Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 50
Der Lord führte eine gute Klinge. Er war seit seiner Kindheit in allen den ritterlichen Spielen geübt, welche in den vornehmeren und reicheren Familien Englands Sitte sind, um den Söhnen eine abhärtende körperliche Ausbildung und Gewandtheit zu geben. Auch wußte er wohl, mit wem er es jetzt zu thun hatte, und er war auf seiner Hut, um dem starken Buernsohne keine Blöße zu geben. Allmählich erhitzte sich sein Blut, und zugleich mit dem Gefühl, seine Pflicht zu thun und die Ehre der englischen Waffen gegenüber den trotzigen Insurgenten zu wahren, stählte der persönliche Ehrgeiz in diesem Zweikampfe seinen Arm. Er hielt sein Pferd fest im Zügel und ließ den Buernsohn nicht auf die linke Seite kommen, so schnell dieser auch Jager herumwarf. Denn Pieter Maritz hatte die Hoffnung, den Lord vielleicht gefangen nehmen zu können, wenn er ihn von links her anliefe. So drehten sie zweimal ihre Pferde und blieben Schwert an Schwert. Jetzt kamen zwei von den Dragonern heran, die in der Nähe waren und ihrem Offizier Hilfe bringen wollten. Aber Lord Adolphus wies sie zurück, indem er sie heftig anschrie. Sein Stolz erlaubte ihm nicht, sich helfen zu lassen, er betrachtete diesen Kampf als ein Duell. Doch hatte er einen schweren Stand. So gut er focht, so genau berechnet seine Hiebe waren, die spanische Klinge zuckte ihm wie Wetterstrahlen vor den Augen, und immer klirrte Stahl an Stahl, ohne daß er einen seiner wohlgezielten Streiche hätte anbringen können. Der Zorn fing an, des Lords Sinne aufzuregen. Es kam ihm so vor, als necke ihn der Gegner mit geschicktem Parieren, ohne selbst anzugreifen, und in seiner Erinnerung tauchte die Empfindung wieder auf, welche ihn damals außer sich gebracht hatte, als er das flatternde blonde Haar des vergeblich von ihm verfolgten Buernsohnes vor sich sah. Er drängte den Rappen ungestüm vor, schlug eine Finte nach des Gegners Brust und ließ blitzschnell einen gewaltigen Hieb gegen dessen Kopf folgen. Pieter Maritz fing den Hieb auf, doch vermochte er ihn kaum vollständig abzuwehren. Die Wucht des schweren Pallasches drückte seinen Degen nieder, und die Spitze desselben fuhr ihm in den Hut. Schon wollte Pieter Maritz, aller Schonung vergessend, die Blöße benutzen, welche der Lord bei dem weit ausholenden schweren Hiebe sich gegeben hatte, schon wollte er mit dem zweischneidigen Schwerte zustoßen, aber das warme Gefühl der alten Freundschaft hielt seinen Arm zurück. Er vermochte nicht das Blut des treuen Kameraden aus dem Zulukriege zu vergießen. In diesem Augenblicke der höchsten Not durchzuckten die Gedanken mit ungeheurer Schnelligkeit sein Gehirn. Er erinnerte sich des Anblicks, den er am Umvolosi gehabt hatte, als Lord William Beresford den verwundeten Sergeanten auf dem Sattel vor sich durch den Fluß trug, und er fühlte, daß er auch thun könnte, was jener vollbracht hatte. Er war mächtig gewachsen, seitdem er Adolphus zum erstenmal gesehen, und er überragte ihn jetzt an Länge. Hatte er damals schon das Vertrauen gehabt, ihn im Ringkampf bezwingen zu können, so traute er es sich jetzt zu, ihn fortzutragen. Er war jetzt fast seinem verstorbenen Vater an Wuchs gleich, er trug die Steigbügelriemen in derselben Länge, wie jener sie gehabt hatte, und er fühlte Kraft in seinen Armen. Ehe sich der junge Offizier dessen versah, hatte Pieter Maritz sein Pferd unmittelbar an den Rappen herangedrängt und umschlangen den Lord zwei Arme, die ihn mit unwiderstehlicher Gewalt ergriffen. Pieter Maritz hob den Freund mit einem gewaltigen Ruck empor, riß ihn aus dem Sattel und zog ihn auf Jagers Rücken zu sich herüber.
»Verzeihung, Adolphus!« rief er, »aber es ging nicht anders. Hast du mich gefangen genommen, so nehme ich nun dich gefangen.«
Lord Fitzherbert war so bestürzt und so beschämt, daß er kein Wort finden konnte. Er war sehr bleich, und seine Augen funkelten. Er bestrebte sich, loszukommen, aber er merkte, daß ihn eine Kraft festhielt, aus welcher es kein Entrinnen gab. Er fühlte sich wie mit eisernen Klammern umfaßt, des Freundes Gewandtheit und Stärke kamen ihm beinahe übermenschlich vor. Pieter Maritz trieb indessen Jager allein mit den Schenkeln vorwärts und lenkte ihn aus dem Flusse hinaus das Ufer hinan. Die Zügel hingen dem Pferde auf dem Halse, denn der Reiter hatte keine Hand für sie frei. Er hielt den Freund jetzt mit dem linken Arm fest an sich gedrückt und schwang die spanische Klinge in der rechten, da ihn die Dragoner bedrohten. Der treue Jager aber benahm sich klug und geschickt, er kletterte am Ufer empor und setzte sich oben trotz der doppelten Last sofort in Galopp. Und nun war es ein merkwürdiges Schauspiel, das Benehmen des Rappen zu sehen, den Lord Fitzherbert geritten hatte. Denn das edle Pferd, das sich verlassen sah, folgte alsbald seinem Herrn nach und schloß sich an Jager an, neben dem es so oft über die afrikanische Erde dahingegangen war. Bald hinter, bald neben Jager lief der Rappe einher, und wie die Freunde, so waren nun auch die Tiere vereint, auf denen jene früher gemeinsam zu Felde gezogen waren.
Aber die beiden Dragoner, welche schon vorhin ihrem Offizier hatten helfen wollen, kamen nun ebenfalls aus dem Flusse hervor und galoppierten nahe heran. Sie waren die einzigen, die noch auf dem Kampfplatz waren, denn alle andern Dragoner und Buern hatten sich nun weithin über das Feld zerstreut und waren nur noch in weiter Ferne zu sehen. Es galt, sich dieser Leute zu erwehren. Doch Pieter Maritz verzagte nicht. Die gelungene Gefangennahme seines Freundes hatte ihm ein solches Vertrauen eingeflößt, daß er nicht fürchtete, zu unterliegen. Schießen durften die Dragoner nicht, denn sonst hätten sie leicht ihren eigenen Offizier treffen können. Das sahen sie ein und hängten den schon zum Schusse bereiten Karabiner wieder an den Sattelhaken. Es galt für sie, den jungen Buern mit dem Säbel vom Pferde zu hauen oder besser noch mit den Händen zu greifen. Aber sie wußten noch nicht, mit wem sie es zu thun hatten. Sie näherten sich nach Verabredung von beiden Seiten, aber als sie nahe waren, warf Pieter Maritz plötzlich sein Pferd nach rechts, gegen den einen Mann, kam ihm an die linke Seite und schlug so geschwind und so kräftig mit seinem guten Degen zu, daß der Dragoner mit einem Hiebe quer durch das Gesicht vom Gaule fiel. Dann drehte er Jager noch einmal nach rechts herum und wollte auch dem andern Dragoner die linke Seite abgewinnen. Aber der ledige Rappe lief gerade dazwischen, und die Kämpfer konnten nicht aneinander kommen. Dann aber, als der Raum wieder frei geworden war, ritt der Dragoner gerade auf Pieter Maritz zu. Er war ein behender und mutiger Mann, den weder die Gefangennahme seines Offiziers noch der Fall seines Kameraden schreckte. Doch mit Pieter Maritz konnte er sich nicht messen. Einige kurze Augenblicke klirrten die Klingen aneinander, dann stieß der Buernsohn, den Pallasch des Gegners zur Seite lenkend, seinen Lieblingsstoß, die Sekond, mit umgewandter Hand gegen die Brust des Feindes, und auch dieser Dragoner mußte den Sattel räumen und fiel stöhnend zur Erde.
»Du bist ein furchtbarer Kämpfer, Pieter Maritz, und ich gebe mich überwunden,« sagte der Lord, als Jager nun wieder weiter stürmte. »Laß mich los, ich bin dein Gefangener und werde nicht fliehen.«
Pieter Maritz rief dem Pferde zu und ergriff die Zügel mit der Schwerthand. »Liebster Adolphus,« sagte er, »ich hoffe, du bist mir nicht böse. Aber was sollte ich machen? Um ein Haar hättest du mir den Schädel gespalten, wie dem armen alten Baas van der Goot.«
Bei diesen Worten ließ er den Lord zu Boden gleiten, und dieser reckte sich und dehnte alle Glieder, denn er war wie gelähmt und zerdrückt. Er trug noch den Säbel an dem um das Handgelenk geschlungenen Portepee und überreichte ihn seinem Sieger.
Aber Pieter Maritz schüttelte den Kopf. »Ich will dir den Säbel nicht nehmen,« sagte er; »behalte ihn nur, denn wir wissen nicht, wann er dir nützlich werden könnte. Wir Buern nehmen es nicht so genau mit der militärischen Etikette, und ich verlasse mich auf dein Wort, daß du nicht davonreitest.«
Lord Fitzherbert antwortete nicht. Er war so niedergeschlagen und so von Grimm erfüllt, daß er kaum die Thränen zurückhalten konnte.
»Ach, Adolphus, sei nicht betrübt,« sagte Pieter Maritz gutmütig tröstend. »So ist das Kriegsglück: heute mir, morgen dir. Das haben wir beide doch schon längst erfahren. Ist doch auch Baas van der Goot gefallen, dessen Tod mich schwer betrübt. Sieh, da ist dein Pferd ja mitgelaufen. Setze dich darauf und sei mir nicht mehr böse.«
»O, dies ist eine unerträgliche Schande!« rief der Lord. »Ich sehe es ganz klar: ihr Buern seid uns überlegen. Ich wollte, du hättest mich umgebracht, anstatt mich so zu behandeln, Pieter Maritz. Dies ist ein Krieg voll Unglück. Ihr habt uns bei Langes Nek zurückgeworfen, heute versperrt ihr uns den Rückzug. Englands Ehre ist in diesem vermaledeiten Gebirge einem Haufen Bauern ausgeliefert.«
Aber Pieter Maritz hörte nicht auf, den Freund zu trösten, und machte ihn auf die Gefahr der Lage aufmerksam. »Wir sind hier inmitten beider Parteien,« sagte er, »und könnten unversehens Kugeln bekommen. Komm mit, Adolphus, ich bringe dich in Sicherheit.«
Der Lord stieg zu Pferde, und beide ritten im schnellsten Laufe ihrer Pferde davon. Pieter Maritz führte den Freund zu der Buernschar, wo bereits die Flüchtlinge vom Ingogo angekommen waren und die Trauernachricht vom Falle des Baas van der Goot und zweier andern Buern verbreitet hatten. Der Lord blieb als Gefangener bei den Buern, deren Führung jetzt Klaas Buurman übernahm.
Zwei Reihen von kahlen Hügeln zogen sich nördlich von Schains Hoogte, einer aus wenigen Häusern bestehenden Farm, hintereinander hin und liefen quer über die Straße, auf welcher die Engländer kommen mußten. Diese Hügel boten den Buern eine gute Position für ihre beabsichtigte Gegenwehr. Hundert Reiter brachen auf und wandten sich nach der vorderen Hügelreihe hin, zweihundert wandten sich zu der rückwärtigen Reihe, um als Unterstützung für die vordere Linie dienen zu können. Pieter Maritz gehörte zu der kleineren Schar, während Lord Fitzherbert mit der Hauptmasse ritt. Von dem Platze aus, wo sie gelagert hatten, ritten sie abwärts, stiegen dann wieder eine sanfte Anhöhe hinan und verteilten sich zu einer langen Linie, so daß sie weithin das Land überblicken und jeden Rotrock bemerken konnten, der vom Ingogofluß herkommen würde. Klaas Buurman selbst ritt mit zehn Gefährten, unter denen sich auch Pieter Maritz befand, dem Feinde entgegen, um dessen erwartete Annäherung überwachen zu können. Sie bogen von der großen Straße ab, die hier vor der Buernstellung über einen lang gestreckten Höhenrücken führte, und ritten über den Berg zur linken Hand hin. Der Morgen war jetzt hell und klar, aller Dunst und Nebel war verschwunden, und heiß strahlte die Sonne herab auf die Kuppen und Schluchten der Drakensberge.
Die Buern hatten nicht weit zu reiten, um die Engländer kommen zu sehen. Gar bald sahen sie das Blitzen der Waffen in der Niederung des Ingogo und vernahmen das Rollen der Räder von Wagen und Geschützen. General Colley führte sein Heer über die Brücke. Vorsichtig geworden durch ihre Niederlage bei Langes Nek, näherten sich die Engländer nur sehr langsam. Nachdem sie den Fluß zu beiden Seiten der Brücke besetzt hatten, zogen sie die Artillerie und die Wagen herüber, ließen dann die Infanterie folgen und machten Halt, um das Land, das vor ihnen lag, zu durchsuchen, bevor sie weitermarschierten.
Nach längerem Halt setzte sich die Hauptmasse wieder in Bewegung, aber eine kleine Schar, die Pieter Maritz auf die Stärke einer Kompanie schätzte, dazu zwei Geschütze und eine kleine Reiterabteilung blieben am Flusse zurück und nahmen seitwärts der Brücke auf einer Anhöhe Stellung. Pieter Maritz sah, daß General Colley dem Gelingen seines Marsches nicht völlig vertraute und daß er wohl die Bewegung der Buern, ihm den Rückzug abzuschneiden, bemerkt haben mußte. Der umsichtige General wollte sich für den Fall eines Mißerfolgs den Weg zurück zu seinem verschanzten Lager sichern.
Nunmehr war die Vorhut der Engländer so weit vorgedrungen, daß sie bald in Schußweite kommen mußte, und Klaas Buurman ritt mit seinen Begleitern im Galopp zu der Stellung zurück, die von den Buern eingenommen wurde. Hier lagen die Buern, die nun den Feind deutlich kommen sahen, weit verstreut auf den Hügeln. Jeder einzelne hatte sich einen möglichst günstigen Platz hinter einem Felsblock oder einem Erdhaufen ausgesucht, und ein jeder hatte sein Pferd am Zügel. Klaas Buurman schickte eine Patrouille ab, welche General Joubert Bericht über den Marsch des Generals Colley machen sollte, und mit dieser Patrouille ward der Lord Fitzherbert als Gefangener zum Buernlager entsandt.
Die Engländer näherten sich der Hügelreihe mit großem Bedacht. Eine lange Schützenkette bildete sich, und die Leute kamen einzeln heran, indem sie den Schutz des Terrains benutzten. Zugleich fuhr die Artillerie neben der Straße auf, und die Hauptmasse der Infanterie blieb im Hintergrunde. Pieter Maritz betrachtete das Schauspiel von seinem Platze aus mit verständnisvollem Blick. Er hatte sich eine kleine Erdwelle zur Deckung ausgesucht, welche hoch genug war, um auch Jager einigen Schutz zu gewähren, und er lag auf dem Leibe, die Büchse vor sich auf dem Rande des grasbewachsenen Walles, Jagers Zügel um den rechten Arm geschlungen.
Jetzt waren die vordersten Schützen bis auf etwa vierhundert Schritt an die Linie der Buern herangekommen. Die englischen Soldaten hatten die Buernpferde und auch wohl hier und da einen breitkrempigen Hut erblickt und eröffneten den Kampf, indem sie sich auf dem Boden niederlegten und gleich den Buern Deckung suchten. Die Buern erwiderten das Feuer, und nun stiegen auf beiden Seiten, so lang die Stellung sich ausdehnte, Pulverwölkchen empor. Bald darauf erschütterte ein stärkerer Knall als der der Büchsen die Luft: die Neunpfünder eröffneten das Feuer, und Shrapnels fuhren in die Schützenlinie der Buern.
Jetzt ließ General Colley, den Pieter Maritz in weiter Entfernung mit einigen Begleitern an der Straße halten sah, eine frische Abteilung Infanterie heranlaufen, welche die Schützenlinie verstärken sollte. Die Buern aber beschlossen, sich vor der Übermacht zurückzuziehen. Die englische Artillerie hatte einen vorzüglich guten Platz, und während sie so weit entfernt war, daß die Büchsen sie nicht mit Sicherheit erreichen konnten, flogen die Shrapnels mit großer Präcision heran, krepierten dicht neben den Buern und verursachten ihnen Mißbehagen, obwohl noch niemand verwundet worden war. Klaas Buurman ließ einen Pfiff, das verabredete Zeichen, ertönen, und mit einem Male schwangen sich alle Buern in den Sattel und jagten in vollem Rosseslauf davon, nach der rückwärtigen Position, wo ihre Landsleute lagen. Mit Ungestüm drängten die englischen Schützen ihnen nach, aber konnten sich mit der Schnelligkeit der Reiter nicht messen. Als die Rotröcke auf den verlassenen Höhen erschienen, lagen die Buern schon in ihren neuen Deckungen und eröffneten ein wohlgezieltes Feuer. Aber es gab einen anhaltenden Kampf, denn auch die Engländer hatten gute Stellungen und ahmten den Buern nach, indem sie sorgfältiger zielten und sich besser deckten als bei Langes Nek. Pieter Maritz lag mit einigen älteren Landsleuten zusammen hinter einer Gruppe rauher Felsblöcke, und sie hatten ihre Pferde unter der Obhut eines jungen Burschen hundert Schritte weit rückwärts an einen Platz gesandt, wo sie vollständig gedeckt standen. Der Buerngruppe gegenüber hatte sich eine Gruppe von Tirailleurs eingenistet, bei denen sich zwei Unteroffiziere befanden, und die Leute drüben, namentlich die Unteroffiziere, schossen nicht schlecht. Sie lagen ebenfalls hinter Steinen, deren es hier auf den kahlen Bergen eine ungeheure Menge gab, und sie duckten sich klug hinter diese Brustwehr, so daß nur wenn sie schießen wollten, Kopf und Arm sichtbar wurden. Mehreremal war von drüben eine Kugel gekommen, die haarscharf an den Buernhüten vorbeipfiff, und die Entfernung betrug höchstens dreihundert Schritte, so daß ein genaues Zielen sehr möglich war. Das Gefecht stand, wie an diesem Punkte, so an andern Stellen der Schützenlinie, und obwohl bereits mehrere Offiziere auf seiten der Engländer gefallen waren und die Engländer weit mehr Verluste als die Buern hatten, war doch noch nicht abzusehen, auf welche Seite sich der Sieg neigen würde, denn die Angreifer waren in der Überzahl, und ihr zäher Mut ward durch das Bewußtsein, um den Rückweg zu kämpfen, zu verzweifelter Tapferkeit getrieben.
Jetzt erschien die Artillerie auf den jenseitigen Höhen und protzte in guter Stellung auf vierhundert Schritt Entfernung ab, die Shrapnels flogen in die Buernstellung hinein und krepierten mit unheilverkündendem Krachen. Pieter Maritz hatte diesen Klang oft aus der Ferne gehört und war Zeuge gewesen, daß diese Geschosse in die Reihen der Zulus einschlugen; heute zum erstenmal hörte er das Sausen der Hohlgeschosse und das Krachen der Explosion über seinem eigenen Kopfe und in der eigenen Nähe. Aber es erschreckte ihn nicht. Er richtete seine Büchse auf die Bedienungsmannschaft des ihm zunächst stehenden Geschützes, nahm den Mann aufs Korn, der sie befehligte, und streckte ihn mit sicher gezieltem Schusse zu Boden. Doch indem er etwas zur Seite gewandt war und nicht mehr wie früher auf die Schützen gegenüber achtete, hatte er sich eine Blöße gegeben. Eine Kugel kam in gefährlicher Nähe vorüber und hätte ihm beinahe die linke Hand getroffen. Sie fuhr unmittelbar daneben an den Schaft seiner Büchse und riß ein rundes Stückchen Holz heraus.
»Wir müssen mit diesen Leuten dort drüben ein Ende machen,« sagte Pieter Maritz zu seinen Kameraden. »Laßt uns unsere Schüsse zu gleicher Zeit auf denselben Mann abgeben! Zuerst auf den Unteroffizier hinter dem vordersten Steine.«
Fünf Buern lagen neben Pieter Maritz auf etwa zwanzig Schritt Entfernung verteilt, und sie folgten der Aufforderung ihres jungen Landsmanns, der schon solche Proben seiner Kriegstüchtigkeit gegeben hatte. Ihr Feuer schwieg, und alle lauerten auf die Gelegenheit, daß der bezeichnete Mann ein Stück seines Körpers zeigen sollte. Sie warteten nicht vergebens. Der Unteroffizier blickte über den Stein weg, da ihn die Stille gegenüber verwunderte. Sein Helm und der obere Teil seines Gesichts zeigten sich. Da krachten zwei Schüsse in einem Klang zusammen, und der Mann stürzte rücklings nieder. Der andere Unteroffizier schoß, und seine Kugel streifte den Rand des Steines, hinter welchem Pieter Maritz lag, so daß Stückchen des zerrissenen Bleies gleich feinen Wassertropfen umherspritzten. Aber Pieter Maritz blieb unverletzt. Die beiden Buern an beiden Enden der Gruppe legten ihre Büchsen auf diesen Unteroffizier an, und auch er erlag bald den von zwei Seiten nach seinem Platze hinfegenden Geschossen. Denn im Eifer, sich rechts zu decken, zeigte er links einen Arm. Eine Kugel traf ihn, und zusammenzuckend fuhr der Körper nach rechts. Da traf ihn die zweite Kugel in den Kopf, und er stürzte nieder. So fiel Mann nach Mann der Schützen in den roten Uniformen, und von den Buern ward niemand verletzt. Pieter Maritz aber richtete jetzt sein Gewehr auf die Artillerie, und seine Landsleute folgten seinem Beispiele. Schon hatten sich die Kugeln der Buern furchtbar gezeigt für die Bedienung der Geschütze, und in halber Verzweiflung sah General Colley, wie wenig Erfolg seine Artillerie hatte. Denn die Artillerie war seine wichtigste Stütze, sie war gerade diejenige Waffe, welche den Buern fehlte und auf welche er seine Hoffnung gesetzt hatte. Aber was nützte ihm die Artillerie, wo der Feind weit zerstreut in Deckungen lag! Er konnte nicht auf einzelne Leute mit Kanonen zielen lassen. Wohl fuhren die Shrapnels in die von den Buern besetzten Stellungen hinein, wohl verstreuten sie dort einen Hagel von Splittern und Kartätschenkugeln, aber es war keine Wirkung dieser Geschosse zu sehen. Die Buern zogen sich nicht zurück, veränderten auch nicht ihre Stellung, sondern immer von denselben Punkten aus schossen Leute, welche nichts als ihre Hüte sehen ließen, mit schreckenerregender Sicherheit auf die Truppen. Schon waren viele Leute bei den Geschützen gefallen, und auch von den Maultieren vor den Protzen lagen mehrere getroffen am Boden.
Unweit der Stelle, wo Pieter Maritz mit seinen Gefährten lag, weiter vor und nach rechts hin, war eine kleine Bodensenkung, deren Rand mit stachligem Gesträuch bewachsen war. Die Stelle glich einem Graben und lag so, daß von dort aus anscheinend noch besser auf die Artillerie geschossen werden konnte, als von dem Steinhaufen aus. Da die drohende Schützengruppe gegenüber verschwunden war, mußte es möglich sein, so weit vorzulaufen. Pieter Maritz rief seinen Gefährten zu und zeigte ihnen jene Senkung. Rasch entschlossen erhoben sie sich und liefen vor. Einige Büchsenkugeln pfiffen, aber keine traf. Schnell warfen sich die kühnen Buern hinter dem Erdrande in der Senkung nieder, und hier hatten sie nun einen ausgezeichneten Platz gefunden. Sie waren den feindlichen Geschützen um beinahe hundert Schritte näher gekommen und hatten ebenfalls der Infanterie gegenüber eine gute Stellung. Ihr Vorlauf war schon ein kleiner Anfang von Avancieren gegenüber dem still stehenden Feinde. Sie nahmen jetzt die Leute bei den Geschützen aufs Korn, und rasch fielen dort die Artilleristen. Die Entfernung war so gering, daß Pieter Maritz die Abzeichen der Uniformen genau erkennen konnte. Er sah, daß schon mehrere Offiziere und Unteroffiziere drüben fehlten, welche bereits von den Buern, die immer zuerst nach diesen schossen, niedergestreckt sein mußten. Aber noch bewegten sich dort Chargierte. Er sah im blauen Pulverdampf die Goldstickereien an den Offiziersröcken und die Ärmelstreifen von Unteroffizieren. Er faßte einen der Offiziere ins Auge, der hinter der Geschützreihe stand und offenbar den Befehl führte. Dieser Offizier war abgestiegen, um kein gar zu großes Ziel zu bieten, und hielt sein Pferd am Zügel. Pieter Maritz schoß, und der Offizier stürzte nieder. Sein Fall erregte eine Szene der Verwirrung, denn mehrere Leute liefen auf den Körper zu und beschäftigten sich mit ihm. Aber bald hatten die Artilleristen genug mit der eignen Rettung zu thun. Der kleine Buernposten in dem Graben dort unten vollendete ihre Verzweiflung. Mann nach Mann fiel nieder, dann fielen die Maultiere, das Geschützfeuer hörte auf, und ratlos, in tollster Angst, rannten die Soldaten dort oben umher. Nun wurden Infanteristen zu Hilfe gerufen, dann wurden die Geschütze aufgeprotzt, die toten Tiere wurden aus den Geschirren losgemacht, auf die überlebenden Tiere wurde losgepeitscht, Infanteristen griffen in die Räder und schoben, und so flüchtete die Artillerie, von Kugeln verfolgt, rückwärts aus dem Bereich der gefährlichen Buernbüchsen.
Die Infanterie allein, unterstützt von den berittenen Polizeibeamten und den Natalbuern, die als reitende Schützen beim englischen Heere waren, hatte jetzt den Kampf fortzuführen, und sie führte ihn trotz ihrer Verluste mit britischer Zähigkeit weiter. Fast die gesamte Masse der Rotröcke war jetzt in Schützenschwärme aufgelöst, nur noch ein kleiner Haufen, der etwa zwei Kompanien stark sein mochte, blieb geschlossen in Reserve. Noch immer war General Colley nicht ganz ohne Hoffnung, sein Ziel zu erreichen, seinen Marsch fortsetzen zu können, denn er hatte an Zahl immer noch bedeutende Übermacht, und seine wackeren Truppen kämpften mit ingrimmiger Entschlossenheit.