Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 33
Lord Fitzherbert gratulierte dem Franzosen. »Da haben Sie einen ausgezeichneten Fang gethan, Dubois,« sagte er. »Das ist ein verwetterter Kerl. Aber ist denn das Ihr Ernst, Pieter Maritz? Wollen Sie wirklich in den Krieg ziehen, oder haben Sie nur in fröhlicher Weinlaune so gesprochen? Wenn das ist, so läßt Leutnant Dubois Sie wieder frei.«
»Nein, nein,« sagte Pieter Maritz, »es ist mein Ernst. Ich möchte gern unter einem so ausgezeichneten und kriegserfahrenen Offizier wie Herr Leutnant Dubois den Krieg kennen lernen.«
»Meiner Treu,« rief der Franzose geschmeichelt, »Sie kennen ihn schon, denn wer bei Isandula war, hat Pulver gerochen. Ich bin es, der sich glücklich schätzt.«
Es ward nun verabredet, daß Pieter Maritz zunächst nach dem Norden gehen solle, um seine Gemeinde zu besuchen, daß er aber so bald als möglich in das Lager zurückkehren und dann unter das Kommando des Leutnants Dubois treten solle. Lord Fitzherbert ließ eine frische Flasche bringen, und alle drei stießen auf einen glücklichen Feldzug der leichten Reiter an.
Inzwischen ward es an der Tafel immer lebhafter und lustiger. Das Musikcorps der Dragoner saß draußen vor dem großen Zelte und machte Tafelmusik, das Zutrinken folgte sich immer häufiger, und die Köpfe wurden rot. Pieter Maritz war in einer seltsamen Stimmung, wie nie vorher. Er war unbeschreiblich froh und kam sich selbst so leicht vor, als könnte er fliegen. Er sah sich im Geiste mit dem spanischen Schwerte in der Hand vor einer Reiterschar zum Angriff jagen und dachte, er würde die Zulus wie eine Herde Ziegen vor sich hertreiben können. Dubois erzählte Geschichten aus der Krim und aus Mexiko und machte dazu ein so köstliches Gesicht, ließ seine Augen so furchtbar blitzen und rollen, daß Pieter Maritz vor Lachen fast vom Stuhle gefallen wäre.
Als das Essen beendigt war, wurde das weiße Tischtuch abgenommen, und eine grüne Decke kam darunter zum Vorschein. Nun wurden frische Gläser auf den Tisch gesetzt, und silberne Krüge voll Portwein gebracht. Mehrere Offiziere ließen Würfel bringen und spielten um Haufen von Goldstücken, die sie auf dem grünen Tuche ausstreuten. Aber Pieter Maritz spielte nicht mit. Er wollte sein Geld seiner Mutter mitbringen und war noch kaltblütig genug, um zu denken, daß das Würfeln ein gefährliches Vergnügen sei. Er wurde jetzt nachdenklich und wünschte, das Trinken möge aufhören. Der Wein schmeckte ihm nicht mehr. So war es ihm sehr angenehm, daß Lord Fitzherbert und der Franzose, welche ebenfalls nicht spielten, ihm den Vorschlag machten, spazieren zu fahren. Er erhob sich und ging mit ihnen hinaus. Doch kam ihm die Welt sehr sonderbar vor. Die Zelte ringsum schienen tanzen zu wollen, so daß er von neuem lachen mußte. Sie gingen zusammen nach den Ställen des Regiments, zu welchem der Franzose gehörte, und dieser ließ einen kleinen leichten Wagen anspannen. Vier junge Pferde aus Transvaal, kleine, aber kräftige Tiere wurden vorgespannt, und dann ergriff Dubois selber die Zügel, während der Lord und Pieter Maritz sich auf die Bank hinter dem Bocke setzten.
Daß auf dieser Fahrt kein Unglück geschah, war merkwürdig. Zwar verstand der Franzose zu fahren, aber der Weg, den er wählte, machte auch seine Fahrkunst sehr notwendig. Es ging im sausenden Galopp über Stock und Stein, und oft lag der Wagen so auf der Seite, daß er nur auf zwei Rädern rollte, während die auf der andern Seite in der Luft schwebten. Sie besuchten den »Wunderboom«, fünf Kilometer von Pretoria entfernt, einen höchst bemerkenswerten riesigen Baum, dessen Zweige zum Boden zurückkehren und dort neu wurzeln, so daß dieser einzige Baum ein ganzes Gehölz bildet. Auf der Rückkehr kamen sie über eine steile Höhe an einem jähen Abgrunde vorbeigesaust, und Pieter Maritz blickte mit dem Gefühl hinab, daß es sehr wahrscheinlich sei, Wagen und Pferde und Menschen würden im nächsten Augenblick dort unten liegen. Aber dies war für heute sein letzter Gedanke. Er wußte nichts mehr von dem, was nun noch geschah, bis er, in seinem Bette liegend, aufwachte und vergnügt, obwohl etwas erstaunt, die Morgensonne in das Café de l'Europe scheinen sah.
Einundzwanzigstes Kapitel
Daheim und in englischen Diensten
Pieter Maritz dachte darüber nach, wie er wohl nach Hause und in sein Bett gekommen sein möge, konnte aber zu seiner Beschämung keine Spur von Erinnerung in seinem Kopfe entdecken. Vermutlich hatte der Franzose ihn nach dem Hotel gefahren und hatten ihn die beiden Offiziere ins Bett gebracht. Wein trinken ist doch eine dumme Sache, sagte sich Pieter Maritz. Man nimmt einen Feind in sich auf, der einem die Besinnung raubt. Erst wird man vergnügt, und nachher weiß man nicht mehr, was man thut. Wenn der alte gute Missionar hier wäre, so würde er mir wohl sagen, es sei am sichersten, gar keinen Wein zu trinken; denn er meinte immer, man dürfe dem Teufel nicht den kleinen Finger geben. Es ist doch gut, daß er mich gestern abend nicht gesehen hat.
Er stand auf und fühlte sich etwas schwer im Kopfe und sehr durstig. Ein sonderbares Getränk ist doch der Wein, dachte er. Es scheint so, als ob er immer durstiger mache, je mehr man davon trinkt. Nun fiel ihm ein, was er wohl bemerkt, aber nicht weiter beachtet hatte: daß der Präsident, Herr Paul Krüger, in der Gesellschaft beim Schatzsekretär nur Wasser getrunken und auch beim Ausbringen des Wohls der Republik ein Glas Wasser in die Höhe gehoben hatte. Pieter Maritz ging in den Hof und ließ sich an dem Brunnen vor dem Stalle das Wasser über Kopf und Hals laufen. Dann ging er, sehr erfrischt, zu Jager und sattelte ihn. Umgürtet mit seinem schönen neuen Degen, den er auf dem Tische in seinem Zimmer gefunden hatte, ritt er hinaus ins Feld, und die Kühlung seiner nassen Locken im Winde sowie die Bewegung ließen bald jedes Unbehagen verschwinden. Dann ritt er fröhlich in das englische Lager und besuchte Lord Fitzherbert.
Der junge Offizier sah blaß aus und trank Sodawasser mit Kognak in seinem Zelte. Als er des Buernsohnes rote Backen und glänzende Augen sah, seufzte er. »Pieter Maritz, ihr Buern seid ein verwettertes Völkchen,« sagte er. »Wie können Sie sich unterstehen, heute morgen so frisch wie eine blühende Rose auszusehen?«
Pieter Maritz lachte. »Ich komme, um Ihnen Lebewohl zu sagen, Adolphus,« sagte er. »Aber es thut mir leid, daß Sie krank sind.«
»Krank? Der Teufel ist krank!« sagte der Lord. »Ich habe nur etwas Kopfschmerzen. Das kommt von der Musik; ich kann es nicht leiden, wenn einem ins Essen hineingeblasen wird.«
»Ach, es war die Musik?« fragte Pieter Maritz ganz unschuldig. »Ich dachte, Sie hätten zu viel Wein getrunken, so wie ich.«
»Ei, bewahre, ich trinke nie zu viel,« sagte der Lord. »Aber kommen Sie, wir wollen etwas frühstücken.«
Er stand auf und vertauschte seinen leinenen Rock mit der Uniform, als Leutnant Dubois vor dem offenen Zelte erschien. »Wißt ihr das neueste?« fragte er. »Die Zulus kommen. Man hat die Meldung erhalten, daß sie, zwanzigtausend Mann stark, nur noch fünfzig Kilometer weit entfernt von Pretoria stehen.«
»Fünfzig Kilometer?« fragte der Lord. »Da können die Kerle vor heute abend nicht hier sein, und wir haben Zeit, zu frühstücken.«
»Fünfzig Kilometer!« rief der Franzose, »da können sie auch morgen noch nicht hier sein.«
»Sie kennen die Zulubeine nicht, mein lieber Dubois,« sagte der Lord. »Diese Kerle haben vier Beine. Wenn sie auf zweien müde sind, laufen sie auf den beiden andern. Doch laßt uns frühstücken, man lebt nur einmal!«
»Das ist auch mein Gedanke,« entgegnete der Franzose lachend. »Kommt mit zu mir.«
Alle drei gingen zu dem Zelte, wo das Regiment des Franzosen zu speisen pflegte. Dort waren wohl ein Dutzend Offiziere beisammen, welche aßen und sich über die Wahrscheinlichkeit des Angriffs der Zulus unterhielten. Einige glaubten die Nachricht, andere zogen sie in Zweifel. »Pah, die Niggers werden uns rein zum Schreckgespenst,« sagte ein älterer Offizier. »Jeden Tag kommt man mit der Meldung, sie rückten an. Ich glaube das nicht, bevor ich sie nicht sehe.«
Dubois bereitete eigenhändig ein Gericht, von welchem er behauptete, es sei gesund nach einem Trinkgelage. Er ließ gebratene Hammelnieren bringen, schnitt sie ganz klein und bestreute sie mit dem gelben Pulver des Curry und mit Champignons. Dies Gericht ließ er in Bouillon schmoren und empfahl es Pieter Maritz als sehr wohlthätig. Pieter Maritz versuchte es, aber konnte es nicht essen. Ebensowenig mochte er trinken, was die beiden Offiziere tranken: Kognak und Absinth gemischt, sowie ein Getränk, welches sie »~brandy-pawnee~« nannten. Er hatte genug von den verfeinerten Speisen Pretorias und des englischen Lagers und ließ sich sein heimisches Gericht, eine Schüssel Maisbrei, bringen. Dazu trank er ein Glas Ale. Dann sagte er den beiden Offizieren Lebewohl, versprach, sobald als möglich zurückzukehren, und ritt davon. Er überlegte sich seine neue Stellung in der Welt. Die gestrige Verabredung mit dem Leutnant Dubois hatte er heute morgen erneuert, und nun würde er bald, so sagte er sich, in englischem Solde gegen die Zulus zu Felde ziehen. Die Engländer bezahlten vortrefflich. Er hatte im Lager erfahren, daß die Buern für jeden zwölfspännigen Ochsenwagen bei der Armee monatlich achtzig Pfund Sterling erhielten. Er selbst sollte monatlich dreißig Pfund Gage haben. Da konnte er seiner Mutter, wenn Gott ihn lebendig aus dem Kriege zurückkehren ließ, eine schöne Summe mit nach Hause bringen. Dazu vollführte er, wenn er als leichter Reiter den Feldzug mitmachte, in vortrefflicher Weise den Auftrag Jouberts, sich die englische Armee genau anzusehen, und er würde nachher dem Feldkorporal die genauesten Berichte über sie machen können.
Er ritt zu seinem Hotel zurück, brachte Jager in den Stall und ging aus, um Geschenke für seine Mutter und seine Geschwister zu kaufen. Er besuchte mehrere Magazine und sah so viele schöne Sachen, daß ihm die Auswahl schwer wurde. Endlich entschloß er sich zu einem großen roten Tuche für seine Mutter. Das Tuch war so groß, daß sie sich ganz darein hüllen konnte und daß es ebensowohl geeignet war, vor der Kälte zu schützen als die Bewunderung aller andern Buernfrauen der Gemeinde zu erregen. Für seinen ältesten Bruder, der nun nahe an fünfzehn Jahre alt sein mußte, kaufte er einen Matrosenrevolver, für den darauf folgenden, der dreizehn Jahre zählte, ein starkes, breites Messer, das im Griff feststehen konnte, und so wählte er für jedes der Geschwister einen Gegenstand aus, der ihm Vergnügen machen mußte. Die Geschenke steckte er in einen schönen neuen Mantelsack, der hinter Jagers Sattel gebunden werden sollte, und das Herz hüpfte ihm vor Freude bei dem Gedanken an die glücklichen Gesichter daheim, wenn er auspacken würde.
In der Frühe des Morgens am andern Tage brach die Gesellschaft auf, welche sich nach dem Norden begeben wollte, und Pieter Maritz schloß sich ihr an. Es waren etwa zwanzig Leute, lauter Männer und alle beritten. Nur ein einziger Wagen war dabei, aber kein Ochsenwagen, sondern ein zweiräderiger Karren, der mit zwei Pferden bespannt war. So konnte die Reise rasch von statten gehen. Mehrere Buern waren dabei, aber zumeist waren es Fremde, Abenteurer aus verschiedenen europäischen Ländern, welche die Gesellschaft bildeten, und sie zogen aus, um im Lande der Matebele Gold zu suchen. Wilde Gesichter und rauhe Hände, viele Waffen und eine buntscheckige Bekleidung zeichneten die Erscheinung dieser Leute aus, und sehr verschiedene Sprachen, spanisch, deutsch, italienisch, englisch, französisch und holländisch, erklangen aus ihrem Munde. Niemals hatte Pieter Maritz eine solche Menge verschiedenartiger Flüche für möglich gehalten, wie sie an diesem Morgen auf dem Marktplatze zu hören waren, wo die Gesellschaft sich versammelte. Besonders thaten sich im Fluchen zwei Spanier hervor. Der eine war ein großer vierschrötiger Bursche in einer mit vielen Knöpfen besetzten Jacke, mit zwei Revolvern und einem Dolche in dem roten Shawl, der ihn umgürtete, der andere eine zierliche dunkelfarbige Gestalt mit unheimlich funkelnden schwarzen Augen und nach Buernsitte gekleidet und bewaffnet. Unter den übrigen Erscheinungen fiel Pieter Maritz besonders ein riesenmäßiger Deutscher mit rötlichem langem Haar und blauen Augen auf, der von der Nordseeküste stammte. Er hatte ein kindlich freundliches Lachen und bewegte ein Remingtongewehr so leicht in seinen Händen, als ob es ein Spielzeug gewesen wäre.
Diese Leute hatten die Absicht, zunächst nach Lydenburg zu reisen und sich dort mit Werkzeug für die Goldgräberei weiter im Norden zu versehen. Es war keine Gesellschaft, die Pieter Maritz besonders zugesagt und gut gefallen hätte, denn die Leute fluchten in einer entsetzlichen und gottlosen Weise, so daß es ihm oft einen Stich ins Herz gab, wenn er den Namen Gottes dem Gebote der Heiligen Schrift zuwider unnütz und frevelhaft geführt hörte. Dazu hatten diese Leute einen rohen und niedrigen Sinn, der sich auch in ihrem übrigen Benehmen offenbarte. Sie dachten nur an Gewinn, nur an Gold, und mit Ausnahme des riesigen Deutschen aus dem Friesenlande waren sie alle finster und schienen übler Laune zu sein. Doch hatte Pieter Maritz wenigstens den Vorteil von ihrer Begleitung, daß er sicher vor Räubern und wilden Tieren seine Reise machen konnte. Die Gegenwart so vieler Büchsen hielt beide fern, und ohne Unfall kam die ganze Gesellschaft in Lydenburg an.
In dieser Stadt, welche gleich den andern Städten des Transvaallandes zerstreut, mit breiten langen Straßen und vielen Gärten lag, herrschte ein reges Gewimmel abenteuerlicher Gestalten, die teils durch den Krieg, teils durch die Goldgruben im Norden herbeigelockt worden waren. Die Gesellschaft von Pretoria verteilte sich, und ein jeder ging seinen Weg, der eine um Gerät, der andere um einen Ochsenwagen zu kaufen, und alle suchten eine enge Genossenschaft von zweien oder dreien zu bilden, um unter gegenseitiger Hilfsleistung in kleiner Gesellschaft das geliebte Gold zu suchen und dabei möglichst vor Verrat, Raub und Mord von seiten der Nachbarn und eigenen Genossen gesichert zu sein. Pieter Maritz aber erkundigte sich nur nach seiner Gemeinde, und er erfuhr auch wirklich, daß diese nur etwa vier Meilen weit entfernt im Norden weile.
Er machte sich an einem der ersten Februartage allein von Lydenburg auf und ritt in der ihm bezeichneten Richtung nach Norden. Nun war er dem Ziele seiner Sehnsucht nahe, und er konnte es in freudiger Ungeduld kaum erwarten, es zu erreichen. Er hatte die Geschenke in seinem Mantelsacke und über demselben, und immer wieder mußte er daran denken, welchen Eindruck sie auf seine Mutter und seine Geschwister machen würden. Er lachte mit dem ganzen Gesichte, wenn er sich vorstellte, wie die ganze Reihe der Kinder dastehen und Mund und Augen aufsperren würde. Ob die Geschwister wohl sehr gewachsen waren? Er selbst war in dem letzten Jahre um einen halben Kopf gewachsen und so breit und stark geworden, daß nur immer wiederholtes Flicken seinen alten Anzug hatte zusammenhalten können, bis er ihn glücklich wegwerfen und das schöne Kostüm kaufen konnte, das er jetzt trug. Er trug die Bügelriemen jetzt fast so lang wie einst sein Vater, nur noch zwei Löcher fehlten. War er doch nunmehr auch Reiter in englischem Dienst, ja mehr als gewöhnlicher Reiter, ein Mann von der Stellung und Würde eines Unteroffiziers, da er einen Zug führen sollte. Was würde man daheim in der Gemeinde zu solchen Dingen sagen? Sicherlich würden alle staunen, besonders aber die Altersgenossen, die er als Knabe verlassen hatte und als Jüngling, als Mann wiedersehen sollte.
Jager mußte unter solchen Gedanken und Hoffnungen seines Reiters einen flotten Schritt gehen, und so waren die vier Meilen in kurzer Zeit zurückgelegt. Als die Sonne im Mittag stand, erblickte Pieter Maritz in einem sanften grünen Thale vor sich den Rauch von mehreren Hütten und Lagerfeuern aufsteigen, viele Wagen im Kreise stehen und die dunklen Massen großer Herden. Jubelnd schwenkte er den Hut in der Luft und rief laut seine Freude zum Himmel empor: das mußte seine Gemeinde sein. Er hatte richtig gesehen. Noch ein Galopp von wenigen Minuten, und er erblickte bekannte Gesichter. Ehrwürdige Männer mit grauen Bärten saßen im Schatten eines Seidenwollbaumes am Feuer und ließen sich von schwarzen Dienern Maisbrei und gekochtes Ziegenfleisch auftragen. Baas van der Goot war in ihrer Mitte, und der Oheim Klaas saß neben ihm.
Pieter Maritz trieb sein Pferd nahe an den Kreis hinan, der verwundert auf den Ankömmling blickte, sprang ab und trat auf die Männer zu, indem er seinen Hut abzog und mit glückstrahlendem Gesicht ehrerbietig grüßte. Im ersten Augenblick schienen sie ihn kaum zu erkennen, sein neuer Anzug und sein entwickeltes Aussehen machten sie betroffen; aber alsbald überzeugten sie sich, daß dies der für verloren gehaltene Pieter Maritz und der treue Jager des im Kampfe gefallenen Andries sein müßten, und sehr verwundert, aber auch sehr erfreut, schüttelten sie ihm die Hände. Baas van der Goot erinnerte sich kaum noch der Angelegenheit mit den beiden Zulus, die er der Hut des Knaben anvertraut hatte; und als er vernahm, daß der berühmte Feldkorporal Joubert ihn grüßen lasse, fühlte er sich so sehr geschmeichelt und wuchs in seinen eigenen Augen zu solcher Höhe und Bedeutung an, daß er den Überbringer der guten Botschaft mit den freundlichsten Augen ansah. Klaas Buurman berichtete, daß es seiner Schwägerin und ihren Kindern wohl gehe und daß sie drüben in der zweiten Hütte wohnten. Pieter Maritz ließ sich nun trotz der zahlreichen Fragen, die an ihn gerichtet wurden, nicht länger im Kreise der Ältesten festhalten, sondern schwang sich von neuem in den Sattel und jagte die wenigen hundert Schritte hinüber zu der bezeichneten Hütte, deren Dach über den Kreis der Wagen hinausragte.
Schon als er in diesen Kreis hineinritt, ward er mehrere seiner Geschwister gewahr, die in der Nähe der Hütte spielten und miteinander Ringkämpfe anstellten, wobei sie sich tüchtig in das dicke blonde Haar packten und krebsrot vor Zorn im Gesicht wurden.
»Ihr Taugenichtse! Wollt ihr wohl!« rief Pieter Maritz lachend und zugleich vor Freude weinend, indem er Jager dicht neben ihnen anhielt.
Die Knaben ließen sich los, starrten empor und waren ganz verdutzt und verlegen. Pieter Maritz sprang ab, gab dem ältesten von ihnen, der acht Jahre zählte, das Pferd zu halten und lief in die Hütte. Hier saß in dem vordersten der beiden Räume, welche das nach Kaffernart errichtete Gebäude enthielt, seine Mutter mit zwei Töchtern bei einer häuslichen Arbeit. Sie blickte erstaunt empor, als sie den Schritt und den Ruf des Eintretenden vernahm, und für einen Augenblick erbleichten ihre Wangen. Aber in der nächsten Sekunde lag Pieter Maritz zu ihren Füßen und umfaßte ihren Leib mit beiden Armen, ergriff ihre Hände und küßte sie -- und die Mutter neigte ihren Kopf auf den des lange vermißten Sohnes hinab und weinte vor Freude mit ihm zusammen.
Sie hatte eine Zeit schwerer Arbeit und vielen Kummers hinter sich. Nach dem Tode ihres Mannes hatte sie allein dem Haushalte vorstehen müssen, und sie wäre der Sache wohl kaum Herr geworden, wenn sie nicht so stark und gesund gewesen wäre und nicht in der Vollkraft ihrer Jahre gestanden hätte. Sie hatte den Zug des Ochsenwagens geleitet und oft im Sattel gesessen, um die Herde zu überwachen. Nun hatte sie hier ihre eigene Hütte gegründet und führte Handel mit Vieh, wodurch sie ihrer Familie ein ausreichendes Einkommen verschaffte. Die ganze Gemeinde trieb jetzt lebhaften Handel mit Vieh, sowie mit Korn und Viehfutter nach den nördlichen Distrikten hin, wo die Goldgräber waren, und sie hatte sich dieses vorteilhaften Handels wegen hier angesiedelt.
Voll von Erstaunen und mütterlichem Stolze betrachtete Frau Buurman ihren ältesten Sohn vom Kopf bis zu den Füßen und konnte nicht satt werden, den schon für tot Gehaltenen und verloren Gegebenen zu küssen und nach seinen Erlebnissen zu fragen. Als er nun aber aus der inneren Tasche seines schönen blauen Rockes einen Beutel mit Goldstücken zog und ihr schenkte, als er dazu aus dem Mantelsack den roten Shawl nahm und ihr überreichte, da war sie sprachlos vor Freude und Glück.
Denselben Erfolg hatte Pieter Maritz mit seinen Geschenken bei den Schwestern und Brüdern. Zwar waren die beiden ältesten Jungen mit den Knechten draußen beim Vieh auf der Weide, und so konnte er den Matrosenrevolver und das Stoßmesser noch nicht überreichen, aber auch schon mit den kleineren Geschwistern gab es so viel Jubel und Entzücken, daß das Herz kaum groß genug zu sein schien, alles Gute zu fassen. Die Familie hatte schon zu Mittag gegessen, aber da Pieter Maritz noch nicht gespeist hatte, wurde schnell von neuem gekocht, und sie aßen alle gern noch einmal mit und tranken dazu eine gewaltige Kanne Kaffee. Gegen Abend kamen auch die ältesten Brüder vom Felde und von der Weide herein, und die Freude nahm einen neuen Anfang. Sie waren alle tüchtig gewachsen, die Geschwister; und eine stattliche, schöne, gesunde und starke Schar Blondköpfe und Blauaugen war es, die Mutter Buurmans Kniee umschwärmte. Auch Jager hatte es heute gut. Sie rechneten ihn alle zur Familie, küßten und streichelten ihn, gaben ihm die weichste Streu am besten Platze neben dem Wagen und hätten ihn sicherlich krank gefüttert, wenn er nicht als ein verständiges Tier seine ihm dienliche Futtermenge genau zu berechnen gewußt hätte.
Am Abend widerfuhr Pieter Maritz die Ehre, daß Baas van der Goot in Begleitung des Oheims Klaas persönlich in der Hütte der Frau Buurman vorsprach, um ihn zu besuchen und zum gemeinsamen Trunk der Ältesten einzuladen und abzuholen. Er ging mit ihnen und setzte sich in den Kreis der Würdigen am Lagerfeuer, wo der Bierkrug herumging und die Pfeifen dampften. Hier mußte Pieter Maritz der Reihe nach seine Erlebnisse erzählen, und es kam ihm nun schon selbst so vor, als ob sich diese in der Erinnerung nach so vielfältigem Bericht wunderbar schön zu runden, zu glätten und zu völlig imposanten Thaten zu gestalten anfingen. Nur die eine Thatsache, daß er jetzt als Reiter im englischen Solde stand, wollte den alten Herren nicht recht gefallen.
»Ich denke, Neffe,« sagte Baas van der Goot, »daß allerdings die Engländer Christen sind und daß sie ein gutes Werk unternehmen, indem sie die Schepsels drüben vertilgen wollen; aber daß du ihnen dabei hilfst, während wir Buern doch von ihnen mit Ungerechtigkeit bedrückt werden, das will mir nicht als etwas Schickliches für den Sohn von Andries Buurman einleuchten.«
»Oheim,« sagte Pieter Maritz nach einigem Überlegen, »ich habe über diese Sache mit dem Feldkorporal Joubert gesprochen, und er hat es gutgeheißen.«
Baas van der Goot that mehrere Züge bedächtig aus seiner Pfeife und erwog den Sinn dieser Worte.
»Wenn Joubert es gutgeheißen hat,« sagte er dann, »so muß es allerdings gut sein. Ich hoffe nur, daß du wieder bei uns sein wirst, wenn wir den Transvaalschen Vierklör[*] aufpflanzen und die Engländer aus unserm Lande hinauswerfen.«
[*] Viercouleur, die vier Farben der Transvaalrepublik: rot, weiß, blau und grün.
»Dann werde ich wieder bei euch sein, so Gott will,« antwortete Pieter Maritz, indem er angesichts des Sternenhimmels, über welchem der Allmächtige thront, den Hut in frommer Betrachtung zukünftigen Schicksals von den Locken nahm.