Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 44
Er blickte um sich. Das Dach war nicht sehr steil, aber glatt, und der Nebel hatte es mit einer glänzenden nassen Schicht überzogen. Es war aus Platten von Eisenblech gebildet, gleich den Fußböden, und hatte verschiedene Fenster, die wohl gleichfalls zu Gefangenenräumen führten. Einige der Fenster lagen in der Dachfläche selbst, andere befanden sich in vorspringenden kleinen Erkern. Pieter Maritz sah überall auf Dächer, welche niedriger lagen, aber kein einziges stieß nahe genug an das Gefängnis heran, um darauf springen zu können, sondern überall umgab ein freier Raum das einzeln stehende große Backsteingebäude. Der Himmel war abwechselnd hell und dunkel, je nachdem die Wolken zogen. Höchst merkwürdig aber sah von hier oben das große Loch aus, welches Pieter Maritz im Vorbeifahren gesehen hatte. Denn unten darin und an den Hängen brannten Hunderte von Lampen oder Fackeln, und der schwarze Schlund sah wunderbar aus, indem die gewaltige Weite und Tiefe des Abgrundes durch diese Lichter recht deutlich wurden und die Bewegung der vielen hellen Punkte ihm etwas Unirdisches gaben. Pieter Maritz mußte unwillkürlich an die Hölle denken und konnte trotz der Gefahr, worin er schwebte, und trotz seines Eifers, einen Fluchtweg zu entdecken, seine Augen mehrere Minuten lang nicht von diesem Einblick in die Eingeweide der Erde abwenden. Dann beugte er sich nieder und flüsterte dem Regenmacher zu, er möge heraufkommen, damit sie sich beide überlegen könnten, was zu thun sei. Zugleich ließ er ein Ende des Strickes hinunter, den er mit hinaufgenommen hatte, der Regenmacher band sich den Strick unter den Armen fest, und dann zog ihn Pieter Maritz empor, bis er selbst den Fensterrand ergreifen und sich heraufschwingen konnte. Nun saßen sie beide auf dem Rande der Öffnung und spähten umher.
»Wir wollen das Dach untersuchen,« sagte Pieter Maritz. Auf Händen und Knieen kroch er vom Fenster aus hinan, bis er den Kamm des Daches erreichte, der Regenmacher folgte ihm nach, und dann setzten sie sich rittlings und blickten nach beiden Seiten hinunter. Aber es zeigte sich keine Möglichkeit, hinabzugelangen. Links und rechts neigte sich das Dach in derselben Weise, und der Rand war viel zu hoch über dem Erdboden, um an dem Stricke hinabkommen zu können, selbst wenn sie eine Stelle gefunden hätten, wo der Strick sicher zu befestigen gewesen wäre.
»Wir müssen suchen, in eines der Fenster hineinzuklettern,« sagte Pieter Maritz, der, seinem unternehmenden Charakter gemäß, die Führung übernommen hatte. »Vielleicht finden wir ein Fenster, welches nicht vergittert ist, und wir kämen dann wohl in einen Raum, der nicht Kerker wäre.«
Der Regenmacher nickte und fing alsbald an, nach rechts hin auf dem Dache umherzukriechen und in die Fenster zu sehen, während Pieter Maritz es ebenso auf der linken Seite machte. In der That fand Pieter Maritz eines der Fenster, welches in einem Erker lag, ohne Gitter. Eine schwarze Öffnung blickte ihm entgegen. Aber er konnte nicht sehen, was darin war, denn es war ganz dunkel hinter dem Fenster. Vorsichtig kroch er wieder hinauf und pfiff leise, um den Regenmacher herbeizurufen. Dieser kam heran, und beide beratschlagten vor der schwarzen Öffnung, was sie thun sollten. Endlich beschlossen sie, der Regenmacher solle am Stricke hinabklettern. Wiederum ward ihm der Strick unter den Armen durchgebunden, und dann stieg er hinein, während Pieter Maritz oben hielt. Er hatte die ganze Last des Mannes zu tragen, denn dieser fand durchaus keine Stütze, sobald er innerhalb des Fensters war, und es zeigte sich, daß hier ein Bodenraum von beträchtlicher Höhe war. Als der Regenmacher glücklich auf den Füßen war, stand er so niedrig, daß Pieter Maritz nicht hätte hinabspringen können, ohne Gefahr zu laufen, sich zu beschädigen. Der Regenmacher machte sich inzwischen von dem Stricke los und suchte umher. Dann kehrte er zurück und teilte mit, er habe eine Thür gefunden, welche leicht zu erbrechen sei. Aber wie wollte Pieter Maritz hinunterkommen? Er suchte den Strick zu befestigen, um daran hinabzuklettern, aber er bemühte sich vergeblich. Endlich stieß er mit aller Gewalt das spitze Eisen zwischen zwei Eisenbleche, um daran den Strick festzubinden. Aber indem er so kräftig bohrte, glitt plötzlich sein linker Fuß mit der Stiefelsohle auf dem von der Nässe schlüpfrig gemachten glatten Dache aus, und er fühlte sich zu seinem Schrecken abwärts gleiten. Er suchte sich mit Ellbogen und Knieen anzustemmen und gleichsam festzukleben, während er Eisen und Strick mit den Händen festhielt, aber ohne Erfolg. Er rutschte wohl zehn Fuß weit abwärts und fuhr über den Rand des Daches hinaus.
In diesem Augenblick durchfuhr die Gewißheit des nahen Todes die Gedanken des Buernsohnes, und er sah sich im Geiste schon zerschmettert unten liegen. Mit der Schnelligkeit des Blitzes flog die Vergangenheit seines Lebens an ihm vorüber, und er sah seine weinende Mutter, die er nicht wiedersehen sollte, vor sich stehen. Aber indem er schon zu stürzen wähnte, gab es einen heftigen Ruck, und er fühlte sich mit den Ellbogen in der Dachrinne gestützt. Mit dem Oberkörper war er oberhalb des Dachrandes, mit den Beinen hing er nach unten, und nur die Arme hatten einen Haltepunkt. Instinktmäßig bog er sich vor und preßte sich mit aller Kraft an die Regenrinne an, und wie durch ein Wunder gelang es ihm, die Gewalt des Sturzes aufzuhalten. Meißel und Strick hielt er noch immer in den Händen. Er klammerte sich an und bemühte sich, ein Bein hinaufzubringen. Aber indem er das rechte Knie anzog und auf den Rand hinaufhob, ergriff ein heftig schmerzendes, krampfartiges Gefühl den ganzen Körper, so daß er wie gelähmt in der augenblicklichen Stellung hängen blieb. Erst allmählich verschwand dieser Krampf, und nun gelang es Pieter Maritz, während er in dieser Not voll Inbrunst ein Vaterunser betete, das rechte Bein hinaufzubringen und dann mit ganzem Leibe wieder auf das Dach zu kommen. Er schöpfte tief Atem und saß eine Zeitlang still, um neue Kraft zu gewinnen. Dann fiel ihm ein, daß es vielleicht möglich sein werde, an der Wasserröhre hinunterzugleiten. Er rutschte die Dachrinne entlang bis zur Ecke, aber obwohl er hier die Stelle fand, wo die Röhre nach unten ging, so ward er doch enttäuscht, denn das Dach sprang zu weit vor, und die Röhre machte einen zu weiten Knick nach unten, als daß er ihre senkrechte Fortsetzung hätte ergreifen können. Er kroch also wieder zurück und sprach durch das Fenster mit dem Regenmacher, der im Innern stand und ihn schon für verloren gehalten hatte, da er das Hinabgleiten gehört hatte.
Nunmehr machte Pieter Maritz mit großer Vorsicht eine Eisenplatte am Rande des Fensters los, schlug den losgerissenen Nagel wieder fest und knüpfte das Ende des Strickes an diesen Nagel. Dann ließ er sich an dem Stricke in das Innere des Daches hinab und nahm den Meißel mit. Gemeinsam mit dem Regenmacher ging er dann zu der Thür, und es gelang ihnen, sie aufzusprengen, indem sie den Meißel zwischen Schloß und Pfosten stemmten und mit vereinigter Kraft das Schloß herausbrachen. Es that einen Krach, als die Thür aufging, und sie standen einige Minuten regungslos, um zu erwarten, ob etwa eine Wache durch den Lärm aufmerksam geworden wäre. Doch blieb alles ruhig, und nun gingen sie über einen Korridor an mehreren Thüren vorbei, fanden trotz der Dunkelheit, die im Innern des Gebäudes herrschte, die Treppe und stiegen hinab, bis sie den Flur im Erdgeschoß erreichten. Hier hörten sie Stimmen und sahen Licht durch einen schmalen Thürspalt dringen. Neben der Hausthür war das Wachtzimmer, und die darin befindlichen Wächter unterhielten sich. Leise schlichen sie an der Thür des Wachtzimmers vorbei und versuchten die Hausthür zu öffnen. Aber sie war verschlossen, auch steckte kein Schlüssel darin, und es war nicht daran zu denken, die schwere Thür, welche mit Eisen beschlagen war, etwa aufzubrechen. Selbst wenn ihre Kraft dazu ausgereicht hätte, würde der Lärm die Wächter herbeigerufen haben. Sie kehrten von der Hausthür zurück und suchten einen andern Ausweg, aber es war keiner zu finden. Überall waren feste Wände oder starke verschlossene Thüren.
Ratlos standen sie im Flur und wußten nicht mehr, was sie thun sollten. »Wir wollen hier bleiben, bis die Schildwache abgelöst wird,« sagte Pieter Maritz. »Alsdann muß die Hausthür geöffnet werden. Wir benutzen den Augenblick, rennen die Leute, die uns dann etwa im Wege stehen, über den Haufen und suchen zu fliehen.«
Aber der Regenmacher wollte darauf nicht eingehen. Er hatte nicht den Mut, sich in einen Kampf mit den bewaffneten Wächtern einzulassen, und Pieter Maritz gab ihm nach, da er selbst fühlte, daß dieser Plan ein verzweifelter sei. Sie kehrten wieder um, gingen die Treppe hinauf auf den Boden und setzten sich dort fast ganz mutlos nieder, indem sie sich den Kopf zerbrachen, einen Ausweg zu finden. Bald wurde Pieter Maritz aber die Dunkelheit in diesem Raume drückend, er ging zu dem Strick, den er am Fenster hatte baumeln lassen, kletterte hinauf und kauerte sich auf den Fensterrand nieder, um wenigstens freien Himmel und frische Luft um sich her zu haben. Da schien es ihm, indem er unwillkürlich nach der Mine blickte und das geheimnisvolle Wandern der Lichter beobachtete, als ob diese sich an einer bestimmten Stelle am Saume des Abgrunds vereinigten, und einen dicken feurigen Klumpen bildeten. Immer mehr helle Punkte kamen langsam aus dem Innern hervor und sammelten sich zu dem gemeinsamen Feuer. Es war, als ob viele Glühwürmer sich zu einem dichten Schwarme vereinigten.
Pieter Maritz pfiff leise zum Zeichen für den Regenmacher, und alsbald kam die geschmeidige Gestalt des Kaffern an dem Stricke empor und zeigte sich das kluge Gesicht des vielgewandten Mannes über dem Dachrande. Er sah das sonderbare Leben in der Mine, und seine Augen nahmen den Ausdruck der Überraschung an.
»Die Minenarbeiter versammeln sich,« sagte er.
»Was wollen sie thun? Warum versammeln sie sich?« fragte Pieter Maritz.
»Sie sind oft unzufrieden,« sagte der Regenmacher. »Sie bekommen nicht genug Lohn, und sie wollen sich nicht durchsuchen lassen, wenn sie aus der Mine kommen.«
Währenddessen war ein dumpfes Geräusch wie von vielen Stimmen aus der Ferne zu vernehmen, und plötzlich zuckte ein Blitz am Rande der Grube auf, und der Knall eines Schusses zerriß die Luft. Offenbar gab es einen Kampf an der Mine und waren die Aufseher bemüht, die Arbeiter zur Ordnung zu bringen, während diese sich widersetzten. Mit gespannter Aufmerksamkeit sahen die beiden Gefangenen auf dem Dache der Scene zu. Der Lärm ward immer vernehmlicher, eine große Masse von Menschen wälzte sich beim Scheine vieler Fackeln von der Mine fort durch die Straßen, und schon konnte man deutlich sehen, daß die Bevölkerung wach wurde. Hinter vielen Fenstern erschien Licht, und aus den Häusern kamen Leute hervor, welche sich in das Gewühl der Arbeiter mischten.
Auch das Gefängnis wurde lebendig. Pieter Maritz hörte den Ruf der Schildwache, dann öffnete sich die Hausthür und Stimmen wurden unten in der Straße laut. Gleich darauf marschierte eine kleine Abteilung von sechs Mann vom Gefängnis weg, der Arbeitermasse entgegen. Aber mehr und mehr geriet die Stadt in Bewegung, und immer lauter wurde der Tumult der aufgeregten Minenarbeiter. Flüche und wildes Schreien schollen von drunten her, und alle Straßen wurden lebhaft, während die Dunkelheit der Nacht noch immer anhielt und die Schrecken des Aufstandes vermehrte.
Für Pieter Maritz freilich hatte die Bewegung keine Schrecken. Er hoffte, daß sich in dem allgemeinen Tumult eine Gelegenheit zur Flucht würde finden lassen, und nahm den Gedanken wieder auf, aus der Hausthür zu stürmen, falls diese geöffnet wäre. Noch sah er, daß die Polizeiwache mit den Arbeitern in Streit geriet, indem diese sich nicht zurücktreiben lassen wollten, dann faßte er den Regenmacher am Arm und forderte ihn auf, wieder hinabzusteigen und unten im Flur auf ein Öffnen der Thür zu warten. Der Regenmacher folgte ihm, und beide kletterten wieder durch das Fenster und gingen die Treppe hinab. Auf dem Wege hörten sie schon die Menge näher kommen, mehrere Schüsse ertönten, und das Stimmengewirr, das laute Rufen und Schreien kam näher. Im Gefängnis selbst wurde es lauter, überall waren die Gefangenen erwacht, riefen, pochten an die Thüren und waren offenbar in Unruhe. Pieter Maritz hielt an. »Wir wollen meinen Landsmann herauslassen,« sagte er. Und nun pochte er von außen an mehrere Thüren und rief wiederholt den Namen des Buern, der mit ihm gekommen war. Bald hatte er die rechte Thür gefunden und hörte von innen die rechte Antwort. Nun stemmte er das Eisen zwischen Thür und Pfosten und brach mit voller Kraft. Doch die feste, eisenbeschlagene Thür wollte nicht weichen, obwohl der Buer von innen seine breite Schulter gewaltig anlegte.
Mit einem Male erscholl ein entsetzliches Krachen, welches allen andern Lärm übertönte und für einen Augenblick alles Geräusch im Gefängnis selbst und draußen zum Schweigen brachte. Das feste Haus erbebte und klirrte, und angstvolle Stille lagerte auf dem Schauplatze des Tumults. Doch gleich darauf hob wildes Rufen dicht vor dem Gebäude an, mehrere Schüsse dröhnten von neuem, und Pieter Maritz hörte das Volk in das Gefängnis eindringen. Dann füllten sich in wenigen Minuten die Treppe und die Gänge mit den Gestalten der Arbeiter. Im roten Schein der Fackeln erschienen viele Kaffern und auch einzelne weiße Männer mit Äxten und Hacken bewaffnet und stürmten mit Gejohle durch die Korridore. Sie zerschmetterten die Thüren der Zellen und ließen die Gefangenen heraus. Auch die Thür, welche Pieter Maritz vergeblich zu erbrechen versucht hatte, flog nun unter vielen Axthieben in Trümmer, und der Gefangene kam zum Vorschein. Pieter Maritz schüttelte ihm freudig die Hand, und dann suchten die beiden Buern zugleich mit dem Regenmacher dem wilden Gewühle zu entkommen.
Unten im Flur lagen mehrere Körper verwundet oder tot am Boden, und Pieter Maritz wendete sich mit Grauen von dem Anblick ab. Die Hausthür war nicht mehr vorhanden, und nur Splitter von Holz und verbogene Eisenteile bildeten ihre Überreste. Ein tiefes Loch war dort, wo die Schwelle gewesen war. Die Arbeiter hatten sich mit Dynamit den Eingang erzwungen. Mühsam drängten sich die Flüchtlinge durch den Haufen hindurch, welchen die Wut der Zerstörung erfaßt hatte, und suchten das Weite. Doch war der Regenmacher plötzlich im Gedränge verschwunden und gleichsam in den Boden gesunken. Er suchte seine eigenen Wege und mochte auf die Rettung seiner versteckten Diamanten bedacht sein, wobei ihm Gesellschaft unerwünscht war.
Den befreiten Buern kam es jetzt sehr zu statten, daß der ältere von ihnen mit dem Lande bekannt war. Nach kurzer Zeit hatten sie das freie Feld erreicht, und mit innigem Dankgefühl gegen Gott sah Pieter Maritz auf das ihm verhaßt gewordene Kimberley zurück, während jetzt die Sonne aufging und sein Herz mit frischem Mut wie die Landschaft mit goldigem Glanz übergoß. Sie suchten eine Meile von der Stadt die Farm eines gastfreundlichen Buern auf, erquickten sich dort mit Speise und Trank und setzten alsbald auf einem Wagen, den ihnen der Buer vermietete, ihre Reise fort, um Bloemfontein, die Hauptstadt des Oranjefreistaats, zu erreichen. Im Oranjefreistaat hielten sie sich für sicher vor Verfolgung durch englische Polizei, und von Bloemfontein aus hofften sie am leichtesten nach dem Transvaallande zurückkehren zu können. Glücklicherweise hatte Pieter Maritz noch einige Goldstücke im Versteck bei sich, die den Durchsuchungen der Polizei in Potschefstroom entgangen waren. Er hatte sie in das Beutelchen gesteckt, welches seine Mutter ihm einst als Talisman mitgegeben hatte. So konnte er den Buern für den Wagen bezahlen, denn so gastfrei dieser auch war, hatte er doch keine Lust, einen Wagen mit zwei Pferden und einem Kafferkutscher umsonst für die Reise nach der Hauptstadt herzugeben.
Am Nachmittag des zweiten Tages erreichten sie glücklich Bloemfontein und erblickten die hoch wehende Flagge des Freistaats, orange und weiße Streifen mit der holländischen Trikolore oben in der Ecke. Die Stadt sah ihrem Namen entsprechend reizend aus, wahrhaft »blumenquellend«, und erschien um so schöner, als die Fahrt auf der Landstraße durch öde und dürre Gegenden geführt hatte. Nun lag Bloemfontein mit seinen Gärten und den hohen Eukalyptus- und Weidenbäumen wunderhübsch da. Als sie in die Stadt kamen, fielen Pieter Maritz die geschmackvollen Häuser und die eleganten Anzüge auf der Straße auf. Männer und Frauen machten Nachmittagspromenade, und überall glänzten seidene Kleider und prächtige Hüte.
»Die Leute verdienen hier ungeheures Geld,« sagte ihm sein Gefährte. »Sie verkaufen Fleisch und Gemüse nach den Diamantenfeldern, und das kostet dort fünfmal so viel wie anderswo.«
Vielfach hörte Pieter Maritz auf den Straßen deutsch sprechen, wovon er durch den alten Missionar einige Worte und Wendungen kannte, und auch das Hotel, welches sie aufsuchten, das »Free State Hotel«, ward von Deutschen, den Gebrüdern Stock aus Frankfurt am Main, gehalten, und war so sauber und schön, wie Pieter Maritz in allen Städten Südafrikas, die er kannte, noch keins gefunden hatte. Bloemfontein war in lebhafter Erregung, wie schon auf der Fahrt durch die Straßen wahrzunehmen gewesen war. Die Leute sprachen eifrig miteinander, und wichtige Nachrichten schienen von Mund zu Mund zu gehen. Im »Free State Hotel« erhielten sie volle Auskunft über den Gegenstand, der die Stadt beschäftigte: die Erhebung Transvaals hatte ihren blutigen Anfang genommen. Der Generalgouverneur Sir Hercules Robinson, der nun an Stelle des Sir Bartle Frere die Angelegenheiten der Kapländer leitete, hatte die Forderungen der Regierung von Transvaal zurückgewiesen, und der englische Gouverneur von Natal und Transvaal, General Sir George Pomeroy Colley, hatte Befehl gegeben, die Garnisonen im Transvaallande zu verstärken. Darauf hatte die Regierung von Transvaal die Kriegserklärung erlassen, und sofort hatten die Buern losgeschlagen. Sie hatten am 20. Dezember, vor sechs Tagen, einen Teil des 94. Infanterieregiments überfallen, welches unter Kommando des Oberstleutnants Anstruther von Lydenburg nach Pretoria auf dem Marsche gewesen war. Ein genauer Bericht darüber war in der Zeitung zu lesen. Zuerst hatten die Buern, welche rings um die englische Kolonne aufgetaucht waren, den Oberstleutnant aufgefordert, umzukehren. Aber er hatte erwidert, daß er nicht gegen seinen Auftrag handeln könne und wolle; er habe Befehl, nach Pretoria zu marschieren, und das werde er thun. Darauf hätten die Buern ihm gesagt, sie hätten die Kriegserklärung erlassen und würden ihn angreifen, wenn er nicht umkehrte. Er aber habe entgegnet, er werde den Angriff mit den Waffen zurückweisen. Nun habe die Unterhandlung aufgehört, aber der Kampf habe begonnen. Es sei bei Bronkers Spruit, auf dem Wege zwischen Lydenburg und Pretoria gewesen. Die Buern hätten aus der Entfernung von drei Seiten gefeuert und binnen kurzer Zeit hundertundzwanzig englische Soldaten, sowie alle Offiziere zu Boden gestreckt. Den Rest der Kolonne, etwa zweihundertfünfzig Mann, hätten sie gefangen genommen. Dieser Kampf sei das Zeichen zu einem allgemeinen Aufstande geworden, und nun seien die Garnisonen in Pretoria und Potschefstroom in ihre Forts eingeschlossen und würden belagert.
Pieter Maritz las diesen Bericht mit hoch schlagendem Herzen, er sehnte sich, bei den Landsleuten zu sein, seine Gedanken hingen an seinem Pferd und an seiner Büchse.
»Ich gehe zum Präsidenten Brand,« sagte er rasch entschlossen zu seinem Gefährten. »Ich werde ihn bitten, uns mit Pferden und Waffen zu versehen, damit wir uns heimwärts begeben können.«
Der ältere Buer, langsamer von Gedanken und Entschluß, nickte und erklärte sich einverstanden mit diesem Vorschlage. So ging denn Pieter Maritz noch denselben Nachmittag zu dem Hause des Präsidenten. Es war ein hübsches zweistöckiges Gebäude, und Pieter Maritz sah, als er sich näherte, eine Familie in einem der Zimmer des Erdgeschosses versammelt. Die Fenster waren geöffnet, und er sah deutlich einen alten Herrn und mehrere junge Damen am Kaffeetische sitzen, während eine ältere Dame am Flügel saß und sehr schön spielte. Von einem Diener, der vor der Hausthür stand, hörte Pieter Maritz, daß der alte Herr der Präsident sei, und es wurden seinem Eintreten keine Schwierigkeiten bereitet, sondern in einfach bürgerlicher Weise wurde er eingeführt und im Arbeitszimmer empfangen.
Herr Johannes Brand, Präsident des Oranjefreistaats, war ein würdiger Herr mit offenem, wohlwollendem Gesicht, das von einem lang herabwallenden weißen Barte und weißem Haupthaar umrahmt war. Pieter Maritz beobachtete voll Spannung seine Miene, und es kam ihm so vor, als ob aus dem freundlichen Antlitz ein Paar sehr kluger Augen blickten. Sein Vertrauen auf den Erfolg seines Besuches ward durch den Anblick dieser Augen aber nicht erhöht, sondern er hatte das Vorgefühl, mit einem Manne von berechnender Schlauheit und zwar freundlicher Gesinnung, doch geringer Energie zu thun zu haben.
Er trug jedoch bescheiden seine Sache vor, erzählte, welchen Auftrag er vom Präsidenten Krüger erhalten habe, welches Mißgeschick über ihn gekommen sei, indem die Engländer ihn gefangen genommen hätten, wie er aus Kimberley entkommen sei, und bat endlich um ein Pferd und eine Büchse für sich und seinen Kameraden, um wieder schnell nach Transvaal zurückkehren zu können.
»Ei, ei!« sagte der Präsident, indem er den Buernsohn scharf betrachtete und bedächtig den Kopf wiegte, »mein lieber Neffe, ich glaube schon, daß das alles wahr ist, aber haben Sie denn wohl bedacht, daß wir im Frieden sind? Der Oranjefreistaat hat keinen Krieg mit England. Wie können Sie denken, daß ich Leute mit Waffen und Pferden ausrüsten möchte, die hierher gekommen sind, um Buern aus dem Freistaat zum Kriege gegen England aufzureizen?«
Pieter Maritz war sehr betroffen. Er hatte freilich, seitdem er zuerst das Lager der Treckbuern verlassen, um mit dem Missionar ins Weite zu ziehen, viel vom Laufe der Welt kennen gelernt und genug gebietende Männer, Generale und Politiker, gesehen, um zu wissen, daß der Vorteil und nicht das Gefühl in der Lenkung der öffentlichen Angelegenheiten den Ausschlag giebt, aber diese Antwort überraschte ihn doch. Er glühte von Begeisterung für die Sache des Vaterlandes, er fühlte, daß alle Buern zusammenhalten müßten gegen den gemeinsamen Feind, und er ward sehr zornig über einen so kühlen Bescheid. Fast hätte er heftig geantwortet und seine Gedanken frei ausgesprochen; aber er besann sich darauf, daß er einer so hochgestellten Persönlichkeit gegenüber demütig sein müsse.
»Herr Präsident,« sagte er, »ich bin zu jung und unbedeutend, um Eurer Excellenz gegenüber sprechen zu dürfen, aber wir in Transvaal sehen den Krieg ganz anders an, und ich habe immer bei uns sagen hören, daß die Oranjebuern unsere Brüder wären und uns helfen würden. Der Herr Präsident Krüger wird das auch wohl denken, denn sonst hätte er uns nicht ausgeschickt, um unter den Oranjebuern Schriften zu verteilen und sie aufzufordern, zu unserer Armee zu kommen.«
»Ja, mein lieber Neffe, darüber wollen wir beide gar nicht weiterreden,« sagte der Präsident Brand lächelnd. »Ich will das gar nicht gehört haben, was Sie mir da erzählen, und rate Ihnen, sobald als möglich wieder nach Transvaal zu gehen. Höchstens kann ich Ihnen, wenn es Ihnen an Geld fehlen sollte, als Landsmann mit so viel Münze aushelfen, daß Sie mit der Post an die Grenze fahren können.«
Pieter Maritz wurde sehr rot und wollte sich schon mit kurzem Dank entfernen, als draußen ein Lärm zu vernehmen war und er einen vierspännigen Wagen vorfahren sah, in welchem er ein ihm bekanntes Gesicht, das des Schatzsekretärs Swart aus Pretoria, erblickte.