Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 29
Unser Feind ist England, hatte ihm sein sterbender Vater gesagt. Er wollte sich nicht in den Kampf mischen, sondern der Schnelligkeit seines Pferdes vertrauen, um der Gefangenschaft und dem Tode zu entrinnen. Aber obwohl er jetzt die Gelegenheit hätte benutzen können, um davonzureiten, bannte ihn doch die Begierde zu sehen an die Stelle. Er war ganz Auge, er konnte sich von dem Schauspiel, das sich jetzt bot, nicht losreißen, so gefährlich es auch war, noch länger in dem von drei Seiten bedrohten Lager zu bleiben, und so klar er auch einsah, was die andern alle nicht wußten, daß ein großes Heer unter Dabulamanzi zum Angriff heranrücke.
Aber bald wurde dies auch den Engländern klar, und lautlose erwartungsvolle Stille lastete auf dem ganzen Lager. Denn nun erschienen hinter den zerstreut kämpfenden Schützenschwärmen der Zulus lange schwarze Reihen auf den gegenüberliegenden Höhen. Es war ein drohender Anblick. Soweit sich der Halbkreis der Schützen erstreckt hatte, so weit stand es jetzt gleich einer dunkeln Mauer von geschlossenen Abteilungen. Nur war die Mauer in Bewegung. Regiment neben Regiment stieg die Höhen herab nach dem Lager zu, und schon konnten die verschiedenen Farben erkannt werden.
Pieter Maritz sah in der Mitte der Angriffslinie das Regiment des Königs und unterschied die roten, die weißen und die schwarzen Schilde in der langen Schlachtlinie. Jetzt erkannte er auch den Prinzen Dabulamanzi selbst, der zu Pferde durch die Reihen jagte. Ein Sonnenstrahl ließ den Goldreif auf seinem Kopfe leuchten.
Als nun die englischen Truppen sahen, wer ihnen gegenüberstand, und als es keinem in der kleinen Schaar mehr verborgen bleiben konnte, welche Übermacht herankam und in welcher kriegerischen Ordnung die Zulus vorrückten, da ging es wie Todesahnung durch die Reihen. Viele Gesichter wurden bleich, die Freunde und Kameraden sahen einander an, aber nur noch enger schlossen sich die Kämpfer aneinander, und grimmige Entschlossenheit sprach aus der Haltung wie aus den Mienen der Europäer. Aber auch die schwarzen Truppen zeigten sich wacker. Wenn auch einige der Zulus im Lager voll Schrecken den Rücken wandten und davonliefen, so ließ sich doch die Hauptmasse von den englischen Offizieren in Reihe und Glied stellen, und die berittenen Basutos schwärmten umher und schossen auf die vordringenden Schützen der feindlichen Armee.
Die Zuluregimenter waren jetzt so nahe gekommen, daß die Geschütze wirksam auf sie schießen konnten, und nun feuerten die englischen Artilleristen, so rasch sie konnten, Shrapnels und Raketen. Der Donner der Kanonen war für Pieter Maritz etwas Neues, und er sah gespannt auf die Wirkung dieser Schüsse. Der erste Shrapnel zersprang über dem Regiment des Königs, wie ein leichtes weißes Wölkchen über der dichten schwarzen Masse anzeigte. Der zweite schlug in das vorderste Glied desselben Regiments ein und riß eine Lücke durch die ganze Tiefe hindurch. Aber der Vormarsch der Zulus stockte keinen Augenblick, die Lücke schloß sich wieder. Shrapnels wie Raketen, die nun Schlag auf Schlag in die völlig frei herankommenden Massen fuhren, waren nicht imstande, deren Ordnung zu stören, und wenn auch zahlreiche schwarze Flecke hinter den vordringenden Linien erschienen, die Leiber der Toten und Verwundeten, so trat doch keine Stockung im Angriff ein.
Mit Bewunderung sah Pieter Maritz die Ausführung dieses Angriffs an. Er hatte unwillkürlich sein Pferd vorgehen lassen und hielt dicht hinter dem Oberstleutnant Pulleine, der nebst mehreren andern Offizieren zu Pferde neben der Artillerie hielt. Auch die Engländer waren voll Verwunderung über die Ordnung beim Feinde und sprachen sich, obwohl sie ihren nahen Tod vor Augen sahen, wie Kenner bei einem gleichgültigen Anblick aus.
Hinter den langen Linien der geschlossenen Regimenter, welche sich anfänglich gezeigt hatten und nun im Feuer der Artillerie und der Infanterie herankamen, zeigte sich jetzt eine andere dunkle Masse, welche der vorderen Linie als Unterstützung zu dienen schien. Sie hielt sich einen Büchsenschuß weit hinter der vorderen Linie in sehr tiefer massenhafter Aufstellung und mochte eine Abteilung von fünftausend Mann sein, während wohl fünfzehntausend Mann vorn in lang entfalteter Linie waren. Diese führten nun in größter Ordnung das Manöver aus, von welchem Pieter Maritz hatte berichten hören. Das Regiment des Königs, welches in der Mitte war, marschierte im Schritt gerade auf die englische Artillerie los, die beiden Flügel aber waren im Lauf, und so krümmte sich der Bogen der schwarzen Armee immer mehr, um das englische Lager zu umfassen.
Da die Zuluregimenter ganz ohne Deckung von den Höhen herab in das Thal liefen und dicht geschlossen, acht Reihen hintereinander, formiert waren, hatten sie sehr starke Verluste. Nicht allein traf jeder Shrapnel und riß die Leute haufenweise nieder, sondern auch die englische Infanterie richtete große Verheerungen unter dem Feinde an. Sie stand in Linie, so daß jedes Gewehr feuern konnte, und die Leute schossen in kaltem Ingrimm ausgezeichnet, so daß die Reihen der Angreifer immer wieder sich erneuern und zusammenschließen mußten. Die vorgehaltenen Schilde nützten nichts, die Kugeln der Gewehre schlugen hindurch, und unzählige Zulus stürzten nieder.
Doch auch das kleine Heer der Engländer hatte Verluste. Nachdem schon mehrere Leute von den Kugeln der feindlichen Schützen getroffen worden waren, fingen auch die Salven der geschlossenen Regimenter zu wirken an. Denn die Zulus feuerten stark und heftig während ihres Vormarsches. Die Indunas ließen die Regimenter halten, die vorderen Glieder feuern und dann die ganze Masse weiterstürmen. Die Kugeln flogen dicht, und mehr als eine war schon nahe an Pieter Maritz' Ohren vorbeigepfiffen. Doch war das Feuer der Zulus an Wirksamkeit nicht mit dem der Engländer zu vergleichen, und das Blut der Weißen zeigte seine Überlegenheit im Gefecht sehr deutlich. Pieter Maritz glaubte es dem Feinde anzusehen, daß er sich sehnte, mit Schießen aufhören und zur Nationalwaffe, zum Assagai, greifen zu können. Mehr als einmal zuckten seine Hände nach der Büchse, aber das Gefühl, daß er weder die Pflicht noch das Recht habe, am Kampfe teilzunehmen, hielt ihn zurück.
Der nahe Feind, dessen donnernder Schlachtgesang nun beinahe das Knattern des Gewehrfeuers und selbst den Donner der Geschütze übertönte, übte indessen jetzt durch seinen Anblick einen starken Druck auf die schwarzen Truppen unter dem englischen Heere aus. Die Basutos hatten sich zerstreut und waren nicht mehr zu erblicken, die Zulus konnten kaum durch Säbelhiebe und Revolverschüsse der englischen Offiziere und Unteroffiziere zusammengehalten werden, und ein Teil von ihnen war in voller Flucht nach der einzigen Seite hin, welche noch offen war. Pieter Maritz sagte sich, daß auch für ihn die Zeit gekommen sei, wo er an seine Rettung denken müsse. Bald mußten die Zulus das Lager völlig umklammert haben, und dann war er mit den anderen verloren. Der Augenblick war nicht mehr ferne, wo die Zulus anfangen würden, ihre Assagaien zu werfen, und wenn sie erst so nahe heran wären, sagte er sich, dann würde es zu spät sein, noch zu fliehen. Indem Pieter Maritz so überlegte und doch halb und halb Lust hatte, mit den Europäern zu kämpfen und zu fallen, weil der Pulverdampf und das Getöse des Kampfes seine Sinne mit der Trunkenheit der Kampflust zu umnebeln anfingen, sah er neben sich eine Scene, die ihn entschied. Ein englischer Offizier, dessen Gesicht und Uniform ihm bekannt waren und den er sich erinnerte, bei La Trobe Lonsdales Truppe gesehen zu haben, hatte auf einem der Wagen gelegen, weil er verwundet war. Sein linker Arm war verbunden. Beim Beginn des Kampfes war er vom Wagen gestiegen, hatte das Gewehr eines erschossenen Infanteristen ergriffen, sein Pferd am Zügel genommen, und, das Pferd an seiner Seite, auf den Feind geschossen. Jetzt aber legte er das Gewehr nieder, bestieg sein Pferd und ritt eiligst davon. Als Pieter Maritz dies sah und zugleich erkannte, daß der einzige Rückzugsweg, welcher noch offen war, mit jedem Augenblick schmaler wurde, wandte er Jager, drückte die Kniee an den Sattel und flog im schnellsten Galopp davon. Schrecklich dröhnte hinter ihm das Feuer vieler tausend Gewehre, das Krachen der Kanonen und das wilde Rufen der angreifenden Zulus.
Pieter Maritz ritt einige Minuten und blickte sich dann um. Er befand sich auf einer Höhe, von wo aus er das Schlachtfeld übersehen konnte, und war dem Kampfe so nahe, daß er deutlich die einzelnen Personen unterschied. Unwiderstehlich zog der schreckliche Anblick ihn an, so daß er halten blieb und unverwandten starren Auges zusah, obwohl die Gefahr in so bedrohlicher Nähe war. Die Zulus waren jetzt auf hundert Schritte von der unbeweglichen Linie der englischen Infanterie angekommen und warfen zweimal ihre Assagaien. Dann ergriffen sie ihre Lieblingswaffe, den Stoßassagai und rannten mit dämonisch wildem Rufe, mit jenen entsetzlich gellenden Tönen, die Pieter Maritz von den Manövern her kannte, zum Handgemenge mit den Weißen vor. Die Engländer wichen keinen Schritt. Sicher, daß sie sterben mußten, wollten sie ihr Leben teuer verkaufen. Bis zur letzten Sekunde setzten sie ihr schnelles, sicheres Feuern fort, so daß die Zulus reihenweise stürzten, und dann hielten sie dem wilden schwarzen Feinde das Bajonett vor. Aber die Zulus waren durch nichts aufzuhalten. Wie die Teufel sprangen sie heran, ihre Federbüsche flatterten im Pulverrauch, die grellen Farben ihrer Haut und ihrer Waffenstücke schienen durch den Dampf hindurch, und ihre rauhen Kehlen stießen die unheimlichsten Töne aus. Sie waren in solcher Kampfeswut, daß sie die Gefallenen vom Boden in die Höhe rissen und als Schilde vor sich hertrugen, ja daß sie die Körper der eigenen getöteten und verwundeten Brüder aufhoben und in die Bajonette schleuderten, um sich einen Weg zu bahnen.
Nun bildeten die schwarzen Leiber und die roten Röcke nur noch ein wirres Durcheinander, und furchtbar arbeitete der Stoßassagai. Mann für Mann fielen die Engländer auf der Stelle, wo sie standen, durchstochen nieder. Jetzt schlug der Offizier, der die Artillerie kommandierte, lange Nägel in die Zündlöcher der Kanonen, um sie unbrauchbar zu machen, und in der Sekunde, wo er das zweite Geschütz vernagelte, stieß ihm ein Induna, kenntlich am kostbaren Putz, den Speer durch die Brust. Jetzt fiel der Unteroffizier, der so viel gelacht hatte, durchbohrt zu Boden, jetzt sank Oberstleutnant Pulleine, samt seinem Pferde von vielen scharfen Spitzen getroffen, nun stürzte Oberstleutnant Durnford, wütend mit seinem Säbel um sich hauend, unter den Assagaien nieder. Jeder Mann fiel wie ein Held. Die Offiziere schossen mit ihren Revolvern, bis sie keinen Raum mehr zum Schießen hatten. Sie schwangen den Säbel in der Rechten, während sie mit der Linken feuerten, und ein jeder verkaufte sein Leben um den Preis mehrerer Feinde. Aber die Zulus sprangen mit weiten Sätzen gleich Panthern daher und scheuten keine Gefahr, keinen Schuß, keinen Hieb. Ihre nackten schwarzen Gestalten stürzten sich, den Tod verachtend, im Siegestaumel auf die weißen Männer, und ihre Speere verbreiteten überall den Tod. Die Pferde, selbst die Ochsen wurden erstochen, und nur den äußersten Anstrengungen der Indunas gelang es, einen Teil der Tiere als erwünschte Beute vor den tötenden Assagaien zu retten. Dabulamanzis finstere Erscheinung auf dem schwarzen Pferde mit der Tigerdecke war jetzt inmitten der Scharen, und seine ausgestreckte Hand lenkte die mordtrunkenen Haufen und scheuchte sie von der Beute zurück.
Schaudernd sah Pieter Maritz die Verwüstung. Es war ein Greuel zu sehen. Gleich der Flut des empörten Flusses, den Gewitterregen geschwellt, ergossen sich die schwarzen Scharen mit ihrem Mark und Bein durchdringenden Siegesgeheul über die Stätte dahin, wo das kleine englische Heer gestanden hatte. Nun war kein roter Rock mehr zwischen den Schildern und schwarzen Leibern zu entdecken, das Ächzen, Stöhnen und Schreien der Verwundeten war verstummt, alle lagen danieder. Die Scharlachröcke und weißen Helme lagen am Boden, in einer Flut von Blut, und die nackten Füße der wilden schwarzen Krieger stampften über die Leichen dahin und traten alles, was lag, tote Körper von Menschen und Tieren, Waffen, Helme, Vorräte an Munition, Kochgeschirr, Speisen, den ganzen Inhalt des Lagers in eine wüste wirre Masse zusammen. Ja der furchtbare Andrang der stürmenden Regimenter stürzte viele Wagen um, und zerrissene Leinwanddächer, zertrümmerte Räder, umgeworfene und zerschlagene Kisten, Fässer und Ballen bedeckten im Verein mit zerfetzten Leichen die vordem grüne Erde.
Pieter Maritz blickte immer noch mit weit geöffneten entsetzten Augen auf die schreckliche Scene, da bemerkte er, daß die Zulus, als sie nichts Lebendes mehr vor ihren Speeren fanden, sich zur Verfolgung der Flüchtigen wandten. Hunderte von schnellen Läufern kamen auf die Stelle zu, wo er hielt.
Da wandte er das Pferd. »Heda, alter Freund,« rief er Jager zu, »jetzt zeige, was du kannst!« Er ließ dem Gaul die Zügel, neigte sich vor, und rasch wie ein Pfeil vom Bogen flog Jager davon.
Pieter Maritz gedachte, nach Rorkes Drift zurückzureiten, und er hatte mit seinem Instinkt des jagdgewohnten Buern unter allen Schrecken der letzten halben Stunde immer die Lage der umliegenden Höhen in der Erinnerung behalten, um den Rückweg nicht zu verfehlen. Aber nun sah er, daß starke Abteilungen vom rechten Flügel des Zuluheeres abgebogen waren, in vollem Laufe in der Richtung auf Rorkes Drift waren und ihm schon den Weg dorthin abgeschnitten hatten. Er mußte es aufgeben, dorthin zu reiten, und geraden Wegs nach dem Buffalofluß eilen und auf gutes Glück vertrauen, um hindurchzukommen. Vor sich sah er Reiter und Fußgänger eben die Richtung verfolgen, welche er selbst zu nehmen gezwungen war.
Er wußte nicht, wie lange sein Ritt dauerte, die Minuten dehnten sich zu Stunden, während er die gellenden Rufe der schnellen Verfolger hinter sich hörte. Doch überholte er viele Flüchtlinge, und wenn er über die Schulter zurückblickte, sah er die geschwungenen Assagaien, wie sie in die Brust der überholten und von Furcht gelähmten Fliehenden drangen. Der Todesschrei der Getroffenen folgte den Hufschlägen seines Pferdes. Jetzt zog das Gefilde sich bergan, das Land ward felsig und durchklüftet: er hatte das Ufer des Buffalo erreicht. Nun war er auf der Höhe in einem schmalen Paß und sah tief unter sich den Spiegel des Flusses. Er erschien dunkel, und nur einzelne weiße Streifen zogen sich hindurch, denn die hohen Felsen beschatteten das Wasser, und nur wo die Wellen an Klippen schäumten, zeigten sich helle Stellen. Der Weg führte steil hinab, und es war kein gebahnter Weg, sondern nur eine Senkung inmitten unzugänglicher Abhänge. Vor sich sah Pieter Maritz wohl an fünfzig schwarze Männer und einige wenige Reiter. Diese kletterten mühsam den steilen Weg hinab, da die Pferde nur mit Schwierigkeit gingen; die Fußgänger, in eine lange Reihe hintereinander verstreut, kamen besser fort. Einige schwammen schon unten im Wasser, ihre schwarzen Köpfe ragten aus der Flut. Auch den englischen Kavallerieoffizier sah Pieter Maritz. Er war mitten im Flusse, den Helm auf dem Kopfe, den Revolver am Kolbenringe mit den Zähnen haltend. Sein Pferd streckte den reich gezäumten Kopf aus den Fluten empor und arbeitete mühsam gegen den Strom.
Pieter Maritz ritt langsam hinab und hielt Jagers Kopf hoch, um das Tier vor dem Straucheln zu bewahren. Schon sah er hinter sich, als er halbwegs hinunter war, die roten Schilde der Verfolger leuchten. Es ging nur Schritt für Schritt weiter und Pieter Maritz biß die Zähne zusammen. Jetzt kam ein Assagai von hinten geflogen, sauste dicht an Jagers Kopfe vorbei und schlug zerspringend an die Felswand an. Pieter Maritz sah sich um und nahm die Büchse zur Hand. Er erblickte mehrere Zulus vom roten Regiment in guter Schußweite. Doch er drohte ihnen nur mit der Büchse und rief ihnen in der Zulusprache zu: »Hütet euch!«
Vielleicht erkannten sie ihn, denn sie hörten auf den Ruf und folgten nur langsam. Glücklich erreichte Pieter Maritz das Ufer. Es fiel jäh ab, so daß wohl zehn Fuß Höhe zu springen waren, aber hier galt kein Besinnen. War der englische Offizier durchgekommen, so konnte auch der Buernsohn hindurch. Er drückte Jager vor, gehorsam sprang das Tier, und einen Augenblick schlug das Wasser Roß und Reiter über dem Kopfe zusammen. Dann aber tauchten sie auf, und kraftvoll ruderte Jager durch die reißende breite Flut. Um ihn her, vor ihm und hinter ihm schwammen Flüchtlinge, und auch einzelne Verfolger warfen sich ins Wasser.
Aber Pieter Maritz kam durch, Jager ließ ihn nicht im Stiche. Jetzt war das jenseitige Ufer nahe, und es war flach, so daß das Pferd heraus konnte. Auch der englische Offizier war drüben gelandet. Pieter Maritz hörte einen Hilferuf neben sich und sah einen schwarzen Kopf, dem Versinken nahe. Er streckte seine Hand aus, die der Versinkende ergriff, und zog ihn glücklich mit sich. Gleich darauf setzte Jager einen Huf auf festen Boden. Triefend von Wasser, doch glücklich gerettet kam Pieter Maritz auf dem rechten Ufer des Buffalo an.
Neunzehntes Kapitel
In Pretoria
Als Pieter Maritz sich in Sicherheit auf dem festen Boden der Natalseite sah, schickte er ein Dankgebet gen Himmel für seine Errettung, und dann lenkte er sein Pferd nach rechts, um am Buffalo aufwärts zu reiten. Seine Gedanken standen nach seiner Heimat, er wollte nach dem Lande Transvaal. Die heiße Sonne dieses Vormittags trocknete sehr bald seine Kleidung, während er in schlankem Trabe dahineilte. Er fand einen gebahnten Weg etwas abseits vom Ufer, der landeinwärts von der felsigen Einfassung des Flusses mit diesem in gleicher Richtung führte. Nach halbstündigem Ritte hörte er das entfernte Knattern von Gewehrfeuer und erreichte bald darauf die Hütten der Kaffern von Oscarsburg neben Rorkes Drift und sah hier den Missionar Witt, welcher von einem Hügel herabkam und ihn anhielt.
»Um Gottes Willen, mein junger Freund,« sagte der Reverend, »sind Sie der schrecklichen Schlacht entronnen? Ich habe dem furchtbaren Kampfe von der Höhe jenes Berges zugesehen, und mein Herz blutet. Ich habe der weiten Entfernung wegen nur undeutlich sehen können, doch habe ich so viel gesehen, daß ich erstaunt bin, irgend jemand, der dort war, lebend zu erblicken.«
Pieter Maritz erzählte in fliegenden Worten von dem Kampfe, und der tief bewegte und erschütterte Mann hörte mit thränenden Augen zu.
»Ich war herübergekommen, um meine Gemeinde zu besuchen,« sagte er, »da hörte ich den Donner des Geschützes vom Isandulaberge her, jenem steilen Gipfel, unter dem Oberst Glyn lagerte. Da stieg ich auf jene Höhe und blickte durch mein Fernrohr. O hätte ich niemals einen solchen Anblick haben dürfen! Und nun sind die Zulus, wie ich bemerkt habe, auch über meine Kirche und mein Wohnhaus hergefallen. Hören Sie nur die Schüsse von drüben!«
In der That hörte Pieter Maritz jetzt deutlich den Lärm eines scharfen Gefechtes aus der Richtung der Gebäude, wo er vor etwa zwei Stunden mit der Patrouille gefrühstückt hatte. Die Haufen, welche er vom rechten Flügel der Zulus hatte abbiegen und nach Rorkes Drift laufen sehen, kämpften augenscheinlich um den Besitz jener Gebäude. Der Missionar erzählte ihm, daß zwei Leutnants, Bromhead vom 24. Infanterieregiment und Chard von den Ingenieuren, mit einer Truppenabteilung drüben bei den Gebäuden seien und sie wahrscheinlich verteidigten.
Pieter Maritz hielt sich nicht lange auf, sondern setzte seinen Weg fort. Er sehnte sich, so bald als möglich in die Heimat zu gelangen, und hoffte, nun keinen Aufenthalt mehr unterwegs zu finden. Auch die Engländer würden ihn, so hoffte er, nun nicht wieder gefangen nehmen, da er doch auf englischem Gebiete war und gewiß niemand sich mehr seiner Begegnung mit dem Obersten Wood erinnerte. Er nahm den ihm bekannten Weg nach Utrecht und ritt so scharf, wie er glaubte, es Jagers Kräften zutrauen zu können. Auf dem Wege begegnete er manchen Leuten und auch englischen Militärs, aber er war nun schon so weit vom Schauplatz des Kampfes entfernt, daß er niemand traf, der von der Niederlage gewußt hätte, und er war so klug, niemand davon zu erzählen. Denn er sagte sich, daß man ihn als Zuschauer eines so interessanten und schrecklichen Ereignisses nur aufhalten und vielleicht gar verhören würde. So ritt er den ganzen Tag eilig und schweigend. Er übernachtete in einer Farm bei einer gastfreien Buernfamilie, einige Meilen vor Utrecht, und hier erst erzählte er von der Schlacht bei Isandula. Der Buer wußte ihm großen Dank für eine so wichtige Neuigkeit und machte kein Hehl daraus, daß es ihm lieb sei, daß die Engländer eine Schlappe erlitten hätten, obwohl er nun besorgt ward, daß die Zulus sich über den Utrechter Distrikt ergießen könnten. Pieter Maritz schlief lange und fest, die Ereignisse des Tages hatten ihn sehr ermüdet, doch rüstig setzte er am folgenden Morgen seinen Ritt fort.
Als er Utrecht erreichte, fand er die Stadt in großer Aufregung, die Nachricht von der Niederlage war von Helpmakaar aus schon dorthin gelangt. Doch setzte er seine Reise nach kurzem Aufenthalte fort und ließ sich nichts davon merken, daß er Augenzeuge gewesen war. Dann ritt er über Wesselstroom und Heidelberg und erreichte am vierten Tage Pretoria. Hier in der Hauptstadt gedachte er erfahren zu können, wo seine Gemeinde sich aufhalte, und dann wollte er diese aufsuchen.
Er war immerfort auf der großen Straße geblieben, hatte viele kleinere und größere Ortschaften durchzogen und freute sich, er, der Buernsohn aus den dünn bevölkerten nördlichen Gegenden, über den Reichtum und die Größe seines Vaterlandes, dessen schönsten Teil er nun zum erstenmal sah.
Es war gegen Abend, als er sich Pretoria näherte, und indem er über die Höhenzüge ritt, welche südlich das weite Thal umsäumen, sah er die weit ausgedehnte Stadt vor sich zu seinen Füßen liegen. Die hellen Häuser schimmerten weithin aus dunklem Grün hervor, sie lagen zum größten Teil zerstreut zwischen Gärten, und nur in der Mitte schlossen sie sich zu Straßen zusammen. Die niedrig stehende Sonne vergoldete viele hundert Fenster, so daß sie hell blinkten. Seitwärts der Stadt zogen sich regelmäßige Zeltreihen hin, und Pieter Maritz erkannte, daß hier ein englisches Lager war. Je näher er der Stadt kam, desto belebter ward die Straße. Viele schwarze Frauen begegneten ihm, die vom Markte kamen und zu ihren Dörfern zurückkehrten. Sie trugen kurze weiße Mäntel über eine Achsel geschlagen und um die Hüften gewunden, so daß Arme und Beine frei blieben, oder auch nur weiße oder bunte Lendengürtel, dazu Ketten von Glasperlen vielfach gewunden um den Hals und Ringe von Messingdraht um die Arme. Ihre Köpfe waren bis auf eine kleine Haarkrone rasiert, und darauf trugen sie Körbe oder Schalen, in welchen sie Früchte und Korn nach der Stadt gebracht haben mochten. Auch schwarze Männer waren zu sehen, doch mußte Pieter Maritz über viele von diesen lachen, weil sie possierlich aussahen. Die Stadt hatte verfeinernd auf sie gewirkt, sie gingen in Hemden, Beinkleidern und Blusen oder Röcken, hatten zerdrückte alte Hüte auf dem Kopfe, und zwischen ihren Wulstlippen steckten Cigarren. Mehrere trugen gewaltig große Krawatten aus roter oder gelber dünner Seide, und da all das europäische Zeug schlotterig, schlecht passend und alt war, sahen diese Kaffern, welche ihre nationale Sitte verlassen hatten, wie rechte Lumpen aus. Mehrere Buern, zu Fuß und zu Pferde, waren ebenfalls auf der Straße zu sehen, welche allein oder mit ihren Familien den schönen Abend genossen.