Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 35
Am 29. März machte das Heer beim Kral Inyoni Halt und übernachtete im befestigten Lager, am 30. kam es bis zum Kral Amatikulo am Amatikuloflusse und schlug dort die Zelte auf. Die Krale waren verlassen und keine Spur von Bewohnern war mehr zu erblicken, doch zeigten sich während des Marsches hier und dort einzelne bewaffnete Zulus, die, im Grase versteckt, das feindliche Lager beobachteten, dann aber, wenn die leichten Reiter sie fangen wollten, mit der Schnelligkeit von Antilopen verschwanden.
Am 1. April ward von Amatikulo aufgebrochen, durch den Fluß marschiert und der Weg nach Osten fortgesetzt. Es war ein heller, heißer Tag, doch zeigten sich gegen Mittag Wolken am fernen Horizont, die für Gewitterwolken gehalten wurden. Aber es waren Wolken anderer Art. Bald kam es nahe heran, erfüllte die Luft mit unheimlichem Schwirren und senkte sich gleich Schneeflocken herab. Es waren Heuschrecken, die von leichtem Nordwinde gen Süden getrieben wurden. Ihre weißen, bläulich durchscheinenden Flügel trugen sie sanft wie Fallschirme herunter auf die Erde, und sie bedeckten bald alles, das Land, das Gras, die Büsche und Bäume, die Wagen und Geschütze, die Tiere und Menschen mit einer dicken Schicht. Die Räder gingen über die zerstampften Massen hinweg, als ob sie in schlüpfrigem Schlamme führen. Dieser Regen dauerte fast eine Stunde lang. Am Nachmittage ward unweit des Krals Gingilowo Halt gemacht und ein festes Lager aufgeschlagen. Lord Chelmsford ritt zur Vorhut, um nach dem Feinde auszuschauen. Die Vorhut war heute von der Seebrigade gebildet worden und bestand aus der Mannschaft der Kriegsschiffe Schah, Tenedos und Boadicea mit zwei Neunpfündern und drei Gatlingmitrailleusen, sowie leichter Kavallerie.
Pieter Maritz begleitete mit fünfundzwanzig Reitern den Oberbefehlshaber und dessen Stab, als diese hohen Offiziere über die Vorhut hinausritten, und außerdem waren mehrere Zulus, unter denen der Buernsohn die düstere Gestalt Humbatis bemerkte, im Gefolge des kommandierenden Generals.
Die Armee war dem Fort Ekowe bis auf fünf deutsche Meilen nahe gekommen, und Lord Chelmsford wollte versuchen, sich durch Lichtsignale mit dem Obersten Pearson in Verbindung zu setzen. Er suchte einen Hügel unweit des Lagers auf, von dem aus Fort Ekowe durch das Fernrohr erblickt werden konnte, und ließ auf der Höhe einen Heliographen aufstellen. Pieter Maritz begab sich in die Nähe des Kreises der Offiziere, welche um den General versammelt waren. Er sah Lord Chelmsford heute zum erstenmale auf nur wenige Schritte Entfernung. Der General hatte ein ziemlich schmales Gesicht, welches nicht sehr energisch aussah. Die dunklen beschatteten Augen hatten einen schwermütigen Ausdruck. Ein Offizier vom Stabe stellte ein dreibeiniges Stativ auf, welches einen beweglichen Spiegel trug, und nun wurden Sonnenblitze aufgefangen und durch Neigungen des Spiegels in der Richtung nach Ekowe entsandt, während ein anderer Offizier durch ein Fernrohr beobachtete.
Pieter Maritz erkannte das Fort Ekowe mit bloßen Augen als ein dunkles Fleckchen am Horizont, und nach einiger Zeit schien es ihm so, als ob auch drüben etwas Blitzendes wahrzunehmen sei. In der That war es gelungen, die Aufmerksamkeit der belagerten Besatzung zu erregen und sich mit ihr zu unterhalten. Einer der Adjutanten des Generals schrieb die Anzahl der beobachteten Blitze von drüben und die Art ihrer Reihenfolge und Dauer auf und übersetzte die Zeichensprache in verständliches Englisch. Pieter Maritz beobachtete den ganzen Vorgang mit hoher Achtung vor den Erfindungen der militärischen Wissenschaft, die Zulus aber standen voll Entsetzen dabei, da sie Zauberei der stärksten Art zu sehen wähnten, und selbst Humbatis Gesicht drückte das Gefühl geheimen Schauders aus.
Als Lord Chelmsford die Botschaft aus Ekowe erfahren hatte, winkte er Humbati und unterhielt sich längere Zeit mit ihm. Der stolze Induna verleugnete auch in seinem Verkehr mit diesem mächtigen Gebieter nicht die angeborene Würde und sprach in einer Weise und mit einer hofmännischen und dabei vornehmen Haltung, die nicht nur Pieter Maritz, sondern auch den englischen Offizieren auffiel.
»Sehen Sie diesen Kaffer an,« sagte einer der Adjutanten zum andern. »Unsere Schauspieler in London sollten hierher kommen und diese nackten Niggers studieren, ehe sie auf der Bühne als Könige auftreten.«
Als Lord Chelmsford seine Unterredung mit Humbati beendigt hatte, wandte er sich zu dem ältesten der Offiziere in seiner Begleitung. Pieter Maritz konnte verstehen, was er sagte. »Oberst Pearson ist der Meinung,« sprach der Lord, »daß mindestens fünfunddreißigtausend Zulus in der Nähe sind, und er rät mir, auf der Hut zu sein. Auch dieser Induna, welcher, wie Sie wissen, in der höchsten Stellung bei Tschetschwajo war, glaubt, daß diese Zahl nicht zu hoch gegriffen sei und daß die schwarze Armee im ganzen trotz ihrer bisherigen Verluste noch mehr als vierzigtausend Mann zählen werde.« Der Lord seufzte. »Eine schöne Suppe hat Sir Bartle Frere uns eingebrockt,« fuhr er fort. »Mit dem zehnten Teil der Kosten an Geld, die wir jetzt opfern müssen, hätten wir auf friedlichem Wege, ohne Blut binnen wenigen Jahren weit mehr erreicht. Fünfzehn Millionen Pfund Sterling kostet der Krieg, jeder besiegte Zulu kommt England auf dreihundert Pfund zu stehen, und das Schlimmste ist, daß das unglückliche Land, wenn wir unser Ziel wirklich erreichen, nach unserm Siege schlimmer daran sein wird als vorher.«
Der andere Offizier zuckte die Achseln und antwortete in so leisem Tone, daß Pieter Maritz nicht recht hören konnte, was er sagte. Lord Chelmsford aber rief dann laut: »Zu Pferde, meine Herren! Wir müssen einem Angriffe entgegensehen und uns zum Empfange der Zulus rüsten!«
Indem er einer Ordonnanz winkte, ihm sein Pferd zu bringen, und während der zahlreiche Stab im Begriff war, sich in den Sattel zu schwingen, war ein Reiter zu bemerken, der in vollstem Rosseslauf vom Lager herkam. Alles stockte und sah ihm voll Erwartung entgegen. Er war an dem Scharlachrocke und den Ärmelzeichen als ein Unteroffizier von den Dragonern zu erkennen, und bald ritt er den Hügel heran und näherte sich dem Oberbefehlshaber, der neben seinem Pferde stand. Er überreichte eine Depesche und meldete dabei mündlich, daß sie vom Obersten Wood komme, der nach Fort Tenedos telegraphiert habe.
Der General zerriß den Umschlag.
»Oberst Wood hat heftige Gefechte am 28. und 29. März gehabt, aber er ist Sieger geblieben,« sagte er dann laut. »Doch hat er am ersten Tage zwölf Offiziere und sechsundachtzig Mann allein an Toten verloren, am zweiten noch viel mehr. Ah, diese Zulus!«
Pieter Maritz sah, als der General so sprach, Humbati in der Nähe stehen und bemerkte, daß dessen schlanke Gestalt zu wachsen schien, während ein unsäglicher Stolz aus dem dunklen Antlitz sprach. Er konnte den Blick nicht abwenden von dem Induna, so sehr sprach dessen Miene zu seinem Herzen. Denn es war zugleich mit hohem Stolze eine tiefe Trauer darin zu lesen, und Pieter Maritz glaubte etwas von der Qual zu verstehen, die das Herz des Verräters zerriß, der den Tod seines Bruders an dem Tyrannen rächen wollte, doch das Vaterlandsgefühl nicht in sich ertöten konnte.
Der General kehrte mit dem ganzen Gefolge zum Lager zurück, und es wurde eifrig gearbeitet, um es in guten Verteidigungsstand zu setzen. Das Lager bildete ein ungeheures Viereck, groß genug für die Truppen und die Tausende von Ochsen, welche Wagen und Geschütze hierher gezogen hatten. Die vier Seiten wurden aus Gräben und Wällen gebildet. An manchen Stellen wurden auch Mauern anstatt des Walles errichtet, indem die Soldaten Steine aus der Nähe zusammenschleppten und nach Art der Cyklopenmauern übereinander schichteten. Dazu wurden die Wagen ringsum in langer Linie aufgestellt, um innerhalb der Umwallung eine zweite feste Stellung zu bilden, und Dornengestrüpp wurde herbeigebracht, um alle Lücken damit auszufüllen und die Wälle zu bekleiden und ungangbar zu machen. Nur für die Geschütze wurden Öffnungen gelassen. Nicht allein Kanonen und Raketengeschütze, sondern auch die furchtbaren Mitrailleusen wurden herangefahren und mit den Mündungen durch die Scharten gesteckt. Diese Mitrailleusen, vom Gatlingsystem, hatten je fünfundzwanzig Läufe, welche bündelförmig vereinigt waren.
Außerdem wurde auf der vom Feinde abgekehrten Seite eine Stelle freigehalten, durch welche die Kavallerie vorbrechen konnte. Hier wurden nicht Wall und Graben gezogen, sondern nur schwere Wagen aufgestellt.
In der Mitte des Vierecks war ein großer freier Platz, und hier wurden die Zelte für den General und seinen Stab, für die Kavallerie und den Teil der Infanterie und Artillerie aufgeschlagen, welche nicht die Umwallung zu besetzen hatten. In der Front, nach Norden zu, hielt das 60. Regiment, Scharfschützen, die Verschanzung besetzt; in der rechten Flanke stand die Seebrigade, Matrosen in blauen Jacken, weiten blauen Beinkleidern, Leinwandschuhen und Strohhüten, denen die Namen ihrer Schiffe, Schah und Tenedos, auf die Hutbänder und in die Kragen gestickt waren. Es waren stämmige, wettererprobte, feste Männer. Das 57. Infanterieregiment unter Oberst Clarke schloß sich an die Matrosen an und stand ebenfalls in der rechten Flanke. Die Ecken waren mit Neunpfündern und Gatlings besetzt. In der rückwärtigen Linie standen die Hochländer hinter dem Walle, und die linke Flanke ward vom 3. Regiment, Buffs genannt, und dem 99. Infanterieregiment besetzt gehalten. Auch hier standen Feldgeschütze und Gatlings in den Winkeln der Verschanzung und nahe dem Walle die Raketenbatterie unter Leutnant Cane vom Kriegsschiff Schah. Zwei Bataillone Zulus, jedes achthundert Mann stark, unter Humbatis Führung, verstärkten die europäischen Truppen, und im ganzen waren 3400 Weiße und 2300 Schwarze unter Waffen im Lager von Gingilowo. Pieter Maritz traf, indem er quer durch den inneren Raum des großen Vierecks ritt, Lord Fitzherbert inmitten seiner Schwadron. Die Dragoner banden ihre Pferde in gleichmäßigen Reihen mit Kampierleinen an, und ein reges Treiben kriegerischer Art, das Klirren der Säbel und Sporen, das Stampfen und Wiehern der Rosse, erfüllte die Linien des stolzen Regimentes. Die Freunde hatten sich bis jetzt nur einigemal flüchtig auf dem Marsche gesehen, da ein jeder vollauf mit seinem Dienste beschäftigt gewesen war, und sie freuten sich, nun ein Stündchen der Lagerruhe gemeinsam genießen zu können. Pieter Maritz stieg ab und band Jager neben den Dragonerpferden an. Die Sonne ging unter, und in der Dunkelheit der Nacht loderten nun die Wachtfeuer innerhalb der Umwallung empor. Lord Fitzherbert mit mehreren andern Offizieren und Pieter Maritz ließen sich neben einem der Feuer nieder und besprachen sich über die Ereignisse des Feldzugs, während ihre Burschen ein Abendessen bereiteten. Die Dragoner hatten eine Menge von Blechbüchsen mit eingemachtem Fleisch aus England und Flaschen mit Getränken in ihren Schwadronswagen mitgebracht, und bald zischten die Kessel und Töpfe, an eisernen Gabeln und Ketten über der Flamme aufgehangen, und der Geruch von Fleischbrühe, Pasteten und Punsch verbreitete sich, während weißlicher Dampf zum afrikanischen Nachthimmel aufstieg. So lagen die Kriegskameraden auf ihren Mänteln am Feuer, schwatzten, aßen, tranken und rauchten und vergaßen im Genuß der flüchtigen Stunde die Mühen des Marsches und des Krieges.
Als es aber spät wurde und die Mitternacht herankam, stand Pieter Maritz auf. Er hatte Befehl, um Mitternacht mit vierundzwanzig Reitern aufzubrechen und einen bestimmten Platz vor der Front des Lagers, nahe dem Inyezanefluß, einzunehmen, der im weiten Bogen nördlich und östlich das englische Heer umgab und zwei Meilen von hier sich in den Ocean ergoß.
Die Buernreiter lagerten nahe den Dragonern und schliefen gleich diesen bei ihren Pferden am Feuer. Pieter Maritz weckte die bestimmten Leute, und bald war sein Trupp beritten, und die kleine Schar zog durch eine offen gelassene Stelle aus der Befestigung hinaus in die stille Nacht des Hügellandes. Nur Sternenglanz beleuchtete ihren Pfad. Sie begegneten unweit des Lagers dem Leutnant Dubois, der mit einer kleinen Patrouille die Kette seiner Vedetten abgeritten hatte und nun zurückkehrte. Er teilte Pieter Maritz mit, daß sich bis jetzt nichts Verdächtiges sehen lasse und daß die Posten am Flusse noch in der früheren Stellung wären. Pieter Maritz zog weiter und erreichte nach einer Viertelstunde das Ufer, löste eine lang ausgedehnte Reihe von Posten ab, schickte die Leute zum Lager zurück und stellte je zwei seiner Reiter an den Plätzen auf, wo jene gestanden hatten. Er selbst blieb bei einem der Posten gerade in der Mitte der Reihe und vor der Front des Lagers, dessen Wachtfeuer in der Ferne mit ihrem roten Schein ihm die Stellung des Heeres bezeichneten.
Es war ganz still, nur der leise Ruf der Posten, die sich einander benachrichtigten, indem sie hin und wider ritten und eine zusammenhängende Kette bildeten, war zu vernehmen. Selbst der Schritt der Pferde erstarb in dem hohen Grase. Fast lautlos spülten die Wellen des Inyezane am Ufer hin; der Fluß war niedrig und schmal. Ein blaugrauer Schimmer lag auf dem Wasser. Aber bald nach Mitternacht verdunkelte sich der Himmel, und der Donner grollte in der Ferne. Mit großer Schnelligkeit zogen gewaltige Wolken herauf und ein Sturmwind peitschte das Land. Blitz auf Blitz fuhr herab und fast ohne Unterbrechung krachten die Donnerschläge. Strömender Regen ergoß sich. Es war unmöglich, in diesem heftigen Gewitter irgend etwas anderes zu beobachten als das helle Licht der elektrischen Flammen, und die Posten hatten genug damit zu thun, ihre Pferde zu beruhigen und sich miteinander in Verbindung zu halten. Man konnte nicht zehn Schritte weit sehen, wenn nicht gerade der Blitz die Landschaft und die Gestalten der Nebenposten beleuchtete, und der heftige Regen machte Sehen und Hören fast unmöglich, während er zugleich Mantel, Rock und Hemd durchdrang und Roß und Reiter wie in einem Bade hielt. Dieses Unwetter hielt, bald schwächer, bald stärker in seinem Wüten, gegen drei Stunden an, dann zogen die schwarzen Wolken vorüber, und die Sterne blickten wieder vom dunkelblauen Himmel herab. Aber die Landschaft hatte sich in ihrem Aussehen verändert. Die Erde war durchnäßt, und das Gras lag danieder, der Inyezane brauste und schäumte und hatte seine Strömung erweitert, so daß er nicht mehr unten im sandigen Bette floß, sondern bis an den mit Schilf bewachsenen obersten Rand hinanspülte und mit trüben Wellen hinüberleckte in die Ebene, wo die Buern auf und nieder ritten.
Der Morgen war nahe, und Pieter Maritz spähte mit Auge und Ohr sorgsam in die Ferne, ob nicht etwa der Feind, der die nächtlichen Angriffe liebte, zu spüren sei. Aber alles war still. Währenddessen trieben neue, leichte Wolken herauf und hüllten den Himmel in Schatten, nur im Osten war jetzt dicht über dem Horizont eine Klarheit zu entdecken, und der helle Streifen unterhalb des Wolkenschleiers warf sein Licht über die Erde hin und beleuchtete den grau schimmernden Fluß. Der Morgenwind blies über das triefende Gras hin und ließ Pieter Maritz in seiner durchnäßten Kleidung frösteln.
Da schien es ihm plötzlich, während er vornüber gebeugt nach dem jenseitigen Ufer blickte, als treibe ein dunkler Gegenstand im Wasser. Doch spülte manches Stück losgerissenen Buschwerks im Flusse, so daß er nicht sicher war, ob dies wirklich ein Zulukopf oder etwa nur irgend ein Strunk, ein faules Holz, ein Klumpen Wurzelwerk sei. Er drückte Jager vor und ließ ihn durch das harte Schilf und Riedgras bis an den Saum der Wellen gehen, so daß das Wasser dem Pferde die Hufen bespülte. Durchdringenden Blickes, mit gesenktem Kopfe, erforschte er die im Zwielicht fast verschwimmenden Gegenstände. Plötzlich zuckte er zusammen, seine Augen erweiterten sich, und er legte die Büchse auf den linken Arm, der die Zügel hielt, während er die Mündung senkte und nach unten zielte. Vor ihm lag, noch halb im Wasser, die Ellbogen auf das flache Ufer gestützt, eine schwarze Gestalt, das krause Haar mit schmalem Stirnband umwunden, einen weißen Busch über dem linken Ohre, eine Kette von weißen Zähnen um den Hals, den Assagai in der Rechten, den Schild in der Linken. Aus dem wilden Gesicht blickten Augen gleich denen eines Raubtiers auf die Reiterfigur, die sich drohend vor ihnen erhob. Der Zulukrieger schien überrascht zu sein, er hatte wohl nicht erwartet, geradezu auf einen wachsamen Feind zu stoßen, und nun lag er bewegungslos da und starrte die auf ihn gerichtete Büchse an, indem er den tödlichen Schuß erwartete. Das Leben des Zulu lag in des Buernsohnes Hand, der Finger war am Drücker, und das Korn auf die schwarze niedrige Stirn gerichtet.
Aber in diesem Augenblicke fühlte Pieter Maritz ein inneres Widerstreben, zu schießen. Er hatte noch niemals Menschenblut vergossen, und ihm schauderte bei dem Gedanken, den schwarzen Krieger gleich einem Wild zu töten. Jager bog den Hals und streckte seinen Kopf dem Zulu entgegen, schwellte die Nüstern auf und schnob, indem er den Geruch des Fremden witterte. Noch eine Sekunde zauderte Pieter Maritz, indem verschiedene Empfindungen ihm durchs Herz gingen, dann rief er leise in der Zulusprache: »Geh zurück, Zulu!«
Ein freudiges Licht blitzte in den Augen des Kaffern auf, und perlenweiße Zähne wurden zwischen den dicken Lippen sichtbar. Dann glitt die geschmeidige Gestalt in die Flut zurück und schwamm einem Aale gleich zum jenseitigen Ufer. Pieter Maritz aber wandte sein Pferd und jagte die Reihe der Posten entlang. »Paßt auf,« rief er ihnen zu, »die Zulus kommen!«
Die Reiter horchten auf, ritten nahe an den Fluß heran, und als jetzt die Sonne über dem Horizont auftauchte und mit einem Schlage strahlende Helligkeit über das Land ergoß, wurden die Gestalten vieler schwarzer Männer sichtbar, die am Boden niedergeduckt jenseits des Flusses heranschlichen oder schon im Wasser lagen, mit einer Hand rudernd, mit der andern die Waffen emporhaltend. Jetzt begannen einzelne Schüsse zu krachen, Pulverwölkchen stiegen diesseits und jenseits des Flusses auf, und an mehreren Stellen färbte das Wasser sich rot, während der Todesschrei der getroffenen Schwimmer die Morgenluft durchzitterte.
Pieter Maritz schickte eine der Vedetten nach dem Lager zurück, um zu melden, der Feind rücke an, und ritt selber am Flusse hin, um zu beobachten, an welchen Punkten und in welcher Menge die Armee der Zulus herankommen werde. Es kam ihm so vor, als seien, weiter stromabwärts, dort, wo die englischen Reiter sich an die Buernposten anschlossen, mehr schwarze Gestalten zu sehen als hier, wo er war, und er eilte dorthin. In der That erblickte er jetzt, indem er den Vedetten auf dem rechten Flügel zujagte, in weiter Ferne dunkle Massen, die dem Flusse näher kamen. Das Ufer war hier von felsigen Erhöhungen eingefaßt, und mehrere Thalsenkungen zogen sich von jenseits herüber, auch im Wasser selbst lagen große Felsen, und an einem Punkte ergoß sich der vom Gewitterregen geschwellte Fluß in einem brausenden Wasserfall nach unten. Das Land war nicht recht übersichtlich, Buschwerk und Bäume bekleideten die felsige Einfassung und die Hügel drüben am Inyezane; aber Pieter Maritz täuschte sich nicht: eine starke Heeresmasse wälzte sich heran und richtete ihre Spitze gegen die rechte Seite des Lagervierecks. Noch war sie weit entfernt, aber die Zulus marschierten schnell.
Inzwischen hatte sich das Feuern auf der Postenlinie verstärkt, mehrere einzelne Schützen waren schon diesseits des Flusses und kauerten, aus dem Versteck feuernd, in dem schilfigen Uferrand. Die Buern waren zum größern Teil zurück nach dem Lager geritten, auch die englischen Vedetten hatten sich zurückgezogen, und nur noch wenige Reiter hielten stand und schossen sich mit den an Zahl immerfort zunehmenden Zulus herum. Pieter Maritz harrte aus, der Anblick des Kampfes fesselte ihn, und er hielt hinter einem Gebüsch verborgen unweit des Wasserfalles, um so lange als möglich beobachten zu können.
Er sollte sich gar bald überzeugen, daß ein ernster Angriff beabsichtigt war. Jetzt erschienen drüben in einem engen Thale geschlossene Reihen zwischen den Felsen, kamen in schnellem Schritt heran und stürzten sich ohne Besinnen ins Wasser, kaum fünfhundert Schritte unterhalb des Wasserfalles. Ihre Front war nur zehn Mann breit, aber Reihe folgte auf Reihe, so daß sie sich gleich einem Nebenflusse zwischen den Felsen hervor in den Inyezane ergossen. Sie kamen Schulter an Schulter, Schild an Schild gedrängt, und zwischen den Schilden blitzten die Speerspitzen und Gewehrläufe in der Morgensonne. Pieter Maritz erkannte das Regiment; es waren die Blauschilde, mit denen er einst auf die Jagd gezogen war, und er erkannte auch den Induna, der vor ihnen herzog und sich allen voran in den Fluß warf. Es war ein schöner, schlanker Mann, und sein blauer Federschmuck war von einem goldenen Stirnreif umwunden. Mit eng geschlossenen Gliedern, ein Damm, der sich durch die Strömung schob, schwammen sie hindurch; die schwarzen Fäuste griffen in das weiß schäumende, spritzende Wasser, die wilden Gesichter mit dem blauen Haarschmuck blickten trotzig über die Flut hinweg. Wohl gingen einige Leute verloren, die an der äußeren Ecke der Kolonne von der starken Strömung fortgespült und hinuntergerissen wurden, so daß Pieter Maritz mit Entsetzen das Verschwinden dieser tapferen Leute sah; aber stetig ging die Masse vorwärts, und nun stieg schon der Kommandant mit dem Goldring ans Land.
Pieter Maritz trieb sein Pferd an und ritt seitwärts, halb nach dem Lager zurück, halb zum Flusse gewandt. Er konnte seinen Blick noch nicht völlig von dem kühnen Übergange der Feinde abwenden. Denn er sah nun oberhalb der Stelle, wo die Blauschilde kamen, ein anderes Regiment in breiterer Front heraneilen. Sie trugen Streifen von Leopardenfell um den schwarzen Federschmuck des Kopfes gewunden, und Pieter Maritz erkannte eines der alten Regimenter von Mainze-kanze. Doch nun galt es für ihn kein Säumen mehr, er war der letzte Reiter außerhalb des Lagers, und im Galopp kehrte er zurück und schlüpfte durch die letzte Öffnung hinein, welche noch nicht verbarrikadiert war.
Ernst und still war es im englischen Lager, alle wußten, daß es einen heißen Kampf geben würde. Viele Offiziere, auch Lord Chelmsford selbst, standen auf den höchsten Punkten der Umwallung und blickten durch Fernrohre und Doppelgläser nach dem Feinde aus. Pieter Maritz stieg ab und kletterte die Brüstung hinan, um Meldung über das zu machen, was er gesehen hatte. Lord Chelmsford hörte ihm aufmerksam zu, als er berichtete, daß der Kern der Zuluarmee im Anmarsch sei, und daß zum Teil dieselben Truppen heranrückten, welche bei Isandula unter Dabulamanzi gefochten hatten. Der General vernahm mit lebhaftem Interesse, was der Buernsohn ihm über die Art des Angriffs in jener Schlacht erzählte, und ein Strahl von Kampfeslust erleuchtete seine dunklen melancholischen Augen. Doch nur kurze Zeit dauerte diese Unterhaltung, denn gar bald erschien die Zuluarmee selbst, um durch den Augenschein zu zeigen, welche Kampfart sie hatte. Wie ein großer Bogen spannte sich dort eine schwarze Masse über dem vom Regen erfrischten, herrlich grünen und bunten, wellenförmigen Lande aus und schien das Lager in der Front und von zwei Seiten umspannen zu wollen. Lord Chelmsford zog seine Uhr.
»Vier und ein halb Uhr,« sagte er zu einem seiner Adjutanten. »Die Entfernung beträgt jetzt etwa dreitausend Schritt. Lassen Sie mit Shrapnels beginnen.«