Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal

Part 3

Chapter 33,717 wordsPublic domain

Von neuem erschien das grimmige Lächeln auf dem Gesichte des alten Buern. »Mein Freund,« sagte er, »ich will nicht so weit gehen, zu behaupten, daß Ihr uns betrügt, obwohl es klug wäre, in jetziger Zeit sich vor jedermann zu hüten, der nicht von holländischem Blute ist. Ihr seid zwar kein Engländer, doch Ihr seid ein Deutscher. Aber ich behaupte, daß diese schlauen Halunken Euch betrügen. Sie sind ausgeschickt, um die Menge der Büchsen zu zählen, die wir ins Feld führen können.«

»Ihr sagt, ich wäre ein Deutscher,« rief der Missionar eifrig, »aber das darf Euch kein Grund des Argwohns sein. Niemals mischen wir Missionare uns in die Politik, wir halten uns fern von Händeln und vom Streit und sind alle Brüder, mögen wir Holländer, Engländer oder Deutsche sein. Dafür zum Beweise seht hier die heilige Schrift! Dies selbe Buch hat Euerm großen Landsmann van der Kemp gehört, aus seinen Händen ging es in die meines Lehrers, des Engländers Moffat, über, und nun lehre ich aus ihm die heilige Predigt.«

Der Missionar hatte bei diesen Worten ein vergilbtes und durch langen Gebrauch zerschabtes Buch aus der Tasche gezogen und zeigte es den Buern. Er war wohlbekannt mit dem Ansehen, welches gedruckte Schriften bei den in den unwirtlicheren Landstrichen Transvaals umherziehenden Buern noch immer genossen, und rechnete dazu auf den Namen des berühmten Missionars van der Kemp als auf eine Beglaubigung seiner Persönlichkeit. Er hatte sich in seiner klugen Berechnung nicht geirrt. Die Buern drängten sich neugierig zusammen und betrachteten ehrfurchtsvoll das alte Buch, ein Neues Testament in holländischer Sprache. Baas van der Goot griff in seine Tasche und zog ein großes ledernes Futteral hervor, aus welchem er eine ungeheure Brille mit schwarzer Horneinfassung nahm. Diese Brille setzte er auf die Nase und hielt das Buch auf Armslänge von sich ab. Seine Augen waren, wenn sie über den Lauf der Büchse wegsahen, so scharf wie die eines Falken, aber er hielt es der Würde der Sache für angemessen, beim Lesen eine Brille zu gebrauchen.

»Doktor Johann Theodosius van der Kemp, 1799,« las er mit lauter Stimme und dann den mit vergilbter Tinte von des Doktors Hand geschriebenen Spruch: »Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Leuten. Der Herr ist nahe.«

Der Spruch des Apostels und der Name des großen holländischen Missionars lenkten den Sinn des Baas auf einen andern Weg. Er klappte das Buch wieder zu, überreichte es ehrerbietig dem Eigentümer, räusperte sich und steckte seine Brille wieder in die Tasche.

»Was gedenkt Ihr zu thun, wenn ich diese Zulus ziehen lasse?« fragte er den Missionar. »Wohin werdet Ihr Euch wenden?«

Der Missionar rief die beiden Schwarzen zu sich heran, um sie durch seine persönliche Nähe besser schützen zu können, und erwiderte: »Ihr wißt, daß ich nur im Drange der Not gestern abend zu Euch stieß, denn mein Beruf ist nicht, mit Kriegsleuten zu ziehen. Ich werde meine Reise nach Südosten fortsetzen, um eine Station zu gründen an irgend einer Stelle, die Gott mir in seiner Gnade als eine günstige bezeichnen wird. Diese beiden Fremden werde ich mit mir nehmen als Gäste, so lange sie bei mir bleiben wollen, oder aber sie in ihre Heimat zurückkehren lassen, wenn sie das vorziehen.« Die Zulus sahen währenddessen den Missionar voll Dankbarkeit an, und ihre Augen funkelten von tiefem, unterdrücktem Gefühl.

»Es ist gut,« sagte der Älteste, »zieht in Frieden.«

»Auch mit Euch sei der Friede Gottes,« sagte der Missionar, indem er segnend seine Hände erhob. Dann wandte er sich und schritt in Begleitung der beiden von ihm geretteten schwarzen Männer dem Lager und seinem Wagen zu.

»Pieter Maritz!« rief Baas van der Goot.

Der Knabe näherte sich dem Ältesten, und dieser ging einige Schritte mit ihm auf die Seite, so daß er, ohne von den andern gehört zu werden, mit ihm reden konnte.

»Pieter Maritz, du wirst jetzt ein großer Junge,« sagte der alte Buer, ihn mit seinem strengen Auge messend. »Du wirst, wie ich denke, auch ein verständiger Junge sein. Dein Vater, Gott habe ihn selig, war einer unserer besten Männer, und deine Mutter ist eine fromme und tapfere Frau. Du wirst nicht aus der Art geschlagen sein, wie ich hoffe.«

Der Knabe errötete bei diesen Worten des Alten und blickte ihm erwartungsvoll fest ins Auge.

»Diese Zulus gefallen mir nicht,« fuhr der Baas fort. »Ich würde gern jemand mitschicken, der den Wagen des Herrn Missionars und die fremden Teufel begleitete. Denn ich möchte wohl sicher sein, daß sie auf guten Wegen bleiben und sich nicht etwa nach unsern Städten im Süden oder auch nach Osten, nach Lydenburg, hinschleichen und dort spionieren. Aber wir können keinen Mann entbehren. Deshalb habe ich daran gedacht, du solltest mitgehen. Ich werde mit deiner Mutter darüber reden. Du sollst den Herrn Missionar und seine Freunde begleiten und achtgeben. Merkst du, daß die Sache nicht richtig ist und daß die Zulus sich nach Lydenburg hin wenden oder gar in der Richtung auf Pretoria oder daß sie bei andern Gemeinden herumlauern, so schießt du sie nieder. Verstehst du mich?«

»Jawohl, Baas,« antwortete Pieter Maritz, dem das Herz von Stolz schwoll.

»Du wirst gut aufpassen, und du wirst zu Pferde sein,« fuhr der Älteste fort. »Das ist ein wichtiger und schwieriger Auftrag für deine jungen Jahre, also nimm dich zusammen. Wie und wann du zu uns wieder zurückkehrst, das ist deine Sorge. Knöpfe deine Augen und Ohren also hübsch auf, mein Junge. Warst ja soeben auch schnell bei der Hand, als du den Herrn Missionar herbeiholtest.«

Als Baas van der Goot so gesprochen hatte, ging er mit dem Knaben in den Lagerkreis zurück. Hier herrschte jetzt reges Leben, die Männer sahen nach ihren Waffen und Pferden, Frauen und Mädchen beschäftigten sich mit ihren Haushaltungen, saßen bei den Wagen, wuschen, nähten, melkten die Kühe und bereiteten das Frühstück für die Familien vor, die schwarzen Diener hockten um die Feuer und aßen Maisbrei aus dampfenden Töpfen. Über das alles goß eine hellstrahlende Sonne ihren blendenden Schein aus. Besondere Thätigkeit aber herrschte bei dem Wagen des Missionars. Seine drei schwarzen Diener, Jan, Kobus und Christian, banden die Seile los, mit denen die Hinterbeine der Ochsen zusammengebunden waren und trieben unter lautem Rufen die langhörnigen Tiere in eine Reihe zusammen. Sie hatten zolldicke Ochsenziemer von Rhinozeroshaut, die schrecklichen Sjambocks, in ihren schwarzen Fäusten, und laut schallend fielen die Hiebe, lange Streifen ziehend, auf das Fell der Ochsen. Paarweise ordneten sie die Tiere und schrieen dabei ein jedes mit seinem Namen an; denn alle vierundzwanzig Zugochsen, die zu diesem Wagen gehörten, hatten ihren eigenen Namen, den sie gut kannten. Dann schirrten sie sie paarweise an, indem sie sie an das lange, vorn an der Deichsel befestigte Zugseil heranstellten, welches aus vielen Riemen zusammengeflochten und mit den nötigen Jochhölzern versehen war, die den Tieren auf den Nacken gelegt wurden. Jedes Paar hatte sein bestimmtes Jochholz, einen schweren starken Ast, und wurde an demselben befestigt, indem ein viereckiges Gestell den Hals umfaßte und zugleich das Jochholz mit Stricken an den Hörnern festgebunden wurde.

Während dieser Zurüstungen stand der Missionar im Gespräch mit den beiden Zulus in der Nähe des Wagens. Sie unterredeten sich in der Bantusprache, welche sowohl die Schwarzen als der Missionar verstanden. Dieser kannte, seit langen Jahren in seinem schweren Berufe thätig und vielgewandert, viele Sprachen der schwarzen Völker. Bei dieser Unterredung aber fielen einige Bemerkungen, welche zeigten, daß der Argwohn des Baas van der Goot hinsichtlich der beiden Fremden nicht so ganz unbegründet war.

»Die Buern lieben es nicht, den Ton der englischen Sprache zu hören,« sagte der ältere von ihnen. »Die Engländer aber sind die Feinde der Zulus. Warum wollen nun die Buern die Zulus töten? Haben sie nicht dieselben Feinde wie wir?«

Der Missionar ward durch diese Worte unangenehm betroffen und sah dem Schwarzen prüfend ins Gesicht. Diese Leute hatten, seitdem er mit ihnen zusammen war, noch niemals über solche Dinge gesprochen, sondern nur nach den Lehren der christlichen Religion gefragt. Es schien ihm so, als habe die Aufregung der letzten Stunde und die drohende Todesgefahr ihren Mund gegen ihren Willen aufgeschlossen.

»Die Buern sind Christen gleich den Engländern,« entgegnete er, »und beide Völker sind nicht die Feinde der Zulus, sondern möchten sie glücklich machen, indem sie ihnen die Wahrheit über den großen Gott lehren, der alle Dinge erschaffen hat.«

Über das Antlitz des Zulu glitt ein Lächeln, und er verneigte sich höflich. »Mein Vater redet gewiß die Wahrheit,« sagte er, »aber er hat lange Zeit in einsamer Gegend gewohnt und weiß vielleicht nicht, was an den Grenzen vorgeht. So wissen auch diese Buern es vielleicht nicht, denn sonst würden sie ihre Schießgewehre nicht gegen die Gesandten Tschetschwajos erhoben haben.«

»Ich bekümmere mich nicht um Krieg und Handel,« sagte der Missionar ausweichend. »Ich bin ein Lehrer der frohen Botschaft, welche allen Menschen Frieden verkündigt.«

Der jüngere der Zulus mischte sich jetzt in das Gespräch, um ihm eine andere Wendung zu geben. »Tschetschwajo ist sehr stark,« sagte er. »Er ist der mächtige Elefant, der König der Könige, der König des Himmels. Er wird unserm Vater sehr dankbar sein, wenn er vernimmt, was er für uns gethan hat. Wird unser Vater uns erlauben, ihn ferner zu begleiten? Humbati und Molihabantschi können nicht sicher sein in diesen Landstrichen. Haben sie heute ihr Leben gerettet, so werden sie es morgen verlieren, denn die Buern streifen überall umher und werden sie sicherlich töten.«

»Es wäre mir lieber, ihr ginget euern eigenen Weg,« erwiderte der Missionar. »Seht zu, daß ihr so bald als möglich nach Hause kommt. Ihr seht, wie gefährlich es für euch ist, mit den Buern zusammenzutreffen, und ich bin nicht gewiß, euch immer beschützen zu können.«

Auf den Gesichtern der Zulus drückte sich Bestürzung aus. Sie sahen einander an und schwiegen eine Weile. Dann wandte sich der ältere von den beiden, Humbati, mit einer tiefen Verbeugung wieder an den Missionar und sagte mit demütigem, aber zugleich hofmännischem Wesen: »Mein Vater ist sehr mächtig und sehr gütig. Er wird seine Wohlthat nicht unvollendet lassen wollen. Die Gesandten des großen Königs werden die Güte des christlichen Lehrers zu preisen wissen, und sie werden des Königs Ohr offen finden. Tschetschwajo wird es den Missionaren in seinem Lande entgelten lassen, was unser Vater Gutes thut. Unser Vater möge uns erlauben, unter seinem Schutze weiterzureisen. Wir werden uns in dem rollenden Hause verborgen halten, wenn wir andern Weißen begegnen, oder wir werden unsers Vaters Sklaven sein auf der Reise.«

Der Missionar war unschlüssig, was er antworten sollte, da er ebensowohl wünschte, den Fremden seinen fernern Schutz zu gewähren, als auch fürchtete, in politische Händel verwickelt zu werden. Da näherten sich Baas van der Goot und Pieter Maritz. Der Knabe war mit Patronengurt und Hirschfänger ausgerüstet, trug die Büchse auf dem Rücken und führte Jager gesattelt neben sich her.

»Mein Freund,« sagte der Baas zu dem Missionar, »Ihr seid ein bejahrter Mann, und die schwarzen Schlingel, die Ihr zu Eurer Bedienung und Gesellschaft habt, werden Euch auf der Reise viel Sorge machen, da Ihr allein seid. Ich gebe Euch deshalb diesen jungen Menschen zur Hilfe mit. Er wird ein Auge auf die Schepsels haben und Euch zur Hand sein, wenn Ihr seiner Hilfe bedürfen solltet.«

Der Missionar sah nachdenklich vor sich hin und betrachtete dann den Knaben. Er fühlte die Bedeutung der Worte des Baas und merkte dessen Mißtrauen. Das entschied ihn, die bedrohten Zulumänner in seiner Begleitung zu behalten. Das Aussehen des Knaben gefiel ihm. Er hatte sich darüber gefreut, daß dieser ihn geweckt und herbeigeholt hatte, und war mit der Wahl dieser Begleitung zufrieden.

»Es ist gut,« sagte er, »ich danke Euch für Euere Sorglichkeit um mein Wohl.«

Der Baas ging und der Missionar reichte dem Knaben die Hand. »Wir wollen gute Freunde sein auf unserm Wege,« sagte er lächelnd. Der Knabe zog den Hut und küßte dem ehrwürdigen Geistlichen, dessen freundliches Antlitz ihm Ehrerbietung und Liebe einflößte, die braune, runzlige Hand. Dann schwang er sich in den Sattel und richtete seinen Blick aufmerksam auf die Vorbereitungen zur Abreise und besonders auf die beiden Zulus, welche in vornehmer Ruhe unbeweglich neben dem Wagen standen.

Die Ochsen waren jetzt sämtlich vorgespannt und bildeten, da ihrer zwölf Paare voreinander standen, eine sehr lange Reihe. Doch sah ihre Anschirrung noch sehr unordentlich aus, denn das Zugseil, an welchem sie alle ziehen sollten, lag manchen Tieren auf dem Rücken, bei manchen aber lag es wiederum zwischen dem Gespann am Boden. Es gab keinen gemeinsamen Zügel, sondern die farbigen Diener mußten neben den Tieren gehen und sie mit Peitschen lenken, einer von ihnen saß auf der Vorderkiste des Wagens, um die Hinterochsen anzutreiben. Diesen Platz hatte Kobus eingenommen, und als er sah, daß alle Tiere am Jochholz fest waren, schrie er mit gellender Stimme: »Treck!« Sämtliche Ochsen verstanden den Ruf und legten sich mit den Stirnen ins Geschirr, das harte Seil streifte über ihre Rücken fort, riß einen und den andern herum, der nicht in der rechten Richtung anzog, und setzte die gewaltige Maschine in Bewegung. Der Wagen war wohl vierzehn Fuß lang, vier Fuß breit, schwer aus mächtigem Holze erbaut, mit riesigen, dicken, eisenbeschlagenen Rädern, und glich mit seinem rund gespannten Leinwandzelt in der That einem rollenden Hause, wie der Zulu ihn genannt hatte.

Aber obwohl die Tiere angezogen hatten und nun gemessenen Schrittes vom Lager hinwegwandelten, hörten doch der Lärm und das Geschrei der Farbigen nicht auf. Jan und Christian rannten wie toll an ihnen auf und nieder und riefen einen jeden Ochsen mit seinem Namen an. Kobus schwang von seinem Sitze aus eine Peitsche, die einen zwölf Fuß langen Bambusstiel hatte und im ganzen wohl dreißig Fuß lang war, so daß er die vier hintersten Paare damit beherrschen konnte. Der Knall dieser Peitsche klang wie das Aufschlagen eines Zündhütchens und das Auftreffen ihrer Spitze riß einen blutigen Striemen in das Fell. Jan und Christian, angefeuert durch das Knallen dieses furchtbaren Instruments, fuhren mit den Sjambocks zwischen die vorderen Paare und ließen dicke, blutrünstige Schwielen auf den Rücken und Flanken der Ochsen aufschwellen.

Inzwischen war der Missionar in den Sattel gestiegen und ritt am Zuge hin. »Was schlagt ihr die Tiere so sehr?« rief er zürnend den Farbigen zu.

»Mynheer!« entgegnete Jan ihm achselzuckend, »der Ochs muß seinen Schlag haben, damit er gehorsam ist, und wenn der Ochs gehorsam ist, dann muß er doch seinen Schlag haben.«

Die Tiere waren unter diesen Hieben in einen schnelleren Gang gefallen, und so schwer der Wagen und so sandig der Boden war, zogen sie das schwankende und ächzende Gefährt doch in schnellem Trabe dahin. Aber das durfte nicht sein, denn sonst mußten die Tiere ihre Kräfte zu rasch verbrauchen. Jan, der jetzt die beiden an der Stirn durch einen Querriemen verbundenen Vorochsen führte, ließ den Riemen, an dem er sie leitete, los, stürzte mit erstaunlicher Behendigkeit vor, bückte sich und nahm einen faustgroßen Stein vom Boden auf. Diesen schleuderte er mit großer Geschicklichkeit gerade zwischen die Hörner des rechts gehenden Vorderochsen. Der Ochse stutzte und mit ihm hielt sein Nachbar inne.

»Avanhou! Avanhou!« brüllten alle drei Diener. Dazu griffen sie neue Steine von der Erde auf und warfen sie den Ochsen vor die Stirn. So mäßigte sich allgemach der Lauf der Tiere, und nun war nach Kobus' Ansicht die Gangart die richtige. Tief schnaufend, mit rollenden Augen und schlagenden Weichen schritten die vierundzwanzig Tiere dahin. Hinter ihnen rollte der Wagen, und seine Räder gruben sich in den Sand ein.

Der Missionar hatte sein Pferd hinter den Wagen gelenkt, und neben ihm schritten die Gesandten des Zulukönigs, leichtfüßig mit weiten Schritten einhergehend. Pieter Maritz schloß den Zug. Er war seiner Aufgabe eingedenk und verließ die Fremden nicht mit einem Blicke.

So wich das Lager der Buern hinter ihnen zurück, und das blaue Rauchfähnchen über dem weiten Wagenkreise verschwamm allmählich den Augen der Rückschauenden im klaren Äther. Vor ihnen öffnete sich im Morgenglanz ein weites Land voll Schönheit, aber auch voll Gefahren.

Drittes Kapitel

Auf der Reise

Das Land, welches die Reisenden durchmaßen, war sehr eben, und das Auge erkannte bei der Durchsichtigkeit und Klarheit der Luft jener südlichen Gegenden auch entfernte Gegenstände mit großer Deutlichkeit. Der Boden ward immer mehr mit Gras und Kräutern bedeckt, je weiter sie zogen, und die dürren Sandflächen des nördlichen Landstrichs, aus dem sie kamen, verloren sich ganz. Oft sah Pieter Maritz in weiter Entfernung Herden der Springböcke und Gnus erscheinen, die in der Ebene weideten und die in langen Sprüngen verschwanden, wenn ihr feines Gehör den Lärm des Wagenzugs vernahm. Zuweilen war das Gras so hoch, daß es über den Hörnern der Ochsen zusammenschlug und nur die Reiter noch einen freien Umblick hatten. Dann wühlten sich die Ochsen und der Wagen mühsam eine Furche und ließen einen fest gestampften Weg hinter sich, der einem Engpasse gleich dahinlief. Bald war das Gras niedrig und mit vielen schön duftenden, bunten Blumen untermischt. Dann tauchten zahlreiche Völker von Rebhühnern, Perlhühnern und Fasanen vor und neben dem Wagen auf. Sie waren so wenig scheu, daß sie erst dicht vor den Hufen der Ochsen emporflogen, und die Schwarzen fingen mehrere von ihnen mit den Händen oder erlegten sie mit einem Schlage der langen Peitsche. Sie warfen die erjagten Tiere in den Wagen, um sie beim Abendessen zuzubereiten.

Oft ward Jager unruhig und blies seine Nüstern auf, wenn er das gehörnte Wild, Antilopen kleiner und größerer Arten witterte, und Pieter Maritz fühlte, wie er vorwärts strebte zur Jagd. Aber der Knabe gedachte seiner Aufgabe, ein wachsames Auge auf die Zulus zu haben, und dämpfte den Eifer seines Rosses.

Nach dreistündiger Fahrt wurde in der Nähe eines Teiches Halt gemacht. Die Ochsen wurden ausgespannt und stürzten sich alsbald in das Wasser. Es wurde Kaffee gekocht und gefrühstückt. Dann nach zweistündiger Rast wurden die Ochsen wieder eingefangen, und die Fahrt fortgesetzt.

So ging die Reise bis Mittag weiter, als das Land hügelig zu werden anfing. Kleine Höhenzüge wechselten mit sanften Thälern ab, und helle Bäche liefen im Grunde der Thäler. Mühsam schleppten die Ochsen den Wagen bergauf, und unter vielem Geschrei der Schwarzen und kräftigem Gegenstemmen der Zugochsen ging es auf der andern Seite bergab. Dann schlürften die Tiere, indem sie den Bach durchschritten, mit gierigen Mäulern das erfrischende Naß. Die Diener aber gossen das Wasserfaß aus, welches im Wagen mitgeführt wurde, und füllten es neu.

Nun gelangte der Wagen an ein größeres Flüßchen, welches zwischen tiefen Uferrändern dahinfloß und nicht zu überschreiten war. Doch führte ein Weg längs des Wassers hin, ein Weg, der durch tief eingedrückte Räderspuren bezeichnet war und andeutete, daß hier ein häufiger Verkehr sein mußte und vermutlich auch eine Furt zu finden war, welche es gestatten würde, den Fluß zu durchmessen. Trauerweiden und ein dichtes Gebüsch von Butterbäumen und Speckbäumen, deren Stämme so weich sind, daß man sie mit einem Messer durchschneiden kann, säumten das Ufer ein, und in diesem Dickicht ging die Fahrt längs des Flusses hin. Da ließ sich in der Entfernung ein Lärm hören, der immer lauter wurde, je weiter der Zug vorwärts kam. Peitschenknallen und Ochsengebrüll, dazu gellende Rufe ertönten, dann ward es plötzlich still, und dann erhob sich der Lärm mit erneuter Kraft. Mit einem Mal erscholl in der Nähe ein lautes Platschen und Poltern und der Schreckensruf von verschiedenen Stimmen.

Pieter Maritz drängte sein Pferd an dem Wagen vorbei, um zu sehen, was vorginge, und erreichte eine Öffnung in dem Gebüsch, welches die Aussicht auf den Fluß versperrte. Da sah er nun die Ursache des Lärms und des Schreckens. Hier war die Furt, und inmitten der seichten Stelle im Wasser lag ein langer, ziegelrot angestrichener Wagen in jämmerlichem Zustande. Er lag auf der Seite, zwei Räder sahen aus dem Wasser heraus, und um die Räder herum schwammen Kisten und Tonnen, die aus dem Wagen hervorgetaucht waren. Mehrere Männer standen bis an die Brust im Wasser, schrieen laut und bemühten sich, die schwimmenden Gegenstände zu retten, damit sie nicht vom Wasser fortgespült würden. Ein langer Zug von Ochsen stand in großer Verwirrung vor dem umgestürzten Wagen. Die vordersten Paare waren schon am Ufer und im Trockenen, während die im Wasser stehenden sich hin und her wandten und bald anzogen, bald sich stemmten.

Pieter Maritz ritt alsbald ins Wasser hinein und rief seinen Begleitern zu, sie möchten hilfreiche Hand anlegen. So kam auch der Missionar mit seinen Dienern heran, und auch die Zulus sprangen alsbald ins Wasser und halfen die schwimmenden Sachen ans Land bringen. Mit großer Mühe gelang es dann endlich, auch den Wagen wieder aufzurichten und ihn von den Ochsen auf das Ufer ziehen zu lassen. Hier war nun ein Zustand großer Not. Der Besitzer des verunglückten Wagens, ein langer, hagerer Mann mit gelbem Gesicht und langem, schwarzem Bart, wehklagte laut und lief hin und her, um die Kisten und Kasten zu betrachten, die naß im Grase lagen. Dann ließ er sie öffnen, und seine farbigen Leute zogen allerhand Bänder und Tücher, Zeug und fertige Kleider, Leinwand und Wäsche heraus. Alles tropfte von Wasser, und die Klagen des Eigentümers wurden immer lauter.

»Gott der gerechte!« rief er einmal über das andere, »ist mir verloren die Hälfte des Wertes!«

»Wer seid Ihr, Freund?« fragte ihn der Missionar.

»Ich bin der Smaus Abraham ten Winkel,« sagte der schwarzbärtige Mann. »Gott der gerechte, welch ein Verlust!«

Damit fiel er über einen Salzsack her, der im Grase lag, hob ihn in die Höhe und sah mit großer Betrübnis, wie die Tropfen aus dem Sacke liefen. »Ist mir das halbe Salz ausgelaufen!«

Dann ergriff er einen Kasten, der mit Nägeln gefüllt war, und rüttelte ihn verzweiflungsvoll. »Werden mir alle verrosten!« rief er. »Und der feine Rollenkanaster!« hub er von neuem an, indem er von dem Kasten zu einer kleinen Tonne ging. »Hu, wie naß ist der Tabak! Wird ihn keiner mehr rauchen wollen, ist das ganze Aroma pleite gegangen!«

Doch nun ergriff der Smaus wirksame Maßregeln, seinen Schaden möglichst gering werden zu lassen. Er ließ alle seine durchnäßten Zeuge an dem Gebüsch zum Trocknen aufhängen, und es gewährte einen wunderlichen Anblick, das Ufer mit den bunten Stoffen und Blusen, Beinkleidern und Frauenkleidern behängt zu sehen. Tabak und Salz legte er in die Sonne und die Nägel trocknete er mit einem wollenen Tuche ab.

Bei alledem ließ er seine schwarzen Augen unaufhörlich hin und her rollen, von einem zum andern, um zu sehen, ob ihm keiner der Fremden etwas entwendete. Besonders hatte er die Schepsels in Obacht.

»Wartet nur, ihr sollt kriegen,« rief er. »Ihr habt mir geholfen, und ich will es euch lohnen, aber wartet nur, Geduld müßt ihr haben.«