Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 46
Der alte Mann las wohl eine halbe Stunde lang an dem Kapitel, und er wie seine Zuhörer waren durchdrungen von dem Glauben, daß der Sieg Gideons eine Vorbedeutung für ihren Kampf mit General Colley und eine gute Verheißung sei. Dann stimmte Baas van der Goot, nachdem er die Bibel zugeklappt hatte, einen geistlichen Gesang an, und die Buern stimmten kräftig ein. Sie sangen gewaltig langsam und zogen die Töne mit einer Art von Heulen lang hin, dazu waren die Kehlen dieser riesigen Männer sehr rauh, aber die Inbrunst der Andacht verlieh dem frommen Liede etwas Erschütterndes für den Zuhörer, wenn er bedachte, daß diese starken Krieger sich zu einem Kampf auf Tod und Leben bereit machten.
Nach dem Gottesdienst setzten sie sich zum Abendessen nieder, und die Kafferndiener brachten ihnen große Schüsseln mit Maisbrei und weitbäuchige Kannen voll Kaffee.
Pieter Maritz erkundigte sich bei seinem Oheim Klaas nach dem Kampfe am 20. Dezember vorigen Jahres, bei welchem dieser gegenwärtig gewesen war.
»Wir waren von Pretoria aufgebrochen,« erzählte der Oheim, »weil wir gehört hatten, daß die Engländer von Lydenburg herankämen. Es sind gottlose Leute, die Engländer, denn sie waren am Sonntag von dort abmarschiert. Wir begegneten ihnen am Montag halbwegs zwischen Lydenburg und Pretoria und waren unser ungefähr zweihundert Mann. Als wir sie marschieren sahen, schickten wir in aller Ordnung einen der Ältesten mit einem weißen Tuch an seiner Büchse gegen sie ab und ließen ihnen sagen, sie möchten umkehren und in Lydenburg bleiben, denn es sei jetzt Krieg, und wir wünschten nicht, daß sie nach Pretoria kämen. Aber der Oberstleutnant Anstruther, der die Truppen kommandierte, war sehr unfreundlich und sagte, er hätte Befehl nach Pretoria zu marschieren, und werde sich nicht um unsere Wünsche kümmern. Der Älteste sagte ihm nun, daß es uns leid thun würde, auf Christenmenschen schießen zu müssen, daß wir aber nicht anders könnten, wenn er gegen unsern Willen weiterginge. Da antwortete der Oberstleutnant, wir möchten uns nur unterstehen, die Truppen Ihrer Majestät anzugreifen, dann würde er uns zeigen, welche Strafe eine solche Verwegenheit nach sich ziehe. Nun kam unser Ältester zurück und teilte uns das mit, und darauf legten wir uns schnell in einem Halbkreise quer über den Weg, den die Engländer kommen mußten, und deckten uns hinter den Steinen an den Hügeln. Als nun wirklich die Engländer weitergingen, da fingen wir an zu schießen, und sie wollten darauf eine Schützenkette bilden und uns angreifen. Aber wir schossen ihnen zuerst die Offiziere nieder, so daß sie ganz verwirrt durcheinander liefen, und als wir dann noch ein wenig auf die Soldaten geschossen hatten, schwenkten sie mit weißen Tüchern und baten um Gnade. Da kamen wir heran und nahmen die, welche noch lebten, gefangen.«
»Wie lange dauerte das Gefecht denn wohl?« fragte Pieter Maritz.
»Es mag wohl zehn Minuten lang gedauert haben,« sagte der Oheim. »Aber sie hatten hundertundzwanzig Mann tot und verwundet, außer den Offizieren, und wenn sie nicht um Frieden gebeten hätten, wären sie bald alle am Boden gewesen.«
»Und hattet ihr keine Verluste?«
»O doch,« sagte der Oheim. »Jan Greyling bekam etwas ab. Er hatte sich nicht ordentlich gedeckt und eine Kugel hat ihm die linke Schulter gestreift. Aber er geht schon wieder umher.«
Pieter Maritz schlief in seines Oheims Wagen, und früh am andern Morgen machte er sich auf und meldete sich beim General Joubert, der noch zehn andere Buern aufgerufen hatte, um mit Pieter Maritz zusammen zu reiten. Es waren lauter junge Leute mit schnellen Pferden, und der General sagte ihnen, daß sie Pieter Maritz folgen und gehorchen sollten, da dieser unter ihnen die größte Kriegserfahrung habe. Dann machten sie sich auf den Weg und durchmaßen das freie, hügelige Land des Hooge Veldt, um die Drakensberge zu erreichen.
Pieter Maritz kannte das Land. Die Drakensberge hatte er schon vielfach durchmessen, zuerst viel weiter nach Norden hin auf seiner Reise zu Titus Afrikaner und zum Zululande, dann auch in dem südlicheren Teile bei seinen Ritten von Isandula her und bei den Freiwilligen unter Leutnant Dubois. Der Teil des Gebirges, den er nun durchspähen sollte, lag nicht sehr weit von Rorkes Drift und den Kampfplätzen zu Anfang des Zulukrieges entfernt.
Die Buern wollten ihre Pferde nicht ermüden, darum legten sie den Marsch bis zum Gebirge nicht in einem Tage zurück, wie sie wohl gekonnt hätten, sondern ritten am ersten Tage nur bis zum Vaalfluß, übernachteten am Ufer unter freiem Himmel und ritten am zweiten Tage bis zum Fuß des Gebirges nahe der Grenze von Natal. Von Engländern war noch nichts zu sehen noch zu hören. Sie ritten weiter, und Pieter Maritz teilte seinen Haufen in zwei Teile. Fünf Reiter gingen über den Buffalo, an dessen linkes Ufer, und sollten dort den Strom entlang vorgehen, Pieter Maritz blieb mit den andern fünf auf der Straße, die am rechten Ufer nach Newcastle führte. Es ward verabredet, daß sie sich, wenn unterwegs nichts vorfiele, bei der Furt im Norden von Newcastle wieder treffen sollten. Diese Furt lag an der alten Poststraße zwischen Newcastle und Wakkerstroom.
Pieter Maritz ritt mit seinen Begleitern über Berg und Thal auf einer guten Straße und kam zu mehreren Wirtshäusern und einzeln liegenden Gehöften. Er war hier auf feindlichem Gebiet, und er rückte vorsichtig vorwärts, indem ein einzelner Buer vorausritt und den Nachfolgenden Zeichen gab, ob alles sicher sei. So kamen sie zum »Coldstream Inn«, dann zu einer Farm mit Namen Langes Nek, dann zu Hatleys Hotel und dann gegen Abend zu der Farm Schains Hoogte. Alles war still, nichts vom Feinde zu sehen, und die Buern, welche sie unterwegs trafen, wußten nichts von der englischen Armee. In den von Engländern gehaltenen Wirtshäusern hatten sie gar nicht gefragt, sondern hatten diese Gebäude umgangen. Von Schains Hoogte aus wandte sich Pieter Maritz seitwärts nach Osten, um noch vor Einbruch der Nacht die Furt zu erreichen, welche über den Buffalo führte und wo er die Kameraden treffen wollte. Diese waren schon dort, denn sie hatten einen kürzeren Weg gehabt, und sie berichteten, daß sie ebenfalls nichts vom Feinde gesehen hätten.
»Wir wollen schlafen,« sagte Pieter Maritz. Sie lagerten sich unter dem Schirm großer Bäume in einem Thale nahe dem Flußübergang und stellten einen Wachtposten aus, der während der Nacht mehreremal abgelöst wurde. In der ersten Frühe aber, bevor die Sonne aufging, erhob sich Pieter Maritz von seinem Mantel und weckte die Kameraden.
»Wir wollen bis an Newcastle hinanreiten,« sagte er. »Es ist dunkel, und der Nebel kommt uns zu statten.«
Sie sattelten die Pferde und ritten die alte Poststraße in südlicher Richtung hinab. Es war so dunkel, daß sie nur mit Mühe den Weg erkennen konnten, denn das geringe Licht des nächtlichen Himmels ward von einem dichten Nebel verschleiert, der aus den Thälern des Buffalo und seines Nebenflusses Incandu, sowie einiger kleineren Wasserläufe aufstieg. Nachdem sie eine halbe Stunde lang in eiligem Ritt die Straße verfolgt hatten, bogen sie nach links ab und wandten sich den Bergen zu, die unmittelbar über Newcastle und nördlich dieses Städtchens liegen. Pieter Maritz wählte diesen Weg, um der Gefahr zu entgehen, etwa auf eine Patrouille zu stoßen oder sonst bemerkt zu werden, ehe sie Newcastle erreichten. Er führte seine Kameraden, indem er voranritt, auf einem schmalen Pfade in die Schatten der Bäume hinein, welche den Hang der Höhen bedeckten. Der Weg war beschwerlich, denn an vielen Stellen war der von Fußgängern gebahnte Pfad mit Felsstücken übersät, und mehreremal mußten die Reiter tiefe Schluchten durchklettern, welche für andere Pferde als diese kleinen kräftigen Buernpferde wohl unüberwindliche Schwierigkeiten geboten haben würden. Währenddessen wurde es allmählich heller, die Nebel schwankten, indem der Wind auf den Höhen sie erfaßte, und der Weg war nicht mehr so schwer zu finden. Die Reiter klommen einen steilen Abhang hinan, wo der Pfad gänzlich aufhörte, und ritten an Bäumen und Felsen hin, die den südlichen Rücken des Berges bedeckten. Je höher sie kamen, desto mehr zerstreute sich die Finsternis, und die Gegenstände begannen, sich nicht mehr vom Nebel verschleiert, in ihren wahren Farben zu zeigen. Endlich kamen sie aus dem Gehölz stachliger Mimosen auf der Höhe heraus, erreichten den Gipfel und sahen nun die hellen Strahlen des jungen Tages durch die Waldung schimmern, welche den Hügel östlich von ihnen krönte.
»Wenn wir bis an das Ende dieses Gipfels kommen,« sagte Pieter Maritz, »so müssen wir nach meiner Berechnung Newcastle unter uns liegen sehen. Aber vorsichtig, daß man uns nicht von unten entdeckt!«
Pieter Maritz stieg vom Pferde, ließ noch zwei Leute zu Fuße mitgehen und schritt, während der übrige Haufe mit den Pferden zurückblieb, weiter vor. Sein Scharfsinn hatte ihn gut geleitet. Als er den äußersten südlichen Punkt des Höhenrückens erreichte, dehnte sich, nun im hellen Licht der Morgensonne, das enge Thal vor ihm aus, durch welches die Straße nach Norden führt, und er sah die Dächer und Gärten von Newcastle, welches in diesem Thale liegt. Der Berg, auf welchem er stand, erhob sich wohl achthundert Fuß über dem Thale und lag wie ein Bollwerk zwischen der wichtigen Straße aus Natal nach Transvaal auf der einen und dem Buffalofluß auf der andern Seite. Von hier aus konnte Pieter Maritz auf eine weite Strecke hin die gewundene Straße sehen, auf welcher die englische Armee vermutlich vorrücken würde, und die Höhenrücken verfolgen, welche diese Straße von beiden Seiten einfassen. In der Entfernung von etwa einer Meile verlor sich der helle Streifen, welchen die Straße bildete, unter den Bergen, und dort lag auch der Nebel, den der Morgenwind noch nicht hatte erreichen können.
Am wichtigsten aber war für Pieter Maritz der Anblick von Newcastle selbst. Er überzeugte sich sogleich, daß eine starke Truppenmasse dort lag, denn neben der in das grüne Thal eingebetteten Stadt erhoben sich die ihm wohlbekannten weißen Zelte. Auch sah Pieter Maritz an einzelnen Punkten das Blitzen von Gewehrläufen und den Glanz roter Uniformen. Die Engländer hatten einige Piketts von der Stadt aus vorgeschoben, um die nahe liegenden Höhen und Thäler zu bewachen. Doch standen die Posten der Stadt und dem Zeltlager sehr nahe, und nur sehr wenige Posten waren ausgestellt worden. Wieviel Truppen dort unten lagen und ob General Colley selbst dort anwesend sei, das konnte Pieter Maritz nicht wahrnehmen, doch hoffte er, es zu erfahren. Er beschloß, vom Berge aus Newcastle zu beobachten und am Abend einen Versuch größerer Annäherung zu machen, falls die Engländer ruhig liegen blieben. Sollten sie aber aufbrechen, so würde er vom Berge aus ihre Stärke zu erkennen und rechtzeitig nach rückwärts Meldung zu machen imstande gewesen sein. Die Buern, welche die Pässe besetzen sollten, mußten jetzt schon in den Thälern stehen, und während die Engländer vorrückten, konnten ihnen die Buern begegnen.
Pieter Maritz stellte an zwei Punkten Posten aus, die das Thal genau übersehen konnten, und blieb auch selbst vorn am Hange, um alles überwachen zu können. Der Morgen rückte vor, die Signale der Engländer tönten herauf, einige Bewegung in den Straßen war zu vernehmen, auch kleine Truppenabteilungen marschierten draußen herum, um die Posten abzulösen, aber sonst blieb alles ruhig. Die Engländer hielten die Zeit zum Vormarsch noch nicht für gekommen und erwarteten vielleicht Verstärkungen. Der Tag ging vorüber, und die Nacht brach herein, ohne daß die Lage sich verändert hätte. Doch hatte Pieter Maritz sich einen Weg gemerkt und deutlich eingeprägt, auf welchem er nahe an die Stadt kommen konnte, und ebenfalls hatte er sich genau gemerkt, wie am Abend die Posten aufgestellt wurden.
»Liebe Freunde,« sagte er zu seinen Genossen, »wir müssen etwas Gewagtes ausführen. Habt ihr Lust dazu?«
»Jawohl,« entgegneten sie, »wir sind zu allem bereit.«
»Seht einmal,« sagte er, »wir sind lauter junge Burschen, und es wäre hübsch, wenn wir den Alten zeigen könnten, daß wir auch schon nützlich sind. Der General Joubert wird nicht uns allein ausgeschickt haben, sondern sicherlich sind noch alte Buern hier in den Bergen, um die Engländer zu beobachten. Wenn wir etwas ausrichten könnten, worüber die Alten sich wunderten, so wäre das ein guter Spaß.«
Die jungen Buern grinsten vor Vergnügen und dehnten ihre mächtigen Glieder. Es waren lauter Burschen etwa vom Alter ihres Führers, lang gewachsen, abgehärtet in Wind und Wetter und so stark wie junge Stiere.
»Dann kommt mit und führt eure Pferde am Zügel,« sagte Pieter Maritz. Er selbst ging voran und belehrte seine Kameraden unterwegs über das, was er thun wollte. Die Nacht war ziemlich dunkel, aber für diese an das Lagerleben und die Viehweide gewöhnten jungen Leute war sie immer noch hell genug, um die Gegenstände ringsum erkennen oder doch erraten zu lassen. Sie stiegen den Berghang hinab und näherten sich dem Städtchen drunten im Thale.
Pieter Maritz hatte von oben bemerkt, daß ein einzelnes Haus von dem Städtchen etwas vorgeschoben neben der Landstraße lag und daß ein reger Verkehr von Militärs mit diesem Hause stattfand. Er schloß aus der Art und Weise, wie es an der Stelle zuging, daß dort ein englisches Pikett läge, welches den Auftrag hatte, die große Straße zu bewachen. Er war wohlbekannt mit der sorglosen Art, wie die Engländer den Vorpostendienst betrieben. Während des Feldzugs gegen die Zulus hatte sich ihm das täglich gezeigt, und er wußte, daß nur die Buernreiter sowie die schwarzen Truppen im englischen Solde verhindert hatten, daß die schnellen Feinde, welche den nächtlichen Angriff liebten, das englische Heer wiederholt überrumpelten. Er war überzeugt, daß das Pikett bequem im Hause selbst lag, und er hatte gesehen, daß nur ein einziger Posten, ein einzelner Infanterist, von dem Pikett aus ausgestellt wurde. Dieser Posten stand etwa zweihundert Schritte weit vor dem Hause auf der Landstraße.
Pieter Maritz führte seine kleine Abteilung gerade auf das einzelne Haus zu und ließ in der Entfernung eines Büchsenschusses davon halten. Es war nahe an Mitternacht, und Newcastle war ganz still. Offenbar lag die Besatzung gleich der Einwohnerschaft im Schlafe. Nur Gärten und Felder begrenzten das Städtchen auf dieser Seite, das Zeltlager war auf der südlichen Seite und westlich vom Orte, wo es mehr Platz gab, aufgeschlagen worden. Kein Licht war mehr in den Häusern zu sehen, nur aus dem einzelnen Hause, welches Pieter Maritz ins Auge gefaßt hatte, schimmerte ein heller Schein. Die Buern waren bis zum Thale des Incandu hinabgestiegen, der seine schnell fließenden Wellen am Nordrande von Newcastle vorbeitreibt und dem Buffalo zuführt. Sie hielten am Ufer des Flusses still, wo das Rauschen des Wassers auch das Geräusch der Hufe und Waffen, sowie ihre Stimmen übertönte.
Pieter Maritz ließ den Trupp hier zurück und ging mit einem einzigen Kameraden weiter vor. Beide ließen ihre Pferde bei dem Trupp und hängten die Büchsen über den Rücken. Dann schlichen sie behutsam vor und suchten zwischen das Haus und den Posten zu kommen. Sie mußten hierbei eine niedrige Mauer aus Bruchsteinen überklettern und durch einen Garten gehen, dann kamen sie durch ein Maisfeld, und nun lag das erleuchtete Haus zur linken Hand, und sie konnten hören, daß Männer darin waren und miteinander sprachen. Der Schein von den Fenstern her erleuchtete das Terrain bis auf etwa hundert Schritte weit, aber darüber hinaus war es dunkel. Schon wollten sie sich dem Posten nähern, denn auf diesen hatte Pieter Maritz es abgesehen, als es im Hause laut wurde. Zugleich war der Schlag der Kirchenuhr in Newcastle zu vernehmen, es schlug mit hellem Klange zwölfmal, die Mitternachtsstunde. Die beiden Buern hielten sich ganz still und duckten sich in den schwarzen Schatten eines Busches nahe der Landstraße. Kurze Zeit nachdem es geschlagen hatte, ward die Thür des Hauses geöffnet, und zwei Gestalten kamen heraus. Es war die Ablösung. Die Gewehre der Soldaten glänzten einigemal im Licht der Fenster. Die beiden Soldaten marschierten, nicht weiter als zehn Schritte von dem Versteck der Buern, an diesen vorbei, dann zu dem Posten, einige Worte wurden gewechselt, der Posten wurde abgelöst, und zwei Soldaten kehrten wieder zu dem Hause zurück. Gern hätte Pieter Maritz bei dieser Gelegenheit das Feldgeschrei erlauscht, welches die Posten miteinander austauschten, aber die Entfernung war zu weit, so daß er nicht hatte verstehen können, was sie miteinander sprachen.
Pieter Maritz ließ eine kurze Zeit vergehen, gab dann dem Gefährten ein Zeichen ihm zu folgen, und ging, indem er einen kleinen Bogen nach rechts machte, von der Seite auf die Schildwache los. Sein Kamerad folgte ihm in einer Entfernung von etwa zwanzig Schritten. Er sah jetzt deutlich den Soldaten auf und ab gehen, und bemerkte, daß derselbe aufmerksam wurde.
»Wer da?« rief es ihm entgegen.
»Ronde!« entgegnete Pieter Maritz in englischer Sprache und mit gebieterischem Ton. »Paßt Ihr auch gut auf, Schildwache?«
Es war nicht hell genug, daß der Posten hätte unterscheiden können, ob der Mann, der sich ihm näherte, Uniform trug.
»Wer da?« fragte er noch einmal. »Gebt das Feldgeschrei!«
»Kennt Ihr Euern eigenen Offizier nicht?« fragte Pieter Maritz scheltend. »Knöpft Eure Augen hübsch auf, Schildwache!«
Der Mann schien einen Augenblick bestürzt zu sein. Er stand still und bemühte sich offenbar, das Dunkel mit seinem Blick zu durchdringen. Aber in den nächsten Sekunden mußte er entdeckt haben, daß kein Offizier in Uniform herankomme, denn er machte sein Gewehr schußbereit und rief: »Steht still, oder ich schieße!«
Doch er hatte die Geschwindigkeit des Buernsohnes nicht berechnet. Mit einem schnellen Satze war Pieter Maritz ihm schon auf den Leib gekommen und packte mit der Linken das Schloß des Gewehres, während er mit der rechten den Soldaten an der Kehle packte. »Kein Laut, oder Ihr seid des Todes!« raunte er dem erschrockenen Manne ins Ohr.
Der Soldat krümmte sich unter dem eisernen Griffe der starken Hand, die ihn an der Gurgel hielt, und hätte schon deshalb nicht rufen können, weil er keine Luft hatte. Pieter Maritz drückte ihn zu Boden, pfiff leise, so daß sein Gefährte herankam, und nahm das Gewehr der gefangenen Schildwache an sich.
»Ihr geht mit uns, Freund,« sagte er zu dem stöhnenden Soldaten, »und wenn Ihr ganz still seid, so soll Euch nichts geschehen. Ich lasse Eure Kehle unter der Bedingung los, daß Ihr schweigt. Aber solltet Ihr um Hilfe rufen, so seid Ihr auf der Stelle ein toter Mann.«
Der Soldat nickte, zum Zeichen, daß er gehorchen werde, und nun ließ Pieter Maritz ihn aufstehen. Ächzend stand der Engländer, ein noch junger Soldat, da und starrte verblüfft auf die Erscheinung der Buern.
»Damit er nicht wegläuft, wollen wir eine kleine Vorkehrung treffen,« sagte Pieter Maritz. Er schnallte den Gurt des Soldaten mit der Patrontasche ab und übergab ihn nebst dem Gewehr seinem Gefährten. Dann zog er sein Messer und schnitt dem Gefangenen die Hosenträger und den Hosenbund durch, so daß er mit beiden Händen die Hose halten mußte, damit sie ihm nicht auf die Füße hinabfiel. »Nun vorwärts!« sagte Pieter Maritz, und die beiden Buern ließen ihren Gefangenen vor sich hergehen und kehrten zurück. Unweit des Hauses blieb jedoch Pieter Maritz stehen.
»Höre,« sagte er zu seinem Gefährten »du kannst den Burschen allein fortbringen. Er weiß ja, daß du ihn tötest, wenn er widerspenstig wird. Bring' ihn dorthin, wo die andern sind, und laß ihn bei den Pferden. Zwei von euch sollen bei den Pferden bleiben, die andern kommen zu Fuß hierher. Ihr werdet mich hier finden, ich will mir das Haus einmal näher ansehen.«
»Es ist gut,« sagte der junge Buer und ging mit seinem Gefangenen weiter. Pieter Maritz aber schlich sich bis dicht an das Haus hinan und blickte durch die Fenster, welche der Sitte der meisten Buernhäuser nach keine Fensterscheiben hatten, sondern nur viereckige Öffnungen waren. Er sah, daß zwei Zimmer im Erdgeschoß von Militärs in roten Röcken besetzt waren. In dem größeren lagen elf Mann und ein Unteroffizier, und diese waren alle teils am Boden auf Strohlagern, teils auf den Bänken an der Wand ausgestreckt und schliefen. In dem kleineren Raume daneben saßen zwei Offiziere bei einer Lampe am Tische, spielten Karten und tranken Punsch. Vermutlich war der eine der Kommandant des Piketts, während der andere ihn besucht hatte, um ihm Gesellschaft zu leisten. Beide waren noch junge Leute, Unterleutnants.
Pieter Maritz hielt sich im Schatten verborgen und beobachtete sie. Er stand dort ganz sicher, da er von den hellen Zimmern aus nicht gesehen werden konnte, und er überlegte, wie er es möglich machen könne, das ganze Pikett aufzuheben.
»Ich habe heute Unglück,« sagte jetzt einer der Leutnants, indem er das Schweigen brach und die Karten hinwarf. »Ich habe mir's gleich gedacht, ich habe meine Zeichen.«
»Sind Sie abergläubisch?« fragte der andere.
»Sonst nicht,« entgegnete der erste, »aber in einer Sache bin ich's. Bei mir zu Hause sagt man, daß ein weißer Flecken auf dem Nagel vorbedeutet, und ich habe gefunden, daß es richtig ist.«
»Davon habe ich nie gehört.«
»Sehen Sie, Jack,« sagte der erste wieder, indem er seine Hand zeigte, »ein Fleck auf dem Daumen bedeutet Ehre, auf dem Zeigefinger Glück, auf dem Mittelfinger Unglück, auf dem vierten Finger Liebe, auf dem kleinen Finger Freundschaft. Nun ist mir heute ein großer Fleck auf dem Nagel des Mittelfingers aufgesprungen. Ich sah es, als ich heute morgen aufstand.«
»Das ist alles Unsinn,« sagte Jack.
»Inzwischen habe ich zwei Pfund und fünf Schilling verloren,« fuhr der andere Leutnant fort. »Ich werde sie Ihnen bezahlen, wenn ich wieder Gage bekomme.«
»'s ist hier verdammt langweilig,« sagte Jack. »Ich hatte auf Urlaub gehen wollen, und nun fangen diese verflixten Buern Skandal an, und es können noch Monate darüber hingehen, ehe alles wieder ruhig ist.«
»Na, das wollen wir nicht hoffen. Wenn wir erst in Pretoria sind, werden sie schon zu Kreuz kriechen. Ich möchte auch auf Urlaub, ich bin schon seit zwei Jahren in Afrika. Colley wird wohl bald aufbrechen, es wird nur noch auf die Seebrigade gewartet, und die muß nächste Woche kommen. Von hier bis Pretoria sind höchstens zehn Märsche.«
»Ja, aber diese dickköpfigen Buern werden sich uns in den Weg stellen. Sie werden nicht so dumm sein, uns ungeschoren durch die Drakensberge zu lassen.«
»Sollten sie den Mut haben? Ich denke nicht, daß sie es zu einem ernstlichen Kampfe kommen lassen werden, diese Viehtreiber und Ackerbauer. Wenn sie eine reguläre Macht sehen, so reißen sie aus. Es ist überhaupt schon demütigend für uns, gegen solche Leute kämpfen zu müssen. Das ist kein Krieg, das ist Polizeidienst.«
»Ehrenvoll ist der Sieg keinesfalls,« sagte Jack. »Lorbeeren giebt es hier nicht zu pflücken. Die Buern werden sich hier seitwärts des Weges in den Bergen verstecken und aus dem Hinterhalt schießen, aber auf einen regelrechten Kampf können sie sich keinesfalls einlassen. Sie haben weder Kavallerie noch Artillerie. Ich befürchte nur, die Geschichte dauert lange, denn das Land ist groß, und wenn wir sie aus den Thälern hier vertrieben und Pretoria besetzt haben werden, so ziehen sie sich vielleicht nach dem Norden und Nordwesten zurück, und wir können monatelang hinter ihnen hersuchen, bis wir alle ihre Schlupfwinkel ausgeräuchert haben.«
»Auch das denke ich nicht,« sagte der erste Leutnant. »Der Buer liebt sein Geld und sein Vieh. Dies gemeine Volk ist ja ganz allein aufs Verdienen aus, und ich glaube, wenn man jedem Rebellen fünf Pfund in die Hand drückte, machten sie alle einen höflichen Kratzfuß und gingen nach Hause. Aber freilich kann man sich das ja nicht gefallen lassen, daß sie unsere Garnisonen umzingeln und auf unsere Truppen schießen, da muß ein Exempel statuiert werden.«