Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal

Part 42

Chapter 423,610 wordsPublic domain

Die Erscheinung des Präsidenten Krüger und seiner Begleiter brachte Bewegung in die Ruhe des Lagers, und viele Männer gingen den Ankömmlingen entgegen. Händedruck und grüßende Worte wurden ausgetauscht, und nach und nach versammelten sich alle Buern in einem weiten Kreise um den Präsidenten, der zu Pferde über aller Köpfe hinwegragte. Gegen sechshundert Männer mochten es sein, die im Lager waren. Sie waren von sehr verschiedenem Alter und Aussehen. Viele waren braun oder blond und zeigten im Schnitt ihres Gesichts den Charakter der germanischen Rasse, andere waren dunkelfarbig von Haut und von schwarzen blitzenden Augen. Viele waren schon graubärtig und trugen Haar und Vollbart ungebändigt durch Schere und Kamm, manche aber waren jung und schlank und hatten offenbar Sorgfalt auf die Pflege ihres Äußern verwandt. Alle aber waren von sehr hohem, stattlichem Wuchse, breitschulterig und mit langen starken Gliedern, standen und gingen mit der der Kraft eigentümlichen nachlässigen Ruhe und drückten in ihrer männlichen Erscheinung Selbstvertrauen und Festigkeit aus. Prachtvolle Gestalten gab es unter ihnen, Männer von herkulischem Bau mit stolzen, tapferen Gesichtern, während wenige überhaupt unter sechs Fuß hoch waren; und im ganzen war es eine Schar, wie sie wohl in keinem andern Lande so eigenartig durch kraftvolles, trotzig-kühnes Wesen gesehen werden konnte. Der Anzug war sehr gleichförmig, obwohl immerhin kleinere Verschiedenheiten zu bemerken waren. Alle trugen den breitkrempigen Hut, doch war er hier von anderer Form als dort und zuweilen mit einem Federstutz verziert, auch von verschiedener Güte und Neuheit des Stoffes. Der eine hatte die Krempe niederhangend über einem düsteren Antlitz, der andere hatte sie keck auf der Seite oder vorn aufgeschlagen und auch wohl mit einer Spange befestigt, um das mit zierlich gestutztem Bart geschmückte, scharf geschnittene Gesicht frei zu zeigen. Eine dunkle Bluse oder auch wohl ein ledernes Koller oder eine derbe Tuchjacke, aus welcher der Hemdkragen und ein Halstuch hervorblickten, umschloß die breite Brust, ein lederner Gürtel die Hüften, und die langen starken Beine steckten ausnahmslos in ledernen Hosen und langen Reiterstiefeln, deren Schäfte zuweilen mit Riemen und Schnallen, den Gamaschen gleich, versehen waren.

In dem Kreise der Buern war auch der alte Baas van der Goot zu erkennen, und neben ihm standen mehrere andere Männer aus der nördlichen Gemeinde, zu der Pieter Maritz gehörte. Sie hatten ihre Familien, Herden und Häuser verlassen, um dem Rufe des Präsidenten Folge zu leisten.

Dieser winkte jetzt mit der Hand, zum Zeichen, daß er reden wollte, und sprach, als Stille entstanden war, mit tiefer voller Stimme: »Meine Freunde, aus euerm Erscheinen ersehe ich eure Bereitwilligkeit, die Politik zu unterstützen, welche mir durch die Lage der Republik geboten erscheint, und ich danke euch im Namen des Staates für euern Eifer. Ich weiß, welche Opfer ihr bringt, indem ihr friedliche lohnende Beschäftigungen verlassen habt, um zu den Waffen zu greifen, aber ich vertraue darauf, daß mit Hilfe des allmächtigen Gottes dies Opfer zu einem Gewinne führen wird, der reichlich für alles entschädigt. Nicht als glaubte ich, daß der Krieg durchaus unvermeidlich wäre. Der Krieg ist ein schreckliches Ding, und namentlich ist der Krieg gegen andere Christen nicht wohlgefällig vor den Augen des Höchsten, wenn er nicht durchaus notwendig ist. Deshalb wird von seiten der Regierung bis zum letzten Augenblicke alles geschehen, um den Frieden zu erhalten. Die Erhaltung des Friedens ist der heißeste Wunsch in meiner und unser aller Brust; sollte aber die Regierung der Königin bis zuletzt für unsere gerechten Forderungen kein Verständnis zeigen, so wollen wir den Krieg mit jener Energie führen, welche die beste Bürgschaft des Erfolgs ist, und wollen dem Feinde zeigen, daß die alte Tapferkeit der Buern, die sich in so manchem Kampfe bewährt und unter der glorreichen Führung des großen Andreas Pretorius zur Errichtung der Südafrikanischen Republik geführt hat, in unseren Herzen nicht erloschen ist.«

Der Präsident blickte im Kreise umher, und ein tiefes dröhnendes Beifallsrufen aus den Reihen der starken Männer zeigte ihm, daß er den empfindlichen Nerv der Zuhörerschaft getroffen hatte.

»Ihr wißt, meine Freunde,« fuhr er fort, »daß nichts unversucht geblieben ist, die Räte der Königin über die wahre Lage der Dinge aufzuklären und ihnen unsern guten Willen und unsere Friedensliebe zu zeigen. Ich selbst war vor drei Jahren zum erstenmal mit unserem gelehrten und tapferen Freunde und Mitbürger Doktor Jorissen in London und legte persönlich dem Kolonialsekretär Lord Carnarvon unsere Petition vor, in welcher wir gegen den eigenmächtigen und ungesetzlichen Schritt des Sir Theophilus Shepstone protestierten. Aber der Lord erklärte uns, das Ansehen der britischen Krone gestatte nicht, daß die Annexion widerrufen werde. Auch die Adressen und Petitionen aus unseren Mutterländern in Europa, zumal dem Königreich der Niederlande, auch aus dem Oranjefreistaat und der Kapkolonie, hatten keinen Erfolg bei dem stolzen Minister der Königin. Wir kehrten heim und fanden, daß in den treuen edlen Herzen der Bürger von Transvaal wohl der Schmerz über den Mißerfolg unserer Sendung, aber auch der kühne Entschluß zu Thaten lebendig war. Im Jahre 1878 sah sich die britische Regierung in den Kapländern genötigt, strenge Maßregeln gegen die Kundgebungen unseres gerechten Unwillens anzuordnen, und sie legte Garnisonen britischer Truppen in unser freies Land. Noch einmal machten wir uns auf nach England. Im Juli 1878 hatte ich, begleitet von dem ehrenwerten Herrn Jakobus Petrus Joubert, eine Unterredung mit Sir Michael Hicks-Beach, welcher dem Lord Carnarvon im Amte gefolgt war. Wir überreichten einen Protest gegen die Annexion, der von 6591 Unterschriften bedeckt war, Namen von ehrenhaften, wackeren, frommen Männern, die ihr Vaterland liebten und den Frieden zu erhalten wünschten.«

Wiederum erscholl der Beifallsruf aus den rauhen Buernkehlen.

»Was antwortete der Kolonialsekretär?« fuhr der Präsident fort. »Sir Michael Hicks-Beach erging sich in den leeren Ausflüchten und hochmütigen Phrasen, welche immer dem Unterdrücker zu Gebote stehen, der die hell leuchtende gerechte Sache dessen, den er für schwach hält, nicht sehen mag. Ihr wißt alle, meine Freunde, welcher Schmerz jedes treue Bürgerherz ergriff, als uns diese höhnische Abfertigung wurde. Schon damals griffen die Fäuste tapferer Männer zu den Waffen, und leise scholl der Ruf durch das Land: Laßt uns die frechen Eindringlinge hinauswerfen! Aber die Klugheit und der recht verstandene Patriotismus geboten Geduld. Denn gerade zu jener Zeit war Schiff nach Schiff auf dem Meere, um englische Truppen zum Kriege gegen Tschetschwajo herüberzubringen, und die Übermacht der Söldner hätte vielleicht den Heldenmut der für ihr Vaterland kämpfenden Patrioten im Blute erstickt. Aber jetzt ist jene Truppenmacht wieder heimgekehrt, und nur eine geringe militärische Macht steht dem Befehlshaber in Natal und dem Gouverneur Lanyon bei Pretoria zu Gebote. Jetzt ist es Zeit, unsere Ansprüche zu erneuern. Vielleicht ist jetzt die englische Regierung bereit, der Gerechtigkeit Gehör zu geben, und dann wird unter Gottes Gnade Frieden bleiben; aber wenn wir wiederum zurückgewiesen werden, müssen die Waffen entscheiden. Euch, meine Freunde, habe ich hierher berufen, um für den Fall der Not zur Hand zu sein. Es wäre nicht klug, den Engländern zu drohen, ohne sofort der Drohung den Schlag folgen lassen zu können. Ihr sollt in der Nähe von Pretoria im geheimen bereit stehen und sofort mit starker Hand auf die englische Garnison bei unserer Hauptstadt schlagen, wenn unser letzter Vorschlag zurückgewiesen werden sollte. Tausende unserer Mitbürger werden euch folgen, sobald der Krieg entbrannt sein wird.«

Die Buern riefen laut und schwenkten ihre Hüte in der Luft.

»Mit eurer Zustimmung, meine teueren Mitbürger,« fuhr der Präsident von neuem fort, »ist eine Regierung ins Leben getreten, welche in dieser schwierigen Lage des Vaterlandes energisch handeln soll. Sie besteht, außer mir als Präsidenten, aus den Herren Pretorius und Joubert. Diese Regierung wird am morgigen Tage offen als Regierung der Südafrikanischen Republik hervortreten und an die englische Regierung die Forderung richten, die Konvention von 1852, welche mit England abgeschlossen wurde, wiederherzustellen. Transvaal soll ein freies Land sein, welches sich selbst regiert, und kein Fremder soll sich in seine Angelegenheiten, namentlich nicht in das Verhältnis zwischen Buern und Kaffern, hineinmischen. Die große Friedensliebe jedoch, welche uns alle beseelt, veranlaßt uns, der englischen Regierung die Annahme unserer Bedingungen dadurch zu erleichtern, daß wir alle während der Annexion vorgenommenen öffentlichen Akte gutheißen und einem britischen Konsul die Residenz in unserem Lande gestatten. Wir wollen keinen Bruch mit England, wir wünschen vielmehr ein Bündnis mit diesem christlichen mächtigen Staate. Nur nicht Englands Sklaven wollen wir sein; eher bis zum letzten Manne kämpfen!«

Der Präsident rief diese letzten Worte mit lauterer Stimme und hoch erhobener Hand, und brausender Beifallsruf folgte dem Schluß seiner Rede. Die Buern umdrängten ihn und seine Begleiter, und die Versicherungen ihres vollen Vertrauens in seine Leitung der Angelegenheiten mischten sich mit den Beteuerungen, im Kampfe ausharren zu wollen, bis das von allen ersehnte Ziel der Befreiung des Vaterlandes erreicht worden sei.

Nachdem diese Scene stürmischer Begeisterung vorüber war, trat der Präsident mit den angesehensten Führern in eine Beratung der etwa notwendig werdenden kriegerischen Maßregeln ein und rief alsdann Pieter Maritz zu sich, der unter den Ältesten seiner Gemeinde stand.

»Pieter Maritz,« sagte er zu dem jungen Mann, der alsbald vor ihn trat, »Sie haben der Republik gute Dienste geleistet, und ich spreche Ihnen für den Eifer und die Geschicklichkeit, die Sie bewiesen haben, meine volle Anerkennung aus. Ich höre von verschiedenen Seiten Ihren Namen lobend erwähnen, und es ist Ihren Bemühungen mit zu verdanken, daß überall im Lande die Politik der Regierung bekannt ist und alle Bürger der Republik sich rüsten, beim ersten Aufbruch bewaffnet herbeizueilen. Monatelang haben Sie das Gebiet des Transvaallandes durchritten und die Gemeinden auf den entscheidenden Schritt vorbereitet, den wir thun wollen. Aber noch ist das Werk nicht vollendet, und ich muß Ihre Thätigkeit in derselben Weise wie bisher in Anspruch nehmen. Es ist, wie Sie wissen, wichtig für Transvaal, daß auch die Landsleute in den andern Gebieten Südafrikas, namentlich im Oranjefreistaat, Partei nehmen. Unsere Bemühungen, den Präsidenten Brand zu einem Bündnis zu bewegen, sind freilich gescheitert, denn der Oranjefreistaat ist nicht gleich uns dem Drucke unterworfen, und der Präsident mag hoffen, auch in Zukunft seine Selbständigkeit behaupten zu können. Sicherlich sind die Sympathien der Buern im Oranjefreistaat für uns. Dies müssen wir benutzen. Wir müssen versuchen, die Bürger zu thätiger Teilnahme am Kriege zu bewegen. Schon sind mehrere Abgesandte von uns auf der Reise, um die Buern südlich des Vaalflusses über die Bedeutung des bevorstehenden Krieges zu belehren, und Sie, Pieter Maritz, sollen dieselbe Aufgabe vollführen. Der Weg, den Sie zu nehmen und die Gemeinden und Ortschaften, welche Sie zu besuchen haben, soll Ihnen schriftlich vorgezeichnet werden, und Sie werden eine Anzahl von Druckschriften erhalten, welche Sie verteilen sollen. Dieselben enthalten eine Darlegung der politischen Lage und der Ziele der Buern. Außerdem aber muß Ihre persönliche Überredung wirken. Sagen Sie den Buern im Oranjefreistaat, daß die Buern in Transvaal ihre Brüder sind und für die Freiheit des ganzen Stammes kämpfen. Sagen Sie ihnen, daß bei uns schon die bewaffneten Corps völlig bereit stehen, um zuzuschlagen. Sagen Sie ihnen, daß jeder Mann, der seine Büchse ergreift, um an unserer Seite zu stehen, für die Zukunft des eigenen Herdes kämpft. Denn die Engländer unterdrücken nach und nach jedes Volk, und sie kennen selbst nicht die Dankbarkeit gegen Bundesgenossen. So haben sie jetzt ihre Truppen im Basutolande liegen und führen einen schändlichen, ungerechten Krieg gegen die Basutos, welche ihnen im Zulukriege geholfen haben. Machen Sie unsere Landsleute drüben auf diesen Punkt besonders aufmerksam. Wo aber die Leute Bedenken haben und Ihnen etwa entgegnen, daß wir viel zu schwach wären, um gegen England Krieg zu führen, da seien Sie klug, mein junger Freund. Antworten Sie, daß England freilich ungeheuer mächtig ist, daß ihm der Preis des Sieges aber zu hoch ist, um ihn dafür zu erkaufen, und daß wir in unseren Bedingungen den Engländern schon die goldene Brücke des Rückzugs gebaut haben. Sollte aber diese Klugheit vergeblich sein -- nun, so wisse der Buer für die Freiheit zu sterben!«

Pieter Maritz übernahm gehorsam den Auftrag, den ihm der Präsident gegeben, und tags darauf ritt er von Pretoria aus nach Süden, um in das Gebiet des Oranjefreistaats zu gelangen. Er ritt auf dem ihm wohlbekannten Wege nach Heidelberg, und er war voll Stolz auf das Vertrauen, welches die besten Männer seines Vaterlandes auf ihn setzten, und voll freudiger Hoffnung für die Zukunft seines Volkes.

Er war noch etwa eine Meile von Heidelberg entfernt, als er auf der Straße vor sich das Glänzen von Waffen bemerkte und bald darauf die Uniform der Dragoner erkannte. Einen Augenblick dachte er, es sei ratsam, der Patrouille nicht zu begegnen, sondern seitwärts die Flucht zu ergreifen. Denn er war sich bewußt, mit einer Sendung betraut zu sein, die den Engländern feindlich war. Aber dann sagte er sich, daß noch Frieden herrsche und daß er keinen Grund habe, seine Reise durch einen Umweg zu verzögern, auch wohl nicht klug handle, durch Flucht sich verdächtig zu machen und etwa eine Verfolgung hinter sich her zu locken. So ritt er denn ruhig weiter und ward, als er nahe an die Dragonerschar herankam, angenehm überrascht, indem er seinen Freund, Lord Adolphus Fitzherbert, erkannte, den er seit einem Jahre nicht gesehen hatte.

Aber der englische Offizier machte kein erfreutes Gesicht, als er Pieter Maritz sah und auf seinen Wink ritt sogleich ein Sergeant an Jagers Seite und ergriff die Zügel des Pferdes.

»Sie sind mein Gefangener!« rief der Lord. »Sergeant, lassen Sie sich die Waffen des Gefangenen geben!«

Pieter Maritz ward durch diese unerwartete Begrüßung sehr bestürzt, und im ersten Augenblick zog er unwillkürlich den Zügel an, um Jager herumzuwerfen, und wollte die Schenkel andrücken, um davonzujagen. Aber er sah, daß es schon zu spät war und wandte sich, während er Büchse und Schwert dem Unteroffizier überreichte, mit stolzer Gebärde an den englischen Offizier und fragte ihn, was dieser Überfall zu bedeuten habe.

»Wollen Sie mir Ihr Ehrenwort geben, keinen Fluchtversuch zu machen?« fragte der Lord. »Ich sage Ihnen vorher, daß ich Ihnen Ihr Pferd nehmen lassen muß, wenn Sie es verweigern.«

»Ich werde keinen Fluchtversuch machen, so lange ich bei Ihnen bin,« entgegnete Pieter Maritz, der eine besondere Bewegung in den Zügen seines Freundes las.

»Nun denn,« sagte dieser, »Sergeant, lassen Sie den Zügel los!«

Der Unteroffizier gehorchte, und Pieter Maritz ritt waffenlos neben dem Lord dem Dragonertrupp voran, welcher kehrt gemacht hatte, um nach Heidelberg zurückzukehren.

»Ach, Pieter Maritz, mein lieber Freund,« sagte der Lord jetzt, als er mit dem Buernsohne voraus war, so daß die Dragoner ihr Gespräch nicht hören konnten, »ach, wie unglücklich fügt es sich, daß ich dir begegnen mußte!«

Pieter Maritz war so betroffen durch die Plötzlichkeit des Ereignisses, daß er seinen Freund nur fragend ansehen konnte. Seine Gefangennahme und Entwaffnung hatten sich so schnell vollzogen und waren ihm so überraschend, der Umsturz aller Verhältnisse vom Guten in das Böse waren so jäh, daß ihm alles wie ein Traum vorkam.

»Hätte ich nur gewußt, daß du dieses Weges kommen würdest,« fuhr der Lord in seinen Klagen fort, »so hätte ich eine andere Richtung genommen. Aber du rittest mir geradeswegs entgegen, so daß gar keine Möglichkeit war, diese Sache zu umgehen. Ach, Pieter Maritz, so lange sind wir Freunde gewesen, Seite an Seite haben wir manchen Tag geritten und gekämpft, und nun muß ich das Werkzeug deines Unglücks werden!«

»Aber warum,« fragte Pieter Maritz, »warum mußtest du mich gefangen nehmen? Sind wir nicht im Frieden? Ist die Straße nicht frei für jedermann?«

Lord Adolphus schüttelte den Kopf. »Unglückselige Ereignisse sind im Werke,« sagte er, »und du weißt das so gut wie ich. Die englische Regierung hat Nachricht erhalten, daß die Buern einen Aufstand vorbereiten, und ...«

»Einen Aufstand!« rief Pieter Maritz. »Wie kann man von einem Aufstande bei einem freien Volke sprechen!«

»Nenne es, wie du willst, genug, wir wissen, daß die Transvaalbuern im Begriff sind, sich gegen unsere Herrschaft zu erheben. Wir haben gewisse Kenntnis davon erhalten, daß das Land nach allen Richtungen hin von Boten durchstreift wird, welche die Bevölkerung zu den Waffen rufen. Seit gestern haben wir Befehl, überall nach diesen Leuten zu suchen, um sie aufzugreifen. Mehrere Namen sind uns mitgeteilt worden, und unter diesen ist der deinige, Pieter Maritz, einer der ersten.«

Pieter Maritz biß die Zähne zusammen und blickte finster vor sich hin.

»Nun will ich nur hoffen, daß du nicht aufrührerische Schriften bei dir hast,« sagte der Offizier. »Denn sonst kann es dir an Kopf und Kragen gehen.«

»Ich weiß nicht, was die Engländer aufrührerische Schriften nennen,« entgegnete Pieter Maritz. »Ich habe eine Anzahl von gedruckten Proklamationen bei mir, welche das Volk über die gerechten Forderungen der Südafrikanischen Republik aufklären. Hat unsere Regierung nicht das Recht, den Buern solche Aufklärungen zu geben? Wir verlangen nichts als die Anerkennung unseres mit England vor dreißig Jahren abgeschlossenen Vertrages.«

»Liefere du mir diese Schriften aus,« sagte der Offizier. »Es ist besser, du giebst sie mir, als daß du im Hauptquartier untersucht wirst.«

Pieter Maritz öffnete den Mantelsack und übergab dem Lord das Paket der Druckschriften, die er im Oranjefreistaat hatte verteilen sollen. Der Lord nahm es mit einem Seufzer in Empfang und sah den Freund mit traurigem, mitleidigem Blicke an.

»Ach, warum mußtest du so etwas thun?« sagte er vorwurfsvoll. »Hast du nicht unter britischer Fahne gefochten und das Viktoriakreuz erhalten? Und ein so kühner Kämpfer ließ sich auf eine Bauernrevolte ein! O, daß der Dienst mich zwingt, meinen Freund ins Unglück zu stürzen!«

»Ich kenne den Dienst und weiß, daß du gezwungen bist, mich gefangen zu nehmen,« entgegnete Pieter Maritz. »Aber ich bin stolz darauf, für die Sache meines Vaterlandes zu leiden. Ich bin darauf viel stolzer als auf das Viktoriakreuz. Denn das sollst du nur wissen, Adolphus, ich kämpfte in den Reihen der Engländer nicht für England, das uns unterdrückt, sondern nur, um den Krieg kennen zu lernen und zu sehen, wie englische Soldaten fechten. Was ich bei euch gelernt habe, das will ich im Dienste meines Vaterlandes anwenden. Als mein Vater in meinen Armen starb, da sagte er mir, daß England unser einziger Feind sei, und er hinterließ mir als sein Vermächtnis den Haß auf unsere Unterdrücker. Wir wollen ein freies Volk sein und bleiben, und wir wollen das englische Joch abschütteln. Du nennst das eine Bauernrevolte, aber du sollst sehen, Adolphus, daß es etwas ganz anderes ist, und ich beklage nur das eine, daß ich als Gefangener nicht teilnehmen kann an dem Kampfe, den wir gegen euch führen werden.«

»Welch eine Verblendung!« rief der Offizier. »Arme Buern, wie könnt ihr gegen uns kämpfen? Es thut mir leid um dich, Pieter Maritz, und es thut mir leid um das Buernland. Aber hat man denn in Pretoria nur gar kein Verständnis für die wahre Sachlage? Denkt ihr, weil jetzt nur wenige kleine Garnisonen im Lande liegen, unsere Macht wäre erschöpft, wenn ihr diese vielleicht besiegen solltet? Ich sage dir, Pieter Maritz, dies Unternehmen ist ein reiner Wahnsinn.«

»Du hast eine geringe Meinung von den Buern,« entgegnete Pieter Maritz.

»Ich bin jetzt fast drei Jahre in Südafrika,« sagte der Offizier, »und glaube manches gelernt zu haben. Als wir uns zuerst trafen, Pieter Maritz, da wußte ich noch nichts vom Lande und hatte wirklich eine sehr geringe Meinung von den Buern. Jetzt habe ich gesehen, was es für Leute sind, und ich müßte sehr wenig Nutzen aus der Freundschaft mit dir gezogen haben, wenn ich noch nicht wüßte, welche ausgezeichnete Reiter und Schützen sie sind. Habe ich doch im Feldzuge gegen die Zulus gesehen, welche vortreffliche Soldaten als Vorposten und in allem Sicherungsdienst die Buernreiter sind. Aber um Krieg gegen uns zu führen, dazu gehört denn doch noch mehr. Mache dir keine falschen Hoffnungen, mein bester Freund! Die Buern haben ja nicht einmal Artillerie. Ihr werdet anfangen, unsere Garnisonen zu belagern, aber könnt nicht einmal ein einziges Fort erobern. Währenddessen kommt General Colley heran und zieht mit seiner kleinen Armee quer durch euer Land, wo er nur will, und je tapferer ihr euch schlagt, desto größer sind eure Verluste. Aber selbst wenn ihr euch gegen ihn verteidigen könntet -- was wollt ihr machen, wenn Verstärkungen von England kommen? Es ist ja ganz unmöglich, daß ein kleines Land mit vereinzelt wohnenden Farmern gegen England mit Erfolg Krieg führen könnte. Ich kann gar nicht beschreiben, wie leid mir das thut, daß es so hat kommen müssen, und daß ich dir, lieber Freund, die Waffen habe abfordern und dich gefangen nehmen müssen!«

Pieter Maritz reichte dem Engländer die Hand, welche dieser ergriff und herzlich drückte.

»Ich danke dir für deine freundliche Gesinnung, lieber Adolphus,« sagte er. »Über das Schicksal des Krieges wird Gott entscheiden. Und ich bitte dich nun noch um eine Gefälligkeit.«

»Jeden Dienst, den die Pflicht mir nicht verbietet, werde ich dir erweisen,« sagte der Lord.

»Wenn ich als Gefangener behandelt werde,« bat Pieter Maritz, »so schicke mein Pferd, meine Büchse und den Degen, den du mir einst geschenkt hast, nach Pretoria an die Adresse, welche ich dir aufschreiben werde.«

Der Lord versprach es, und dann ritten die beiden Freunde lange schweigend nebeneinander her, denn sie waren ein jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, und die Ereignisse hatten eine Scheidewand zwischen ihnen aufgerichtet, welche den früheren unbefangenen Ton nicht wieder in der Unterhaltung aufkommen ließ.

Als sie Heidelberg erreichten, wo eine Schwadron Dragoner und eine Kompanie nebst zwei Geschützen das Fort besetzt hielten, ward Pieter Maritz alsbald vor den ältesten Offizier geführt, und Lord Adolphus Fitzherbert stattete seine Meldung ab. Pieter Maritz hatte es der Fürsprache seines Freundes zu verdanken, daß er gut behandelt wurde, aber die Schriften, welche er bei sich geführt hatte, und die Nachrichten, welche bei den englischen Behörden über seine Thätigkeit eingelaufen waren, hatten doch zur Folge, daß er als Gefangener festgehalten wurde. Er sollte am Tage darauf mit noch einem andern Buern, der von einer Patrouille aufgegriffen worden war, nach Potschefstroom gebracht werden, wo Oberst Winslow befehligte. Traurig empfahl er nun Jager und seine Waffen dem Freunde und nahm Abschied von ihm. Dann wurde er in einem steinernen Hause, vor dem eine Schildwache stand, mit dem Landsmann eingeschlossen.