Befehlshaber der Hochländer mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört und war überzeugt, daß dieser recht habe und daß der Plan, den Majuba zu besetzen, sehr nachteilig für die Engländer sei. Sein natürlicher Verstand und seine kriegerische Erfahrung sagten ihm, daß die Buern von der Ausführung dieses Planes den Vorteil haben würden, indem sie die getrennten Abteilungen der Feinde einzeln angreifen könnten. Er begriff nicht, wie ein erfahrener Offizier auf den Gedanken kommen könne, seine Truppen auf einen einzelnen Berggipfel zu bringen, der bis in die Wolken ragte. Er erwog zugleich, wie er es anfangen wolle, so lange wie möglich bei der Kolonne zu bleiben und dann unbemerkt davonzukommen, um dem General Joubert Bericht zu erstatten. Solange es dunkel blieb, war er vor Entdeckung sicher, nur mußte er suchen sich zu entfernen, bevor die Sonne aufging, denn wenn jemand entdecken sollte, daß in der Dragoneruniform ein Unbekannter steckte, so würde es diesem Eindringling sicher ans Leben gehen.
Der Marsch ging schweigsam in der Dunkelheit weiter. Leise ertönten die Kommandos der Offiziere, das Geräusch vieler Schritte, das Klirren der Säbel und Bügel, das Anschlagen der Bajonettscheiden und die vielstimmige Bewegung der Tornister, Brotbeutel, Feldflaschen und des sonstigen Gepäcks waren zu vernehmen. Endlich lag der hohe Berg, welcher das Ziel des Marsches war, vor der Spitze der Kolonne, und Pieter Maritz sah die dunkle Riesengestalt sich deutlich an dem helleren Nachthimmel abzeichnen. Die Mondsichel stand jetzt zur Rechten tief über dem Horizont und über der Stelle, wo das Buernheer lagerte. Sie beleuchtete mit mattem Glanz die eigentümliche Form des Berges, der sich hoch über den benachbarten Kuppeln emporhob. Sein Gipfel war platt gleich denen vieler Berge Südafrikas. Es sah aus, als habe ein Riese mit einem ungeheuren Messer die oberste Spitze glatt abgeschnitten. Überall fielen die Hänge steil ab, doch war der Berg nach der Seite des Buernlagers hin weniger schroff als nach der Seite hin, wo die Engländer heranmarschierten.
General Colley ließ die ganze Kolonne vormarschieren, bis zu der Stelle, wo der eigentliche Kegel des Majuba anfing und der Anstieg so schroff wurde, daß für die Kavallerie der Weitermarsch unmöglich war. Dann ließ er halten und teilte seine Schar. Die Husaren und Dragoner, sowie zwei Kompanien der Infanterie erhielten Befehl, unten als Reserve zu bleiben und Verbindung mit dem Lager zu halten, eine Abteilung, welche Pieter Maritz auf etwa vierhundert Mann mit zwanzig Offizieren schätzte, ward zum Hinaufsteigen kommandiert. General Colley selbst warf den Stock weg, um beide Hände beim Erfassen der Felsblöcke frei zu haben, zog den Überrock aus, um ihn über die Schulter gehängt leichter zu tragen, und ging mit ermunterndem Zuruf voran.
Es war hier ein außerordentlich schwieriger Aufstieg, und Pieter Maritz sah dem Beginnen des Generals voll Verwunderung zu. Der Hang war zerklüftet und mit Felsblöcken übersät. Er glich stellenweise einer in übermenschlichen Verhältnissen erbauten Treppe, indem die Felsblöcke Stufen von solcher Höhe bildeten, daß sie nur klimmend zu besteigen waren. Die Ordnung unter der Infanterie hörte sofort auf, denn ein jeder hatte so viel mit sich selbst zu thun, daß er auf das Allgemeine nicht mehr achten konnte. Die Truppe löste sich in einen wirren Haufen auf, und Pieter Maritz mußte unwillkürlich an eine Ziegenherde denken, die springend und kletternd am Bergeshang schwebt, nur daß die mit Waffen und Gepäck beladenen Soldaten nicht die Leichtigkeit jener behenden Tiere besaßen. Vielfach mußten die Soldaten einander helfen, indem sie von unten den oben stehenden das Gewehr und den Tornister zureichten oder von oben zogen oder einer auf des andern Nacken stiegen, um den Rand eines schroffen Felsens zu erreichen. Obwohl die Hochländer als Bergbewohner geübte Kletterer waren, fanden sie hier doch eine Aufgabe, die alle ihre Kraft und Kunst in Anspruch nahm.
Schlimmer noch als der Infanterie ging es den Seeleuten, die das Geschütz hinaufschaffen sollten. Obwohl sie sich die beste Stelle aussuchten und nun mit größter Aufopferung sich abmühten, die Gatlingkanone hinaufzuziehen und zu schieben, erreichten sie doch ihren Zweck nicht. Sie spannten sich vor, und die stämmigen Leiber bogen sich wie Angelruten zusammen; sie griffen in die Speichen, faßten an das Rohr und die Lafette, aber so sehr sie sich mühten, es zeigte sich bald als völlig unmöglich, das Geschütz hinaufzubringen, und wütend gab General Colley den Befehl, die Kanone stehen zu lassen. Die Seeleute mußten mit ihren Büchsen allein der Infanterie folgen.
Während sich so der Abhang mit kletternden Männern bedeckte und der in Dämmerung liegende Berg gleichsam lebendig wurde von krabbelnden und kriechenden, ächzenden und leise fluchenden Geschöpfen, merkte Pieter Maritz, daß es nicht weit mehr von Sonnenaufgang sein konnte. Ein frischer Hauch wehte über die Erde hin, dem Osten entgegen, die Sterne fingen zu erbleichen an und der Mond war verschwunden. Die Aufmerksamkeit der Truppen unterhalb des Majuba war völlig auf die Hinanklimmenden gerichtet, welche nur langsam vorwärts kamen und von denen die obersten schon nicht mehr zu erkennen waren, obwohl sie kaum die Hälfte des Berges erklommen haben konnten. Der Augenblick der Flucht schien dem Buernsohn gekommen zu sein. Die Truppen hier unten standen nicht in regelrechter Ordnung, sondern ruhten. Die Kavalleristen machten sich mit ihren Pferden zu thun, Husaren und Dragoner hatten sich über einen ziemlich großen Platz hin ausgebreitet und waren zum Teil abgestiegen, noch hatten die Offiziere, ganz in Beobachtung des Aufstieges vertieft, keine Posten ausgestellt. Pieter Maritz ritt langsam, indem er von Zeit zu Zeit anhielt und nach dem Berge blickte, gleichsam unabsichtlich nach rechts, bis er an den letzten Rotröcken vorbei war, und dann entfernte er sich im Schritt. Einige Dragoner schienen ihm nachzusehen, und Pieter Maritz hörte, daß einer von ihnen den andern fragte, wohin denn der Kamerad wolle, aber er wurde nicht angerufen und nicht verfolgt. Sobald er völlig außer Gesichtsweite war, gab er dann dem Pferde die Sporen und eilte im schnellsten Galopp zum Buernlager.
Er hatte kaum fünf Minuten zu galoppieren, bis er die Landstraße erreichte, welche zwischen dem Majuba und dem Lager hinlief, und hier traf er auf einen Buernposten, zwei Reiter, welche mit der Büchse im Arm die Straße überwachten. In diesem Augenblick traf der erste Sonnenblitz aus der verschwindenden Nacht hervor, und gleich darauf verbreitete sich strahlende Helligkeit über die erwachende Erde. Pieter Maritz rief laut und winkte mit der Hand, denn schon legten die Buern, welche die rote Uniform erblickten, ihre Büchsen an, und tödliche Kugeln hätten dem kühnen Jüngling seine That lohnen können. Zum Glück waren die Buern langsam in ihren Überlegungen, und im Bewußtsein ihrer Kraft nicht erschreckt durch das eilige Herankommen des einzelnen Mannes. Sobald sie die eigene Sprache in dem warnenden Rufe des vermeintlichen Dragoners vernahmen, setzten sie ihre Gewehre ab und ließen Pieter Maritz näher kommen. Er teilte ihnen in kurzen Worten mit, daß er zur Ausführung einer Kriegslist in der Uniform des Feindes sei, und eilte weiter.
Das Lager begann sich unter dem weckenden Tageslicht aus dem Schlummer zu erheben, einzelne Buern gingen umher und sahen nach ihren Pferden, die Kaffern waren auf den Beinen, um ihren Pflichten nachzugehen, für die Herren das Frühstück zu bereiten und für das Vieh zu sorgen, aber sonst herrschte tiefer Frieden, und keine Ahnung von dem bedrohlichen Unternehmen der Engländer trübte die Ruhe der Buern. Zwischen den weitläufig stehenden großen Wagen erhoben sich viele Zelte und Schirmdächer, welche die Buern aus den Verdecken ihrer Wagen hergestellt hatten, und in der Nähe dieser Lagerstätten wurden Feuer angezündet. Pieter Maritz ritt zu dem Zelte des Generals Joubert und wollte soeben absteigen, um hineinzugehen und den Befehlshaber zu wecken, als der wachsame Feldherr selbst mit dem Fernrohr unter dem Arme draußen erschien, um seiner Gewohnheit nach in der ersten Frühe des Morgens Umschau zu halten. Er war höchst erstaunt, einen Dragoner vor sich zu sehen, und er lachte laut, als er Pieter Maritz erkannte, der mit einem Gesicht, das vor Eifer glühte, auf schweißbedecktem Gaule, in roter Uniform und mit dem weißen Helm auf dem Kopfe vor ihm hielt. Doch er wurde ernst, als Pieter Maritz ihm Meldung machte, weshalb er in diesem verwunderlichen Anzuge hier sei und was General Colley ausgeführt habe.
»Mein junger Freund,« sagte er, »Sie haben sich den Dank des Vaterlandes verdient.«
Er reichte Pieter Maritz die Hand und sah ihm mit einem Blicke ins Auge, dessen beglückender Eindruck für immer in des tapferen Buernsohnes Herzen zurückblieb.
»Also die Engländer sind auf dem Majuba!« sagte er dann und richtete sein Fernrohr auf den flachen Gipfel des Berges, der jetzt im hellen Licht der Sonne seine mächtigen Formen über den niedrigen Höhen des Gebirges zeigte. »Das hat General Colley sich fein ausgedacht,« setzte er hinzu, »aber ich denke, wir wollen ihn dort oben so fassen, daß er schneller herunterkommt, als er hinaufgekommen ist.«
Sorgfältig beobachtete er die Gestalt des Berges, und Pieter Maritz neben ihm ließ seine hellen scharfen Augen ebenfalls auf den Hängen dieser natürlichen Burg prüfend verweilen. Der Berg lag wie eine hohe Festung da, und seine hochragende Form schien eine drohende Gestalt anzunehmen. Deutlich und klar zeichnete sich sein Umriß von dem blauen Himmel ab, und die helle Beleuchtung gestattete selbst eine genaue Beobachtung der Gestaltung seines Hanges. Graublau lag der kahle Gipfel da, doch zogen sich dunkle Furchen den Hang herab, welche Einsenkungen waren, und viele tiefdunkle Stellen bezeichneten Schluchten und Löcher in dem steilen Kegel. Die Entfernung von dem Platze, wo General Joubert und Pieter Maritz standen, bis zu dem abgeplatteten Gipfel, den General Colley besetzen wollte, war weiter, als daß eine Büchsenkugel sie hätte durchmessen können, doch hätte die Kugel aus einem Feldgeschütz wohl so weit getragen.
»Jetzt sehe ich die Engländer,« sagte der General plötzlich, nachdem er lange durch sein Glas geblickt hatte, »sie sind in diesem Augenblicke bis an den Rand vorgegangen.«
»Ich sehe sie auch,« sagte Pieter Maritz, der auch ohne Fernrohr das Blitzen der Waffen und den Glanz der roten Röcke auf dem Gipfel zu bemerken imstande war.
Einige Minuten lang betrachteten beide das merkwürdige Schauspiel, eine lange Reihe von Gestalten, die ungemein winzig aussahen, dort oben auf dem hohen Berge am Rande des Gipfels sich aufstellen zu sehen, da erschien ein kleines helles Wölkchen in jener Reihe, dann noch eines und noch eines, und drei Schüsse hallten mit schwachem Tone lange nachher zu ihnen herüber.
Joubert schob sein Fernrohr zusammen. »Sie wollen zeigen daß sie da sind,« sagte er. »Ich werde den Kriegsrat versammeln, und wir werden beraten, was zu thun ist. Gehen Sie, Pieter Maritz, und ruhen Sie sich aus. Wir haben Zeit. Unsere Leute sollen in Ruhe frühstücken. Die dort oben laufen uns nicht weg.«
Pieter Maritz ritt an den Wagen, in welchem er und Lord Fitzherbert zu schlafen pflegten, und beim Geräusch seines Herankommens erwachte der Freund und blickte aus dem Zeltleinen hervor, womit der Wagen überspannt war. Er rieb sich die Augen, als er den Buernsohn erblickte.
»Was, zum Henker, Pieter Maritz,« fragte er, »treibst du da für eine Maskerade?«
»Heute sollst du sehen, daß wir Buern auch angreifen können,« entgegnete dieser. »General Colley ist mit mehr als vierhundert Mann auf der Spitze des Majuba dort drüben.«
Lord Fitzherbert staunte, und als ihm Pieter Maritz nun erzählte, was sich zugetragen hatte, da blickte er voll Besorgnis nach dem hohen Berge, aber betrachtete doch mit Bewunderung den kühnen Freund.
»O Pieter Maritz,« sagte er, »ihr Buern seid schreckliche Leute, und ich merke, Englands Stern geht unter.«
Trübselig saß er da, in die wollene Decke gehüllt, mit welcher er sich gegen die Kühle der Nacht verwahrt hatte, und erst nach längerem Zureden entschloß er sich, aufzustehen und an dem Frühstück teilzunehmen, das der Buernsohn am Feuer bereiten ließ.
»Welch ein Soldat bist du geworden, Pieter Maritz!« sagte er. »Was für einen Kavallerieoffizier würdest du abgeben! O, wärst du doch bei uns im Dienst der Königin! Du würdest zu etwas Großem kommen, du würdest ein berühmter General.«
Pieter Maritz lachte und schüttelte den Kopf. Er saß in der Dragoneruniform am Feuer und sein Freund neben ihm in einem Buernrocke, den Pieter Maritz ihm zu seiner Bequemlichkeit während seiner Gefangenschaft gegeben hatte. So hatten die Freunde gleichsam die Rollen vertauscht, und sie saßen wie Brüder beisammen und genossen gemeinsam ihren Kaffee und Maisbrei.
Währenddessen wurde es im Lager lebendig, die Buern erfuhren die Nachricht von der Nähe des Feindes und rüsteten sich zum Kampfe. Nun kamen auch die Posten zurück, welche dem englischen Lager von Mount Prospect gegenübergestanden hatten und abgelöst worden waren. Jakobus brachte Jager am Zügel und ebenso Pieter Maritz' Anzug und Waffen, nachdem er den gefangenen Dragoner überliefert hatte. Pieter Maritz warf die rote Uniform ab und zog die Bluse an, streichelte den treuen Jager und gürtete und rüstete sich. Die Sonne stand hoch am Himmel, es war gegen neun Uhr morgens und der Angriff auf den Majuba sollte beginnen.
Jetzt versammelten sich die behenden Reiterscharen der Buern am Saume des Lagers, Pieter Maritz winkte seinem Freunde zum Abschied und eilte zu den Männern seiner Gemeinde. Eine Schar von zweihundert Kämpfern kam unter Jouberts Befehl dem nordöstlichen Hange des Majuba gegenüber zusammen, um den Sturm zu unternehmen, während andere Abteilungen bereit standen, etwaigen Angriffen der unten gebliebenen englischen Truppen zu begegnen. Zweihundert Mann der Ihrigen hielten die trotzigen starken Buern für genügend, um den an Anzahl mehr als doppelt überlegenen Feind in seiner hohen Stellung anzugreifen.
Der Majuba lag schweigend in seiner imposanten Größe da, kein Laut schallte vom Feinde herüber, kein Gewehr war drüben mehr abgefeuert worden seit den drei Schüssen, welche gleichsam das Signal der vollzogenen Besetzung des flachen Gipfels gegeben hatten. Pieter Maritz sah jetzt im Näherkommen die Bildung und Beschaffenheit des steilen Berges beim hellen Sonnenlicht sehr deutlich vor sich und konnte bis obenhin die Felsblöcke, Schluchten und Büsche des Hanges unterscheiden. General Joubert hatte die günstigste Stelle zum Ansturm ausgesucht, und Pieter Maritz mußte an die warnenden Worte des Befehlshabers der Bergschotten zurückdenken, der dem General Colley Vorstellungen gemacht hatte. Denn in der That bot der Berg den Buern, welche ihn erstürmen wollten, viele günstige Gelegenheiten, sich in guter Deckung Schritt vor Schritt hinaufzukämpfen.
Am Fuße des Berges und noch außer Zielweite hielt die Schar an, und die Buern stiegen von den Pferden. Der Gipfel lag steil und drohend über ihnen, zweitausend Fuß höher als der Platz, wo sie ihre Pferde in Obhut zurückließen. Doch mußten die Engländer dort oben sie wohl wahrgenommen haben, denn jetzt knallten mehrere Schüsse, und Kugeln pfiffen hoch über die Köpfe der Buern weg. Alsbald ging ein Haufe in weit zerstreuter Ordnung vor, und andere kleinere Haufen folgten diesen Schützen unter vorsichtiger Benutzung der Vorsprünge des Bodens. Pieter Maritz war unter den vordersten Männern. Er hatte den Degen an Jagers Sattel gehängt und war nur mit Büchse und Messer gleich den Gefährten bewaffnet, um sich zu Fuße am Berge leichter bewegen zu können. Gleich Jägern, die ein schlaues Wild beschleichen wollen, gingen die Buern vorwärts, und keiner war unter ihnen, der nicht hundert- und tausendfach das Wild im Laufe und im Sprunge erlegt hätte. Eine gefährliche Schützenschar war es, die General Colley sich auf den Hals gezogen hatte.
Pieter Maritz sah eine Schlucht vor sich, die etwas schräg nach rechts und aufwärts lief und deren oberer Rand vollkommenen Schutz gegen Schüsse von oben bieten mußte. Er klimmte dorthin und mehrere Gefährten folgten ihm. Der Berg war an dieser, dem Buernlager zugewandten Seite viel leichter zu ersteigen, als an derjenigen, wo nachts vorher die Engländer hinaufgeklettert waren. Er war weniger steil und nicht so rauh von treppenartig geschichteten Felsblöcken. Immerhin war er sehr steil, und es bedurfte geübter starker Kniee, um an diesem Hange aufwärts zu kommen.
Die Schlucht, in welcher Pieter Maritz emporstieg, brachte ihn ein gut Stück empor und er ging hier ganz sicher, während droben Schuß nach Schuß fiel und es wohl zu merken war, daß die Engländer etwas von dem drohenden Feinde gesehen hatten. Mehrfach pfiff eine Kugel über die Schlucht hin, aber dieser Ton beflügelte nur die Schritte der Emporsteigenden. Vorsichtig hielt Pieter Maritz an, als er den oberen Ausläufer der Einsenkung erreichte, und blickte verstohlen nach oben hin. Er sah den Feind. Etwa tausend Fuß noch über sich erblickte er mehrere Helme über einer Steinwand, die einer Brüstung ähnlich den platten Gipfel auf dieser Seite einfaßte, und sein scharfes Auge erkannte, als einer der dort liegenden Engländer sich erhob, um hinunterzusehen, die Uniform eines Offiziers der Hochländer. Pieter Maritz erhob die Büchse, legte sie auf den Rand des oberen Hanges der Schlucht, zielte und schoß. Das Echo der tiefer liegenden Berge gab den Knall der Büchse wieder, es war der erste Schuß, der auf seiten der Buern an diesem Tage fiel, und der Offizier der Hochländer stürzte zusammen. Für eine Minute schwieg das Feuer dort oben an der Stelle, wo die Schotten lagen, und der Fall des Offiziers schien Bestürzung und Verwirrung unter ihnen erregt zu haben, dann aber vermehrte sich die Zahl der Kugeln, die herunterpfiffen. Wütend suchten die Schützen auf dem Gipfel nach dem unsichtbaren Feinde. Aber indem sie schossen, zeigten sich ihre Helme und Gesichter über dem Rande, und die Buern unten fanden Ziele für ihre Büchsen. Schuß nach Schuß krachte aus der Schlucht empor, und mit tödlicher Sicherheit trafen die Kugeln. Die weißen Helme zeichneten sich deutlich am Himmel ab, und die Buern vergeudeten ihr Pulver nicht. Ein Helm nach dem andern verschwand, durch den Kopf geschossen fielen die Schotten nieder, und bald verstummte das Feuer in der Höhe.
Links und rechts von Pieter Maritz waren jetzt die breiten Hüte erschienen, und eine lange, dünne Kette von Schützen setzte sich an dem Hange fest. Diese Kette dehnte sich immer weiter aus und umfaßte den hohen Gipfel von Osten und von Norden. Die Buern lagen hinter Felsblöcken und unter stachligen Büschen, wie die steinige kahle Bergwand sie vereinzelt trug. Kletternd wie Gemsen, eng an die Wand geschmiegt wie Schlangen, kamen sie schrittweise vorwärts. Sie sprangen von Stein zu Stein, sich rasch erhebend und geduckt laufend, um dann schnell hinter einer neuen Deckung zusammenzukauern. Ihre braunen Gesichter glühten von der Hitze und der Anstrengung des Steigens, ihre Augen funkelten vor Kampflust. Diese starken Männer, an die Beschwerden und alle Kunstgriffe der Jagd gewöhnt, setzten ihre ganze Kraft und Geschicklichkeit daran, dem verhaßten Feinde näher zu kommen. Diese langsamen bedächtigen Naturen waren im Eifer des Kletterns und des Kampfes warm geworden, und ihre gewaltige nachhaltige Kraft zeigte sich furchtbar in diesem Sturme.
Eine schwere Aufgabe war es, diesen Berg im feindlichen Feuer hinanzuklimmen, und nicht ganz mit Unrecht hatte General Colley es für unmöglich gehalten, ihn zu erstürmen. Dennoch brachten die Buern es fertig. Der englische General hatte seine Gegner noch nicht recht gewürdigt, obwohl er zweimal schon in heißem Kampfe zu seinem Schaden erfahren hatte, welche Krieger er sich gegenüber hatte. Im Pulverdampf des Majuba zeigten sich diese Männer erst in ihrer vollen Kriegstüchtigkeit. Mit einem Hagel von Kugeln überschüttet, einer an Zahl weit überlegenen Macht gegenüber, einen fast senkrecht ansteigenden Berg hinan, gingen sie zum Siege vor. Unaufhaltsam war ihr Angriff. Sie hingen am Berge fest, wenn sie hinter Felsblöcken lagen, als ob sie selbst ein Teil von dessen steinerner Bekleidung wären, und sie sprangen vorwärts, wenn sie eine neue Deckung erreichen wollten, als ob sie Flügel hätten. Zehntausende von Kugeln waren schon von oben gegen sie ausgesandt, stundenlang hatte schon das Gefecht gedauert, und noch hatten die Buern keinen Mann verloren.