Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 38
Er grüßte mit einer leichten, höflichen Handbewegung und kehrte zu dem General zurück, während Leutnant Dubois mit strahlendem Gesicht, leise Flüche vor sich hinmurmelnd, hinter ihm hersah. Pieter Maritz getraute sich nicht, den Leutnant zu stören, obwohl er gern gefragt hätte, wer jener Fremde sei. Aber während er schweigend neben dem Franzosen hinritt und beide die Buernschar, hinter welcher sie etwas zurückgeblieben waren, wieder einzuholen trachteten, brach jener das Schweigen von selbst, entlastete sein Herz zuerst durch einige schwere Verwünschungen und sagte dann: »Es ist der kaiserliche Prinz von Frankreich, der Sohn Napoleons ~III.~ So tief ist Frankreich gefallen, daß der Erbe seines Thrones nach Afrika gehen muß, um den kriegerischen Ruhm seines Namens aufrecht zu erhalten.«
Der Marsch führte nach kurzer Zeit zu einer Stelle, welche Pieter Maritz lebhaft jenen Morgen ins Gedächtnis zurückrief, wo er als Gefangener von dem Unteroffizier, der so gern lachte, geführt worden war. Die auffallende, hochragende Gestalt des Isandulaberges lag vor seinen Blicken, und dort unten war der Platz, wo das Lager gestanden hatte. Alles war grün, von der mächtigen Pflanzenwelt Südafrikas überkleidet, doch beim Näherkommen sah Pieter Maritz die Spuren jenes Kampfes, dem er zugeschaut hatte. Er zeigte dem Leutnant Dubois die Stellungen, welche die englischen Truppen gehabt, und indem dieser es dem General mitteilte, wandte sich die Aufmerksamkeit der Engländer auf den Platz.
Kein Fuß eines Europäers hatte seit jenem blutigen Tage das Schlachtfeld betreten, und auch die Kaffern hatten in ihrer Scheu vor den Toten die Stelle gemieden. Hier lagen tote Körper, Engländer, fast ganz entkleidet, von Raubtieren und Insekten des Fleisches beraubt, in den Stellungen, welche sie sterbend eingenommen hatten. Reihenweise lagen die Gerippe, hier die Knochenhand zur Faust geballt und emporgestreckt, dort noch die Waffe umschließend. So lagen auch die Überreste der Pferde, Maultiere und Ochsen umher, wie sie unter den Kugeln und Speeren der Zulus gefallen waren. Sonderbar sah es bei den zertrümmerten Wagen aus. Das Getreide war aus den Säcken und Kisten herausgefallen und hatte Wurzel geschlagen. Kleine Saatfelder mit schwankenden Halmen, die Ähren im Winde schaukelnd, lagen unter und neben den Wagen, und zwischen dem grünen Mais und Weizen blickten kahle Schädel mit leeren Augenlöchern hervor. Waffen wurden nur wenig gefunden. Alle Gewehre waren samt der Munition von den Zulus mitgenommen und bei ihren späteren Angriffen verwendet worden.
General Marshall ordnete an, daß die Leichen beerdigt würden, und nachdem dies traurige Geschäft beendigt worden war, wurde der Marsch noch über eine Meile weit fortgesetzt, bis dahin, wo Oberst Glyns Kolonne unter Lord Chelmsfords Führung gewesen war, während das Lager in ihrem Rücken von den Zulus überrascht wurde. Kein Feind war zu sehen, alles war still, und die Rekognoszierungsabteilung kehrte zurück.
Aber die Zeit des allgemeinen Vormarsches gegen Ulundi, die feindliche Hauptstadt, ward nun bestimmt, Generalleutnant Sir Garnet Wolseley war am 24. Mai in Port Natal angekommen, große Vorräte an Getreide, Mehl, Schlachtvieh und andern Lebensmitteln, sowie an Getränken, waren herbei geschleppt worden, und an einem der ersten Tage des Monats Juni sollte der Zug beginnen. Pieter Maritz hielt am Morgen des 1. Juni mit einigen Buern im Felde. Er gehörte zu einem Pikett, das vom Lager des Generals Wood aus vorgeschoben war, nicht weit von dem Krale Itelesi an der Grenze zwischen Transvaal und dem Zululande. Er konnte eine weite Landschaft übersehen, die wellenförmig gestaltet und in der Ferne von Hügeln umgeben war. Auch erblickte er mehrere weiß schimmernde Vierecke, die eine halbe Meile weit entfernt waren: das Lager des Generals Newdigate, in welchem die verschiedenen Regimenter ihre Zelte als hohle Vierecke geordnet und mit Befestigungen umgeben hatten. Einzelne dunkle Flecke lagen in dem Grün und Braun der Landschaft: kleine Krale der Zulus, die von den Bewohnern verlassen waren, und von denen kein Rauch mehr aufstieg. Die Morgensonne überstrahlte die weite Fläche, und das hügelreiche Land mit den Zelten der englischen Truppen bot einen lieblichen Anblick. Pieter Maritz sah einen kleinen Reitertrupp vom Lager des Generals Newdigate herankommen und in einiger Entfernung vorbeiziehen. Er konnte die Personen deutlich unterscheiden. Voran ritt eine Gestalt, welche er wiedererkannte, es war der Prinz Ludwig Napoleon. Dicht hinter dem Prinzen und ihm zur Seite ritt ein englischer Offizier, und darauf folgten sechs Kavalleristen und ein Zulu, der ebenfalls zu Pferde saß und wohl der Führer war. Der Prinz hielt auf einem Hügel an, betrachtete die Gegend durch sein Fernrohr und schrieb oder zeichnete dann auf ein weißes Blatt, das er vor sich auf dem Sattel hielt. Dann ritt der kleine Zug wieder weiter und verschwand nach und nach in dem tiefer liegenden Lande.
Pieter Maritz blieb auf seinem Posten, und es vergingen einige Stunden, als sich andere Reiter, vom Lager des Generals Newdigate herkommend, zeigten. Diese Reiter waren General Wood und Oberst Buller mit drei Mann von Bullers Kavallerie. General Wood hielt sein Pferd vor dem Buernposten an und blickte Pieter Maritz scharf ins Gesicht, gleich als erinnerte er sich seiner. Der Buernsohn trug das Viktoriakreuz auf der linken Brust, und der General betrachtete es einen Augenblick, war aber mit etwas anderm so lebhaft beschäftigt, daß er sich nicht auf Fragen hinsichtlich der Persönlichkeit des jungen Buern einließ.
»Haben Sie den Kaiserlichen Prinzen gesehen?« fragte er.
»Jawohl,« entgegnete Pieter Maritz. »Der Prinz ritt mit seiner Begleitung hier vorbei, in der Richtung nach dem Feinde zu.«
»Wie lange ist das her?«
»Es mögen jetzt etwa drei Stunden sein.«
»Drei Stunden!« rief der General. Dann wandte er sich zu Oberst Buller und sagte: »Ich mache mir Sorge wegen des Prinzen. Man sollte den löblichen Eifer des jungen Herrn mehr in Schranken halten. Er kennt das Land nicht und kennt nicht den Feind. Wie leicht kann in diesem Terrain eine Überraschung vorfallen! Sehen Sie die tief eingeschnittenen Bäche, das Buschwerk, das hohe Gras. Die schwarzen Kerle gleiten wie die Eidechsen durch das Gras hin, und wenn dem Prinzen etwas passierte, so wäre es eine unauslöschliche Schande für die britische Fahne.«
»Ich werde eine Abteilung meiner Reiter aussenden, um den Prinzen suchen zu lassen,« entgegnete Oberst Buller. »Doch ist ja Leutnant Carey, ein zuverlässiger Offizier, bei ihm. Es ist schwer, auf den Prinzen zu achten. Ich weiß nicht, ist er dem Stabe des Lord Chelmsford oder dem Stabe des Generals Newdigate zugeteilt. Seiner Begierde, sich auszuzeichnen, kommt eine große Freiheit zu Hilfe.«
General Wood hob sein Doppelglas an die Augen und spähte hinaus. »Sehen Sie doch,« sagte er nach einigen Augenblicken, »kommt dort nicht ein Reiter?«
Oberst Buller blickte ebenfalls durch seinen Feldstecher und bestätigte die Wahrnehmung des Generals.
»Das ist der Offizier, welcher neben dem Prinzen ritt, ich erkenne ihn an den Bewegungen seines Pferdes,« sagte Pieter Maritz.
»Wie? Leutnant Carey allein?« fragte der General mit dem Tone der Besorgnis.
Jetzt kam der Reiter näher. Er war in vollem Galopp, und hinter ihm erschienen in weiten Zwischenräumen vier andere Reiter.
»Es ist Leutnant Carey, bei Gott!« rief Oberst Buller.
Der Leutnant kam heran, gerade auf die Stelle zu, wo die Offiziere und der Buernposten hielten. Er war in Hast und Verwirrung, sein Gesicht glühte, das Pferd triefte von Schweiß. Er hielt es vor General Wood an und konnte zuerst vor Aufregung nicht sprechen. Die Flanken des Pferdes schlugen von der großen Anstrengung eines weiten eiligen Rittes.
»Der Prinz! Um Gottes willen, wo ist der Prinz?« rief General Wood.
Der Leutnant legte die Hand an den Helm. »Der Prinz ist nicht da,« entgegnete er.
»Das sehe ich. Aber wo ist der Prinz?« fragte der General.
»Wir haben ihn verloren.«
»Verloren? Was soll das heißen? Was ist mit dem Prinzen geschehen?«
Während dessen kamen, einer nach dem andern, vier Kavalleristen heran und hielten mit bestürzten Mienen hinter dem Leutnant.
»Was ist aus dem Prinzen geworden?« fragte General Wood. »Warum haben Sie ihn verlassen? Was ist mit dem Prinzen geschehen?«
»Ich weiß es nicht,« antwortete Leutnant Carey. »Wir ritten zusammen dort hinunter« -- er zeigte mit der Hand nach der Richtung, woher er kam -- »und der Prinz machte topographische Skizzen. Dann kamen wir in die Nähe eines Krales, der verlassen war, und der Prinz besichtigte die Kaffernhütten. Sie waren alle leer. Dann setzten wir uns nieder, um zu frühstücken ....«
»Wie? In dem Krale selbst?« fragte der General.
»Jawohl, der Prinz wünschte es. Wir sattelten ab und ....«
»Sie sattelten ab? Im Krale? In der Nähe des Feindes?«
»Jawohl, wir sattelten ab, da der Prinz seinem Pferde bei der großen Hitze eine Erleichterung verschaffen wollte, und wir frühstückten neben einer Mauer unweit der Pferde, welche von zwei Leuten gehalten wurden. Plötzlich sah ich ein schwarzes Gesicht zwischen den Dornenhecken bei den Hütten hervorblicken und zeigte es dem Prinzen. ‚Ich sehe es auch,‛ antwortete er, und dann liefen wir sofort zu unsern Pferden. Ich schwang mich in den Sattel, den ich so schnell als möglich aufgelegt hatte, und während wir sattelten, fielen mehrere Schüsse und zwei von den Leuten stürzten. Die Zulus waren mit dem Assagai in der Hand so dicht hinter uns her und liefen so schnell, daß ich nur durch den schärfsten Galopp mich retten konnte. Ich kam an einen Bach in einer Schlucht, und hier sah ich mich um, erblickte aber nur diese vier Leute hier hinter mir. Vom Prinzen sah ich nichts und weiß nicht, was aus ihm geworden ist.«
Während dieses Berichtes zeigte sich in den Mienen der hohen Offiziere die größte Bestürzung.
»Was ist zu thun?« rief General Wood. »Der Prinz ist gefangen oder tot! Was sollen wir machen? O schrecklich, schrecklich!«
»Reiten wir dorthin, wo Leutnant Carey den Prinzen verlor!« sagte Oberst Buller.
»Wie können wir das?« sagte General Wood. »Die Zulus sind vielleicht in großen Massen dort. Wir können nur mit einer starken Abteilung dorthin marschieren. Außerdem ist nun alles zu spät. Sie, Leutnant Carey, hätten besser achtgeben, Ihrer Pflicht besser nachkommen sollen! Sie sind Arrestant, man wird Sie vor ein Kriegsgericht stellen. Geben Sie Ihren Säbel ab!«
Leutnant Carey senkte den Kopf, überreichte seine Waffe dem Oberst Buller, der sie einem der Kavalleristen gab, und dann kehrten die Engländer zum Lager des Generals Newdigate zurück.
Erst am folgenden Morgen rückte eine Abteilung aus, um den Prinzen zu suchen. Sechs Schwadronen Ulanen und Dragoner marschierten um vier Uhr in der Frühe unter Kommando des Generals Marshall aus, und Leutnant Dubois mit einer Abteilung der Buernreiter ritt voran. Als der Franzose von Pieter Maritz den Bericht des Leutnants Carey vernommen hatte, geriet er in eine stille Wut, eine lautlose Aufregung, welche schlimmer war als all' sein sonstiger geräuschvoller Zorn. Mit zusammengebissenen Zähnen und grimmig gefurchter Stirn ritt er diesen Morgen vor seinen Reitern her und war immer mehrere hundert Schritte voraus. Pieter Maritz blieb neben ihm und führte den Weg, den er gestern den Leutnant Carey hatte nehmen sehen.
Sie sahen den Kral in der Entfernung auftauchen, wo nach Careys Beschreibung Halt gemacht worden war, und näherten sich ihm, als von der Seite her ein reiterloses Pferd herangetrabt kam, das im Kaffernkorn geweidet hatte. Wiehernd näherte es sich den andern Pferden.
»Das ist der Fuchs des Prinzen!« rief Pieter Maritz, indem er es am Zügel ergriff. Leutnant Dubois betrachtete das Pferd. Es war gesattelt, in den Pistolenhalftern steckten ein Revolver, Karten und Papier, sowie ein Schreibzeug. Die Bügel hingen herunter, doch bemerkte Dubois, daß ein lederner Riemen, mit welchem der Mantelsack am hinteren Ende des Sattels befestigt wurde, zerrissen war und der Mantelsack fehlte. Das zerrissene Ende hing vom Sattelringe herab.
Dubois zeigte auf dies Ende. »Sieht es nicht aus,« fragte er, »als ob der Prinz beim Aufsteigen sich an dem Riemen gehalten hätte und als ob der Riemen dabei gerissen wäre?«
Sie ritten weiter und Pieter Maritz führte das Pferd am Zügel.
Nun kamen sie an eine Schlucht, in welcher ein wenig Wasser floß, und ein trauriger Anblick zeigte sich ihren Blicken. Ganz nackt lag ein weißer Leichnam in der Schlucht, und obwohl er von Blut bedeckt und auch das Gesicht schwer verletzt war, indem anstatt des rechten Auges nur eine fürchterliche Wunde sich zeigte, erkannten beide die blassen Züge des Kaiserlichen Prinzen. Er war von achtzehn Assagaiwunden durchlöchert. Zwei Stöße waren ihm von der Brust bis zum Rücken durch und durch gegangen, zwei Stöße hatten die Rippen von einer Seite bis zur andern durchbohrt. Alle Kleidung sowie das Schuhwerk war ihm genommen worden, nur ein schmales goldenes Kettchen hing ihm um den Hals, woran ein Medaillon und ein Skapulier mit dem Bildnis der Jungfrau Maria hingen. Die Zulus mußten vor diesen Gegenständen als vor Amuletten Scheu empfunden haben. Leutnant Dubois öffnete das Medaillon und fand darin die Bildnisse des Kaisers Napoleon ~III.~ und der Kaiserin Eugenie, sowie eine Locke von dem grauen Haar des Kaisers.
»O jammervolles Ende eines berühmten Geschlechts!« rief der Franzose in tiefster Bewegung, während Thränen, die seine Augen nie gekannt, über das kriegerische Gesicht hinliefen. »O du Hoffnung Frankreichs, mußtest du so kläglich sterben? In einem Winkel ermordet, von schwarzen Wilden mit Speeren abgeschlachtet, du Erbe des stolzesten Thrones der Welt! In deinen Adern floß das Blut des größten Siegers, dein Ahn erschütterte die Erde mit dem Nicken seines Hauptes, und du, armer Prinz, liegst hier nackt und bloß auf afrikanischer Erde, im Busche gefallen, in einem ruhmlosen Kriege!«
Während er in seinem Schmerze so rief und jammernd die Hände rang, erschienen die Lanzenspitzen der englischen Kavallerie über dem Rande der Schlucht, und General Marshall mit einigen Offizieren ritt heran.
»Durch eure Schuld ist er gefallen,« rief der Franzose den Engländern entgegen. »Konntet ihr ihn nicht besser beschützen? Er erwies euern Waffen eine Ehre, indem er sich zu ihnen gesellte, und ihr hättet wissen sollen, wie ihr einen Napoleoniden beschützen mußtet, der seine Jugend eurer Führung anvertraute. Uns trifft das Unglück, aber euch trifft der Tadel!«
Die englischen Offiziere stiegen von den Pferden und kamen betroffen zu der Stelle herab, wo die Leiche lag. Sie antworteten nichts auf die Anklage des französischen Kriegers und verziehen seinem Schmerze. Stumm und traurig, in tiefer Beschämung standen sie neben dem blutigen Körper.
Leutnant Dubois kniete nieder und küßte die Hand des toten Jünglings.
»Wie wird deine Mutter um dich klagen, unglücklicher Prinz!« rief er. »Nun hat sie alles verloren, was die Erde ihr noch Gutes bot. Der Kaiser ist dahin, mit ihm die Herrschaft und der Thron. Der Ruhm Frankreichs ist verloren! Du allein, armer Prinz, warest ihr und unser Trost, du schlossest in deiner Brust die Hoffnung und das Glück des kaiserlichen Frankreich, allen Stolz der Mutter ein. O welch ein klägliches Ende, welch ein Leid!«
Die englischen Offiziere nahmen einen Schild von einem der Zulus, welche die Kavallerie begleitet hatten, und legten die Leiche hinein. Dann deckten sie sie mit einem Mantel zu und trugen sie aus der Schlucht empor. Darauf ließen sie eiligst Botschaft nach dem Lager zurückgelangen und einen Ambulanzwagen kommen. Sie umhüllten die Leiche mit weißen Tüchern, legten sie auf dem Schilde in den Wagen und fuhren sie zurück. Die Nachricht vom Tode des Kaiserlichen Prinzen hatte große Bestürzung verbreitet, und alle hohen Offiziere kamen dem Zuge entgegen. Als der Wagen sich dem Lager bei Landmans Drift näherte, traten die Truppen unters Gewehr, und zwischen langen Reihen von Säbeln und Bajonetten bewegte sich der Trauerzug unter militärischen Ehren durch die Zeltstraßen. Inmitten des Lagers hielt der Wagen, und der Schild ward herabgehoben. Generale trugen ihn, und Leutnant Dubois nahm seinen Platz zwischen ihnen ein. Das Pferd des Prinzen ward am Zügel hinter dem Schilde hergeführt. So ging es nach des Prinzen Zelte.
Stille und das Gefühl der Beschämung lasteten auf dem englischen Heere. Der Fall des Prinzen Ludwig Napoleon fügte den schon erlittenen Niederlagen und Verlusten den herbsten Schlag hinzu, denn er verband sich mit dem Bewußtsein, daß alle Völker der Erde ihren Blick auf den Tod des Prinzen richten und die Kriegsführung Englands mit Erstaunen betrachten würden.
Vierundzwanzigstes Kapitel
Die Schlacht von Ulundi
Lord Chelmsford rückte vor. Er wollte einen Sieg erringen, ehe noch Wolseley die Armee erreicht hätte. Nach halbjähriger Kriegsdauer, nach langen Vorbereitungen, nachdem eine ungeheure Menge von Lebensmitteln in Hunderten von schweren Ochsenwagen aufgestapelt worden war, nachdem noch mehrfach kleine Gefechte mit angreifenden Zulus stattgefunden hatten, wagte er es, die Armee mitten in das Land der Feinde, gerade auf Ulundi zu führen. Von Transvaal aus brachen General Newdigate und General Wood auf, zahlreiche Reitermassen vor der Front, und von Natal, von der Mündung des Tugela aus marschierte General Crealock auf Ulundi. Die starken Kolonnen trafen sich im Zululande, und die ganze Armee wälzte sich mit ihrem gewaltigen Train gleich einem breiten Strome durch das Hügelland. Doch bald veranlaßte vorsichtige Überlegung den englischen Oberbefehlshaber, eine neue Teilung einzuführen. Da er über den Aufenthalt der Zuluarmee im ungewissen war, und auch ihre große Beweglichkeit kannte, ließ er General Crealock zurück, um die Verbindung nach rückwärts zu sichern und einem etwaigen Einbruch der Zulus in Natal zu begegnen. Er selbst ging mit den Divisionen Newdigate und Wood südlich vom Weißen Umvolosi vorwärts.
Pieter Maritz war immer unter den vordersten Reitern der Vorhut, die behenden Buern suchten das Land ab, bevor die schweren schönen Regimenter der englischen Kavallerie und Infanterie es durchfurchten. Mehreremal sah Pieter Maritz die düstere Gestalt Humbatis in seiner Nähe auftauchen. An der Spitze mehrerer tausend Zulus von Natal that er Späher- und Vorpostendienste, und eine schwarze Wolke von Zulukriegern umgab schützend den festen Kern des Heeres, welches zum Entscheidungskampfe heranrückte.
Auf beiden Seiten wütete das Feuer. Die weichenden Zulus zündeten überall, wo die Dürre es gestattete, das Gras an und flüchteten mit ihren Rinderherden. Die Engländer aber schossen mit Raketen und Shrapnels in jeden Kral, den sie am Wege trafen. Flammen und Rauchsäulen bezeichneten den Weg nach Ulundi.
Eines Tages sah Pieter Maritz, als er über einen Hügel ritt, von fern einen Zug von schwarzen Männern dem Heere entgegenkommen. Schon wollte er Meldung zurückschicken, daß der Feind nahe, als er wahrnahm, daß mehrere der herankommenden Zulus in lange weiße Gewänder gehüllt waren, gleich als wollten sie ihren friedlichen Sinn und eine Botschaft ankündigen. Er ritt zurück und meldete dem Führer der Vorhut, daß eine Gesandtschaft komme.
Die Zulus kamen langsam näher und wurden, von Ulanen auf beiden Seiten umgeben, zu der Hauptmacht des Heeres geführt, bei der Lord Chelmsford sich befand. Pieter Maritz blieb auf Befehl des Kommandanten der Vorhut bei ihnen, um mit einer Übersetzung ihrer Reden aushelfen zu können. Voran schritten Prinz Sirajo und der Induna Molihabantschi, in wallende weiße Gewänder gehüllt, goldene Ringe auf dem Kopfe, ohne Waffen, Elfenbeinstäbe mit verzierten Knäufen in der Hand. Ihnen folgten zwei andere Indunas vom Hofe Tschetschwajos in Mänteln von Leopardenfell, ebenfalls ohne Waffen und mit Elfenbeinstäben. Hinter diesen ging eine Reihe von geringeren Männern, die nackt waren und auf ihren Schultern riesige Elefantenzähne und flache Körbe mit goldenen und anderen Kostbarkeiten des Zululandes trugen. Alle gingen schweigend und ernst, auf ihren Gesichtern war zu lesen, daß sie von traurigen Gefühlen erfüllt waren. Doch gingen sie mit dem vornehmen Anstande, den Pieter Maritz an den Zulus kannte und den die Europäer so oft bei den nackten schwarzen Männern bewunderten. Königen gleich schritten Sirajo und Molihabantschi an der Spitze des Zuges, blickten nicht rechts und nicht links, zeigten weder Furcht noch Trotz. Als sie inmitten der prächtigen Ulanen daherkamen, die zu Pferde und mit ihren langen bewimpelten Lanzen hoch über sie hinwegragten, da glichen sie doch nicht etwa einer Schar armer Schächer, sondern vornehmen Fremdlingen, die ehrenhalber von Kavallerie begleitet wurden.
Es war am Nachmittage, und die englischen Truppen hatten ihre Zelte aufgeschlagen. Das Heer hatte seit Beginn des Krieges schon Tausende von Kranken zurücklassen müssen, und keiner der Engländer wagte im Freien zu übernachten. Der Wechsel von Hitze und Kälte, von Trockenheit und Gewitterregen war den Bewohnern der fernen britischen Inseln gefährlich, ihre reichlich genährten und mit Spirituosen erhitzten Körper waren nicht hart genug. So ging der Angriff auf Ulundi nur sehr langsam vorwärts, und immer entstand eine Stadt von Zelten, wenn der tägliche Marsch vollbracht war.
Lord Chelmsford kam, von mehreren hohen Offizieren begleitet, auf den Alarmplatz seines Lagers und empfing die Gesandtschaft inmitten eines weiten, von Waffen starrenden Kreises. Ihm gegenüber stellten sich die Zulus auf, und würdevoll begann Sirajo seine Rede:
»Der König Tschetschwajo grüßt den englischen Induna, und er spricht durch den Mund seines Bruders folgende Worte: Warum krönst du mich am Morgen und tötest mich am Abend? Du warst mein Freund und stütztest meine Herrschaft, als ich jung war und das Zululand zu regieren anfing. Du liebtest mich, als ich dir gegen deine Feinde half. Warum willst du mich jetzt töten? Ich habe den Krieg nicht begonnen; ich sandte dir eine Friedensbotschaft über die andere. Nicht ich kam in das Land der Königin von England, sondern die englischen Krieger kamen in mein Land, und so begann der Krieg. Das Blut vieler Männer netzt das Gras, von dem die Rinder sich nähren sollten, und der Frieden hat seine helle Farbe im roten Schein der Feuer und des Blutes verloren. Aber die englischen Krieger vergossen das erste Blut, steckten die Dörfer meiner Unterthanen in Brand und trieben meine Ochsen zu ihren Feuern. Als meine Regimenter zum Kampfe gegen die Deinen anstürmten, da lagen schon viele schwarze Männer am Boden. Aber ich will nicht klagen über die mächtige Königin, denn sie ist stark, und ich bin schwach. Sie ist sehr groß, und ihr Schatten hüllt das Zululand in Nacht. Ich will ihren Induna um Frieden bitten. Eine englische Botschaft kam zu mir, welche verlangte, daß ich mein Heer verringerte, die Bai von Santa Lucia abträte und einen Gesandten der Königin in meiner Hauptstadt wohnen ließe. Ich wies es zurück, weil ich nicht wußte, wie stark das englische Heer ist. Aber jetzt will ich diese Bedingungen annehmen, und ich bitte, daß man mir Gehör gebe. Tschetschwajo will ein guter Sohn seines weißen Vaters in Natal sein. Er schickt Geschenke, um das Herz des englischen Indunas zu bewegen und legt sie zu seinen Füßen nieder als ein Zeichen seiner Friedensliebe und seiner Unterwerfung.«
Sirajo winkte, und sein Gefolge näherte sich dem Lord Chelmsford und legte die langen Stoßzähne der Elefanten und den Schmuck vor ihm auf den Boden nieder. Dann erwarteten die Zulus schweigend die Antwort des weißen Heerführers.