Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 37
Pieter Maritz ritt mitten im Getümmel, und links von ihm war Lord Fitzherbert, rechts der Leutnant Dubois, der sich die Ehre des Einhauens in der ersten Linie nicht wollte nehmen lassen, obwohl seine Buernreiter weit dort hinten waren und, klug im Grase vorwärts gehend, Schuß auf Schuß hinter den Fliehenden hersandten. Alle drei strebten um die Wette vorwärts und hatten den Mittelpunkt der starken Zuluschar, den Prinzen Dabulamanzi, ins Auge gefaßt. Wilder Taumel hatte sich der Empfindungen des Buernsohnes bemächtigt, und er dachte mitten im Blutvergießen nur noch an Kampf. Dennoch leitete kühle Besonnenheit seine Handlungen, soweit sie sich auf sein Ziel bezogen, und gleichsam ein neuer Sinn, die Geistesgegenwart im Handgemenge, lenkte ihm Auge und Arm. Wie in einem instinktmäßigen Ahnen, ohne darüber nachzudenken, vermied er die Assagaien und parierte die Schläge der Kirris. Ein riesiger Zulu sprang ihm entgegen und streckte seine Hand nach Jagers Zügel aus. Aber Pieter Maritz warf das Pferd zur Seite und hieb blitzschnell zu, so daß die gute Klinge, Lord Fitzherberts Gastgeschenk, den Streifen von Leopardenfell und die schwarzen Federn auf des Zulu Stirn durchschnitt und der nackte Krieger in die Kniee fiel, während Schild und Speer seiner Faust entsanken. Ein Induna vom »Regiment des Königs« zielte auf ihn mit dem Wurfassagai, aber indem der leichte Speer heranflog, duckte sich der Buernsohn, und die scharfe Spitze streifte nur den Hutrand. Vorwärts trieb er Jager in das dickste Getümmel hinein, denn neben ihm brachen sich auch der Lord und der Franzose mit schweren Hieben eine Bahn, und trotzig hielt noch immer inmitten einer auserwählten Truppe Prinz Dabulamanzi im Hintergrunde.
Das Schilf ward von Rosseshufen und den Füßen vieler Männer niedergetreten und schwarze Gestalten lagen zwischen den harten scharfen Halmen neben den Körpern von Dragonern und Pferden. Rücksichtslos traten die Hufe der nachdringenden Reiter auf die Leiber der Toten und Verwundeten. Allen voran kamen die drei um die Wette kämpfenden Streiter. Jetzt war Leutnant Dubois am weitesten vor. Der zähe, kriegsgewohnte Mann hatte sich einen blutigen Pfad gebahnt. In der Linken hielt er den Revolver, in der Rechten einen langen Stoßdegen, den er schon in manchem Kampfe geführt hatte, und den Zügel hielt er mit den Zähnen. Aber zu seiner Verwunderung erblickte er den Buernsohn ganz in seiner Nähe im Gewühl. Zwanzig Schritte weiter links hieb Lord Fitzherbert, weit ausholend, nach beiden Seiten von seinem großen Rappen herunter.
Nun war die letzte Reihe der Zulus durchbrochen, und die Reiter sahen Dabulamanzi selbst, von wenigen Kriegern umgeben vor sich. Als Pieter Maritz gegen ihn ansprengte, begegnete sein Blick dem kriegerischen Auge des schwarzen Prinzen, und ein Blitz des Wiedererkennens flog zu ihm herüber. In stolzer Haltung hielt Dabulamanzi den Speer empor, und mit vornehmer Anmut saß die schlanke, glänzend schwarze Gestalt auf dem bunt gefleckten Fell, welches den Rücken des Fuchses bedeckte. Trotzig standen die treuen Begleiter um ihn her, und während die Trauer über ihre Niederlage und die Ahnung vom Untergange des Zulureiches sich in ihren düsteren Gesichtern malte, zeigte ihre Stellung an, daß sie zugleich mit dem Siege auch ihr Leben aufgaben.
Ein Assagai, von einem der Fußgänger geschleudert, sauste dem Buernsohne entgegen und fuhr ihm zwischen Brust und linkem Arm hindurch. Pieter Maritz fühlte einen schneidenden Schmerz an der Innenseite des Arms, doch ließ er die Zügel nicht los. Jetzt kamen Lord Fitzherbert und der Franzose zu beiden Seiten an ihn heran und griffen alsbald neben ihm die finstere Gruppe der letzten Verteidiger des Schlachtfeldes an. Pieter Maritz rief Jager eine Ermunterung zu und schwang sein Schwert, ohne auf die Streiter zu Fuß zu achten, allein gegen Dabulamanzi.
Der Prinz holte zum Stoße aus und schwang den Speer gerade gegen die Brust des Buernsohnes. Aber Pieter Maritz traf den Assagai mit einem schnellen Hiebe hinter der Spitze, und die vortreffliche Klinge zerschnitt den starken Rohrschaft, so daß das spitzige Eisen zu Boden fiel. Nun war Jager mit einem Satze neben dem Fuchs, und in demselben Augenblick traf des Buernsohnes Degenstoß den schwarzen Heerführer in die nackte Brust. Dabulamanzi breitete die Arme aus und sank rückwärts, ein Wehgeheul drang von den Lippen der umgebenden Zulus empor. Pieter Maritz aber griff mit starker schneller Hand, während er den Degen mit den Zähnen hielt, nach dem Goldreif auf dem sinkenden Haupte, riß ihn ab und schwang ihn triumphierend in die Höhe.
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Prinz Ludwig Napoleon
Der Anblick des Schlachtfeldes hatte sich verändert. Nicht mehr der wilde Angriff der todesmutigen Zulus, nicht mehr der donnernde Gesang und das gellende Rufen der schwarzen Krieger erfüllten das wellenförmige Land, und aus den drohenden Wällen des englischen Lagers sprühte nicht mehr der bleierne Tod. Als die Dragoner den letzten Widerstand des weichenden Heeres niedergeworfen hatten, da waren nur noch flüchtige Scharen, traurige Überreste der stolzen Regimenter Tschetschwajos zu sehen. Sie flüchteten dem Flusse zu, viele waren schon hindurchgeschwommen, andere waren im Wasser, die letzten eilten, sich in die Wogen zu stürzen. Hinter ihnen ritten die Dragoner, und mancher Schwerthieb, von oben auf nackte Schultern und schön geputzte Köpfe niedersausend, warf noch Flüchtige nieder. Hinter ihnen ritten und liefen die Buern und sandten aus sicherer Ferne ihre unfehlbaren Schüsse. Am schrecklichsten aber hinter den fliehenden Massen waren Humbatis schwarze Bataillone. Sie streiften die Walstatt ab, soweit sie mit den Körpern der Gefallenen bedeckt war, und stießen allen, in denen noch Leben war, den Assagai durchs Herz. Kein Verwundeter kam davon. Engländer und Buern kannten die Schonung, und wo sie einen Mann am Boden sahen, da eilten sie vorbei und strebten, die noch Rüstigen zu erreichen; aber das schwarze Volk in seinem Blutdurste kannte nicht Mitleid, nicht Edelmut. Alle, alle wurden ermordet, die, von Kugeln getroffen, sich noch winden konnten, und den Toten wurden Waffen und Schmuck, die zierlichen Ketten und Ringe, schöne Federn und Amulette vom Leibe gerissen. So zeigten sich die eigenen Brüder grausamer gegen die Unterlegenen als der weiße europäische Feind.
Pieter Maritz ritt mit den Dragonern zurück, trug Dabulamanzis Kopfring in der rechten Hand und blickte von Zeit zu Zeit nach dem Blut, das ihm in seinem zerrissenen linken Ärmel herunterlief. Der schöne neue Rock dauerte den Buernsohn. Es war ihm fast wie in einem Traume. Der betäubende Wirbel des Kampfes hatte aufgehört und seine Erlebnisse zogen ihm schattenhaft durch die Erinnerung. Neben ihm ritten außer Lord Fitzherbert und dem Franzosen noch mehrere andere Offiziere und beglückwünschten ihn zu seinem Erfolge. So kamen sie bis nahe dem Lager zurück, wo Lord Chelmsford inmitten seines Stabes hielt und die Truppen aus dem Lager aufmarschierten.
Der Kommandant der Dragoner führte Pieter Maritz gerade auf den Oberbefehlshaber zu und stellte ihn vor, indem er Meldung über die ausgeführte Verfolgung machte.
»Ich empfehle Eurer Excellenz Beachtung insbesondere diesen jungen Mann,« sagte er, »der sich in hervorragender Weise tapfer und geschickt gezeigt hat. Durch seine Hand fiel der feindliche Heerführer, und der Ring hier ward von ihm im Handgemenge von des schwarzen Prinzen Kopf genommen.«
Lord Chelmsford heftete seinen Blick auf das errötende Gesicht des Buernsohnes und erkannte ihn wieder.
»Ist das nicht der junge Mensch, der Zeuge des Kampfes von Isandula war?« fragte er.
Pieter Maritz zog seinen Hut und verneigte sich.
»Aber Sie sind verwundet, ich sehe Ihren Rock voll Blut,« sagte der Lord.
Dann wandte er sich um. »Doktor Johnson,« rief er, »haben Sie die Güte, diesen jungen Mann zu verbinden.«
Ein Herr in der Uniform der englischen Stabsärzte kam herangeritten.
»Vorläufig will ich selbst ein Pflaster auf die Wunde legen,« sagte Lord Chelmsford dann. Mit diesen Worten nahm er von seiner mit Orden bedeckten Brust das Viktoriakreuz ab und heftete es auf Pieter Maritz' Bluse.
»Im Namen Ihrer Majestät der Königin,« sagte er, »überreiche ich Ihnen hier dieses Ehrenzeichen für militärische Auszeichnung. Den goldenen Ring bitte ich Sie, mir auszuliefern, damit ich ihn den Trophäen hinzufügen kann. Das dreifache Gewicht des Ringes soll Ihnen in Gold ausgezahlt werden.«
Pieter Maritz murmelte einige Worte des Dankes und war fast bewußtlos unter der Last der Ehre und Freude, die sich auf sein Haupt häufte. Alle Offiziere drängten sich um ihn, wünschten ihm Glück und schüttelten ihm die Hand. Dabulamanzis Ring ward von einem zum andern gereicht und neugierig betrachtet.
»Danken wir Gott,« sagte Lord Chelmsford, »daß der Mann, der ihn trug, am Boden liegt. Er war ein ausgezeichneter Feldherr, und niemals sah ich einen kühneren Krieger.«
Dann ritt er vorwärts und gab Befehle für die ferneren Maßregeln des Heeres. Die Zulus sollten die Leichen der Feinde in einiger Entfernung vom Lager zusammentragen und begraben. Die Armee sollte auf der Stelle bleiben, wo sie stand, und nach dem heißen Kampfe der Ruhe pflegen. Lord Chelmsford sah nach seiner Uhr, sie zeigte auf acht. Die Schlacht hatte drei Stunden gedauert. Der Morgen des 2. April war blutig gewesen im Zululande.
Pieter Maritz ließ seinen Arm von dem Arzt untersuchen. Es zeigte sich eine starke Fleischwunde im Oberarm, doch als sie ausgewaschen und verbunden worden war, folgte der abgehärtete Buernsohn dem Zahlmeister der Armee auf dessen Einladung zu dem Wagen im Lager, wo die Kriegskasse aufbewahrt wurde. Dort legte der Zahlmeister Dabulamanzis Ring auf eine Schale einer Goldwage und häufte Sovereigns in der andern Schale an. Der Ring war massiv und wog schwer, hundertundsechzig Sovereigns mußten übereinander gelegt werden, um sein Gewicht zu erreichen. Dann zahlte der Beamte dem glücklichen Knaben vierhundertundachtzig Pfund Sterling aus, und schwer mit Gold beladen ging Pieter Maritz davon. Er that den Beutel in den Mantelsack, und dann setzte er sich mit gutem Appetit bei den Dragonern zum Frühstück nieder und verzehrte gemeinsam mit Lord Fitzherbert eine Wildpastete, die in London eingemacht war, und ein großes Stück Schiffszwieback, das in Kapwein getunkt wurde. Hierauf schlief er im Schatten eines Zeltes ein und that einen festen Schlaf bis zum Anbruch des folgenden Morgens.
Die Trompeten weckten ihn, die Dragoner sattelten, Lord Chelmsford ließ eine fliegende Kolonne aufmarschieren, die Ekowe aufsuchen sollte.
Pieter Maritz fühlte sich frisch und stark, er ließ sich neu verbinden, zog den vom Assagai gerade an der rechten Stelle ausgeschnittenen Ärmel über den Verband und stieg zu Pferde.
Hundert Buern unter Befehl des Leutnants Dubois sollten die Kolonne begleiten, die aus den Hochländern, dem 60. und dem 57. Regiment und dem größten Teil der Kavallerie nebst vier Geschützen bestand. Die Seebrigade, das 99. Regiment und die Zulubataillone blieben mit der Hauptmasse der Artillerie zurück, um das feste Lager besetzt zu halten. Nach der Berechnung des Lord Chelmsford war der Angriff am vergangenen Tage nicht von der ganzen Macht der Zulus, sondern nur von zwölftausend Mann ausgeführt worden. Da Oberst Pearson die Nähe eines viel größeren Heeres signalisiert hatte, war es nicht unwahrscheinlich, daß noch fernere Kämpfe in der Nähe von Ekowe zu bestehen sein würden.
Aber diese Erwartung erfüllte sich nicht. Ohne Störung ging der Marsch vor sich. Der Inyezane ward in einer Furt durchschritten, und der Übergang machte keine Schwierigkeit, da der Fluß, nachdem die Gewitterflut sich verlaufen hatte, wieder niedrig in seinem Bette floß, und die durch Wagen nicht gehemmte Kolonne kam am Nachmittage vor dem Fort an, ohne mehr als vereinzelte Zulutrupps gesehen zu haben. Der Schrecken der Niederlage und des Falles ihres Führers hatte die Zulus verscheucht, sie mochten sich nach Norden zurückgezogen haben, und nur die Spuren ihres Lagers rings um Ekowe waren noch zu bemerken.
Oberst Pearson kam mit einer kleinen Schar dem Lord Chelmsford entgegen, als dieser nahe dem Fort war. Die Freude unter den Belagerten war groß. Seit dem 22. Januar waren sie, ringsum von Feinden umgeben, in dem festen Platze eingeschlossen gewesen und nun waren sie beinahe verhungert. An jenem 22. Januar, der die Niederlage von Isandula gebracht hatte, war ein starkes Zuluheer auch auf Oberst Pearson gefallen, hatte heftig mit ihm gekämpft, seine Truppen völlig in das Fort zurückgeworfen und ihn dann bis heute belagert. Schrecklicher Jammer hatte in Ekowe geherrscht. Fleisch und Brot waren zu Ende gegangen, die elendesten Nahrungsmittel waren nur in geringen Mengen noch zu haben gewesen, und nur noch der Sieg bei Gingilowo rettete die ganze Kolonne des Obersten Pearson vom Tode. Etwa zwölfhundert Mann waren in dem hochgelegenen, mit festen Wällen umgebenen Platze. Die Engländer, an reichliche Kost gewöhnt, glichen wandelnden Leichen und waren zum großen Teil so krank, daß sie kaum noch gehen konnten. Blaß und hohläugig lagen sie umher. Nur die Schwarzen waren noch einigermaßen munter. Sie hatten gegessen, was die Europäer weder beißen noch verdauen konnten, hatten zuletzt die großen Reiterstiefel ihrer weißen Befehlshaber in Öl gesotten und verzehrt und dazu ihren Gürtel enger geschnallt. So waren sie ziemlich frisch geblieben und tanzten vor Lust, als die Mannschaften des Lord Chelmsford ihre Brotbeutel öffneten und ihre Flaschen umherreichten.
Fort Ekowe, ehedem Missionsstation mit einer Kirche und mehreren Häusern, lag auf einem hochragenden Hügel, und von hier aus konnte das Land weithin überblickt werden. So war es dem Obersten Pearson auch möglich geworden, sich auf die Entfernung von fünf deutschen Meilen hin, bis zu den festen Plätzen am Tugela durch den Heliographen mit dem Oberbefehlshaber in Verbindung zu setzen. Ringsum war hier die Landschaft von wildem Charakter, stark durchschnitten, voller Hügel und Thäler und dicht bewachsen.
Pieter Maritz sah den Oberbefehlshaber mit dem Oberst Pearson und mehreren andern hohen Offizieren auf dem Walle stehen und bemerkte, daß Lord Chelmsford lange Zeit schweigend durch sein Fernrohr blickte und dann sich mit den andern Offizieren beriet. Der General erblickte den Buernsohn, winkte ihm und gab ihm den Auftrag, Leutnant Dubois herbeizuholen.
»Ich gewahrte dort im Norden einen starken Rauch,« sagte Lord Chelmsford zu dem Franzosen, als dieser, von Pieter Maritz begleitet, herangekommen war. »Reiten Sie doch mit einer starken Patrouille aus, um zu sehen, was dieser Rauch bedeutet. Die Buern sind mir von dem größten Nutzen,« fügte er, zu Oberst Pearson gewandt, hinzu, »und ich wüßte nicht, was ich ohne sie anfangen sollte. Weder Roß und Reiter sind jemals müde, sie thun den Vorpostendienst fast allein.«
Leutnant Dubois entfernte sich, um den Befehl auszuführen, und mit ihm stiegen Pieter Maritz und fünfzig Buern zu Pferde. Sie ritten gerade nach Norden.
»Ich weiß wohl, was der Rauch bedeutet,« sagte Pieter Maritz zu dem Leutnant, als sie sich von dem Fort entfernten. »Sehen Sie, wie trocken das Gras ist. Die Zulus stecken es an, um uns den Vormarsch zu erschweren. Ich kenne ihre Manier. Sie brennen das Land ringsum ab, so daß die Pferde und Ochsen des Feindes kein Futter finden.«
Leutnant Dubois ritt weiter, um sich zu überzeugen, und sie fanden den Rauch, je mehr sie nach Norden kamen, dichter und dichter. Der Wind trieb ihnen den Geruch und feine Asche verbrannter Gräser und Sträucher entgegen. Sie kamen an einen Kral, der verlassen war und in Flammen stand, und endlich kehrte die Patrouille um.
Lord Chelmsford stand, als sie zurückkehrten, wieder auf dem Walle, umgeben von Offizieren. Es war Nacht geworden, und ein Flammenmeer breitete sich in der Ferne aus.
»Ich dachte es mir,« sagte der General, als Leutnant Dubois seine Meldung abgestattet hatte. »Ah, diese Zulus! Wir können Ekowe nicht halten, es ist ein verlorener Posten. Wir können nicht weitermarschieren, denn wir sind zu schwach, um auf Ulundi vorzurücken. Ich bedarf noch großer Verstärkungen, ehe ich den Krieg zu Ende führen kann. Ich muß fünfundzwanzigtausend Mann haben. Im Lager von Gingilowo habe ich nur noch für eine Woche Lebensmittel, wie kann ich dort bleiben? Dies ist ein schrecklicher Krieg! Wir haben schon mehr als hundert Offiziere verloren. Um mit einer Armee vorzugehen, die den Zulus im freien Felde überlegen ist, bedarf ich eines ungeheuren Trains, und wie komme ich mit einem solchen Train durch dies Land? Oberst Pearson,« schloß der General, »lassen Sie alle Vorkehrungen treffen, um morgen früh abmarschieren zu können. Die Ingenieure sollen die Wälle sprengen. Wir gehen morgen auf Gingilowo zurück.«
Der Marsch ging zum Lager auf dem siegreich behaupteten Schlachtfelde zurück, dort wurde zwei Tage gerastet, um der früheren Besatzung von Ekowe Ruhe zu gönnen, und dann ging es weiter zurück in die festen Stellungen am Tugela, aus denen Lord Chelmsford aufgebrochen war, um Oberst Pearson zu entsetzen. Woche nach Woche verging, und keine neue Unternehmung ward gewagt. Doch auch die Zulus hielten sich still, kein Angriff erfolgte, nichts war von ihnen zu sehen.
In dieser Zeit der Ruhe, während Lord Chelmsford sich nach dem andern Flügel begab und den Oberst Wood besuchte, der sein Hauptquartier wieder nach Utrecht verlegt hatte, kamen immer neue Truppen von Port Natal und brachten viele Pferde und noch mehr Maultiere mit, die aus den fernsten Ecken der Erde zusammengeholt und auf Dampfern übers Meer gebracht worden waren. Pieter Maritz sah mit Erstaunen die großen Vorbereitungen des reichen Englands. Wunderschöne Regimenter kamen an und blieben teils in dem Lager am unteren Tugela, teils zogen sie nach dem linken Flügel in Transvaal. Ein prächtiges Regiment, die 17. Ulanen, erregte Pieter Maritz' Interesse. Sie trugen lange Lanzen, unter deren Spitzen kleine Fähnchen im Winde flatterten. Mit den Dragonern zusammen marschierten sie nach dem Norden, nach Transvaal, und es hieß, daß die Buern sich schwierig zeigten, so daß die englische Regierung es für gut halte, zahlreiche Kavallerie in deren Lande zu lassen. Mehrere Batterien Artillerie und zahlreiches Fußvolk verstärkten die Heeresabteilungen an den Grenzen des Zululandes. Oberst Wood wurde inzwischen zum Brigadiergeneral ernannt, seine an Kavallerie sehr starke Kolonne ward auf mehr als dreitausend Mann gebracht und eine fliegende Kolonne genannt, da sie zu weiten schnellen Unternehmungen bestimmt war. Eine andere Kolonne, unter Befehl des Generals Newdigate, deren Hauptquartier in Doornfontein war und welche die stark zusammengeschmolzene Abteilung des Obersten Glyn in sich aufnahm, erreichte eine Stärke von über zehntausend Mann, und die Kolonne am unteren Tugela, bei welcher Pieter Maritz sich befand und welche vom General Crealock befehligt wurde, zählte über neuntausend Mann. Lord Chelmsford weilte im Transvaallande, und es hieß, er wolle von dort aus in das Zululand einzudringen versuchen.
Doch verbreitete sich Mitte Mai im Lager am Tugela die Nachricht, die Königin sei unzufrieden mit der Regierung des Generalgouverneurs Sir Bartle Frere und der Kriegsführung des Lord Chelmsford, da er noch immer den König Tschetschwajo nicht zur Unterwerfung gebracht habe, und sie habe den glücklichsten General ihrer Armee, Sir Garnet Wolseley, abgesandt, um an höchster Stelle sowohl die Civilregierung als auch den Krieg in Südafrika zu leiten.
Zu dieser Zeit erhielten auch die Buernreiter Befehl, aufzubrechen und der Grenze von Natal entlang nach Transvaal zu marschieren. Sie waren in unablässigem Vorpostendienst gewesen, indem sie der Front entlang auf Meilen weit Patrouillen ausgeschickt und vor den festen Plätzen Fort Tenedos, Fort Pearson, Fort Williamson und Fort Chelmsford auf Posten gestanden hatten. Manchen Tag und manche Nacht hatte Pieter Maritz im Sattel gesessen und seine Wunde war inzwischen vollständig geheilt. Sein vieles Geld hatte er bei einem der Buern in Durban niedergelegt, an welche ihn Joubert empfohlen hatte. Die englische Armee war in beständiger Sorge eines Angriffs der Zulus und in Verwunderung darüber, daß der schnelle Feind, den kein Gepäck, kein Train in seinen Märschen hinderte, nicht längst schon auf irgend einem Punkte der langen Grenze in englisches oder Buerngebiet hereingebrochen sei.
Am 20. Mai traf die Reiterschar des Leutnants Dubois bei Rorkes Drift ein, wo das Land dem Buernsohn von früheren Ritten her wohlbekannt war, und hier vereinigten sich die Buern mit einer starken Abteilung, die unter dem Befehl des Generals Marshall eine Rekognoszierung in das Zululand hinein machen sollte. Hauptsächlich Kavallerie und reitende Artillerie bildeten diese Abteilung, und die Geschütze waren mit Pferden bespannt, um behende bewegt werden zu können. Es war das Dragonerregiment, die Hälfte des 17. Ulanenregiments, die reitenden Buern und dazu vier Kompanien vom 24. Regiment, welches bei Isandula so schwer gelitten hatte. General Marshall sollte erkunden, was die Zuluabteilungen im Schilde führten, welche sich in der Gegend gezeigt hatten, wo die schreckliche Niederlage am 22. Januar stattgefunden.
Als Pieter Maritz am Morgen des 21. Mai an der Seite des Leutnants Dubois vor der Buernschar ritt, während links die Fähnchen der Ulanen glänzten und hinten die rote Masse der Dragoner folgte, sah er den General, welcher von rückwärts herangesprengt kam, von mehreren Offizieren begleitet und bemerkte neben ihm eine Reitergestalt, welche seine Aufmerksamkeit fesselte. Es war ein junger Mann in der prächtigen Uniform der englischen Artillerie, auf einem Fuchs von der edelsten Rasse. Sein Gesicht war zart und blaß, und ein kleiner dunkler Schnurrbart beschattete die Oberlippe. Er trug den weißen Korkhelm mit einem weißen Schleier umwunden, wie die englischen Offiziere wohl zu thun pflegten, um die Glut der Sonnenstrahlen zu mildern.
Zugleich mit dem Buernsohn hatte auch Leutnant Dubois diesen Reiter erblickt, und in dem wettergebräunten Gesicht des alten Soldaten zeigte sich tiefe Bewegung. Als General Marshall mit seinem jugendlichen Begleiter an der Buernschar vorübertrabte, warf der Franzose sein Pferd zur Seite, um Front gegen die Vorbeikommenden zu machen, und nahm nach Art der Franzosen und entgegen der englischen Sitte zum Gruße den Helm vom Kopfe.
Ein freundliches Lächeln erschien auf dem Gesicht des jungen Mannes, welcher fröhlich mit dem General plauderte, und er tauschte einige Worte mit seinem Begleiter aus. General Marshall benahm sich gegen den jugendlichen Artillerieoffizier mit ehrerbietiger Höflichkeit. Dann kam der Fremde auf Leutnant Dubois zugeritten.
»Ein Landsmann, wie ich höre,« sagte er mit vornehmer Liebenswürdigkeit zu dem Leutnant. »Ich habe es mir gedacht, als ich Sie sah, daß dies Gesicht aus unserm alten lieben Frankreich stamme.«
Leutnant Dubois verneigte sich bis auf den Hals des Pferdes.
»Ein alter Soldat, Kaiserliche Hoheit,« entgegnete er. »Ich diente fünfunddreißig Jahre lang unter der dreifarbigen Fahne.«
Der junge Mann streckte seine rechte Hand aus, welche der Leutnant ehrfurchtsvoll ergriff, und sagte mit bewegtem Tone: »Ich bin sehr erfreut, einen Landsmann getroffen zu haben. So begegnen sich Frankreichs Söhne während des Unglücks ihres Vaterlandes auf fremder Erde. Ich bin im Lager Englands, um den Krieg kennen zu lernen. Wie glücklich würde ich sein, wenn Gott in seiner Gnade es fügen wollte, daß treue verdiente französische Offiziere wieder unter dem einzigen Namen vereinigt wären, der ihnen die wahre Anerkennung verschaffen kann.«