Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal

Part 39

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Pieter Maritz hatte die Worte Sirajos übersetzt und blickte dem Lord gespannt ins Gesicht. Er hatte schon genug vom Lauf der Welt und von der Politik Englands kennen gelernt, um vorher zu wissen, daß Tschetschwajo vergeblich bitte. Zu viel Blut war geflossen und zu viel Anstrengungen hatte England gemacht, als daß ein halber Erfolg und schneller Friede seinen Plänen hätte genügen können. Die Ehre Englands stand auf dem Spiele, englische Truppen waren besiegt worden, der kaiserliche Prinz war gefallen. Nur eine völlige Niederlage Tschetschwajos konnte in den Augen Europas und der ganzen Erde diese Scharten auswetzen.

»Nehmt die Geschenke wieder,« entgegnete Lord Chelmsford, »und tragt sie eurem Könige zurück. Tschetschwajo bittet zu spät um Frieden, und England traut ihm nicht. Er sieht die feindlichen Waffen nahe vor seiner Hauptstadt, darum nimmt er die Maske der Friedensliebe vor. Aber wenn das Heer sich zurückzöge, so würden die Zulus mit dem früheren Stolze und in alter Kriegslust sich erheben. Die Königin will bessere Sicherheit haben als das Wort Tschetschwajos, und folgendes ist meine Bedingung: Tschetschwajo soll sich als mein Gefangener stellen. Er soll sich allen Maßregeln unterwerfen, die ich treffe. Ich will in seinem Lande gebieten, als wäre ich dessen König. Ohne Bedingungen soll sich Tschetschwajo mir völlig unterwerfen. Will er das thun, so werde ich Frieden halten. Als Zeichen, daß Tschetschwajo gesonnen ist, sich zu unterwerfen, soll er zunächst die Geschütze und Gewehre, welche seine Armee erbeutet hat, ausliefern. Er soll eines seiner Regimenter schicken, welches diese Waffen bringt, und selbst die eigenen Waffen vor mir niederlegen. Ich werde bis zum 3. Juli darauf warten und nicht vor diesem Tage Ulundi angreifen, auch den Umvolosi nicht überschreiten. Ist dieser Tag aber vorübergegangen, ohne daß ich meine Waffen wieder habe, so gehe ich über den Fluß und erzwinge mit Gewalt, was ich hier mit Worten fordere.«

Sirajo streckte wie abwehrend die Hand aus und sagte: »Der König der Zulus wird nicht dein Knecht werden. Willst du nicht den Frieden nehmen, wie Tschetschwajo ihn bietet, so hast du den Krieg.«

Stolz wandte er sich ab und schritt davon, sein Gefolge raffte die verschmähten Geschenke wieder auf, und dann ging die schwarze Gesandtschaft mit derselben Würde von dannen, mit der sie gekommen war.

Pieter Maritz blieb nachdenklich auf der Stelle stehen, wo er der Verhandlung als Dolmetscher gedient hatte. Er zweifelte nicht daran, daß das englische Heer auch in dem verzweiflungsvollen Kampfe, der nun noch bevorstand, siegen werde. An Zahl den Zulus beinahe gleich, mußten die englischen Krieger mit ihrer überlegenen Kriegskunst und Bewaffnung über ihre Feinde siegen. Sie hatten Infanterie, Kavallerie und die schreckliche Artillerie, sie hatten dazu Ingenieure, um die Wege zu bahnen, Brücken über die Flüsse zu schlagen und Verschanzungen anzulegen. Was wollten die nackten Schwarzen gegen sie ausrichten? Sie hatten nur Fußvolk, und ihr Mut und ihre Schnelligkeit, ihre Ausdauer und Bedürfnislosigkeit mußten ihnen alle Kunst ersetzen. Pieter Maritz sah im Geiste die Zulus unterworfen und Englands Macht über ganz Südafrika neugestärkt. Er hatte jetzt lange unter den Engländern gelebt und kannte ihre Art zu denken und zu handeln. Sie betrachteten Afrika als ihr Eigentum und blickten mit Verachtung auf die andern Völker. Sie wollten in den eisernen Ring ihrer Herrschaft alle Länder zwingen, welche in Südafrika lagen. Zum Kapland und Natal fügten sie den Oranjefreistaat, Transvaal und nun das Zululand, und mit ihrem Golde machten sie sich die Einwohner gefügig, so daß diese ihnen einer gegen den andern halfen. So hatten sie jetzt viele Buern mit ihren Pferden, Waffen und Ochsenwagen in ihrem Solde, aber sie hatten zugleich ihre Truppen im Transvaalland liegen, und nach Beendigung des Zulukrieges würden sie gebieterischer als je gegen die Buern auftreten. Würde es je gelingen, die Südafrikanische Republik aus dem Ringe zu befreien, den England um alle südafrikanischen Länder gemeinsam schlang?

Der Marsch ging weiter. Die Buernreiter, dazu La Trobe Lonsdales Swazitruppen, Cooks leichte Kavallerie, die berittenen Basutos und Humbatis Zulutruppen waren immer voraus. Eine bunt zusammengesetzte Armee war es, die gegen Ulundi vorrückte. Die Swazis, Basutos und Zulus waren in ihrem Stolz auf die europäische Kameradschaft zum Teil in europäischem Kostüm. Viele marschierten in abgelegten Uniformen von Ulanen, Dragonern, Husaren und Infanteristen, aber mit nackten Beinen und Füßen, da Beinkleider und Schuhwerk sie zu sehr belästigten. Auf den schwarzen Köpfen saßen Helme, Tschakos und Feldmützen, auch wohl Bauernhüte oder schwarze Cylinderhüte mit Schleiern. Schilde und Speere zeigten sich neben Gewehren und Patrontaschen. Das Gebrüll vieler tausend Ochsen, das Klatschen der langen Peitschen mischten sich in den melancholischen Gesang der Hochländer und der schottischen Gardefüsiliere, deren Uniformen seltsam zu der afrikanischen Landschaft paßten. Maultiere aus Südamerika und Pferde aus Deutschland, Ungarn und Rußland weideten unter Palmen und Euphorbien. Der Lärm der Kolonnen scheuchte Löwen, Leoparden und Hyänen gleich den Antilopen aus der Nähe des Lagers hinweg.

Pieter Maritz war immer unter den vordersten Reitern, er erblickte Ulundi und die Krale in der Nähe der Hauptstadt zuerst. Es war am 2. Juli. Er kam einen Fußpfad daher geritten, zwei Buern hinter sich und ein Dutzend Zulus zu beiden Seiten, welche den dichten Wald durchspähten. Sie vermuteten die Nähe von Truppen Tschetschwajos. Vorsichtig untersuchten sie den Boden nach Fußspuren, und oft legten sie sich nieder und horchten, das Ohr ins Gras gedrückt, auf Erschütterungen, die sich etwa in der Ferne hören ließen. Es war Abend, und der Wald bot einen phantastischen Anblick. Die mächtigen Wurzeln der Bäume, hoch über die Erde emporragend, wirrten sich zu wunderlichen Gebilden ineinander, die afrikanische Eiche, der Seidenwollenbaum und ~lignum vitae~ bildeten ein schattiges Dach und eine nur schwer zu durchdringende Wildnis. Jetzt stieg Jager bergab, und ein helles Wasser schimmerte im Thale. Es fiel über Felsen herab und plätscherte, während weißer Schaum erquickend glänzte. Mit Wonne stürzten sich die schwarzen Krieger in das Wasser, und auch Pieter Maritz empfand die Kälte des Flüßchens mit Vergnügen, als er hindurchritt. Dann stieg der Pfad wieder an, und nach kurzer Zeit lichtete sich der Wald. Pieter Maritz hielt auf der Höhe sein Pferd an und blieb zwischen den Bäumen verborgen, gleich ihm blieben die begleitenden Zulus im Schatten zurück. Sie spähten in die Ebene hinaus.

Pieter Maritz sah die Landschaft wieder, welche er vor einem Jahre in Begleitung des Missionars gesehen hatte, die weite, von Höhen eingefaßte Thalsenkung, in der die schwarzen Ringe der Militärkrale und der Hauptstadt Ulundi gleich Kränzen auf grünem Teppich lagen. Nur bot sich ihm der Anblick heute etwas anders, da er auf einer andern Stelle, nahe dem Umvolosi, herangekommen war. Und auch in anderer Weise hatte sich das Bild verändert. Heute waren am Flusse hin und weiter zurück in der Ebene eine Menge von Zuluposten aufgestellt, und sie erschienen, von hier oben gesehen, wie kleine schwarze Flecken und in der Größe von Ameisen. Es wurde Pieter Maritz klar, daß der Zulukönig dicht vor seiner Hauptstadt und vor den Kralen, welche seine Vorfahren bewohnt hatten, eine entscheidende Schlacht schlagen wollte.

Nachdem er sich das Bild deutlich eingeprägt hatte, wandte er Jager und ritt zur Vorhut zurück, um zu melden, was er gesehen hatte, und von der Vorhut ging die Meldung an das rückwärtige Hauptcorps.

Die Engländer schlugen ihr Lager auf, um erst am folgenden Morgen bis an den Höhenzug diesseits des Umvolosi vorzurücken und dort zu erwarten, ob etwa, dem Verlangen des Lord Chelmsford gemäß, die vom Feinde erbeuteten Geschütze und Gewehre als Zeichen der Unterwerfung abgeliefert werden würden.

Als die Armee in der Frühe des 3. Juli heranmarschierte, zeigte sich schon diesseits des Flusses, daß die Zulus schwerlich an Unterwerfung dachten. In den Wäldern und Schluchten steckten zahlreiche kleine Abteilungen, und den ganzen Morgen hindurch knatterten die Gewehrschüsse um die Vorhut herum, indem die Buern, die reitenden Basutos und die Leute Humbatis sich mit einzelnen kecken Zuluschützen herumschossen. Gegen Mittag erreichte die Vorhut den letzten Höhenrücken vor dem Flusse und konnte den Fluß und die jenseitige Ebene übersehen. Starke Haufen standen jenseits auf den Höhen und feuerten aus ihren Büchsen herüber. Lord Chelmsford selbst war an der Spitze der Vorhut, ließ sie außer Schußweite halten und ein Lager aufschlagen, befahl aber dem Oberst Buller, mit seinen Reitern vorzugehen. Zugleich ließ er eine Batterie auf günstigem Platze auffahren und die Höhen, auf denen sich Feinde zeigten, mit Shrapnels beschießen.

Oberst Buller ging mit seiner starken Reiterabteilung, bei der sich auch außer den Engländern zweihundert Buern, und unter diesen Pieter Maritz, befanden, vorwärts, wandte sich nach der linken Seite, wo eine Furt im Flusse erkundet worden war, und ging durch den Umvolosi, während das Artilleriefeuer die Reiter schützte. Dann gingen die Reiter, rechts Dragoner, links Buern, von der Seite gegen die Höhen vor, auf denen die Zulus sich noch hielten. Die Zulus schossen, einige Leute stürzten von den Pferden, auch die Buern schossen, indem sie absprangen und dann wieder in den Sattel stiegen, und bald waren die Zulus verschwunden.

Oberst Buller folgte. Es war zu sehen, daß die Zulus in einen nahen Kral geflohen waren und von den Hütten und Dornenhecken aus feuerten. Oberst Buller ließ die Hälfte der Buern zurück, um den Übergang des Flusses zu sichern, und schwenkte mit seiner übrigen Kavallerie links, um den Kral anzugreifen. Hier bewährte sich die Fechtart der Buern. Sie warfen sich in das Gras, während ihre Pferde zurückblieben, und ihre sicheren wohlgezielten Schüsse machten den feindlichen Zulus den Aufenthalt in dem Kral und das Feuergefecht bald unleidlich. Sie verließen die Hütten und flüchteten von neuem, während nun die Dragoner hinter ihnen her jagten. Pieter Maritz, der unter den Schützen war, schwang sich gleichfalls in den Sattel und folgte neben dem Leutnant Dubois den Dragonern.

Schon glaubte Oberst Buller einen leichten Sieg erfochten zu haben, denn Ulundi selbst tauchte vor seinen Blicken auf, als die verfolgende Kavallerie vor eine lange tiefe Schlucht kam und plötzlich wohl zweitausend Zulus, die darin versteckt gelegen hatten, zum Angriff hervorbrachen. Die kleine Abteilung, welche geflohen war, zeigte sich nun als eine schwache Vorhut, welche die Bestimmung gehabt hatte, die Kavallerie in eine Falle zu locken. Aber das heiße Blut und die Gewohnheit des Angriffs ließen die Zulus den eigenen Plan nicht recht durchführen, und sie vereitelten selbst den Erfolg ihrer Kriegslist. Anstatt in der Schlucht liegen zu bleiben und zu feuern, warfen sie die Büchsen auf den Rücken und griffen mit Schild und Assagai an. Ein heftiges Handgemenge entspann sich. Assagaien flogen dicht wie Hagel durch die Luft und Speer und Säbel klirrten aneinander.

Pieter Maritz war mitten zwischen den Dragonern. Er hatte die Büchse über die Schulter gehängt und focht mit dem zweischneidigen Schwerte. Mit kluger Besonnenheit hielt er die offenen Augen ringsum auf der Wacht und vermied die fliegenden leichten Speere. Jetzt ward er von zwei Kriegern zugleich angegriffen. Der eine sprang nach dem Zügel, der andere kam mit dem Stoßassagai von der Seite. Aber Jager bäumte sich hoch empor, so daß der Griff des Zulu den Zügel verfehlte, und Pieter Maritz, zur Seite gewandt, hieb aus voller Kraft nach dem Manne, der ihn durchbohren wollte. Der Zulu hielt den Schild empor, aber die gute Klinge des alten Waffenschmiedes von Toledo schnitt tief in den Rand ein, spaltete die Ochsenhaut und fuhr mit der Spitze dem Zulu in die Stirn, so daß er niederstürzte. Dann warf sich der gewandte Buernsohn mit einem schnellen Sprunge seines Pferdes gegen den andern Mann, und Jagers Hufe warfen den Feind zu Boden.

Ein kühner Offizier fand sich an Pieter Maritz' Seite und rief ihm in diesem Augenblicke Beifall zu. Es war Lord William Beresford, der mit seinem Säbel Bahn brach in dem schwarzen Haufen. Ein Zulu stand ihm gegenüber, ein riesiger Schwarzer mit weißem Schilde, der dem Angriff des Engländers trotzen wollte. Lord Beresford stieß ihm den Säbel mitten durch den Schild, so daß die Brust des Mannes mit durchbohrt wurde. Jetzt sah Pieter Maritz seinen Freund Lord Adolphus Fitzherbert in großer Bedrängnis. Er war von vier Zulus umringt, und er schien sich ihrer kaum erwehren zu können. Blut lief dem Rappen vom Halse herab, und der Helm war dem Reiter vom Kopfe gefallen. Pieter Maritz vergaß des eigenen Heils und sprengte dem Freunde zu Hilfe. Er ritt einen der Schwarzen um, der gerade nach dem Zügel griff und hieb mit schnellen Schlägen unter die geschmeidigen behenden Feinde, so daß er dem jungen Offizier Luft verschaffte.

»Ich danke, mein Freund!« rief Lord Fitzherbert, »ich sehe, ich habe die alte Klinge dem rechten Mann gegeben.«

Aber die Zulus wurden zu mächtig, die Kavallerie mußte weichen. Jetzt sah Pieter Maritz auch von der Seite her dichte Massen heranlaufen, eine ganze Armee, welche gleichsam aus der Erde aufgetaucht zu sein schien und den englischen Reitern den Rückzug abschneiden wollte. Auch Oberst Buller hatte die neue Gefahr entdeckt, und die Trompeten mahnten zum Rückzug. Fast hätte nun aber Pieter Maritz vergessen, daß es Zeit war zu fliehen, denn er erblickte an der Spitze der von fern her kommenden schwarzen Massen eine Reitergestalt, die ihm wie eine Erscheinung aus einer andern Welt vorkam. Er konnte sich nicht täuschen. Das war die gebieterische Haltung, das war die winkende Armbewegung Dabulamanzis. War denn der tapfere Heerführer nicht von seiner Hand bei Gingilowo gefallen? Pieter Maritz zog die Zügel an und starrte wie versteinert auf den goldenen Ring auf dem Haupte des schwarzen Reiters. Doch die Trompeten mahnten und die Reiter flohen. Auch Pieter Maritz warf Jager herum und floh im schnellsten Galopp. Es galt die größte Eile, denn fast so schnell wie die Pferde kamen die Zulus hinter ihnen her, und Dabulamanzi führte einen starken Haufen quer über das Feld, um früher als die Kavallerie an den Fluß zu kommen. Es war ein Glück für die Fliehenden, daß die Buern in großer Anzahl zurückgeblieben waren. Sie lagen jetzt seitwärts in guten Deckungen, und ihre unfehlbaren Büchsen verbreiteten den Tod in den Reihen der Verfolger und hemmten deren Eile. Auch Lord Chelmsford hatte die Not des Obersten Buller bemerkt, und die Geschosse seiner Batterien auf der jenseitigen Höhe krachten in rascher Folge in den Massen der Zulus auseinander und sprühten Eisensplitter und Kartätschenkugeln ringsum. Unter dem Schutze dieses Feuers kamen die Reiter glücklich über die Furt zurück. Lord William Beresford trug einen verwundeten Sergeanten auf dem Sattel mit sich hinüber. Doch blieb mancher Mann drüben auf dem Felde liegen, und zwischen den schwarzen Leibern lagen Rotröcke in dem langen Grase.

Dies war der Tag, an welchem Lord Chelmsford noch auf Tschetschwajos Unterwerfung hatte warten wollen. Der König der Zulus hatte durch die That bewiesen, daß er kein Knecht sein wollte. Lord Chelmsford befahl den allgemeinen Vormarsch für den folgenden Morgen.

In der Frühe des 4. Juli fuhren englische Geschütze an zwei Punkten am hohen Ufer des Weißen Umvolosi auf, um den Flußübergang durch ihr Feuer zu sichern, und das englische Heer brach zum Angriff auf. Als die Kolonnen heranmarschierten und zum seichten Wasser der Furt hinabstiegen, zeigte sich aber zur Verwunderung der Europäer kein Feind, der den Übergang hätte stören wollen. Zuerst gingen die Buern hinüber und setzten sich zu beiden Seiten jenseits, unterhalb der Artillerie, im Ufergebüsch fest, um mit ihren Büchsen zur Hand zu sein, wenn etwa ein unerwarteter Ansturm erfolgen sollte. Doch zeigte sich kein Zulu. Dann kamen die langen Züge der Infanterie, dann folgte Artillerie und nahm jenseits Stellung, dann wieder Infanterie, dann Kavallerie und nach und nach das ganze bunte und in Waffen blitzende Heer.

Drüben formierte Lord Chelmsford die gesamte Masse in einer besonderen Art. Er hatte ohne Verschanzungen im freien Felde zu kämpfen und vorzurücken, er wußte, daß ein Angriff kommen mußte, und er wollte vorsichtig sein. Nicht in Kolonnen wollte er vorrücken, sondern im Viereck, um jeden Augenblick gerüstet zu sein. Das 80. Infanterieregiment und eine Batterie Gatlinggeschütze bildeten die Front, das 90. und ein Teil des 93. Infanterieregiments die linke Flanke, das 13. und das 58. Infanterieregiment die rechte Flanke, das 21., Teile des 24. und der Rest des 94. bildeten die Rückseite. In jedem Winkel des großen, hohlen Parallelogramms fuhren Geschütze auf, wie sich das bei Gingilowo nützlich und gut gezeigt hatte. Die Infanterie stand vier Glieder tief. Im Innern des Karrees waren die schwarzen Bataillone, die Kavallerie ward vorläufig draußen gelassen. Vom Train wurden nur die Munitionswagen mitgenommen und ebenfalls im Karree eingeschlossen, die Hauptmasse blieb im Lager auf dem andern Ufer unter starker Bedeckung zurück. Nur etwa sechstausend Mann brachte Lord Chelmsford zur Entscheidungsschlacht.

Die Bewegung des gewaltigen Vierecks war schwierig, und der Oberbefehlshaber wählte deshalb den ebensten Boden, das offenste Terrain. In der Front und auf der Rückseite marschierte die Infanterie in Linie, in den Flanken aber in einer Kolonne von schmaler Front. Die Artillerie paßte ihre Bewegung dem Marschschritt der Infanterie an. Um nicht unversehens auf eine Schlucht, einen Bach oder sonst ein Hindernis zu stoßen, welches den Marsch hätte aufhalten und Unordnung hervorrufen können, ließ Lord Chelmsford das Terrain auf eine weite Strecke hin von der Kavallerie untersuchen. Wiederum schwärmten die Buern vorauf.

Pieter Maritz wunderte sich, daß nichts vom Feinde zu sehen war. Wo steckten die Zuluregimenter? Wo war der Prinz Dabulamanzi geblieben? Er brannte vor Begierde, zu erfahren, ob der tapfere Heerführer, den er doch mit dem Degen getroffen hatte und der vom Pferde gesunken war, wirklich wieder an der Spitze der Armee sei oder ob nur eine Ähnlichkeit seine Augen getäuscht habe. Bekannt mit der Umgegend von Ulundi, wagte er sich weit vor und streifte ganz allein wohl tausend Schritte weiter als die andern Buern an Ulundi hinan. Als er so durch die Ebene hinjagte, schien es ihm, als ob er eine Bewegung in der Ferne bemerke, nahe dem Krale Lickasi, wo, wie er wußte, ein Hügel sich erhob, der eine weite Umsicht gestattete. Der kleine Kral Lickasi war ein Lieblingsplatz Tschetschwajos, und dorthin zog sich der König wohl bei großer Hitze zurück, um die frischere Luft der Höhen zu genießen.

Pieter Maritz sah sich um. Das englische Viereck war nicht mehr zu sehen, die Reiter hinter ihm waren ganz kleine Figuren. Sollte er noch weiter gehen? Er vertraute auf Jager und sprengte vor. Da sah er nach wenigen Minuten, was er vermutet hatte: er sah den König Tschetschwajo. Eine Masse von Zulus, wohl zweitausend Mann, war am Fuße des Hügels von Lickasi aufgestellt, und er erkannte den Schmuck und die Waffen der Garde. Die Männer standen unbeweglich, den Schild am Arme, in einer langen Reihe, mehrere Glieder tief, als Wache da, oben auf dem Hügel aber war ein dichter Haufe versammelt, der am Glanz der Ringe als der königliche Hofstaat zu erkennen war. Eine einzelne Gestalt stand vorn, auf einen hellen Stab gestützt, und Pieter Maritz erkannte die mächtige Figur des Königs.

Aber kaum hatte der Buernsohn diesen Anblick gewonnen, so pfiffen auch schon Kugeln ihm um den Kopf, und er sah eine kleine Abteilung der Garde schnellfüßig heranlaufen. Eilig wandte er sein Pferd und jagte davon.

Als er nun zurückkam und den Platz erreichte, wo er die Seinigen verlassen hatte, da hatte sich das Bild der Landschaft verändert. Er hielt Jager an und blickte sich voll Spannung nach allen Seiten um. Die Leute, welche ihn verfolgt hatten, waren nicht mehr zu sehen, und auch der Lickasikral war völlig verschwunden. Die Kavallerie des englischen Heeres zog sich auf das Karree zurück. Das Karree selbst kam langsam heran. Eine sonderbare Erscheinung aber fesselte vor allem seinen Blick: parallel mit dem englischen Heere, in einer Entfernung von kaum zweitausend Schritten, marschierte ein Zuluheer auf der rechten Flanke des Karrees. Es war in einem dichten viereckigen Haufen und glich fast dem Schatten der englischen Armee. Still und finster zog es daher, mit derselben Langsamkeit wie diese.

Die Sonne stand schon ziemlich hoch am Himmel, es war zwischen acht und neun Uhr morgens. Das afrikanische Land lag in der vollen Pracht seiner Farben da. Der Himmel war strahlend blau, die Erde grün, und die Ferne war mit duftigem Violett umzogen. Die klare Luft ließ alles sehr deutlich erkennen. Pieter Maritz sah die roten Linien und blitzenden Waffen der englischen Infanterie, die prächtigen, mit vielem Weiß besetzten Uniformen der Ulanen, sah die buntgestickten, seidenen Fahnen der verschiedenen Regimenter über den Helmen flattern und hörte den Klang des »~Rule Britannia~« aus dem Karree herüberschallen. Lord Chelmsford ließ zur Ermutigung seiner Truppen die Musikcorps spielen. Dagegen zogen neben den Engländern die Zulus schweigend und drohend einher, auf den Augenblick wartend, wo sie sich mit Vorteil auf den Feind stürzen könnten.

Da erblickte Pieter Maritz, indem er sich umsah, ein zweites Zuluheer. Es kam plötzlich hinter einem lang gestreckten niedrigen Gehölz hervor und marschierte neben der linken Flanke der Engländer, doch in weiter Entfernung. Und nun endlich erschien ein dritter schwarzer Schlachthaufen von Ulundi her, der gegen die englische Front heranrückte. So war das heranmarschierende Viereck von drei Seiten umgeben, König Tschetschwajo aber sah aus der Ferne der Schlacht zu, welche über das Schicksal seines Reiches entscheiden sollte, und mochte wohl hoffen, daß die Engländer im offenen Felde dem Ansturm seiner Regimenter nicht würden standhalten können.

Pieter Maritz setzte jetzt sein Pferd in Galopp und folgte den übrigen Reitern, die noch in der Ebene verteilt gewesen waren, in das hohle Viereck hinein. Die Zulus kamen näher und näher heran und konnten, wie Pieter Maritz bemerkte, ihre drei Heerhaufen zu ihrer alten Angriffsfront, der Linie mit vorgebogenen Flügeln, vereinigen, sobald es ihnen günstig erschien. Sie bewegten sich mit erstaunlichem Geschick, und da sie mit zwei Heerhaufen schon zu beiden Seiten des Feindes waren, hatten sie dessen Umklammerung schon vollzogen, ehe sie noch eine zusammenhängende Linie gebildet hatten. Pieter Maritz bemerkte, daß Lord Chelmsford und sein Stab voll Bewunderung des kunstvollen Manövers der Zulus waren. Der Oberbefehlshaber ließ einigemal halten, um den gelockerten Zusammenhang seiner Truppen wieder zu festigen, dann ließ er wieder vorwärts gehen. Er erriet den Plan der Zulus, das Viereck im Marsche immer zu bedrohen und sich darauf zu stürzen, sobald es sich etwa irgendwo öffnete. Endlich aber beschloß Lord Chelmsford, Halt zu machen und den Angriff der Zulus auf sich zu ziehen. Die Signale ertönten, die Front hielt, die Flanken und die Rückseite schlossen an, und die Artilleristen richteten ihre Geschütze auf den Feind. Lord Chelmsford hatte einen vorteilhaften Platz ausgewählt. Die Armee befand sich gerade auf einem sanft abfallenden Höhenrücken, so daß der Anlauf der Zulus bergan gehen mußte, was für den Speerangriff nachteilig war.

Kaum war der erste Kanonenschuß gefallen und das erste Hohlgeschoß über der Zulumasse vor der rechten Flanke zersprungen, so stürmten die Feinde heran. Zunächst nur der starke Haufen, der zuerst sichtbar geworden war. Er entfaltete sich zu einer langen Linie und lief vor.