Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 32
Pieter Maritz merkte, daß es keine Kleinigkeit sein werde, das Tier dahin zu bringen, wohin es sollte, oder auch nur im Sattel zu bleiben. Aber er war ein zu tüchtiger Reiter, um an dieser Aufgabe zu verzweifeln. Nachdem er dem Tier zunächst einige Freiheit gelassen hatte, sich herumzuwerfen, wobei es einmal die Stallthür, einmal die Küchenfenster des Hotels zu zertrümmern drohte, gab er ihm plötzlich, als sein Kopf gerade nach der Hofthür stand, ganz unerwartet und kräftig die Sporen. Mit einem ungeheuren Satze war das Tier auf der Straße. Dann warf es den Kopf in die Höhe und ging, indem es alle vier Füße zugleich niederstieß, mit prellenden Sätzen der Straße entlang. Es merkte, wen es trug, und es blieb in der ungefähren Richtung zwischen den Häusern, nur war die Richtung nicht sehr genau. Zweimal sprang es in den rasch fließenden Bach, und nur mit genauer Not entging ein Kaffernweib, das mit Körben voll Früchten am Wege saß, seinen Hufen. Pieter Maritz setzte mit kühnem Sprunge über die Körbe hinweg, als er sie nicht zu umgehen vermochte. Das Pferd kam hauptsächlich halb von der Seite, in langen Sätzen, vorwärts, aber es kam doch vorwärts, und als Pieter Maritz es erst einmal draußen im Freien hatte, ging es besser als in den Straßen. Wenn das Pferd auch nicht genau den Weg einhielt, sondern zuweilen auf dem Acker oder dem Felde nebenher ging, so folgte es doch ungefähr der Richtung, welche Pieter Maritz einschlagen wollte, und er führte es so geschickt und drückte es so kräftig mit den Schenkeln zusammen, daß es aussah, als ob es sich wirklich an den Reiter gewöhnen und dem Zügel gehorchen wollte. Nun sah Pieter Maritz auch von weitem einen großen Staub aufsteigen, und er schloß daraus, daß er sich der Menge von Reitern und Wagen aus der Stadt und dem einziehenden Regimente nähere. Rasch kam er auf dem flüchtigen und ungebärdigen Tiere heran und bemerkte bald eine gedrängte Masse von Menschen aus der Stadt, Buern zu Pferde, Wagen mit zwei und vier Pferden bespannt, Herren und Damen, welche sich gleich einer breiten Flutwelle auf und neben dem Wege ihm entgegenbewegten. Doch konnte er von dem Regimente selbst in dem Staub und Gewühl noch nichts wahrnehmen. Mit einem Male erhoben sich die Klänge eines militärischen Marsches; helle durchdringende Töne kamen aus der Staubsäule hervor. Dies Geräusch vollendete die Verwirrung des wilden Pferdes, welches schon beim Anblick der gedrängten Menge die Ohren bedenklich gespitzt und seine mühsam erlangte Fassung wieder verloren hatte. Es begann eine Reihe von Sprüngen in die Höhe und zur Seite, bäumte sich so mächtig und schlug so gewaltsam nach allen Richtungen hin aus, daß Pieter Maritz nicht wünschte, hier zu bleiben. Denn bald tanzte das Tier auf den Hinterbeinen und hieb mit den Vorderhufen, bald stand es auf den Vorderbeinen und schmetterte seine Hinterhufe von sich. Er durfte mit dem Tiere nicht unter die Gesellschaft kommen. In der Ferne erblickte er das englische Lager. Die weißen Zelte standen gleich einer zweiten Stadt neben der Stadt Pretoria. Dorthin lenkte sich der Zug des Regiments und der bürgerlichen Begleitung, dorthin wollte Pieter Maritz voranreiten, indem er hoffte, das Pferd unterwegs und fern von der Musik wieder zu beruhigen und dann doch noch etwas vom Einzuge zu sehen. Er warf das Tier in die Richtung des Lagers, ließ ihm die Zügel und gab ihm die Sporen. Wie ein Sturmwind fegte der Gaul, die Nase nach den Wolken gerichtet, davon, aber er machte dabei solche Sätze und stieß so hart mit den Füßen auf, daß Pieter Maritz merkte, er sei in seinem Leben noch nicht so durchgerüttelt worden. Bei einem dieser langen, jähen und harten Sätze flog sein Hut davon, der neue schöne Hut, der sich noch nicht so an die Kopfform angeschmiegt hatte, wie der alte schäbige, der nun weggeworfen war.
Mit Bedauern sah Pieter Maritz zurück nach der Stelle, wo der Hut im Staube lag, aber anhalten konnte er nicht. Der Hut war verloren. Aber was erblickte er jetzt? Er traute seinen Augen nicht, und im Sattel umgewandt sah er rückwärts, während es im tollen Laufe vorwärts ging. Die junge Dame kam auf Jagers Rücken hinter ihm her, mit wunderbarer Gewandtheit beugte sich die Buerntochter in vollster Karriere bis zur Erde nieder, hob den Hut auf und verfolgte dessen Eigentümer. So schnell auch der wilde Renner dahinstob -- Jager holte ihn ein, kurz bevor das englische Lager erreicht war, und mit lachendem Gesicht übergab das Fräulein, neben Pieter Maritz einherjagend, den Hut. Dann winkte sie grüßend, rief ein freundliches Wort und ritt zurück.
Pieter Maritz hatte jetzt mehr Augen für die Reiterin als für seine sonstige Umgebung und sah hinter dem flatternden Schleier her, während sein Gaul weiter tobte. Da entdeckte er aber plötzlich, daß er den Zelten zu nahe gekommen war. Sein Pferd fand Widerstand, während es ausschlug und zugleich hörte er lautes Fluchen hinter sich. Der Dunkelbraune bearbeitete ein Zelt mit den Hufen, und dessen Insassen retteten sich erschrocken ins Freie.
»~Sacré nom d'une pipe! Tonnerre de dieu! Que le diable vous emballe!~« rief eine halb ärgerliche, halb lachende Stimme, und Pieter Maritz bemerkte einen kleinen breitschulterigen Mann in der Uniform eines Unterleutnants, mit grauem Schnurr- und Kinnbart und einer mächtigen Narbe im Gesicht, der aus dem Zelt hervorgesprungen war und nun mit dem Revolver drohte, während er sich zugleich vorsichtig außer dem Bereich des wütend schlagenden Pferdes hielt. Das Zelt war halb zerstört, hing an einer Seite schlaff herab, und der Braune schien es für eine persönliche Beleidigung zu halten, daß das Zelt überhaupt noch stand, denn er guckte es mit gespitzten Ohren von der Seite an und schlug danach. Ein ganzer Haufe von Soldaten hatte sich versammelt und sah dem Kampfe zu, den Pieter Maritz mit dem Tiere und das Tier mit dem Zelte führten. Einige lachten und erregten das Pferd noch mehr durch Zurufe und Pfeifen, andere fluchten, und der Leutnant rief Pieter Maritz zu, er werde ihm mit Pistolenkugeln die Rippen kitzeln, wenn er nicht vom Zelte fortritte. Alle aber bewunderten doch den jugendlichen Reiter, der sich im Sattel hielt und so fest saß, als wäre er angewachsen, während das Pferd in seiner Wildheit Sätze machte, bei denen ein jeder fühlte, daß er selbst schwerlich den Sattel behauptet haben würde.
Diese Scene ward aber, ehe noch Pieter Maritz den Braunen durch Sporenstöße vom Flecke bringen konnte, durch die Ankunft eines Trupps von Kavallerieoffizieren unterbrochen, welche aus dem Innern des Lagers kamen und dem einziehenden Regimente entgegenreiten wollten. Es waren wohl ein Dutzend Reiter, zum überwiegenden Teile in der glänzenden Dragoneruniform, goldschimmernde Helme auf dem Kopfe, welche herankamen, und eine Stimme rief: »Seht doch Dubois in voller Wut! Was haben Sie, Dubois? Ah, der tolle Gaul hat ihn aus dem Zelt geworfen!«
»Wahrhaftig, das ist mein holländischer Freund!« rief eine andere Stimme, und Pieter Maritz erkannte Lord Adolphus Fitzherbert auf einem wunderschönen Goldfuchs.
»Aber was zum Henker haben Sie da für einen Gaul?« fragte der Lord von weitem. »Wo ist denn Jager?«
»Ich habe Jager verborgt,« erwiderte Pieter Maritz, »und nun habe ich hier ein junges Pferd aus dem Café de l'Europe, das ein bißchen unruhig ist.«
»Es scheint wirklich so, als ob das Pferd etwas unruhig wäre,« sagte Lord Fitzherbert lachend. »Ich möchte nicht gern neben dem Tiere reiten. Steigen Sie doch ab! Ich will Ihnen eines von meinen Pferden geben, und dieses schicken wir nach Hause.«
»Sehr gern,« sagte Pieter Maritz, indem er sich zur Erde schwang.
Der Lord winkte einem der Soldaten und ließ den Braunen am Zügel wegführen. Das Tier ging jetzt, nachdem es keinen Reiter mehr fühlte, ziemlich ruhig. Lord Fitzherbert stieg dann selbst ab, rief seinen Kameraden: »Auf Wiedersehen!« zu und kehrte, indem er sich sein Pferd nachbringen ließ, Arm in Arm mit Pieter Maritz nach den Zelten seines Regiments zurück.
»Sie müssen heute mittag bei mir essen, lieber Freund,« sagte er. »Ich muß allen meinen Kameraden den guten Genossen zeigen, der mit mir bei den Niggers Freundschaft hielt, nachdem er mich elend in den Sand gestreckt hatte.«
Der Lord war sehr vergnügt und freute sich ungemein, Pieter Maritz wiederzusehen, mit dem er so viel Not geteilt und den er schätzen und lieben gelernt hatte. Und auch Pieter Maritz war hoch erfreut, den vornehmen jungen Mann wiedergefunden zu haben, der ihn anfänglich so hochmütig behandelt hatte, mit dem ihn nun aber die Erinnerung gemeinsamer Schicksale verband. Der Lord zeigte ihm seine Pferde. Er hatte deren drei und der Rappe war auch darunter. Pieter Maritz nahm, als ihm Lord Fitzherbert die Wahl ließ, aus alter Anhänglichkeit den schönen schwarzen Gaul, mit dem er einst um die Wette gejagt hatte. Das Tier wurde mit der prächtigen Ausrüstung der Dragoonguards versehen, und dann stiegen beide jungen Leute auf.
»Ein verfluchter Kerl sind Sie doch,« sagte der Lord, nachdem die ersten Grüße und Erzählungen ausgetauscht waren. »Kaum sind Sie an unserem Lager angekommen, so binden Sie mit dem allergefährlichsten Mann in der ganzen Armee an, mit dem Leutnant Dubois. Mich wundert, daß er Sie nicht erschossen oder aufgespießt hat.«
Er erzählte, daß der englische Unterleutnant, dessen Zelt Pieter Maritz umgeritten hatte, ein Franzose sei, der seit dreißig Jahren alle Feldzüge Frankreichs in Mexiko, in Algier, in Italien, in der Krim und in China mitgemacht habe und zuletzt nach dem Kriege mit Deutschland aus Verdruß über die französischen Niederlagen in englische Dienste getreten sei.
»Wir wollen ihn zu versöhnen suchen,« sagte der Lord. »Ich will ihn auch einladen, heute mittag mit mir zu essen. Dann stoßt ihr beiden mit den Gläsern an und vertragt euch. Er ist ein amüsanter Kerl, steckt voll von Geschichten aus aller Herren Ländern, spricht viele Sprachen und kann fechten wie der Teufel.«
Auf ihren schnellen Pferden hatten die beiden jungen Leute bald die übrigen Offiziere wieder eingeholt, und nun sahen sie auch das neu hinzukommende Regiment nahe dem Lager. Die Gesellschaft aus Pretoria bog hier von dem Regimente ab, da sie nicht in das Lager hineinziehen wollte. Viele prächtige Pferde und hübsche schnelle Equipagen waren zu sehen, und dieser ganze Zug der Bürgerschaft lenkte auf der Hauptstraße in die Stadt zurück. Jetzt war auch die junge Dame wieder zu sehen, und Lord Fitzherbert, der mehr nach den Familien aus Pretoria als nach dem Regimente sah, entdeckte sie.
»Alle Wetter!« rief er, »ist denn das nicht Jager? dort, unter der reizenden jungen Dame, die wie eine Amazone reitet?«
»Ja,« sagte Pieter Maritz errötend, »ich habe Jager der jungen Dame geliehen, weil sie so betrübt war, nicht hinausreiten zu können. Ich habe sie gestern abend kennen gelernt, und sie war sehr freundlich gegen mich.«
Lord Fitzherbert sah ihn an und lachte so heftig, daß Pieter Maritz blutrot wurde.
»Ein verfluchter Kerl!« sagte der Lord. »Kommen Sie doch, liebster Freund, stellen Sie mich der Dame vor! Freilich wollen die Herren Buern nichts von uns wissen, und wenn sie jetzt herausgekommen sind, so brauchen wir uns nicht einzubilden, daß sie das zur Ehre unserer Truppen gethan haben. Sie wollen ihre Pferde und Wagen zeigen, das ist der Grund. Wahrhaftig, diese junge Dame ist ganz ~chic~, ein reizendes Geschöpf.«
Pieter Maritz verstand die Ausdrücke des Lord wieder einmal nicht recht. »Die junge Dame reitet prachtvoll,« sagte er mit seinem unschuldigen Gesicht. »Sie hat sich vorhin in der Karriere vom Sattel niedergebogen und etwas vom Boden aufgenommen, nämlich meinen Hut, der mir vom Kopfe geflogen war.«
»Das wird ja immer interessanter. Ich gratuliere Ihnen, Pieter Maritz,« sagte der Lord, seinen jüngeren Freund mit erstauntem Blicke messend.
Sie waren indessen der jungen Dame näher gekommen, grüßten sie, und Pieter Maritz stellte den Lord vor, indem er ihn seinen Freund nannte und als den jungen Offizier bezeichnete, von dem er schon erzählt habe.
Die junge Dame grüßte den englischen Offizier in einer Weise, über welche Pieter Maritz sich wunderte. Denn sie machte gar nicht das lächelnde Gesicht, welches er an ihr kannte, sondern war sehr kalt und förmlich.
»Hat der Herr ~Dr.~ Risseck Sie schon zu seinem Balle eingeladen, Fräulein?« fragte er.
»Nein, das hat er noch nicht gethan, aber er wird es noch thun. Der Ball ist erst in etwa acht Tagen.«
»Mich hat er auch noch nicht eingeladen,« sagte Pieter Maritz, »aber ich würde nicht kommen können, selbst wenn er mich einlüde, und ich bitte Sie deshalb, mich entschuldigen zu wollen. Ich werde übermorgen abreisen, um meine Mutter und meine Geschwister aufzusuchen, welche ich seit einem Jahre nicht gesehen habe.«
»Das ist freilich ein triftiger Grund, und da muß ich mich wohl entschließen, Sie zu entschuldigen,« entgegnete sie. »Leben Sie wohl, Herr Buurman, ich werde Ihr Pferd nach Ihrem Hotel zurückschicken. Wie ich sehe, haben Sie ja vollständigen Ersatz für Ihren Jager gefunden.«
Es kam Pieter Maritz so vor, als werfe die junge Dame einen feindseligen Blick auf das schöne Hauptgestell und den Dragonersattel des Rappen und als sei sie überhaupt nicht mehr so freundlich wie früher.
»Ich wünsche Ihnen glückliche Reise, und ich danke Ihnen recht sehr für das schöne Pferd,« setzte sie hinzu; dann reichte sie Pieter Maritz die Hand, grüßte den Lord sehr ceremoniös und ritt zu ihrer Begleitung, ihrem Vater und den Damen, zurück.
»Da sehen Sie es, die Buern wollen nichts von uns wissen,« sagte der Lord. »Wir haben in keiner guten Familie in Pretoria Zutritt. Das ist die holländische Dickköpfigkeit.«
»Von dieser Dickköpfigkeit, lieber Adolphus, sollt ihr Herren Engländer noch viel mehr zu sehen bekommen,« sagte Pieter Maritz, dem die Unterhaltung mit dem Feldkorporal noch sehr frisch im Gedächtnis war.
»Oho!« rief Lord Fitzherbert. »Soll es so schlimm werden? Nun, wir beiden wenigstens wollen immer gute Freunde bleiben.«
Die jungen Leute ritten in Gesellschaft der englischen Offiziere weiter und sahen sich den Einzug der frischen Truppen an; dann kehrten sie in das Lager zurück. Pieter Maritz sah, daß an einer Seite des Lagers ein Fort gebaut worden war, mit Erdwällen, Gräben, vorspringenden Ecken und unterirdischem Pulvermagazin. Hinter den Wällen standen Geschütze, und als Pieter Maritz über das glänzende braune Rohr von zweien der Kanonen hinwegsah, erblickte er vor dem Korn den Marktplatz von Pretoria. Mit gutem Bedacht hatten die Engländer dieses Fort so angelegt, daß dessen Geschütze nicht nur die Zugänge zum Lager, sondern auch die Hauptstadt von Transvaal beherrschten.
Im Zelte des Lord Fitzherbert sah es sehr reich und bequem aus. Der junge Offizier hatte eine eiserne Bettstelle, welche zwar auf der bloßen Erde stand, aber mit prächtigen warmen Fellen bedeckt war, so daß er auch in den kalten Nächten, welche häufig auf sehr warme Tage folgten, hinreichenden Schutz fand. Seine Koffer waren groß und stark und reichlich ausgestattet. Pieter Maritz betrachtete mit verwundertem Lächeln einen ledernen Kasten, der voll von Krystallbüchsen mit goldenen Deckeln war. In diesen Büchsen befanden sich Dinge, die für den Buernsohn neu und fremd waren: wohlriechende Seifen, Puder, Parfüms, Waschessig und allerhand Pomaden und Öle; daneben lagen mehrere Bürsten mit Elfenbeingriffen, Kämme und allerhand kleine Instrumente für die Nägel, lauter Dinge, über welche er gelacht haben würde, wenn er nicht selbst am Tage vorher schon dergleichen bei dem Haarkünstler in Pretoria gesehen hätte. Es hatte ihm, dessen Kamm und Bürste seine zehn Finger waren und der sich am Bache zu waschen pflegte, doch sehr wohl gethan, als der Friseur sein Haar so schön bearbeitet hatte.
Jetzt nahm Lord Fitzherbert von dem Mittelpfosten seines Zeltes, der mit Waffen behangen war, ein langes Schwert von fremdartiger Arbeit. Der Griff war ein Kreuz von grauem Stahl, mit goldenen Zieraten eingelegt, die Scheide war von schwarzem Leder mit goldglänzendem Ortband und hing an einem schwarzen Ledergurt. Er zog die Klinge heraus, eine zweischneidige spitze Klinge, und sagte: »Dies ist ein dauerhafter, feiner Stahl, eine alte Arbeit von einem Waffenschmied aus Toledo, und ich glaube, man könnte einen Zuluschild leicht damit durchbohren. Wenn Ihre eigentliche Waffe auch die Büchse ist, lieber Freund, so könnten Sie doch solch ein Ding gut daneben gebrauchen. Kein Gefühl in der ganzen Welt ist so schön wie das, mit einer guten Klinge in der Hand auf einem edlen Pferd zu reiten. Nehmen Sie diesen alten spanischen Degen als Gastgeschenk von mir an, Pieter Maritz!«
Pieter Maritz errötete vor Freude. Dann zog er seinen Ring hervor, den er von Tschetschwajo erhalten hatte, und überreichte ihn dem Lord. »Ich nehme den Degen mit Dank an,« sagte er, »und gebe Ihnen diesen Ring als Gegengeschenk.«
»O nein,« sagte Lord Fitzherbert, »das hieße, einen schönen Vorteil von Ihnen nehmen. Dieser Ring ist ein Schatz, und wenn Sie ihn in London verkaufen wollten, könnten Sie sehr viele Degen dafür bekommen. Aber damit Sie nicht denken, ich verschmähte ein Geschenk von Ihnen, so bitte ich um Ihren Hirschfänger. Er wird mir immer ein wertes Andenken an den treuen Kameraden unter den Zulus und den braven Räubern des alten wackeren Titus Afrikaner sein.«
Pieter Maritz gürtete den Hirschfänger ab, überreichte ihn dem Lord und nahm voll Entzücken den spanischen Degen. Dann gingen beide zusammen zu dem Zelte, wo die Dragoneroffiziere speisten. Es war ein langes Zelt mit gedieltem Fußboden, und die Leinenwände waren inwendig mit weißen und roten Zeugstreifen gedoppelt, so daß der lange breite Raum ein sehr freundliches Ansehen hatte. Eine lange Tafel für etwa vierzig Personen war gedeckt und sah noch glänzender aus als die Abendtafel beim Schatzsekretär in Pretoria. Sie war mit Silbergeschirr, feinem Porzellan und Krystall überaus reich besetzt. Glänzend war auch die Gesellschaft, lauter Offiziere in reichen Uniformen, teils von dem Dragonerregiment, teils von andern Truppengattungen, da auch die Kameraden des Lord Fitzherbert Gäste eingeladen hatten.
Lord Fitzherbert stellte den Buernsohn, der in seinem einfachen Anzuge sehr gegen die mit Gold, Silber, Sammet und prächtigen Farben bedeckten Uniformen abstach, den übrigen Offizieren vor, indem er sagte, dies sei der Jüngling, von dem er ihnen so oft erzählt habe, ein unvergleichlicher Reiter und das wackerste Herz. Sie schüttelten ihm darauf alle die Hand, und es war Pieter Maritz ganz wunderbar zu Mute, sich unter den strahlenden Offizieren, diesen vornehmen Leuten, so freundlich empfangen zu sehen. Auch der Franzose, der Leutnant Dubois, war zugegen. Er hatte die Einladung des Lord angenommen und schüttelte ebenfalls Pieter Maritz freundschaftlich die Hand, indem er sagte, es sei ein Glück, daß Lord Fitzherbert vorhin dazugekommen sei, denn er würde in der nächsten Minute wirklich geschossen haben.
Dann setzten sich alle zu Tisch, und Pieter Maritz zur Rechten seines Freundes. Eine bunte Gesellschaft von Dienern, teils Engländer, teils Schwarze und teils Indier mit Turbanen auf dem Kopfe, trug ausgesuchte Speisen auf, und es ward fröhlich getafelt. Allerhand Nachrichten über die Zulus schwirrten hin und her. Einer der Offiziere erzählte, daß das Zuluheer bei Isandula den fünften Teil seiner Mannschaften verloren habe und daß Tschetschwajo im Schrecken über so große Verluste sich an den Bischof Schröder von der norwegischen Mission gewandt habe, damit dieser den Frieden vermittele. Er wolle die Bedingungen des Gouvernements annehmen und habe bereits zum Zeichen seiner friedlichen Gesinnung tausend Ochsen an die Grenze gesandt, welche er dem Lord Chelmsford als Geschenk anbiete. Ein anderer Offizier sagte, man werde nach der Niederlage von Isandula keinen Frieden schließen, sondern die ganze Zulumacht zur Strafe in die Pfanne hauen. Lord Fitzherbert aber rief laut: »Ich habe Tschetschwajo und seine Armee kennen gelernt. Ihr kennt ihn schlecht, wenn ihr meint, er bäte um Frieden. Wie? Er hat uns jetzt beinahe ganz im Sacke, und ihr denkt, er kröche zu Kreuz? Er hat den dritten Teil von der Kolonne des Obersten Glyn aufgerieben; Oberst Wood muß sich ganz still bei Lüneburg halten und denkt nicht daran, über die Grenze zu gehen. Endlich die dritte Kolonne unter Oberst Pearson ist in Ekowe völlig eingeschlossen, so daß nicht eine Ratte aus dem Fort heraus kann, ohne von Assagaien aufgespießt zu werden. Wenn Tschetschwajo wüßte, wie es bei uns steht, so ginge er mit seiner Armee über den Buffalo, und er könnte durch ganz Natal marschieren, ohne daß wir ihn daran verhindern könnten.«
»Lord Fitzherbert hat recht,« sagte ein älterer Offizier. »Bis die Verstärkungen aus England kommen, müssen wir uns ganz still halten.«
Pieter Maritz hörte zu und ließ es sich gut schmecken. Aber er mußte viel dazu trinken, die englischen Offiziere hatten eine eigentümliche Sitte. Jeder der Anwesenden schickte der Reihe nach einen Diener an Lord Fitzherbert und ließ um die Ehre bitten, mit ihm und seinen Gästen ein Glas Wein zu trinken. Dann füllte Lord Fitzherbert dem Buernsohn, dem Franzosen und sich selbst das Glas, sie erhoben die Gläser, nickten dem Herrn zu, der geschickt hatte, und tranken mit jenem zusammen aus. Da dies die Reihe um ging, so war Pieter Maritz schon beim dritten Gange sehr vergnügt. Der Champagner, der ihm zu Anfang sehr stark vorgekommen war, floß jetzt wie Wasser durch seine Kehle. Doch verlor er dabei seine Überlegung nicht. Er dachte an die Aufgabe, welche ihm der Feldkorporal gestellt hatte, und hörte aufmerksam einem Gespräche zu, welches Lord Fitzherbert mit dem Franzosen führte. Dieser Franzose gefiel ihm gut. Etwas Kriegerisches und Abenteuerlustiges sprach aus den schwarzen Augen und dem runden braunen Gesicht. Die riesige Schmarre stand diesen Zügen gut; denn wenn sie auch nicht deren Schönheit erhöhte, so lieferte sie doch einen beständig sichtbaren Beleg für die Kriegserfahrung dieses alten Soldaten. Dubois erzählte, daß er den Auftrag erhalten habe, eine Abteilung leichter Reiter zu bilden. Im Kriege mit den Zulus zeige es sich als eine große Schwäche der englischen Armee, daß sie nicht genug Kavallerie habe.
»Ah, ihr Engländer!« rief der lebhafte Franzose, indem er mit den Händen gestikulierte, »ihr seid ein sonderbares Volk. Ihr schlagt euch famos. Alle Achtung! Aber ihr wißt nicht Krieg zu führen. Bei jedem neuen Kriege fangt ihr von vorn an zu lernen. Ihr geht in den Krieg wie zu einem Feste, und erst wenn der Feind eure ersten Truppen niedergemacht hat, fangt ihr an, Ernst zu zeigen. Ihr kennt gar keinen Sicherungsdienst, ihr legt euch in Feindesland ganz bequem ins Gras und eßt euer Beefsteak.«
Er sagte, daß mehrere Abteilungen leichter Kavallerie für den Vorpostendienst gebildet werden sollten, zu denen man Buern aus Transvaal, aus dem Oranjefreistaat und Natal anzuwerben denke. Mehrere Offiziere seien beauftragt worden, solche Truppen zu bilden, die dann unter höheren Offizieren zu Schwadronen vereinigt werden sollten.
»Können Sie mich gebrauchen?« fragte Pieter Maritz.
Der Lord sah ihn erstaunt an, und der Franzose machte ein erfreutes Gesicht.
»Ah, vortrefflich, vortrefflich!« sagte Leutnant Dubois, ihm die Hand entgegenstreckend. »Ich nehme Sie an, und Sie sollen mir einen Zug Reiter führen, vorausgesetzt, daß wir erst einen haben. Wie alt sind Sie? Ich denke, Sie müssen achtzehn Jahre sein.«
»Ich bin so ungefähr sechzehn,« entgegnete Pieter Maritz. Der Gedanke, einen Reiterzug zu führen, machte ihn schwindeln.
»Sechzehn!« sagte der Franzose. »Na, thut nichts. Es kommt auf die Fähigkeiten, nicht auf die Jahre an.«