Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal

Part 49

Chapter 493,538 wordsPublic domain

»Sie arbeiten immer noch an den Wällen,« antwortete Klaas Buurman, »und sie haben ihre Kanonen so aufgestellt, daß sie die Straße beschießen können.«

»Der Engländer hat sich dort keinen schlechten Platz ausgesucht,« bemerkte Baas van der Goot. »Wir wollen uns hüten, ihn dort anzugreifen. Das könnte manchem Manne das Leben kosten, wenn wir gegen die Wälle anlaufen wollten. Überall ist der Boden frei, und das Lager liegt hoch; es wäre eine schlechte Sache, ihn dort anzugreifen. -- Nein, nein,« fuhr der alte Mann kopfschüttelnd fort, »angreifen wollen wir ihn dort nicht, aber ich denke, wenn er nichts mehr zu essen hat und wenn er nicht mehr weiß, was in Newcastle passiert, dann wird er wohl herauskommen.«

Während er noch sprach, war aus der Ferne ein Schall wie von einem Büchsenschusse zu vernehmen, bald folgte noch ein solcher Schall, und dann klangen mehrere entfernte Schüsse auf einmal. Die Buern wandten ihre Blicke nach Süden hin, woher der Lärm kam, aber von hier aus war nichts zu sehen. Aber nach einer halben Stunde, während die Männer auf dem Posten sich noch besprachen und Vermutungen über die Ursache des Schießens austauschten, kamen zwei Reiter eilig den Berg von der Seite herauf und näherten sich dem Baas van der Goot. Es waren Leute, die zu dem Trupp gehörten, der auf dieser Seite Wache hielt. Sie erzählten, daß sie mit noch mehreren Freunden eine Patrouille aufgefangen hätten, die von Newcastle heraufgekommen sei, und sie brachten ein Schreiben, welches sie dem Führer der Patrouille abgenommen hatten.

Baas van der Goot machte das Schreiben auf und reichte es Pieter Maritz. »Sag mir, was darin steht, Neffe,« befahl er, »du verstehst ja die Sprache und die Schrift der Amalekiter.«

»Dies ist ein Brief vom General Sir Evelyn Wood aus Natal,« sagte Pieter Maritz. »Er ist an General Colley gerichtet und teilt diesem mit, daß er hoffe, ihm bis zum 20. Februar mit dem 2. Bataillon des 60. Regiments, mit dem 82., 92. und 97. Regiment, sowie mit dem 15. Husarenregiment und einer Batterie Feldartillerie zu Hilfe kommen zu können. Außerdem seien noch die Inniskilling-Dragoner, eine andere Feldbatterie und berittene Infanterie im Anzuge, doch sei nicht bestimmt zu sagen, wann diese verfügbar werden würden.«

»Ei, ei,« sagte Baas van der Goot, »das sind ja viele Soldaten, die die Frau Königin aufgeboten hat! Geh, mein Junge, bringe diesen Brief nach unserm Lager und gieb ihn dem Baas Joubert. Der wird am besten wissen, was er damit zu thun hat.«

Pieter Maritz wandte alsbald sein Pferd und ritt nordwärts davon. Er ließ Jager eine tiefe Schlucht hinabklettern, einen kleinen Fluß durchschreiten und dann die Höhen hinaufsteigen, wo am 28. Januar die Engländer ihre Angriffe auf die sie umringenden Buern gemacht hatten. Nach einem Ritt von einer halben Stunde erreichte er das Buernlager bei Langes Nek und suchte den Befehlshaber auf. Es war sehr lebhaft im Lager, denn bis auf die Wachen um die englische Stellung herum waren alle Buern wieder zu ihren Ochsenwagen zurückgekehrt. Pieter Maritz hörte, daß Joubert sich nach dem Lazarett begeben habe, und ritt dorthin, wo die Genfer Flagge wehte. Dort stand ein Wohnhaus, aus gebrannten Ziegeln aufgeführt und mit Wellblech gedeckt, dessen Fenster mit Segeltuch in Ermangelung der Glasscheiben versehen waren, und nebenan ein geräumiges Lagerhaus. Pieter Maritz stieg ab, gab Jager einem Kaffer zu halten und ging hinein. Er fand den General im Gespräch mit dem deutschen Missionar Herrn A. Merensky, von dem Pieter Maritz schon vernommen hatte, daß er in aufopfernder Weise dem Rufe der Buern gefolgt sei, um seine ärztliche und chirurgische Kunst als Chefarzt im Buernlager auszuüben, und daß er fast ohne alle Hilfe, nur von seinem treuen Diener, dem Kaffern Jan Maputle unterstützt, die schwierigsten Operationen an den Verwundeten glücklich vollbracht habe.

Joubert verließ mit Pieter Maritz zusammen das Lazarett und las den Brief des Generals Wood. Dann ging er zu seinem Quartier und ließ einige der bewährtesten Führer zusammenrufen.

»Liebe Freunde,« sagte er, nachdem er den Inhalt des Briefes mitgeteilt hatte, »meine Meinung ist, daß wir nicht leiden dürfen, daß General Wood heranmarschiert. Wir wollen eine starke Abteilung ausschicken, die südwärts und an Newcastle vorbei geht, damit sie die Engländer schon aufhalten kann, wenn sie von Ladysmith heraufkommen. Dort am Biggarsberge haben sie die beste Stellung, um den General Wood festzuhalten, wie wir an Langes Nek den General Colley. Aber außerdem wollen wir den Weg zwischen Newcastle und Hatleys Hotel mit einer starken Abteilung besetzen, damit General Colley weder rückwärts noch vorwärts kann.«

Die Führer nickten und stimmten dem General zu.

Der Morgen des folgenden Tages brach trübe und nebelig an. In der Nacht hatte es in den Drakensbergen geregnet, und wenn die Sonne durchblickte, ließen ihre heißen Strahlen aus den nassen Wiesen und Wäldern den Dampf aufsteigen. Doch kam die Sonne nur selten durch, Höhen und Thäler waren verschleiert, und der Blick konnte nur auf kurze Entfernungen die Gegenstände erkennen.

Eine lang gezogene Reiterschar zog über das Gebirge hin, das sich im Süden von Hatleys Hotel erhob. Es waren lauter große starke Männer, dreihundert an Zahl, auf kräftigen, an Strapazen aller Art gewöhnten Pferden, und obwohl ihnen der Glanz und die Ordnung regulärer Kavallerie abging, sahen sie sehr kriegerisch aus. Sie ritten zu zweien oder auch wohl zu dreien hintereinander, alle trugen die Büchse auf dem Rücken und den Patronengurt über der Brust. Sie vermieden die steilen Höhen und ritten an den Bergen hin, wo diese sich sanfter zu der Landstraße hinabneigten; doch blieben sie noch weit genug von dieser Straße selbst entfernt, um von dort aus nicht bemerkt werden zu können. Zweimal kamen sie an ein Wasser, welches im Thale floß und ihren Weg durchkreuzte, aber die vorausgesandten Leute erkundeten Furten, und die Reiter zogen durch das Wasser hindurch, das an einigen Stellen nur die Hufe der Pferde bis zu den Sprunggelenken bespülte, an andern Stellen bis an die Steigbügel ging. Sie ritten still und schweigsam dahin, nur langsam und bedächtig war die Unterredung, welche hier und da einzelne miteinander führten. Am Saume eines Waldes von schirmförmigen Mimosen machte der Zug Halt, die Reiter stiegen ab und lagerten sich, nachdem sie die Pferde der Obhut einzelner Wachen übergeben hatten, unter den Bäumen, um zu frühstücken. Sie zogen Maiskuchen und getrocknetes Fleisch aus ihren Taschen oder Brotbeuteln und tranken dazu aus ihren Feldflaschen.

In einer Gruppe dieser Männer saß Baas van der Goot mit den Verwandten und Freunden aus seiner Gemeinde, unter denen auch Pieter Maritz war, und der alte Mann besprach mit ihnen die militärische Lage. »Seht, ihr Leute,« sagte er, »wir sind hier gerade an einem guten Platze, und Joubert selbst könnte ihn nicht besser ausgesucht haben. Dort unten ist die Straße, und kein Engländer kann sie passieren, wenn wir es nicht leiden wollen. Hier sind wir gerade in der Mitte zwischen Newcastle und Hatleys Hotel, dort unten liegt Schains Hoogte, und ich wüßte nicht, wie jemand ohne unsere Erlaubnis von einem Punkte zum andern kommen wollte, es wäre denn, daß er Flügel hätte. Nur gefällt mir der Nebel nicht, wir können nicht genau sehen, was drüben vorfällt« -- er zeigte dabei auf die Berghänge auf der andern Thalseite --, »und es wäre gut, wenn eine kleine Abteilung von uns ausritte, um die Gegend im Auge zu behalten, die man von hier nicht erkennen kann.«

»Baas van der Goot,« sagte Pieter Maritz, »dort unten kommt ein Mann von den Unserigen herauf.«

Die Buern blickten in der Richtung, welche Pieter Maritz mit ausgestrecktem Arme bezeichnete, und sahen einen einzelnen Reiter, den sie erst jetzt bemerkten, in schnellem Rosseslaufe herankommen. Er näherte sich von jenseits des Thales und schien den lagernden Buerntrupp noch nicht entdeckt zu haben, denn er verfolgte einen Weg, der nordwärts führte.

Baas van der Goot ließ einen schrillen Pfiff ertönen und winkte dann, indem er sich vom Boden erhob. Der Reiter hielt, sah sich um und lenkte alsdann auf den Buerntrupp zu.

»Was giebt es?« rief ihm Baas van der Goot entgegen.

»Es sieht so aus, als ob der Engländer aufbräche,« meldete der Buer, nachdem er sein schnaubendes Pferd angehalten hatte, »und ich bin auf Jouberts Geheiß von drüben weggeritten, um euch zu suchen und euch das mitzuteilen. Es ist seit Anbruch des Tages Bewegung im englischen Lager, und ein Mann, der nahe hinangeschlichen ist, hat gesehen, daß die Wagen gepackt wurden. Baas Joubert meint, daß die Engländer rückwärts nach Newcastle ziehen wollten. Er denkt, sie wollten vielleicht dem General Wood entgegengehen und sich mit ihm vereinigen, vielleicht aber, so meinte er, wäre ihnen auch nur der Boden dort bei Hatleys Hotel zu heiß geworden. Nun läßt Joubert euch sagen, ihr möchtet aufpassen.«

»Es ist gut,« sagte Baas van der Goot mit grimmiger Miene. »Wir wollen General Colley nicht ungeschoren durchlassen. Paßt ihr nur auf, daß ihr kommt, wenn ihr hier schießen hört, damit wir ihn zugleich von allen Seiten fassen können. Und nun trinkt einmal, Neffe, ehe Ihr zurückreitet; Ihr müßt flink gewesen sein.«

Der Buer nahm die ihm gebotene Flasche, that einen langen Zug und wandte dann sein Pferd, um mit derselben Schnelligkeit, mit der er gekommen war, zurückzukehren.

»Nun hört, ihr Leute,« sagte Baas van der Goot, indem er sich zu seinen Gefährten wandte, »ich will einmal ausreiten und selber sehen, was der Engländer treibt. Zwanzig Mann sollen mit mir gehen, und die andern bleiben hier.« Darauf bezeichnete der alte Mann die Leute, welche mit ihm reiten sollten, und diese stiegen von neuem mit ihm zu Pferde. Auch Pieter Maritz war unter ihnen. Der kleine Trupp ritt in der ungefähren Richtung aus, in welcher er gekommen war, nur weiter nach rechts und näher der Straße, auf welcher die Engländer mit ihren Geschützen und Wagen kommen mußten, wenn sie wirklich die Absicht hatten, nach Newcastle zurückzumarschieren.

Inzwischen war der Tag weiter vorgerückt, und der Himmel klärte sich immer mehr auf. Während bis jetzt nur einige Lichtblicke und kurzer Sonnenschein den Nebel durchbrochen hatten, zog sich jetzt unter dem Hauch eines westlichen Windes der Dampf aus den Niederungen immer mehr von den runden Kuppen hinweg und zerflatterte; die fast überall unbewaldeten, doch mit Gras und Gestrüpp grün bekleideten Höhen zeichneten sich in deutlichen Linien ab, und nur in den engeren Thälern saß der graue Nebel noch fest. Die Buernreiter ritten weit zerstreut in langer Kette, nur um den Führer in der Mitte waren acht bis zehn Mann zusammengeblieben, die andern schweiften nach beiden Seiten hin, um möglichst weite Umsicht zu haben. So kamen die Buern wieder an den Wasserlauf, den sie heute schon durchritten hatten, doch diesmal weiter nach unten zu, wo beide Flüßchen sich schon zu einem Flusse, dem Ingogo, vereinigt hatten. Hier machte der Ingogo eine weite Biegung, und inmitten der Biegung war eine steinerne Brücke erbaut, über welche die Landstraße führte.

Die Buern vermieden die Brücke, ließen sie mehrere hundert Schritte weit rechts liegen und trieben ihre Pferde durch das Wasser, welches nur wenige Fuß tief war. Das Thal des Ingogo war hier zu einer ziemlich schmalen Schlucht verengert, und hier umhüllte der Nebel noch dicht und schwer die Hänge und einzelnen Steine und Felsblöcke der zerklüfteten Einsenkung.

Pieter Maritz war am weitesten von allen auf dem rechten Flügel, und er hatte soeben das Wasser und die Schlucht passiert, als es ihm so vorkam, als höre er Pferdegetrappel auf der Landstraße. Er trieb Jager vorwärts, näher an die Straße hin, welche hier gleichfalls noch in Nebel gehüllt war, als er plötzlich das Blitzen von Waffen und den Schein roter Röcke dicht vor sich gewahrte. In diesem Augenblicke strich auch ein Windstoß aus der Ingogoschlucht hervor, zerriß den Nebel, und nun sah er eine Abteilung von wohl vierzig Dragonern vor sich, die teilweise auf der Straße, teilweise aber daneben ritten, so daß sie in der nächsten Minute gerade auf die Buern stoßen mußten, die in der entgegengesetzten Richtung ankamen. Pieter Maritz zog unwillkürlich die Zügel an und stieß einen lauten Warnungsruf aus, den seine Landsleute hören mußten, zugleich aber vernahm er einen mit zorniger Stimme gegebenen Befehl auf seiten der Dragoner.

»Drauf auf die verdammten Buern! Zum Angriff!« rief diese Stimme, und Pieter Maritz sah den Lord Adolphus Fitzherbert mit hoch geschwungenem Pallasch heranstürmen. Der Lord ritt den großen, dem Buernsohne wohlbekannten Rappen.

Das Zusammentreffen der beiden feindlichen Reiterabteilungen war so plötzlich und unerwartet gekommen, daß schon in derselben Minute, wo sie einander sahen, eine Scene des wildesten Tumultes entstand. Bei den Buern ging die erste instinktive Bewegung dahin, ihre Pferde anzuhalten, abzuspringen und zu schießen. Aber die Dragoner waren schon so nahe und kamen so heftig heran, daß niemand von den Buern dazu kam, diese ihnen natürliche und gewohnte Kampfweise in Anwendung zu bringen. Zwei Buern feuerten vom Sattel aus, und zwei von den Dragonern stürzten vom Pferde, aber dies waren die einzigen Schüsse, welche abgefeuert wurden, die roten Uniformen und die dunklen Blusen waren alsbald in einem wirren Knäuel durcheinander gemischt. Angesichts der Überzahl der Feinde und ganz unbekannt mit dem Reiterkampf, auch ohne blanke Waffe, mit der sie den Pallaschhieben der Dragoner hätten begegnen können, drehten die meisten Buern schnell ihre Pferde und jagten zu der Schlucht und dem Flusse zurück, um ihr Heil in der Flucht zu suchen, nur wenige suchten ihre Büchsen zu gebrauchen, indem sie die Hiebe mit dem Lauf parierten oder mit dem Kolben schlugen. Mehrere Buern erhielten in diesem Getümmel schwere Wunden und mußten den Sattel räumen, und in wirrem Getümmel trieb die ganze Masse der Reiter zum Ingogo hinunter und in das Wasser. Bei diesem Hinabklettern an dem Hange der Schlucht und dem Übersetzen des Flusses nun kamen die Pferde der Buern, welche an dergleichen Dinge gewöhnt waren, in Vorteil. Die meisten Buern waren schon jenseits wieder hinauf und galoppierten zurück, während die Pferde der Dragoner noch in der Schlucht herumkletterten. Mehrere Dragoner nahmen nun, da sie den schnellen Feind nicht anders erreichen zu können glaubten, ihre Karabiner zur Hand und schossen hinter den Flüchtigen her.

Pieter Maritz hatte gleich seinen Landsleuten, so sauer es ihm auch ankam, sein Pferd zur Flucht gewandt, da er sich sonst einer erdrückenden Überzahl gegenüber befunden haben würde. Doch hatte er sein Schwert gezogen, das ihm heute gut zu statten kam, und parierte die Hiebe eines Dragoners, der sich an ihn herandrängte. Er kam glücklich zum Flusse hinunter und ließ Jager soeben den jenseitigen Hang hinansteigen, als er beim Umblicken eine Scene sah, die ihn veranlaßte, zu halten. Mitten im Flusse war ein Trupp von etwa sechs Buern im Handgemenge mit ungefähr ebenso vielen Dragonern, und in der Mitte der Kämpfenden erblickte der Buernsohn den Baas van der Goot. Der alte Mann war nur widerwillig gewichen, und er hatte die Büchse in der rechten Hand, um sich ihrer als Keule zu bedienen. Er schlug mit dem schweren Kolben wütend um sich und hielt sich wacker zwei Dragoner vom Leibe. Da kam ein neuer Feind auf ihn los und griff ihn an. Pieter Maritz erkannte in diesem den alten Wachtmeister, den er zuerst in Botschabelo und später oft im Zulukriege gesehen hatte. Schon damals in Botschabelo war ihm dieser durch seine kriegerische Erscheinung aufgefallen, die ihn vor den jüngeren und schwächeren Soldaten der Königin auszeichnete, und als er jetzt sein großes braunes Pferd gegen den Buernführer antrieb, sah Pieter Maritz mit Besorgnis dem Ausgang des Kampfes entgegen. Der Wachtmeister war breitschulterig und groß gleich dem Buern, sein von der afrikanischen Sonne gebräuntes kriegerisches Gesicht trug den Ausdruck grimmigen Zornes, und es war ihm anzusehen, wie sehr die Niederlage der britischen Truppen gegenüber den verachteten Buern ihn erbittert und seine Kampflust geschärft hatte. Doch traf er auf keinen verächtlichen Feind, denn der Baas van der Goot hatte noch zähe Kraft in seinen mächtigen Gliedern, obwohl ihm der Bart schneeweiß auf die Brust herabhing. Der Engländer führte einen Hieb mit seinem Pallasch, der dem Baas den Kopf spalten sollte, aber dieser hob schnell die Büchse, und die scharfe Waffe glitt an dem Lauf ab. Doch der Buer mochte fühlen, daß er mit seiner Waffe im Nachteil sei. Er warf die Büchse hin, so daß sie klatschend in das Wasser fiel, und packte den Wachtmeister, der ihm in unmittelbarer Nähe gegenüber war, mit der rechten Hand an dem Bandelier, um ihn vom Pferde zu reißen. Von dieser starken Hand erfaßt, vermochte der Wachtmeister, der im Sattel schwankte, keinen zweiten sicheren Hieb zu thun. Er ließ den Pallasch am Handgelenk baumeln und griff mit beiden Händen nach des Buern Halse. Aber Baas van der Goot schwang sich behende aus dem Sattel und sprang in das Wasser hinab, das ihm bis an die Kniee spülte. Der Wachtmeister, den er fest gepackt hielt, mußte mit hinab, und nun hielten sich beide Männer, im Wasser stehend, in wütendem Ringen mit den Armen umschlungen. Einen Augenblick schien es, als ob der jüngere Mann den älteren werfen würde. Unter dem Griffe des Engländers an seinem Halse bog der Baas sich rückwärts, und schon fürchtete Pieter Maritz, ihn fallen zu sehen. Aber der Buernführer bog sich nur, um von diesem Griffe frei zu werden, und indem er nun den Wachtmeister mit der Linken vor die Brust faßte, stieß er ihn zurück. Noch einmal umschlangen sie sich mit den Armen, preßten Brust an Brust und standen wie festgewurzelt mit den Füßen auf dem kiesigen Bett des Flusses, während ihre Oberkörper schwankten. Kein Laut kam von ihren Lippen, aber ihre funkelnden Augen sprachen beredt von ihrer Kampfeswut. Dem Baas war der Hut vom Kopfe gefallen, und sein weißes Haupt glänzte. Der Nebel hatte sich jetzt völlig verzogen, die Sonne strahlte herab und ließ jede Einzelheit des erbitterten Kampfes deutlich wahrnehmen. Die Pferde beider Kämpfer waren an der Stelle stehen geblieben, wo ihre Reiter sie verlassen hatten, und standen dicht neben ihnen. Für eine Minute schien der allgemeine Streit sich in einen Zweikampf zwischen diesen beiden erprobten Kriegern verwandelt zu haben, welche beide als Vorbilder der männlichen Tüchtigkeit ihres Volkes gelten konnten. Keiner wagte sich in ihren Streit einzumischen, sondern während der kurzen Dauer dieses Ringens sahen die in der Nähe befindlichen Dragoner und Buern voll atemloser Spannung zu. Doch bald kam die Entscheidung. Die zähe Ausdauer des alten Buern trug den Sieg über die weniger abgehärteten Muskeln und Sehnen des Engländers davon. Mit einem gewaltigen Ruck machte der Baas seine linke Hand frei, während er mit der rechten noch den Gegner hielt, zog das Weidmesser an seiner linken Hüfte aus der Scheide und stieß die breite, scharfe Klinge dem Engländer in den Leib. Mit einem wilden Schrei ließ der Wachtmeister los, breitete die Arme aus und stürzte vorwärts nieder in das Wasser, wo sein Körper alsbald verschwand, während ein roter Fleck über demselben auf der Oberfläche des Flusses erschien. Schon setzte Baas van der Goot nun den Fuß in den Steigbügel, um davonzureiten, als auch ihn das Schicksal ereilte.

Lord Adolphus Fitzherbert hatte in der Nähe zugesehen, indem er auf dem linken Ufer sein Pferd anhielt, wie Pieter Maritz auf dem rechten, und er hatte für die kurze Zeit, welche der Einzelkampf gedauert hatte, die Verfolgung der flüchtigen Buern aufgegeben. Jetzt, als der Wachtmeister gestürzt war, ritt er eilig heran, auf Baas van der Goot zu, um den Tod seines Untergebenen zu rächen. In demselben Augenblick kam auch Pieter Maritz in das Wasser hinab und trieb Jager dem Lord entgegen. Aber schon hatte der junge Offizier die Stelle erreicht, wo der alte Buer aufsteigen wollte, und während dieser sich aufschwang, traf ihn der Pallasch des Engländers mit vollem Schwunge von oben herabsausend auf den entblößten Kopf. Das hervorquellende Blut färbte sein weißes Haupthaar, rückwärts sank der mächtige Oberkörper, der Steigbügel entglitt dem Fuß, und ohne einen Laut hervorzubringen, stürzte der Baas rücklings in den Fluß, dessen Wellen ihn gleich seinem von ihm eben besiegten Gegner bedeckten.

Da erschien Pieter Maritz, den Degen in der Faust, vor dem englischen Offizier. »Hierher, Adolphus!« rief er, »ich will die Klinge, die du mir einst gegeben hast, an dir selbst erproben!«

Der Lord warf den Rappen zur Seite und hielt sein Schwert zum Kampfe bereit. »So sei es denn, Pieter Maritz,« entgegnete er.

»Doch zuvor noch meinen Dank, Adolphus,« sagte der Buernsohn, »daß du mir mein Pferd und meine Waffen bewahrt hast, als ich dein Gefangener wurde.«

»Es war Freundespflicht,« erwiderte der Engländer, »und ich wollte, daß die Dienste, die wir einander leisten könnten, immer gute blieben. Aber leider kann es ja nicht sein. Nun ist die Zeit gekommen, Pieter Maritz, von der wir früher einmal sprachen, wo ihr trotzigen Buern eure Stärke an der unserigen meßt, und wir wollen beide unsere Schuldigkeit thun.«

Pieter Maritz traten die Thränen in die Augen, als er den Lord so sprechen hörte. »Kämpfen müssen wir, Adolphus,« sagte er, »aber im Herzen bleiben wir doch Freunde. Nimm dich aber nun in acht: es ist ein sehr guter Degen, den du mir geschenkt hast.«

Sie ritten beide nach diesen Worten gegeneinander an, und das Wasser spritzte bis zu den Sätteln hinauf. Beide hatten sich oft miteinander im Fechten geübt, in der Gefangenschaft bei den Kaffern und auch später in den Stunden der Muße während des Krieges gegen Tschetschwajo, und Pieter Maritz hatte von dem Engländer die Kunst der Degenführung erlernt. In gewohnter Weise, wie ehedem die Stöcke und Rappiere, kreuzten sich jetzt ihre scharf geschliffenen Klingen.

»Für Ihre Majestät die Königin!« rief Lord Fitzherbert und führte den ersten Streich.

»Für die Südafrikanische Republik!« rief Pieter Maritz, indem er parierte und nachhieb.