Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 30
Kurz bevor Pieter Maritz die ersten Häuser erreichte, ward er von einer kleinen Reiterschar überholt, welche im Trabe ritt. Es waren Buern, nach dem Schnitt ihres Anzugs zu schließen, doch waren sie unbewaffnet, und ihre Kleidung kam Pieter Maritz sehr fein und vornehm vor. Im Vorbeitraben warf der eine von ihnen, ein älterer Mann mit dunklem Vollbart, einen forschenden Blick auf Pieter Maritz, hielt dann sein Pferd an und fragte auf holländisch, wer er sei und woher er komme.
Pieter Maritz merkte, daß er mit einem angesehenen Manne zu thun habe, er zog den Hut und sagte der Wahrheit gemäß seinen Namen und dann, daß er von Isandula komme. Dies Wort verursachte Erregung unter dem kleinen Trupp, die Reiter umringten ihn und sahen ihn voll Neugierde an. Auf ihr Befragen erzählte er von seinen Erlebnissen des letzten Jahres und daß er von einer Gemeinde der Treckbuern im Norden komme. Baas van der Goot sei der Älteste seiner Gemeinde, und er wolle sich nun in Pretoria erkundigen, wie er seine Gemeinde wiederfinden könne.
Jetzt mischte sich ein zweiter der Reiter in das Gespräch, ein grimmig aussehender Mann mit funkelnden schwarzen Augen.
»Baas van der Goot,« sagte er, »der ist mir bekannt. Ein echter Buer, ein frommer und respektabler Mann und ausgezeichneter Büchsenschütze. Ich sah ihn vor zwei Jahren zuletzt, als ich ein Kommando an unserer nördlichen Grenze führte. Er hatte damals seine Schußliste auf 2700 Kaffern gebracht, die er mit eigener Hand getötet hatte.«
»Wer ist dieser Herr?« fragte Pieter Maritz beiseite einen dritten der Reiter.
Dieser lächelte. »Es ist der Feldkorporal Joubert,« erwiderte er.
Pieter Maritz sah nun den grimmigen Mann näher an. Das also war der gefürchtete Joubert, von dem er so oft die Männer seiner Gemeinde beim Lagerfeuer mit Bewunderung hatte reden hören.
»Sind Sie etwa der Sohn von Andries oder von Klaas Buurman?« fragte ihn dieser.
»Ich bin der Sohn von Andries,« antwortete Pieter Maritz. »Mein Vater fiel im Januar vorigen Jahres in einem Gefecht mit Betschuanen am Nylflusse.«
»Also Andries tot!« sagte der Feldkorporal. »Der war auch ein wackerer Mann, und sein Tod ist ein harter Verlust für die Republik. Ich hoffe, sein Sohn füllt dereinst seine Stelle aus.«
Er betrachtete bei diesen Worten mit Wohlgefallen die schlanke und kräftige Gestalt des jugendlichen Reiters.
Der Trupp war unter diesem Gespräch mit hinein in die Stadt gekommen, und Pieter Maritz bemerkte, daß alle Leute auf der Straße, mit Ausnahme der englischen Soldaten, die ihnen von Zeit zu Zeit begegneten, mit großer Ehrfurcht grüßten. Die stämmigen trotzigen Buern am Wege zogen ihre breiten Hüte tief ab, und Pieter Maritz erkannte die hohe Stellung, welche seine Begleiter einnehmen mußten.
Der Herr, welcher ihn zuerst angeredet hatte, ließ sich immer mehr von dem Kampfe der Engländer und vom Hofe Tschetschwajos erzählen, ward nicht müde, nach vielen Einzelheiten zu fragen, und tauschte mehrmals ein Lächeln oder ein kurzes Wort mit seinen Genossen aus. Die Geschichte von der Niederlage bei Isandula schien allen ein heimliches Vergnügen zu bereiten.
»Dieser junge Mensch hat interessante Erlebnisse gehabt,« sagte er endlich, sein Pferd auf einem freien Platze vor einem schönen großen Hause anhaltend. »Ich hoffe, Sie wiederzusehen, Mynheer Buurman.«
Pieter Maritz zog seinen Hut, da er merkte, daß er entlassen war, als ein anderer der Herren ihn anredete.
»Sie haben gewiß noch viel zu erzählen,« sagte er, »und ich wünschte, daß meine Freunde Ihre interessante Geschichte noch heute hörten. Wollen Sie heute abend zu mir kommen? Ein kleiner Kreis von Freunden wird zum Abendessen bei mir sein.«
Pieter Maritz errötete vor Vergnügen über die Ehre, welche ihm widerfuhr, aber er blickte unwillkürlich an sich hinunter. Er hatte das Gefühl, daß er unmöglich in seinem staubigen, fleckigen, buntscheckigen, ärmlichen Anzuge zu einem solchen Herrn gehen könne.
»Sie sind sehr gütig, Mynheer,« sagt er offenherzig, »aber gewiß sind Sie ein vornehmer Herr und haben ein Haus, das für mich zu schön ist. Ich würde gern kommen, denn ich bin hungrig geworden, aber ich will lieber versuchen, bei einem armen Manne Unterkunft zu finden.«
Die Herren lachten laut.
»Dieser junge Mensch hat einen guten Instinkt,« sagte der erste der Reiter. »Scheint er doch mit feiner Nase den Schatzmeister gerochen zu haben. Gewiß fehlt es Ihnen auch an barem Gelde, mein Freund.«
Er sprach so freundlich, daß Pieter Maritz sich nicht beleidigt fühlte, sondern offen sagte, daß er allerdings keinen Penny besäße und überhaupt noch kein Geld besessen hätte.
»Sie sind gerade an die richtige Quelle gekommen,« sagte der bärtige Herr, immer mehr lachend. »Es ist Mynheer Swart, der Staatssekretär des Schatzes, der Sie zum Abendessen geladen hat. Sagen Sie ihm nur, daß er für Ihre Börse sorgt. Ich denke, die Republik ist diesem jungen Manne verpflichtet und kann ihm eine Entschädigung für seine im Kriegsdienst erlittene Not zahlen.«
»Gewiß, das wird sie,« sagte der Schatzsekretär, indem er in die Brusttasche griff. »Sie wird auf der Stelle zahlen.«
»Hier, mein junger Freund,« fuhr er fort, »hier überreiche ich Ihnen fünfzig Pfund Sterling. Kaufen Sie sich neue Kleider, und ich rechne darauf, Sie heute abend um acht Uhr bei mir zu sehen.«
»Dieser junge Mensch weiß hier nicht Bescheid,« sagte der Feldkorporal, während Pieter Maritz dankend die Banknoten in die Tasche steckte. »Er wird auch kaum ein Quartier finden, denn die Stadt ist so voll wie ein Ei. Die Engländer liegen überall umher, eine Menge von Abenteurern und Spitzbuben, die immer im Gefolge der Engländer sind, füllen alle Gasthäuser an. Aber warten Sie, Sohn von Andries Buurman, ich werde Sie begleiten, und es müßte sonderbar zugehen, wenn ich nicht doch noch ein Kämmerchen für Sie auftriebe.«
Die Gruppe der Reiter trennte sich, und Pieter Maritz ritt mit dem Feldkorporal allein weiter. Noch schien die Sonne und erleuchtete Pretoria. Es war dem Knaben, als wandle er in einem Traume. Seine Tasche, in welcher er sonst wohl ein Stück getrocknetes Fleisch oder ein Stück Bindfaden oder einen ledernen Riemen zu tragen pflegte, kam ihm so schwer und dick vor, als trüge er dort einen Berg von Gold. Die paar dünnen Papierfetzen, welche für ihn eine Summe Geldes von fabelhafter Größe bedeuteten, schienen ihm von gewaltigem Gewicht zu sein. Er ritt neben dem berühmten Joubert und durch eine Stadt, wie er sie so schön und groß noch nie gesehen hatte. Was war Utrecht dagegen? Nur ein Dorf. Die Straßen waren breit und lang, und stellenweise waren sie in einem für Pieter Maritz sehr merkwürdigen Zustande, indem sie nämlich mit Steinen gepflastert waren. Als er das Klappern der Hufe unter sich hörte, zerbrach er sich den Kopf darüber, warum die Leute wohl den Weg so hart gemacht hätten. Die Häuser waren schön und fest, zwar zumeist nicht höher als ein Stockwerk, aber aus Stein erbaut und mit hellen Glasfenstern. Mehrere Kirchen waren zu sehen, die außerordentlich prächtig im Vergleich mit denen von Botschabelo waren. Durch die etwas bergauf und bergab laufenden Straßen zogen sich kleine Bäche mit hellem Wasser, auf denen Enten und Gänse schwammen. Schöne Gärten lagen neben den Häusern, und manche kleine Gebäude hatten große Fenster, in welchen allerhand schöne Dinge ausgestellt waren: Waffen und Reitzeug, Pfeifen und Cigarrenspitzen, bunte Stoffe, Kleider und Stiefel und tausend andere nützliche und angenehme Sachen.
An einem freien Platze, der mit Trauerweiden bepflanzt war, hielt der Feldkorporal sein Pferd vor einem großen, zweistöckigen Gebäude an. Es war ein Haus von besonderer Art, eine Veranda mit Leinendach sprang auf der einen Seite vor, und hier saßen viele Männer und Frauen an kleinen Tischen und tranken aus Gläsern und Tassen, die ihnen nicht nur von Schwarzen, sondern auch von eleganten jungen Herren mit weißen Westen und schwarzen, hinten spitz zulaufenden Röcken gebracht wurden. Englische Offiziere waren unter der Gesellschaft, manche fremdartige Gestalten und Anzüge, und die Frauen waren von einer für Pieter Maritz neuen Art: sie trugen leichte, wunderbar schöne Kleider und nicht etwa weiße Mützen wie die Bauernfrauen im Norden, sondern seltsame Deckel mit Federn, Blumen oder ausgestopften Vögeln auf dem Kopfe.
Eine große Inschrift in goldenen Buchstaben und in einer für Pieter Maritz fremden Sprache stand an dem Hause: ~Café de l'Europe~.
Der Feldkorporal winkte einen jener eleganten jungen Herren heran, die, wie Pieter Maritz nun zu seinem Erstaunen bemerkte, Diener waren, und fragte, ob noch ein Zimmer frei sei. Der junge Mann zuckte die Schultern, verbeugte sich, drehte den Kopf und sagte endlich, es sei kein einziges Zimmer frei.
»Zum Henker!« rief der Feldkorporal mit rauhem Tone, »es muß eins frei sein! Schaffen Sie Platz für meinen jungen Freund hier. Ich erwarte bestimmt, daß Sie ihm ein Zimmer schaffen.«
Der Kellner verbeugte sich sehr demütig von neuem und sagte, er wolle zusehen, ob es möglich sei; er hoffe, den General zufrieden stellen zu können.
»Nun,« sagte Herr Joubert, »Sie werden es einrichten, ich verlasse mich darauf. Auf Wiedersehen, Pieter Maritz!«
Er ritt davon, und Pieter Maritz stieg ab. Der Kellner rief einen Knecht herbei und trug diesem auf, das Pferd in den Stall zu führen, während er den Buernsohn bat, ihm in das Haus zu folgen. Aber Pieter Maritz nahm Jager am Zügel und sagte, er pflege das Pferd selbst abzusatteln. In Wahrheit traute er dem schönen Hause nicht recht. Es ging hier so ganz anders zu, als er es kannte, daß er nicht gewiß war, ob hier die Pferde auch wohl einen richtigen Stall und richtigen Hafer bekämen. So sorgte er denn selbst für Jager.
Außerordentlich schön kam ihm seine Kammer mit dem sauberen Bett, dem Teppich, dem Schrank und der übrigen Einrichtung vor. Nur machte ihm jetzt seine Neukleidung Sorge, und er wandte sich deshalb um Rat an den Kellner.
Der Kellner gab ihm Auskunft und machte sich, als er die Unerfahrenheit des jugendlichen Gastes bemerkte, selbst mit auf den Weg. Zunächst führte er Pieter Maritz zu einem Friseur. Dieser beschnitt die langen blonden Locken, so daß sie nur noch bis auf den Kragen fielen, denn vorher waren sie bis auf die Schultern herabgewallt, und kämmte und bürstete sie, so daß sie wie Gold glänzten. Auch wusch er das Haar mit wohlriechendem Wasser so daß Pieter Maritz nicht wußte, ob er über solche Späße lachen oder böse werden sollte. Hier wechselte er eine seiner Banknoten, indem er bezahlte.
Dann führte ihn der Kellner zum Kleidermagazin und riet ihm, sich einen Frack, schwarze Beinkleider, weiße Weste und weißes Halstuch zu kaufen. Aber Pieter Maritz ließ sich, obwohl ihm die Klugheit des Kellners und das städtische Wesen von Pretoria sehr imponierten, doch auf solche Dinge nicht ein. Als echter Buernsohn konnte er sich von dem althergebrachten Kostüm des Buern nicht befreien. Er wählte eine dunkelblaue Bluse mit vielen Taschen, ein schwarzes seidenes Halstuch und ein Beinkleid von Wildleder, welches in die Stiefeln zu stecken war. Dazu kaufte er in einem Wäschegeschäft zwei starke leinene Hemden mit breiten Umklappkragen und mehrere Paar Strümpfe. Hierauf ging es in ein Schuhmagazin, und er suchte sich ein Paar Reiterstiefeln mit weichen Schäften aus, die bis über die Kniee gingen. Endlich kaufte er in einem Hutladen einen braunen Filzhut mit handbreiter Krempe. Alles Gekaufte lud er selber auf den Arm und kehrte damit in das Hotel zurück. Dort spülte er in einem warmen Bade den Staub der Reise ab und kleidete sich dann neu. In seiner Kammer hing ein Spiegel, der wiederum ein für ihn ganz neuer Gegenstand war, und als er sich nun, frisch gewaschen und frisiert, mit dem reinen Hemdkragen im Spiegel sah, errötete er und war verlegen über das Seltsame dieses Anblicks.
Mittlerweile war es gegen acht Uhr geworden, wie sein an den Anblick des Himmels und die Beleuchtung der Erde gewöhnter Blick ihm sagte, er gürtete den Hirschfänger und den Patronengurt um und ergriff die Büchse, um zum Schatzsekretär zu gehen. Der freundliche Kellner, dem er zum Lohne für seine Hilfe zwei Schilling geschenkt hatte, wollte ihn hinführen.
Das Haus des Schatzsekretärs lag nur etwa zehn Minuten zu gehen vom Hotel entfernt, und der Kellner kehrte an der Hausthür um. In demselben Augenblick fuhr ein Wagen vor dem hell erleuchteten Hause vor, einer jener Wagen, wie sie Pieter Maritz nur in diesem südlichen Teile Transvaals in den Städten gesehen hatte: nicht von Ochsen gezogen, sondern von zwei Pferden, nicht mit Leinenverdeck, sondern von lackiertem Leder und mit Glasfenstern, ein zierliches schnelles Gefährt. Aus diesem Wagen stieg, als ein prachtvoll in Braun und Silber gekleideter Mann aus des Schatzsekretärs Hause den Schlag geöffnet hatte, ein Herr, der so gekleidet war wie die Kellner in dem Hotel, und hob ein junges Frauenzimmer heraus, welches ein langes blauseidenes Schleppkleid trug, ein schwarzes Mäntelchen und Blumen in dem braunen Haar.
Erschrocken flüchtete Pieter Maritz in das Haus und ward hier von zwei andern in Braun und Silber gekleideten Männern empfangen, die ihn höflich fragten, was er wünsche. Er sagte, daß er zum Abendessen geladen sei, aber die schön gekleideten Männer sahen ihn zweifelhaft an, schüttelten den Kopf, und einer von ihnen ging davon. Während Pieter Maritz aber nun betroffen auf dem Flur stand und sich in dem glänzenden Raum verlegen umsah, kam der ihm bekannte Herr aus einer Thür und begrüßte ihn lachend.
»Meine Diener fürchten sich vor Ihren Waffen,« sagte er zu Pieter Maritz. »Bitte, legen Sie ab und treten Sie näher.«
Die Diener nahmen ihm nun Büchse und Hirschfänger, sowie den schweren Patronengurt ab, und der Herr führte ihn am Arme in das Zimmer. Pieter Maritz ging stumm und starr neben seinem Führer. Das Zimmer war blendend hell erleuchtet, und Spiegel von Mannshöhe warfen das Licht zurück. Aber es ging noch weiter, durch das Zimmer hindurch in ein großes Gemach. Pieter Maritz drängte sich hier beim Eintreten ängstlich an seinen Führer an. Er sah vor sich eine Gesellschaft von wohl zwanzig Personen, Männern und Frauen. Die Männer waren alle wie die Kellner im Hotel gekleidet und hatten seltsame schwarze Scheiben in den Händen oder unter dem Arm. Die Frauen aber sahen so aus, daß Pieter Maritz, der gewohnt war, den Löwen und den Zulus unerschrocken ins Antlitz zu sehen, den Boden unter seinen Füßen wanken fühlte. Sie waren in langen, hellen, seidenen Gewändern gleich dem jungen Mädchen aus dem Wagen, und diese Gewänder erschienen ihm wunderbar schön. Sie hatten funkelnde Steine und Ketten gleich den vornehmsten Indunas in Ulundi um den Hals und um die Arme und zum Teil auch Blumen in ihrem Haar, das fast so künstlich frisiert wie bei den Zulus, aber an Farbe viel schöner war. Dazu hatten sie, was Pieter Maritz' Verwirrung vollendete, nackte Schultern und nackten Hals, und der Schimmer der weißen Haut war ihm, der nur glänzende schwarze Haut zu sehen gewohnt war, höchst seltsam und erschreckend. Hätte ihn sein Wirt nicht am Arme gehalten, so wäre er jetzt sachte davongeschlichen.
Aber er war der Mittelpunkt aller Blicke und ward festgehalten.
»Meine Herrschaften,« sagte der Staatssekretär mit lauter Stimme, »ich habe die Ehre, Ihnen hier einen der interessantesten Leute in Südafrika vorzustellen, Herrn Pieter Maritz Buurman, aus unserm nördlichen Gebiet stammend, der ein Jahr lang am Hofe des Zulukönigs gelebt hat und soeben vom Schlachtfelde von Isandula kommt.«
Ein allgemeiner Ruf der Verwunderung ging durch das große schöne Gemach, und Herren und Damen schritten mit freundlichen Grüßen und Worten auf ihn zu. Pieter Maritz wünschte, daß die Erde sich unter ihm öffnen und ihn verschlingen möge. Er biß die Zähne zusammen, ward blutrot und starrte auf den bunten Teppich zu seinen Füßen. Seine Hände zuckten, und er wußte nicht, wo er damit bleiben sollte, weil er die Büchse nicht fühlte. Es fiel ihm ein, als er an aller Händen weiße oder hellfarbige Handschuhe sah, daß seine Hände braun und rauh wie die eines Basuto waren.
»Ein wunderhübscher Junge,« hörte er eine der Damen flüstern.
Jetzt traten auch der Herr und die junge Dame herein, welche er schon vor der Hausthür gesehen hatte. Die junge Dame hatte ihr schwarzes Mäntelchen abgelegt und glich nun im Anzuge völlig den andern. Sie hatte Haar von der Farbe der Kastanien, und es ringelte sich bis zum Halse herab, ein paar rote Rosenknospen steckten über dem linken Ohre, und eine feine goldene Kette mit blauem Herzen schlang sich ihr um den weißen Hals. Die Begrüßung dieser neuen Gäste zerstreute die Menge etwas, und es gelang Pieter Maritz, hinter ein künstliches Gebüsch von blühenden Oleandern zu schlüpfen, von wo aus er die Gesellschaft und das Gemach betrachtete. Von der Mitte der Decke hing ein vergoldetes, kunstvolles Gestell herab, an welchem viele Kerzen steckten, so daß es taghell war. Die Stühle waren mit roter Seide überzogen, die Vorhänge vor den Fenstern waren aus zartem Spitzengewebe.
Doch nicht lange sollte er Ruhe haben. Kaum eine halbe Minute lang blieb er unentdeckt. Eine große Dame, die etwa so alt wie seine Mutter sein konnte und die einen prachtvollen Schmuck von gelben und violetten Steinen trug, kam in Begleitung eines älteren Herrn auf ihn zu, faßte ihn an der Hand und zog ihn wieder vor. Sie schleppte ihn in die Mitte der Gesellschaft unter den Kronleuchter und fragte ihn in einem Atem nach wohl zwanzig Dingen. Vor allem sollte er erzählen, wie viele Frauen der König Tschetschwajo habe.
Pieter Maritz sagte, es möchten alles in allem wohl sechshundert sein.
»Sechshundert Frauen!« rief die Dame laut. »Meine Herren, welch ein Mann!«
Pieter Maritz mußte viel von Tschetschwajo erzählen. Der schwarze König schien durch seinen Sieg über die Engländer eine gefeierte Persönlichkeit in Pretoria geworden zu sein. Pieter Maritz überwand nach und nach seine Schüchternheit, stand inmitten des ganzen Kreises, der sich um ihn drängte und der durch die Ankunft neuer Gäste immer größer wurde, und erzählte, wobei er ganz vergaß, daß er nicht mehr im Felde und im Biwak, sondern in einer ihn ängstigenden Versammlung war. Er hatte dankbare Zuhörer, sie nahmen ihm die Worte vom Munde und unterbrachen ihn oft durch Ausrufe der Verwunderung. Besonderen Eindruck machte Tschetschwajos Ring. Pieter Maritz trug ihn noch an dem Riemen um den Hals, und nun nahm er ihn ab, und der Ring ging von Hand zu Hand.
»O welch ein Ring!« riefen die Damen. »Welche Finger muß der König haben. Er ist also ein Riese!«
Jetzt kam eine neue Verlegenheit für Pieter Maritz. Ein Diener kündigte an, daß das Abendessen aufgetragen sei, und öffnete die Flügelthüren zu einem andern Gemach. Die Herren boten den Damen den Arm, um sie hinüberzuführen, und Pieter Maritz fühlte plötzlich wieder die frühere Angst. Wie sollte er sich jetzt benehmen?
»Bitte, führen Sie meine Nichte,« sagte ihm der Schatzsekretär, indem er ihn sanft der jungen Dame mit den Rosenknospen zuschob.
Er sah die junge Dame verzweiflungsvoll an, aber diese lächelte freundlich und war ihm behilflich bei seinem Ungeschick. Sie legte ihre schmale Hand auf seinen Arm und führte ihn in das Eßzimmer. Dort setzte er sich neben ihr an die lange glänzende Tafel. Er starrte hinauf und hinunter. Die Tafel war schneeweiß gedeckt und funkelte von silbernem Geschirr, Krystall und Porzellan. Helle geschliffene Karaffen mit dunkelrotem und gelbem Wein standen neben den Tellern. Messer und Gabel und Löffel, alles glänzte von Silber im Lichte vieler Lampen und Kerzen, künstliche Aufbaue inmitten des Tisches trugen Früchte und Konfekt.
»O diese braunen Hände!« seufzte Pieter Maritz für sich, als er sah, wie die Gesellschaft, unter der sich auch der grimmige Joubert und noch zwei der ihm bekannten Reiter befanden, die Handschuhe auszog und die Servietten auseinander faltete. Weiße Arme und zarte Hände bewegten sich links und rechts und überall, und er wagte nicht, sein Brot zu brechen, so hungrig er auch war.
Da fielen plötzlich seine Augen auf eine männliche Gestalt am Tische, ihm schräg gegenüber zur Linken der Frau vom Hause, der Gattin des Schatzsekretärs, und der Anblick dieser Gestalt, welche er im Gedränge bis jetzt noch nicht bemerkt hatte, beruhigte ihn, während sie ihn zugleich sehr interessierte. Es war ein Mann von kleiner zarter Figur, mit gelblichem, blassem Gesicht und langem, schwarzem Haar und Bart. Dieser hatte Hände, die ebenso braun waren wie die seinigen, und er war ebensowenig im Gesellschaftsanzuge. Er trug eine Bluse mit vielen Taschen, und diese Bluse war so schlecht wie die, welche Pieter Maritz ausgezogen hatte. Sie war fleckig und abgeschabt, an den kahlen Nähten mit Tinte überstrichen und an vielen Stellen geflickt.
»Wer ist der Mann?« fragte er seine jugendliche Nachbarin.
»Das ist der zweite Löwe, Sie sind der erste,« antwortete sie mit schelmischem Lächeln.
Verwundert sah Pieter Maritz sie an.
Sie begriff, daß er sich über den Ausdruck wunderte, und setzte hinzu: »Löwen nennen wir die interessanten Leute, welche Mittelpunkte der Gesellschaft sind. Der Herr kommt aus dem Innern Afrikas, er hat den ganzen Kontinent durchstreift, es ist der portugiesische Major Serpa Pinto.«
Währenddessen wurden die Speisen angeboten, und Pieter Maritz wußte nicht, was er aß. Obwohl an die königliche Tafel von Ulundi und an sehr zahlreiche Schüsseln gewöhnt, war er überrascht, hier oft nicht erkennen zu können, was die zierlichen Schalen und Näpfe enthielten. In Ulundi brachte man die Gerichte in Massen und ohne Verkleidung: die Brust eines Ochsen am Spieße, Ziegen und Antilopen in ganzer Gestalt, allerhand Gebäcke, denen anzusehen war, woraus sie bestanden. Aber hier gab es außer den erkennbaren Speisen so viele maskierte.
»Was sind das für Dinger?« fragte er seine Nachbarin, deren Freundlichkeit ihm Zutrauen eingeflößt hatte.
»Hier können Sie alles lesen,« antwortete sie, ihm einen schmalen Zettel reichend, der neben seinem Teller lag.
Der Zettel war mit Gold bedruckt und enthielt die Namen der Speisen.
»Das hier ist Gänseleberpastete,« sagte die junge Dame. »Vorher hatten wir Lammfrikassee; der durchsichtige gelbe Turm dort ist ein Pudding.«
Pieter Maritz aß und überwand bald mit Hilfe seiner freundlichen Nachbarin alle Scheu. Sie that nicht so, als ob seine Fragen den wilden Bewohner des Dorfes verrieten, sondern war ganz natürlich und mitteilsam. Nur machte es ihn noch verlegen, daß er alle Anwesenden zierlich mit Messer und Gabel in beiden Händen essen sah, während er selbst dieser Instrumente nicht Herr werden konnte. Er bemühte sich, den anderen nachzuahmen, aber immer wieder fuhren seine Finger auf den Teller und zweimal ließ er seine Gabel klirrend zu Boden fallen. Auch mußte er mehr sprechen, als ihm bei seinem Hunger lieb war, und mehreremal schluckte er einen Bissen hinab auf die Gefahr hin zu ersticken, um nur antworten zu können.
In dieser Unterhaltung kam es heraus, daß der Oberst Wood ihn vierzehn Tage lang in Utrecht hatte ins Gefängnis sperren lassen, und er mußte dies Erlebnis ausführlich erzählen. Als er nun berichtete, er habe sich einen Bürger der Südafrikanischen Republik genannt, riefen mehrere Herren am Tische laut Beifall, der Herr mit dem Vollbart aber, der ihn auf der Straße zuerst angeredet hatte, klopfte mit dem Messer an sein Glas und hielt eine kleine Rede, welche er damit schloß, daß er auf das Wohl der Südafrikanischen Republik trank. Da riefen alle Herren und Damen, indem sie von ihren Sitzen aufstanden, mit lauter Stimme: Hoch! und tranken ihre Gläser aus.
»Wer ist der Herr, der so schön redete?« fragte Pieter Maritz leise seine Nachbarin.