Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal

Part 4

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Aber die Schepsels waren listig. Kobus hatte mit scharfem Blicke ein Fäßchen entdeckt, welches der Smaus vorsichtig mit dem Fuße verstohlenerweise hinter einen Kaktusbusch gerollt hatte, und kam mit dem Fäßchen angeschleppt, gleich als wollte er es retten. Während der schwer geprüfte Jude sich eben die Schweißtropfen von der Stirne wischte und seufzend dem Missionar erzählte, er habe schon seit vorgestern mittag hier am Flusse gewartet, weil derselbe vom Regen so sehr angeschwollen sei, daß er mit dem Wagen nicht durchgekonnt habe, machte sich Kobus in sonderbarer Weise mit dem Fäßchen zu thun, und plötzlich zeigte es sich, daß es nicht mehr dicht hielt. Kobus hielt ein Blechgefäß darunter und fing alsbald an zu trinken. Kaum hatten dies die andern Diener bemerkt, als sie alle Arbeit stehen und liegen ließen und sich auf das Fäßchen stürzten.

»Zoopje, Zoopje!« schrieen sie und hielten die Hände unter, um den stark duftenden Schnaps aufzufangen, der aus dem leck gewordenen Fasse lief.

Vergeblich rannte der bestürzte Jude auf sie zu und bat sie ihm den Schnaps nicht auszutrinken, vergeblich schalt er. Auch der Missionar erhob umsonst seine Stimme, um die Farbigen vom Trunke wegzuscheuchen. Die Schepsels ließen ihn reden, aber tranken weiter. Nur die Gesandten des Zulukönigs standen vornehm beiseite und blickten voll Verachtung auf die Scene. Da ergriff der Jude den Sjambock und ließ ihn auf die Rücken seiner Diener und der Diener des Missionars niedersausen. Die Schepsels zuckten und wanden sich, aber sie hörten nicht auf zu trinken. Das betäubende Getränk half ihnen über die Schmerzen der Rhinozerospeitsche hinweg, und sie standen erst auf, als sie satt waren. Nun waren sie überaus lustig, lachten laut und sangen, wandten sich mit tausend Bitten um Verzeihung an ihre Herren, beteuerten mit lallenden Zungen, daß sie nur hätten retten wollen, weil das Faß ja doch entzwei gewesen sei, und tanzten mit ungeheuerlichen Sprüngen umher. Nach und nach aber wurden sie müde, und einer nach dem andern sank im Grase nieder, um zu schlafen.

Währenddessen war es spät am Nachmittage geworden. Die Hilfe, welche der Zug des Missionars dem Handelsmann gebracht, hatte viel Zeit gekostet. Es wäre unmöglich gewesen, die Furt zu passieren, bevor nicht der Wagen des Smaus aus derselben entfernt worden wäre, und der gute Wille, dem Nächsten in der Not zu helfen, ging hier mit der Notwendigkeit, den Weg frei zu machen, Hand in Hand. Aber mehrere Stunden waren darüber verflossen, und es war nun nicht mehr an Fortsetzung der Reise zu denken, weil die Diener unfähig waren, ihren Dienst zu thun. Der Missionar beschloß, sich den Umständen zu fügen, und auch dem Smaus blieb nichts anderes übrig, als sich in das Schicksal zu finden. Die Herren selbst mußten sich unter Beistand des Knaben und der beiden Zulus dazu bequemen, die Ochsen auszuspannen und das Abendessen zu bereiten.

Der Platz war nicht ungeeignet, um dort die Nacht zu verbringen. Das Wichtigste war, daß Wasser in unmittelbarer Nähe war, so daß das Vieh saufen konnte. Dazu wuchs üppiges Gras, untermischt mit herrlichen Kallas und anderen Blumen am Ufer, zum Futter für die Tiere, und das ringsum laufende Dickicht bildete gleichsam einen Zaun, der die Ochsen verhinderte, sich allzu weit zu entfernen. Nur zeigte es sich schwierig, ein größeres Feuer anzuzünden. Hier in der Nähe des Flusses waren alle Gewächse so voll von Saft, daß sie nicht brennen wollten, und die Reisenden mußten sich mit dem kleinen Feuer begnügen, welches ausreichte, um die Speisen zu kochen, durften aber nicht hoffen, während der Nacht ein Lagerfeuer zur Abwehr der wilden Tiere unterhalten zu können. Die Zulus suchten mehrere Arme voll Zweige und Büsche zusammen, welche einigermaßen trocken waren und gingen dem Missionar unter Beobachtung einer gewissen stolzen Würde an die Hand. Der Jude brachte seinerseits Mais und Kaffee herbei, und so wurde eine Mahlzeit hergestellt, welche nach den Mühen des Tages herrlich schmeckte. Dann brach die Nacht herein, und sogleich begannen die hellen Sterne zu schimmern. Die Reisenden saßen im Kreise zusammen um das erlöschende Feuer. Pieter Maritz hatte seine Büchse neben sich liegen, ebenso der Jude, die Zulus lagerten auf ihren Mänteln von Tigerfell, welche sie sich aus dem Wagen herbeigeholt, und hatten ihre Assagaien, die scharfspitzigen Wurfspieße mit leichtem Rohrschaft, zur Hand, nur der Missionar, der unbewaffnet durch die Wildnis zog, auf Gott allein vertrauend, hatte ein Werkzeug der Wissenschaft neben sich, einen Sextanten, mit dem er die Höhe des Sternes Kanopus im Augenblick seines Durchganges durch den Meridian berechnen wollte. Er führte eine kleine Laterne mit Magnesiumdraht mit sich, welche er anzünden wollte, um die Zahlen auf dem Nonius ablesen zu können.

Ehe er jedoch seine Berechnung anfing, war er in ein Gespräch mit Pieter Maritz vertieft, der seine Verwunderung darüber aussprach, wie die farbigen Diener so ganz der Pflicht und der Gefahr der Lage vergessen und sich sinnloser Trunkenheit hätten hingeben können.

»Diese armen Leute sind wie die Kinder,« sagte der Missionar, »und die größte Schuld an ihrem schlechten Benehmen tragen gewissenlose Weiße, welche ihnen den Branntwein ins Land geführt haben.«

Der Smaus rückte auf seinem Lager und schien sich getroffen zu fühlen. »Wollen die Schepsels trinken, so finden sie immer Zoopje,« sagte er. »Bin ich's nicht, der ihn verkauft, so ist's ein anderer. Mache ich nicht das Geschäft, macht's ein anderer.«

»Das ist wohl wahr,« entgegnete der Missionar, »aber es gab eine Zeit, wo diese Leute den Branntwein überhaupt noch nicht kannten. Damals waren sie ein großes Volk, das bis ans Meer hin das ganze Land dicht bewohnte. Nun sind sie verstreut und sind die Knechte der Weißen. Wohl haben sie den Segen der christlichen Predigt erfahren, aber der Teufel säte viel Unkraut unter den Weizen, und die Gewinnsucht der Kolonisten verdarb, was die Prediger Gutes schufen. Ich habe ein altes Buch in meinem Wagen, Pieter Maritz, das will ich dir morgen zu lesen geben, so Gott will. Darin findest du die älteste Geschichte dieses Landes. Es ist zu Anfang des vorigen Jahrhunderts geschrieben, von einem meiner Landsleute, Peter Kolb, der lange Jahre am Kap gelebt hat. Er war von dem preußischen Geheimen Rat Baron von Krosigk im Jahre 1704 dorthin geschickt worden, um wissenschaftliche Untersuchungen anzustellen. Kannst du denn lesen, Pieter Maritz?«

»Jawohl,« erwiderte dieser stolz. »Ich habe schon von meinem zwölften Jahre an, sobald ich ordentlich reiten und schießen gelernt hatte, Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen gehabt, und ich kann holländische und englische Bücher lesen.«

»Dann wirst du aber dieses Buch doch wohl nicht lesen können. Es ist deutsch geschrieben. Aber ich werde dir daraus erzählen, wenn du etwas von den ersten Thaten der Europäer in Südafrika wissen willst.«

»Es waren Holländer, die zuerst an das Kap kamen,« sagte Pieter Maritz. »Mein Vater hat mir erzählt, daß von Rechts wegen alles Land hier den Holländern gehörte, daß aber die Engländer es uns weggenommen hätten.«

»Zuerst war es ein portugiesischer Seemann, der die weite Fahrt nach der Südspitze von Afrika machte,« erzählte der Missionar. »Er hieß Bartholomeo Diaz und kam im Jahre 1486 mit drei Schiffen nach Sierra Parda, einem Küstenplatz im Lande der Namaquas. Dort richtete er ein Kreuz auf, aber zog bald wieder weiter, weil Stürme seine Schiffe bedrohten und seine Mannschaft unzufrieden war. Dann kam elf Jahre später ein anderer Portugiese, Vasco da Gama, und landete in Natal, begrüßte die dunkelbraunen Eingeborenen, welche Hottentotten genannt wurden, fuhr dann zur Mosselbai, wo er eine Säule mit dem portugiesischen Wappen aufrichtete, blieb aber auch nicht lange, sondern segelte nach Indien. Die Holländer kamen erst viel später, mehr als hundert Jahre nach diesen beiden portugiesischen Seefahrern, aber sie machten nicht einen flüchtigen Besuch, sondern gründeten am Kap der guten Hoffnung eine Kolonie. Am 6. April 1652 ankerten vier holländische Schiffe in der Bai am Tafelberge, und etwa hundert Kolonisten unter Führung des unternehmenden Johann van Riebek, welcher vordem Schiffsarzt gewesen war, stiegen ans Land und gründeten eine Handelskompanie, welche mit der Ostindischen Kompanie in Verbindung stand. Die Holländer bauten eine kleine Festung, legten einen großen, schönen Garten an und handelten mit den Hottentotten um Elfenbein, Straußenfedern und andere Landesprodukte. Als es ihnen gut ging, schickten ihnen die Generalstaaten von Holland eine große Anzahl von Mädchen aus den Armen- und Waisenhäusern nach, und so wurden Familien gegründet.

»Als nun die Kolonie zu Wohlstand kam und sich immer weiter ausbreitete, indem sie den Hottentotten Land abkaufte, da kamen immer mehr Menschen aus Holland herüber, und unter den guten auch schlechte Leute, welche die Eingeborenen betrogen und mißhandelten. Herr Peter Kolb erzählt, daß die Hottentotten gute, ehrliche, sanftmütige und liebevolle Menschen gewesen sind, welche ihr Wort heilig hielten und die Gerechtigkeit achteten. Sie nährten sich von Obst, Kräutern, Wurzeln und Milch, und viele wurden über hundert Jahre, manche hundertunddreißig bis hundertundfünfzig Jahre alt. Als sie aber die gekochten Speisen der Europäer und deren gesalzene und gewürzte Gerichte, besonders aber den Branntwein kennen lernten, da wurden sie lecker und trunksüchtig, bekamen viele Krankheiten, wurden nicht mehr alt und verloren ihre Tugenden. Dazu kamen sie in Streit und Krieg mit den Europäern, wurden deren Sklaven und starben in der Knechtschaft schnell aus oder wurden Räuber, welche Buschmänner genannt wurden, und fielen im Kampfe, so daß sie jetzt nur noch zerstreut in den Ländern wohnen, welche ehedem von ihnen dicht bevölkert waren.

»Der Europäer aber wurden immer mehr. In den Jahren 1685 bis 1688 kamen französische Protestanten herüber, welche nach Aufhebung des Edikts von Nantes ihre Heimat verließen, um ihren Glauben zu bewahren. Zuerst kamen nur dreihundert, nach und nach aber wohl viertausend Franzosen. Doch mußten sie sich den Holländern fügen, und in ihren Kirchen wurde holländisch gepredigt. Auch Deutsche kamen in großer Zahl aus ihrem Vaterlande herüber. Sie vermischten sich gleich den Franzosen mit den Holländern, und alle zusammen nannten sich Buern, das heißt Bauern: Leute, welche Ackerbau und Viehzucht treiben. Die Buern aber eroberten ringsum Land und schickten vom Jahre 1774 an kleine Heere aus, welche Kommandos genannt wurden und nach allen Seiten hin ihre Herrschaft weithin bis zum Oranjefluß und Vaalfluß befestigten. Damals aber hatten auch schon einige von Gott dem Herrn ausgesandte Männer angefangen, den Heiden das Evangelium zu predigen, und mitten zwischen Blut und Mord und gierigem Trachten nach Erwerb zogen Missionare umher, um den Frieden Christi zu predigen.

»Aber noch andere Ankömmlinge lernte das Land kennen, ein mächtiges Volk, das sich den Buern überlegen zeigte. Das stolze England, welches an allen Punkten der Erde seine Schiffe, seine Handelsleute und seine Krieger landen läßt, zeigte sich auch am Kap. Im Jahre 1806 mußten die Kolonisten die Herrschaft der Briten im Kaplande über sich ergehen lassen, und was der Fleiß, der Mut und auch die ungerechte Gewinnsucht der Buern den Hottentotten abgenommen hatten, fiel nun dem stärkeren Räuber zur Beute. Grollend zogen die Buern immer weiter nach Norden, um nicht unter britischen Gesetzen, sondern unter ihren eigenen zu stehen, und im Jahre 1837 setzten sie sich in den Ländern fest, die wir jetzt Oranjefreistaat und Transvaal nennen. Im Jahre 1848 gründeten sie unter Andreas Pretorius nach offenem Kampfe mit den Engländern auf dem rechten Ufer des Vaalflusses den Staat Transvaal, in welchem wir uns jetzt befinden, und 1854 erklärten sich auch die Buern auf dem linken Vaalufer, zwischen Oranjefluß und Vaalfluß für unabhängig und nannten ihr Land Oranjefreistaat, obwohl der englische Gouverneur der Kapkolonie, Sir Henry George Smith, am 3. Februar 1848 die Königin von England für die Oberherrin aller dieser Landstriche erklärt hatte. Seitdem haben die Buern vieler Freiheit genossen, denn die Engländer hatten nicht die Macht, ihre Herrschaft zur Geltung zu bringen; doch nun hat sich die Lage verändert. Vor neun Monaten, am 12. April 1877, ist Sir Theophilus Shepstone, der englische Kommissar für die Angelegenheiten der Eingeborenen von Natal, mit einer Schar berittener Polizeibeamten nach Pretoria, der Hauptstadt von Transvaal, gekommen, hat dort die englische Fahne aufgezogen und das Land für englisch erklärt. Das hat die Buern sehr erbittert, und wer weiß, welche Kämpfe und schreckliche Dinge daraus entstehen werden.«

Pieter Maritz hatte dieser Erzählung aufmerksam zugehört, denn vieles von dem, was der Missionar vortrug, war ihm unbekannt, und er liebte es, zu lernen. Besonders aber hörte er gern alles, was die Geschichte seines Vaterlandes anging. Als der Missionar aber schwieg, sah der Knabe ihn mit blitzenden Augen an und sagte, indem seine Hand fest den Lauf der Büchse umschloß; »Mein Vater hat gestern, als er starb, die Engländer unsere Feinde genannt, und ich hoffe es bald zu sehen, daß wir ihnen zeigen, auf welcher Seite das Recht ist.«

Der Missionar antwortete nicht, denn er begriff, was in der Seele des Knaben vorging. Er nahm sein astronomisches Instrument zur Hand und setzte alsdann den Magnesiumdraht in der Laterne in Glut. Als der außerordentlich helle, blendende Schein aufflammte, gerieten die Umhersitzenden in das höchste Erstaunen. Keiner von ihnen hatte je ein solches Licht gesehen, und als der Missionar beim Schein desselben mit dem Sextanten arbeitete und bald gen Himmel, bald auf die Zahlen des Instruments blickte, rückten die Zulus voll Entsetzen zurück. Sie waren überzeugt, daß hier die größte Zauberei vollführt werde, ein eiskalter Schauder lief ihnen über den Rücken, und ihre Lippen wurden blaß vor Furcht. Doch eingedenk ihrer Würde und der Gegenwart des Juden und des Knaben, welche ruhig sitzen blieben, gaben sie ihrer Neigung, schleunigst davonzulaufen, nicht nach, sondern zwangen sich, ihre Angst zu verbergen. Während so die tiefste Stille herrschte, der Missionar seine Notizen machte und ringsum alles finster war, bis auf den kleinen überaus hellen Fleck, den die Laterne beschien, ging mit einem Male ein ängstliches Schnauben durch die Herde des ruhenden Hornviehs, und unmittelbar darauf ertönte ein furchtbares Gebrüll in nächster Nähe. Ungeheurer Tumult erhob sich bei diesem Ton, welcher die Erde zu erschüttern schien. Sämtliche Ochsen sprangen mit ängstlichem Brüllen vom Boden auf und stürzten nach allen Richtungen hin auseinander, die an den Wagen gebundenen Pferde stiegen in die Höhe, schlugen mit den Vorderbeinen und zerrten so heftig an den Zäumen, daß die schweren Wagen sich bewegten. Die Zulus waren aufgesprungen und hielten ihre Assagaien kampfbereit in der Hand, der Jude lag, von einem Ochsen zu Boden geworfen, laut schreiend da, Pieter Maritz hielt sein Gewehr schußbereit in den Händen, und der Missionar hatte die Thür der Laterne weit geöffnet und leuchtete im Kreise umher, um zu sehen, von wo die Gefahr drohe.

Jetzt fiel das Licht der Laterne auf die Öffnung im Gebüsche, dem Fluß gerade gegenüber, und in ihrem hellen Scheine waren zwei ungeheure Löwen zu erblicken, welche kaum dreißig Schritte weit entfernt waren. Die Tiere standen aufrecht und unbeweglich nebeneinander, ihre großen Köpfe waren von langen gelben Mähnen umwallt, und ihre Gesichter blickten mit feierlichem Ernst vor sich hin. Augenscheinlich waren sie geblendet von der Flamme des Magnesiumdrahts und konnten nichts von dem erkennen, was vor ihnen lag. Denn es war alles dunkel bis auf den Platz, auf welchem sie selber standen, und sie waren so deutlich zu sehen, daß man die starren schwarzen Spürhaare ihrer Oberlippe hätte zählen können.

Pieter Maritz hatte die Büchse an die Wange erhoben und stand so ruhig wie ein Steinbild. Jetzt berührte er den Drücker, eine Flamme fuhr aus der Mündung hervor, und, gerade ins rechte Auge getroffen, stürzte der größte der beiden Löwen zusammen. Da duckte sich der andere Löwe und sprang, ehe der Knabe zum zweiten Schuß recht zielen konnte, in gewaltigem Satze voll Mut ins Ungewisse hinein vorwärts. Er kam dicht vor dem Schützen zur Erde, hier blendete ihn der Lichtschein nicht, und mit einem Schlage seiner gewaltigen Tatze mußte er jetzt den Knaben erreichen. Aber in diesem Augenblicke der größten Gefahr kam Hilfe. Zu derselben Sekunde, wo Pieter Maritz sein Gewehr senkte, um es auf den Feind dicht vor sich zu richten, traten mit Blitzesschnelligkeit zwei dunkle athletische Gestalten vor das Untier, und zwei Assagaien bohrten ihre blinkenden scharfen Stahlspitzen in den Rachen und in das Herz des Löwen. So zahlten Humbati und Molihabantschi den Zoll ihrer Dankbarkeit gegen den Buernsohn.

Beide Löwen wälzten sich zum Tode verwundet in den letzten Zuckungen und schlugen mit den Krallen in die Erde, da kamen auch die farbigen Diener, ihrer sieben an Zahl, herbei. Sie waren durch das Gebrüll aus ihrem Schlafe erweckt, und der gewaltige Lärm des Viehs sowie der Schuß, welchen der Knabe abgefeuert, hatten sie völlig munter gemacht. Auch hatte Christian einen Tritt von einem der fliehenden Ochsen erhalten, wodurch ihm ein gut Stück Haut vom Beine abgeschürft worden war. Aber obwohl sie nun nahe an acht Stunden geschlafen hatten, war der Rausch noch nicht völlig wieder aus ihren Köpfen gewichen, und es dauerte einige Zeit, ehe sie ihre verstörten Mienen verloren. Sie standen zuerst voll Staunen und Verwunderung stumm neben den Löwen, dann aber fingen sie nach des Kobus Vorgang sämtlich an zu schwatzen und ruhmredige Worte darüber zu führen, was sie gethan haben würden, wenn sie die Löwen lebend erblickt hätten. Sie hätten keine Furcht vor Löwen, beteuerten sie; sie hätten den Löwen zeigen wollen, was es heiße, nachts an die Ochsen heranzuschleichen. Die Herren hätten ganz ruhig sein können; solange sie, Kobus, Jan, Christian und die vier Diener des Smauses, dagewesen wären, hätte es keine Gefahr gegeben.

Aber der Missionar brachte sie zum Schweigen. »Schämt ihr euch nicht, ihr faulen Knechte?« rief er. »Wie, Kobus, hast du nicht erst im vorigen Jahre die heiligen Sakramente empfangen und den Taufunterricht genossen, so daß ich billig erwarten könnte, du erinnertest dich noch meiner Ermahnungen und der Lehren der Kirche? Und nun bist du der erste, der sich der Völlerei hingiebt und liegst betrunken am Boden, während die Tiere der Wildnis dich und deine Genossen und deinen Lehrer und Herrn bedrohen? Und dazu willst du noch prahlen und lügen und deine Schuld zu verstecken suchen, anstatt sie zu bekennen und durch Reue wieder gut zu machen?«

Von diesen Worten wurde Kobus tief getroffen, und sein Gewissen ward in ihm rege. Er fing an laut zu weinen und zu schluchzen, seine Betrübnis teilte sich den andern mit, und alle sieben heulten und bekannten, daß sie leichtsinnig und schlecht gewesen wären, daß sie es aber nie wieder sein wollten.

»Nun,« sagte der Missionar, »so macht euch jetzt gleich auf die Beine und schafft Holz herbei, daß wir ein Feuer anzünden können. Sowie aber die Sonne aufgeht, sucht nach den zerstreuten Ochsen, damit wir unsere Reise fortsetzen können.«

Gehorsam machten sich die Schwarzen ans Werk. Beim schwachen Licht der Sterne suchten sie im Dickicht nach trockenem Holze, wobei sie laut sangen und schrieen, um die Hyänen fern zu halten, deren Geheul ringsum von weitem ertönte. Sie brachten auch nach und nach genug herbei, um ein tüchtiges Feuer entzünden und unterhalten zu können. Beim schützenden Schein desselben schlief die Gesellschaft der Reisenden bis zum Morgen.

Nun aber ergab sich eine große Schwierigkeit. Die Zugtiere waren weder zu sehen noch zu hören, und bevor sie nicht zurückgebracht worden waren, konnte der Marsch nicht weitergehen. Noch ermüdet und elend von ihrer Ausschweifung machten sich die farbigen Diener auf, um die Tiere zu suchen. Während dieser Zeit beschlossen die Zulus, auf die Jagd zu gehen, um für Wildbret zu sorgen. Pieter Maritz sah, daß sie sich miteinander besprachen und dann, die Assagaien in der Hand, davongingen. Er war seines Auftrages eingedenk, und obwohl er nicht glaubte, daß sie sich entfernen wollten, fühlte er sich doch verpflichtet, ihnen zu folgen. Rasch sattelte er Jager, warf die Büchse auf den Rücken und ritt ihnen nach.

Sie gingen umschauend und nach allen Seiten spähend nebeneinander und tauschten einen verständnisvollen Blick unter sich aus, als sie den eiligen Schritt des Rosses hinter sich hörten und des Knaben ansichtig wurden. Pieter Maritz sagte ihnen in englischer Sprache, daß er an der Jagd, die sie wahrscheinlich vorhätten, teilnehmen wolle, und nun setzten sie ihren Weg gemeinsam fort, der Knabe zu Pferde, die Zulus vor ihm, Jagdhunden gleich spürend und durch das Buschwerk kriechend. Sie hatten noch nicht lange umgeschaut, da stieß Humbati einen leisen Ruf aus, und zu gleicher Zeit streckte das Pferd seinen Kopf vor und setzte sich alsbald in Galopp. Pieter Maritz sah die Hörner zweier Antilopen in der Ferne über das hohe Gras herblicken.

Aber auch die Antilopen wurden zu derselben Zeit aufmerksam; die dunklen Streifen, welche des Knaben scharfes Auge oberhalb der wogenden Grasfläche erblickt und an ihren dem Korkzieher ähnlichen Windungen als Hörner der größten Antilopenart erkannt hatte, setzten sich in schnelle Bewegung. Wären die Zulus allein auf der Jagd gewesen, so würden sie sich wohl unbemerkt nahe genug an das Wild herangeschlichen haben, um es mit dem Wurfspieß zu erlegen, aber die Gegenwart des Pferdes ward von den feinen Sinnen der Antilopen in der Ferne schon wahrgenommen. Nun galt es schnelle und ausdauernde Verfolgung. Zuerst gewannen die Antilopen einen Vorsprung. Ihre schlanken, sehnigen Glieder durcheilten die Ebene mit so weiten Sätzen, daß der Raum zwischen ihnen und den Jägern sich vergrößerte. Aber Jager trug seinen jugendlichen Reiter mit äußerster Kraftanstrengung vorwärts und streckte die Beine im schnellsten Laufe. Pieter Maritz ließ dem Tiere die Zügel, da er dessen Natur kannte und wohl wußte, wie groß seine Jagdleidenschaft und wie scharf sein Auge war. Er hielt die Büchse mit beiden Händen vor sich, und die Zügel lagen dem Pferde auf dem Halse.

Doch erstaunte der Knabe, als er wahrnahm, daß mit dem langgestreckten Galopp seines edlen Pferdes die Zulus Schritt hielten. Er war es gewohnt, die Schwarzen schnellfüßig zu sehen, denn auch die Kaffern und Hottentotten, Betschuanen und Namaquas, welche er kannte, zeichneten sich durch Behendigkeit im Laufen aus. Aber niemals hatte er Menschen von solcher Schnelligkeit gesehen, wie diese erprobten Krieger des kriegerischsten aller südafrikanischen Völker. Humbati hatte sich rechts, Molihabantschi links gewandt, und sie strebten danach, das verfolgte Wild auf kürzerer Linie einzuholen, falls es sich etwa im Bogen seitwärts wenden sollte. Zwar dort, wo das Gras niedrig und der Boden sehr eben war, kam Jager vor, und die Zulus blieben zurück; wo aber das hohe Gras dem Pferde im Laufe hinderlich war oder wo Büsche im Wege standen und wo es Hügel hinauf und Hügel hinunter ging, da gewannen die Läufer ihren Raum zurück. Ihre nackten schlanken Gestalten, deren glänzend schwarze Haut die feurigen Strahlen der Sonne zurückwarf wie ein Spiegel, glitten so gewandt wie schimmernde Schlangen durch das saftige Grün und die prächtig in allen Farben glühenden Blumen dieses fruchtbaren Landstrichs, und ihre muskulösen Beine durchmaßen wie im leichten Tanz die weite Entfernung. Die langen Federn des blauen Kranichs, welche sie in ihrem dicht gelockten Haar trugen, wehten wie im Sturmwind nach rückwärts, während sie so, die Assagaien in der Faust hoch erhoben, dahinjagten.