Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 5
Wohl zeigten sich Herden einer kleineren Antilopenart auf dem Wege, und die Jagd auf diese Tiere würde leichter und ergiebiger gewesen sein; wohl erhoben sich Ketten von Hühnern und Fasanen vom Boden; aber es hatte sich nun der Eifer des Wettlaufs der Jäger bemächtigt, und sie fühlten, daß es mehr der Ehre galt als dem Gewinn. Sie wollten alle den Triumph feiern, die Ongiris, die stolzesten aller Antilopen, erjagt zu haben, und wiederum zwischen den Zulus und dem Buernsohn war das Feuer des Ehrgeizes im Wettkampf entbrannt. Ja selbst Jager schien zu fühlen, was es galt, denn er blickte mit rollenden Augen bald vorwärts auf die Beute, bald seitwärts nach den behenden schwarzen Gestalten, und er lief mit nie an ihm gesehener Schnelligkeit.
Jetzt durchfegte er ein Dickicht stachlichter Büsche, und ein langer Riß in der Haut ließ dem Tiere die Blutstropfen über den braunen Hals herablaufen. Ein Dorn von Kaktus zerriß auch den Ärmel von Pieter Maritz' Bluse. Aber die schlanken Gestalten der Zulus waren links und rechts in gleicher Linie mit dem Pferde, und vorwärts ging es. Nun kamen sie in ein sumpfiges Land, wo die herrlichsten schneeweißen Kelche der Kalla, glänzende blaue Blüten von Lilien und die wunderlichen farbenstrahlenden Gebilde der Orchideen dicht gedrängt gleich dem schönsten Teppich sich ausbreiteten. Ein Wirbel von Schlamm erhob sich unter den Hufen des Pferdes, und nur ächzend kam es an der andern Seite wieder auf festen Boden. Aber auf beiden Seiten glitten die Zulukrieger wie auf Flügeln über den morastigen Boden hin, indem sie gewandt auf faulende Stämme sprangen, die im Schlamm lagen und von einem Holze sich auf das andere schwangen. Nun ging es einen Hügel hinauf, auf der andern Seite hinunter. Unten floß ein silberhelles Wasser, wohl zwanzig Schritte breit. Ohne zu zaudern, warf Jager sich in die Flut und schwamm hindurch. Aber als er auf dieser Seite hineinstürzte, stiegen die Zulus schon auf der andern Seite heraus, und während Jager schnaubend mit den Fluten kämpfte, flogen die Zulus schon den nächsten Hügel hinan, und die Wassertropfen rollten von ihren schwarzen Leibern herab, in der Sonne glitzernd und ohne eine Spur von Nässe auf der fettigen Haut zurückzulassen.
Pieter Maritz biß die Zähne zusammen. Hier, wo Berg und Thal wechselten, mußte er das Rennen verlieren. Er kam die Höhe hinauf, und hier erblickte er die Zulus schon mehr als zweihundert Schritte im Vorteil. Doch zugleich erblickte er jetzt deutlich die Antilopen. Sie waren zu Anfang die schnelleren gewesen, aber nun war ihre Kraft erschöpft. Ihre Sprünge waren nicht mehr weit, sie erlahmten in der Flucht. Aber sicherlich mußten sie jetzt die Beute der Zulus werden. Die Schnelligkeit dieser Jäger schien zuzunehmen, von zwei Seiten kamen sie mit hoch geschwungenen Assagaien daher, und in wenigen Minuten konnten sie den Sieg errungen haben.
Da zog Pieter Maritz, dessen Gesicht vor Eifer glühte, mit einem plötzlichen Entschluß die Zügel an. Die Entfernung war weit, aber er kannte die Tragweite seines Martini-Henry. Das Pferd schien zu verstehen, es stand still, als wäre es von Erz gegossen. Pieter Maritz zog das Gewehr an die Backe, ein Knall und noch ein Knall -- er jauchzte laut: beide Antilopen flogen in hohem Satze empor und stürzten zu Boden.
Viertes Kapitel
Heimliche Flucht
»Mein junger Freund hat ein sicheres Auge und eine ruhige Hand,« sagte Humbati, als die drei Jäger sich bei dem erlegten Wilde zusammenfanden. Er lehnte sich auf seinen Wurfspieß, dessen stumpfes Ende er auf den Boden gestemmt hatte, und betrachtete Pieter Maritz mit einem Blick, aus welchem Bewunderung sprach, während ein höfliches Lächeln um seinen Mund spielte.
Der Knabe blieb auf dem Pferde sitzen und beugte sich hinab, um die Antilopen zu betrachten. Jager senkte den Kopf und beroch gleich einem Jagdhund die Beute.
»Das Gewehr der weißen Männer trägt weiter als der Assagai und der Pfeil,« fuhr Humbati fort. »Gewiß aber giebt es nicht viele Männer unter den Buern, die so gut schießen wie mein junger Freund.«
»Ich bin nur ein Knabe,« entgegnete Pieter Maritz, »und ich hoffe, noch schießen zu lernen, wie die Buern schießen.«
Humbati schwieg eine kleine Weile und fing dann von neuem an. »Es giebt sehr viele Buern. Ihre Zahl ist groß, und viele wohnen in ihren Wagen und Zelten, viele aber auch in großen Häusern, welche immer auf derselben Stelle bleiben. Doch der englischen Krieger giebt es noch mehr, und sie werden die Buern zu ihren Sklaven machen.«
Ein Zornblitz schoß aus des Knaben Augen hervor, und er erwiderte heftig: »Das wird niemals geschehen, solange noch ein Buer lebt, der das Gewehr tragen kann.«
»Mein junger Freund hat recht,« sagte Humbati. »Edle Männer sterben lieber, als daß sie unter den Armen leben und am Festmahl der Vornehmen keinen Anteil haben. Der große König Tschetschwajo liebt die Buern, denn er weiß, daß sie Krieger sind. Wenn die Buern dem mächtigen König helfen wollten gegen die Engländer, so würden sie ihm gegen ihren eigenen Feind helfen. Humbati und Molihabantschi möchten dies den weisen Männern unter den Buern sagen, aber die Buern wollten die Gesandten des Königs tot schießen. Mein junger Freund ist sehr weise, obwohl er an Jahren noch jung ist. Er kann Humbati und Molihabantschi einen guten Rat geben, wie sie es machen sollen, um die Buern der Freundschaft Tschetschwajos zu versichern.«
Mit überlegender Klugheit hatte der Zulu zu seiner Rede einen Augenblick gewählt, wo der Knabe in stolzer, freudiger Erregung war. Und beinahe wäre Pieter Maritz darauf eingegangen, dem Gesandten wirklich einen Rat zu geben oder ihm behilflich zu sein. Aber noch zu rechter Zeit entsann er sich der eigenen Unerfahrenheit und des Auftrags, den er von Baas van der Goot erhalten hatte.
»Sind es die jungen Knaben unter den Zulus, welche den Führern Rat erteilen?« fragte er lächelnd.
Humbati wandte sich zur Seite und wechselte einen Blick des Verständnisses mit Molihabantschi. Er wunderte sich über die Antwort, und sein Freund teilte dies Gefühl.
»Ich kann euch beiden nur einen Rat geben,« fuhr Pieter Maritz fort. »Das ist, ruhig eure Straße zu ziehen, bis ihr an die Grenze eures Landes kommt. Denn wir Buern trauen euch nicht, weil Tschetschwajo oft in unser Land eingebrochen ist und durch seine Heere Vieh hat forttreiben und die Dörfer verbrennen lassen.«
Die Zulus tauschten wieder einen Blick miteinander aus, aber sie antworteten nichts weiter, sondern machten sich an die Arbeit, das Wild zu zerlegen, wobei sie sich der scharfen Klingen ihrer Assagaispitzen bedienten. Zuerst öffneten sie den Tieren den Leib, nahmen mit großer Geschicklichkeit die Gedärme heraus und tranken nach ihrer wilden Art das Blut, welches sich in der Bauchhöhle sammelte, während das Herz noch in seinen letzten Pulsen schlug. Dann lösten sie den Rücken der Tiere heraus, schnitten die Hinterschenkel ab und luden diese Stücke, wohl eingewickelt in breite Blätter, um sie vor der Sonne zu schützen, auf ihre Schultern. Das übrige ließen sie liegen. Dann traten alle drei den Rückweg nach der Lagerstelle an.
Hier hatten die Diener inzwischen nach mehrstündiger Arbeit wieder Ordnung geschaffen. Sie hatten die Zugochsen nach langem Suchen und Jagen wieder zusammengetrieben, wobei ihnen der Instinkt der Tiere zu Hilfe gekommen war. Denn diese hatten sich nicht allzu weit entfernt, sondern waren, nachdem das Gebrüll der Löwen verstummt war, auf weichen Grasplätzen innerhalb des Dickichts am Flusse geblieben. Doch fehlten zwei der Ochsen, welche trotz aller Mühe nicht hatten aufgefunden werden können, und es war allen wahrscheinlich, daß sie von den Hyänen zerrissen worden seien. Beide Ochsen gehörten zum Zuge des Smauses Abraham ten Winkel, und der unglückliche Mann, der schon so viel Widerwärtigkeiten innerhalb der letzten Tage erlitten hatte, konnte sich über diesen neuen Verlust nur schwer trösten.
Als die Jäger mit dem Wildbret erschienen, wurden Vorkehrungen zu einer gemeinsamen Mahlzeit getroffen, welche Frühstück und Mittagessen in sich vereinigen sollte. Denn die Sonne stand schon hoch am Himmel, die gewöhnliche Einteilung der Zeit konnte heute nicht inne gehalten werden, und der größere Teil der heutigen Weiterfahrt mußte auf den Nachmittag und Abend verlegt werden. Nun wurden Kessel über Feuerlöchern angesetzt und Kaffee und Mais gekocht, dazu eiserne Gabeln in den Boden gestoßen, über denen Spieße mit Antilopenbraten sich drehten. Nur die Zulukrieger verschmähten das über dem Feuer gebratene Fleisch und bereiteten es sich in ihrer eigenen Weise zu. Sie legten einen Antilopenrücken ohne Salz einfach in die Kohlen hinein und drehten ihn im Feuer mit einem Stabe um, wenn er gar zu arg zu verbrennen drohte. Nach einer Weile zogen sie dann den Rücken heraus, rissen das mürbe Gewordene mit den Fingern ringsum ab, verschlangen es und warfen den noch rohen Teil von neuem in die Kohlen. Das wiederholten sie mehreremale, bis sie alles bis auf den Knochen abgenagt hatten.
Nach der Mahlzeit trennte sich die Gesellschaft. Der Jude zog gen Norden, betrübt über die Verluste, die er an dieser Stelle erlitten hatte, der Missionar mit seiner Begleitung wandte sich nach Südosten. Der Wagen dieses letztern Zuges war um eine stattliche Beute bereichert worden: die Felle der beiden gewaltigen Löwen, welche die Zulus mit geübter Hand abgehäutet hatten. Um nicht dasselbe Schicksal zu erleiden, das den roten Wagen des Juden betroffen hatte, ward die Furt genau untersucht. Denn die Flut hatte sich nur wenig verringert, so daß das Wasser nur wenige Handbreit niedriger stand als am vergangenen Tage. Die Zulus gingen daher zuerst in den Fluß und erprobten dessen Tiefe und Gangbarkeit. Sie fanden eine Stelle etwas oberhalb des Punktes, wo der Wagen des Smauses umgestürzt war, weil ein Rad über einen allzu hohen Stein wegging. Hier war der Boden eben, und das Wasser ging an den tiefsten Punkten den Zulus nur bis an die Mitte der Brust. Der Zug der Ochsen ward hierher geführt und quer hindurchgeleitet, und das Überschreiten der Furt lief glücklich ab. Zwar kamen die Ochsen so tief hinein, daß sie zuweilen schwimmen mußten und daß nur noch ihre Köpfe mit den langen Hörnern und dem dicken Jochholz oberhalb des Wasserspiegels zu sehen waren, aber der Zug war so lang, daß der größere Teil der Tiere immer gehen konnte. Als die Hinterochsen noch schwammen, wandelten die vordersten Paare schon jenseits auf dem Ufer, und so wurde kein Paar seitwärts getrieben, obwohl der Fluß ziemlich reißend strömte. Pieter Maritz schloß den Zug auf Jagers Rücken. Es machte ihm wenig aus, daß seine Stiefel und ledernen Beinkleider naß wurden, denn sie waren von der Jagd her noch nicht wieder ganz trocken. Aber bald sollten sie trocknen. Das jenseitige Ufer war kahl und sandig, der Weg auf eine unabsehbare Entfernung hin ohne Baum und Strauch und die Sonne von einer ungewöhnlichen Glut. Sie stand zur rechten Hand des Zuges ganz hoch am Himmel, und ihre Scheibe erschien durch die erhitzte Luft über der Erde in einer eigentümlichen Weise verändert. Sie schwamm wie ein goldener Teller im weißlich flimmernden Luftmeer. Nur unten, dicht über dem Horizont waren leichte, duftige Wolken zu sehen, sonst glich die ganze Himmelsdecke einer riesigen glühenden Kuppel von funkelndem Metall. Die Erde war unter diesem Strahlenglanz in hohem Grade erhitzt und schien dem Himmel gleich zu brennen. Die Ochsen hoben im Marsche ihre Beine hoch auf und tauchten mit sichtbarem Widerstreben ihre Hufe in den Sand. Links und rechts lagen an mehreren Stellen des Weges Gerippe, welche seltsam vom Boden emporblickten, indem neben den starken, gewölbten Rippen der weiße Schädel mit den gebogenen, langen, schwarzen Hörnern emporragte.
Der Missionar hatte sich in den Wagen gesetzt, um unter dem Verdeck geschützt zu sein, die farbigen Diener hatten breitrandige helle Filzhüte auf dem Kopfe, nur die Zulus gingen schutzlos in der Sonne und ließen das Licht ruhig auf ihre krausen Frisuren und die glänzenden schwarzen Körper fallen. Nichts Lebendes ließ sich zu dieser Stunde außer dem Zuge des Missionars auf der Ebene sehen, nur einmal rannte in weiter Ferne ein Rudel Zebra dahin, deren schwarze und weiße Streifen Pieter Maritz mit seinen scharfen Augen unterscheiden konnte.
Der Marsch hatte nun schon über drei Stunden gedauert, den Zugochsen hing die dürstende Zunge aus dem Halse, und noch war kein Fleck zu sehen, der sich zur Ruhe geeignet hätte. Der Missionar ließ halten und kam aus dem Wagen hervor.
»Es geht so nicht weiter,« sagte er zu Pieter Maritz, »was sollen wir machen? Die Tiere bedürfen des Wassers, aber wir finden hier kein Wasser am Wege.«
»Ich sehe dort einen Hügel,« sagte der Knabe, zur linken Hand hin weisend. »Ich will mit den Zulus dorthin, um zu sehen, ob wir an seinem Fuße Wasser finden. Wir wollen Spaten mitnehmen, um ein Loch zu graben.«
»Gut,« sagte der Missionar, »aber die Tiere können es nicht lange mehr aushalten, und wir müssen ihnen wohl aus dem Fasse geben.«
Er ließ die Ochsen ausspannen, damit sie sich erholen könnten, und man sah sie alsbald nach allen Seiten hin schnuppern, ob sie etwa eine ferne Quelle oder auch nur ein Wasserloch entdecken könnten. Aber sie senkten mutlos die Köpfe und stellten sich dann so, daß ihre brennenden Hufe im Schatten der eigenen Körper standen, wobei sie sich zusammendrängten und immer die außerhalb Stehenden sich bemühten, in das Innere des Haufens einzudringen. Der Missionar ließ indessen aus dem Fasse in Becher laufen und erquickte seine Begleiter und sich selbst. Das Wasser war warm geworden und zu einer andern Zeit würde es wohl von jedem verschmäht worden sein, aber heute erschien es allen wie ein köstliches Getränk. Als dann die Menschen getrunken hatten, ließ er einen Eimer füllen, und mit großer Not inmitten der sich nun herandrängenden Tiere wurde jedem der Ochsen ein kleiner Trunk verabreicht.
Währenddessen begaben sich Pieter Maritz und die Zulus, denen sich zuletzt auch noch der Missionar selbst zu Pferde anschloß, nach dem Hügel und spähten eifrig nach Fußspuren von Wild, welche angedeutet haben würden, daß Wasser in der Nähe sei. Aber es waren keine Fährten zu entdecken. Der Hügel war entlegener, als sie zuerst vermutet hatten, und nahm beim Näherkommen eine andere Gestalt an, indem er sich als Ausläufer einer Hügelkette zeigte. Er war sandig, mit Steinen bedeckt und ohne jeden Pflanzenwuchs, aber als die Reisenden auf seinen Gipfel kamen, sahen sie Buschwerk und einzelne Bäume auf der andern Seite. Die Zulus entdeckten sogar, was die Weißen nicht zu erkennen vermochten: den Rauch aus menschlichen Wohnungen in weiter Ferne sich aus waldiger Umgebung emporkräuseln. Belebt durch die Aussicht auf das Buschwerk, da dies die Hoffnung auf Wasser erweckte, stiegen sie den Hügel auf der andern Seite hinab, waren aber erst einige hundert Schritte gegangen, als sie plötzlich still standen, indem sie frische Spuren von Löwen am Boden bemerkten, die vor ganz kurzer Zeit auf diesem Platze gewesen sein mußten. Dann gingen sie, vorsichtig um sich blickend, weiter. Am Fuße des Hügels erblickten sie gar bald ein rundes Loch in der Nähe einiger Rhenosterbüsche, und dies Loch war mit Wasser gefüllt. Sie eilten dahin, aber ein abschreckender Gestank kam ihnen entgegen. In dem Wasser von trübem Aussehen schwamm eine Masse, welche nicht deutlich zu erkennen war, und als die Zulus diese Masse mit dem Schafte ihrer Spieße bewegten und emporhoben, zeigte sich, daß es eine tote Hyäne war. Dem Anschein nach war dies Loch von Kaffern gegraben und das Wasser von ihnen vergiftet, um die Raubtiere zu vertilgen. Es mußten Wohnungen von Kaffern in dieser Gegend sein.
Mit Abscheu wandten sich die Reisenden von dem häßlichen Anblick des vergifteten Tieres ab und gingen weiter, auf die Bäume zu, als sich ihnen ein Schauspiel von herzbewegender Traurigkeit bot. Ganz einsam unter einem der Bäume, Euphorbien, die ihre blattlosen Zweige von dem glatten Stamm aus in gleichen Winkeln kandelaberförmig in die Höhe streckten, saß ein altes, schwarzes Weib, nackt, ein lebendiges Gerippe, und lehnte ihr weißhaariges Haupt auf die Kniee. Sie blickte empor, als sie die Nähe der Fremden bemerkte, und blickte entsetzt auf die weißen Gesichter. Dann versuchte sie aufzustehen, um zu fliehen, aber zitternd vor Schwäche sank sie wieder zusammen.
Der Missionar stieg vom Pferde, redete sie mit sanftem Tone in der Sprache des Volkes jenes Landes an und nannte sie mit einem Namen, welcher unter jedem Himmelsstrich süß klingt, und selbst das Ohr des Wilden sanft berührt. »Meine Mutter,« sagte er, »fürchte nichts. Wir sind Freunde, wir wollen dir kein Leid thun. Wie kommst du in diese Wildnis, und warum bist du so allein?«
Sie antwortete zuerst nicht, sondern sah nur erschrocken in des Missionars Gesicht, bis er seine Frage wiederholte. Dann sagte sie mit schwacher Stimme: »Ich bin eine alte Frau, ich sitze hier seit vier Tagen; meine Kinder haben mich hier zurückgelassen, damit ich sterbe.«
»Deine Kinder?« fragte der Missionar.
»Ja,« sagte sie, die magere Hand auf ihre welke, runzlige Brust legend, »meine eigenen Kinder, drei Söhne und zwei Töchter. Sie sind dorthin gegangen, nach jenen blauen Bergen und haben mich hier zurückgelassen, um zu sterben.«
»Und warum haben sie dich verlassen? Ich bitte dich, sage es mir!« rief der Missionar voller Entsetzen, indem er seine Hände faltete.
»Ich bin alt,« sagte sie, »und ich bin nicht mehr kräftig genug, ihnen zu dienen. Wenn sie auf die Jagd gehen, kann ich nicht mehr das Fleisch nach Hause tragen, weil ich zu schwach bin. Ich kann kein Holz mehr sammeln, um Feuer zu machen und ich kann auch ihre Kinder nicht mehr wie früher auf meinem Rücken tragen.«
Als das alte Weib so sprach, blickte der Missionar gen Himmel und weinte laut. »O Heidentum!« rief er, »o Heidentum! O du Heiland aller Menschen, laß deine Liebe zu diesem armen, unseligen Volke kommen!«
Auch Pieter Maritz konnte seine Bewegung nicht verbergen, und obwohl ihm die Zunge vor Hitze und Durst am Gaumen klebte, rann ein Strom von Thränen über seine Wangen. Nur die Zulus blickten unbewegten Auges auf die Scene und betrachteten die Thränen der Weißen mit verächtlicher Verwunderung.
»Ich bin erstaunt, dich hier lebend zu sehen,« sagte der Missionar von neuem zu der Alten. »Denn es gehen Löwen hier umher und müssen dich längst bemerkt haben.«
Die alte Frau faßte die Haut ihres linken Armes mit den Fingerspitzen und zog sie empor, als sei es lockeres, leichtes Gewand. »Ich habe die Löwen gehört und gesehen,« sagte sie, »aber es ist nichts an mir, was sie fressen möchten.«
Der Missionar griff in die Tasche und holte ein Stück Maiskuchen und gedörrtes Fleisch hervor. »Nimm dies, meine Mutter,« sagte er, »und iß. Wir wollen dich nicht sterben lassen, du sollst nicht hier bleiben. Wir wollen dich mit uns nehmen und für dich sorgen.«
Die Alte nahm die Lebensmittel, aber als sie die Worte des Missionars hörte, fing sie vor Angst zu zittern an. »Ich will nicht mit,« sagte sie flehend, »laßt mich hier. Es ist so unsere Sitte, ich bin auch schon beinahe tot, ich will nicht das Sterben noch einmal anfangen.«
Vergeblich redete der Missionar ihr zu und versprach ihr, sie zu stützen, daß sie zu seinem Wagen gehen könne, und auch künftig für sie zu sorgen. Sie ward von diesen Vorschlägen so erregt, daß sie in Krämpfe zu verfallen drohte, und der Missionar mußte davon abstehen, sie mit sich zu nehmen. Doch beschloß er, mit dem Wagen hierher zu kommen, sobald sich Wasser gefunden hätte, weil er es nicht übers Herz bringen konnte, die alte Frau zu verlassen. Er wollte seine Reise unterbrechen und von der vorgesetzten Richtung abbiegen, um dies unglückliche Wesen zu beschützen. So setzten die Reisenden vorläufig ihren Weg fort.
»Dieses sklavische Volk hat schlechte Sitten,« sagte Molihabantschi. »Es ist nicht gut, die alten Leute verhungern zu lassen. Selbst die Löwen haben bessere Sitten, denn wenn sie eine Beute teilen, fressen die alten Tiere zuerst, und die jungen warten, bis jene satt sind. Ist aber ein Löwe zu alt und schwach, um mit auf die Jagd zu gehen, so bringen ihm seine Kinder das Futter.«
»Glaubst du, daß die Löwen dies mit Verstand und Überlegung thun?« fragte der Missionar.
Molihabantschi sah ihn verwundert an. »Die Löwen sind sehr klug,« erwiderte er. »Ich sah einen Löwen, welcher auf einem Felsen am Flußufer lauerte, um Zebras zu fangen, welche zur Tränke gingen. Er wollte auf das letzte Tier der Herde springen, aber versah sich und sprang zu kurz, so daß die Zebras flohen und er keines davon bekam. Da beguckte er sich die Stelle, von wo er gesprungen war, und machte den Satz mehreremale, bis dieser weit genug war. Dann kamen noch zwei Löwen zu ihm und sie gingen zusammen auf und ab, wobei er ihnen die Stelle zeigte, wo die Zebras zu trinken pflegten. Sie sprachen dabei laut miteinander, doch konnte ich kein Wort verstehen, obschon sie stark brüllten.«
Pieter Maritz und der Missionar wußten, daß die Kaffernvölker glauben, die Tiere sprächen miteinander, und sie lachten nicht über die Erzählung des Zulu. Sie schritten weiter im Thale hin und kamen zu ihrer Freude an ein Gewässer. Zwar war es nur ein Teich, der nicht im Fließen war und trübe aussah, aber sie waren glücklich. Der Missionar beschloß, hier Rast zu halten.
»Ich habe die Absicht, mich nach Botschabelo, der Missionsstation, zu begeben,« sagte er zu dem Knaben. »Ich dachte diesen Platz in zwei Tagen zu erreichen, werde nun aber drei Tage auf den Weg verwenden müssen. Denn ich bringe die Ochsen heute nicht mehr weiter, vor allem aber wüßte ich nicht, wie ich die arme alte Frau fortbringen sollte, ohne daß der Wagen hierher kommt. Wir wollen umkehren und den Wagen holen.«
Während dieser Worte ging der Missionar an das Wasser hinab, und er sowohl wie seine Begleiter und die beiden Pferde labten sich an einem Trunk. Pieter Maritz glaubte zu bemerken, daß die Zulus aufmerksam geworden wären, als sie den Namen Botschabelo hörten, doch achtete er nicht weiter darauf, weil sich ihm jetzt ein wunderlicher Anblick bot. Ein großer Vogel erhob sich auf dem jenseitigen Ufer, der einen dunklen Gegenstand in seinen Krallen trug. Er flog gerade empor und ließ dann das Ding, welches er trug, zu Boden fallen, auf die Steine, welche dort zerstreut lagen. Alsdann schoß er selbst herab, packte den Gegenstand von neuem und wiederholte dasselbe Spiel, indem er ihn aus der Höhe fallen ließ. Pieter Maritz ritt, da er sich dies nicht erklären konnte, eilig um den Teich herum, und bei seinem Herannahen ward der Vogel scheu und flog davon, ohne das Ding mitzunehmen, mit welchem er beschäftigt war. Der Knabe erreichte die Steine und sah, daß es eine Schildkröte war, welche der Raubvogel erbeutet hatte. Sie lag dort mit zerbrochenem Schilde, und der Vogel hatte sie auf die Steine geworfen, um sich ihres Fleisches bemächtigen zu können. Mehrere zerbrochene Schilder von Schildkröten lagen außerdem umher. Der Knabe hob das Tier auf, welches wohl fünfzehn Pfund wiegen mochte, und nahm es mit sich als einen Beitrag zum Abendessen.
Dann kehrten die Reisenden zurück, um den Wagen zu holen. Sie kamen an der Stelle vorüber, wo das alte Weib saß, und fanden es wieder mit dem Kopfe auf den Knieen in seiner hockenden Lage. Sie gingen ruhig vorüber, um es nicht von neuem zu ängstigen, und stiegen wieder über den Hügel, welcher in die Ebene führte. Hier herrschte eine unendliche Glut, und die freie Fläche dort unten glich einem riesigen Herde, von welchem Hitze emporstrahlt. Sie blickten nach dem Wagen hin, der eine halbe Wegstunde entfernt sein mußte, aber anstatt der dunklen Gruppe, die sie vorhin beim Umschauen von dem Hügel aus gesehen, bot sich ihnen ein anderes und wunderbares Bild.