Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal

Part 48

Chapter 483,692 wordsPublic domain

So stand das Gefecht wohl eine Viertelstunde lang. Von den Engländern war während dieser Zeit auf dem Platze, wo Pieter Maritz lag, nur wenig zu sehen, nur die Schützen, welche sich mit den ganz versteckt liegenden Buern herumschossen, zeigten sich. Doch glaubte Pieter Maritz trotz der weiten Entfernung wahrzunehmen, daß das Feuer auf englischer Seite erlahme, indem der Schützen immer weniger würden. Da kam plötzlich lebhafte Bewegung in die Scene. General Colley mußte seine Hauptmacht herangezogen und gewaltsames Vordringen befohlen haben. Auf der Straße im Passe erschienen jetzt im vollen Laufe gegen hundert Infanteristen. Sie liefen vor und zerstreuten sich dann zu beiden Seiten des Weges, indem sie sich bemühten, im Grase, hinter Bäumen, Sträuchern und Steinen Schutz zu finden. Ihnen folgte ein höherer Offizier zu Pferde, den mehrere andere berittene Offiziere begleiteten, und hinter diesen kamen in schnellster Gangart die vier leichten Berggeschütze, ein jedes von sechs Maultieren gezogen. Der kommandierende Offizier, den Pieter Maritz an der Uniform und den Bewegungen als den Oberst Deane erkannte, wies der Artillerie die Plätze für ihre Kanonen an, und alsbald fuhren diese seitwärts der Straße auf. Die Geschütze wurden von den Protzen gehoben und auf den vorliegenden Berghang gerichtet, während die Protzen von den Maultieren zurückgezogen wurden. Die Infanterie richtete währenddessen ein heftiges Feuer auf die Stellen, wo der Feind vermutet wurde, und mehrere Kugeln pfiffen über die Terrasse hin, wo Pieter Maritz lag.

Aber es ward ein schlimmes Spiel für die Engländer. Die Buern sahen sich eine kurze Zeitlang an, was der Feind dort unten trieb, und sie schienen das Auffahren der Artillerie mit einer gewissen Neugierde, als eine ungewohnte neue Erscheinung zu verfolgen. Dann aber fingen sie ihr ruhiges, überlegtes Feuern an. Der alte Baas van der Goot rückte den Hut über dem linken Ohre zurecht, so daß ihm die höher steigende Sonne nicht aufs Visier scheinen könnte, und dann zielte er bedächtig auf den befehlführenden Offizier. Als er abdrückte, entsanken dem Oberst Deane die Zügel, und er beugte sich rückwärts bis auf die Kruppe seines Pferdes nieder. Eilig kamen zwei Offiziere herbei, um ihn zu stützen, aber indem sie noch beim Absteigen waren, fielen sie getroffen nieder, und der Oberst selbst stürzte nun schwer wie ein Sack auf die Straße hin. Schuß auf Schuß kam vom Berge her, und eine schreckliche Verwirrung bemächtigte sich der Engländer, denn nach wenigen Minuten stand kein Offizier dort unten mehr auf seinen Füßen oder saß im Sattel. Die reiterlosen Pferde liefen wie toll umher und rannten zwischen die Schützen und die Bedienung der Geschütze.

Trotzdem hielten die Engländer stand. Die wackeren Artilleristen führten ihre Bewegungen auch ohne Kommando aus, und sie zielten gut, denn jetzt, als der erste Kanonenschuß mit mächtigem Dröhnen das Echo der Drakensberge weckte, sauste es mit hohlem Tone dicht über Pieter Maritz' Kopf, und ein schweres Geschoß schlug hinter ihm in die Bergwand ein. Dann folgte noch ein Kanonenschuß und dann noch einer. Aber weiter kam die Artillerie nicht. Pieter Maritz nahm den Mann aufs Korn, der das vierte Geschütz abfeuern wollte, und indem derselbe eben an der Schnur des Zünders ziehen wollte, traf ihn die Büchsenkugel, und er stürzte neben dem Rade der Kanone nieder. Und nun kam kein Engländer mehr zum Laden und Abfeuern der Kanonen. Die Buern schossen ruhig wie auf der Jagd. Wo sich ein Mann mit einem Geschoß aus der Protze näherte oder sonst sich mit einem der Geschütze zu thun machen wollte, da holte ihn eine Kugel weg. Vergeblich schossen die Infanteristen, welche der Artillerie zur Bedeckung dienten. Sie sahen keinen Feind, sondern hatten nur ein unbestimmtes Ziel an den Stellen, wo die Schüsse blitzten und der Pulverdampf sich erhob. Wohl streiften Gewehrkugeln die Steine, hinter denen die Buern lagen, und manches bleierne Geschoß schlug sich an den Felsen ringsum platt, aber von den Buern wurde keiner getroffen. Nicht einmal ein Pferd wurde getroffen, denn Baas van der Goot hatte, nachdem die ersten Angreifer zurückgetrieben worden waren, in Voraussicht eines ernsten Kampfes die Pferde an einen sicheren Platz mehrere hundert Schritte rückwärts führen lassen.

Während aber die englische Infanterie immer heftiger und unruhiger wurde, ohne Offiziere war und in Furcht und Bestürzung vor dem furchtbaren Feinde ins Blaue schoß, holte Kugel nach Kugel der Buern, sorgfältig gezielt, einen Mann nach dem andern aus ihren Reihen heraus. Dieser ungleiche Kampf dauerte nicht lange. Die noch überlebenden Artilleristen holten die Protzen herbei, befestigten die Geschütze und peitschten auf die Maultiere. In wilder Flucht eilten sie zurück, und bald war die Artillerie hinter der Biegung des Weges verschwunden. Ihnen folgte in wirrem Haufen die Infanterie. So tapfer und so zäh auch die englischen Truppen waren, dieses langsame Feuer des Feindes, wobei fast kein Schuß fehlzugehen schien, erfüllte sie mit Entsetzen. Sie konnten es nicht länger ertragen, Zielpunkte für unsichtbare Schützen zu sein, die auf so weite Entfernungen so sicher trafen. Kaum zwanzig Minuten, nachdem sie erschienen waren, verschwanden Artillerie und Infanterie wieder, zahlreiche Leiber von Toten und Verwundeten bedeckten die Kampfstätte, und alles ward wieder ruhig, bis auf einzelne Schüsse seitwärts des Passes.

Baas van der Goot erhob sich aus seiner Lage hinter dem Felsblock und reckte die steif gewordenen Glieder, auch Pieter Maritz stand auf, ebenso sein Oheim Klaas, und eine Gruppe von Buern, die zerstreut gelegen hatten, kam zusammen. Die Männer blickten hinab auf die Stätte, wo die Engländer gekämpft hatten.

»Ich sehe da unten noch mehrere Leute, die sich bewegen,« sagte Baas van der Goot, indem er sich auf die Büchse lehnte und das weiße Haupt mit dem Ausdruck der Mißbilligung schüttelte. »Die jungen Leute sind immer zu hastig und nehmen sich keine Zeit, ordentlich zu zielen. Siehst du, Pieter Maritz, du mußt von unten auf der Knopfreihe, die du doch deutlich sehen kannst, hinaufziehen, und wenn du am obersten Knopf angekommen bist, dann läßt du mit gestrichenem Korn los. Dann triffst du in dieser Entfernung allemal in den Kopf. Liegen die Leute aber und kannst du die Köpfe nicht sehen, so zielst du auf den Helm. Wir dürfen nicht vergessen, daß es Christen sind, und es ist Sünde, die Leute lange zappeln zu lassen.«

Pieter Maritz wußte, daß der Vorwurf des alten Mannes nicht gerechtfertigt war, aber er antwortete nichts, sondern bezeugte dem Baas den schuldigen Respekt. Der alte Mann liebte es, die Jugend zu tadeln, und im Schießen konnte niemand ihm Genüge thun. Er war rechthaberisch und tadelsüchtig im Alter geworden, aber Pieter Maritz ehrte das Alter und schwieg.

»Ach, was ist das doch für eine schlimme Sache, daß so viel Blut fließen muß!« sagte ein anderer alter Buer. »Wenn doch nur die Engländer umkehren wollten, damit wir Frieden hätten! Gewiß weiß die Frau Königin gar nicht, was ihre Soldaten hier beginnen. Denn ich habe immer gehört, daß sie eine fromme und gute Frau ist, und sie wird nicht wollen, daß friedliche Christen mit Ungerechtigkeit bedrückt werden.«

»Seht da,« sagte Baas van der Goot, »sie fangen von neuem wieder an.«

In der That nahm das Gefecht, das beinahe aufgehört zu haben schien, jetzt wieder einen lebhafteren Fortgang. Doch erschienen keine neuen Angreifer in der Front, sondern jetzt entspann sich in weiter Entfernung, wo die Hauptmasse des kleinen englischen Heeres stehen mußte, ein Kampf nach den Flanken hin. General Colley schien sich, wie es Pieter Maritz vorkam, von den Buernscharen, die zu beiden Seiten des Passes lagen, bedrückt zu fühlen und wollte sich vermutlich in dieser Umklammerung Luft verschaffen.

Starkes Schießen war zu vernehmen, und unzählige kleine Rauchwölkchen stiegen aus dem dunklen Hintergrunde auf, der das Thal in südlicher Richtung abschloß. Die Höhen unmittelbar an der Landstraße wurden lebhaft; dort, wo die Tirailleurs schon seit längerer Zeit sich mit den Buern auf den entfernteren Höhen herumgeschossen hatten, tauchten nun zahlreichere bewegte Punkte auf, und es klang, indem auch von Buernseite häufiger geschossen wurde, wie ein scharfes Gefecht. Genau war von der Terrasse aus, wo Pieter Maritz stand, der Verlauf des Kampfes nicht zu übersehen, doch wurde aus den Linien des Pulverrauchs deutlich, daß das Gefecht nach kurzem Anlauf von seiten der Engländer wieder zum Stehen kam. Es war den englischen Schützen nicht möglich, Terrain zu gewinnen, sondern sie blieben auf die Umgebung der Straße beschränkt. Die Buern aber kamen ihren Feinden auch nicht näher. Die Plätze an den umgebenden Berghängen, von denen der blaugraue Rauch aufstieg, blieben dieselben. Die Buern bewahrten ihre sicheren Stellungen und kamen nicht herab. Sie wollten offenbar nur den Angriff der Engländer zurückweisen, aber nicht sich selbst den feindlichen Schüssen aussetzen, indem sie herabstiegen.

So dauerte das Schießen mehrere Stunden lang, ohne daß das Bild sich veränderte; dann aber ließ das Feuern auf englischer Seite nach, und Pieter Maritz sah einen weißen Fleck in der Nähe der Landstraße erscheinen.

»Was mag das sein, mein Junge?« fragte Baas van der Goot. »Siehst du dort das Weiße?«

»Es scheint mir eine weiße Fahne zu sein,« antwortete Pieter Maritz. »Vielleicht wollen die Engländer sich ergeben oder Unterhandlungen anknüpfen. Sie haben die Gewohnheit, einen Offizier mit einer weißen Fahne und von einem Trompeter begleitet, abzuschicken, wenn sie zu unterhandeln wünschen.«

Das Schießen von Buernseite erstarb allmählich, als die Fahne sich gezeigt hatte, und nun näherte sich diese auf der Landstraße. Ein Dragoneroffizier erschien, der an der Spitze seines hoch geschwungenen Säbels ein weißes Tuch schwenkte, und dann ertönte der durchdringende Schall der Trompete, welche ein Reiter hinter dem Offizier blies. Pieter Maritz erkannte in dem Offizier den Lord Adolphus Fitzherbert.

Das Schießen hatte nun vollständig aufgehört, und die Buern schwangen sich zu Pferde. Baas van der Goot ritt voran, und ihm folgten seine Gefährten. Sie ritten vom Berge hinab in das Thal und auf den Kampfplatz zu. Hier lagen zunächst die Infanteristen, Soldaten vom 58. Regiment, welche der Artillerie vorangeeilt waren, weiterhin die Artilleristen und die Offiziere, welche zuerst gefallen waren. Die meisten waren tot, aber mehrere lebten noch und sahen den Buern mit wütenden und angsterfüllten Gesichtern entgegen. Aber die Buern stiegen ab und näherten sich den Verwundeten mit ihren Feldflaschen.

»Komm, mein armer Neffe,« sagte Baas van der Goot, indem er einem jungen Soldaten den Kopf vorsichtig aufhob und stützte, während er ihm die Flasche an den Mund setzte. »Komm, trink einmal, und dann wollen wir nach deiner Wunde sehen.«

Die Buern verteilten sich über das Feld, und wo sie einen Mann noch lebend fanden, da flößten sie ihm Erfrischungen ein und sorgten für seine Wunden. Sie verstanden sich als erfahrene Jäger auf Wunden und wußten mit dem Verbande umzugehen, da sie, ohne Ärzte zerstreut auf dem Lande lebend, gelernt hatten, sich selbst in Notfällen zu helfen.

Währenddessen sah Pieter Maritz einen Trupp Buernreiter herankommen, an dessen Spitze General Joubert ritt, und er sowohl wie Baas van der Goot und mehrere andere Männer der Gemeinde schlossen sich dem Gefolge des Generals an. So näherten sie sich dem Lord Adolphus Fitzherbert, der auf seinem Rappen unbeweglich an der Stelle halten geblieben war.

»Wünscht General Colley zu unterhandeln?« fragte Joubert den Parlamentär in englischer Sprache.

Lord Adolphus legte die Hand an den Helm. »Habe ich die Ehre, den Befehlshaber der Buern vor mir zu sehen?« fragte er seinerseits.

»Jawohl, ich kommandiere die Truppen, die hier stehen,« antwortete Joubert.

»Der General wünscht mit Ihnen über einen kurzen Waffenstillstand zu unterhandeln, um die Toten begraben und die Verwundeten pflegen zu können,« sagte Lord Adolphus.

»Ich bin gern bereit, zu unterhandeln. General Colley mag kommen, um mit mir zu sprechen.«

Lord Adolphus Fitzherbert, durch diese Forderung in seinem Stolze als britischer Offizier Insurgenten gegenüber verletzt, biß sich auf die Lippe.

»Der General läßt Sie bitten, zu ihm kommen zu wollen,« sagte er.

»Nun,« rief Joubert in behaglichem Tone und indem er sich den Bart strich, »ich sollte meinen, da General Colley von mir etwas will, so könnte er auch zu mir kommen. Aber darum wollen wir nicht streiten. Ich will diese Straße entlang im Schritte weiterreiten, und General Colley kann mir auf der Hälfte des Weges entgegenkommen.«

Lord Adolphus Fitzherbert grüßte und eilte im Galopp zurück. Die Buern folgten ihm langsam. Pieter Maritz war seinem früheren Freunde und Kameraden eine Sekunde lang mit den Augen begegnet und hatte ein finsteres Glühen im Blick des vornehmen Engländers gesehen. Kein Zeichen des Erkennens war zwischen beiden ausgetauscht worden.

Gemächlich ritt der Buerntrupp auf der Straße hin und näherte sich den britischen Truppen, deren rote Uniformen bereits zu erkennen waren. Pieter Maritz sah zu beiden Seiten an den Höhen, welche die Straßen einschlossen, Tote und Verwundete im Grase liegen. Über den Kampfplatz hinweg schweifte sein Blick nach den entfernten Bergeshängen, und er sah dort die Gestalten der Buern erscheinen, die aus ihren sicheren Verstecken geschossen hatten. Sie kamen nun hervor und betrachteten von weitem, die Büchse im Arm, den weiteren Verlauf der Ereignisse.

General Joubert näherte sich der englischen Front bis auf etwa fünfhundert Schritte und hielt dann sein Pferd an.

»So, liebe Freunde,« sagte er, sich im Sattel umwendend, »ich denke, daß wir nun etwa auf der Hälfte des Weges sein werden, und da wollen wir warten, daß der Mann, der die weiße Fahne geschickt hat, uns entgegenkommt. Ich glaube zwar nicht, daß die Engländer so schlecht sein könnten, uns einen hinterlistigen Streich zu spielen und uns hier anzugreifen, aber ein vorsichtiger Mann giebt dem Feinde auch keine Gelegenheit, sich zu vergessen, und hier handelt es sich nicht allein um die Sicherheit, sondern auch um die Ehre.«

Die Buern hielten an, und unbeweglich stand der Trupp der riesigen Männer auf der Straße und erwartete das Herankommen des britischen Gouverneurs und Oberbefehlshabers.

Endlich löste sich drüben von der Masse der roten Uniformen ein kleiner Trupp ab und näherte sich. Pieter Maritz unterschied an der Spitze der Reiter den General Sir George Pomeroy Colley, den er zuerst als Stabschef des Generals Wolseley im Lager bei Ulundi gesehen hatte. Hinter dem Kommandierenden ritten drei Offiziere, und eine Dragonereskorte unter Lord Adolphus Fitzherbert folgte.

»Ich habe im Interesse der Menschlichkeit einen kurzen Waffenstillstand verlangt,« sagte der General. »Wir haben viele Verwundete, und die Herren Buern werden wohl noch mehr Verwundete haben. Sobald die Ärzte sich der armen Leute werden angenommen haben, mag der Waffenstillstand aufhören.«

»Wir sind gern bereit zu dem Waffenstillstand,« antwortete General Joubert, »obwohl ich nicht glaube, daß wir viele Verwundete haben.«

Dann wandte er sich zu seinen Begleitern. »Liebe Freunde,« sagte er, »einige von euch könnten hinaufreiten und unsern Leuten Bescheid bringen, daß Waffenstillstand ist. Sie könnten sich auch zugleich erkundigen, ob wir Verwundete haben, und könnten sie nach dem Lager zurücktragen.«

Vier von den Buern sprengten alsbald davon und jagten querfeldein den Bergen zu, General Colley aber sagte mit bitterem Lachen: »Es mag eine geschickte Art sein, Ihre Verluste zu verbergen, Herr Joubert, aber Sie werden mir nicht einreden wollen, daß Ihre Leute, obwohl gut im Hinterhalt versteckt, ohne zahlreiche Tote und Verwundete wären. Und ich möchte diese Gelegenheit des persönlichen Zusammentreffens mit Ihnen, Herr Joubert, dazu benutzen, um noch einmal zu wiederholen, was ich schon vor fünf Tagen in meinem an Sie gerichteten Ultimatum aussprach: Legen Sie die Waffen nieder, schicken Sie die verblendeten Leute, welche nicht wissen, was sie thun, sofort nach Hause! Obwohl Blut vergossen ist, will ich meinen ganzen Einfluß bei Ihrer Majestät der Königin aufwenden, um Verzeihung des Aufstandes zu erwirken, wenn alle Insurgenten auf der Stelle auseinander gehen.«

General Joubert faßte in seine Brusttasche und zog ein Schriftstück hervor.

»Herr Gouverneur,« sagte er, »ich habe Ihr Ultimatum vom 23. dieses Monats richtig empfangen und habe es der Regierung in Pretoria zugeschickt. Heute morgen habe ich die Antwort darauf empfangen, und hiermit übergebe ich sie in Ihre eigenen Hände.«

General Colley ergriff das Papier, öffnete es und las. Seine Miene verfinsterte sich.

»Die sogenannte Regierung der Südafrikanischen Republik entgegnet mir hier,« sagte er, »daß sie völlig bereit sei, den Wünschen der Regierung entgegenzukommen, vorausgesetzt, daß die Annexion von Transvaal rückgängig gemacht werde. -- Was wollt ihr Buern?« rief er dann heftig. »So besteht ihr also auf euerm eisernen Kopfe und rennt in euer Verderben? Hier wird geschrieben, ihr wünschtet ein Bündnis mit England und wolltet das englische Protektorat anerkennen. Ihr wolltet zum Zeichen dieses Protektorats einmal im Jahre die britische Flagge aufziehen und dann wieder niederlassen. Wie könnt ihr denken, daß wir ein Bündnis mit euch eingehen können -- ein großes Reich mit einer Handvoll Bauern? Es giebt nur eine Bedingung für euch Buern: Legt die Waffen nieder und zerstreut euch, ein jeder in seine Farm, sonst kann euch keine Verzeihung werden.«

»Wir wollen keine Verzeihung,« sagte Joubert ernst und fest, »und solange ihr uns Insurgenten nennt, werden wir jede Vermittelung zurückweisen. Wir haben eine gerechte Sache, und im Vertrauen darauf wollen wir nicht weichen. Sie haben heute schon gesehen, Herr Gouverneur, daß wir Buern unser Leben einzusetzen wissen, bedenken Sie die Folgen, wenn Sie fortfahren, uns ungerecht zu begegnen.«

»Hartnäckiger Mann!« rief General Colley, »bedenken Sie und die andern Leute an der Spitze des Aufstandes denn nicht, daß dieser Kampf ein vergeblicher ist? Bedenken Sie nicht das Blut und den wirtschaftlichen Ruin der unschuldigen braven Familienväter, die von ihrem Herde weggelockt werden, um einen aussichtslosen Krieg zu führen? Können Sie sich einbilden, imstande zu sein, uns Widerstand zu leisten? Binnen sechs Wochen kann ein englisches Heer hier sein, das mehr Mannschaften zählt, als euer ganzes Land an männlicher Bevölkerung hat.«

»Nun denn,« sagte Joubert mit starker Stimme, »dies Heer möge kommen! Wir unterwerfen uns dem Geschick und der allmächtigen Hand des gerechten Gottes, der das Schicksal der Völker lenkt.«

»Amen!« riefen die Buern um ihn her.

In diesem Augenblick zog eine eigentümliche Erscheinung die Blicke des englischen Generals und aller Krieger in dessen Nähe auf sich. Ein Zug von Buern, die zu Fuße gingen, kam seitwärts von der Höhe herab, und diese Männer trugen englische Verwundete. Einige hatten zu zweien angefaßt, so daß der eine die Schultern und den Kopf, der andere die Beine in den Armen hielt, und sie gingen behutsam über die Steine und das Gestrüpp weg der Straße zu. Aber andere trugen je einer ihren Mann. Diese hohen starken Gestalten hatten die Büchse und den schweren Patronengurt über den Schultern hängen, und dazu hatten sie, wie Wärterinnen Kinder tragen, Soldaten vor sich in den Armen. Der englische Befehlshaber konnte sich der Rührung nicht erwehren und murmelte Worte des Dankes und der Anerkennung, während er zugleich in Beschämung und Grimm vor sich nieder sah. Immer mehr füllte sich die Straße. Während von der Seite der englischen Truppen her Ärzte an der Spitze von Kommandos kamen, welche die Verwundeten aufsuchen sollten, begegneten ihnen die Buern. Sie stiegen von allen Seiten von den Bergen herunter und rafften, indem sie über die Kampfstätte hinstreiften, diejenigen Soldaten auf, in denen sie noch Leben fanden. Sie erquickten sie, leisteten ihnen Beistand und trugen sie zu den Ärzten und zu den Krankenwagen. General Colley sah der Scene stumm und in augenscheinlicher Verwirrung zu. Pieter Maritz bemerkte, daß er mit Verwunderung die Buern ansah, die ihn umgaben, und daß nicht allein der Beweis des guten, frommen, christlichen Sinnes dieser Leute ihn lebhaft berührte, sondern daß auch der Unterschied zwischen der Erscheinung der Buern und der seiner eigenen Soldaten ihm auffällig war. Der General sah staunend die Gestalten an, neben denen die rotröckigen Soldaten nur halbwüchsige Knaben zu sein schienen.

Die Boten, welche Joubert ausgesandt hatte, um den Waffenstillstand zu verkündigen, waren zurückgekehrt. Sie hatten sich der Weisung ihres Befehlshabers gemäß erkundigt, ob viele Tote und Verwundete auf seiten der Buern wären, und sie brachten die Meldung, daß zwölf Tote und zwanzig Verwundete gezählt worden seien. Die letzteren seien bereits auf dem Wege nach dem Buernlager.

Als General Colley diese Zahl vernahm, ward seine Miene noch düsterer, als sie schon gewesen war. Auch er hatte seine Verluste zählen lassen. Außer dem Oberst Deane waren an Offizieren gefallen: Major Ruscombe Poole von der Artillerie, der Leutnant Elwes, Adjutant des Generals Colley, dann Major Hingeston und die Leutnants Dolphin und Baillie vom 58. Regiment. Mehrere andere Offiziere waren verwundet, und von Unteroffizieren und Leuten waren 169 tot und verwundet.

Bis zum Abend dauerte das traurige Geschäft der Beerdigung der Toten und die Fortschaffung der Verwundeten; denn die Leute lagen weit verstreut, und es erforderte viel Zeit, den Verband anzulegen, da ärztliche Hilfe und chirurgische Werkzeuge und Mittel nur in beschränktem Maße vorhanden waren. Die Buern zogen sich, nachdem sie den ersten Beistand geleistet hatten, in ihre Stellungen zurück und erwarteten die ferneren Schritte des englischen Heeres. Aber General Colley hatte heute genug vom Feinde gesehen, um keinen neuen Angriff zu wagen. Er zog sich noch an diesem Abend zurück.

Buernpatrouillen folgten seiner Nachhut, und Pieter Maritz sah beim Licht der untergehenden Sonne, daß der britische Befehlshaber das befestigte Lager bei Hatleys Hotel von neuem bezog. Noch in der Dunkelheit mußten die Soldaten an den Erdwällen arbeiten, die das Lager umgaben, und finstere Niedergeschlagenheit lastete auf dem kleinen Heere nach der Niederlage bei Langes Nek.

Dreißigstes Kapitel

Der Kampf bei Schains Hoogte

Auf dem größten Gebäude von Hatleys Hotel wehte die britische Fahne, und auf den Wällen des Lagers standen die Schildwachen in ihren roten Röcken, das Gewehr im Arme, und spähten nach dem Feinde aus, der ringsum in den Bergen saß und jeden Augenblick mit seinen furchtbaren Büchsen den Angriff eröffnen konnte.

Ein Buerntrupp stand im Osten auf der Höhe zwischen dem englischen Lager und dem Buffalofluß, und einige Reiter waren vorwärts geritten, um in der Entfernung von etwa einem Büchsenschuß die Engländer zu beobachten. Diese Reiter waren Pieter Maritz und sein Oheim Klaas Buurman, und soeben hatte sich der alte Baas van der Goot zu ihnen gesellt, der den Trupp befehligte. Es war früh am Morgen, einige Tage nachdem General Colley den Angriff auf die Buern bei Langes Nek aufgegeben hatte, um sich in seine feste Stellung zurückzuziehen. Schwerer Nebel trieb in den Drakensbergen umher, hängte sich nun an den Höhen fest, wallte dann durch die Thäler und wurde zeitweise vom Winde zerrissen, so daß sich die Linien des Gebirges und die Umrisse des englischen Lagers durch den Nebelschleier hindurch deutlich zeigten.

Baas van der Goot nahm die Pfeife aus dem Munde, als er zu dem Reiterposten herangekommen war, und zeigte auf das Lager, welches sich in diesem Augenblicke genau erkennen ließ.

»Ob er noch lange dort bleiben wird?« fragte der Baas. »Es sieht nicht so aus, als ob er aufbrechen wollte.«