Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal

Part 28

Chapter 283,616 wordsPublic domain

Pieter Maritz gab die Büchse ab, und einer der Kavalleristen hing sie über die Schulter. Dann ging es fort nach Süden, auf der guten Straße, die von Utrecht in das britische Gebiet von Natal führte. Es war für Pieter Maritz ein vergnügter Ritt, denn obwohl er Arrestant war und sich einige Sorgen machte, sobald er sich überlegte, daß der Oberbefehlshaber ihn wohl auch wieder ausfragen und einstecken würde, so war es doch ein seliges Gefühl, aus dem Gefängnis entlassen zu sein und unter dem blauen Himmel dahinzureiten. Pieter Maritz dachte, daß es in der ganzen weiten Welt nichts Schöneres geben könnte, als das Gefühl, einen Sattel zwischen den Knieen zu haben. Einigemal überlegte er, daß er den englischen Kavalleristen schon einmal einen Streich gespielt habe, und daß es vielleicht nicht unmöglich sei, auch diesen Leuten, welche ihn jetzt bewachten, zu entwischen. Er guckte nach rechts und nach links und berechnete die Breite der Straßengräben und die Länge des Weges über die Grasflächen hin. Unter den englischen Pferden neben Jager war keines, das sich mit ihm messen konnte. Aber er gab den Gedanken an Flucht wieder auf, denn heute lagen die Verhältnisse anders als damals, wo er den Lord hinter sich her lockte. Zunächst hatte er seine Büchse nicht, und ohne Waffe wollte er nicht fort. Dann war rechts ein breiter schneller Fluß mit steilen Ufern, der Buffalo, und er würde schwerlich haben hinüberkommen können. Der Buffalo floß in starken Krümmungen, bald war er wohl eine Stunde weit entfernt, bald kam er der Straße näher, jedenfalls wäre er ein Hindernis auf der rechten Seite geworden, wo die Verfolger ihn vermutlich eingeholt hätten. Auf der linken Seite aber wäre er hinter der Kolonne des Obersten Wood hergeritten. Dort lagen Lüneburg und Potgieters Farm, und das Land ward von Reitern und schwarzen Irregulären durchstreift. Aber selbst wenn er durchschlüpfte, so sagte sich Pieter Maritz, würden die Engländer nach ihm suchen lassen, und er würde sich nirgends, auch nicht in seiner Gemeinde, blicken lassen dürfen. Er beschloß, ruhig seines Weges zu reiten und abzuwarten, was die Zukunft ihm bringen würde.

Inzwischen knüpfte der Unteroffizier, dem die Zeit lang werden mochte, ein Gespräch mit ihm an und fragte ihn, warum er Arrest habe. Pieter Maritz erzählte, daß der Oberst Wood böse auf ihn geworden sei, weil er nichts über die Zulus habe erzählen wollen und von der Südafrikanischen Republik gesprochen habe. Der Unteroffizier lachte laut und bot ihm seine Rumflasche an, die Pieter Maritz jedoch zurückwies. Der Unteroffizier trank darauf selber und sagte: »Nun, junger Herr Buer, da sind Sie ja ganz im Rechte. Ganz Afrika müßte der Südafrikanischen Republik gehören, und die Königin müßte Herrn Krüger, den Buernpräsidenten, heiraten. Dann könnte Tschetschwajo auf der Hochzeit tanzen.«

Über diesen Witz lachte der Unteroffizier selber, aber er lachte auch allein, denn Pieter Maritz war nicht geneigt, über die Südafrikanische Republik zu scherzen und machte sein ernstestes Gesicht.

»Den Buern geht es zu gut, deshalb mucken sie auf,« sagte der Unteroffizier nun, da es ihn verdroß, daß Pieter Maritz nichts antwortete. »Da sollte ich einmal Gouverneur sein, nur vier Wochen lang -- dann sollte das Ding anders aussehen. Aber wartet nur, laßt uns erst den Niggerkönig eingefangen haben, dann geht's an die Buern. Tschetschwajo werden wir in einen eisernen Käfig sperren und nach England bringen, wo er zum Besten des Pensionsfonds der Armee für Sixpence Eintrittsgeld gezeigt wird. Nachher spielen wir der republikanischen Regierung in Pretoria ein Tänzchen auf.«

Pieter Maritz ritt schweigend seines Weges und achtete nicht auf solche Reden, die ihn ärgern sollten. Er unterhielt sich mit Betrachtung des Weges, der sehr belebt war. Viele Wagen und Reiter und Fußgänger begegneten der Patrouille, einige wurden auch von ihr überholt. Fast alle Leute zogen nordwärts. Denn dieser Weg war der Grenze des Zululandes sehr nahe und führte durch das Gebiet, welches Tschetschwajo schon mehrmals als ihm gehörig beansprucht hatte. Die Einwohner fürchteten einen Einfall der raschen schwarzen Banden und suchten sich, soweit sie sich von ihren Besitzungen zu trennen vermochten, in dem rückwärts liegenden Gebiet in Sicherheit zu bringen.

Am Abend wurde ein Übergang über den Buffalo erreicht, und hier lag eine Fähre, aber es war schon zu spät, um überzusetzen; etwa vier deutsche Meilen waren zurückgelegt worden, und so bestimmte der Unteroffizier, es sollte Halt gemacht werden. Die Patrouille übernachtete in einem der Häuser, welche nahe der Fährstelle lagen, und brach am andern Morgen wieder auf. Die Reiter führten ihre Pferde am Zügel auf das flache Schiff, welches außerdem noch eine Anzahl Schlachtochsen aufnehmen mußte, die für die Garnison von Helpmakaar bestimmt waren, und dann ging es hinüber auf das rechte Ufer. Immer nach Süden ging es darauf in flottem Gange weiter, mittags ward Fort Agnew erreicht und unter englischen Soldaten, der Besatzung des kleinen Forts, gegessen, und dann traf die Patrouille abends um sechs Uhr in Helpmakaar ein.

Aber der Oberbefehlshaber, General Lord Chelmsford, war nicht dort. Nur eine kleine Besatzung war im Orte geblieben, die Kolonne des Obersten Glyn aber, welche dort gelagert hatte, war nach Nordwesten aufgebrochen, und Lord Chelmsford hatte sie begleitet. Dem Berichte der Garnison nach war die Kolonne bei Rorkes Drift über den Buffalo gegangen und mußte jetzt im Zululande sein. Der Kommandant von Helpmakaar befahl dem Unteroffizier, die Nacht im Orte zu verbringen und am andern Morgen früh mit der Patrouille und dem Arrestanten dem Oberbefehlshaber gemäß dem Befehl des Obersten Wood zu folgen.

Pieter Maritz schlief neben seinem Pferde im Biwak bei dem Orte, inmitten von schwarzen Truppen und berittenen Freiwilligen aus der Buernschaft von Natal.

Der folgende Tag, der 22. Januar, war hell und warm, und als die Patrouille früh um fünf Uhr fortritt, war die Sonne schon drückend. Der Unteroffizier ließ Pieter Maritz seine Büchse wiedernehmen, da sie dem Kavalleristen, der sie bis jetzt getragen hatte, lästig war und da Pieter Maritz immerfort so gutwillig mitgeritten war, daß der Patrouillenführer nicht befürchtete, er würde einen Fluchtversuch machen.

Nach zweistündigem Ritt erreichten sie den Buffalofluß und gingen durch die Furt, welche Rorkes Drift genannt wird. Am andern Ufer, auf der Zuluseite, sahen sie, zehn Minuten zu gehen vom Flusse, zwei große, niedrige Häuser, vor welchen mehrere Ochsenwagen standen. Ein englischer Arzt war im Gespräche mit einem Manne in schwarzer Kleidung neben den Wagen, und schwarze Leute luden unter Aufsicht von englischen Lazarettgehilfen die Wagen ab. Auch englische Soldaten, welche die Wache an der Furt haben mochten, waren zu sehen. Die Patrouille näherte sich den Häusern, und der Unteroffizier erkundigte sich nach der Kolonne des Obersten Glyn und nach dem Lord Chelmsford. Es hieß, die Kolonne sei nicht weit, sie habe etwa drei englische Meilen weiter nach Nordwesten ein Lager aufgeschlagen. Der Unteroffizier ließ absteigen, und es wurde ein Frühstück eingenommen, wozu sich hier gute Gelegenheit bot. Hier war ein Kommissariat und ein Lazarett, so daß sie viele Vorräte aller Art fanden. Pieter Maritz hörte, daß der Herr in schwarzer Kleidung der Reverend Witt sei, Vorstand der Missionsstation Oscarsburg. Die Hütten seiner Gemeinde lagen auf der andern Seite des Flusses, auf der Natalseite, hier lagen seine Kirche und sein Wohnhaus; beide Gebäude waren von den Militärbehörden zu kriegerischen Zwecken hergerichtet.

Während Pieter nun ruhig neben seinem Pferde stand, ein Stück Pastete aß und sich über die vorsichtige Verpflegungsart der Engländer freute, welche eingemachte Pasteten in Blechbüchsen mit in den Krieg nahmen, blieb ihm mit einem Male der Bissen im Halse stecken vor Überraschung. Er sah in der Ferne zwischen zwei Kaktusbüschen einen schwarzen Kopf mit einem Haarbusch auftauchen, der ihm bekannt vorkam. Das Ufer war gebirgig, zerklüftet, voller Felsen und Felsschluchten. Leicht konnten findige Späher sich hier verstecken und unbemerkt heranschleichen. Der schwarze Kopf mit dem Haarbusch war gleich darauf wieder verschwunden, aber Pieter Maritz hätte darauf schwören wollen, daß es ein Haarbusch von einem der Regimenter des Prinzen Dabulamanzi gewesen sei. Der Busch war hoch und schwarz, mit einem weißen Stirnbande umwunden, er mußte dem Regiment der schwarzen Schilde angehören.

Pieter Maritz aß sein Frühstück schnell auf und sah nach den Gurten seines Pferdes. Er sattelte nach, prüfte Jagers Hufe und untersuchte seine Büchse.

»Es wird gut sein, sich ordentlich umzuschauen,« sagte er zu dem Unteroffizier. »Die Zulus sind flink auf den Beinen, und wir sind jetzt auf ihrem Boden.«

»Haha!« lachte der Unteroffizier. »Na,« sagte er dann, »ich bin noch da. Nur nicht ängstlich!«

Die Patrouille saß wieder auf, und die sechs Reiter setzten ihren Weg in der ihnen auf der Station bezeichneten Richtung fort. Sie ritten gemütlich in einem Haufen, und die Engländer unterhielten sich, während sie Cigarren rauchten, welche ihnen der Militärarzt gegeben hatte.

Nur Pieter Maritz hatte die Augen offen. Sorgfältig durchspähte er jeden Schlupfwinkel, den das unebene, hügelige Land bot, und das Herz klopfte ihm an die Rippen. Er war voll Spannung, denn er sagte sich, es sei sehr möglich, daß Zulutruppen in der Nähe seien.

Etwa eine Viertelstunde waren sie in langsamem Schritt geritten, da zog Pieter Maritz unwillkürlich die Zügel an. Er hatte drei Gestalten in der Ferne auftauchen sehen. Sie waren einen Gang hinabgelaufen und schnell verschwunden, aber deutlich hatte Pieter Maritz rote Federn auf den Köpfen und rote Schilde gesehen: es waren Krieger aus einem zweiten Regimente Dabulamanzis.

»Was haben Sie?« fragte der Unteroffizier, als Pieter Maritz sein Pferd anhielt.

»Mynheer, ich sehe Zulus in unserer linken Flanke,« entgegnete er.

»Zulus?« fragte der Unteroffizier. »Sie sehen wohl Gespenster. Ich sehe nichts. Die Zulus werden sich hüten, hier herumzulaufen. Aber Sie fangen wohl an, das Kanonenfieber zu bekommen.«

Pieter Maritz antwortete nicht, obwohl er sich ärgerte, und ritt weiter.

Wieder war eine Viertelstunde verflossen, da entdeckten seine durch die Jagd geübten und des afrikanischen Landes kundigen Augen eine neue Spur der nahen Gefahr. Aus dem Grase, welches ein kleines Thal zur linken Hand mit grünem Teppich überkleidete, sahen mehrere dunkle Punkte empor, und Pieter Maritz erkannte die eigentümliche Form dieser Punkte. Es waren die Mützen, welche vom Regiment des Königs getragen wurden. Dies war nun schon das dritte Regiment, welches zur Armee Dabulamanzis gehörte, und Pieter Maritz war von jetzt an überzeugt, daß eine große Zulumacht in der Nähe sei. Doch sagte er nichts mehr, um nicht von neuem verhöhnt zu werden.

»Gefunden!« rief jetzt der Unteroffizier. Er zeigte nach rechts hin, wo sich in einiger Entfernung eine Menge von hellen Flecken sehen ließen. Die weißen, spitzen Leinwandzelte der englischen Truppen hoben sich von der grünen Fläche eines Thales ab und zeigten den Lagerplatz an. Ein sehr hoher, einzelner, felsenartiger Berg stieg dunkel unweit des englischen Lagers empor. Sein Hang war auf der einen Seite jählings abfallend, und seine schroffe Gestalt mußte ihn auf viele Meilen in der Runde kenntlich machen. Es sah von dem Punkte aus, wo die Patrouille war, ganz so aus, als befinde sich das englische Lager am Fuße dieses Berges, als sie aber nun die bisherige Richtung verließ und nach rechts, nach Osten hin ritt, trennte sich nach und nach der Lagerplatz mit den Zelten von dem Berge ab, und es ward ersichtlich, daß der Berg wohl eine halbe deutsche Meile weit nördlich vom Lager seine hohe Spitze emporstreckte.

Das Land war hügelig, und die Engländer hatten an der tiefsten Stelle ihre Zelte aufgeschlagen, doch nicht etwa in einem engen Thalkessel, sondern inmitten einer Menge von sanften Höhen, welche wohl zu übersehen waren. Das Land glich einer Ebene, in welcher sich viele Bergwellen erhoben. Beim Näherkommen erkannte Pieter Maritz neben den Zeltreihen auch Wagenreihen. Es mochten mehr als hundert Wagen sein, welche in langen Linien aufgestellt waren, während die Zugochsen dicht daneben angebunden waren. Viele kleine Feuer brannten, und die Truppen schienen zu kochen. Der Unteroffizier sah nach seiner Uhr, als die Patrouille das Lager erreichte, und sagte: »Es ist um acht. Wer schon gefrühstückt hat, kann nun annehmen, er käme zum Mittagessen.«

Dann ritt er auf eine Gruppe von Offizieren zu, welche inmitten des Lagers zusammenstanden, und machte seine Meldung.

Pieter Maritz sah sich indessen um. Er bemerkte englische Truppen, Buerntruppen und außerdem viele Schwarze. Diese waren zum Teil Zulus, wie er an der dunklen Hautfarbe und der Haartracht sah. Sie mußten wohl zu den Zulus von Natal gehören, welche unter englischer Herrschaft standen. Sie waren nackt, aber mit Gewehren und Patronengürteln ausgestattet. Die andern Afrikaner waren Basutos, kaffeebraun, und trugen lange Reitstiefel und Blusen mit kreuzweise gehängtem Lederzeug, dazu Hüte wie die Buern. Im ganzen waren nicht viel Truppen zur Stelle, Pieter Maritz schätzte sie auf etwa sechzehnhundert Mann, von denen die Hälfte Afrikaner waren. Mehrere hundert davon waren Reiter, und deren Pferde waren an Kampierleinen seitwärts von den Zelten angebunden. Auch zwei Geschütze sah Pieter Maritz und daneben zwei sonderbare Gestelle, welche ihm fremd waren. Er fragte einen der Leute von der Patrouille, was das für Dinger seien, und erfuhr, es seien Raketengeschütze, aus denen brennende Cylinder abgefeuert würden; in den Cylindern von Eisenblech sei Pulver und eine Kugel.

Jetzt kam der Unteroffizier zurück und befahl Pieter Maritz, zum Kommandanten des Lagers, Oberstleutnant Pulleine, zu kommen. Pieter Maritz stieg vom Pferde, gab Jager einem der Kavalleristen zu halten und ging auf den Kreis der Offiziere zu. Neben zwei älteren Offizieren standen mehrere jüngere, in verschiedenen Uniformen, von der Kavallerie, Infanterie, der Artillerie und den Ingenieuren.

»Sie sollten zum General geführt werden,« sagte Oberstleutnant Pulleine zu Pieter Maritz, als dieser vor ihn trat und seinen Hut abnahm, »aber der General ist nicht hier. Sie sind wegen aufrührerischen Benehmens verhaftet worden, wie mir der Patrouillenführer meldet.«

»Ich weiß nicht genau, was aufrührerisches Benehmen ist,« entgegnete Pieter Maritz, »aber ich glaube nicht, etwas gethan zu haben, was Strafe verdient.«

Die Offiziere sahen des Knaben offenes, freundliches Gesicht mit Wohlwollen an und mochten wohl denken, daß die Meldung schlimmer laute, als der Gegenstand der Meldung es verdiene. Sie konnten sich, nach ihrer lächelnden Miene zu urteilen, nicht recht denken, daß dieser junge Mensch mit den unschuldigen frommen Augen ein Aufrührer sein sollte.

»Über Ihre Schuld oder Unschuld wird der General entscheiden,« sagte Oberstleutnant Pulleine, »aber der Unteroffizier meldete mir auch, daß Sie lange in Ulundi bei Tschetschwajo gelebt hätten. Sagen Sie uns doch, was Sie von der Zuluarmee wissen. Haben die Zulus sämtlich Gewehre? Sind es gute Gewehre? Hinterlader? Gewehre, die in gutem, brauchbarem Zustande sind?«

»Über die Zulus kann ich Ihnen nur das sagen, Herr Oberstleutnant,« erwiderte Pieter Maritz, »daß sie sehr schnell marschieren und daß sie hier ganz in der Nähe sind.«

Unter den Offizieren machte sich eine Bewegung bemerklich.

»Woher wissen Sie das, daß sie in der Nähe sind?« fragte der Kommandant mit strengem Tone.

»Ich habe dort im Westen, als wir hierher ritten, dreimal Späher von der Zuluarmee gesehen, und zwar von drei verschiedenen Regimentern der Armee Dabulamanzis.«

»Wer ist Dabulamanzi?«

»Es ist der Bruder des Königs, und er befehligt die besten Truppen, sämtlich mit Hinterladern bewaffnet.«

»Pah!« sagte der Kommandant. »Unsere Vedetten haben nichts gemeldet und müßten doch die Zulus gesehen haben, wenn diese in der Nähe wären.«

Damit wandte er sich zu dem andern älteren Offizier, zeigte nach einigen rotröckigen Reitern, die in der Ferne hielten, und besprach sich mit ihm.

»Haben Sie wirklich Zulus gesehen?« fragte er den Knaben.

»Ganz gewiß.«

»Nun, lieber Durnford,« sagte Oberstleutnant Pulleine zu dem Kameraden neben ihm, den seine Uniform ebenfalls als einen Offizier vom Range eines Oberstleutnants kenntlich machte, »Sie könnten ja der Sicherheit wegen einmal nach der Seite hin vorgehen, wo der junge Buer die Niggers gesehen haben will. Und wenn wirklich dort welche umherlaufen, bringen Sie ein paar von ihnen mit, daß wir sie ausfragen können. Ich kann mir freilich kaum denken, daß Zulus dort sein sollten. Ist doch Lord Chelmsford selbst mit Oberst Glyn voraus und hat er doch das ganze Land absuchen lassen! Ist doch Lonsdale mit seinen Swaziniggern, der das Land hier wie seine Tasche kennen muß, vorausgezogen. Es wäre ein schlechter Spaß, wenn uns die Zulus hier überfielen, während der größere Teil unserer Macht Stunden weit weg ist. Aber ich denke nicht, daß mehr als ein paar vereinzelte Kerls sich dort umhertreiben. Nun, damit wir nichts versäumen, reiten Sie einmal aus!«

Oberstleutnant Durnford ließ den Trompeter blasen, und die Basutos gingen an ihre Pferde. Der Oberstleutnant selber stieg zu Pferde und zog dann mit seiner schwarzen Schar, zweihundertfünfzig Reitern, nach Westen.

»Also die Zulus marschieren sehr schnell?« fragte Oberstleutnant Pulleine dann wieder.

»Sehr schnell,« sagte Pieter Maritz, und dann setzte er zögernd hinzu: »Sie werden mich vielleicht unbescheiden nennen, Herr Oberstleutnant, aber ich muß sagen, daß ich mich über Ihr Lager wundere.«

»Wie so?« fragte der Kommandant.

»Wenn wir Buern im Kriege mit den Kaffern sind, lagern wir anders,« sagte Pieter Maritz.

»Wie denn?« fragte der Kommandant, während die andern Offiziere, belustigt durch die Dreistigkeit des Knaben, näher traten.

»Wir bilden einen Kreis von den Wagen,« sagte Pieter Maritz, »und schieben die Deichsel des einen Wagens zwischen die Räder des andern, so daß sie dicht hintereinander stehen. Dann stopfen wir alle Lücken mit Dornengestrüpp zu und bringen die Zugochsen in die Mitte des Lagers. Kommen die Kaffern, so stehen wir wie in einer Festung und schießen von den Wagen aus. Die Frauen und Knaben aber haben Äxte in der Hand und schlagen die einzelnen Kaffern tot, welche etwa unter den Wagen durchkriechen. Euch aber können die Wagen nichts nützen, denn sie stehen seitwärts.«

Die Offiziere lachten.

»Die Buernmanier ist nicht schlecht,« sagte Oberstleutnant Pulleine, »aber englische Soldaten haben es nicht nötig, sich hinter Wagen zu verkriechen. Wir gehen dem Feinde entgegen.«

»Herr Oberstleutnant,« sagte Pieter Maritz treuherzig, »wenn Sie noch Zeit dazu haben, so lassen Sie doch ja Ihre Wagen so zusammenfahren, wie ich Ihnen beschrieben habe. Die Gegend ist nicht sicher, und Dabulamanzi greift heftig an.«

Die Offiziere lachten wieder, und Pieter Maritz ward rot vor Scham. Er ging zur Seite, näherte sich seinem Pferde und blickte dorthin, wo er die Zulus gesehen hatte. Es war dort alles ruhig, kein Kopfputz war zu entdecken, nur die Truppe des Oberstleutnants Durnford breitete sich aus, und die Reiter bildeten eine lange Kette kleiner Figuren in der Ferne.

Aber jetzt mit einem Male tönte ein schwacher Knall, und gleich darauf waren noch mehrere Schüsse von weitem zu hören. Die Basutos mußten auf den Feind gestoßen sein. Nun kam ein Reiter von drüben in vollem Galopp zurück nach dem Lager. Es war ein englischer Unteroffizier, wie bald zu erkennen war. Er jagte eiligst heran, ritt auf den Kommandanten zu und meldete, Oberstleutnant Durnford habe feindliche Truppen bemerkt und bäte, daß zwei Kompanien des 24. Regiments nachrückten, mit denen er die Zulus vertreiben wolle.

Oberstleutnant Pulleine erwiderte dem Unteroffizier, er möge zurückmelden, die zwei erbetenen Kompanien könnten nicht kommen. Er, der Kommandant, habe Befehl, das Lager zu halten, und dürfe die Infanterie nicht daraus entfernen.

Der Unteroffizier ritt davon, aber während er noch unterwegs war, um zu Durnfords Reitern zurückzukehren, war deutlich zu erkennen, daß die Basutos wichen. Sie feuerten ihre Gewehre vom Pferde herunter ab und gingen Schritt vor Schritt zurück. Doch war noch nichts vom Feinde zu sehen.

Die Soldaten im Lager saßen währenddessen noch ruhig um ihre Feuer herum und verzehrten ihr Essen. Sie hatten blecherne Feldkessel mit Fleischbrühe, aßen dazu ihr Brot und tranken aus ihren Feldflaschen Rum. Manche machten sich auch in und bei den Zelten zu thun, putzten ihre Gewehre und ihr Lederzeug, gaben den Pferden zu trinken und waren in guter Ruhe. Nur Oberstleutnant Pulleine hatte sich jetzt, von seinem Adjutanten, seinem Hornisten und einigen jüngeren Offizieren begleitet, vor den Lagerplatz begeben, und blickte durch ein Fernrohr nach der Stelle, wo die Schüsse knallten.

Währenddessen ließ Pieter Maritz seine hellen Augen ringsum schweifen und es war ihm plötzlich so, als erblicke er schwarze Punkte auf einer andern Stelle, im Norden des Lagers. Er konnte sich nicht getäuscht haben: es tauchten Zulus dort hinter den Hügeln auf. Gleich nachdem der Knabe sie gesehen hatte, mußten auch die Vedetten auf jener Seite sie gesehen haben, denn ein Schuß fiel dort, und ein Reiter jagte zum Lager zurück. Nun aber erschienen auch im Westen, den Basutos gegenüber, Zulukrieger. Eine lange dünne Schützenkette ließ sich sehen und trieb die braunen Reiter zurück.

Oberstleutnant Pulleine wandte sich um und ließ Alarm blasen. Die Soldaten setzten ihre Kessel nieder, steckten ihr Brot in die Tasche, sprangen auf und liefen an die Gewehre, die Reiter gingen zu ihren Pferden, die Artilleristen zu ihren Geschützen.

Pieter Maritz schwang sich in den Sattel und hielt sich bereit, zu thun, was der Verlauf der Ereignisse ihm vorschreiben würde. Mit der höchsten Spannung verfolgte er die Erscheinung der Zulus und das Verfahren der Engländer. Vom 24. Infanterieregiment waren das 1. Bataillon und zwei Kompanien vom 2. Bataillon im Lager. Diese formierte Oberstleutnant Pulleine zu einer Kolonne nordwestlich vom Lagerplatz und sandte einen Zug Schützen vor, um die Zulus zurückzutreiben.

Aber der Zulus gegenüber wurden immer mehr, und sie kamen immer näher. Es war, als wüchsen sie aus dem Boden hervor. Jetzt kamen sie auch aus Osten, und nun umgab eine ganze Wolke von schwarzen Schützen das Lager im Halbkreise. Die Vedetten waren zurückgetrieben, jetzt kehrte Oberstleutnant Durnford in Eile zurück. Schon pfiffen einzelne Kugeln über das Lager hin, obwohl die Zulus noch fern waren.

Niemand achtete mehr auf Pieter Maritz, aller Augen waren nach dem Feinde gerichtet, und eine eigentümliche Spannung beherrschte das Lager. Pieter Maritz hatte die Büchse vor sich auf dem Sattel, und es zog ihn vorwärts. Sein Instinkt zum Kampfe trieb ihn, vorzureiten und mit den englischen Schützen zusammen auf die Zulus zu schießen. Aber ein anderes Gefühl hielt ihn zurück. Hatten die Zulus das um ihn verdient, daß er sich ihren Feinden anschloß? Wohl war er ein Weißer, und gegenüber waren Schwarze, aber sollte er, den die Engländer als Gefangenen behandelten, auf die Truppen König Tschetschwajos schießen, der ihn bewirtet und beschenkt und mit seinem eigenen Fingerringe ausgezeichnet hatte? Er warf die Büchse wieder auf den Rücken.