Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal

Part 51

Chapter 513,712 wordsPublic domain

Aber jetzt, nachdem das Gefecht wohl drei Stunden lang gedauert hatte, trat eine Wendung ein, welche das Herz des englischen Generals mit Schrecken erfüllte. Die Position, welche er zu nehmen entschlossen war, dehnte sich in beinahe gerader, nur wenig an den Flügeln vorgebogener Linie vor seiner Front aus. Hier, die Hügelreihe entlang, lagen die dreihundert Buern, welche ihm den Weg versperrten, und seine Angriffe richteten sich gegen diese Linie. Da, plötzlich, steigen Pulverwölkchen auf einer andern Stelle auf, und Kugeln schlagen von einem andern Punkte aus in die englischen Reihen ein. Knall folgt auf Knall. Die Höhen in der linken Flanke werden lebendig. Die Engländer verändern ihre Stellung, sie ziehen ihre Schützen auf der linken Flanke zurück und bilden einen Haken, ihre geschlossenen Abteilungen laufen rückwärts.

»Seht doch!« rief Pieter Maritz jubelnd, »General Joubert schickt uns Hilfe.«

Und nicht allein auf der linken, nun erscheinen die Buern auch auf der rechten englischen Flanke. Ringsum in weitem Bogen, der nur im Norden nicht geschlossen ist, steigen die kleinen Wölkchen auf, welche die Anwesenheit von Büchsen verkündigen, und ein verderblicher Ring umschließt die kleine englische Armee. Doch sie zeigt sich ihres alten Ruhmes würdig. Mit Bewunderung sieht Pieter Maritz, daß die Artillerie von neuem erscheint. Die gefallenen Tiere sind durch Pferde der Kavallerie ersetzt, und anstatt der Artilleristen sind Schützen vom 60. Regiment zur Bedienung der Kanonen da. Sie fahren von neuem auf und richten das Geschützfeuer auf die Punkte, von wo der Feind am stärksten droht, wieder fahren die Shrapnels sausend auf die Hügel. Die rote Infanterie aber schließt sich enger zusammen und wehrt sich nach allen Seiten mit heftigem Feuer gegen den umklammernden Feind.

Aber die Lage der Engländer war trotz aller ihrer Tapferkeit jetzt sehr schlimm. Von beinahe unsichtbaren Feinden eingeschlossen, hatten sie keine Hoffnung mehr, nach Newcastle gelangen, und kaum noch Hoffnung, rückwärts den Ingogo überschreiten und ihr Lager auf Mount Prospect bei Hatleys Hotel erreichen zu können. All ihr Heil beruhte jetzt auf der Gegenwehr, um nur den Platz, wo sie standen, zu behaupten und ihr Leben zu retten. Und das war für sie keine leichte Sache. Aber in dieser Not kam ihnen Hilfe vom Himmel. Schwarze Wolken zogen plötzlich über die Gebirgskämme herauf und verfinsterten die klare Luft des heißen Nachmittags. Ein krachender Donnerschlag ließ die Erde erbeben und übertönte das Schießen der Neunpfünder. Dann folgte Blitz auf Blitz, eines jener furchtbaren afrikanischen Gewitter entlud sich über den Höhen und Thälern der Drakensberge in dem heiß umstrittenen Winkel von Natal, der die Ausfallspforte gegen Transvaal bildete. Es wurde so dunkel, daß nur mit Mühe noch gezielt werden konnte, und bald fielen so starke Wassergüsse herab, daß die Kämpfenden genug mit sich selbst zu thun hatten. Der Boden erweichte sich, Bäche flossen von den Höhen herab, die Füße versanken im Grunde, und die Pferde liefen ängstlich umher. Überall entstand Verwirrung, und da das Gewitter anhielt, hörte das Gefecht allmählich vollständig auf.

Pieter Maritz suchte sein Pferd, schwang sich in den Sattel, warf die Büchse über den Rücken und ritt mit einigen entschlossenen Gefährten vorwärts, um zu sehen, was der Feind mache. Vorsichtig setzten die Pferde Schritt vor Schritt ihre Hufe in den hier schlüpfrigen, dort nachgebenden Boden und stiegen die Höhe hinab, durch die Niederung nach dem hoch gelegenen Teile des Schlachtfeldes, den die Engländer besetzt hielten. Der Schein der Blitze mußte ihnen leuchten, denn die schwarzen Wolken hüllten rings umher den Horizont in Dunkel, und bald war es auch Abend, so daß der Untergang der Sonne zugleich mit den Gewitterwolken die nächtliche Finsternis herbeiführte. Pieter Maritz sah beim Leuchten der Blitze, daß die Engländer in vollem Rückzuge waren. General Colley und seine Offiziere bemühten sich, die Truppen in einiger Ordnung zurückzuführen, aber das böse Wetter und die Dunkelheit lösten alle Bande der Ordnung, die bereits durch den Verlust so vieler Offiziere und Mannschaften und durch den Eindruck der Niederlage gelockert worden waren. Vielfach sah Pieter Maritz Haufen von Soldaten gleich zerstreuten Schafen laufen, und er kam ihnen so nahe, daß er die Nummern auf ihren Achselstücken lesen konnte. Aber es ward nicht mehr gekämpft, Freund und Feind mischten sich, ohne die Waffen zu gebrauchen. Auch einem Offizier mit der weißen Waffenstillstandsfahne begegnete Pieter Maritz, dem ein Haufe von Leuten folgte, welche die Verwundeten zusammensuchen wollten. Mehrere Buern fanden sich ein, die wieder, wie in dem letzten Gefecht, ihre Hilfe für die armen Zerschossenen zur Verfügung stellten. Aber die Umstände erlaubten heute nicht viel Hilfe, und gegen zweihundert Engländer blieben auf dem weiten Kampfplatz liegen, die teils tot waren, teils mit ihren Wunden ohne Beistand blieben, während nur etwa fünfzig Verwundete gefunden und fortgeschafft wurden. Pieter Maritz ward tief betrübt beim Anblicke dieses Elends. Er kam an den Ingogofluß und sah, wie die Artillerie sich bemühte, hinüberzukommen. Ein Geschütz verirrte sich, verfehlte die Richtung und stürzte von der Brücke in das Wasser. Der hoch geschwollene Fluß trieb mehrere Männer fort und ertränkte die gefesselten Zugtiere. Es war eine grauenvolle Scene der Verwüstung und menschlicher Not.

Pieter Maritz blieb die ganze Nacht hindurch zu Pferde, und erst, als er in der Frühe des Morgens die letzten Rotröcke in das Lager zurückkehren sah, lenkte er Jager heimwärts nach Langes Nek, wo das Buernheer sich wieder in seinem Lager bei den Ochsenwagen vereinigte.

Einunddreißigstes Kapitel

Im feindlichen Lager

Pieter Maritz hielt auf des treuen vielerprobten Jagers Rücken am Bergeshang gegenüber dem englischen Lager von Mount Prospect und blickte nachdenklich zu der britischen Flagge hin, die noch immer auf Hatleys Hotel wehte. Die Nachmittagssonne stand jenseits nahe über den Bergen, und in ihrem goldenen Lichte schimmerten ringsum die klaren Lüfte und die dunkle Erde. Ein herrlicher Glanz von blauen und rötlichen Farben verklärte die Drakensberge und ließ die schweren Kuppeln und tafelförmigen Kämme leicht und duftig erscheinen. Der Donner der Kanonen, das Getöse des Kampfes, das Ächzen der getroffenen Männer, alles war verhallt, und friedlich und schön lag das Gebirge da.

Nur einzelne Buernposten hatten seit dem Kampfe bei Schains Hoogte das englische Lager überwacht, und Pieter Maritz war im Laufe der achtzehn Tage, die seit jenem Gefechte verflossen waren, mehreremal an die Reihe gekommen, auf Posten zu stehen. Hauptsächlich die jungen Leute waren es, die zum Postendienste verwendet wurden, die älteren blieben ruhig im Lager bei ihren Wagen, tranken ihren Kaffee und rauchten ihre Pfeifen. Viele waren auch wieder nach Hause gefahren, um ihre wirtschaftlichen Angelegenheiten zu besorgen, und vertrauten in ruhiger Behaglichkeit auf ihre Kraft, um die Engländer von neuem zurückzuwerfen, falls diese wieder versuchen sollten, in das Transvaalland einzubrechen.

Pieter Maritz dachte über die Lage der Dinge nach, und sie wollte ihm, der den Krieg kennen gelernt hatte, nicht recht gefallen. Warum griffen die Buern das englische Lager nicht an? Warum hatten sie nicht gleich nach ihrem Siege mit der kleinen Schar der Feinde ein Ende gemacht? Kaum sechshundert Mann konnte General Colley noch haben, von seinen Offizieren waren mindestens zwei Drittel tot, und die Soldaten mußten niedergeschlagen und mutlos sein. Wenn die Buern gestürmt hätten, während noch der Schrecken von Langes Nek und Schains Hoogte den Engländern frisch in den Gliedern saß, so hätten sie längst den General Colley gefangen nehmen können. Aber freilich kannte Pieter Maritz seine Landsleute. Diese schweren starken Männer waren ebenso ruhig, wie sie tapfer waren, sie ließen es an sich kommen, sie warteten ab, was geschehen würde, sie hatten keinen Sinn für kriegerische Unternehmungen. Wie große Bäume mit langen tiefen Wurzeln im Boden stehen, so standen fest und unerschütterlich auch die Buern auf ihrer heimatlichen Erde, und wenn die Engländer es wagen sollten, von neuem anzugreifen, so würden ihnen die Buern mit unbesieglicher Kraft entgegentreten, aber selber anzugreifen, das fiel den Buern nicht ein. Joubert wußte es besser, Joubert wußte wohl, daß es klüger gewesen wäre, das englische Lager zu stürmen, aber er mußte thun, was seinen Landsleuten wohlgefiel.

Alles dies überdachte Pieter Maritz, und er dachte auch an den General Evelyn Wood und dessen Brief, an die Verstärkungen, welche von Süden heraufkommen konnten, um General Colleys Verluste zu ersetzen. Häufig flog sein Blick nach jener Seite hin, die Straße hinab, welche von Newcastle herführte, und er sagte sich, daß niemand es verhindern werde, wenn frische englische Truppen heranmarschierten.

Und heute schien seine Befürchtung sich erfüllen zu sollen. Indem er aufmerksam lauschte, kam es ihm so vor, als hörte er ein Geräusch von Pferdehufen und Säbelklirren in der Ferne. Es war sehr leise, und er konnte es nur von Zeit zu Zeit vernehmen, aber sein scharfes Gehör unterschied diese so oft gehörten Klänge von den Geräuschen, die sonst die Luft bewegten.

»Ich will eine Strecke weit hinunterreiten,« sagte er zu seinem Landsmann, der neben ihm hielt. »Mir ist, als hörte ich Kavallerie kommen.«

Damit lenkte er Jager seitwärts und ritt am Hange hin einige hundert Schritte weit näher der Straße zu und verbarg sich, als er jetzt das Klirren und den Hufschlag in größerer Deutlichkeit vernahm, hinter einem Gebüsch. Gleich darauf sah er einige Reiter erscheinen, die den Karabiner in der Hand trugen und spähend um sich schauten. Sie trugen silbern verschnürte Röcke und gekrümmte Säbel, es waren Husaren vom 15. Regiment. Sie ritten eilig vorbei, als sie die Straße vor sich frei erblickten, und bald folgte ihnen eine ganze Schwadron nach, auf kleinen, munteren Pferden, die Uniformen glänzten, die Säbelscheiden klirrten an die Bügel, und die Hufe klapperten auf dem Wege.

Pieter Maritz blickte finsteren Auges auf diese schöne Kavallerie, als er auch den stampfenden Schritt von Infanterie vernahm. Weiße Helme zeigten sich, weißes Lederzeug auf roten Uniformen, schottisch karrierte Röcke, die vom Gürtel herabfielen, weiße Gamaschen und bunte Binden unterhalb der nackten Kniee. Es waren Hochländer, vom 92. Regiment, die sogenannten Gordonhochländer. Pieter Maritz zählte ihrer dreihundert Mann. Sie kamen in schnellem, elastischem Schritt heran, ihre Gewehre funkelten in der Sonne, es waren kräftige Männer, ausgesuchte Soldaten.

Pieter Maritz blieb auf seinem Posten. Er fürchtete, es möchten noch mehr Truppen kommen, um den General Colley zu verstärken, und er wollte diese beobachten, falls sie etwa kämen. Aber nachdem diese beiden Abteilungen vorüber, nachdem der Marschschritt und das Klirren verhallt waren, wurde das Thal wieder ruhig, kein neues Corps folgte. Pieter Maritz ritt zurück und begab sich eilig in das Lager von Langes Nek, um Joubert Meldung zu machen.

Der General hörte die Nachricht vom Eintreffen der Husaren und der schottischen Infanterie mit ernster Miene an. »Ja,« sagte er, »es ist sehr möglich, daß noch mehr Truppen in der nächsten Zeit kommen werden, denn General Wood hat, wie mir berichtet worden ist, Verstärkungen erhalten und wird sich anstrengen, mit General Colley in Verbindung zu treten. Dann werden beide Generale mit einer stärkeren Macht als vorher von neuem angreifen. Aber ich denke, mein lieber Junge, wir werden sie trotzdem aufs Haupt schlagen. Wir lassen sie nicht durch, und sie werden sich blutige Köpfe holen. Unsere Armee wird alle Tage stärker, und wenn wir jetzt auch nicht viel Truppen hier im Lager haben, so kann ich, sobald es not thut, in wenig Tagen gegen dreitausend Mann zusammenbringen, und mit denen wollte ich dem General Roberts selbst den Einmarsch in Transvaal verwehren, wenn er wirklich, wie das Gerücht geht, mit zwölftausend Mann kommen sollte.«

Pieter Maritz schwieg.

»Sie meinen, daß das nicht das Richtige wäre,« sagte Joubert. »Ich lese in Ihrem Gesicht, daß Sie Lust hätten, den General Colley anzugreifen.«

»Jawohl,« sagte Pieter Maritz. »Ich denke, wenn sechshundert Mann kühn entschlossen auf das englische Lager losstürmten, so könnten sie den General mit allen seinen Truppen gefangen nehmen. Und wäre das nicht ein schöner Streich?«

»Gewiß wäre es das,« entgegnete der Befehlshaber, »und ich hätte große Lust, es zu thun. Ich wollte es schon thun, ehe diese Husaren und Schotten kamen. Aber unsere Leute haben keine Lust zu solchen Dingen. Sie meinen, es wäre besser, zu warten, bis wir angegriffen würden. Auch die Regierung in Pretoria wünscht nicht, daß wir angreifen, denn sie will den Engländern zeigen, daß wir nur im Stande der Notwehr sind. Sie hoffen in Pretoria von Tag zu Tag, daß die Engländer die Hand zum Frieden bieten.«

Pieter Maritz ging niedergeschlagen davon, stieg wieder auf sein Pferd und ritt langsam durch die Wagenreihen des Lagers. Überall saßen die Buern in guter Ruhe da, ihre gewaltigen Leiber und kriegerischen, braunen, bärtigen Gesichter trugen das Gepräge größter Behaglichkeit, und nichts verriet, daß nur einen Kanonenschuß weit von ihrem Lager ein Feind stand, der sich zu neuem Angriff rüstete. Pieter Maritz ritt an das Ende des Lagers und suchte den Lord Fitzherbert auf. Der junge Offizier hatte durch die Vermittelung seines Freundes die Erlaubnis erhalten, im Lager zu bleiben, anstatt nach dem Innern des Landes geschickt zu werden, und Pieter Maritz hatte ihm einen Platz in dem Wagen eingeräumt, in welchem er selbst zu schlafen pflegte, wenn er nicht die Nacht auf Posten zubringen mußte. Er fand den jungen Offizier am Feuer sitzend und rauchend. Ein Kaffer hockte neben dem Feuer und kochte Wasser, um Punsch zu machen.

»Nun, Pieter Maritz,« rief der Lord ihm entgegen, »du machst ja solch ein böses Gesicht. Was giebt es?«

Lord Adolphus hatte sich in seine Lage gefunden, und nachdem er in den ersten Tagen seiner Gefangenschaft sehr betrübt und niedergeschlagen gewesen war, hatte die Freundlichkeit, mit der Pieter Maritz sich bemühte, ihn sein Leid vergessen zu machen, ihn gerührt, und er nahm sein Los mit Fassung auf sich. Der Gedanke an das wechselnde Kriegsglück tröstete ihn, und er suchte sich als Soldat an sein Schicksal zu gewöhnen.

Pieter Maritz antwortete auf die Frage mit voller Offenheit. Die Freunde tauschten wieder wie ehemals ihre Gedanken rückhaltlos gegeneinander aus. Lord Adolphus konnte ein triumphierendes Lächeln nicht unterdrücken, als er hörte, daß Verstärkungen im Lager von Mount Prospect eingetroffen seien. »Sieh, lieber Freund,« sagte er, »es wird so kommen, wie ich von Anfang an gesagt habe. Ihr könnt gegen England nicht kämpfen, so tapfer ihr auch seid. Wie wolltet ihr auch? Ich bewundere euch Buern. Ihr seid Krieger, wie man sie in der ganzen Welt nicht noch einmal findet, aber ihr seid an Zahl zu schwach, um gegen eine Macht wie die unserige Krieg zu führen. Nach und nach werden immer mehr Truppen kommen, und zuletzt müßt ihr Frieden schließen. Es wird keine Schande für euch sein, denn ihr habt uns wahrhaftig besiegt wie Helden, aber es war ein großer politischer Fehler, daß ihr euch gegen uns auflehntet.«

»Wir wollen sehen,« antwortete Pieter Maritz. »Laßt ein Heer kommen so groß es will, wir werden ihm entgegentreten.«

»O, ich weiß wohl, daß ihr Buern ihm entgegengehen werdet,« sagte Lord Adolphus. »Und ich weiß auch, daß es ein furchtbarer Kampf werden wird. Ihr seid unvergleichliche Schützen, tapfer wie Löwen und habt alle Eigenschaften der allerbesten Soldaten. Aber doch seid ihr kein discipliniertes Heer, und ihr kennt den Krieg nicht. Ihr wehrt euch, aber ihr wißt nicht anzugreifen.«

»Wir wollen sehen,« sagte Pieter Maritz von neuem. Er war schweigsam, die Hochländer und Husaren standen vor seinem inneren Blick, und er überlegte, was zu thun sei. Nachdem er sein Abendbrot verzehrt hatte, ritt er wieder in das Gebirge zurück und näherte sich, während jetzt die Sonne unterging und Dunkelheit das Land umhüllte, den äußersten Posten des Buernheeres. Sein kriegerischer Instinkt sagte ihm, daß auf englischer Seite irgend etwas im Werke sein müsse. General Colley war ein unternehmender Mann. War er doch tollkühn mit kaum mehr als tausend Mann losmarschiert, um das ganze Transvaalland zu unterwerfen. Sicherlich war er voll Unmut und Ungeduld, so lange schon gleichsam als Gefangener in dem festen Lager zu sitzen, zweimal geschlagen, ohne sich rühren zu können, gegenüber einem Feinde, den die stolzen Engländer verachteten. Sicherlich würde General Colley die eingetroffene Verstärkung bald benutzen, um einen neuen Schlag zu führen, zumal die Unthätigkeit auf seiten der Buern ihm eine geringe Meinung von ihrer Kriegsführung gegeben haben mußte.

Die Buernposten hielten still auf ihren Plätzen, die Männer saßen im Sattel oder standen neben den Pferden, und so umgaben die Posten das feindliche Lager in einem weit ausgedehnten Halbkreise. Pieter Maritz ritt über die Posten hinaus. Es war eine herrliche Nacht mit funkelnden Sternen, und die schmale Mondsichel hing über dem riesig und schwarz emporragenden Majubaberge. Pieter Maritz konnte die Gegenstände ringsum auf mehrere hundert Schritte weit erkennen. Er ritt so nahe an das verschanzte Lager hinan, wie dies nur möglich war, ohne von den englischen Posten bemerkt zu werden. Denn auch General Colley hatte Posten außerhalb stehen, Dragonervedetten umgaben auf allen Seiten seine Stellung. Pieter Maritz hielt hinter einem Busche an und betrachtete das vor ihm liegende Bild. Die englischen Posten standen sehr weitläufig und waren keine Doppelposten, wie gebräuchlich, sondern nur Einzelposten, denn es fehlte an Mannschaft, und General Colley mußte Mann und Pferd schonen. Die weißen Helme der Dragoner schimmerten in sehr weiten Abständen voneinander durch die Nacht. Im Hintergrunde sah Pieter Maritz Lichter flimmern, es waren die hellen Fenster von Hatleys Hotel und die Wachtfeuer im Lager.

Wie Pieter Maritz so ausschaute und seine Gedanken sich unablässig mit den Dingen beschäftigten, die drüben vorgehen mochten, kam es ihm so vor, als ob es lebhafter als sonst im feindlichen Lager sei. Pieter Maritz hatte oft in der Nacht das Lager beobachtet, und er kannte dessen Gewohnheiten, so gut sie sich von ferne erkennen ließen. Freilich mochte die Ankunft der neuen Truppen diese Unruhe verursacht haben, aber Pieter Maritz konnte den Gedanken nicht los werden, daß General Colley damit umgehe, einen Angriff vorzubereiten. Mehreremal drang ein Ton wie von Waffengeklirr und Kommandoruf durch die stille Nacht, und eine auffallende Beweglichkeit schien sich ihm innerhalb der Schanzen kundzugeben. Er strengte Auge und Ohr auf das äußerste an, und mit gerunzelter Stirn und zusammengebissenen Zähnen starrte er, weit vorgebeugt, auf den Gegenstand seiner gespannten Aufmerksamkeit. Ein Gedanke durchzuckte ihn, den er zuerst als unausführbar zurückwies, der aber wiederkam und ihn bald ganz erfüllte. Er wollte versuchen, in das englische Lager zu dringen, um zu erfahren, was dort vorgehe und welche Pläne Sir George Pomeroy Colley verfolge. Verwegener Mut und Vertrauen auf sein Glück beseelten ihn.

Er ritt zurück und begab sich zu dem nächsten Posten seiner Landsleute, wo ein Freund und Altersgenosse von ihm war. »Höre, Jakobus,« sagte er zu diesem, indem er vom Pferde stieg, »ich will einmal versuchen zu sehen, was die schönen Soldaten der Königin dort drüben treiben. Hebe mir mein Pferd und meine Waffen auf.«

»Gern,« sagte ihm der Landsmann, »aber was willst du machen? Sie werden dich totschießen, wenn sie dich fassen.«

»Ich weiß nicht, was sie vorhaben,« antwortete Pieter Maritz, indem er einen starken Zweig von einem Akazienbusch abschnitt und die kleinen Zweige und Blätter entfernte, so daß er einen tüchtigen Stab in Händen hielt. »Siehst du dort an der Straße den einzelnen Dragoner? Ich werde mich an den Mann heranmachen, und wenn du einen Pfiff hörst, in dieser Art« -- Pieter Maritz pfiff in einer besonderen Weise -- »so kommst du zu mir und hilfst mir.«

»Gut,« sagte Jakobus, indem er lachend die Zähne zeigte. »Willst du ihn denn mit dem Stocke angreifen?«

»Das wird sich finden,« entgegnete Pieter Maritz. »Komm du nur schnell heran, wenn ich pfeife. Und dann kannst du mir wohl deine hübsche Flasche leihen. Du liebst ja ein Schlückchen Rum und hast gewiß eine gute Sorte bei dir.«

»Nun, meinetwegen,« sagte der junge Buer zögernd, »hier hast du die Flasche, aber verliere sie mir nicht.«

Pieter Maritz hing die mit Leder überzogene Flasche über die Schulter, nahm seinen langen Stab und ging waffenlos davon, gerade auf der Landstraße und auf den Dragonerposten zu, dessen Säbel und Helm in der Ferne durch das Dunkel schimmerten. Als er bis auf einige hundert Schritte an den Posten herangekommen war, bog er seine schlanke, geschmeidige Gestalt zu einer gebückten Haltung zusammen, stützte sich auf den Stab und ging mit langsamem, weithin hörbarem, schlurfendem Schritte wie ein alter Mann und hustete kläglich, gleich einem gebrochenen Greise. Der Dragoner hielt auf der Straße selbst und war weit entfernt von seinen Nebenposten, die am Berge standen. Pieter Maritz schritt ganz ruhig, als ob der Krieg ihn nichts anginge, seines Weges, ächzte zuweilen, brummte vor sich hin und hustete.

»Heda!« rief der Dragoner. »Wer kommt da?«

Pieter Maritz blieb einen Augenblick stehen, sprach holländisch mit verstellter zitternder Stimme und ging dann weiter. Der Dragoner hatte den Karabiner auf den Schenkel gestützt und bemühte sich, zu erkennen, wer auf der Straße sei, war aber offenbar durch das Husten und Stöhnen getäuscht und mochte wohl denken, irgend ein einfältiger alter Bauer, der die Gefahr nicht kenne, wandere dort umher. Denn er ließ Pieter Maritz bis auf zwanzig Schritte an sich kommen, ehe er ihn noch einmal anrief, und machte keine Miene zu schießen.

»Wer da?« rief er. »Steht still, alter Freund! Woher kommt Ihr und wohin wollt Ihr? Hier führt kein Weg für Fremde.«

»Kann nichts verstehen, kann gar nichts verstehen,« antwortete Pieter Maritz holländisch, wobei er wieder stark hustete. Und er ging weiter auf den Dragoner zu, welcher nun sein Pferd auf den Ankömmling zugehen ließ und diesem die Straße versperrte.

»Ein dummes Volk ist dies,« sagte der Dragoner scheltend. »Versteht ihr einfältigen Bauern denn kein Englisch? Wohin will der Kerl?«

»Ach, lieber Herr,« sagte Pieter Maritz wieder holländisch, »ich will dort hinüber nach Schains Hoogte. Lassen Sie mich gehen. Ich habe dort zu thun.« Und während er sprach, zeigte er mit der Hand in der bezeichneten Richtung und bog sich krumm und jämmerlich an seinem Stabe.

Es kam ihm zu statten, daß die Posten niemals aufeinander geschossen hatten. Weder die Buern hatten von ihren Stellungen aus auf die einzelnen Vedetten gefeuert, denn sie hielten es für unrecht, anders als im Kampfe zu schießen, noch auch die Vedetten hatten nach den Buern geschossen, denn sie hüteten sich wohl, mit ihren Karabinern die weit tragenden Büchsen der Buern herauszufordern. So war kein boshafter Groll in den Herzen der Dragoner, der sie etwa hätte veranlassen können, schnell auch gegen Wehrlose von ihrer Waffe Gebrauch zu machen.

»Das geht nicht,« sagte der Posten. »Kein Mensch darf hier passieren. Wenn Sie nach Schains Hoogte wollen, alter Freund, so müssen Sie dort über die Berge klettern. Aber auf der Straße darf niemand gehen.«

»Kann nichts verstehen, kann gar nichts verstehen,« sagte Pieter Maritz, indem er noch einen Schritt näher kam.

»Dummer Kerl, bleiben Sie stehen!« rief der Dragoner ärgerlich. »Dort herum« -- er zeigte mit der Hand über die Berge -- »dort herum müssen Sie. Aber hier dürfen Sie nicht gehen.«