Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 45
»Ich bitte Eure Excellenz,« sagte er schnell entschlossen, »mich wenigstens so lange hier zu dulden, bis der Herr, der hier vorfährt, mich gesehen haben wird. Denn ich möchte nicht, daß Eure Excellenz dächten, ich wäre hier, um zu betteln.«
Der Präsident, welcher aufmerksam nach dem Wagen sah, der vor seinem Hause hielt, nickte ihm zu und bot ihm einen Sitz an, Pieter Maritz aber erwartete mit neuer Hoffnung das Eintreten des Schatzsekretärs.
Herr Swart wurde sehr zuvorkommend vom Präsidenten begrüßt und sah, nachdem er die ersten Höflichkeiten mit diesem ausgetauscht, verwundert den jungen Buer in diesem Hause. Er vernahm dessen Geschichte und gab alsbald Auskunft über dessen Persönlichkeit. Pieter Maritz wollte sich nun entfernen, aber der Schatzsekretär hielt ihn zurück.
»Dies ist ein sehr vertrauenswürdiger junger Mann,« sagte er zum Präsidenten Brand. »Trotz seiner jungen Jahre ist er ein verdienter Krieger, der im Feldzuge gegen Tschetschwajo in den Reihen der Engländer das Viktoriakreuz erworben hat. Er kennt die englische Armee, und es wäre mir lieb, wenn er bei der Unterhaltung, die ich mit Eurer Excellenz zu haben wünsche, zugegen wäre, um uns Auskunft geben zu können, wo sie uns etwa noch nötig erscheinen sollte.«
Präsident Brand erklärte sich einverstanden und ließ den beiden Gästen aus Transvaal zur Begrüßung Kaffee bringen. Alsdann nahm der Schatzsekretär das Wort.
»Ich bin im Auftrage der Regierung von Transvaal hier,« sagte er, »um mit Ihnen, Herr Präsident, über die Stellung zu beraten, welche der Oranjefreistaat bei dem Kriege einnehmen wird. Eure Excellenz haben schon eine Denkschrift erhalten, welche die Ansichten der Regierung darlegt, und ich brauche nicht weiter auf die Klagen einzugehen, welche Transvaal gegen England zu führen hat. Es sind dieselben Klagen, welche auch der Oranjefreistaat führen könnte, nur mit dem großen Unterschiede, daß der Oranjefreistaat doch wenigstens selbständig ist, seine eigene Regierung besitzt und nicht britische Forts und Garnisonen zu ertragen hat. Aber in gleicher Weise wie Transvaal ist auch der Freistaat von England auf das Binnenland beschränkt, vom Meere ausgeschlossen und in seiner freien Entwickelung gehemmt. Alle Arbeit der Buernbevölkerung dient nur zum Vorteil Englands. Der Ertrag unseres Ackerbaues und unserer Viehzucht kommt uns weniger zu gute als England. Denn wir haben keine eigenen Handelswege, sondern sind einer schlauen, habgierigen Kaufmannschaft ausgeliefert, welche den Gewinn aus unsern Produkten zieht. In einer abgelegenen, isolierten, im Innern des Kontinents von Wüsten und Gebirgen begrenzten Lage sind wir Buern der Gnade und Ungnade Englands preisgegeben. Ringsum stößt englisches Gebiet an unsere Grenzen, oder aber wilde Völkerschaften sind unsere Nachbarn. Nach Norden und Westen hin haben wir gar keine Verbindungen mit der übrigen Welt, denn dort wohnen Betschuanen, Namaqua, Hereró und andere Völker, mit denen wir noch jetzt häufig zu kämpfen haben. Überall sonst ist englisches Gebiet, und England legt so ungeheure Steuern und Zölle auf die Waren, welche es durchläßt, daß wir fast gar keinen Handel mit der Außenwelt haben. Deshalb liegt die Industrie bei uns völlig danieder. Ohne Industrie und Handel aber können wir uns nicht entwickeln. Gleichwohl hatten wir bis jetzt durch den Reichtum des Bodens, der uns gehört, wenigstens ein behagliches Leben und erfreuten uns, wenn auch nicht politischer Bedeutung, so doch der Freiheit. Ein feierlicher Vertrag mit England sicherte uns unsere Unabhängigkeit. Aber das ist für Transvaal anders geworden. Haufen von fremden Abenteurern, wie sie sich in allen englischen Kolonien finden: Landkäufer, Minenspekulanten, betrügerische Kaufleute aller Art, Spekulanten auf jede Art von Besitz haben sich wie Raubvögel an unsern Grenzen und sogar in unsern Städten festgenistet und lauern auf Beute. Sie haben durch alle Arten von Verleumdungen gegen die Buern, gegen die Regierung, gegen die Volksvertreter und alle unsere Einrichtungen England gegen uns aufgehetzt. Sie wollen im Trüben fischen, denn sie wissen wohl, daß jede politische Umwälzung Gelegenheit zu Verdienst giebt. Da giebt es Lieferungskontrakte abzuschließen, neue Stellen zu erhaschen und allerhand Arten unredlichen Verdienstes. Sie haben es dahin gebracht, daß man in England glaubte, wir wären eine Rotte von Sklavenhaltern, und daß der Generalgouverneur Transvaal für englisches Gebiet erklärte. Das ist ja eine bekannte Sache, und ich brauche darüber nicht weiter zu reden. Nur auf die Folgen will ich aufmerksam machen: hat England den feierlichen Vertrag mit Transvaal nicht geachtet, so wird es auch den Vertrag mit dem Oranjefreistaat nicht achten. Sobald es England vorteilhaft erscheint, wird es auch die Oranjebuern für englische Unterthanen erklären. Der Boden, den wir Buern seit Jahrhunderten mühsam erkämpft haben, wird uns einfach von dem übermächtigen Feinde genommen, und wir haben sämtlich nur die Wahl, entweder als unterdrückte Gemeinden von englischen Spekulanten ausgebeutet und von englischen Gouverneuren mißhandelt zu werden oder aber aufzubrechen, wie unsere Väter gethan haben, und nach Norden in die Wildnis zu ziehen, um ein neues Vaterland zu gründen. Aus dieser verzweifelten Lage wollen wir uns befreien. Wir haben zu den Waffen gegriffen, und der Krieg mit England ist im Gange. Nun strecken wir unsere Hand aus, um die Bruderhand des Oranjefreistaats zu ergreifen. Der Oranjefreistaat möge erklären, daß seine Interessen dieselben wie die unserigen sind. Und wenn auch die Oranjebuern nicht zu den Waffen greifen wollen, so mögen sie doch laut erklären, daß ihre Sympathie mit dem Transvaalstaat ist. Eine solche Erklärung würde unsere Sache sehr verstärken und würde dazu beitragen, daß der Krieg rasch beendigt würde, da England nicht Lust haben wird, sich auf den Kampf mit beiden Ländern einzulassen. Dem Oranjefreistaat aber würde sie Respekt verschaffen und nicht mindere Vorteile als uns selbst.«
Präsident Brand hatte mit aufmerksamem Blick und mehrfachem zustimmendem Kopfnicken die Worte des Gesandten aus Transvaal begleitet, und er sagte nun sehr freundlich: »Gewiß, mein lieber Herr Schatzsekretär, sind die Wünsche der Oranjebuern ganz für die Sache des stammverwandten Transvaal. Unsere volle Sympathie ist Ihnen gewiß. Ob wir aber dieser Sympathie öffentlichen Ausdruck geben sollen, das bedarf doch noch der reiflichen Erwägung. Denn eine solche Erklärung könnte leicht von England als eine Allianz mit dem Transvaalstaat und als Kriegserklärung aufgefaßt werden. Und das scheint mir doch sehr bedenklich zu sein. Wir sind mit England im Frieden und haben uns nicht über Vergewaltigung zu beklagen. Noch vor vier Jahren hat uns England für ein Stück von Griqualand-West, welches wir abtraten, 90000 Pfund Sterling bezahlt, und diese Summe ist uns von großem Nutzen gewesen für den Bau von Brücken und Straßen und sonstigen Einrichtungen, die für die innere Entwickelung des Freistaates von hohem Werte sind. Wir sind mehr geneigt und halten es für klüger, unsern Wohlstand zu vermehren, als im Kriege unsere Errungenschaften aufs Spiel zu setzen. Für uns ist ein Krieg mit England auch gefährlicher als für Transvaal. Denn wir sind von drei Seiten durch englische Besitzungen umfaßt, und jeden Augenblick kann ein englisches Heer unser ganzes Land durchziehen, von welcher Seite es will. Auch scheint es mir sehr zweifelhaft zu sein, ob es für die vereinigten Buern sogar möglich ist, den Kampf mit England aufzunehmen. England ist viel zu mächtig für uns. Wenn auch für den Augenblick nur wenig Truppen in Afrika stehen, so können doch binnen sechs Wochen 20000 Mann hier versammelt sein, und wie wollten wir einer solchen Macht widerstehen?«
»Es ist möglich,« sagte der Schatzsekretär, »daß wir England nicht widerstehen könnten, wenn es wirklich seine ganze Macht aufbieten wollte. Aber zunächst rechnen wir anders. Wir können den englischen Truppen solche Schlappen beibringen, daß die Regierung der Königin einsieht, es bedürfe einer sehr großen Machtentfaltung, um uns niederzuwerfen; und dann möchte wohl in London die Erkenntnis entstehen, daß es besser ist, unsere billigen Bedingungen anzunehmen, als so viel Geld und Truppen aufzuwenden, wie notwendig erscheinen, um uns zu besiegen. Wir haben am Kriege mit den Zulus gesehen, daß England ungeheurer Anstrengungen bedarf, um in Afrika Krieg zu führen. England bedauert, so viel Verluste erlitten zu haben, nur um Tschetschwajo zu besiegen. Wir vertrauen darauf, einen noch ganz andern Widerstand leisten zu können als Tschetschwajo, und die Engländer werden nicht Lust haben, noch mehr Opfer zu bringen, als sie schon im Zulukriege gebracht haben. Der neue Premierminister Gladstone ist nicht der Mann für große kriegerische Unternehmungen. Was könnte England auch durch einen teuer erkauften Sieg gewinnen? Der Vorteil wäre nicht groß genug, um als Entschädigung gelten zu können. Aber selbst wenn wir uns in dieser Berechnung täuschen -- wir wollen lieber ehrenvoll untergehen als uns sklavisch unter das Joch beugen, das man uns auferlegt hat. Und wir vertrauen darauf, daß der gerechten Sache eine große Macht innewohnt, indem die göttliche Gerechtigkeit selbst die Entscheidung bringt.«
»Es ist wahr, Gladstone wird nicht Lust haben, einen großen Krieg zu führen,« sagte Präsident Brand. »Verstehen Sie mich recht, Herr Schatzsekretär, ich lehne es nicht ab, mit Transvaal zu gehen. Nur wollen wir erst klarer sehen. Wir wollen nichts überstürzen. Ein Geduldiger ist besser als ein Starker, heißt es schon in unserer heiligen Schrift.«
»Sir Bartle Frere war eine eiserne Hand in einem Handschuh von Sammet,« sagte der Schatzsekretär. »Er wollte ein großes englisches Reich in Südafrika gründen. Tschetschwajo war ein Stein des Anstoßes auf seinem Wege und mußte fallen. So sollten auch die Buernstaaten fallen, denn sie waren für die Pläne des Generalgouverneurs ebenfalls Steine des Anstoßes. Jetzt ist Sir Bartle Frere fort, und die eiserne Hand, die Südafrika gepackt hatte, ist für den Augenblick gelähmt. Benutzen wir die Gelegenheit, denn sie kommt niemals wieder! Wir Buern sind die geborenen Herrscher von Südafrika. Lassen Sie uns zusammengehen, Herr Präsident! Wer nicht wagt, gewinnt nicht. Wir können ein Reich bilden, das reich und mächtig wird. Wir müssen Verbindung mit dem Meere bekommen, eine Eisenbahn von Bloemfontein über Pretoria und Lydenburg nach der Delagoabai bauen, freien Handel mit der übrigen Welt erringen und Südafrika Gesetze vorschreiben.«
»Wir wollen es bedenken,« sagte Präsident Brand. »Ich werde mich mit den Mitgliedern der Regierung beraten.«
Achtundzwanzigstes Kapitel
Die Rekognoszierung
»Der Präsident Brand geht langsam und bedächtig,« sagte der Schatzsekretär zu Pieter Maritz, als er mit ihm zusammen das Haus des Präsidenten verlassen hatte. »Er ist der Sohn eines Engländers, und man hat bei uns wohl davon gesprochen, daß er lieber von England Gunst und Gnaden, die ihm sicher sind, annehmen, als das ungewisse Los des Krieges für die Freiheit wagen möchte. Er will abwarten, wie der Krieg sich wendet, und hofft auf eine günstige Gelegenheit, den Vorteil des Oranjefreistaats zwischen beiden Parteien wahrzunehmen. Wir sind auf uns selbst gestellt, mein junger Freund.«
»Wir werden den Krieg auch allein zu Ende führen,« entgegnete Pieter Maritz zuversichtlich.
»Das gebe Gott!« setzte der Schatzsekretär hinzu.
Der Wagen des Herrn Swart bot den beiden aus Kimberley geflüchteten Buern ein willkommenes Mittel, nach Transvaal zurückzukehren. Der Schatzsekretär lud sie ein, mit ihm zu fahren, und schon am folgenden Morgen reisten sie ab und durcheilten wie im Fluge das weite Land. Sie setzten südlich von Potschefstroom über den Vaalfluß und erreichten an einem der ersten Tage des Jahres 1881 diese ehemalige Hauptstadt der Republik. Sie hatte sich sehr verändert, seitdem Pieter Maritz sie als Gefangener der Engländer gesehen hatte. Oberst Winslow und ein halbes Dutzend anderer Offiziere nebst mehreren Engländern, die in Potschefstroom gewohnt hatten, waren nun mit der kleinen englischen Garnison im Fort eingeschlossen, und ringsum standen die Posten einer starken Buernschar, welche das Fort belagert hielt. Andere englische Offiziere, wie Major Clarke und Kommandant Raaf, waren von den Buern gefangen genommen worden und wurden in einem Hause der Stadt bewacht. Die Stadt selbst hatte ein kriegerisches Aussehen. Die Buern aus den entfernteren Teilen des Landes kamen nach und nach zusammen, um sich auf dem wichtigsten Punkte, nahe der Grenze von Natal, zu vereinigen, und lange Reiterzüge waren zu erblicken. Ähnlich war es in Pretoria, wohin der Schatzsekretär sich mit Pieter Maritz begab, während der ältere Buer sich in Potschefstroom von ihnen trennte. Auch das Fort von Pretoria war von Buern belagert, und die Stadt zeigte in ihrem Aussehen den begonnenen Krieg an. Die fremden Abenteurer waren verschwunden, keine englische Uniform war mehr zu sehen. Eine ernste, feierliche Stille lag auf der Einwohnerschaft, und hohe starke Männer in voller Waffenrüstung, alle mit dem breitkrempigen Hut und der guten Büchse, durchschritten und durchritten die Straßen.
Mit wahrer Wonne fand Pieter Maritz hier sein Pferd und seine Waffen wieder, die ihm Lord Fitzherbert, seinem Versprechen getreu, dorthin, zu einem Buern gesandt hatte, bei dem Pieter Maritz seit seiner Rückkehr aus dem Zulukriege wohnte. Er gürtete den spanischen Degen um, hängte die vom Vater ererbte vortreffliche Büchse über die Schulter, schwang sich freudig in den Sattel und ritt alsbald nach Heidelberg, wo das Lager des Buernheeres sich befand. Die englischen Truppen hatten sich, soweit sie nicht in den Forts belagert wurden, aus dem Lande zurückgezogen.
Pieter Maritz ritt dieselbe Straße, auf welcher ihm vor fast drei Wochen die Dragonerpatrouille begegnet war und auf der heute nur Landsleute, bewaffnete Buern auf schnellen Pferden, zu sehen waren. Er erreichte Heidelberg, und sein Herz schlug höher, als er das ausgedehnte Lager erblickte. Die kleine Stadt selbst war voll von Männern, und auch daneben lagerten im Felde viele hundert Streiter. Überall waren die Verdecke der großen Wagen zu sehen, und neben den Wagen auf dem grünen Rasen die Zugochsen und die Pferde. Viele Feuer brannten, und der Rauch wirbelte durch die klare Luft empor, unzählige Kaffern waren beschäftigt, die Feuer zu nähren und die weißen Männer zu bedienen, die im Felde lagen.
Pieter Maritz begab sich nach Heidelberg hinein und suchte den Kommandanten des Heeres, den Feldkorporal Joubert, auf. Er ward nach einem Hause gewiesen, über dessen Dach die Flagge von Transvaal, der Vierklör, wehte, drei Streifen horizontal, rot, weiß und blau, dazu ein senkrechter Streifen, von grüner Farbe, nahe der Flaggenstange. Dies Zeichen der Unabhängigkeit des Vaterlandes, welches im Lager der Buern den Standort des Hauptquartiers anzeigte, erfüllte des Buernsohnes Brust mit stolzer Freude. Indem er hinanjagte bis vor die Fahne, schwang er den Hut hoch in der Luft und rief aus vollen Lungen Hurra für die Südafrikanische Republik.
Vor der Thür des Hauses saß ein kleiner Kreis älterer Männer in Beratung beisammen. Sie rauchten ihre Pfeifen in ruhiger Gelassenheit und blickten über das Lager hin, das sich im Thale unter ihnen ausbreitete. Als sie den Jubelruf des Buernsohnes vernahmen, lächelten sie, und einer von ihnen, in welchem Pieter Maritz den General erkannte, rief ihm mit mächtiger Stimme einen Willkommengruß zu. Pieter Maritz sprang aus dem Sattel und näherte sich.
»Nun, mein lieber Neffe,« sagte der General, ihm die Hand schüttelnd, »wo haben Sie denn so lange gesteckt? Ich habe schon nach Ihnen ausgeschaut unter den Männern Ihrer Gemeinde, aber habe Sie nicht finden können.« Pieter Maritz erzählte seine Erlebnisse.
»Ei, mein armer Junge,« sagte General Joubert, »da sind Sie übel gefahren! Aber es freut mich, daß Sie sich aus dem Loche herausgemacht haben. Ein richtiger Buernjunge kommt doch überall durch! Die Gefangenschaft wird Sie nicht freundlicher gegen die Rotröcke gestimmt haben, und ich denke, Sie werden ihnen den Ärger in richtigen Hieben zurückzahlen. Nun setzen Sie sich einmal hier mit her, denn Sie kommen mir gerade wie gerufen.«
Pieter Maritz setzte sich, bescheiden grüßend, mit zu den versammelten Männern, alten Buern mit kühnen, wetterbraunen Gesichtern, und der General sagte: »Wir haben erfahren, daß General Colley im Anmarsch ist, und er möchte jetzt wohl nahe bei Newcastle oder schon in der Stadt selbst sein. Er kann nicht viele Mannschaft bei sich haben, schwerlich viel mehr als tausend Mann. Aber er will den Stier bei den Hörnern packen. Er kommt gerade auf die Ecke losmarschiert, welche Natal an unserm Distrikt Utrecht hin vorschiebt, und möchte wohl die Garnisonen befreien, welche wir eingesperrt halten. Die stolzen Engländer können den Gedanken nicht ertragen, daß wir dem Gouverneur von Transvaal samt seinen Soldaten den Daumen aufs Auge gedrückt und sie wie die Maus in der Falle haben.«
Ein tiefes stilles Lachen brach aus Jouberts Brust hervor, und die Buern um ihn her stimmten herzlich in das Lachen mit ein, so daß ihre mächtigen Schultern bebten.
»Sir George Pomeroy Colley möchte, wie mir scheint, auf der kürzesten Linie hierher kommen,« fuhr der General fort. »Er möchte die gute breite Straße marschieren, die von Newcastle direkt nach Pretoria führt. Aber da muß er doch, wie ihr alle wißt, durch einen Zipfel Land, der seine Schwierigkeiten hat. Ich denke, daß wir ihn mit Gottes Hilfe nicht durchlassen werden. Er muß durch die Drakensberge hindurch, um auf das Hooge Veldt zu kommen, und wir wollen ihn mit Gottes Hilfe noch in den Drakensbergen fassen, ehe er die Ebene zu sehen bekommt. Er darf gar nicht seinen Fuß auf transvaalschen Boden setzen, er soll noch in Natal selbst, in den Bergen zwischen Newcastle und dem Hooge Veldt die Buern kennen lernen, falls er den Mut hat, weiter vorzurücken.«
»Das soll er, das soll er,« sagten die Buernführer. »Wir lassen ihn nicht auf transvaalschen Boden.«
»Ich will morgen eine starke Schar vorrücken lassen, welche die Pässe besetzt, die in unser Land führen,« fuhr der General von neuem fort. »Nur giebt es mehrere Wege von Newcastle aus durch das Gebirge. Die Engländer können über den Buffalo gehen und auf Wakkerstroom ziehen, aber sie können auch auf dem rechten Ufer des Buffalo bleiben und den nächsten Weg, den Fluß aufwärts, hierher kommen. Was sie nun thun, das müssen wir zu erfahren suchen, und einige flinke Burschen sollen sich dem Engländer an die Seite heften und genau beobachten, was er beginnt. Dann sollen sie uns beizeiten Meldung geben, damit wir ihm entgegengehen können.«
Der General blickte Pieter Maritz bei diesen Worten an, und der Buernsohn errötete vor Vergnügen.
»Pieter Maritz,« sagte General Joubert, »Sie kennen ja die Engländer gut, Sie sind mir der rechte Mann zu einem solchen Auftrage. Sie und noch ein Dutzend tüchtige Reiter sollen morgen früh aufbrechen und die Engländer suchen.«
Glücklich über den ehrenvollen Auftrag entfernte sich Pieter Maritz und stieg wieder zu Pferde, um die Männer seiner Gemeinde aufzusuchen, welche sich im Lager befanden. Er kam an der kleinen Kirche vorbei und sah, daß die Buern in großer Anzahl hineinströmten, um den Abendgottesdienst zu feiern. Sie gingen ernst und schweigend, und viele trugen ihre Bibeln unter dem Arme. Dann ritt er dem Lager zu. Es war ihm auffallend, wie sehr sich das Buernlager von den Lagern der Engländer unterschied, die er so oft durchritten und in denen er so manchen Tag und so manche Nacht verbracht hatte. Hier bei den Buern war kein fröhlicher Gesang, kein scherzendes Gespräch, kein Ausbruch militärischer Lustigkeit und militärischer Roheit. Hier wurde nicht geflucht, nicht getrunken und nicht gespielt, hier wurde nicht mit Marketenderinnen und andern Frauenzimmern aus den Kolonien Spaß getrieben. Überall herrschte Schweigen, oder die Buern waren in langsamem, ruhigem Gespräch beisammen. Die Äußerungen, welche Pieter Maritz auf seinem Wege vernahm, wenn er nahe bei den Gruppen der großen schweren Männer vorbeikam, waren von ganz andrer Art, als er bei den Engländern zu hören gewohnt war.
»O, welch ein böses Volk die Engländer sind!« hörte er sagen. »Ist es nicht schlimm, daß wir für unser Besitztum und unser Recht noch kämpfen müssen? -- Es ist nicht gut, daß Christen miteinander Krieg führen sollen. -- Die Engländer plagen uns doch recht. -- Gott wird der gerechten Sache den Sieg verleihen.« -- Solche und ähnliche Reden hörte Pieter Maritz auf seinem Ritt an den Feuerplätzen und Ochsenwagen hin, und wenn er nicht den Charakter seiner Landsleute gekannt hätte, so hätte er beim Anblick der Ruhe und Stille wohl auf den Gedanken kommen können, daß eine gedrückte, ängstliche Stimmung auf diesem Heere laste, dessen Kämpfer Weib und Kind und Haus und Herde verlassen hatten, um gegen ein mächtiges Reich zu kämpfen. Aber Pieter Maritz kannte diese Ruhe besser; er wußte, daß diese stillen Männer entschlossen waren, nicht eher die Waffen niederzulegen, als bis sie ihr Vorhaben siegreich durchgeführt hätten, und daß sie im Bewußtsein ihres Rechts die Menge der Feinde nicht zählten, nicht daran dachten, daß ihr ganzes Volk im Vergleich mit dem britischen Weltreich nur eine kleine Gemeinde war.
Als Pieter Maritz den Platz erreichte, wo seine Freunde und Verwandten, Baas van der Goot, sein Oheim Klaas und die andern Buern aus der Gemeinde lagerten, fand er sie im Kreise versammelt und sah Baas van der Goot mit einer Bibel in ihrer Mitte stehen. Der alte Krieger hatte seine große Hornbrille aufgesetzt und schickte sich an, ein Kapitel zu lesen. Pieter Maritz band sein Pferd an und gesellte sich mit abgezogenem Hute zu der andächtigen Menge. Der rote Schein der tiefstehenden Sonne beleuchtete den weißen Bart und das spärliche weiße Haar des Ältesten. Er hielt in seinen gewaltigen braunen Händen die Bibel empor und las dann mit größter Langsamkeit und einer tiefen Stimme, die aus der mächtigen Brust wie aus einem tiefen Keller hervorklang, das Kapitel von Gideons Sieg über die Midianiter. Wie die Engländer in ihren Gottesdiensten das Neue Testament, so legten die Buern in ihren Gottesdiensten fast immer das Alte Testament zum Grunde, und Pieter Maritz war daran gewöhnt, die Buern sich selbst als das auserwählte Volk, Engländer und Kaffern aber als Philister und Amalekiter, Midianiter und Baalsdiener betrachtet zu sehen.
Sehr langsam, Silbe nach Silbe bedächtig hervorholend, las der Älteste: »Und die Midianiter und Amalekiter und alle aus dem Morgenland hatten sich niedergelegt im Grunde wie eine Menge Heuschrecken; und ihre Kamele waren nicht zu zählen vor der Menge, wie der Sand am Ufer des Meeres. Da nun Gideon kam, siehe da erzählete einer einem andern einen Traum und sprach: Siehe, mir hat geträumet, mich deucht, ein geröstet Gerstenbrot wälzte sich zum Heer der Midianiter; und da es kam an die Gezelte, schlug es dieselbigen und warf sie nieder und kehrete sie um, das oberste zu unterst, daß das Gezelt lag. Da antwortete der andere: Das ist nichts anderes, denn das Schwert Gideons, des Sohns Joas, des Israeliten. Gott hat die Midianiter in seine Hände gegeben mit dem ganzen Heer. Da Gideon denn hörete solchen Traum erzählen und seine Auslegung, betete er an und kam wieder ins Heer Israel und sprach: Macht euch auf, denn der Herr hat das Heer der Midianiter in eure Hände gegeben.«