Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 43
Für Pieter Maritz war es ein großer Trost, in seinen traurigen Betrachtungen jetzt nicht allein zu sein, sondern seine Gedanken mit einem Genossen seines Schicksals austauschen zu können. Wie sehr hatte die frohe Begeisterung, welche er im Gedanken an einen Befreiungskrieg geknüpft hatte, einer niederdrückenden Stimmung Platz gemacht! Er hatte sich schon im Geiste inmitten des Heeres seiner Landsleute den Engländern siegreich gegenüber gesehen, und nun war er Gefangener in einem englischen Gefängnis, und welche Aussicht bot die Zukunft! Auch machte er sich Vorwürfe über seine eigene Unvorsichtigkeit. Hätte er doch gleich beim ersten Anblick der Dragoner die Flucht ergriffen! Er sprach über alle diese Dinge mit seinem Schicksalsgefährten, einem älteren Manne, der sein Los mit trotziger Ruhe ertrug. Dieser Buer hatte Weib und Kind, Haus und Herde verlassen, um dem Vaterlande zu dienen, und in seinem markigen Antlitz und der Haltung seines mächtigen Körpers lag der Entschluß ausgeprägt, Glück oder Unglück mit derselben Fassung zu ertragen. Er saß, mit der Pfeife im Munde, am Tische, den Kopf auf die Hand gestützt, und antwortete nur mit spärlichen Worten oder einem Kopfnicken auf die Klagen seines lebhafteren jüngeren Genossen.
Am folgenden Morgen fuhr ein kleiner offener, mit vier Pferden bespannter Wagen vor dem Hause vor, und die Gefangenen wurden aufgefordert, sich hineinzusetzen. Zwei Polizeileute, mit Seitengewehr und Revolver bewaffnet, setzten sich zu ihnen und fesselten den Gefangenen die Handgelenke mit Handschellen. Dann stieg ein Buer von englischer Abstammung auf den Bock und trieb die Pferde an. Mit großer Schnelligkeit ging die Fahrt nach Westen, auf der Landstraße nach Potschefstroom.
Die Polizeileute hielten strenge Aufsicht über ihre Gefangenen. Sie zeigten ihnen die Revolver und erklärten ihnen, daß sie beim ersten Fluchtversuch Gebrauch davon machen würden. Wenn unterwegs an Wirtshäusern Halt gemacht wurde, um den Pferden Ruhe zu gönnen und sie zu füttern und zu tränken, so wurden den Gefangenen zwar die Fesseln abgenommen, damit sie essen und trinken konnten, aber dann blieb doch immer ein Polizeimann, den Revolver in der Hand, bei ihnen. Pieter Maritz dachte an seine Reise mit dem lachlustigen Unteroffizier zu Anfang des Zulukrieges zurück, wo er ebenfalls Gefangener gewesen war. Wie schlimm unterschied sich diese Reise von der früheren! Wieviel hübscher war es damals gewesen, auf Jagers Rücken, wie lustig im Vergleich zu heute! Er fühlte sich schrecklich gedemütigt durch die Fesseln, und die ganze Welt erschien ihm schwarz.
Drei Tage lang waren sie unterwegs, und bergauf, bergab rollte der Wagen durch das hügelreiche Land im Süden des Transvaalstaates. Sehnsüchtig schweifte der Blick der Gefangenen umher, ob nicht etwa eine Hilfe komme. Sie wußten, daß die Buern vielerorts im Lande sich versammelten, um in bewaffneten Haufen nach der Hauptstadt und der südöstlichen Grenze zu ziehen. Wenn doch nur eine dieser Scharen ihnen hätte begegnen und sie befreien wollen! Aber es war nichts von Waffen zu sehen, das Land schien ganz friedlich zu sein, und die Buern, welche sie auf dem Wege trafen, fuhren ruhig mit ihren Ochsenwagen und achteten wenig auf den Gefangenentransport. Die Polizeileute hielten abends in kleinen Ortschaften an, wo sie bekannt waren, und übernachteten bei Farmern, welche es mit der englischen Herrschaft hielten. Denn manche Buern, namentlich im Süden, waren von englischem Blute und standen den Wünschen und Bestrebungen der Masse des Volkes gleichgültig oder feindlich gegenüber, so daß die Engländer eine Partei für sich hatten und eine Kette von Verbindungen an den wichtigsten Straßen besaßen. Beständig dachte Pieter Maritz an Flucht, aber keine Gelegenheit dazu wollte sich zeigen.
Potschefstroom, die frühere Hauptstadt von Transvaal, hatte ebenfalls ein Fort und eine kleine militärische Besatzung, und die Gefangenen wurden sogleich nach ihrer Ankunft vor den Kommandierenden, Oberst Winslow, geführt. Es machte Pieter Maritz den Eindruck, als ob die englischen Militärs in Potschefstroom sich in großer Aufregung befänden. Im Fort war ein eifriges Kommen und Gehen von Boten und Patrouillen, und ernste, besorgte Mienen zeigten sich. Die Erhebung der Buern übte ihren Druck auf die auf einsamen Posten in dem ausgedehnten Lande stehenden Truppen aus, obwohl noch immer Friede war und nur von Ansammlungen der Buern gesprochen wurde. So wenigstens ergab es sich aus dem Verhör, welches von Oberst Winslow im Beisein anderer Offiziere mit den Gefangenen angestellt wurde. Der Oberst war sehr heftig und fuhr sie hart an.
»Wißt ihr nicht, daß ihr Aufrührer seid?« rief er. »Was wollt ihr Buern? Gesteht die Pläne ein, die ihr verfolgt, legt ein offenes Geständnis ab, oder ich lasse euch morgen erschießen.«
Der ältere Buer schwieg und stand in seiner trotzigen Haltung unbeweglich da, Pieter Maritz aber verteidigte sich voller Empörung.
»Wir haben nichts gethan, was unsere Gefangennahme verdiente,« rief er. »Wir haben mitten im Frieden eine friedliche Proklamation des Präsidenten ...«
»Des Präsidenten!« rief der Oberst, ihn unterbrechend. »Es giebt keinen Präsidenten von Transvaal, und schon die Nennung dieses Namens ist Empörung. Es giebt einen Gouverneur von Transvaal, und das ist Sir Robert Lanyon in Pretoria. Über ihm steht der Generalgouverneur der Kapländer, der in der Kapstadt residiert, als Vertreter Ihrer Majestät der Königin. Aber wer von einem Präsidenten von Transvaal spricht, der ist ein Aufrührer. Ich wiederhole euch: es giebt für euch nur ein einziges Mittel, Verzeihung zu erlangen und euer Leben zu behalten, das ist ein offenes Geständnis. Gebt offen an, welche Pläne die sogenannte Regierung der Republik verfolgt, gesteht ein, ob sie Truppen versammelt hat und wo sich diese befinden, dann soll euch verziehen werden. Sonst lasse ich euch erschießen. Und bedenkt, daß ihr eurem Vaterlande selbst den größten Dienst damit erweist, daß ihr gesteht. Denn wenn diese Empörung im Keime erstickt werden kann, so wird viel Unglück verhütet.«
»Sie können uns erschießen lassen, Herr Oberst, aber dann wird es ein Mord sein,« entgegnete Pieter Maritz. »Die Regierung von Transvaal besteht zu Recht, denn sie ist von den Bürgern des Landes erwählt und einer Verfassung gemäß, die von England selbst vor dreißig Jahren anerkannt wurde. England hat die Verträge gebrochen, die es mit der Republik abgeschlossen hat, und die militärische Besetzung und Annexion des Gebietes der Südafrikanischen Republik ist ein Akt der Gewalt. Wir fürchten nicht, erschossen zu werden, unser Blut wird von unsern Landsleuten gerächt werden.«
Diese kühne Entgegnung verfehlte ihren Eindruck auf die englischen Offiziere nicht, die Furchtlosigkeit, mit welcher beide Buern auftraten, imponierte ihnen. Sie wußten recht wohl, daß sie mit ihrer schwachen Mannschaft für den Augenblick einem allgemeinen Aufstande der Buern gegenüber machtlos und inmitten der Buernbevölkerung von Potschefstroom so gut wie gefangen waren. Die Drohung des Obersten, seine Gefangenen erschießen zu lassen, war nur darauf berechnet gewesen, sie einzuschüchtern, denn eine solche Handlung hätte leicht das Zeichen zur Erhebung des Volkes geben können.
Der Oberst besprach sich leise mit den übrigen Offizieren und dann erklärte er den Gefangenen, sie sollten zum Generalgouverneur selbst nach der Kapstadt gebracht werden. Hierauf wurden beide abgeführt und in einem der Gebäude, die der Garnison des Forts gehörten, eingeschlossen und bewacht. In der Frühe des folgenden Morgens, ehe noch die Sonne aufgegangen war, wurden sie von neuem in den Wagen gebracht und von den Polizeileuten weggeführt. Der Weg ging längs der Grenze des Oranjefreistaats auf dem Gebiete von Transvaal nach Südwesten.
Acht Tage lang waren sie unterwegs, dann überschritten sie die Grenze und kamen nach Griqualand-West. Sie erreichten die Stadt Kimberley. Die Stadt erschien Pieter Maritz unähnlich allen übrigen Städten, die er bisher gesehen hatte. Sie war sehr viel größer als Potschefstroom und Pretoria und machte einen eigentümlich düsteren Eindruck, da fast sämtliche Häuser aus galvanisiertem Eisenblech erbaut waren. Nur sehr wenig steinerne Häuser standen dazwischen. Nichts als Sand und Eisenblech, wohin das Auge auch sah. Der Wagen rollte durch viele Straßen hin, und einige derselben waren sehr eng und krumm, andere dagegen ungeheuer breit. Die Häuser waren meistens nur ein Stockwerk hoch und sahen alle sehr traurig aus, da sie nicht angestrichen waren, sondern überall das bloße Eisenblech zu sehen war. Doch gab es sehr viele Läden und Magazine, und diese waren aufgestapelt voll von Vorräten, namentlich von Spirituosen. Viel Volk trieb sich umher, weiße Arbeiter und noch viel mehr Kaffern; alle sahen elend, schleichend, widerwärtig aus.
Mit einem Male ward Pieter Maritz durch einen sonderbaren Anblick überrascht. Der Wagen kam auf einen freien Platz, wandte links zur Seite an den Häusern hin, und nun zeigte sich rechts, inmitten der Stadt, ein ungeheurer Abgrund. Pieter Maritz sah einen Schlund, der wohl sechshundert Meter im Umfang hatte und so tief war, daß die Menschen, die er dort unten erblickte, kaum so groß wie die kleinsten Ameisen erschienen. Von den Rändern der Grube führten viele Eisendrähte nach unten, wurden auf halbem Wege von hohen Strebepfeilern gestützt und liefen dann weiter bis auf die Sohle des Abgrunds. Sie sahen einem schräg liegenden Spinngewebe ähnlich. Viele eiserne Kasten liefen auf Rädern die Drähte hinab und hinauf und kreischten und rasselten. Sie trugen Erde und Steine von unten empor und fuhren dann leer wieder hinab: dies Loch war eine der Minen von Kimberley, eine Diamantengrube.
»Ich habe hier früher gewohnt,« sagte jetzt der schweigsame Buer, der neben Pieter Maritz saß. »Als aber die Engländer kamen und ihre Polizei einführten, da bin ich getreckt. Sie nahmen uns alles weg, denn wo es etwas zu verdienen giebt, da sind sofort die Engländer da. Es hat sich sehr verändert, seit ich hier wohnte.«
»Wie lange ist das her?« fragte Pieter Maritz.
»Die Engländer annektierten das Land im Jahre 1868,« erzählte der Buer, »und 1869 zog ich weg. Damals wurde hier ein Wort üblich, das viele wegtrieb. Das Wort hieß ‚Eidibi‛, von den Anfangsbuchstaben des ‚~Illicit diamond buying~‛, das heißt: ‚Unerlaubter Diamantenkauf.‛ Eidibi klang vielen schrecklich in den Ohren, denn die Engländer verurteilten die Leute, bei denen Diamanten gefunden wurden, die nicht in den Regierungsbüchern standen, zu fünf bis zehn Jahren Zwangsarbeit oder Zuchthaus. Was mich betrifft, so hatte ich damit freilich nichts zu thun, denn ich bewirtschaftete meine Farm und treckte nur deshalb, weil ich das Polizeiwesen nicht vertragen konnte und weil das Land doch freies Buernland gewesen war.«
»Wie konnten denn aber alle Diamanten in den Regierungsbüchern stehen?« fragte Pieter Maritz.
»Das ist so: Die Regierung teilte das Land, wo es ‚blauen Grund‛ gab, -- und Diamanten giebt es nur im blauen Grunde, -- in kleine Claims, das waren Grundstücke von dreißig Fuß im Geviert, und der Besitzer hatte nun mit Schaufel und Picke da hineinzuarbeiten. Es ist eine böse Arbeit. Der blaue Grund muß herausgegraben und dann so oft gewaschen und gesiebt werden, bis nur der tausendste Teil davon noch übrig ist. In diesem kleinen Rest sind die Diamanten, und der Besitzer muß sie alle der Behörde zeigen, wo sie notiert und genau beschrieben werden. So bekommt jeder Diamant seinen Stammbaum. Aber die Kaffern, die in den Claims arbeiten, stehlen wie die Raben. Sie werden zwar, wenn sie aus den Gruben kommen, nackt ausgezogen, und ihre Kleider, ihr Haar, ihre Ohren und ihre Mäuler werden genau untersucht, aber die Spitzbuben schlucken manchen Stein hinunter. Auf diese gestohlenen Steine sind nun viele Leute sehr erpicht, denn sie sind billiger zu haben als die, welche mit einem Stammbaum in den Handel kommen, und mancher denkt, er könnte durchschlüpfen und reich werden. Da war einer, der war schon mit sieben Pfund Diamanten an Bord des Schiffes in der Kapstadt, als ihn die Polizei noch abfaßte. Deshalb war Eidibi ein Schreckenswort in Kimberley. Die Engländer konnten die Diebe selten fassen, und sie bestraften den unerlaubten Diamantenkauf.«
Währenddessen war der Wagen vor einem zweistöckigen Backsteinhause mit vergitterten Fenstern angekommen und die Polizeibeamten ließen halten. Die Gefangenen mußten aussteigen. Sie waren vor einem richtigen Gefängnis angelangt, das nach englischer Art eingerichtet und verwahrt war. Denn Kimberley verlangte mit seiner Menge von geldgierigen, verbrecherischen Leuten, von Dieben und Hehlern und allerhand Gaunern ein ordentliches Gefängnis und eine starke Polizei.
Trüben Sinnes trat Pieter Maritz in das große steinerne Gebäude ein und hörte die schwere eisenbeschlagene Thür hinter sich zuschlagen.
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Von Kimberley nach Bloemfontein
Pieter Maritz wurde mit seinem Schicksalsgenossen zusammen in ein und dasselbe Zimmer gesperrt, sie erhielten zu essen und wurden eingeschlossen. Die Einrichtung dieses Gemaches und Hauses machte einen trüben Eindruck auf den an die Freiheit und die lebendige Natur gewöhnten Buernsohn. Alles trug den Stempel wirklicher Gefangenschaft. Denn vorher schon war er freilich gefangen gewesen, und er hatte schon einmal den Druck englischer Behandlung in Utrecht verspürt, aber bis jetzt war er doch immer in Häusern gewesen, die Ähnlichkeit mit den Farmhäusern seiner Heimat hatten, und die Luft der Wiesen und Berge hatte ihn umweht. Aber hier war alles Stein und Eisen. Der Fußboden bestand aus Tafeln von Eisenblech, die schuppenförmig übereinander genagelt waren, ebenso war die Decke beschaffen, die Wände aber waren von Ziegelsteinen und mit Kalk beworfen. Starke Eisengitter waren vor dem Fenster, und draußen schallte der Schritt einer hin und her gehenden Schildwache. Das Mobiliar bestand aus einem Tische, zwei Bänken, die an der Wand befestigt und zum Niederklappen eingerichtet waren, und zwei Schemeln. Ein Trost lag für die Gefangenen noch darin, daß sie zusammen waren und sich unterhalten konnten; aber auch dieser Trost sollte ihnen genommen werden. Gegen Abend kam ein Gefängniswärter herein, der eine Matratze trug. Er klappte die eine Bank herunter, legte die Matratze darauf, um in dieser Weise ein Nachtlager herzustellen, und befahl dem älteren Buer, ihm zu folgen. Auf dessen Bitte, ihn dort zu lassen, entgegnete der Mann, daß ein Raum frei geworden sei und daß nur ausnahmsweise zwei Gefangene bei einander gelassen würden; übrigens würden sie sich am folgenden Tage wiedersehen, denn dann sollten sie weitergeschafft werden.
Pieter Maritz blieb allein, stützte traurig den Kopf auf die Fensterbank und sah zum Himmel hinauf. Wohin war es mit seinen Hoffnungen und seinem Streben gekommen? Nun sollte er nach der Kapstadt geschleppt werden, und was würde ihm wohl dort begegnen? Er war gut bekannt mit den Plänen der Regierung von Transvaal. Zu dieser Stunde waren gewiß die Buernheere schon losgebrochen. Denn sicherlich hatten die Engländer die Bedingungen Transvaals nicht angenommen. Die stolzen, übermütigen Engländer wollten ganz Südafrika zu einem gemeinsamen riesigen Kolonialgebiet zusammenschmieden, in welchem nur noch englische Gesetze gelten sollten. Sie hatten sich um die Forderungen des Buernstaates sicherlich nicht gekümmert. Hatten sie die Zulumacht gebrochen, weil sie überhaupt niemand in Südafrika eigene Bedeutung zuerkennen wollten, so würden sie auch den Transvaalstaat brechen wollen. Wenn aber die Buern losgeschlagen hatten, so war also der Krieg da, und dann würde es den Sendboten, die zum Aufstande gerufen hatten, übel ergehen. Oberst Winslow hatte nicht gewagt, sie erschießen zu lassen, weil er inmitten von Buern war, aber das Kriegsgericht in der Kapstadt würde sie wohl zum Tode verurteilen. Das war ein schrecklicher Gedanke für Pieter Maritz, dessen sonst so frohe Stimmung durch die lange Gefangenschaft getrübt worden war. Auf dem Schlachtfelde fallen, mitten im Kampfe, umweht von Pulverrauch, für das Vaterland kämpfend niedersinken, das war gewiß schön, aber so -- --? Sein Blick wurde trüber und trüber, und fast ganz mutlos sah er zu dem grauen, von Nebel verschleierten Himmel empor, der noch der einzige helle Fleck ringsum war. Er dachte daran, daß heute Weihnachtsabend sei, und am heiligen Abend im Gefängnis zu sein, war ihm sehr traurig.
In diesem Sinnen und schwermütigen Nachdenken ward Pieter Maritz endlich auf ein eigentümliches Geräusch aufmerksam, welches er bereits seit geraumer Zeit gehört, aber noch nicht beachtet hatte. Es klang bald wie ein Kreischen verrosteten Eisens, bald wie ein dumpfes Pochen und ward immer vernehmlicher. Pieter Maritz stand auf, ging vom Fenster weg und lauschte. Das Geräusch kam von oben, von der Decke her. Was konnte das sein?
Das Zimmer, in welchem er war, lag im oberen Stockwerk, und er hatte gesehen, daß das Gefängnis nur zwei Stockwerke hoch war. Allerdings war ein Dach darüber, und dies Dach mochte wohl ausgebaut sein und noch Gefangenenräume bergen. Die leise, behutsame Art des Pochens und Scharrens da oben brachte ihn auf die Vermutung, daß ein Gefangener über ihm wohne, der durchzubrechen versuche. Pieter Maritz selbst hatte, solange er gefangen war, beständig über die Möglichkeit der Flucht nachgedacht und diese häufig insgeheim mit seinem Landsmann besprochen, aber die schnelle Reise von Ort zu Ort und die Wachsamkeit der Polizeibeamten hatten bis jetzt keine günstige Gelegenheit entstehen lassen. Nun nahm das Geräusch seine Gedanken lebhaft in Anspruch, und er hielt sich ganz still, um denjenigen, der dort oben arbeiten mochte, nicht zu stören. Mit einem Male klirrte es, und ein eiserner Nagel rollte auf dem Boden hin. Kein Zweifel, daß jemand dort oben die Eisenbleche, welche die Decke bildeten, wegnahm. Doch Pieter Maritz bewegte sich nicht, um den Arbeiter nicht etwa zu erschrecken und zu verscheuchen.
Inzwischen ward es Nacht, und nur ein schwacher Schein fiel durch das Fenster herein, der von den Sternen und der schmalen Mondsichel her leuchtete. Zuzeiten war es ganz finster, denn der Nebel hatte sich zu Wolken zusammengeballt, die am Himmel hinzogen und Mond und Sterne minutenlang ganz verhüllten. Pieter Maritz lauschte gespannt und nahm wahr, daß das Geräusch verstummte. Eine Zeitlang war es ganz still, dann aber machte sich ein anderer Ton bemerklich, der sehr nahe zu sein schien und dem Schieben eines schweren Körpers auf der Erde ähnlich war. Gleich darauf erschien eine Gestalt im Zimmer, die gleichsam vom Himmel herabschwebte, denn sie baumelte mit den Füßen in der Luft und hielt sich an der Decke fest, sprang dann aber leicht und elastisch auf den Boden. Zu seinem Erstaunen erkannte Pieter Maritz, indem es in diesem Augenblick wieder etwas heller im Zimmer wurde, eine nackte schwarze Figur und das schlaue Gesicht des Swazi-Regenmachers. Der Mann trug eine Art von Meißel mit den Zähnen und hatte ein Bündel über einer Schulter baumeln.
Auch der Regenmacher mußte ihn erkannt haben, denn seine zu Anfang betroffene Miene veränderte sich zu einem Lächeln, und er stieß einen leisen Ruf der Verwunderung aus. Dann nahm er den Meißel aus dem Munde und schnürte sein Bündel auf. Es enthielt seine Kleidungsstücke: ein wollenes Hemd und eine Hose und war von einem Strick umwickelt gewesen, der aus zusammengeknoteten leinenen Streifen bestand. Er kleidete sich an und sagte, er habe dort oben lange Zeit gefangen gesessen und wolle durch das Fenster entfliehen.
Die Erinnerung an frühere Zeiten, an den alten Missionar, an den Aufenthalt am Hofe Tschetschwajos stieg lebhaft wieder vor Pieter Maritz auf, und die Erscheinung dieser wohlbekannten Gestalt regte die fast erstorbene Hoffnung wieder zu neuem Leben in ihm an. Wenn der Regenmacher durch die Decke gebrochen war, so sollte dies Gefängnis ihn selbst doch wohl auch irgendwo durchlassen. Er ging sofort mit dem Regenmacher an das Fenster, und sie prüften die Eisenstangen. Sie waren stark, und man hatte sie sehr fest in die steinerne Umfassung eingelassen, aber mit dem Instrument des Regenmachers wären sie doch wohl loszubrechen gewesen. Nur zeigte sich ein schlimmes Hindernis: drunten ging die Schildwache.
Der Regenmacher war sehr niedergeschlagen. Er kauerte sich am Boden nieder und seufzte.
»Wie kommst du hierher? Machst du nicht mehr Regen?« fragte Pieter Maritz ihn in der Zulusprache.
»Wegen Eidibi bin ich gefangen,« antwortete er in gebrochenem Englisch. »Ich habe viele Diamanten, und wenn du mir helfen willst, davonzukommen, so will ich dich reich belohnen.«
»Es wäre mir die beste Belohnung, selbst frei zu werden,« sagte Pieter Maritz, »aber ich weiß nicht, wie wir es machen sollen, um hinauszukommen. Wie hast du denn durch die Decke durchbrechen können?«
Der Regenmacher zeigte sein eisernes Instrument. Dieses war ursprünglich wohl ein Riegel gewesen, aber es war nun an einem Ende spitz und scharf geschliffen. Der Regenmacher sagte, er habe das Ding an der steinernen Fensterbank spitz gemacht. Er habe damit die Tafeln von Eisenblech losgebrochen, den Sand darunter weggeräumt und endlich auch die Tafeln losgemacht, welche die Decke von Pieter Maritz' Zimmer bildeten. Er habe gehofft, aus diesem Zimmer am Strick hinunter in die Straße gleiten zu können. Den Strick habe er aus dem Überzuge seiner Matratze gemacht, indem er ihn in Streifen geschnitten und die Streifen aneinander gebunden habe.
Pieter Maritz sann nach. »Können wir von deinem Zimmer nicht irgendwohin gelangen?« fragte er. »Wenn wir hier hinausklettern, kommen wir auf die Schildwache, und sie wird auf uns schießen oder doch Lärm machen.«
»Wir können von meinem Zimmer aus nur auf das Dach kommen,« sagte der Regenmacher, »und das Dach ist zu hoch, um hinunterzuklettern. Der Strick ist nicht lang genug.«
»Laß uns sehen, wie es oben ist!« sagte Pieter Maritz.
Er schob den Tisch unter die Öffnung in der Decke, stieg hinauf und konnte nun mit den Händen den Rand des Loches erreichen. Er zog sich hinauf, und der Regenmacher folgte ihm nach. Der obere Raum war viel kleiner als der untere, nur ein Dachkämmerchen, und in dem schrägen Dache war ein vergittertes Fensterchen, das jedoch groß genug war, um hindurchzuschlüpfen. Pieter Maritz ergriff das eiserne Instrument und ließ sich von dem Regenmacher auf die Schultern heben, um oben arbeiten zu können. Mobiliar gab es hier oben gar nicht, nur der Inhalt der zerschnittenen Matratze lag auf dem Boden. Mit starker Hand hob Pieter Maritz das ganze Gitter, welches aus einem zusammenhängenden Drahtgewebe bestand, aus seiner Einfassung heraus. Dann schwang er sich empor und setzte sich auf den Rand des Fensters, mit dem Oberkörper über das Dach hinausragend.