Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal

Part 34

Chapter 343,565 wordsPublic domain

Pieter Maritz besichtigte am folgenden Tage die Herde und den ganzen väterlichen Besitz, der nun auf die Familie gekommen war, und er fühlte sich wohl und heimisch in den altgewohnten Beschäftigungen. Auch brachte er Glück in das Lager der Treckbuern. Es war eine lange Dürre gewesen, der Erdboden war wie Asche und das Gras gelb. Aber am Tage nach seiner Ankunft kam ein herrlicher Regen herab, so daß es wunderbar war, zu sehen, wie die Erde auflebte. Über Nacht ward der graue, staubige Boden mit frischem Grün bekleidet, duftende Blumen, besonders eine rote Lilienart, sproßten hervor, Millionen von Käfern, Würmern, Ameisen und Fröschen krabbelten plötzlich an die Oberfläche, und viele Schlangen kamen aus ihren Schlupfwinkeln hervor. Die Schafe und Ziegen standen mit erhobenen Köpfen da und ließen sich auf die Nasenspitzen regnen, Hornvieh und Pferde wälzten sich im nassen Grase, das Federvieh tanzte mit ausgebreiteten Flügeln stundenlang gegen den Wind an, die Buern badeten im anschwellenden Bache, und die Kaffern standen mit abgezogenen Wollhemden unter den Traufen der Hütten und den triefenden Wagenecken, ließen sich den warmen Strom über Kopf und Rücken rieseln und grunzten vergnügt: ~Lekker, Baas, mooi lekker~.

Nachdem Pieter Maritz aber eine Woche lang daheim gewesen war, stachelten ihn das Gefühl der Pflicht und die Gewohnheit bewegten Lebens aus seiner behaglichen Ruhe auf, und er beschloß, das englische Lager bei Pretoria wieder aufzusuchen und sich dem Leutnant Dubois zur Verfügung zu stellen.

Die Mutter fügte sich seinem Wunsche in dem Gefühl, daß der nun groß gewordene Sohn selbst seine Pflicht und seine Aufgaben kennen müsse, und sie entließ ihn mit ihrem Segen. Auch packte sie ihm Wäsche und gestricktes Unterzeug, von ihrer eigenen Hand verfertigt, in den Mantelsack, gab ihm den Mantel ihres verstorbenen Mannes, ein schweres altes Stück von unverwüstlichem Stoff, und schenkte ihm dazu noch ein besonderes Andenken, das er um den Hals hängen sollte. Sie bewahrte in ihrem Schranke eine uralte gelb gewordene Schrift auf, ein Traktätchen in englischer Sprache mit dem Bilde Christi auf der ersten Seite. Sie traute diesem Schriftchen eine besondere Heiligkeit um so mehr zu, als sie es nicht lesen konnte, und sie war überzeugt, daß es ihrem Sohne in der Gefahr gute Dienste leisten würde. So faltete sie es denn zusammen, steckte es in einen leinenen Beutel, nähte ein Kreuz darauf und gab es Pieter Maritz, um es als Amulett und Talisman beständig zu tragen. Dann umarmte sie ihn, er küßte alle seine Geschwister, stieg auf Jagers Rücken und wandte sich von neuem der Welt zu.

Nachdem er den Weg über Lydenburg und Pretoria, der ihm nun vollständig bekannt war, glücklich zurückgelegt hatte, traf er am Nachmittage des 15. Februar wieder im Café de l'Europe ein, fand dort Unterkommen und begab sich zum Feldkorporal Joubert. Er traf dort mehrere angesehene Männer der Regierung, auch einen andern bedeutenden Heerführer der Buern, Namens Smit, und er wollte sich bescheiden zurückziehen, um ein anderes Mal wiederzukommen. Aber Joubert ließ ihn eintreten, begrüßte ihn freundlich und übergab ihm die versprochenen Papiere, Empfehlungsschreiben und dazu eine Summe von fünfzig Pfund Sterling. Pieter Maritz gewahrte in den Mienen der anwesenden Männer großen Ernst und den Ausdruck stolzer Entschlossenheit. Er vernahm, da sie in seiner Gegenwart ihre Unterhaltung fortsetzten, daß die Regierung der Kapländer die Buern um Hilfe gegen Tschetschwajo gebeten habe, daß die Regierung von Transvaal aber jede Unterstützung entschieden verweigert habe.

»Nur, wenn England unsere Unabhängigkeit anerkennen will und nicht mehr den geringsten Anspruch auf Oberherrschaft über das Gebiet der Republik erhebt, wollen wir ihm zu Hilfe kommen,« sagte Herr Smit. »Jetzt sind sie klein, die stolzen Engländer, und wissen sich in ihrer Furcht vor den Zulus nicht selbst zu helfen. Deshalb sind sie freundlich und machen uns Versprechungen. Wollten wir aber so thöricht sein, ihnen zu helfen, ohne sichere Bürgschaft zu haben, so würden wir nach dem Siege bald einsehen, was dieser Sieg für uns zu bedeuten hätte. Nein, die Unabhängigkeit unseres Landes muß unser höchstes Ziel sein, daran wollen wir Gut und Blut setzen; aber es muß eine reine Sache sein zwischen uns und England, und die Gerechtigkeit muß durch kluge Politik unterstützt werden.«

Pieter Maritz ritt am andern Morgen nach dem Lager hinaus und fand den Leutnant Dubois in voller Thätigkeit. Der lebhafte Franzose war ganz Feuer und Flamme für seinen neuen Dienst und hatte gegen fünfzig Männer verschiedenen Alters, viele jung, viele bereits graubärtig, sämtlich aus dem Buernstamme, um sich versammelt. Alle trugen den breitkrempigen Hut und die Ausrüstung der Buern, und sie ritten meistens kleine, aber abgehärtete, starke und schnelle Pferde. Leutnant Dubois selbst, in englischer Uniform, saß auf einem vortrefflichen Tiere afrikanischer Zucht und redete mit großer Zungenfertigkeit in einer Sprache, welche niemand verstand, da sie aus französisch, englisch, holländisch und den verschiedenartigsten Ausdrücken anderer Sprachen zusammengeflickt war. Er freute sich sehr, als er Pieter Maritz erblickte, und trug ihm sofort auf, den Leuten zu erklären, um was es sich handle, da er selber es ihnen nicht deutlich machen könne.

Pieter Maritz fragte ihn, was das sei, was er ihnen sagen solle, und der Leutnant teilte ihm nun auf englisch mit, daß die Freiwilligen am folgenden Tage von Pretoria aufbrechen und nach Durban marschieren sollten, wo sie mit andern Freiwilligen zu einem größeren Corps formiert werden würden. Diesen Befehl übersetzte Pieter Maritz seinen Landsleuten und trat damit eine Art von Adjutantenstelle beim Leutnant Dubois an. Denn dieser war sehr befriedigt von der Art und Weise, wie der Buernsohn sich benahm und seiner Aufgabe erledigte, hatte auch vom Lord Fitzherbert so viel Gutes über ihn gehört, daß er großes Vertrauen in ihn setzte.

Lord Fitzherbert selbst, den Pieter Maritz aufsuchen wollte, nachdem er seine dienstlichen Geschäfte erledigt hatte, war nicht mehr im Lager. Die Dragoner waren abmarschiert, um zu der Hauptmacht unter Lord Chelmsford zu stoßen. Überhaupt hatte sich das Lager sehr verkleinert. Der eine Teil der Truppen war zum Obersten Evelyn Wood gestoßen, der andere zum Lord Chelmsford marschiert. Zwei starke Kolonnen wurden gebildet, die eine an der Grenze von Transvaal, die andere am Tugelafluß. So war nur wenig Mannschaft als Besatzung des Forts von Pretoria zurückgeblieben.

Am Tage darauf brach die kleine Schar der freiwilligen leichten Reiter von Pretoria auf und trat den Marsch nach Süden an. Leutnant Dubois ritt an der Spitze, neben ihm ritt Pieter Maritz, und des Leutnants Vierspänner, mit einigem Gepäck beladen und von den Dienern geleitet, folgte dem Reitertrupp. Der Marsch ging schnell, denn es war kein Ochsenwagen beim Zuge, und die Transvaalpferde gingen einen wackeren Schritt. Dennoch ward das Ziel des Marsches erst nach sehr langer Zeit erreicht. Das lag daran, daß Leutnant Dubois den Auftrag hatte, unterwegs so viel Freiwillige als möglich anzuwerben. Er machte daher in allen bedeutenderen Plätzen auf der Route Halt, quartierte seine Mannschaft ein und erließ eine Bekanntmachung, daß er Reiter für den Feldzug ins Zululand suche. Jeder Mann sollte jeden Tag fünf Schilling Lohn und außerdem freie Verpflegung für Reiter und Roß haben.

Es war jedoch nicht leicht, Mannschaft zusammenzubringen. Die seßhaften Buern fanden sich nicht zum Kriegsdienst, denn es ging ihnen zu wohl und sie haßten England. Nur Leute von zweifelhafter Stellung und ohne Vermögen, unruhige Geister, abenteuerlustiges Volk stellte sich ein, und dergleichen Leute gab es nicht viel in diesen Ländern, wo Raum genug für lohnenden Ackerbau und Viehzucht und nur eine dünne Bevölkerung war. Auch hatten die Engländer schon seit langen Monaten alles Menschenmaterial, dessen sie habhaft werden konnten, zusammengesucht, um ihre Regimenter und ihre Trains damit zu füllen. So stieg die Schar der leichten Reiter nur langsam an. Pieter Maritz aber war bei diesen Werbungen von großer Brauchbarkeit, da er Land und Leute kannte und verstand, auch von freundlichem Wesen und gewandt im Umgange war. Er hatte dabei einen offenen Blick für alle Begebenheiten in der englischen Armee, indem er sich seiner patriotischen Aufgabe immer bewußt blieb. Mit Erstaunen und oft mit Lächeln bemerkte er, welchen Respekt die Engländer vor den Zulus bekommen hatten. Wo er auf englische Truppenkörper stieß, welche lagerten, da waren sie immer verschanzt. Der Zug der leichten Reiter ging längs der englischen Front hin, über Helpmakaar, Greytown und Pietermaritzburg nach Durban, so daß Pieter Maritz im lebhaftesten Gewühle der Kriegsrüstungen und inmitten der Begebenheiten war. In der Stadt Pietermaritzburg sah er zum erstenmale eine Eisenbahn, jene Bahnlinie, die von dort nach Port Natal führt. Helpmakaar hatte sich gewaltig verändert, seitdem er es zuletzt gesehen hatte. Damals, vor der Niederlage von Isandula, war es ein offener, lustiger Platz gewesen, nun war es in eine Festung verwandelt worden, und die Kolonne des Obersten Glyn, welche mehr als ein Drittel ihres Bestandes eingebüßt hatte, lag darin. Diese Truppen hatten mit dem Lager bei Isandula zugleich ihr ganzes Gepäck verloren und arbeiteten in den Gräben und an den Wällen in oft wunderlichem Kostüm. Für ihre zum Teil abgetragenen und noch nicht wieder ersetzten Uniformen hatten sie Buernkleidung angeschafft und waren halb Soldaten, halb Buern; manche hatten sogar von den Kaffern Kleidungsstücke genommen und trugen Decken und Felle anstatt der Röcke und Mäntel. Man war in Helpmakaar jeden Augenblick auf einen Angriff der Zulus gefaßt, denn es lag dem Feinde am bequemsten und dem Schauplatz der Schlacht zunächst. Beständig guckten die englischen Offiziere mit Fernrohren über die Brüstung der Schanzen nach dem Feinde aus, und die Truppen wurden durch Dienst in den Befestigungen ermüdet.

Erst nach fünf Wochen traf die Reiterabteilung unter Führung des Leutnants Dubois, welche jetzt auf etwa hundertfünfzig Mann gestiegen war, in Durban ein, der Stadt an dem berühmten Hafen von Natal. In Port Natal war der Ausschiffungsplatz für die englischen Verstärkungen, und hier herrschte ein gewaltiges Treiben. Mit Bewunderung und mit hochschlagendem Herzen sah Pieter Maritz zum erstenmale das Meer, die blauen Fluten des gewaltigen Indischen Oceans. Er stand auf einem Hügel am Hafen und sah die gekrümmte, tief in das grüne Land einschneidende Bucht blau-goldig erglänzen, von schneeweißem Saume eingefaßt, wo die Wogen an hochragende, steil vom Wasser anstrebende Höhen schlugen. Auf den gekräuselten Wellen wiegten sich viele Schiffe, und am Landungsplatz legte jetzt ein schwarzer Koloß an. In riesigen weißen Buchstaben stand an der schwarzen Schiffswand der Name Pretoria. Es war ein englischer Transportdampfer, aus dem heraus sich bald darauf eine Flut seltsam kostümierter Krieger ergoß. Pieter Maritz lief neugierig dahin, wo die Truppen sich ordneten. Die Soldaten trugen karrierte bunte Beinkleider, welche in lange Stiefel gesteckt waren, und die Offiziere hatten karrierte bunte Shawls über die Brust gebunden, welche auf der linken Achsel zusammengeheftet waren und von dort bis zum Knie herabhingen. Sonst trugen sie den Scharlachrock und weißen Helm. Die Musikbande jedoch, welche zum Regimente gehörte, war in Schuhen und hellen Gamaschen mit breitem bunten Rande unterhalb des Kniees, mit nackten Knieen, karrierten Frauenröcken und bunt beränderten Mützen, von denen Schleifen in den Nacken hingen. Sie bliesen auf höchst wunderlichen Instrumenten, Dudelsäcken, deren lange, mit karrierten Bändern verzierte Röhren weit über die Schulter hinausragten. Es waren, wie Pieter Maritz erfuhr, die Hochländer der Prinzessin Luise, ein schottisches Regiment, welches die Nummer 91 führte. Pieter Maritz merkte, daß der alte Missionar die Wahrheit gesagt hatte, als er Tschetschwajo warnte. Die Engländer ließen für jeden Mann, den sie verloren hatten, zwei andere über die See kommen. Ja mehr als zwei. Pieter Maritz hatte vernommen, daß Schiff nach Schiff in Port Natal einlief und daß zahlreiche Mannschaften, viel mehr Truppen, als bis jetzt in Südafrika gestanden hatten, herankamen, um die Scharte von Isandula auszuwetzen und die Ehre Englands wiederherzustellen. Doch hatte er auch wohl gemerkt, daß so große Verstärkungen notwendig waren. Auf dem Marsche von Pretoria bis Port Natal waren mehreremal Nachrichten von neuen Niederlagen der Engländer gekommen. Die Zulus hatten einen Teil des 80. Regiments unter Kapitän Moriarty, von der Kolonne des Obersten Wood, überfallen und vernichtet, wobei sie tollkühn durch einen Fluß hindurch angegriffen hatten, und noch andere kleine Überfälle hatten sie glücklich vollbracht. Sie hielten die Engländer völlig in Schach, und Lord Chelmsford hatte für jetzt nicht etwa einen Angriff im Auge, sondern wollte die Truppen unter seinem Befehle samt allen Verstärkungen nur dazu benutzen, den Obersten Pearson zu befreien. Denn der Oberst Pearson mit seiner Kolonne war im Fort Ekowe eingeschlossen, ward von den Zulus belagert und harrte sehnsüchtig seit länger als sechs Wochen auf Entsatz.

Pieter Maritz erhielt, als er vom Hafen zurückkam, Befehl vom Leutnant Dubois, sich zum Major Walker in Durban zu begeben und dessen fernere Weisungen zu empfangen. Major Walker, von den bengalischen Ulanen, sollte das Kommando über die Reiter des Leutnants Dubois und noch einige andere Scharen Freiwilliger in seiner Hand vereinigen. Die Stadt Durban bot Pieter Maritz, als er durch die Straßen hinwandelte, um das Quartier des Majors zu suchen, die interessantesten Anblicke. Am belebten Hafen gelegen, war es voll von verschiedenartigen Menschen, und schon die Straßen selbst waren dem Buernsohn merkwürdig, weil sie Haus an Haus erbaut waren, unähnlich den Städten von Transvaal. Besonders fielen ihm die gelbfarbigen Malaien auf. Hier kamen Männer dieser Rasse auf prächtigen Pferden geritten, einen bunten Shawl über die Brust gekreuzt, einen bunten Turban oder einen leichten trichterförmigen Schilfhut auf dem Kopfe. Dort gingen Frauen mit edlem Gesicht in weiten, luftigen weißen Kleidern, die glänzenden, blauschwarzen Haare in einen großen Knopf gewunden, durch den ein silberner Pfeil gesteckt war. Auch von den Frauen trugen viele den bunten seidenen Turban, der zu dem dunklen Haar und dem schönen Gesichtsschnitt sehr gut stand. Sechsspännige Wagen fuhren im fliegenden Galopp dahin, englische Kavalleristen, Dragoner, Ulanen und ~light horse~ (leichte Kavallerie) ritten durch das Gewühl der Straßen, und viele Kaffern, an langen, schwankenden Bambusstäben Milcheimer oder Körbe mit Seefischen tragend, boten mit eintönigem Rufe ihre Ware feil. Es war ein so buntes Gewühl der verschiedensten Erscheinungen, Gesichter und Trachten, wie Pieter Maritz es noch an keinem andern Orte erblickt hatte.

Pieter Maritz fand nach einigem Suchen das Quartier des Majors Walker und wurde von der Ordonnanz in dessen Zimmer geführt. Der Major bewohnte drei Zimmer zu ebener Erde, die in einer Reihe lagen und durch geöffnete Flügelthüren miteinander in Verbindung standen. Die Fenster waren durch Jalousien und Markisen vor der Sonnenglut geschützt, und es war für Pieter Maritz' Gefühl recht hübsch kühl in den Zimmern. Aber der Major schien sehr von der Hitze zu leiden. Er war ein gewaltig großer Mann, gut sechs Fuß hoch, wohlbeleibt, mit einem mächtigen roten Bart, der ein rotbraunes Gesicht umrahmte, und mit einer vollen Baßstimme. Er hieß Pieter Maritz sich an den Tisch im mittelsten Zimmer setzen, wo ein Offizier und zwei Unteroffiziere schrieben, und fuhr dann in der Beschäftigung fort, die Pieter Maritz einen Augenblick unterbrochen hatte, nämlich in den drei Zimmern hin und her zu gehen und dabei zu schelten. Seine Uniform war aufgeknöpft und er fächelte sich mit einem riesigen ostindischen Seidentuche, während er zugleich eine gewaltig große ostindische Cigarre rauchte. In dem Zimmer rechts stand eine Flasche Sherry und in dem Zimmer links eine Flasche Portwein auf dem Tische, und jedesmal wenn der Major auf seiner Wanderung bis zu einem der Tische gekommen war, schenkte er sich ein Glas voll ein und trank es aus. War er aber im Mittelzimmer, so klingelte er heftig mit einer kleinen Handschelle und ließ seinen Diener, einen sammetäugigen Inder, zur Abkühlung einen »~brandy-pawnee~« bringen. Der Major schalt auf die Ingenieure. Was diese verbrochen hatten, um seinen Zorn zu erregen, war aus seinen Äußerungen für Pieter Maritz nicht recht verständlich, aber er sprach viel von Gelehrten und Tüftlern, von Leuten, die alle Sätze aus dem Euklid am Finger herzählen, aber keine feldmäßige Schanze und keine haltbare Pontonbrücke zu bauen verständen.

Mit einem Male blieb der Major betroffen stehen, und das Wort stockte ihm im Munde. Er war gerade in dem Zimmer, wo der Portwein stand, und hatte schon die Hand ausgestreckt, um sich ein Glas einzuschenken, als er innehielt und auf den Teppich starrte, der unter dem Tische auf den Dielen lag. Pieter Maritz blickte ebenfalls dorthin und sah, daß der Teppich eine große Falte schlug und sich wellenförmig bewegte, gleich als sei er lebendig geworden. Im nächsten Augenblick sprang der Major voll Entsetzen zurück in das mittlere Zimmer, und die hier Sitzenden fuhren von ihren Stühlen auf. »Eine Schlange!« schrie der Major, indem er nach seinem Säbel griff, und gleich darauf zeigte sich, daß er das Ding richtig erkannt hatte. Der Teppich hob sich in die Höhe, und eine Schlange von etwa fünf Fuß Länge, von gelber Farbe, eine Cobra, kam hervor. Sie erhob sich, blies die Nackenhaut auf, wiegte den Kopf hin und her und zischte wie ein Gänserich, während sie mit der Zunge in schnellster Bewegung vor- und zurückfuhr.

Es kostete Mühe und bedurfte großer Schnelligkeit und Gewandtheit, das gefährliche Tier zu töten. Das ganze Haus geriet in Aufregung und Unordnung.

Doch endlich erhielt Pieter Maritz seine Instruktionen für die fernere Führung der freiwilligen Reiter und begab sich mit dem Papier, welches diese enthielt, in das Lager bei Durban, zu den Zelten des Leutnants Dubois und seiner Reiter. Es hieß, daß Lord Chelmsford in wenig Tagen von seiner Stellung am unteren Tugela aufbrechen und mit sechstausend Mann vorrücken wolle, um Oberst Pearson zu entsetzen.

Als Pieter Maritz nun durch das ausgedehnte Lager bei Durban hinschlenderte und sich am Anblick der verschiedenartigen Uniformen und Kleidungen der bunt zusammengesetzten englischen Armee ergötzte, kam er zuletzt an einen abgesonderten Teil, wo keine Zelte mehr standen, sondern die runden Formen der ihm wohlbekannten Kaffernhütten auftauchten. Hier hörte der Geruch von Rum und andern Spirituosen, sowie von Seefischen, die im Zeltlager reichlich gegessen wurden, auf, und es war dem Buernsohn, als käme er in eine andere, doch ihm gleichfalls wohlbekannte Welt. Die Klänge der Harmonika und der Kalabaßviol, eintöniger, schwermütiger Gesang tönten ihm entgegen, und im roten Licht der Abendsonne schimmerte die schwarze Haut vieler hundert Kaffernkrieger. Die Zulus von Natal hatten ein starkes Kontingent zum Kampfe gegen ihre Stammesgenossen unter Englands Fahne gestellt, und Pieter Maritz erblickte die Ochsenschilde und Assagaien, den wilden drohenden Haarputz und die glänzenden weißen Zähne des Volkes, welches bekämpft werden sollte, hier in unmittelbarer Nähe der weißen Männer bei Bundesgenossen.

Er ging langsam durch die Hüttenstraße, welche nach Kaffernart ringförmig angeordnet war, da fiel ihm eine Gestalt auf, welche ihm bekannt zu sein schien. Auf den Speer gelehnt, stand inmitten eines auf ihn lauschenden Kreises ein schwarzer Mann von vornehmer stolzer Haltung, den Kopf vorgeneigt und den linken Fuß vor den rechten gesetzt, wie dies die Art Humbatis war, wenn er sich unterredete.

Pieter Maritz trat näher, und beim Geräusch seiner Schritte drehte sich der Mann um. Es war Humbati. Sein Gesicht verfinsterte sich, als er den Buernsohn erblickte, und er wandte sich ab, als wollte er sagen, die Freundschaft gehöre vergangenen Zeiten an.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Die Schlacht bei Gingilowo

Lord Chelmsford marschierte gegen den Feind. Er hatte seine feste Stellung am Tugela bei den Forts Tenedos, Pearson und Williamson verlassen und zog nordwärts. Seine Regimenter und Wagenzüge bedeckten in breiter Flut das Hügelland und wälzten sich langsam bergauf und bergab. Die Engländer waren vorsichtig geworden. Sie verteilten jetzt ihre Truppen und Wagen so, daß sie sich einander unterstützen konnten, daß bei einem unerwarteten Angriff des schnellen schlauen Feindes rasch eine Wagenburg hergestellt werden konnte. Deshalb marschierten sie in vielen Kolonnen nebeneinander und hatten die Wagen an den äußeren Linien, starke Infanterieabteilungen aber neben und zwischen den Fahrzeugen. Auch hatten sie Vorhut und Nachhut, sowie Seitendeckungen gebildet, die das Herankommen des Feindes frühzeitig entdecken konnten, damit der Hauptmasse Zeit blieb, sich zum Kampfe zu ordnen.

Bei diesem Dienst waren die leichten Reiter vom größten Nutzen, und besonders die freiwilligen Buern erwarben sich große Verdienste. Ihre Augen waren weit besser an das Land und seine Besonderheiten gewöhnt, auch schärfer als die der Engländer, und ihre abgehärteten Pferde konnten viel mehr vertragen. Zehn bis fünfzehn deutsche Meilen legten die Buernreiter an einem Tage zurück, immer im langen Schritt oder im Jagdgalopp, und sie umschwärmten wachsamen Blickes die englischen Heerhaufen von allen Seiten. Bei Nacht aber, wenn die englische Armee sich zu einem dichten Klumpen zusammenschloß, ringsum Verschanzungen anlegte und die Wagen dahinter reihenweise aneinander schob, dann zogen draußen die Buernreiter eine lange Kette von Doppelposten, lauschten, die Büchse vor sich auf dem Sattel und das Ohr gespannt, auf jedes Rascheln in dem langen Grase und spähten mit gesenktem Kopfe unter dem Hutrand hervor nach jedem Schatten, der über die Ebene zog oder aus dem Busch hervorkam.

Pieter Maritz erwarb sich in diesem angestrengten Dienst die höchste Zufriedenheit seiner Vorgesetzten. Leutnant Dubois mit hundert Reitern war der Vorhut unter Oberst Law zugeteilt, und er war mit Pieter Maritz immer voran. Zuweilen gesellte sich auch Major Walker auf seinem riesigen Braunen zu ihnen, und dann tauschten die beiden Offiziere Geschichten aus ihrer früheren Dienstzeit miteinander aus, die Pieter Maritz höchlichst ergötzten. Beide waren in China gewesen und hatten an den Plünderungszügen des Grafen von Palikao teilgenommen. Besonders gefiel dem Buernsohn eine Geschichte, die der Major eines Nachts am Wachtfeuer erzählte: die Schilderung seiner Gefangenschaft in China. Die Chinesen hätten ihn einmal bei einer Rekognoszierung mit gewaltiger Übermacht überfallen und vom Pferde gerissen, dann aber in einen Käfig von Bambus gesteckt, von Stadt zu Stadt getragen und in den Tempeln als Sehenswürdigkeit ausgestellt, so daß Mandarinen und Volk zusammengelaufen wären, um den »großen rothaarigen Barbaren« zu sehen und mit toten Ratten, faulen Eiern und Katzenköpfen zu bewerfen. Pieter Maritz mußte laut lachen, als er sich vorstellte, welchen Anblick die mächtige Gestalt in dem engen Käfig geboten haben mußte, und der Major sparte nicht mit anschaulichen Bildern bei seiner Erzählung und rollte dazu die Augen und fluchte.