Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 31
»Das ist Herr Paul Krüger, der Präsident der Republik,« erwiderte sie, wiederum lächelnd. Und dann setzte sie hinzu: »Sie kennen wohl alle diese Leute nicht; ich will Ihnen einige nennen. Der dort am oberen Ende der Tafel ist Herr Friedrich Jeppe, ein gelehrter Herr, der Astronomie und Geographie und viele andere schwierige Dinge versteht. Der Herr dort weiter nach der Seite hin, neben der Dame im lila Kleide, ist der Doktor Risseck. Er wird in einigen Tagen einen Ball geben und Sie hoffentlich auch einladen. Tanzen Sie denn gern, Herr Buurman?«
Pieter Maritz sah sie erstaunt an. »Tanzen weiße Menschen denn auch?« fragte er.
Die junge Dame lachte jetzt laut und herzlich.
»Ich möchte dagegen fragen,« sagte sie, »wer denn außer den weißen Menschen tanzt?«
»Ich habe König Tschetschwajos Frauen tanzen sehen,« entgegnete er, »und auch die Krieger bei den Zulus tanzen einen Kriegstanz.«
»Hier ist das anders,« sagte sie. »Bei uns tanzen nicht die Frauen allein und die Männer allein, sondern sie tanzen paarweise.«
Pieter Maritz schüttelte den Kopf. Das waren sonderbare Dinge, welche er da erfuhr. Doch war er jetzt sehr mutig geworden. Er hatte zwei Gläser von dem roten Wein -- seine Nachbarin sagte ihm, es sei Burgunder -- und dann noch ein Glas Champagner getrunken. Der Wein lief ihm wie Feuer durch die Adern, denn er war an Wasser gewöhnt und hatte außerdem nur einigemal in seinem Leben etwas leichtes Bier genossen.
»Wenn wir eingeladen werden,« sagte er, »so wollen wir beide zusammen tanzen.«
»Gut, das soll ein Wort sein,« sagte die junge Dame.
Das Abendessen war beendigt, als Pieter Maritz noch nicht halb satt war. Er hatte einen tüchtigen Appetit von seinem viertägigen Reisemarsch mitgebracht und war gar zu sehr beim Essen gestört worden, denn immer wieder fragte man ihn von rechts und von links, und er hatte den Kampf von Isandula wohl schon sechsmal erzählt.
Die Gesellschaft begab sich jetzt wieder in das große Gemach mit dem Kronleuchter, wo alle Fenster offen standen und eine erfrischende Luft vom Nachthimmel hereinwehte. Und jetzt stand Pieter Maritz eine neue Überraschung bevor. Seine Tischnachbarin setzte sich vor einen großen polierten Kasten, der auf drei Beinen ruhte, und machte Musik.
Er stand wie verzaubert. Wohl hatte er auf den Dörfern die Kalabaßviol gehört, auch in seiner Gemeinde gab es einen jungen Menschen, der die Mundharmonika gar lieblich zu blasen verstand, und in Ulundi hatte er den Gesang des Harems und den Schlachtgesang der Krieger oft gehört, aber diese Musik war etwas ganz anderes. Er glaubte, die Engel im Himmel, von denen ihm seine Großmutter erzählt, auf ihren schönsten Harfen und Geigen musizieren zu hören. Die Thränen kamen ihm in die Augen, und er stand in wahrer Verzückung von ferne und sah dem Spiel der zarten weißen Finger zu.
Es war ihm daher eine sehr unerfreuliche Störung, als sich plötzlich eine schwere Hand auf seine Schulter legte, und er den Feldkorporal Joubert neben sich stehen sah, der ihm sagte, er möge ihm in ein anderes Zimmer folgen, da er ihm etwas zu sagen habe. Ungern ging er mit dem gebieterischen Manne davon.
Sie gingen in ein kleineres Zimmer, wo ein großer Schreibtisch stand und wohin der Klang des Flügels nur verschwommen drang. Hier setzte sich der Feldkorporal auf das Sofa, ließ Pieter Maritz ebenfalls Platz nehmen und sagte:
»Junger Mann, Sie verstehen, wie ich glaube, vollständig englisch?«
»Jawohl, Mynheer,« sagte Pieter Maritz.
»Nun denn,« sagte Joubert, »Sie können der Republik einen Dienst erweisen. Sie wissen, daß die englische Regierung entgegen allem Recht und allen Verträgen das Gebiet der Republik besetzt und für britischen Kolonialbesitz erklärt hat, obwohl die Regierung von Transvaal energisch dagegen protestierte. Unter diesen Umständen kann es möglicherweise mit der Zeit einmal zu blutigen Zwistigkeiten zwischen uns und den Engländern kommen. Dem patriotischen Sinne des Sohnes von Andries Buurman ist dies doch einleuchtend?«
»Als mein Vater starb, sagte er mir, England sei unser einziger Feind, dies möge ich nie vergessen; und ich werde es nie vergessen,« erwiderte Pieter Maritz.
»Das war gesprochen, wie es sich für einen echten Buern geziemt,« sagte der Feldkorporal. »Nun hören Sie weiter, junger Mann. Es liegt mir daran, eine möglichst genaue Kenntnis der englischen Armee zu haben, welche jetzt in Südafrika steht. Ich möchte wissen, wo die einzelnen Abteilungen liegen, wie stark sie sind, wie viele Offiziere bei der Truppe sind, wie viele Pferde die Kavallerie und Artillerie haben, und noch viele andere Umstände möchte ich kennen, welche auf die Kriegstüchtigkeit von Einfluß sind. So möchte ich auch wissen, wie alt die englischen Mannschaften sind, ob sie stark oder schwach sind, wie sie schießen, welche Fechtart sie haben und ob die Leute den Offizieren gut gehorchen. Jetzt führen die Engländer Krieg gegen die Zulus, und da müssen sie zeigen, was sie können. Nun denke ich, daß Sie die geeignete Persönlichkeit sind, mir diese Nachrichten zu verschaffen. Machen Sie den Feldzug im Zululande mit, aber hüten Sie sich, daß Sie nicht im Kampfe getötet werden. Es kommt für Sie nicht aufs Fechten, sondern aufs Sehen an. Auf Ihre Klugheit kommt es an, den passenden Weg dazu zu finden. Schließen Sie sich den Freiwilligen aus Natal an, oder gehen Sie mit einem englischen Regimente. Das muß Ihrer Findigkeit überlassen bleiben. Geld und Empfehlungsbriefe für den Aufenthalt in Natal und bei den Buern der englischen Armee kann ich Ihnen geben, die Schlauheit müssen Sie selber hinzuthun. Über alles, was Sie sehen, erstatten Sie mir ausführlichen Bericht, aber nicht schriftlich, denn das werden Sie nicht können und wäre auch gefährlich, sondern mündlich. Wie ist es? Wollen Sie diesen Auftrag übernehmen?«
Pieter Maritz besann sich nicht lange. Dieser Auftrag des ersten Heerführers seines Volkes erschien ihm nur ehrenvoll.
»Ich werde es sehr gern thun,« sagte er, »und ich werde mich bemühen, alles gut zu machen. Aber zunächst muß ich meine Gemeinde aufsuchen, denn meine Mutter weiß nicht, ob ich noch lebe.«
»Gut,« sagte der Feldkorporal. »Suchen Sie Ihre Familie auf. Dazu ist Zeit. Dann aber kommen Sie wieder hierher und empfangen meine ferneren Weisungen. Es kommt mir darauf an, daß ... -- aber was ist das für ein Lärm?« fragte er, sich unterbrechend.
Ein Schreien und Tosen drang von der Straße her, und beide erhoben sich, um ans Fenster zu treten. Es war dunkel draußen, denn Pretoria hatte keine nächtliche Beleuchtung außer der, die vom Himmel kam. Eilig liefen Männer durch die Straße, jetzt kamen Reiter daher gesprengt, und viele riefen und schrieen. Englische Soldaten ohne Gewehr rannten vorbei, schwarze Männer und Frauen sprangen umher und schrieen, ein gewaltiger Schrecken schien die Bevölkerung erfaßt zu haben.
»Was giebt es?« rief der Feldkorporal den Leuten zu. Niemand antwortete.
»Feuer kann es nicht sein,« sagte Pieter Maritz, »ich sehe keinen roten Schein.«
Jetzt wurde es im Hause lebendig, das Spiel im Salon hörte auf, und die Gesellschaft lief suchend umher. Joubert und Pieter Maritz kehrten zu den andern zurück und fragten, was es gebe. Da kam einer der Diener schreckensbleich herein und rief: »Die Zulus kommen!«
»Unsinn!« brüllte der Feldkorporal mit donnernder Stimme. »Bleiben Sie ruhig, meine Damen, es ist unmöglich.«
Laute Schreie von weiblichen Stimmen antworteten, und die Männer sahen sich einander betroffen an. Pieter Maritz eilte hinaus, ergriff seine Büchse und kam wieder zurück. Er hielt es nicht für unmöglich, daß die Zulus kämen, da er ihre Schnelligkeit kannte, obwohl er nicht glaubte, daß sie wirklich so weit vorgedrungen wären. Er wollte nur für alle Fälle gerüstet sein.
»Es ist ganz unmöglich, daß die Zulus hier sind,« versicherte Joubert. »Meine Posten hätten es mir gemeldet. Beruhigen Sie sich, meine Herrschaften, es ist ein blinder Lärm. Ich will mich erkundigen, was er bedeutet.«
Die Festigkeit seines Wesens beruhigte die Gesellschaft in der That, obgleich das Lärmen draußen fortdauerte. »Zulu! Zulu!« schrie es auf den Straßen in vielerlei Ausdrucksweisen und aus dem Munde von Engländern, Holländern, Franzosen, Portugiesen und Kaffern. Trommeln und Hörner klangen aus dem englischen Lager herüber, und mehrere Schüsse krachten in der Ferne.
Der Feldkorporal, der Major Serpa Pinto und Pieter Maritz gingen jetzt hinaus und in der Richtung auf das englische Lager zu, während ihnen viele Soldaten in roten Röcken entgegenkamen. Vergeblich waren alle Fragen. Die Antwort lautete immer, die Zulus kämen. Endlich erschienen englische Offiziere mit gezogenen Säbeln, welche schalten und fluchten und die Soldaten nach dem Lager zurücktrieben, und es gewann mehr und mehr den Anschein, daß es so war, wie die drei vermuteten: daß nämlich nur ein panischer Schrecken über das Lager und die Stadt gekommen war. Die Niederlage von Isandula spukte in den Köpfen.
Einen der englischen Offiziere zu Pferde glaubte Pieter Maritz trotz der schwachen Beleuchtung zu erkennen. Das war die befehlshaberische Stimme, welche einen so hochmütigen Ton annehmen konnte, das war die schlanke Figur des Lord Adolphus Fitzherbert.
»Mylord Fitzherbert!« rief Pieter Maritz mit heller Stimme.
Der Offizier hielt sein Pferd an. »Hurra!« rief er, »das muß mein holländischer Freund sein.«
Pieter Maritz trat an das Pferd. »Ja, ich bin's,« sagte er.
Der Lord sprang aus dem Sattel und schüttelte fröhlich lachend dem Buernsohn die Hand. »Hurra! Altholland hoch!« rief er. »Das ist ja herrlich. Also Sie sind hier, mein teurer Freund! Wir müssen uns noch sehen, nur muß ich dies feige Volk erst heimtreiben helfen. Schon der Name Zulu treibt die Kerls in die Flucht. Es ist keine Spur von Zulus zu sehen.«
Noch einmal schüttelte er Pieter Maritz die Hand und dann schwang er sich wieder aufs Pferd. Pieter Maritz aber kehrte mit den beiden Herren zu der Gesellschaft zurück.
Zwanzigstes Kapitel
Die Anwerbung
Pieter Maritz erwachte am Morgen nach der Gesellschaft beim Schatzsekretär mit dem Gefühle, er habe einen schönen, wunderbaren Traum geträumt, und mußte sich erst recht darauf besinnen, daß er in Wahrheit mit den angesehensten Männern des Staates zu Nacht gegessen habe und nun im Besitze einer ungeheuren Summe Geldes und eines neuen Anzuges sei. Was war das für ein reizendes Gefühl, sich heute morgen im Bette zu dehnen und dabei zu denken, wie gut es ihm ging und welche Freude er seiner Mutter und seinen Geschwistern machen wollte. Er hatte gestern in den Magazinen und Läden eine Menge von Dingen gesehen, die daheim unter der Familie bei den Treckbuern großes Aufsehen erregen mußten, wenn er sie mitbrachte. Und er war ja reich genug, um fünf bis sechs Pfund springen zu lassen; den Rest freilich wollte er seiner Mutter in barem Gelde geben. Er lachte mit dem ganzen Gesicht vor Vergnügen, indem er sich ausmalte, wie die kleinen Geschwister sich wundern und wie sie herumtanzen würden, wenn er mit den Geschenken ankäme.
Er stand auf, besuchte Jager im Stalle und ließ sich dann Frühstück geben. Ein Mann von sonderbarer Erscheinung brachte ihm eine silberplattierte Schüssel voll Maisbrei mit Butter. Pieter Maritz hatte die verschiedenartigsten Hautfärbungen, von Gelbbraun durch die Farbe des dunklen Kaffers hindurch bis zum Ebenholzschwarz gesehen, aber dieser Mann erschien ihm doch wunderbar. Hier war die Haut bronzefarben, und dazu das schwarze Haar lang und fein, nicht rauh und lockig wie bei den Kaffern. Augen vom tiefsten Schwarz, groß und schwermütig, blickten aus dem goldgelben Gesicht, und die Nase war fein, mit schmalem Rücken, der Mund klein und fein, nicht mit wulstigen Lippen, wie dies bei den Farbigen in Südafrika die Regel ist. Pieter Maritz fragte ihn, woher er stamme, und er erwiderte, er sei ein Kuli aus Indien, der als Diener eines Engländers herübergekommen sei und nun in der Küche des Gasthauses helfe.
Nach dem Frühstück machte Pieter Maritz sich auf, um den Feldkorporal zu besuchen und sich wegen der Reise nach dem Norden zu erkundigen. Er fand Joubert in einem Gemache, dessen grüne Fenstergitter geöffnet waren, um die frische Morgenluft hereinzulassen, mit Karten auf dem Tische vor sich ausgebreitet. Der Feldkorporal trug eine leichte blauleinene Bluse mit einem weit offenen Hemdkragen; Pieter Maritz sah heute noch deutlicher wie am Tage vorher, welche Ähnlichkeit mit einem Löwen der berühmte Krieger mit seiner breiten hohen Stirn, dem dicken sträubenden Kopfhaar und dem wallenden Barte hatte.
»Sagen Sie mir doch, mein Junge,« sagte Joubert, sobald Pieter Maritz eingetreten war, »können denn die Engländer schießen?«
»Nein, Mynheer, sie können nicht schießen,« antwortete er. »Besser als die Zulus verstehen sie mit dem Gewehr umzugehen, aber richtig schießen können sie nicht.«
»Das habe ich mir wohl gedacht,« sagte der Feldkorporal. »Beschreiben Sie mir das Gefecht doch noch einmal recht deutlich. Wie kam es denn nur, daß Oberstleutnant Pulleine die schwarzen Teufel nicht früher bemerkte?«
Pieter Maritz gab eine genaue Darstellung alles dessen, was er am Tage von Isandula gesehen und gehört hatte, und der Feldkorporal hörte mit großer Aufmerksamkeit und sichtlichem Vergnügen zu. Er lachte auf und strich sich den Bart, als Pieter Maritz berichtete, daß er die Zulus schon lange vor ihrem Angriff hätte am Wege lauern sehen, während die Engländer nichts gemerkt hätten, und als er berichtete, wie der Kommandant des Lagers seinen Rat, die Wagen ineinander zu schieben, mißachtet hätte. Endlich, nachdem er alles erzählt hatte, fragte Pieter Maritz, wie er denn nun wohl seine Gemeinde fände? Er wollte so bald als möglich seine Familie aufsuchen und dann nach seiner Rückkehr sich dem englischen Heere anschließen.
»Ja, mein Junge, genau läßt sich das nicht sagen,« entgegnete der Feldkorporal. »Die Treckbuern sind ja sehr beweglich. Doch habe ich gehört, daß mehrere Gemeinden, unter denen auch die von Baas van der Goot, sich neuerdings nach der Gegend von Lydenburg gewandt hätten. Sie handeln dort mit Goldgräbern und Diamantwäschern und verdienen wahrscheinlich mehr als jene. Also reiten Sie einmal dorthin. Übermorgen geht eine Gesellschaft von hier nach Lydenburg ab, welcher Sie sich anschließen können.«
Pieter Maritz entfernte sich, nachdem der Feldkorporal ihn verabschiedet hatte, und ging nach dem Gasthause zurück, als er ein starkes Treiben von Menschen, Pferden und Wagen in den Straßen bemerkte. Er fragte einen Landsmann, was es zu bedeuten habe, daß so viele Leute nach einer und derselben Richtung zögen, und erfuhr von diesem, daß ein neues englisches Regiment in das Lager einrücken werde. Die Leute zögen dem Regiment aus Neugierde entgegen.
Pieter Maritz ging weiter und sah aus dem Hofe eines hübschen freundlichen Hauses zwei Herren und zwei Damen herausreiten. Sie bogen in derselben Richtung um die Ecke, in welcher alle andern Leute zogen, und wollten wohl auch das fremde Regiment sehen. Pieter Maritz glaubte in dem einen der Herren den Vater der jungen Dame von gestern abend wiedererkannt zu haben, und seine Vermutung ward zur Gewißheit, als er jetzt die junge Dame selbst am Fenster des Hauses erscheinen und den Fortreitenden nachblicken sah. Sie hatte kein so vergnügtes Gesicht wie gestern abend. Pieter Maritz war jetzt vor dem Hause angelangt. Er zog höflich seinen Hut und wünschte dem Fräulein einen guten Morgen.
»Sie sehen aber recht betrübt aus,« sagte er erschrocken.
Die junge Dame lächelte und nickte ihm zu.
»Ja, Herr Buurman, immer kann man nicht vergnügt sein,« sagte sie. »Zuweilen hat man auch Ärger. Oder haben Sie das noch nicht erlebt?«
»O doch,« sagte Pieter Maritz treuherzig, »und wenn ich sehe, daß Sie nicht vergnügt sind, da bin ich es auch nicht mehr.«
»Es ist sehr hübsch, daß Sie ein so mitleidiges Herz haben,« sagte die junge Dame, indem sie ihn mit ihren braunen Augen so lebhaft ansah, daß er errötete.
»Aber welchen Ärger haben Sie denn?« fragte er.
»Ja, sehen Sie, Herr Buurman, es ist gerade nichts Wichtiges, aber wenn ich mich auf etwas gefreut habe und dann kommt es anders, so ärgere ich mich auch bei Kleinigkeiten.«
»So geht es mir auch,« sagte Pieter Maritz.
»Ich wollte nämlich mit hinausreiten,« fuhr sie fort. »Aber mein Vater hat mein Pferd aus Höflichkeit meiner Tante gegeben. Es ist sehr hübsch, höflich zu sein, aber nun habe ich kein Pferd und sitze hier allein, während alle Welt draußen ist.«
»Ja,« sagte Pieter Maritz, »das ist freilich ärgerlich. Aber haben Sie denn noch einen Damensattel?«
»O, einen Sattel habe ich wohl, aber ich kann doch nicht auf dem Sattel reiten, wenn ich kein Pferd habe.«
»Wenn Sie nur den Sattel haben,« sagte Pieter Maritz, »so bringe ich Ihnen das Pferd dazu.«
Die junge Dame wurde rot vor Vergnügen. »O, Herr Buurman,« rief sie, »das wäre ja herrlich. Sie sind sehr liebenswürdig.«
»Ich will das Pferd holen, ich komme gleich zurück,« sagte Pieter Maritz.
»Und ich ziehe währenddessen mein Reitkleid an,« versetzte sie.
Pieter Maritz ging im eiligsten Schritt nach Hause, holte Jager aus dem Stall hervor, bürstete und rieb geschwind noch an dem braunen glänzenden Fell und führte das Tier am Zügel zu der Wohnung der jungen Dame. Sie stand schon im Hofe, die Schleppe ihres Reitkleides über dem Arm und den schwarzen Reithut auf dem Kopfe. Ihre Augen funkelten vor Freude, als sie Jager erblickte.
»Das schöne Tier!« rief sie jubelnd. »Wie freundlich Sie sind, Herr Buurman.«
Ein schwarzer Stallknecht brachte den Sattel, Pieter Maritz schnallte selber die Gurten, und dann schwang sich die junge Dame mit großer Gewandtheit auf Jagers Rücken.
»Ein wunderhübsches Pferd! Ich bin Ihnen sehr dankbar,« sagte sie, als sie im Sattel saß. -- »Aber wie rücksichtslos ich bin!« fuhr sie fort. »Nun können Sie wohl nicht hinausreiten?«
»Ich hatte gar nicht die Absicht,« entgegnete er.
»Nun dann -- schönsten Dank!« rief sie fröhlich nickend, und damit sprengte sie davon.
Pieter Maritz stand in der Hofthür und blickte ihr nachdenklich nach. Sein Gesicht war jetzt ebenso trübe, wie vorhin das ihrige. Er hatte wirklich vorher nicht die Absicht gehabt, hinauszureiten, aber nun bekam er doch große Lust, dabei zu sein. Er ging langsam nach dem Café de l'Europe zurück, und es kam ihm der Gedanke, er könne vielleicht ein anderes Pferd bekommen. Als er Jager geholt, hatte er freilich bemerkt, daß die Ställe sich sehr geleert hatten, doch waren noch drei Pferde dort gewesen. Er ging schneller und blickte, als er das Hotel erreicht hatte, gleich in den Stall. Nun war nur noch ein Pferd darin.
»Ich möchte ein Pferd haben, um hinauszureiten,« sagte er zu dem Stallknecht, der an der Thüre lehnte.
»Alles weg, Mynheer, nichts mehr da,« sagte der Mann.
»Ich sehe dort noch einen Gaul,« entgegnete Pieter Maritz.
Der Stallknecht, ein breitschulteriger Irländer, grinste. »Auf dem Vieh mag keiner reiten,« sagte er.
»Warum denn nicht?«
»Ja, Mynheer, mancher Mensch ist froh, wenn er seine Knochen säuberlich bei einander hat, und mag sich nicht auf eine Bestie setzen, wo er nachher die Mühe hat, seine Knochen erst aus den Chausseegräben zusammenzulesen.«
»Ei, ist der Gaul so schwierig?«
»Er ist gerade nicht so schwierig,« sagte der Stallknecht. »Sein Futter frißt er regelmäßig auf, und mit dem Putzen geht's auch noch. Nur hat er's nicht gern, wenn sich jemand auf seinen Rücken setzt. Sie glauben gar nicht, wieviel Beine er dann auf einmal kriegt. Er ist noch nicht zugeritten, will ich Ihnen sagen, und ich meinesteils wüßte auch niemand, der sich damit abgeben möchte, ihn zuzureiten. Denn es giebt ja gottlob hier zu Lande viele Gelegenheiten, sich den Hals zu brechen, und es hat keiner nötig, sich extra auf solche verteufelte Bestie zu setzen.«
Pieter Maritz ging in den Stand des Pferdes, streichelte ihm den Hals und sah sich das Tier an. Es war dunkelbraun und von kräftiger Figur. Es war noch jung und sah nicht bösartig aus, nur schien es viel Feuer zu haben. Seine Augen rollten sehr, als ob es begierig wäre, alles zu sehen.
»Na, hören Sie,« sagte er zu dem Stallknecht. »Ich will es mal probieren. Ich sähe gern die Engländer einziehen.«
»Ja, Mynheer, wenn Sie's wünschen, da kann's mir ja auch recht sein,« erwiderte jener, indem er bedächtig heranschlurfte. »Nur meine ich, Sie dürfen sich unterwegs über nichts wundern. 's kann sein, daß er auf den Beinen geht, 's kann aber auch sein, daß er auf dem Kopfe geht; und wenn das ist, so werden Sie die Engländer vielleicht verkehrt sehen.«
Pieter Maritz holte seinen eigenen Sattel herbei und legte ihn dem Tiere unter freundlichen Worten auf den Rücken. Es ließ sich das Satteln gefallen.
»Und nun will ich Ihnen sagen,« bemerkte der Stallknecht, indem er das Pferd im Stande aufzäumte, »nun wollen wir den Gaul rückwärts rausschieben, damit er nicht gleich merkt, wohin es geht. Er hat seine eigenen Ideen, wissen Sie.«
Er ließ das Pferd rückwärts bis in den Hof hinaustreten, und dann sprang Pieter Maritz schnell hinauf, während der Stallknecht den Kopf losließ und sich flüchtete. Er hatte klug daran gethan, sich aus dem Bereich der Hufe zu bringen, denn kaum fühlte das Tier, welches bis jetzt nur mit einer gewissen Spannung, langsam schnaufend, den Lauf der Dinge beobachtet hatte, das Gewicht des Reiters, als es mit allen vier Füßen zugleich in die Höhe sprang und dann, wieder auf dem Boden angelangt, sich wie ein Kreisel drehte und aus allen Kräften hinten ausschlug.