Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 41
Lord Gifford sandte Meldung von seinem Erfolge nach Ulundi zurück, wo inzwischen Sir Garnet Wolseley eingetroffen war, und erhielt den Befehl, mit einer geringen Macht die Verfolgung Tschetschwajos fortzusetzen, die übrigen Truppen unter Oberst Barrow aber zurückzusenden. Das englische Heer war wieder im Rückmarsch nach Port Natal und sollte zu Schiffe in die Heimat befördert werden. Nur mit sechshundert Mann Truppen: Dragonern, reitenden Schützen und Buern, dazu noch einigen hundert Schwarzen, setzte Lord Gifford den Marsch nach Nordosten fort. Es war gegen Ende des Monats Juli.
Aber noch gab es manchen heißen und schwierigen Marsch. Das Land wurde immer wilder und gebirgiger, je weiter die Truppen vordrangen. Die Krale lagen hier sehr vereinzelt, die Bevölkerung war sehr dünn, und wilde Tiere fanden sich hier noch in großer Menge. Nicht allein gegen Überraschungen von seiten der Zulus, sondern auch zum Schutze gegen Löwen und Leoparden mußten allnächtlich Wachen ausgestellt und Wachtfeuer unterhalten werden. Wochenlang streiften die Reiter im Gebirge hin und her, bald hierhin, bald dorthin durch wechselnde Nachrichten über den Aufenthalt des Königs gelockt. Vielfach kamen Zulus zu den Weißen, welche, um ihre Hütten und Herden zu retten, ihnen mitteilten, wo der gefürchtete Tyrann sich verborgen halte, aber wenn die Verfolger den bezeichneten Punkt erreichten, zeigte sich, daß Tschetschwajo schon wieder fort war. Das einsame, wüste, zerklüftete Land kam seiner Flucht sehr zu statten.
Pieter Maritz ritt oft mit Lord Fitzherbert zusammen, und sie erneuerten in dieser Zeit ihre alte Freundschaft. Manche Nacht lagen sie zusammen unter dem Sternenhimmel am Feuer, manche Jagd führten sie zusammen aus. Denn die Jagd vereinigte sich mit dem Kriege auf dieser langen Suche nach dem flüchtigen schwarzen Fürsten. Mehreremal fielen Löwen trotz aller Wachsamkeit in das Lager ein und raubten Pferde und Schlachtochsen. Major Marter allein, der die Dragoner kommandierte, verlor drei Pferde nacheinander durch Löwen, teils im Lager, teils auf der Jagd. Auf diesem Marsche bekamen Pieter Maritz und Lord Fitzherbert auch zum erstenmal in ihrem Leben Giraffen zu sehen.
Sie waren an einen Fluß gekommen, den die Zulus Umlanluwe nannten und der an der Stelle, wo sie ihn erreichten, breit und glänzend in einem weiten Thale strömte. Es war früh am Morgen, nur vier Dragoner und vier Buern befanden sich bei der Patrouille, welche bei Sonnenaufgang vom Lager ausgesandt worden war. Als die Reiter aus dem Walde herauskamen, sah Pieter Maritz in weiter Entfernung am jenseitigen Ufer eine Herde von zwölf der riesenhohen Tiere, zum Teil im Wasser stehend, zum Teil am sonnigen Ufer. Er zeigte sie dem Lord, und beide berieten, voll Jagdbegierde, wie sie an die scheuen Tiere herankommen könnten. Der Wind blies den Reitern entgegen, und dies war günstig, da er die Witterung des Menschen den Tieren nicht zutragen konnte. Sie ließen ihre Reiter zurück in das Versteck des Waldes treten und versuchten, den Fluß zu überschreiten. Der Engländer trug gleich dem Buernsohn eine Martini-Henry-Büchse. Glücklich fanden sie eine Stelle, wo das Wasser seicht war, so daß die Pferde hindurchgehen konnten, und sie gelangten an das jenseitige Ufer, ohne daß sie von den Giraffen bemerkt wurden. Dann ritten sie durch hohes Mimosengebüsch langsam und vorsichtig der Herde näher. Der Wind hatte sich ganz gelegt. So kamen sie bis auf etwa zweihundert Schritte an die Herde heran, hier aber mußten sie halten, denn das Gebüsch hörte auf, und die stachligen Sträucher, an denen die Giraffen weideten, standen nur noch vereinzelt. Sie sahen die Tiere deutlich vor sich. Einige grasten, andere rupften mit ihren harten Lippen und schwarzen Zungen an den Mimosen. Sie wedelten mit den Schweifen nach den Sirutfliegen, die sie belästigten, und verschiedene Vögel flatterten um ihre Köpfe, setzten sich sogar auf die kurzen Hörner oder auf die Nase der Tiere, um die Insekten wegzufangen, die den riesigen bunten Gestalten in die Nüstern stechen wollten. Es war ein prächtiges Schauspiel. Das orangefarbene, schwarzgefleckte Fell der Tiere glänzte im Sonnenschein und schillerte bei jeder Bewegung, bald glich es dem Atlas, bald der Goldbronze. Die großen schwarzen Augen waren von wunderbarer Schönheit, sanft wie die Augen der Antilopen, aber noch viel tiefer und glänzender, wie sie auch viel größer waren.
»Ich habe nie gewußt, was Giraffen sind,« flüsterte der Lord seinem Freunde zu. »Ich habe sie in den zoologischen Gärten in Paris und London gesehen, aber sie haben dort in dem kalten Klima und in der Gefangenschaft gar keine Ähnlichkeit mit diesen wunderschönen Tieren.«
Pieter Maritz nickte ihm zu. Sein Herz klopfte.
»Ich schieße nicht,« sagte er. »Die Tiere sind zu schön, und sie thun niemand etwas zuleide.«
»Ich schieße,« entgegnete der Lord, »ich kann es nicht lassen.«
In diesem Augenblicke und als der Engländer seine Büchse erhob, regte sich ein Lüftchen in den Zweigen, und dieser Lufthauch wehte von den Reitern nach den Giraffen hin. Sofort standen sie still, hörten zu weiden auf und richteten ihre wundervollen Augen nach der Stelle hin, wo die Jäger waren, während sie ihre Köpfe hoch in die Luft streckten. Lord Fitzherbert ward unruhig und schoß sehr schnell, weil er fürchtete, die Tiere möchten ihm entfliehen. Sein Schuß mochte wohl getroffen haben, denn eines der Tiere zuckte zusammen. Dann setzte sich die ganze Herde vom Ufer weg in Trab.
»Hinter ihnen her!« rief der Engländer voll Eifer.
Beide trieben ihre Pferde an, und im Reiten schoß der Lord noch zweimal. Aber er hatte ohne Erfolg geschossen, die Tiere liefen weiter. Sie liefen im Trabe, mit großer Gemächlichkeit, wie es schien; aber die Entfernung, welche sie von ihren Verfolgern schied, wurde doch immer größer. Die Jäger ritten den stärksten Galopp, aber sie kamen den Giraffen nicht näher, denn jeder Schritt der langtrabenden hohen Tiere war mindestens zwölf Fuß weit, und es war klar, daß die Pferde mit solchen Beinen nicht wettlaufen konnten. Die Reiter erinnerten sich ihrer militärischen Aufgabe und kehrten um, nachdem sie eine halbe Meile weit in das Land hineingeritten waren. War die Jagd auch erfolglos gewesen, so sollten sie doch auf dem Heimwege Glück haben. Pieter Maritz erblickte mehrere Zulus, die sich in heimlicher Weise durch das Buschwerk schlichen, und es kam ihm so vor, als ob ihm einer davon bekannt sei. Zwar hatte er ihn nur eine Sekunde lang zu Gesicht bekommen, als der Mann quer über einen Pfad sprang, den das Wild gebahnt hatte, aber die hohe und absonderliche Frisur, besonders aber die auffallende Beinbekleidung ließen keinen Zweifel, wer dieser Zulu sei. Nur der Leibarzt König Tschetschwajos trug eine rote Hose. Pieter Maritz sprengte alsbald hinter den Zulus her, und Lord Fitzherbert folgte ihm durch das Gestrüpp. Die Zulus schienen es nicht sehr eilig mit der Flucht zu haben, denn sonst hätten sie wohl in dem dichten Busch den Reitern entgehen können. Aber sie machten es, wie jetzt im Unglück Tschetschwajos die meisten Zulus es machten: sie fügten sich dem Sieger, um nicht ihr Besitztum oder gar das Leben zu verlieren. Kaum hatte Pieter Maritz die Flüchtigen angerufen und ihnen gedroht, er werde schießen, wenn sie nicht stehen blieben, als auch schon der Mann mit der roten Hose still stand und seine Begleiter aufforderte, es ihm nachzumachen. Pieter Maritz und der Lord erkannten mehrere Leute vom Hofstaat Tschetschwajos, die den Leibarzt begleiteten, und sie nötigten sie, als Gefangene mit zum Lord Gifford zu gehen.
Schon unterwegs erzählte der Leibarzt, daß Tschetschwajo in der letzten Zeit häufige Anfälle von Schwermut zugleich mit Atemnot gehabt habe, so daß ihm die Flucht sehr schwer und lästig falle, und als ihm dann im Lager Lord Gifford eine Belohnung zusicherte, verriet er, daß der König sich im Negowewalde, im Krale Molihabantschis, befinde. Molihabantschi habe seine Besitzung im Norden verlassen, um als Minister des Königs an dessen Hofe zu leben; nun aber habe er den König, in dessen Begleitung von Vornehmen nur noch Prinz Sirajo sei, in den versteckt liegenden Kral seiner Heimat geführt.
Lord Gifford versprach dem Leibarzt eine Herde Ochsen, wenn er den König seinen Händen überliefere, und dieser erklärte sich bereit dazu. Dann befahl Lord Gifford dem Oberst Clarke, sich mit dreihundert Mann und einer Schar Zulus aufzumachen, um unter Führung des Leibarztes Molihabantschis Kral aufzusuchen und den König lebend zu fangen. Oberst Clarke brach mit Untergang der Sonne auf und teilte seine Schar in vier kleine Abteilungen, die den Kral von allen Seiten umringen sollten. Die stärkste dieser Abteilungen, welche von Süden kommen sollte, ward von Major Marter kommandiert, und bei dieser, welche aus sechzig Dragonern, vierzig Buern und etwa fünfzig Zulus bestand, waren auch Pieter Maritz und Lord Adolphus Fitzherbert.
Die ganze Nacht hindurch ward marschiert, und das Land ward immer schwieriger zu durchschreiten. Berg und Thal wechselten beständig, tiefe Schluchten, dichtes stachliges Gebüsch und kleine Wasserläufe machten den Ritt sehr beschwerlich. Das Gebrüll der wilden Tiere und das Schreien der Paviane begleitete den Zug unaufhörlich. Bei Tagesanbruch endlich, als sie an den Saum eines Waldes kamen, gab der verräterische Leibarzt ein Zeichen, zu halten, damit die blitzenden Waffen beim Heraustreten aus dem Schatten der Bäume nicht gesehen würden. Major Marter stieg ab und schritt mit dem Leibarzt vor. Nur Pieter Maritz war dabei, um als Dolmetscher zu dienen.
Die Sonne schien hell und beleuchtete eine wildgebirgige Landschaft. Eine einzelne kahle Höhe lag inmitten eines Bergkessels und war ringsum von tiefen Schluchten umgeben. Hohe Bergketten schlossen von allen Seiten in engeren und weiteren Linien den Thalkessel ein, und schwarze Schatten wechselten mit den von der Sonne beschienenen, violett und grün glänzenden Bergseiten ab. Jene Höhe, welche vom Standort der Verfolger etwa eine halbe Meile entfernt sein mochte, ward wie von einem Kranze durch kreisförmig gebaute Hütten gekrönt, den Kral Molihabantschis, wie der Leibarzt sagte. Die Hütten lagen schwarz auf dem gelbgrünen Gipfel des Hügels.
Major Marter beschloß, da ein Hinankommen auf geradem Wege unthunlich erschien, die Höhe zu umgehen. Nach halbstündigem Marsche traten sie wieder an den Waldsaum vor und spähten nach dem Krale. Der Hügel zeigte sich jetzt in etwas anderer Form, und es war zu sehen, daß nördlich von dem Krale ein Waldstreifen bis auf wenig hundert Schritte an die Hütten heranreichte. Es war zu fürchten, daß Tschetschwajo, wenn er etwa den Feind bemerkte, sich in diesen Waldstreifen retten und dann ferner fliehen könnte. Das Terrain war äußerst günstig zu versteckter Flucht und fast gänzlich unzugänglich für Reiter. Auf die Zulus aber, welche am besten dem Flüchtling hätten folgen können, wollte sich Major Marter nicht verlassen. Sie hätten sich vielleicht einschüchtern lassen oder hätten den König wohl auch ermordet. Major Marter wollte den König lebend gefangen nehmen und wollte ihn mit eigener Hand und mit Hilfe zuverlässiger Leute greifen.
So ward denn beschlossen, diesen Tag überhaupt keinen Versuch zu machen, dem Krale näher zu kommen, sondern, wenn nicht etwa die andern Abteilungen anlangten, die Nacht zu erwarten und im Schleier der Dunkelheit den König zu überraschen. Posten wurden im Waldsaum aufgestellt und das ganze Land ward von verschiedenen Punkten aus beobachtet. Aber Major Marter ward ungeduldig. Er konnte es nicht ertragen, den ganzen Tag unthätig zu liegen. Nach einigen Stunden Wartens ließ er von neuem aufbrechen und weiter nach Nordosten marschieren, um wo möglich den Waldstreifen hinter Molihabantschis Kral zu erreichen. Auf diesem Marsche näherte sich der Trupp allmählich dem Hügel, so daß Pieter Maritz nun vom Walde aus die Hütten deutlich unterscheiden konnte. Endlich aber mußte die Abteilung eine Strecke weit über offenes Land ziehen, und nun bemerkte Pieter Maritz, daß sie vom Krale aus gesehen worden seien. Mehrere schwarze Gestalten zeigten sich, und er glaubte sogar den König selbst an der großen starken Figur zu erkennen. Eilig zogen die Truppen weiter und erreichten den unteren Teil des Waldstreifens, der sich die Höhe hinaufzog.
Major Marter ließ halten. Durch offenen Angriff und Schnelligkeit den König zu überrumpeln, war nicht gut möglich, da die Reiter bergan und über den sehr durchschnittenen Boden hin von keiner Seite schnell genug vorwärts kommen konnten. Es war nur möglich, wie es schien, durch Heimlichkeit und Stille den geplanten Angriff auszuführen. Major Marter ließ die Sättel abschnallen und die Säbel abgürten, damit nicht das Klirren der Bügel und eisernen Scheiden gehört würde. Die Reiter mußten auf nackten Pferden und allein mit der Klinge in der Hand weiter vordringen. Zulus eilten vorauf. So stieg der Zug von Nordosten her den Hügel hinan. Unter den ersten von den Reitern, welche aus dem Waldstreifen hervorbrachen und nun auf den nahen Kral zuritten, war Pieter Maritz. Er erblickte den König, der vor den Hütten stand und von einer kleinen Schar seiner Getreuen umgeben war.
Die Zulus, welche den Weißen vorauf waren, sprangen auf den König los und schrieen laut: »Der weiße Mann kommt! du bist gefangen!«
Tschetschwajo beachtete diese Leute so wenig, als ob sie eine Koppel Hunde gewesen wären, die ihn angekläfft hätten. Er blieb unbeweglich stehen, und mit ihm standen Sirajo und Molihabantschi, wie die andern Begleiter ruhig und schweigend da. Dann, als die Weißen näher kamen, drehte Tschetschwajo sich um und ging mit dem Gefolge in den Kreis der Hütten, wo er dem Blicke Pieter Maritz' entschwand.
Aber die Zulus folgten ihm, und als jetzt die Schar der Reiter versammelt und Major Marter selbst zugegen war, ging es in den Kral hinein. Die Zulus zeigten auf die größte der Hütten und bedeuteten die Verfolger, daß der König darin sei.
Major Marter stieg ab, mit ihm sprangen mehrere Dragoner vom Pferde, und dann trat der Major vor die Hütte und rief dem König zu, er möge herauskommen und sich ergeben. Pieter Maritz übersetzte diese Aufforderung in die Zulusprache.
Da ertönte aus dem Innern der Ruf des Königs: »Nein! kommt ihr herein!«
Aber Major Marter bestand auf seinem Verlangen, und nach mehrmaliger Weigerung entschloß sich endlich Tschetschwajo, Gehorsam zu leisten. Er kam hervor.
Als er aus der niedrigen Thür kam, mußte er auf Händen und Füßen kriechen, dann aber richtete er sich auf und stand in würdiger, stolzer Haltung und mit ruhiger Fassung da. Er trug einen roten Mantel, ein einfach viereckiges Stück Zeug, welches auf der linken Schulter mit einer Spange zusammengehalten wurde und der römischen Toga ähnlich den riesigen Körper umgab. Sein Blick weilte ruhig auf den Gestalten der englischen Krieger.
Einer der Dragoner trat auf ihn zu und wollte ihn am Arme fassen, aber der König warf den Kopf empor, maß den Mann mit verachtungsvollem Blick, machte mit der linken Hand eine abwehrende Bewegung und sagte: »Weißer Krieger, rühre mich nicht an!«
Alsdann wandte er sich zu Pieter Maritz und sagte mit völlig ruhigem Tone: »Sage den Kriegern der Königin von England, sie möchten mich erschießen.«
Pieter Maritz übersetzte dies dem Major Marter, und dieser ließ dem König antworten, daß die Engländer nicht daran dächten, ihm ein Leid zu thun, vielmehr nur verlangten, daß der König ihnen folge.
»Ist dieser Mann ein Induna? Welchen Rang hat der Befehlshaber dieser Truppen?« fragte der König.
Pieter Maritz gab ihm Auskunft.
Währenddessen waren nicht nur Major Marters Leute, sondern auch die andern englischen Abteilungen herangekommen, und Lord Gifford selbst erschien. Der Kral und der Hügel füllten sich mit Pferden und Soldaten. Der König ward aufgefordert, den Kral zu verlassen und sich in das englische Lager zu begeben. Sein Benehmen war so stolz, daß die Offiziere voll Verwunderung waren und daß sich gleichsam von selbst Ehrenbezeugungen für ihn bildeten. Als er mit seinem kleinen Gefolge von Indunas und Weibern den Kral verließ, standen die reitenden Schützen und Dragoner zu beiden Seiten in Linie aufmarschiert, und er ging mit sehr langsamem Schritte, den Kopf hoch, durch ihre Reihen hindurch, mit hartem, forschendem Blick die englischen Soldaten betrachtend, als ob er seine eigenen Krieger mustere. Er ragte mit seinem nackten, ganz schmucklosen Kopfe über alle hinweg und schritt an seinem elfenbeinernen Stabe mit der gelassenen Vornehmheit eines Herrschers dahin, dem von seinen Unterthanen die schuldigen Ehren erwiesen werden.
Seine ruhige Würde behielt er auf dem ganzen Wege. Er wurde nach Lord Giffords Lager geführt und von dort nach Ulundi. Am 31. August ward die ehemalige Hauptstadt des schwarzen Königs erreicht. Pieter Maritz war in der Begleitung, um als Dolmetscher zu dienen. Vor Ulundi war ein großes englisches Lager, und dort erblickte Pieter Maritz das kluge Gesicht des Oberbefehlshabers Sir Garnet Wolseley. Lord Chelmsford war nach England zurückgekehrt. General Wolseley war begleitet von seinem Stabschef, Sir George Pomeroy Colley, und ordnete mit diesem die Angelegenheiten des Zululandes. Er nahm die Huldigungen der Indunas entgegen und ließ alle Waffen europäischer Art im Lager abliefern. Er ging damit um, das Land in mehrere kleine Fürstentümer zu teilen.
Auf General Wolseleys Befehl ward Tschetschwajo in Begleitung eines Dutzends seiner Lieblingsfrauen und einiger Diener nach Port Durnford in Natal geschafft, um von dort zur See nach der Kapstadt gebracht zu werden. Die Indunas seiner Umgebung, auch Sirajo und Molihabantschi, blieben im Lande zurück.
Ein Wagen mit acht Maultieren ward zur Verfügung des Königs gestellt, dem lange Märsche zu Fuß zu beschwerlich waren und der auch nicht zu reiten liebte. Eine Eskorte von Dragonern begleitete diesen und zwei andere Wagen, auf welchen die Frauen und Diener fuhren. Pieter Maritz auf Jagers Rücken blieb bei dem Reisezuge bis Port Durnford. Dort, als die schwarze Figur des Königs das schwankende Brett betrat, welches vom Ufer in das Boot führte, sah er den einst so mächtigen Tyrannen zum letztenmal.
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Von Pretoria nach Kimberley
Ein kleiner Reitertrupp zog den Weg entlang, der unweit der Stadt Pretoria nordwärts über die Höhenzüge führt. Die Männer waren als Buern zu erkennen, sie trugen den breitkrempigen Hut, die Bluse, die hohen Reiterstiefel und die Büchse nebst Patronengurt. Pieter Maritz befand sich unter ihnen, nun als schlanker, kräftiger Jüngling, denn seit der Beendigung des Zulukrieges waren ein Jahr und zwei Monate vergangen, und der Buernsohn stand in seinem achtzehnten Lebensjahre.
Es war ein afrikanischer Dezembermorgen, die Luft klar und warm. Als die Reiter die Höhe erreichten, hielt der vorderste von ihnen sein braunes Pferd an und blickte sich nach allen Seiten um, während auch seine Begleiter Halt machten. Hinter ihnen lag die Stadt mit ihren hellen Gebäuden inmitten tiefdunkler Baumschatten, daneben dehnten sich unübersehbare grüne Weiden aus, welche mit großen Herden bedeckt waren. Im klaren Sonnenschein erschien das Bild ungemein lebhaft und farbreich und es war ein Bild tiefen Friedens. Gemächlich lag das schwere Vieh auf dem saftig grünen Teppich, freundlich sah die Stadt aus, und im herrlichsten Blau spannte sich die weite Himmelsdecke über die Erde aus.
Der Reiter, welcher zuerst sein Pferd angehalten hatte, betrachtete schweigend und gedankenvoll die Landschaft und wies dann mit der Hand seitwärts nach einem länglichen Viereck von Zelten, die weiß schimmernd dalagen, sowie nach einem regelmäßig geschnittenen dunklen Stern, der neben dem Zeltlager zu sehen war. Diese Sternfigur, aus deren Mitte eine Fahne an hoher Stange wehte, die in solcher Entfernung nicht größer als eine Briefmarke zu sein schien, zeigte nebst den Zelten die Gegenwart von etwas Fremdem an, das mit dem friedlichen Anblick des schönen Landes nicht in Einklang stand.
»Seht dort,« sagte der Reiter mit finsterem Gesicht, »seht das Fort und die Zelte! Ist nicht ihre Gegenwart eine fortdauernde Beleidigung und Drohung für die Republik? Sie mißachten unsere Vorstellungen, sie verhöhnen unsere gerechten Ansprüche. Laßt uns nicht uns selbst täuschen: der Bitte wird das harte englische Herz sich stets verschließen. Wir müssen Gewalt der Gewalt entgegensetzen, erst dann wird man Achtung vor der Gerechtigkeit unserer Sache bekommen.«
Beifallsgemurmel war zu vernehmen, und dann antwortete ein anderer der Reiter: »Alle Bürger stimmen Ihnen zu, Herr Krüger, und wir sehen alle ein, daß die Zeit der Verhandlungen vorüber und die Zeit der Thaten gekommen ist. Die Engländer werden mit jedem Tage übermütiger, und seitdem sie die Zulus besiegt haben, betrachten sie ganz Südafrika als ihr Kolonialgebiet. Der Augenblick ist da, wo wir ihnen zeigen müssen, daß wir freie Männer sind. Jetzt haben sie nur eine kleine Truppenzahl im Lande, und wenn sie sich nun unseren Forderungen nicht fügen wollen, so treiben wir sie hinaus.«
Der Reitertrupp setzte seinen Weg fort und traf nach einstündigem Ritte auf zwei Männer, die zu Pferde in einem Engpasse hielten. Sie ritten Pferde von kleiner kräftiger Figur und waren in voller kriegerischer Ausrüstung, hatten die Büchse vor sich auf dem Sattel und überwachten, wie es schien, das Land, welches sich vor ihnen ausdehnte. Sie begrüßten ehrfurchtsvoll den kleinen Reitertrupp, der sich ihnen näherte, tauschten einige Worte mit dem Präsidenten Krüger aus und blieben dann auf ihrem Posten, während dieser mit seiner Begleitung weiterritt.
Nicht lange nachher öffnete sich ein Thal vor den Blicken der Reiter, und der Schauplatz eines bewegten kriegerischen Treibens lag vor ihnen. Vor allem zeigten sich die hellen Zeltdächer der Buernwagen auf dem grünen Untergrunde der Thalsohle, doch waren die Wagen nicht im Kreise zusammengeschoben, sondern standen reihenweise an verschiedenen Punkten. Zwischen ihnen brannten Feuer, und blauer Rauch kräuselte sich empor, während schwarze Männer und Weiber, mit Zubereitung von Speisen beschäftigt, mit Töpfen und Tiegeln um die Feuer herum hantierten. Viele Pferde waren weidend und mit Leinen an Pflöcke gefesselt zu sehen, und überall gingen oder saßen die Gestalten von Buern umher.