Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal

Part 47

Chapter 473,607 wordsPublic domain

»Gewiß,« bemerkte Jack. »Und das wird auch geschehen. Colley fackelt nicht. Unser 94. ist schlecht weggekommen, sie haben ihm mehr als hundertzwanzig Leute weggeschossen. Merkwürdig gut schießen diese Buern.«

»Ja, sie schießen gut,« entgegnete der erste, »aber wann schießen sie gut? Wenn ihnen gegenüber nicht geschossen wird. Wenn sie im Hinterhalte liegen. Laß sie einmal den Klang unserer Kanonen und eines echt englischen Hurra hören, dann werden wir sehen, wie sie ausreißen. Wenn der General das nicht auch dächte, würde er schwerlich mit nur tausend Mann vorgehen. Das ganze Heer ist nichts als eine verstärkte Polizeiwache.«

Ein Lächeln lag auf Pieter Maritz' Gesicht, während er diesem Gespräch der englischen Offiziere zuhörte. Er hatte genug vernommen, um mit dem Erfolg seiner Unternehmung zufrieden zu sein, selbst wenn er jetzt umkehren wollte. Er kannte die Stärke des englischen Heeres, die Zeit seines Aufbruchs und die Richtung seines Marsches. Er lachte für sich bei dem Gedanken an die Verachtung, welche die stolzen Engländer gegen die Buern hegten.

Jetzt war es ihm, als höre er das Herankommen seiner Schaar, und er entfernte sich vom Hause, um den Gefährten entgegenzugehen. Sie waren es. Die Büchsen in den kräftigen Händen, die scharfen Messer an der Seite, kamen die abenteuerlustigen Burschen mit langen Schritten schnell und doch behutsam heran.

»Freunde,« sagte Pieter Maritz, »wir müssen die ganze Gesellschaft gefangen nehmen, die dort im Hause steckt. Aber wir wollen, wenn es möglich ist, den Lärm vermeiden, damit die Stadt nicht erwacht. Nur wenn es nicht anders angeht, wird geschossen. Auf die vordere und hintere Seite des Hauses gehen je zwei Mann und weisen diejenigen zurück, die etwa aus dem Fenster springen wollen. Die andern kommen mit mir durch die Thür. Wir wollen kein Blut vergießen, wenn es nicht durchaus notwendig ist. Die beiden Offiziere besonders dürfen wir nicht entwischen lassen, deshalb haltet ihnen die Mündungen vor, wenn sie an die Fenster kommen.«

Es geschah, wie Pieter Maritz angeordnet hatte. Zwei Leute traten vor und zwei hinter das Haus und bewachten die Fenster. Pieter Maritz aber mit den andern schritt auf die Thür zu. Er öffnete sie, trat zuerst hinein und ging mit vorgehaltener Büchse in das größere Zimmer, worin der Unteroffizier und die Mannschaft lagen. »Ergebt euch,« rief er mit drohender Stimme, »sonst schießen wir euch nieder.«

Die Soldaten fuhren betroffen von ihrem Lager auf, und es entstand eine Scene der größten Verwirrung. Einzelne waren ganz schlaftrunken und wußten nicht, was um sie her vorging, andere griffen nach ihren Gewehren und blanken Waffen, andere wieder wollten durch die Fenster. Das große Zimmer hatte nach beiden Seiten Fenster, nach Norden und nach Süden. Aber von draußen kamen nun ebenfalls Drohungen und erschienen Gewehrläufe, und als der hohen Gestalten der Buern im Zimmer immer mehr wurden und die gefährlichen Mündungen der Büchsen sich auf die überraschte Wache richteten, da gaben die Engländer den Gedanken an Widerstand auf und ließen sich sämtlich gefangen nehmen. Pieter Maritz überließ die Sorge für diese Leute seinen Gefährten und ging durch das Zimmer hindurch in das dahinter liegende der Offiziere. Als er die Thür öffnete, sah er die Leutnants in großer Bestürzung mitten im Zimmer stehen. Der eine hatte einen Revolver, der andere seinen Säbel in der Hand. Vor dem Fenster stand ein Buer und seine Büchse lag im Anschlage auf der Fensterbank. Die Leutnants mußten den Tumult im Mannschaftszimmer vernommen haben und waren offenbar der Meinung, von einer großen Übermacht überfallen zu werden, so daß sie es für klüger hielten, ihre Waffen nicht zu gebrauchen.

Pieter Maritz grüßte sie höflich und mit triumphierendem Lächeln. »Meine Herren,« sagte er, »Sie sind Gefangene. Leisten Sie keinen Widerstand, es würde mir sehr leid thun, wenn ich Sie erschießen lassen müßte. Wollen Sie mir ihr Ehrenwort geben, nicht zu fliehen?«

»Verdammt!« rief Jack, »was sollen wir thun?«

»Der weiße Fleck auf dem Mittelfinger!« rief der andere und warf seinen Revolver zu Boden.

»Wir geben unser Ehrenwort,« sagten dann beide nach kurzer Überlegung.

Pieter Maritz nahm ihre Waffen in Empfang und blieb bei ihnen im Zimmer, während ebenso die Soldaten entwaffnet und bewacht wurden. Diesen und dem Unteroffizier schnitten die Buern, wie bei der Schildwache, Hosenträger und Hosenbunde durch. Pieter Maritz stellte draußen Posten auf und ließ schnell die Pferde heranführen, die noch draußen am Ufer des Incandu waren. Dann stieg er auf Jagers Rücken, seine Gefährten schwangen sich gleich ihm in den Sattel, und es ging auf der großen Straße nordwärts, zurück zum Buernheere.

Das gefangene Pikett marschierte zu Fuß vor den Buern her, und die Offiziere waren vor Ingrimm beinahe rasend, seitdem sie bemerkt hatten, daß sie von einer so kleinen Schar überrumpelt und überwältigt worden waren.

Aber General Joubert lachte vor Vergnügen, als er am Mittag des folgenden Tages Pieter Maritz mit seinen Gefangenen kommen sah. Er lag mit tausend Buern im Gebirge nördlich von Langes Nek.

Neunundzwanzigstes Kapitel

Der Kampf bei Langes Nek

General Joubert hatte zum Lagerplatz eine kleine Thalsenkung ausgesucht, welche von einem Bache durchflossen wurde, der zum Buffalo hinablief. Hier fanden die Ochsen und die Pferde reichliche Tränke. Den Mittelpunkt des Buernlagers bildeten die von ihren Bewohnern verlassenen Gebäude einer ausgedehnten Farm, und auf einem der Gebäude wehte die Genfer Flagge, das rote Kreuz im weißen Felde. Hier hatte auf Jouberts Anweisung ein deutscher Apotheker ein Lazarett eingerichtet, um den Männern, die in den bevorstehenden Kämpfen verwundet werden würden, Hilfe leisten zu können. Ringsum war das Thal mit den schweren Buernwagen angefüllt und weideten die Zugtiere auf den grünen Hängen. Von dem Lagerplatze aus war die Landstraße zu übersehen, welche von Newcastle aus durch das Gebirge nach dem Transvaallande führte. Jenseits der Straße erhob sich steil und schroff der Majubaberg, und die vorüberziehenden Wolken hängten sich oft an dessen stolzem Scheitel fest. Nach Süden hin schloß der Höhenzug den Horizont ab, durch welchen der Paß »Langes Nek,« von den Engländern ~Laings Nek~ genannt, führt. Dort war im Jahre 1859 ein Buer, Namens Hans von Lange, eines Mordes wegen von den Engländern gehängt worden, und seitdem hatte der Paß oder »Nek« den Namen jenes Buern behalten.

Auf den Höhen umher standen die Posten der Buern, kleine Reitertrupps, und beobachteten alle Winkel und Wege des Gebirges. Drunten waren größere Scharen in Bewegung zu sehen, und mit freudigem Stolz sah Pieter Maritz, wie kriegerisch seine Landsleute sich ausnahmen. Diese berittenen Buern sahen viel kampftüchtiger aus, als die englische Kavallerie. Hier war nicht das leichte, abenteuernde Volk, das die freiwilligen Reiterscharen im englischen Solde gebildet hatte, zu sehen. Nicht die verlorenen Söhne, die Armen, die Heimatlosen unter den Buern waren hier versammelt, sondern der Kern des Buernvolkes, die Grundbesitzer mit ihren Söhnen, hatten sich eingefunden. Sie waren schon in der Ferne durch die Schnelligkeit und Leichtigkeit ihrer Bewegungen auffallend, Roß und Reiter schienen zusammengewachsen zu sein und bildeten nur eine Figur. Nichts Schweres, Steifes oder Unbeholfenes war an diesen Reitern zu sehen, alles war behend, leicht, in Ebenmaß und Gleichgewicht. Und doch waren diese Männer, wenn er sie in der Nähe sah, so groß und stark, wahre Riesen im Vergleich mit den Engländern, die Pieter Maritz so viel gesehen hatte.

Die Offiziere und Leute von dem Pikett, welches Pieter Maritz gefangen genommen hatte, wurden nach Pretoria zurückgebracht, wo die Regierung war und wo auch General Smit, der alle Buerntruppen befehligte, sein Hauptquartier hatte. Nach und nach erst kamen aus den weit entfernten westlichen und nördlichen Landstrichen die Züge der Buern in dem südöstlichen Teile von Transvaal an, und nur ein Teil des Heeres war unter Jouberts Kommando in Natal eingebrochen. Auch gingen die Züge der Buern nur langsam von statten, denn sie kamen mit ihren Ochsenwagen. Aber stetig schwoll das Heer an, und Joubert meinte, daß wohl sechstausend Buern im ganzen zusammenkommen würden. Mit einer solchen Macht aber getrauten sich die Befehlshaber den Kampf selbst mit großen englischen Heeren aufzunehmen, die etwa heranrücken würden. Es ging die Rede im Buernlager, daß der General Roberts, der vor kurzem einen kühnen, viel bewunderten Marsch mit zehntausend Mann quer durch das ganze Afghanenland von Kabul bis Kandahar ausgeführt hatte, dazu bestimmt sei, nach Afrika zu gehen, und man wußte, daß viele englische Regimenter in Malta, London und Indien Befehl erhalten hatten, sich zur Fahrt nach dem Kap und Port Natal bereit zu machen. Die Buern hatten englische Zeitungen aufgefangen, worin sie über derartige militärische Vorbereitungen lasen.

Währenddessen beobachteten häufige Patrouillen, die vom Lager bei Langes Nek aus nach Süden ritten, das englische Heer in den Drakensbergen. General Colley war von Newcastle aufgebrochen und marschierte auf der Landstraße nordwärts, gerade auf Langes Nek zu.

Pieter Maritz hielt am Tage, nachdem das englische Heer Newcastle verlassen hatte, mit mehreren Landsleuten auf einer Höhe an der Straße, und sie betrachteten, selbst ungesehen, den Zug der Engländer. Die Buernpatrouillen waren langsam zurückgeritten, während die Engländer herankamen, und ließen sie nicht aus den Augen. Sie waren jetzt abgestiegen und bis an den Rand der Höhe vorgegangen. Drunten kamen zuerst einzelne Reiter in roten Uniformen, Dragoner von dem Regiment, bei welchem Lord Adolphus Fitzherbert stand. Dann folgte ein stärkerer Trupp Dragoner, und zugleich waren berittene Schützen und reitende Polizeibeamte von Natal zu bemerken, die seitwärts vom Wege an den Höhen hinritten. Dann kam General Colley selbst, von einigen Adjutanten und andern Offizieren des Stabes begleitet und von einer starken Dragonertruppe eskortiert. Der General und die Offiziere um ihn her hielten von Zeit zu Zeit ihre Pferde an und betrachteten durch ihre Feldstecher die umliegenden Höhen.

Die Buern droben stießen einander an und schüttelten die Köpfe. »Was will der Mann?« fragte einer, auf den General zeigend. »Was guckt er in die kleine Maschine?«

»Das ist eine Vergrößerungsbrille mit vier Gläsern,« sagte Pieter Maritz. »Damit suchen uns die Engländer.«

Nun kam ein langer Zug Infanterie, vier Glieder nebeneinander, das Gewehr auf der Schulter, mit Tornistern, Brotbeuteln und weißem Lederzeug über den roten Röcken. Der Klang ihrer Schritte war als schwaches Geräusch droben zu vernehmen. Dann folgten hundert Seeleute mit einem Gatlinggeschütz, das mit Maultieren bespannt war, dann zwei Raketengeschütze, dann viele Wagen mit Gepäck, von Natalbuern und Kaffern begleitet, dann wieder Infanterie und ein langer Zug Artillerie, vier leichte Berggeschütze und zwei Feldgeschütze mit sich führend, und endlich kamen noch Reiter.

Die Buern droben konnten alles so deutlich sehen, daß sie die Köpfe zu zählen vermochten. Es waren im ganzen 870 Mann Infanterie, einschließlich der Seeleute, und 170 Reiter, dazu die Artilleristen bei den acht Geschützen. Pieter Maritz erkannte sogar Lord Adolphus Fitzherbert selbst an dem Rappen, den der junge Offizier ritt. Als die Buern alles genau betrachtet hatten, stiegen sie wieder zu Pferde und ritten in derselben Richtung oben auf den Bergen, welche die Engländer unten im Thale verfolgten. Sie wollten dem General Joubert Meldung machen. Doch sahen sie nach einer Weile, daß die Engländer heute noch nicht auf das Buernheer stoßen würden. General Colley ließ eine Meile weit diesseits und südlich vom Buernlager Halt machen. Hier lag Hatleys Hotel, aus drei Häusern bestehend, am Wege, und der Platz mochte dem General günstig für ein Lager erscheinen. Denn der Weg führte hier über eine Höhe, welche das Terrain ringsum beherrschte, so daß kein überraschender Angriff zu besorgen war. Die Zelte wurden aufgeschlagen, Posten aufgestellt und Reiterpatrouillen zogen aus, um das umliegende Land zu durchsuchen.

General Joubert strich sich mit grimmigem Lächeln den Bart, als er hörte, was die Engländer thaten, und ritt in Begleitung mehrerer Führer noch am Nachmittage desselben Tages hinaus, um die Stellung des Feindes anzusehen. Pieter Maritz war unter seinem Gefolge.

»Er wird dort nicht bleiben wollen,« sagte Joubert, nachdem er von dem Hange des Inkweloberges aus das Lager betrachtet hatte. »Er wird weiter vorrücken, wenn wir uns jetzt still halten. Kommt er dann von seiner Höhe herunter und steckt in Langes Nek, so fallen wir von oben über ihn her.«

General Joubert ließ das englische Lager beobachten und hieß seine Buern sich zum Kampfe bereit halten. Nur etwa eine deutsche Meile weit waren beide feindliche Lager voneinander entfernt.

Am folgenden Morgen schon, am 28. Januar 1881, brachten seine Posten dem General Joubert die Meldung, daß die Engländer ihre Zelte abbrächen. Alsbald ließ der General die Buern ausrücken. Zugleich aber wurden die Ochsen vor die Wagen gespannt, damit für den Fall einer Niederlage sogleich der Rückzug angetreten werden könne. Die Gemeinden machten eine jede für sich unter der Leitung ihrer Ältesten ihre Vorbereitungen. Die Kaffern schirrten die Ochsen an, und einzelne der Buern wurden bei den Wagen zurückgelassen, um die Aufsicht zu führen, diejenigen aber, die zum Kampfe bestimmt waren, sattelten ihre Pferde und schwangen sich in voller Rüstung, mit Büchse, Patronengurt und Weidmesser, in den Sattel. Dann ritten sie in Haufen zusammen, umringten ihre Ältesten und hielten eine Morgenandacht, indem sie ihre großen, breitkrempigen Hüte andächtig abzogen und dem Gebet lauschten, das die Ältesten sprachen.

Es war früher Morgen, und die Sonne blickte mit ihren ersten Strahlen über die Höhen am Buffalo weg, die mit schön geschwungenen Linien in dunklen Farben sich vom strahlend blauen Himmel abhoben. Das Sonnenlicht fiel auf die entblößten Häupter der tapferen, stillen Männer, die von Gott den Sieg für ihre gerechte Sache erflehten, bevor sie die starke Brust dem Feinde entgegenstellten; für Augen, die sich auf den Krieg verstanden, mußte diese feste Entschlossenheit zugleich mit solcher Gottesergebenheit angesichts der Gefahr, etwas Siegverheißendes haben und mußte dieses Sonnenlicht wie ein hoffnungsvoller Gruß vom Himmel erscheinen.

Nachdem sie gebetet hatten, teilten sich auf Jouberts Anordnung die Buernscharen. Ein starker Haufe wandte sich nach rechts, ein anderer nach links in die Berge, ein dritter ritt geradeaus, und ein vierter blieb als Rückhalt unweit des Lagers in Reserve. Pieter Maritz war inmitten der Männer seiner Gemeinde bei dem mittelsten Haufen, der etwa zweihundert Köpfe stark war.

Es ging eilig vorwärts, der Paß »Langes Nek« lag bald unmittelbar vor ihnen, und nun erschien in schnellem Jagen eine Buernpatrouille, welche zurückkam und meldete, daß die Engländer kämen. Alsbald teilte sich die Buernschar, und die gewandten Pferde kletterten zu beiden Seiten des Weges die Berge hinan. Die Buern suchten gute Plätze, um von dort aus mit ihren Büchsen den Feind am Weitermarsch zu verhindern.

Die Landstraße, welche durch jenen Winkel von Natal führte, wo nun Engländer und Buern sich bekriegten, war sehr gewunden, wie dies die Natur des gebirgigen Landes mit sich brachte. Um das Ersteigen der Höhen und das Hinabsteigen in die Thäler möglichst zu erleichtern, und die Landstraße mit möglichst geringer Mühe herzustellen, waren die Erbauer des Weges darauf bedacht gewesen, der natürlichen Bildung des Gebirges nachzugeben. Sie hatten in weiten Bogen die vorspringenden Berge umgangen und eine Schlangenlinie angelegt, welche die schroffen Steigungen vorsichtig vermied. So war die Landstraße an manchen Stellen nur auf eine kurze Strecke zu übersehen, und es wurde leicht, einer Kolonne, die sich auf ihr bewegte, in der Front, wie auf den Flanken Widerstand entgegenzusetzen. Baas van der Goot, welcher mit würdiger Miene den Seinigen voranritt, wählte eine am Bergeshange vorspringende Stelle aus, die eine natürliche Terrasse bot, von der aus man Langes Nek übersehen konnte. Nachdem die Pferde zu einer Höhe von etwa dreihundert Fuß über der Straße hinangeklettert waren, ließ der alte Mann halten und zeigte mit der braunen Rechten hinunter.

»Seht, liebe Freunde und Neffen,« sagte er, »hier ist meines Bedünkens ein schöner Platz, um zu zielen. Ihr seht dort die Straße, die aus dem Passe hervorkommt. Sie ist gerade vor uns, und wenn nur ein einziger Soldat der Königin hindurch und an uns vorbeikäme, so müßten wir sehr schlecht geschossen haben. Es ist ja eine schlimme Sache, auf Christenmenschen zu schießen, aber da es sich nun einmal nicht ändern läßt und wir unser Vaterland verteidigen müssen, so wollen wir mit Gottes Hilfe unsere Pflicht thun.«

Nach diesen Worten stieg der alte Mann bedächtig vom Pferde, schlang den Zügel um den rechten Arm und kauerte sich hinter einem Felsblock nieder, der am Rande der Terrasse lag. Dann legte er die Büchse auf den Stein und blickte mit dem rechten Auge über den Lauf hin nach der Straße. Sein Pferd blieb ruhig neben ihm stehen, scharrte mit dem Hufe und legte die Ohren an, als ob es den Schuß und das Fallen eines erlegten Tieres erwarte. Dem Beispiel des Baas van der Goot folgend zerstreuten sich die Buern, und nach kurzer Zeit war der ganze die Straße beherrschende Bergeshang mit Männern besetzt, die in guter Deckung hinter Steinen lagen und ihre Pferde neben sich stehen hatten.

Pieter Maritz hatte sich dicht neben dem alten Führer niedergelegt, da der schützende Felsblock Raum für zwei Männer bot, und erwartete das Erscheinen der Engländer in ungewohnter Bewegung. Denn der Feind, auf den er nun schießen wollte, war nicht von schwarzer Farbe, gehörte nicht einer fremden Rasse an, sondern es waren Truppen, unter denen er selber gedient hatte. Es kam ihm fast so vor, als sollte er mit Brüdern kämpfen. Aber er gedachte des Augenblickes, wo sein Freund, Lord Adolphus Fitzherbert, ihn gefangen genommen hatte, weil der Dienst es erforderte, und er erinnerte sich des eigenen Dienstes, der eigenen Pflicht. Er gedachte des Gefängnisses in Kimberley, er gedachte seines sterbenden Vaters und endlich des bedrängten, um seine Freiheit ringenden Vaterlandes. Es war ihm wunderlich zu Mute, als er sich umsah und im weiten Halbkreise an den Höhen hin die Buernreiter ihre Kampflinie bilden sah, um die herankommende englische Armee tödlich zu umfassen. Es war ihm ganz anders zu Mute, als während seines Rekognoszierungsrittes. Denn obwohl er damals auch auf Kampf und Blutvergießen gefaßt gewesen war, so hatte ihn doch hauptsächlich die Lust zu einem kühnen Streiche und die Begierde, den Feind zu beobachten, getrieben, und er war in steter Bewegung gewesen. Heute aber lag er kalten Blutes still und wartend im Hinterhalte und wußte, daß es ein heißes Gefecht geben würde. Jeden Augenblick konnten die Rotröcke dort unten erscheinen, und dann würde er töten. Er sah über die Höhen und Thäler hin, die jetzt so friedlich in der Morgensonne dalagen. Die sanft geschwungenen Bergeslinien im Hintergrunde säumten eine herrliche Gebirgslandschaft ein, in welcher Licht und Schatten anmutige Abwechselung hervorriefen. Dunkel lagen die Tiefen zur linken Hand, wohin die Sonne nicht drang, und goldig grün breiteten sich rechts die grasbewachsenen Hänge aus, welche nach Osten gerichtet waren. Ein zarter blauer Dunst lag auf den düsteren Waldungen. Bald mußte Pulverrauch durch diese Thäler wehen und das Echo der Höhen vom Schall der Schüsse widerhallen.

Der Feind erschien. An der Biegung der Landstraße, welche von hier oben zu übersehen war, zeigten sich jetzt zwei Reitergestalten, denen in wenig Sekunden eine dritte folgte. Es waren Dragoner in roten Röcken und mit weißen Helmen, den Karabiner auf den rechten Schenkel gestützt. Einer ritt am rechten, der andere am linken Rande der Straße, und der dritte folgte den beiden in der Mitte.

»Pieter Maritz,« sagte jetzt Baas van der Goot, »siehst du die Engländer?«

»Ja wohl, Baas,« antwortete Pieter Maritz.

»Es sind gerade sechshundert Schritte, wie ich rechne,« sagte Baas van der Goot. »Nimm du den auf der rechten, ich nehme den auf der linken Seite. Aber bedenke, mein Junge, daß es Christen sind. Schieße auf den Kopf, daß sie nicht so lange leiden.«

Beim letzten Worte, welches der alte Mann sprach, blitzte das Feuer aus der Mündung seiner Büchse auf, und in demselben Augenblicke stürzte der Dragoner, den er sich zum Ziel genommen hatte, wie vom Blitz getroffen, jäh zur Erde nieder. Jetzt drückte auch Pieter Maritz ab, und der zweite Dragoner ließ den Karabiner fallen, schwankte einen Augenblick im Sattel und fiel dann häuptlings auf die Straße. Erschreckt wandte der dritte sein Pferd und wollte fliehen, da krachte noch ein Schuß rechts neben Pieter Maritz. Der Oheim Klaas lag dort hinter einem Steine und hatte geschossen. Auch der dritte Dragoner, der bereits den Rücken gewandt hatte, räumte jetzt den Sattel, und drei rote Flecke lagen nun unbeweglich auf der hellen Straße, während drei ledige Pferde nach verschiedenen Seiten davonliefen. Langsam rollte der Schall der Schüsse, von Berg zu Berg geworfen, dahin, bis er in der Ferne erstarb, dann war alles wieder still.

Doch bald darauf war der Ton von Hörnern und Trommelschlag zu vernehmen. Die Engländer waren auf die Nähe des Feindes aufmerksam geworden, obwohl sie ihn nicht sahen. Nach wenigen Minuten erschienen einzelne rote Punkte in der Ferne seitwärts der Straße, Tirailleurs, welche von der Vorhut ausgeschickt wurden, um die feindlichen Schützen zu vertreiben. Sie kletterten zu beiden Seiten des Passes herum und suchten nach einem Ziel für ihre Gewehre. Aber sie sahen nichts. Überall lagen die Buern in guten Deckungen und ließen den Feind näher kommen, um ihn desto sicherer fassen zu können.

Der roten beweglichen Punkte wurden mehr und mehr, und nun erschien auch auf der Straße selbst, wo die Dragoner gefallen waren, eine kleine geschlossene Abteilung Infanterie. Da krachten von neuem einzelne Schüsse von der Terrasse. Der Offizier, welcher der kleinen Abteilung voranging, blieb stehen, der Säbel entsank seiner Hand, und dann stürzte der Mann vorwärts auf das Gesicht nieder. Nach ihm stürzte der Unteroffizier, kenntlich an den Streifen auf dem Ärmel, und dann fielen zwei der Soldaten zu Boden. Der Trupp machte Halt, doch war er schon in Verwirrung, da die Führer gefallen waren und da nur so wenige Schüsse, und doch ein jeder tödlich, in ihre Reihen getroffen hatten. Es war der Haltung der Soldaten anzumerken, daß sie sich wie ein Rudel Wild vorkamen. Sie feuerten geradeaus ihre Gewehre ab, und dann eilten sie zurück. Noch zweimal krachte es von der Höhe, während sie liefen, und noch zwei Leute blieben auf der Straße liegen. Währenddessen fingen die englischen Tirailleurs zu beiden Seiten des Passes heftig zu feuern an, und zahlreich stiegen die Pulverwölkchen auf. Ihnen antworteten Schüsse von den umliegenden Bergen her, und Pieter Maritz sah nun fast die gesamte umfassende Linie der Buernschützen sich durch die kleinen grauen Wolken an den Hängen kennzeichnen.