Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 52
Pieter Maritz hustete und stöhnte und hob dann seine Flasche empor. »Ach, lieber Herr,« sagte er, »lassen Sie mich doch durch. Alte Männer können nicht über hohe Berge klettern. Trinken Sie einmal, es ist guter alter Rum.«
Der Dragoner verstand nicht, was Pieter Maritz sagte, aber er begriff, was er wollte, und er sah die Flasche mit Vergnügen. Es herrschte großer Mangel an Lebensmitteln und Getränken im englischen Lager, denn die Buern hatten mehrere Transporte weggefangen. Pieter Maritz hatte richtig gerechnet, als er die Flasche mitnahm. Der Dragoner warf einen begehrlichen Blick darauf, und obwohl er noch sein Pferd quer gestellt hielt und dem hustenden Alten den Weg damit versperrte, so streckte er doch die Hand nach der Flasche aus. Pieter Maritz nahm sie von der Schulter und reichte sie dem Dragoner, der nun den Stöpsel abschrob und an dem Inhalt roch. »Das ist guter alter Rum,« sagte er zufrieden, und dann nahm er einen tüchtigen Schluck. »Aber durchlassen kann ich Sie doch nicht, alter Freund,« setzte er hinzu, indem er die Flasche zurückreichte. »Das Beste wäre, Sie kehrten um und legten sich aufs Ohr. Mit einem bösen Husten die Nacht herumzulaufen, ist nicht gesund für alte Krückengänger.«
Aber indem er noch sprach, sah der Dragoner plötzlich zu seinem Schrecken, daß der alte gebrechliche Mann, der jetzt dicht neben dem Pferde stand, aus seiner gebückten Haltung emporwuchs und daß ein Paar hell blitzender Augen unter dem Hutrande hervorsahen, wie er sie noch niemals im Antlitz eines Greises bemerkt hatte. Und ehe er sich noch von seinem Erstaunen und Schrecken erholen konnte, fühlte er sich schon von einem Griff an der Gurgel gepackt, der ihm den Atem raubte und ihm jede Möglichkeit der Gegenwehr nahm. Er ächzte und schnappte nach Luft, er ließ den Karabiner und die Zügel fallen und griff wild mit den Händen um sich, aber es gab für ihn kein Entrinnen aus diesem gewaltigen Griff. Zugleich vernahm er jetzt in gutem Englisch die Drohung, daß er das Leben verlieren würde, wenn er nicht schwiege, und er mußte seine letzte Kraft aufbieten, um nur verständlich zu machen, daß er still sein werde. Nun lockerte Pieter Maritz ein wenig die enge Umschlingung, in der er den bestürzten Soldaten hielt, und pfiff in der Weise, die er mit dem Landsmann verabredet hatte. Zugleich zog er den Säbel des Dragoners aus der Scheide, setzte die Spitze dem Manne auf die Brust und gebot ihm abzusteigen. Der Dragoner war wie betäubt und gehorchte willenlos. Pieter Maritz hielt das Pferd am Zügel. Inzwischen war Hufschlag zu vernehmen, und bald erschien der andere junge Buer in schnellem Laufe seines Rosses. Jakobus war sehr ergötzt, als er den gefangenen Dragoner sah, aber er verwunderte sich noch mehr, als er sah, was Pieter Maritz ferner unternahm. Denn dieser zog die Bluse aus und setzte den Hut ab, befahl dem Dragoner, dem nun ein Halstuch in den Mund gestopft wurde, Helm und Waffenrock herzugeben, und kleidete sich dann selbst in englische Uniform. Der Rock krachte in den Nähten, als der starke Buernsohn ihn über seine mächtige Brust zog, aber es ging doch, der Sitz war nicht allzu schlecht. Dann hing Pieter Maritz das Bandelier mit der Patrontasche über die Achsel, schnallte die weiße Degenkoppel um den Leib, setzte den Korkhelm auf und ergriff den Karabiner.
»Schaff du mir den Engländer fort,« sagte er zu Jakobus. »Er kann meine Bluse anziehen, damit er nicht friert. Er wird so klug sein, keine Umstände zu machen, denn sonst geht es ihm ans Leben.«
Diese Warnung sagte Pieter Maritz dem Dragoner auch in englischer Sprache, und dann stieg er auf das Dragonerpferd und hielt Wache an der Landstraße, während Jakobus mit dem gefangenen Engländer, der in der Bluse und mit dem breitkrempigen Hut neben dem Pferde ging, nach den Bergen zu abzog. Den Karabiner auf den Schenkel gesetzt, den Säbel an der Seite, hielt Pieter Maritz als englischer Posten auf dem Flecke, wo der Gefangene seinen Platz gehabt hatte, und wartete auf die Ablösung, bei welcher er in das englische Lager gelangen mußte. Zwar verhehlte er sich die Gefährlichkeit seines Unternehmens nicht. Wenn er entdeckt wurde, so schossen ihn die Engländer ohne Gnade nieder. Aber er dachte nicht an die Gefahr, sondern nur an seinen Vorsatz, in Erfahrung zu bringen, was General Colley plante, und er hoffte auf das Gelingen seines kühnen Wagnisses. Der Karabiner und der Säbel verliehen ihm ein gewisses Vertrauen, und die Berührung dieser Waffen flößte ihm Mut ein. Lebendig fangen sollten ihn die Feinde sicherlich nicht. Wollte das Unglück, daß er erkannt würde, so wollte er schießen und um sich hauen wie ein Teufel. Unter den Dragonern waren noch mehrere Leute, die den Feldzug gegen die Zulus mitgemacht hatten, und vielleicht auch einer oder der andere, der dabei gewesen war, als Adolphus ihn bei Heidelberg arretierte, aber Pieter Maritz dachte, die Nacht sei dunkel genug, um seine Bemühungen, sich zu verstecken, wirksam zu unterstützen.
Er hielt unbeweglich da, als nach etwa einer halben Stunde die Ablösung herankam, ein Unteroffizier mit sechs Mann.
»Wer da?« rief er, als die Leute näher kamen.
»Ablösung,« antwortete es.
»Feldgeschrei?« fragte Pieter Maritz, der mit dem Vorpostendienst der Engländer wohl vertraut war.
»Majuba,« sagte der Sergeant.
»Feldgeschrei richtig. Ablösung heran!« sagte Pieter Maritz.
»Nichts Neues bei den verdammten Buern?« fragte der Unteroffizier.
»Nichts Neues zu melden, Herr Sergeant,« antwortete Pieter Maritz mit dienstlicher Haltung.
Ein Dragoner ritt vor und nahm den Posten ein, den der verkleidete Buernsohn inne gehabt hatte, dann schloß dieser sich dem Ablösungstrupp an, und es ging weiter in der Postenkette, um noch zwei andere Dragoner abzulösen, die weiter oben am Berghang hielten. Pieter Maritz ritt ruhig seines Weges neben den Soldaten, die ihn nicht beachteten, sondern müde und gleichgültig ihre Pflicht thaten. Er dachte darüber nach, was wohl das Wort Majuba als Feldgeschrei zu bedeuten habe. Majuba war der Name des hohen Berges, der sich neben dem Buernlager erhob. War der Name nur zufällig von General Colley gewählt worden, oder hatte diese Wahl eine besondere Bedeutung?
Als die Ablösung zum Lager zurückkehrte, sah sich Pieter Maritz dessen Umwallung an, so gut dies bei dem schwachen Licht des Sternenhimmels möglich war. Die Engländer hatten sich so verschanzt, wie sie es im Zulukriege zu machen pflegten. Sie hatten ein Viereck von Schanzen erbaut, und die Schanzen bestanden aus Erdwällen von etwa sechs Fuß Höhe, mit einem davor liegenden Graben. Pieter Maritz dachte von neuem mit Mißbilligung an die Säumigkeit seiner Landsleute. Warum war dies Lager nicht längst schon erstürmt worden? Die Zulus waren vergeblich gegen solche Wälle angelaufen und hatten ungeheure Verluste gehabt, aber für Buern konnten diese Schanzen kein Hindernis sein. Die Buern würden sich ringsum auf die Erde gelegt und jeden Kopf, der sich über der Brüstung zu zeigen wagte, weggeschossen haben, bis sie mit der Gewißheit des Erfolges hätten hinanlaufen können.
Der Dragonerzug ritt in das Lager ein, und die Mannschaft ward zu der Stelle geführt, wo die Kavallerie kampierte. Es war dies ein Platz neben den Stallungen von Hatleys Hotel, wo die Pferde Schutz vor dem durch das Thal wehenden kalten Südwind hatten. Ein Teil der Pferde stand auch in den Ställen selbst, aber die Dragoner lagerten draußen. Die Leute waren schläfrig und verdrossen, und Pieter Maritz konnte sich abseits halten, ohne daß man auf ihn achtete. Er band sein Pferd mit der Kampierleine neben den andern Pferden an, hütete sich, sein Gesicht in das Licht einer der Laternen zu bringen, die hier und da an Stangen aufgehängt waren, hüllte sich in den Dragonermantel, schlug den Kragen in die Höhe und ging umher, um sich alles anzusehen. Das Lager war infolge der Ankunft der neuen Truppen ziemlich lebhaft. Die Husaren und die Hochländer hatten noch damit zu thun, sich einzurichten und sich zurecht zu finden, waren zum Teil noch mit dem Errichten von Zelten beschäftigt, saßen und lagen um die Wachtfeuer herum, rauchten, tranken und unterhielten sich. Die Truppen dagegen, welche schon seit vier Wochen hier lagen, schienen niedergeschlagen und ermüdet zu sein. Sie schliefen zum größten Teil, und es war still an ihren Lagerplätzen. Doch fiel es Pieter Maritz auf, daß eine gewisse Spannung und Erwartung sich in der ganzen Haltung des englischen Heeres kundgab. Nur ein kriegsgewohntes Auge konnte diese Kennzeichen wahrnehmen, welche auf bevorstehende Unternehmungen hindeuteten, aber Pieter Maritz verstand es, gleichsam dem Kriegsgotte den Puls zu fühlen und in fast unbeschreiblich feinen Merkmalen den Charakter einer Truppe und deren militärische Lage zu lesen. Die Posten, welche auf den Wällen standen, wandten häufig ihren Blick nach innen, als ob sie dort ein Ereignis erwarteten, von den Offizieren schien sich niemand der Ruhe hingegeben zu haben, in Hatleys Hotel waren mehrere Fenster hell erleuchtet, und von Zeit zu Zeit war ein Adjutant des Generals zu sehen, der durch das Lager schritt und mit den Offizieren sprach, die in ihren Mänteln am Feuer saßen.
Pieter Maritz näherte sich einem der Wachtfeuer, welche den Husaren gehörten, und setzte sich auf ein Reisigbündel. Die Husaren waren fremd, mußten aus einem andern Erdteil herübergekommen sein und konnten ihn unmöglich kennen. Pieter Maritz setzte sich schweigend zu ihnen und wartete, daß ihn jemand anreden würde. Dies geschah nach kurzer Zeit.
»Nun Kamerad,« sagte ihm ein hübscher junger Reiter, dem die Mütze gar verwegen auf dem rechten Ohre saß, »du bist wohl schon lange in Afrika?«
»O ja,« antwortete Pieter Maritz.
»Warst du auch im Zulukriege?«
»Jawohl, da war ich auch.«
»Immer gut durchgekommen, oder hast du auch was abgekriegt?«
»Einmal habe ich etwas abgekriegt,« sagte Pieter Maritz.
»Was denn?« fragte der Husar.
»Es war ein Stich mit einem Assagai durch den Arm.«
Der Husar lachte. »Assagai,« sagte er, »das ist ein verrückter Name. Es war wohl eine Art von Spieß?«
»Ja« antwortete Pieter Maritz, »das sind Spieße, mit denen die Zulus werfen und stechen.«
»Schade, daß wir nicht da waren,« sagte der Husar. »Wir hätten die Niggers zu Frikassee gehackt.«
»Ihr könnt ja nun die Buern zu Frikassee hacken,« entgegnete Pieter Maritz.
»Ja die Buern,« bemerkte der Husar nachdenklich. »Ich habe unterwegs gehört, sie schössen ganz verflucht. Ist das wahr?«
»Nun, sie schießen ganz leidlich,« antwortete Pieter Maritz, »aber da wir nun Verstärkung bekommen haben, wollen wir sie schon unterkriegen.«
»Es ist nur ein schlechtes Terrain für die Kavallerie,« bemerkte der Husar. »Immer Berge und Berge. Hier können wir keine Attacke machen, und ich habe gehört, die verdammten Buern lägen hinter Verstecken, wo man sie gar nicht sehen könnte, und holten sich ihren Mann so sicher mit der Kugel weg, als ob sie auf dem Anstand nach einem Rehbock schössen.«
»Ja,« sagte Pieter Maritz seufzend, »ein saurer Dienst ist es hier in dem Gebirge. Aber wir werden ja nun wohl Verstärkungen genug bekommen, um die Buern hinauszuwerfen. Wo steht denn General Wood?«
»General Wood war in Port Natal, als wir kamen, aber es hieß, er würde am andern Tage von dort aufbrechen. Ich rechne, daß er in acht Tagen etwa mit ungefähr tausend Mann hier sein kann.«
»Es wäre gut, wenn er bald käme,« sagte Pieter Maritz, »denn wir können hier allein nicht viel anfangen. Wir haben eine Masse Leute verloren, und so, wie wir jetzt stehen, können wir nichts machen.«
»Oho, Kamerad, du scheinst mir nicht viel Kourage zu haben,« sagte der Husar. »Sind wir nicht jetzt da? Wo wir Husaren sind, da geht es immer flott. General Colley hat nur gewartet, bis wir kämen, und es sieht mir ganz so aus, als ob es morgen früh wieder losgehen sollte. Könnten wir die Buern nur einmal irgendwo im freien Felde packen, da solltest du sehen, wie wir einhauen wollten. Wir waren in Afghanistan. Da hättest du einmal etwas erleben können, wenn du gesehen hättest, wie wir diese gelben Spitzbuben mit den spitzen Lammfellmützen über die Ebene gehetzt haben. Das war noch eine andere Geschichte, als hier mit euern Niggers und Buern. General Roberts hättest du sehen sollen, das ist dir ein Kerl! Alle Hagel!«
In diesem Augenblick sah Pieter Maritz einige Offiziere und einen Mann in Buerntracht aus der Thür des Hotels kommen. Sie waren im Gespräch und begaben sich durch das Lager hindurch an dessen östliche Seite. Indem sie an einem der Wachtfeuer vorbeikamen, erkannte er in dem vordersten der Offiziere, der neben dem Buer ging, den General. Pieter Maritz antwortete dem Husaren nicht, sondern stand auf und schlenderte in nachlässiger Manier in einem Bogen nach eben der Stelle hin, wo General Colley war. Dort lagerten die Schotten, und er ließ sich mit kurzem Gruße an einem der dortigen Feuer nieder, welches ganz in der Nähe der Gruppe von Offizieren brannte. Die Gordonhochländer tranken ihren Whiskypunsch und rauchten ihre kurzen Pfeifen.
»Es ist kühl diese Nacht,« sagte Pieter Maritz, indem er so that, als komme er, sich zu wärmen.
Einer der Hochländer antwortete, und die Männer rückten zusammen, um ihm Platz zu machen, aber Pieter Maritz hörte kaum, was ihm gesagt wurde, da er sein Ohr gespannt auf die Unterhaltung des Generals mit dem Buer richtete, welche beide nur etwa zehn Schritte von ihm an der Brüstung standen.
»Es ist gerade dunkel genug, um verborgen zu bleiben, und hell genug, um den Weg zu finden,« sagte der General. »Sind Sie sicher, uns in zwei Stunden hinzuführen, ohne daß die Buern Lunte riechen?«
»Jawohl, Herr General,« antwortete der Buer in englischer Sprache. »Die Buernposten stehen im Halbkreise dort herum« -- er machte eine Bewegung mit dem Arme -- »aber im Süden ist das Land frei, und wenn wir einen Umweg über die Berge machen, so kommen wir hin, ohne gesehen zu werden.«
»Das ist ja ein abscheulicher Kerl, der seine Landsleute verrät,« dachte Pieter Maritz. »Aber sicherlich ist es keiner von uns, sondern ein Natalbuer von englischem Blute.« Zu seinem Verdruß wurde Pieter Maritz jetzt in seinem Lauschen gestört, indem ein Sergeant von den Hochländern, ein älterer Mann mit blondem Vollbart, ihn anstieß und fragte: »Ist das ordonnanzmäßig bei den Dragoonguards?« Der Sergeant zeigte bei diesen Worten auf die dunkelgelbe Lederhose und die hohen weichen Reiterstiefel, welche der Buernsohn trug, und welche deutlich sichtbar geworden waren, weil der Mantel sich verschoben hatte.
Für einige Sekunden war Pieter Maritz verdutzt, und sein Atem stockte, denn die Möglichkeit der Entdeckung trat ihm vor Augen, und er dachte mit einem Male an die schrecklichen Folgen, die es haben würde, wenn er erwischt würde. Aber er faßte sich schnell.
»Ach, ordonnanzmäßig!« sagte er lachend. »Wer so lange wie wir im Felde gelegen hat, der freut sich, wenn er überhaupt noch ein heiles Stück an die Beine ziehen kann.«
Der Sergeant beruhigte sich und wandte sich wieder seinen Kameraden zu, mit denen er einen dienstlichen Vorfall besprach. Pieter Maritz aber richtete seine Aufmerksamkeit von neuem auf General Colley.
»Das Hinansteigen wird sehr mühsam sein,« sagte der General.
»Ja,« entgegnete der Buer. »Der Berg ist sehr steil, aber wenn Sie erst oben sind, so finden Sie einen schönen Platz zur Aufstellung. Oben ist es flach, und es ist dort gute Deckung für die Leute, weil ringsum große Steine am Rande liegen.«
»Halten Sie es für möglich, die Kanonen hinaufzubringen?« fragte der General.
»Nein,« sagte der Buer, »das halte ich nicht für möglich. Kein Tier kommt den Berg hinan, es müßte denn ein Springbock oder ein Leopard sein.«
General Colley überlegte eine Weile, blickte ringsum den Himmel an und wandte sich an einen der beiden Offiziere, die in seiner Begleitung waren.
»Es wäre sehr gut, wenn wir wenigstens eine von den Gatlingkanonen hinaufbringen könnten,« sagte er. »Was meinen Sie, lieber Romilly? Ihre Leute brächten wohl solch ein leichtes Stück ohne Pferde hinauf. Diese stämmigen Burschen von der Boadicea sind an harte Arbeit gewöhnt.«
»Wenn es möglich ist,« antwortete der Offizier, welchen Pieter Maritz an seiner Mütze als einen hohen Marineoffizier erkannte, »wenn es in Menschenkräften überhaupt steht, General, so werden meine Leute das Geschütz hinaufbringen.«
»Wir wollen es jedenfalls versuchen,« sagte General Colley. »Die Artillerie allein begründet ja leider Gottes unsere Überlegenheit über die Buern, denn was das Schützengefecht betrifft, so müssen wir ja offen eingestehen, daß unsere Leute keine Gegner für die Buern sind. Sie schießen uns zehn Mann für jeden Treffer nieder, den wir selber haben. Freilich haben sie bis jetzt immer die überlegenen Stellungen gehabt. Ich halte es für eine sehr glückliche Idee, den Majuba zu besetzen, vorausgesetzt, daß wir ungesehen hinaufkommen. Wir werden dort oben gerade so im Vorteil über die Buern sein, wie die Buern bis jetzt über uns im Vorteil gewesen sind. Ich habe es mir zum Grundsatz gemacht, vom Feinde zu lernen, und was die Besetzung von Gebirgspositionen betrifft, so muß man den Buern in der That den Preis zuerkennen. Wenn aber unsere wackeren Hochländer in einer guten Stellung aus Deckungen feuern, so sollte der Teufel selbst sie nicht hinaustreiben. Meinen Sie nicht auch, Major Hay?«
»Herr General, ich danke im Namen der Hochländer für die gute Meinung, welche Sie von uns haben,« antwortete der zweite Offizier, der ein gewürfeltes, rot schimmerndes Plaid über der Schulter trug. »Nur möchte ich mit Ihrer Erlaubnis noch ein Bedenken äußern.«
»Bitte, sprechen Sie, Major.«
»Ich kenne das Land nicht,« sagte der Offizier, »und kenne namentlich auch den Berg nicht, von dem die Rede ist. Aber ich möchte bezweifeln, daß dieser Majuba, wenn er wirklich zweitausend Fuß hoch über das Buernlager emporragt, eine gute Stellung bietet. Das ist zu hoch. Wir werden dort oben isoliert und ohne Verbindung, ohne Rückzugsweg und ohne Bewegungsfähigkeit sitzen.«
»Durchaus nicht, Major Hay,« entgegnete der General. »Ich habe die Absicht, am Fuße des Berges zwei Kompanien und die Husarenschwadron stehen zu lassen, welche die Verbindung mit dem Lager aufrecht erhalten und im Falle eines Rückzugs zu unserer Unterstützung bereitstehen.«
»Wenn auch,« sagte der Major. »Ich habe manches Gefecht mitgemacht, aber niemals auf einem einzelnen Berge, zweitausend Fuß über dem Feinde Stellung genommen. Da hören die Bedingungen des Schützengefechts auf. Meiner Ansicht nach ist die Verteidigung einer so hohen Spitze sehr schwer. Sicherlich hat ein so hoher Berg viele und große tote Winkel an seinen Abhängen. Er wird gewiß nicht ringsum glatt sein, und wenn er irgendwo Absätze oder auch nur Felsblöcke und Buschwerk hat, so wird dies dem Angreifer eine vortreffliche Deckung geben, und er wird uns da oben wegputzen wie Vögel, die aus dem Neste gucken.«
»Major Hay, Sie sind durchaus im Irrtum,« sagte der General. »Ich rechne Ihre Bedenklichkeiten Ihrer Unbekanntschaft mit dem Kriegsschauplatz und der Beschaffenheit des Feindes zu gute, sonst müßte ich mich sehr verwundern, derartigen Ansichten zu begegnen. Wir werden dort oben wie in einer Redoute stehen und eine uneinnehmbare Stellung haben. Kein Buer darf sich am Abhang zeigen, ohne von oben ganz bequem aus sicherer Deckung aufs Korn genommen zu werden. Übrigens werden die Buern keinen Angriff wagen. Diese Leute schießen ausgezeichnet, aber sie haben eine große Abneigung dagegen, nach sich schießen zu lassen. Es sind Familienväter, Landwirte. Sie greifen nicht an. Wenn sie angreifen wollten, so würden sie längst unser Lager angegriffen haben, denn wir müßten ihnen doch wahrhaftig nach den schmählichen Niederlagen bei Langes Nek und Schains Hoogte eine willkommene Beute sein. Aber sie haben von Kriegswissenschaft gottlob gar keinen Begriff. Nein, meine Herren, mein Plan ist gut, und es handelt sich nur um die energische Durchführung. Die Besetzung des Majuba wird den Krieg entscheiden. In vier Tagen wird General Wood hier sein, und wir werden vom Gipfel des Majuba aus, der hier sehr gut sichtbar ist, wenn die Sonne scheint, eine heliographische Verbindung mit dem Lager und General Wood herstellen. Wenn wir die beherrschende Position des Majuba bis dahin behaupten, so ist der Krieg aus. Vom Majuba wie von einer unbesieglichen Festung aus bedroht und dann von diesem Lager aus durch General Wood angegriffen, werden die Buern um Frieden bitten. Der Gedanke, daß wir ihnen ihre Dörfer anzünden und ihr Vieh wegtreiben könnten, wird sie schon zur Besinnung bringen. Ich habe mir jede erdenkliche Mühe für den Frieden gegeben und in meinen Depeschen an das Kriegsministerium des wackeren Benehmens der Buern gegen unsere Verwundeten rühmend gedacht. Aber ich finde es nur begreiflich, daß man den Rebellen keine Zugeständnisse machen will, solange sie die Waffen in Händen haben. Wir müssen ihnen einen Denkzettel geben, ehe wir Frieden anbieten. Wer nicht hören will, der muß fühlen.«
Der General trat näher an das Feuer und zog seine Uhr.
»Eine halbe Stunde nach Mitternacht,« sagte er. »Wir müssen um drei Uhr am Fuße des Berges sein, und die Buern müssen, wenn die Sonne aufgeht, von den Kugeln unseres Gatling geweckt werden, der ihnen die Morgenmusik in ihre Ochsenwagen hineinpfeift.«
Nach diesen Worten drehte er sich um und ging wieder den Gebäuden zu. Pieter Maritz blickte ihm nach und überlegte, was er gehört hatte. Da vernahm er die Stimme des Sergeanten, welcher mit höhnischem Tone sagte: »Nun, alter Seher, was haben Sie denn wieder auf dem Rohre?«
Pieter Maritz sah nach den Hochländern hin und bemerkte einen alten Soldaten mit grau gemischtem Bart, der dem General mit sonderbarem Ausdruck seiner Augen nachstierte.
»Nun, was giebt's, Mac Gregor?« fragte der Sergeant von neuem, »sehen Sie einmal wieder Gespenster?«
Der alte Schotte wandte seinen Blick auf den Unteroffizier und schüttelte den Kopf. Ein unheimliches Licht funkelte in seinen grauen Augen.
»Der Sonntag ist angebrochen,« sagte er. »Ich habe unsern General beobachtet, als der Feuerschein auf sein Gesicht fiel.«
»Nun, und weiter?« fragte der Sergeant, während die übrigen Soldaten betroffen auf den Graubart sahen.
»Er ist gezeichnet,« sagte der alte Schotte. »Morgen abend lebt unser General nicht mehr.«
Zweiunddreißigstes Kapitel
Die Erstürmung des Majuba
Pieter Maritz stand auf, nachdem die Offiziere sich entfernt hatten, und ging zu dem Platze, wo die Dragoner schliefen. Er überlegte, wie er es anfangen solle, aus dem Lager hinauszukommen, um seinen Landsleuten den Plan des Generals Colley mitzuteilen. Konnte er Joubert rechtzeitig benachrichtigen, so mußten einige hundert Buern das englische Heer schon auf dem Marsche überfallen. Aber es war nicht leicht, das Lager zu verlassen. Zu Pferde hinauszukommen war der Schildwachen wegen unmöglich. Sollte er über den Wall klettern und zu Fuß fortlaufen? Auch das war schwer, und gewiß kam er zu spät in das Buernlager. Aber es mußte versucht werden. Er beschloß, an einer dunkleren Stelle über den Wall zu klimmen und sich dann zu dem Buernposten zu schleichen, wo er Jager in Jakobus' Obhut wiederzufinden hoffte.