Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal

Part 27

Chapter 273,462 wordsPublic domain

»Was?« rief der Oberst. »Was ist das für eine Antwort? Hier werden keine Scherze getrieben. Wir sind im Kriege.«

»Eben deshalb,« sagte Pieter Maritz. »Ich will nicht zum Danke für die großmütige Behandlung Tschetschwajos seinen Feinden verraten, wie sie ihn angreifen können.«

»Was fällt dem jungen Menschen ein?« rief der Oberst, indem er die andern Offiziere ansah, als wollte er sie zu Zeugen einer unerhörten Handlung anrufen. »Der Aufenthalt bei den Niggers hat ihm den Kopf verdreht. Aber wir wollen ihn wieder zurechtsetzen. Besinnen Sie sich, vor wem Sie stehen, Sie hartköpfiger Buer. Sie sind ein Unterthan der Königin von England und stehen vor einem ihrer Vertreter.«

»Ich bin nicht der Unterthan der Königin,« entgegnete Pieter Maritz trotzig, »und Sie haben mir nichts zu befehlen. Ich bin kein Einwohner von Natal, sondern aus dem Gebiete der Südafrikanischen Republik gebürtig.«

»Ein toller Bursche!« rief der Oberst. »O über diese Buern! Sie sind so dickköpfig wie ihre Ochsen. Nun, wir wollen euch schon kriegen. Sie sind mir sehr verdächtig, mein Freund. -- Mein lieber Thomson,« sagte er dann, zu dem jüngsten der Offiziere gewandt, »seien Sie so gut, diesen Burschen einstecken zu lassen. Er soll hinter Schloß und Riegel sitzen, bis er weiß, wer sein Souverän ist.«

Pieter Maritz stand wie versteinert. So schlecht hatten ihn ja die Zulus und die Räuber in den Drakensbergen nicht behandelt. Er sollte eingesteckt werden? Einen langen vorwurfsvollen Blick heftete er auf den Obersten, der sein Urteil gesprochen hatte, und lähmende Müdigkeit legte sich auf ihn. Jetzt erst fühlte er, wie steif seine Beine und wie zerschlagen sein ganzer Körper von dem langen Ritte waren. Aber der Oberst bekümmerte sich ferner nicht um ihn, sondern sah auf die vor ihm liegende Karte und besprach sich mit den andern Offizieren. Es schien ihm gar nichts auszumachen, daß er einen freien Buernsohn zum Gefängnis verurteilt hatte.

Währenddessen war der Offizier hinausgegangen, und gleich darauf trat er wieder mit einem Unteroffizier herein. »Hier, dieser junge Mensch ist es,« sagte er, auf Pieter Maritz deutend.

Der Unteroffizier faßte Pieter Maritz hart am Arm und griff nach der Büchse, welche dieser auf dem Rücken trug. Diese Berührung erweckte Pieter Maritz aus seinem starren Dastehen. Er wollte sich losmachen und rief laut: »Laßt mich frei! das Gewehr ist mein!«

Der Oberst runzelte die Brauen. »Machen Sie, daß Sie den Burschen hinausbringen,« sagte er zu dem Unteroffizier.

Dieser griff fester zu, und indem er den Knaben mit sich zog, verschob sich der Lederriemen, an welchem der Ring Tschetschwajos hing, und das glänzende Schmuckstück kam aus der Bluse hervor, unter welcher es gesteckt hatte.

»Was ist denn das für ein sonderbares Ding?« fragte Leutnant Thomson, der in der Nähe stand, indem er nach dem Ringe griff. Auch die andern Offiziere wurden aufmerksam, und der Unteroffizier nahm dem Knaben den Riemen ab und zeigte den Ring umher.

»Was bedeutet dieser seltsame Ring?« fragte Oberst Wood.

»Es ist ein Ring König Tschetschwajos,« sagte Pieter Maritz. »Er hat ihn mir als Preis im Wettschießen gegeben. Er war freundlicher gegen mich, als Ihr es seid.«

Die Offiziere ließen den Ring von Hand zu Hand gehen, während sie über des Knaben Antwort lachten.

»Ein merkwürdiges Stück,« sagte Oberst Wood. »Hier, gebt ihn dem jungen Menschen wieder. Übrigens ist dies ein Beweis für sein freundschaftliches Verhältnis zu den Niggers, und ich wundere mich nicht mehr, daß er keine Auskunft geben will. Gehen Sie mit, Leutnant Thomson, und schärfen Sie dem Gefängniswärter Wachsamkeit ein. Hinter dem Burschen steckt vielleicht mehr, als wir denken.«

»Und was soll aus meinem Pferde werden, wenn ich eingesperrt werde?« rief Pieter Maritz.

»Genug der Widerworte!« rief der Oberst ungeduldig. »Fort mit dem Burschen!«

Der Unteroffizier zog Pieter Maritz hinaus, und Leutnant Thomson folgte. Der Leutnant schien Mitleid mit dem Knaben zu empfinden, denn er sagte ihm draußen, er möge sich nicht ängstigen, weder seine Waffen noch sein Pferd würden ihm genommen werden, und er selber würde wahrscheinlich die Freiheit wiedererlangen, sobald er den Obersten um Entschuldigung bäte und ordentliche Auskunft über seinen Aufenthalt im Zululande gäbe.

Pieter Maritz antwortete auf diese Worte nicht, denn er war so empört und zugleich so niedergeschlagen, weil er ins Gefängnis sollte, daß er alle seine Gedanken in die Brust verschloß. Er ging stumm neben dem Unteroffizier her, der sich seiner Büchse bemächtigt hatte, und bemerkte fast teilnahmslos, daß auf den Befehl des Leutnants ein Soldat Jagers Zügel ergriffen hatte und das Pferd hinter ihm her führte.

Es ging eine Strecke weit durch die belebten Straßen hin, in welchen der kleine Zug nur geringes Aufsehen erregte, und dann kamen sie vor ein ziemlich großes Haus, vor dem eine rotröckige Schildwache auf und nieder ging. Es war ein gewöhnliches Buernhaus, doch zweistöckig und mit Gittern vor den Fenstern. Als der Leutnant an der Schelle zog, ward die Hausthür geöffnet, und ein alter Buer kam heraus, der ein Schlüsselbund in der Hand trug.

»Hier, Koopman,« sagte der Leutnant, »bringe ich einen neuen Gefangenen. Haben Sie wohl acht auf ihn, denn er ist ein Staatsgefangener, ein gefährlicher junger Mensch, obwohl er Ihr Landsmann ist. Behandeln Sie ihn gut, aber lassen Sie ihn nicht entwischen. Sein Pferd stellen Sie in Ihren Stall, und seine Waffen heben Sie auf.«

»Schon gut, schon gut,« sagte der alte Buer, indem er Pieter Maritz prüfend betrachtete. Dann rief er einen Knecht herbei, welcher Jager nach einem der Hintergebäude führte, nahm die Büchse in Empfang und ließ Pieter Maritz in das Haus gehen.

»Ich werde morgen nachfragen, ob Ihr bessere Antwort geben wollt als heute,« rief der Leutnant zum Abschiede, und dann schlug die Thür hinter dem Gefangenen zu, und Pieter Maritz war mit dem alten Buer allein.

»Komm mal mit, mein Neffe,« sagte dieser zu ihm, indem er eine Laterne ergriff und mit seinem Schlüsselbunde klappernd voran- und die Treppe hinaufschritt. Pieter Maritz folgte gehorsam. Er war wie im Traume und ließ alles ruhig mit sich geschehen. Der Gefangenwärter schloß eine Thür im oberen Stock auf, ließ ihn eintreten, stellte dann seine Laterne auf den Tisch, der das hauptsächlichste Möbel in dem kahlen Raume war, setzte sich selbst auf einen Schemel, stützte die Arme in die Seiten und fragte: »Nun sag mal, mein Neffe, wieso und woher kommst du denn?«

Pieter Maritz taute bei dem gutmütigen Klange dieser in seiner Muttersprache gesprochenen Frage etwas auf und erzählte in der Kürze seine Abenteuer der letzten Zeit, und daß der Kommandant ihn habe einsperren lassen, weil er von der Südafrikanischen Republik gesprochen habe.

Der alte Buer schüttelte den Kopf. »Ja, mein Junge,« sagte er, »da hast du freilich dem Ochsen ins Auge geschlagen, und das war eine große Dummheit.«

»Aber sagt doch, Oheim,« rief Pieter Maritz, »habe ich denn nicht recht? Sind wir denn nicht freie Bürger der Südafrikanischen Republik?«

»Pst, pst!« sagte der alte Buer, »halt das Maul, mein Junge; es könnte es jemand hören. Freilich hast du recht, aber es ist nicht immer klug, die Wahrheit zu sagen.«

»Aber nun sagt mir doch, wie kommt Ihr denn dazu, Gefangenwärter bei den Engländern zu sein?« fragte Pieter Maritz. »Seid Ihr denn nicht auch ein freier Buer?«

Der Alte kratzte sich verlegen hinter dem Ohr. »Ja, siehst du, mein Junge,« sagte er, »bar Geld lacht. Meine Alte und ich, wir wohnen hier allein in dem großen Hause, und die Jungens sind alle draußen und haben ihre eigenen Farmen. Da habe ich mit den Engländern einen Kontrakt abgeschlossen, daß ich ihnen mein Haus als Gefängnis leihe und die Gefangenen verköstige und bewache. Sie zahlen mir ein schönes Stück Geld dafür, und in jetzigen schweren Zeiten schlägt ein vorsichtiger Mann das nicht aus. Aber gewiß bist du hungrig, mein Junge. Wart ein bißchen, ich hole dir zu essen.«

Der Alte erhob sich und ging mit seiner Laterne hinaus, schloß auch die Thür von außen zu. Pieter Maritz ging ans Fenster und blickte durch die Vierecke zwischen den eisernen Stäben hinaus auf die Straße. Noch immer zog dort, obwohl es schon spät am Abend war, eine große Menge Menschen umher, die sich der kühleren Luft und des Geplauders beim Sternenschein erfreuten. Pieter Maritz sah halb bewußtlos auf die bunt gemischte Menge hinab; er war so sehr bedrückt durch das Bewußtsein seiner Gefangenschaft, daß er an allen äußeren Dingen nur geringen Anteil nahm. Er dachte nach Hause zurück. Wie schön hatte er sich das baldige Wiedersehen ausgemalt! Nun sollte alles, alles anders werden, alles war ins Ungewisse gerückt.

Jetzt rasselten die Schlüssel wieder, die Thür öffnete sich, und der alte Buer kam mit einem Korbe. Er stellte Brot und Butter, gebratenes Ochsenfleisch und einen Krug Bier auf den Tisch. Pieter Maritz besann sich darauf, daß er seit Mittag nichts genossen hatte, und fing an zu essen. Zu Anfang schmeckte es ihm in seinem Kummer nicht, aber nach und nach bekam er Appetit und aß und trank, während der alte Buer ihm gegenüber saß und in seiner langsamen Sprache über Politik redete und einen langen Vortrag hielt. Er mochte froh sein, einen Gefangenen zu haben, mit dem er vertraulich reden konnte, aber der Ton seiner Stimme wirkte einschläfernd auf den Zuhörer. Pieter Maritz bemühte sich, die Augen offen zu erhalten, aber es war endlich nicht mehr möglich. Als er aufgehört hatte zu essen und dann noch einen tüchtigen Schluck Bier genommen hatte, sank plötzlich sein Kopf auf die eine Schulter, und er fing, noch auf dem Schemel sitzend, zu schnarchen an.

Da stützte ihn der alte Gefangenwärter, schob ihn nach der Ecke des Zimmers, wo eine Matratze am Boden lag, ließ ihn sich niederlegen und deckte ihn mit einer wollenen Decke zu. Dann ging er hinaus, wackelte mit dem Kopfe und murmelte etwas von jungen Leuten und langen Ritten in den Bart.

Als Pieter Maritz am andern Morgen erwachte, war es schon heller Tag. Er hörte an die Thür pochen, dann den Schlüssel drehen, und dann sah er einen Knecht des Buern eintreten, der ihm Maisbrei und Kaffee zum Frühstück brachte. Er sprang von seinem Lager auf und verlangte Wasser zum Waschen. Der Knecht führte ihn in den Hof und zeigte ihm einen laufenden Brunnen, wo er sich waschen konnte. Der Hof war von einem hohen Zaun eingefaßt und draußen war der Schritt der Schildwache zu vernehmen. Nach der Wäsche ward Pieter Maritz wieder eingeschlossen, und nun nahm er sein Frühstück ein. Er hatte sich ein wenig an den Gedanken gewöhnt, Gefangener zu sein, war aber nicht darüber getröstet. Wenn es ihm auch nicht mehr unerhört und neu erschien, hinter Schloß und Riegel zu sitzen, so war es ihm doch heute noch schmerzlicher als gestern. Denn er dachte heute klarer darüber nach und sah alles Unangenehme und Schmerzliche seiner Lage in hellerer Beleuchtung als am Abend vorher, wo die Überraschung ihn betäubt hatte. Die Erinnerung an seinen Vater, der ihm sterbend gesagt hatte, die Engländer seien die einzigen und wahren Feinde der Buern, stand lebhafter als je wieder vor ihm.

Nach einigen Stunden hörte er den alten Buern an den Schlössern rappeln und wurde hinausgelassen, um im Hofe frische Luft zu schöpfen. Es war die Stunde, wo auch die andern Gefangenen hinausgelassen wurden. Zehn Gefangene, darunter sechs englische Soldaten und drei Männer in Buerntracht, kamen auf den Hof, doch durften sie nicht miteinander sprechen, sondern mußten schweigend nebeneinander hergehen. Die Schildwache, welche außerhalb stand, wurde zur Überwachung in den Hof selbst gestellt, solange die Gefangenen dort waren. Pieter Maritz betrachtete die Gesichter seiner Genossen. Keines war sehr einladend zu näherem Verkehr, sondern es waren rohe Züge, die sich ihm zeigten. Er ging mit trüben Gedanken unter den Leuten umher und freute sich fast, als die Zeit der Erholung vorüber war und er wieder eingeschlossen wurde. Um Mittag erschien der Leutnant Thomson, der die Zimmer inspizierte und ihn fragte, ob er nun wisse, wer sein Souverän sei, und ob er nun Auskunft über die Zuluarmee geben wolle.

Aber Pieter Maritz kreuzte die Arme über der Brust und antwortete nur mit einem Blick der Verachtung. Der Offizier ging, und Pieter Maritz war wieder allein hinter den vergitterten Fenstern.

So ging es auch am folgenden Tage und fernerhin. Ein Tag reihte sich an den andern, und Pieter Maritz saß noch immer im Gefängnis. Die übrigen Gefangenen wechselten. Einige wurden entlassen, und andere kamen wieder hinzu, die Gesellschaft auf dem Hofe bei der Promenade wechselte, und nur Pieter Maritz blieb. Es kam ihm so vor, als ob hauptsächlich Trunkenbolde unter den englischen Soldaten eingesperrt würden, denn oft wurde gerade des Abends ein Mann mit vielem Gepolter und Geschrei von Patrouillen gebracht, und Pieter Maritz wunderte sich, wie stark der Geruch von Rum im Gefängnis war. Er war in einer stillen, grimmigen Laune über die lange Dauer seiner Gefangenschaft, aber fest entschlossen, nicht nachzugeben, wenn er auch für immer dort sitzen sollte. Sein Trost war, daß es Jager gut ging. Der alte Buer, welcher Mitleid mit ihm hatte und auch gern schwatzte, besuchte ihn fast jeden Abend und erzählte ihm, was in der Welt vorging. Er sagte dem Knaben, daß einer seiner Knechte das Pferd täglich an die Luft brächte, und er hatte es so eingerichtet, daß dieser Knecht an des Knaben Fenstern vorüberritt. Pieter Maritz nickte Jager von oben zu und fühlte sich beruhigt, wenn er sah, daß das Tier munter dahinschritt.

Der alte Buer erzählte ihm, daß er täglich für jeden Gefangenen fünf Schillinge Kostgeld bekäme, wenn aber einer entspränge, müsse er fünf Pfund Strafe kontraktmäßig bezahlen, deshalb passe er sorgfältig auf, daß keiner entwische, und noch habe er keine Strafe zu bezahlen gehabt. Er erzählte auch von den kriegerischen Vorgängen. Von drei Seiten, so sagte er, wollten die englischen Truppen in das Zululand einrücken. Der Oberst Wood von Transvaal aus, der Oberst Glyn von Helpmakaar in Natal aus und der Oberst Pearson von Greytown in Natal aus. Alle drei Kolonnen wollten geradeswegs auf Ulundi marschieren. Am Ufer des Tugelaflusses habe Sir Bartle Frere in Gegenwart britischer Behörden und vielen Volkes ein Ultimatum verlesen lassen, eine Forderung an Tschetschwajo, die gestellten Bedingungen anzunehmen oder aber britische Truppen als Feinde in seinem Lande zu sehen. Dies Ultimatum sei dem Könige übersandt worden, und da er es nicht angenommen habe, würde der Krieg beginnen.

Am 14. Januar erschien der alte Buer sehr eilfertg bei Pieter Maritz und erzählte ihm, es habe ein Kampf stattgefunden. Britische Truppen wären auf Flößen und Booten über den Buffalofluß gegangen und hätten vor zwei Tagen Sirajos Kral erstürmt.

Zu dieser Zeit kam große Bewegung in die bei Utrecht lagernden Truppen, wie Pieter Maritz von seinen Fenstern aus bemerken konnte. Viele Wagen fuhren durch die Straße, Truppenabteilungen marschierten, und alles machte den Eindruck, als ob etwas Wichtiges bevorstände. Die Soldaten, welche noch im Gefängnis waren, wurden herausgeholt. Am 20. Januar, als Pieter Maritz bereits über zwei Wochen gefangen gesessen hatte, ward er in der Frühe des Morgens durch kriegerische Musik geweckt. Er eilte ans Fenster und sah, daß die Truppen sich in Marsch gesetzt hatten. Der Zug ging nach Osten hin und bewegte sich durch die Straße, in welcher das Gefängnis lag.

Zuerst erschienen die Schwadronen der englischen ~Light Horse~, Reiter mit langen, an der Spitze etwas gebogenen Schwertern und Karabinern bewaffnet, dann stampften im Gleichschritt die Züge der englischen Infanterie heran, in roten Röcken mit weißen Korkhelmen, die Beinkleider in langschäftige Stiefel gesteckt, Tornister mit weißen Lederstreifen auf dem Rücken, das Gewehr auf der Schulter, Patrontaschen vor dem Leibe, Brotbeutel und Feldflasche an der Seite, das Bajonett am weißen Ledergurt an der linken Hüfte. Sie trugen die Nummer 80 auf den Achselklappen. Die Unteroffiziere hatten weiße Querstreifen auf dem linken Oberarm, die Offiziere, deren ein großer Teil zu Pferde war, trugen nur Säbel und Revolver. Auf das 80. Infanterieregiment folgte ein Zug, wie Pieter Maritz ihn noch nie gesehen hatte, so daß bei dessen Anblick ihm das Herz höher schlug. Schon von weitem war ein tiefes Klirren und erschütterndes Rollen und Dröhnen zu vernehmen. Die Artillerie kam heran. Je sechs Pferde zogen einen zweirädrigen Karren, die Protze, auf welcher Artilleristen saßen, und an diese Protze war das Geschütz gehängt. Der Anblick der dunklen glänzenden Kanonenrohre erregte in des Knaben Gemüt einen großen Sturm, denn er hatte noch keine Kanone erblickt. »O ihr armen Zulus,« dachte er, »wie wird es euch ergehen?« Geschütz auf Geschütz rollte mit unheimlicher Schwere dahin, und hinter den Geschützen gingen und ritten viele englische Krieger. Die Offiziere hatten schwarze Sammetaufschläge und Sammetkragen auf den Scharlachröcken, und diese Aufschläge und Kragen waren prachtvoll mit goldener Stickerei eingefaßt und besetzt. Sie trugen breite schwarze Bandeliere mit Patrontaschen, Säbel und Revolver, ihre weißen Helme hatten vergoldete Spitzen und Beschlag und wurden mit vergoldeten Schuppenketten unter dem Kinn befestigt. Sie ritten wunderschöne Pferde mit reichem Geschirr.

Hinter den Geschützen zog eine Reihe schwarzer Wagen her, die mit Munition beladen waren. Dann folgte wieder ein Zug Infanterie, zwei Kompanien vom 80. Regiment. Hierauf kamen mehrere hundert Mounted Volunteers, berittene Buern aus Natal, sowie englische Unterthanen aus Natal, welche freiwillig am Kampfe teilnahmen. Sie trugen den weißen Korkhelm und kreuzweise gehängtes weißes Lederzeug mit Büchse und Patrontasche. Dann kam wieder ein langer Zug Infanterie, das 90. Regiment, und hieran schloß sich wieder englische Kavallerie. Endlich kam eine unendliche Reihe von Wagen, die von Buern und Kaffern gelenkt und von reitenden Buern und englischer Infanterie begleitet wurden. Mehr als zweihundert Wagen zählte der Zug, und es währte mehrere Stunden, bis er vorüber war. Ein jeder Wagen war mit zehn oder zwölf Ochsen bespannt und mit Kisten und Kasten, Paketen und Tonnen beladen. An die Zeltdächer waren die Nummern der Truppenabteilungen mit schwarzer Farbe geschrieben. Hier stand: ~Frontier Light Horse~, dort ~13th Regiment~, dort ~Royal Artillery~, und so war überall bezeichnet, welcher Truppe die mitgeschleppten Vorräte an Munition, Lebensmitteln, Uniformstücken und sonstigem Gepäck gehörten.

Pieter Maritz sah im Geiste noch den Marsch der Zulutruppen vor sich, und so erschien ihm das kleine englische Heer, welches kaum dreitausend Mann stark war, ganz fremdartig. Wie schwer, breitschulterig, wuchtig und stampfend waren diese Soldaten der Königin von England im Vergleich mit den langen schmalen leichten Zulus, die gleichsam über den Boden hinschwebten. Und welch ein Gepäck! Welche Masse von Fleisch, welche Tonnen voll Branntwein! Welche Menge von Uniformstücken, von Mänteln und Stiefeln! Die Zulus aßen im Manöver nur einmal in vierundzwanzig Stunden oder auch wohl gar nicht und schnürten dafür ihren Gürtel etwas fester. Für jeden Wagen der Engländer ein behender nackter Träger mit einem Korbe auf dem Kopfe, und zehntausend Zulus waren für mehrere Tage mit Kafferkorn versehen. Ihr Getränk aber lieferten die Bäche und Flüsse.

Pieter Maritz hatte dem langen Zuge fast atemlos in höchster Spannung zugeschaut, denn das kriegerische Schauspiel nahm seine Sinne ganz gefangen. Als aber der letzte Wagen im gewaltigen Staube der Straße verschwand, da seufzte er tief.

Sollte er nun allein zurückbleiben und für immer im Gefängnis sitzen? Er besann sich darauf, daß er ja nichts mit dem Kriege der Engländer zu schaffen habe, gleichwohl hatte er ein Gefühl, als sei sein halbes Herz mit fortgenommen. Er hätte es natürlich gefunden, mitzureiten. Der Anblick der vielen Buern bei der Kolonne des Obersten Wood bewegte ihm das Gemüt. Zwar waren unter den Kämpfern keine von den Transvaalbuern, sondern nur unter den Wagenführern, wie ihm der alte Gefangenwärter erzählt hatte, aber die Buern aus Natal waren doch auch Landsleute, wenigstens von verwandtem Blute, wenn auch nicht freie Bürger. Tief betrübt und mit seltsam geteilter Empfindung saß Pieter Maritz auf seiner Matratze.

Doch jetzt rasselte das Schlüsselbund. Der alte Gefangenwärter trat herein.

»Du kommst los, Neffe,« sagte er. »Oberst Wood hat befohlen, daß du zum Oberbefehlshaber, General Lord Chelmsford, gebracht werden sollst. Eine Patrouille geht zum General nach Helpmakaar, um ihm zu melden, daß der Oberst nach Lüneburg abmarschiert ist; und diese Patrouille soll dich mitnehmen. Mach rasch, dein Pferd wird gesattelt, deine Büchse kannst du auch mitnehmen. Hier hast du noch ein gut Stuck Brot und Fleisch für den Weg.«

Pieter Maritz sprang voll Entzücken auf. War er auch seines Schicksals nicht gewiß, so kam er doch wenigstens aus dem engen Gefängnis heraus. Kräftig schüttelte er dem Alten die Hand.

»Ich danke auch, Oheim,« sagte er, »und ich wünsche Euch gute Gesundheit.«

Achtzehntes Kapitel

Die Schlacht von Isandula

Mit großer Wonne sah Pieter Maritz sein Pferd gesattelt vor der Thür stehen und ergriff er die Büchse. Ein Unteroffizier von der englischen leichten Kavallerie mit vier Mann erschien, und diese Leute nahmen ihn in ihre Mitte. Einer von den Reitern trug eine Ledertasche umgehängt, in welcher sich wohl Briefe und Meldungen aus dem Hauptquartier des Obersten Wood für den Oberbefehlshaber und das Lager von Helpmakaar befinden mochten.

»Das Gewehr wollen wir Ihnen doch lieber abnehmen, es möchte Ihnen bei dem warmen Wetter auf der Schulter drücken,« sagte der Unteroffizier zu Pieter Maritz, als er ihn in Empfang nahm. Er schien eine Neigung für Scherz zu haben, und sein rotes Gesicht hatte viele Runzeln um die Augen, welche aussahen, als kämen sie vom Lachen.