Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal

Part 40

Chapter 403,608 wordsPublic domain

Die beiden vorderen Glieder der Engländer knieten nieder, die beiden hinteren Glieder streckten die Gewehre über die Köpfe der knieenden vor, und ein furchtbares Schnellfeuer begann. Ohne Wall, auf freiem Felde mußte heute gefochten werden und Standhaftigkeit die fehlende Brustwehr ersetzen. Trotz des Hagels aus den Gewehren und trotz der Artilleriegeschosse kamen die Zulus mit der alten Tapferkeit heran, leichtfüßig springend, in ihrem hüpfenden Sturmschritt laufend. Aber nicht wie sonst ertönte ihr Schlachtgesang, sie kamen in finsterem Schweigen heran, ganz lautlos, und da auch ihre Schritte und das Klirren ihrer Waffen im Lärm des englischen Feuers nicht zu vernehmen waren, glichen sie einem Heere stürmender schwarzer Schatten. Manchem unter den Europäern, der schon mit den Zulus gefochten hatte, erschien diese Stille schrecklicher als der donnernde Kampfruf. Sie verkündete die Verzweiflung der tapferen Männer, welche zum letzten Kampfe unter den Augen ihres Königs vorgingen. Bis auf siebzig Schritte vom Karree kamen die schwarzen Linien heran, dann machten sie Halt und fingen an zu feuern, indem sie sich niederwarfen. Deutlich erkannte Pieter Maritz jetzt, wie sehr die alten Regimenter zusammengeschmolzen waren. Die Regimenter der roten, der blauen und der schwarzen Schilde besonders hatten gelitten und bildeten nur noch kleine Haufen von vierhundert oder fünfhundert Mann. Viele ganz junge Leute waren zwischen den älteren Männern. Deutlich erkannte er auch in dieser Nähe den Prinzen Dabulamanzi, der inmitten des Kugelhagels auf einem schwarzen Pferde hinter seiner Schlachtreihe emporragte. Er allein war aufrecht, und er kümmerte sich nicht um die Shrapnels und Büchsenkugeln, die unter seinen Leuten aufräumten und ihn selber umpfiffen. Er winkte nach rückwärts und ließ seine Reserve heranlaufen, um das vordere Treffen zum neuen Angriff vorwärts zu tragen.

Zu gleicher Zeit brachen jetzt die feindliche Mitte und der feindliche rechte Flügel, der von Sirajo geführt wurde, zum Angriff vor, und das Feuer ward allgemein, indem die beiden äußersten Enden der Flügel zusammenschlossen und auch die rückwärtige Front angriffen. Manche Kugel schlug in das Viereck ein, und mancher Mann stürzte zusammen.

Pieter Maritz hielt seinen Blick hauptsächlich auf Dabulamanzi gerichtet, der ihm der Beachtung am meisten würdig erschien. Er sprengte mit hoch geschwungenem Speere die Linie entlang und trieb seinen Flügel und die Mitte zum Angriff. Und die Zulus gehorchten. Sie verachteten den tödlichen Bleihagel, der Mann nach Mann in ihren Reihen niederriß, und stürmten vor. Bis auf dreißig Schritte kamen viele an das todsprühende Viereck heran. Die englischen Soldaten sahen die drohenden schwarzen Gesichter mit dem hochragenden Kopfputz deutlich vor sich. Aber nur wenige, nur die glücklichsten unter den Tapferen, kamen näher. Das Feuer war noch stärker als bei Gingilowo, denn die Artillerie war zahlreicher, auch schossen heute vier Glieder zugleich mit Martini-Henry-Gewehren, und unablässig versorgten Soldaten, die zwischen den feuernden Gliedern und den Munitionswagen hin und her liefen, die Patrontaschen und Magazine mit neuen Patronen. Keine Tapferkeit konnte den nackt und ohne Schutz bergan laufenden Zulus helfen, sie stürzten in Massen zu Boden. Nur Dabulamanzi, obwohl beständig dem Feuer ausgesetzt, blieb wie durch ein Wunder am Leben. Er war überall zu sehen, wo die Gefahr am größten war, während Sirajo sich mehr zurückhielt. Er rief den Weichenden zu, er führte wieder und wieder zusammengeraffte Haufen vorwärts, und rund um ihn her fielen die Männer. Aber er blieb auf seinem Pferde.

Mehr als einmal griff Pieter Maritz nach seiner Büchse, und er traute es sich wohl zu, den Prinzen herabzuschießen. Die Engländer zielten wenig, sie schossen in die Masse hinein, kein Buer stand in der äußeren Linie. Aber ein Gefühl der Scheu hielt den Buernsohn zurück. Er mochte den tapferen Mann nicht fällen. War er dem Degenstoß bei Gingilowo nicht erlegen, so wollte ihn eine höhere Bestimmung wohl nicht durch die Hand fallen lassen, die damals das Schwert gegen ihn führte. Pieter Maritz getraute sich nicht, auf Dabulamanzi zu schießen.

Jetzt trat unter den ungeheuren Verlusten, welche die Zulus erlitten, ein Stocken in ihrem Angriff ein, ein Schwanken ward in ihren Schlachthaufen bemerklich, die Regimenter schienen sich aufzulösen. Sirajos Flügel strömte bald darauf rückwärts, das Centrum wich langsam unter den unaufhörlich einschlagenden Shrapnels und Gatlinggeschossen. Ein lautes Hurra ertönte in den von Pulverdampf umwallten Gliedern der Engländer.

Da ritt Lord Chelmsford vor die Reihen der Ulanen und zeigte mit der Hand auf Dabulamanzis Flügel, der noch immer standhielt. Hatten in der letzten Schlacht die Dragoner Lorbeeren errungen, so sollten heute die Ulanen den Sieg vollenden. Das Viereck öffnete sich, das stolze Regiment trabte hinaus, das Feuer verstummte auf der rechten Flanke, und die Schwadronen ritten zu staffelförmiger Attacke auf. Dann legte die vorderste Schwadron die Lanzen ein und jagte, die blinkenden Spitzen mit den flatternden Fähnchen gesenkt, gerade auf die Zulus los.

Aber die Zulus hatten von ihren Feinden gelernt, und Dabulamanzi war in ihrer Mitte. Sie schlossen sich eng zu einem Knäuel zusammen, streckten die Schilde vor und feuerten. Viele der Reiter mußten den Sattel räumen. Eine zweite Schwadron stürmte heran und griff über den Flügel der ersten hinaus mit der Lanze an, die dritte und vierte folgten, immer die vorderen überflügelnd, und ritten in die Feinde ein. Die Zulus erlagen unter dem wilden Ansturm. Vergeblich waren ihre Speere und Schilde, die langen Lanzen der Engländer, mit der Wucht von Roß und Mann vorwärts getrieben, durchbohrten Schild und Brust, und einer der tapferen Verteidiger nach dem andern sank zu Boden. Verzweiflungsvoll flüchtete Dabulamanzi mit einer kleinen Schar. Doch nahe an hundert Mann ließ das Ulanenregiment auf dem Platze zurück.

Jetzt brachen auch die Buern auf des Oberbefehlshabers Wink aus dem Karree hervor, und Humbatis Truppen wurden auf die Fliehenden losgelassen. Weithin bedeckte sich die Ebene mit flüchtigen Scharen, hinter denen die Kavallerie herjagte, und Schwerthieb und Lanzenstich räumten unter den Zulus und den Amatongas auf, welche heute das Zuluheer verstärkt hatten. Langsam rückte das schwere Viereck vor, das Hurrarufen der Sieger donnerte über das Schlachtfeld hin, und die Klänge des »~Rule Britannia~« spielten dazwischen.

Pieter Maritz ritt an der Spitze der Buern einher, das Schwert in der Rechten, doch brauchte er es nicht mehr, denn die Feinde leisteten keinen Widerstand. Er lenkte nach dem Lickasikrale hin, aber der Hügel war leer, der König war verschwunden. Er ritt nach Ulundi zu und sah, daß die englischen Reiter schon in der Hauptstadt waren. Er kam an die äußersten Hütten hinan, sie waren leer. Als er aber bis zur Wohnung des Königs kam, da sah er den schönen Rasenplatz, auf dem einst die Frauen getanzt hatten, von den Ulanen angefüllt, und aus der Veranda leckten die Flammen empor.

Er ritt langsam zurück, Traurigkeit beschlich sein Herz beim Anblick der Verwüstung und des Todes auf den Stätten, wo er einst ein fröhliches Volk gesehen hatte.

Noch einmal blickte er sich um: Ulundi brannte an allen Ecken und Enden, die leichten Hütten flackerten wie Fackeln auf, düsterer schwarzer Rauch stieg zum Himmel empor. Tschetschwajos Macht war gebrochen, und zum Falle seines Reiches, zum Brande seiner Hauptstadt spielte die englische Musik das »~Rule Britannia~«.

Fünfundzwanzigstes Kapitel

König Tschetschwajos Gefangennahme

Rauch und Hitze machten den Aufenthalt in Ulundi bald unerträglich, und die Truppen versammelten sich wieder in der freien Ebene, wo Lord Chelmsford den entscheidenden Sieg erfochten hatte. Pieter Maritz sah, wie die Flammen sich ringsum in Ulundi verbreiteten, bis der ganze weite Ring von Hütten, der den großen Platz einschloß, einem riesigen brennenden Pechkranz glich. Der Himmel verfinsterte sich durch den ungeheuren Qualm, der von so vielen leicht brennbaren Hütten emporstieg. Währenddessen richtete die Artillerie ihre Geschosse auf die benachbarten Krale, welche ehedem Residenzen der Zulukönige und Zeugen manches Triumphes der siegreichen Eroberer über schwächere Nachbarn gewesen waren. Diese Krale konnten noch Feinde bergen, und die Engländer hielten es für sicherer, sie zu zerstören, oder gaben vielleicht auch nur dem Triebe der Vernichtung nach, der im Kriege in den Herzen der Menschen riesengroß anwächst. Raketen und Shrapnels sausten in die Hüttenringe hinein, und bald schlugen aus allen ringsum sichtbaren Kralen die Rauchwolken und Flammen ebenso wie aus Ulundi empor. Der ganze nördliche und östliche Horizont hüllte sich in schwarzen Dunst, so daß die vorher hell schimmernden fernen Höhenzüge und der klare durchsichtige Äther gleichsam in Trauer gekleidet erschienen.

Lord Chelmsford führte seine Armee in das befestigte Lager zurück, aus welchem er heute morgen aufgebrochen war, und gab Befehl, daß nur eine geringe Macht, hauptsächlich Kavallerie und Artillerie, die Verfolgung der geschlagenen Feinde fortsetzen solle. Die Masse des Heeres sollte zurückmarschieren. Schon im Laufe des Tages der Schlacht, mehr aber noch an den folgenden Tagen zeigte sich die große Bedeutung des englischen Sieges in dem Erscheinen von Zulufürsten, welche ihre Unterwerfung ankündigten. Alle jene Vornehmen, welche nur durch Waffengewalt zum Gehorsam gezwungen worden waren, dazu die Ehrgeizigen, welche hofften, nach der Besiegung Tschetschwajos selbständige Herrscher in ihrem Gebiete zu werden, kamen mit ihren Anhängern in das Lager des mächtigen Siegers und huldigten ihm. Tschetschwajos Macht bröckelte auseinander. Die Indunas berichteten, der König habe nur noch sechstausend Mann um sich, und mit diesen habe er sich nach Nordosten gewandt, um in die fernsten, wildesten Gegenden seines Reiches zu fliehen.

Lord Chelmsford nahm alle Indunas freundlich auf, lobte sie wegen ihrer Gefügigkeit und versprach ihnen die Unterstützung der englischen Macht bei ihren Plänen auf Selbständigkeit. Seine Truppen folgten indessen den Spuren des Königs. Die Ulanen und Dragoner, die Scharfschützen des 60. Regiments, vor allem aber die Buern und Humbatis schwarze Truppen, waren mit der Artillerie vereint im schnellen Marsche hinter der letzten kleinen Armee der Zulus. Es ging zunächst auf Mainze-kanze, wo der König Halt gemacht hatte, wie seine verräterischen Indunas aussagten.

Noch auf dem Wege dorthin, und mehrere Meilen südlich vom Zusammenflusse des Schwarzen und des Weißen Umvolosi, ritt Pieter Maritz eines Abends mit dem Leutnant Dubois zusammen an der Spitze einer Buernschar durch das gebirgige Land, als er Humbati bemerkte, der in Eile vorwärts drängte und einen der englischen Befehlshaber, den Obersten Barrow, führte. Humbati war, nachdem der Sieg bei Ulundi erfochten worden war und während so viele Indunas sich einem neuen Glücke zuwandten, eine sehr angesehene und geachtete Persönlichkeit unter seinen Landsleuten geworden, und viele Indunas bewarben sich wie ehedem, als er noch des Königs Günstling war, um seine Freundschaft. Sie erblickten in ihm einen der zukünftigen Herrscher im Zululande. Er aber behielt das finstere Wesen, das Pieter Maritz schon im Lager am Tugela bei ihm bemerkt hatte, und es schien dem Buernsohn, als sei er mehr von dem Durst nach Rache als von Ehrgeiz getrieben.

Der Abend war vom Glanze des Mondes erhellt, und es war fast so hell wie am Tage, nur gab das silberweiße Licht allen Gegenständen ein geheimnisvolles Aussehen, und die Felsen und Bäume in diesen zerklüfteten Landschaften der Flußufer nahmen oft wunderbare Gestaltungen durch die tiefen Schatten ihrer vom Monde abgewandten Flächen an. Oberst Barrow hatte einen Zug Dragoner hinter sich, und er winkte dem Leutnant Dubois, ihm mit den Buern ebenfalls zu folgen. Humbati schritt leichtfüßig voran, und die Offiziere und Mannschaften folgten ihm in ein Seitenthal. Der Weg wurde schwierig und schwieriger, nur mit Mühe folgten die Reiter dem eilig vorangehenden Zulu. Das Thal war eng und düster, nur oberhalb der Baumwipfel zeigte sich der Streif des hellen Nachthimmels, und die Sterne funkelten hell, indem sie aus dem Dunkel heraus gesehen wurden. Endlich endete das Thal, und ein offener Platz, ringsum von sanften Höhenrücken begrenzt, zeigte sich. Hier standen nur einzelne kleinere Bäume, eine Palmenart, und viele gewaltig große Felsblöcke lagen umher, die zum Teil von Gras und Schlinggewächsen überwuchert waren. Es war ein Platz, der ungemein einsam und versteckt aussah.

Humbati machte Halt und sprach einige leise Worte mit dem Obersten, worauf dieser mehrere Soldaten absteigen ließ. Mit diesen näherte sich Humbati einem der Haufen von Felsblöcken und fing an, die Steine wegzuräumen. Pieter Maritz sah nun, daß alsbald unter den von der Natur ohne Ordnung zusammengewürfelten Steinen ein regelrecht geformter Felsenbau, ähnlich einem ungeheuer großen Kasten, erschien. Die Steine waren lang und platt, schichtenweise gelagert. Humbati schob nun an einem dieser langen Steine, der auf der Kante stand, und brachte ihn mit Hilfe der Soldaten in eine Drehung und zum Falle. Polternd stürzte er von seiner Unterlage herab in das Gras, und nun zeigte sich hinter ihm ein hohler Raum, den er wie eine Thür verschlossen gehalten hatte. Die Offiziere und auch Pieter Maritz näherten sich dem Gewölbe und sahen, daß es mit glänzenden Gegenständen angefüllt war. Goldene Ringe und metallene Gefäße, zusammengeschnürte Ballen, in denen Stoffe und Straußenfedern sein mochten, sowie alle solche Dinge, welche Pieter Maritz wohl als Kostbarkeiten an Tschetschwajos Hofe gesehen hatte, waren in diesem Steingewölbe angehäuft. Humbati hatte den Weißen die Schatzkammer des Königs verraten.

Aber in diesem Augenblicke, als aller Augen sich voller Neugierde auf die dunkle Höhlung richteten und Humbati einen der glänzenden Gegenstände hervorholte, auf welchem nun das Mondlicht spielte, war ein wilder, gellender Schrei zu vernehmen, und in der nächsten Sekunde erschien eine hohe schwarze Gestalt jenseits des Felsenbaues und stürzte zum Angriff heran. Gleich darauf war ein Schar Zulus zu erblicken, welche den gegenüberliegenden Hang herabgelaufen kam.

Es war ein Augenblick der höchsten Gefahr, das fühlte Pieter Maritz. Er sprang alsbald vom Pferde herab und nahm die Büchse zur Hand. Gleich ihm waren die übrigen Buern schnell im Grase und kampfbereit, und die Engländer folgten dem Beispiel und gaben ihre Kampfweise zu Pferde auf, um es den landeskundigen Buern nachzumachen. Schüsse krachten durch die Nacht, und der geheimnisvolle stille Platz, wo König Tschetschwajo seine Schätze verborgen hatte, verwandelte sich in einen lärmerfüllten Kampfplatz.

Pieter Maritz konnte, so sehr er mit der Sorge für sich selbst und für Jager beschäftigt war, den Blick nicht abwenden von der zuerst erschienenen Gestalt. Er hatte Dabulamanzi erkannt, der mit Büchse, Schild und Speer herangestürmt war. Pieter Maritz sah, daß des Königs Bruder keinen andern Feind zu kennen schien, als allein den Verräter, Humbati. Er sprang gerade auf diesen los, und ein wilder Zweikampf entspann sich, denn Humbati dachte nicht an Flucht. Keinen Fußbreit wich er zurück, sondern, wo er gestanden hatte, vor dem Eingang der Schatzkammer, da blieb er stehen und erwartete seinen Feind. Er hatte eine Büchse auf der Schulter, wie auch Dabulamanzi eine Büchse trug, aber in diesem Kampfe, der den persönlichen Haß der beiden Indunas gegeneinander zum Austrag bringen sollte, verschmähten sie beide die fremde Feuerwaffe, warfen die Büchsen hin und griffen zum Assagai. In gewaltigem Satze, dem Löwen gleich, sprang der tapfere Prinz mit hoch geschwungenem Speere auf seinen Feind los, und Humbati duckte sich, wie der schwarze Panther sich zusammenbiegt, wenn er seine Zähne und Tatzen gebrauchen will.

Pieter Maritz vergaß zu schießen, indem der Anblick dieser beiden nackten, herrlich gebildeten schlanken Gestalten, dieser geübten und vornehmen Krieger ihn gänzlich fesselte. In Dabulamanzis Blick und Gebärde las er den Stolz und den Zorn des Herrschers und des Besiegten, die unbezähmbare Kampflust eines wilden Sinnes, den brennenden Wunsch, das erlittene Leid zu rächen und die Wut über die Niederlage des Zulureiches an diesem einen Manne auszulassen, der als Verräter dem königlichen Hause verhaßter war als die siegreichen Engländer. Nun hatte der Prinz ihn auf der That ertappt, sah mit eigenen Augen, wie die königlichen Schätze dem Feinde überliefert wurden, und wollte ihn mit eigener Hand strafen. In Humbatis trotzigem Antlitz dagegen glaubte Pieter Maritz den finsteren Blick wiederzuerkennen, den er damals auf den König gerichtet hatte, als dieser ihm den jüngeren Bruder raubte und zum Tode sandte. Mit schmeichelnden Worten hatte der schlaue Induna den Racheplan überkleidet, den er damals im Herzen trug, aber er hatte niemals die Beleidigung und den Schmerz vergessen, die ihm, dem verdienten Freunde des Königs, dadurch zugefügt wurden, daß sein Lieblingsbruder vor den Augen des ganzen Hofes seiner Ehren und Würden beraubt ward wegen eines Fehlers, der ebensowohl Dabulamanzis Schuld als die seinige war. An dem Bruder des Königs selbst hätte jetzt Humbati gern seine Rache vollzogen und Blut gegen Blut genommen. Dabulamanzi stieß mit dem Assagai zu und richtete die Wucht seines Sprunges und Stoßes gegen des Feindes Brust. Aber schnell und geschmeidig wandte sich Humbati im entscheidenden Augenblick und schlug mit der Hand die Speerspitze zur Seite, so daß sie an seinem linken Oberarm vorbeifuhr. Dann stieß er selber zu, indem er blitzschnell vorwärts sprang. Dabulamanzi trug den Schild am linken Arme, während Humbatis Linke unbewehrt war. Er parierte den Stoß mit dem Schilde, aber die Spitze fuhr in schräger Richtung durch das Ochsenfell hindurch und streifte die Haut. Beide Kämpfer waren so nahe aneinander, daß sie die Speere nicht mehr gebrauchen konnten. Dabulamanzi ließ den Schild fallen, in welchem die Assagaispitze feststeckte, warf den Speer aus der Rechten und griff seinen Gegner mit den Händen an. Humbatis Speer sank mit dem Schilde zu Boden, und auch er warf sich unbewaffnet dem Feinde entgegen. Die beiden nackten nervigen Gestalten umschlangen sich mit den Armen und rangen Brust an Brust. Sie waren fast gleich an Wuchs, Dabulamanzi überragte seinen Gegner nur um zwei Fingerbreiten. Beiden schwollen in der gewaltigen Anstrengung die Muskeln der Arme und der Schenkel, indem sie sich ringend umschnürten und mit den Füßen in den Boden stemmten. Die schwarze Haut der starken Ringer glänzte im silbernen Lichte des Mondes. Jetzt schien Dabulamanzis eiserner Griff die Oberhand zu gewinnen, und die Sehnen Humbatis schienen sich zu erweichen. Ein kräftiger Ruck des Prinzen, und Humbati stürzte zu Boden, Dabulamanzi über ihn her. Aber indem sie das Gras berührten, kam eine neue Bewegung in die aalglatten geschmeidigen Glieder, der Ringkampf ward am Boden fortgesetzt, denn Humbati hatte sich im Fallen zur Seite geworfen. Für eine Zeitlang schien es jetzt, als ob ineinander verwickelte Schlangen in dem hohen Grase kämpften. Die schwarzen schimmernden Glieder waren so ineinander verflochten und in solchem Wirbel schneller Windungen, daß Pieter Maritz nicht mehr zu unterscheiden vermochte, ob er des Prinzen oder Humbatis Arme und Beine aus dem Grase hervorblicken sehe. Sie rollten von der Seite fort, indem ein jeder sich bestrebte, den andern nach unten zu drücken, und zwischen den Felsblöcken hin bewegte sich das kämpfende Paar wie ein einziges seltsames Tier in verwirrender Eile. Nur für Sekunden war ein Gesicht zu erkennen, dann tauchte es wieder unter, und die Gestalten schwebten so schnell und in so unbestimmten Umrissen vorüber, daß der Buernsohn sie nicht voneinander zu unterscheiden vermochte. Nun glaubte er Dabulamanzis kurzes Haar und stolze Augen zu sehen, aber schon war dies Gesicht verschwunden, und der düstere Blick Humbatis funkelte gleich dem des gereizten Tigers, und seine weißen Zähne, in der Kampfwut zusammengebissen, glänzten aus dem schwarzen wilden Gesicht hervor. So entfernte sich der Zweikampf von der Stelle, wo er begonnen hatte, und die Ringenden wälzten sich nahe an die Steine heran, die von der Schatzkammer hinweggeräumt worden waren. Mit einem Male sah Pieter Maritz eine Veränderung in der Scene. Eine Gestalt löste sich von der andern los, Dabulamanzi sprang empor, und Humbati blieb liegen. Er mußte mit dem Kopfe, wie es Pieter Maritz vorkam, an eine scharfe Ecke eines Steines geschlagen sein und das Bewußtsein verloren haben. In den nächsten Sekunden schon hatte Dabulamanzi den Speer vom Boden aufgerafft, den er vorhin von sich geworfen, nun kehrte er mit einem langen Satze zu der Stelle zurück, wo Humbati lag, und mit einem gellenden Triumphruf bohrte er den Assagai dem Besiegten durch die Brust.

Der Kampf hatte kaum eine Minute gedauert, und zwischen den Weißen und Dabulamanzis Schar waren währenddessen Kugeln gewechselt worden. Die Zulus blickten auf ihren Führer und warteten den Ausgang seines Einzelkampfes ab, bevor sie sich mit dem Assagai auf die Engländer stürzten. Aber Dabulamanzi mochte ihre Anzahl für ungenügend halten, um den Angriff fortzusetzen. Als er Humbati tot zu seinen Füßen sah, rief und winkte er seiner Schar und verschwand mit ihr so schnell, wie er gekommen war, ohne nur einen Versuch zu machen, den Schatz des Königs zu hüten. Kugeln pfiffen hinter den Zulus her, aber ohne Erfolg, denn die schwarzen Krieger duckten sich in das Gras und tauchten sehr bald wieder hinter dem deckenden Höhenrücken unter.

Oberst Barrow aber fürchtete, daß sie in größerer Zahl wiederkehren möchten, und da er nur etwa fünfzig Mann bei sich hatte, wünschte er ein Gefecht in dieser abgelegenen Gegend zu vermeiden. Er ließ in Eile die wertvollsten Gegenstände aus der Felsenhöhle zusammenraffen und dann wieder die Pferde besteigen. Auf demselben Wege, den sie gekommen waren, zogen die Weißen zurück und erreichten glücklich wieder die Straße, auf welcher die Hauptmasse der Truppen marschierte.

Am Tage darauf bekamen sie Mainze-kanze zu Gesicht und betraten das hoch gelegene Ufer, von dem aus sie die hellen Ströme sich vereinigen sahen. Mainze-kanze war besetzt, die Offiziere erkannten durch ihre Gläser das Blitzen der Waffen in Dabulamanzis festen Plätzen. Schon fuhr die Artillerie auf, um die Krale zu beschießen, da zeigte sich eine weiße Fahne auf dem hohen Schornstein der Fabrik inmitten des größten Hüttenringes. Die Engländer warteten mit der Beschießung, und nach einiger Zeit kam ein Zug von Männern von unten herauf, an deren Spitze ein Induna in weißem Mantel schritt. Dabulamanzi selbst kam in Friedenstracht, um seine Unterwerfung anzuzeigen. Der ehrgeizige Mann setzte keine Hoffnung mehr auf das Glück seines königlichen Bruders und hoffte, wenn er Frieden schlösse, in seiner Herrschaft über Mainze-kanze und das umliegende Land anerkannt zu werden.

Der englische Befehlshaber, Lord Gifford, nahm die Unterwerfung an, und nun ergab sich der letzte Rest der Zuluarmee auf Gnade und Ungnade. In langen Zügen marschierten die Regimenter heran und legten die bei Isandula erbeuteten Gewehre, soweit sie noch vorhanden waren, vor den Zelten der Engländer nieder, fuhren auch mit vorgespannten Ochsen die Geschütze heran, welche sie damals erobert hatten und deren Gebrauch ihnen fremd geblieben war. Auch der Degen des kaiserlichen Prinzen kam jetzt zum Vorschein und wurde mit großer Freude von den Engländern in Empfang genommen. Er sollte nach England gesandt werden, wohin die Leiche des Prinzen schon zur feierlichen Bestattung unterwegs war.