Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 26
»Ja, es ist nur ein Schwarzer,« sagte der alte Missionar mit bewegtem Tone. »Aber ich sage Euch, in diesem Manne stirbt ein besserer Christ, als viele Tausende mit weißer Haut Christen sind. Titus Afrikaner, mein Freund, mein Bruder, sieh mich an! Wie geht es dir?«
Die eindrucksvolle Stimme des Missionars und der Anblick des tödlich Verwundeten hatten Ruhe hervorgerufen, und ein weiter Kreis von schwarzen und weißen Menschen bildete sich um den am Boden liegenden Häuptling und den über ihn geneigten alten Mann.
Titus Afrikaner schlug die Augen auf und sah dem Missionar mit einem glücklichen Lächeln ins Gesicht. »Du hast mich einen Christen genannt, mein Vater,« sagte er. »Nun werde ich den Mann auf dem Berge sehen, der mir seine Hand entgegenstreckte. Ich gehe der Erscheinung Jesu Christi entgegen.«
»Ja, du wirst ihn sehen, den Heiland,« sagte der Missionar, »seine erlösende Hand wird dich aus der Angst der Sünde befreien und wird dir die Krone reichen, die dem bestimmt ist, der sich selbst besiegte. Aber sprich, mein Freund, können wir nichts thun, dein Leben zu retten? Wir wollen deine Wunde verbinden, und du wirst genesen.«
Titus Afrikaner schüttelte langsam den Kopf. »Hier sitzt der Tod,« sagte er, auf seine Brust zeigend. »Laßt mich ruhig liegen. Ich sterbe gern in deinem Arm, mein Vater. Du rettetest meine Seele vom Verderben. Ehe ich dich kannte, war ich nur ein wildes Tier, du hast mich zu einem Christen gemacht.«
Der Missionar sah, daß der Häuptling die Wahrheit sprach, als er seinen Tod als nahe bezeichnete, denn die Wunde saß nahe der Herzgrube, und das Blut quoll nur in einzelnen Tropfen hervor. Das Gesicht des Verwundeten verlor nach und nach die Farbe des Lebens, und die Augen bekamen einen überirdischen Ausdruck.
»Gott ist sehr gütig, daß er mich sterben läßt,« sagte der sterbende Häuptling mit leiser Stimme. »Nun wird mich keiner der Krieger mehr verspotten, und ich werde in ein Land kommen, wo nur Christen sind.«
Dann blickte er sich suchend um, und als er den einzigen seiner Anhänger, der ihm treu geblieben war, im Kreise der Umgebenden stehen sah, winkte er ihm mit den Augen, näher zu kommen. Der treue Basuto ging auf ihn zu und benetzte seine Hand mit Thränen.
»Ich danke dir, mein Bruder, daß du bei mir geblieben bist,« sagte Titus Afrikaner. »Lebe wohl und bleibe Christo so treu, wie du deinem Häuptling geblieben bist. Dann werden wir uns im himmlischen Jerusalem wiedersehen.«
Damit faltete er die Hände, die ehemals so tapfer und geschickt die Büchse zu handhaben verstanden hatten, über der Brust und betete in Gemeinschaft mit dem Missionar, bis sein Atem zu schwach wurde, um noch Worte hervorzubringen. Nur die Lippen bewegten sich noch ein wenig, und endlich ruhten auch diese, die Augen brachen, ein Zucken durchschauerte den Körper, und mit einem Seufzer endete er sein Leben.
Der Missionar richtete sich auf, und seine Augen liefen von Thränen über. »Seht hier das Ende eines Christen,« sagte er laut und eindringlich, »und betet mit mir zu Gott für das Heil seiner Seele.«
Die Missionare mit ihren Frauen falteten die Hände, Pieter Maritz stieg vom Pferde und zog den Hut, auch der englische Unteroffizier nahm den Helm ab, und die Swazikrieger standen verdutzt, aber ehrfurchtsvoll schweigend umher. Der Missionar betete das Vaterunser in deutscher Sprache, und feierlich klangen die Worte in der stillen Nacht im einsamen Thale an der kriegbedrohten Grenze.
»Und nun macht den Weg frei und laßt uns in Frieden weiterziehen,« sagte der alte Missionar, nachdem er das Gebet beendigt hatte.
»Ich bedaure, das ist nicht möglich,« entgegnete der Unteroffizier. »Es ist Befehl, alle Reisenden aus dem Zululande zum Kommandierenden zu führen. Ihr müßt mir alle folgen.«
»Wohin?« fragte der Missionar.
»Zum Kommandanten La Trobe Lonsdale, in dessen Quartier zu Potgieters Farm.«
Siebzehntes Kapitel
Utrecht
Als die Reisenden vernahmen, daß sie nach eben dem Orte gebracht werden sollten, wohin sie schon selbst zu reisen beabsichtigten, wurde ihr Gemüt ruhig, und sie bereiteten sich, dankbar für diese Wendung, welche der Überfall nahm, zum Weitergehen. Die von den Swazis aus den Wagen gerissenen Gepäckstücke wurden wieder aufgepackt, Frauen und Kinder kletterten nach, und die Männer bestiegen ihre Pferde. Der Leichnam des erschossenen Häuptlings wurde auf des alten Missionars Verlangen von zwei Schwarzen aufgehoben und mitgenommen, denn es sollte dem christlich Gestorbenen ein christliches, feierliches Begräbnis zu teil werden. Noch eine halbe Stunde lang ging es beim Sternenlicht weiter, dann glänzte der rote Schein von Lagerfeuern, und die Reisenden sahen sich an einer großen Lagerstätte von schwarzen Kriegern angelangt. Mehr als tausend Swazis schliefen in ihren Mänteln von Tierfell am Boden, und nach europäischer Weise waren Posten ausgestellt, welche den Zug durchließen, nachdem der englische Unteroffizier das Feldgeschrei gegeben hatte. Durch die Posten und Schlafplätze hindurch rollten die Wagen vor das Gehöft, wo der englische Kommandant sein Quartier aufgeschlagen hatte.
La Trobe Lonsdale lag schon im Schlafe, doch wurde er geweckt, um die Ankömmlinge sprechen zu können, und die Missionare sowie Pieter Maritz wurden in ein Zimmer geführt, wo der Offizier sie beim Scheine einer Lampe empfing und nach dem Ziel ihrer Reise und dem Orte ihrer Herkunft befragte. Er schien verwundert zu sein, als er hörte, daß der alte Mann und Pieter Maritz aus der Hauptstadt Tschetschwajos kamen, da er wohl nicht erwartet hatte, daß der Zulukönig unter den jetzigen Zeitverhältnissen das Blut von Weißen verschonen würde, die in seiner Macht waren. Doch war er erfreut, nun Leute vor sich zu sehen, die ihm über die Zustände im Zululande Auskunft geben könnten. Aber sowohl der alte Mann wie Pieter Maritz verweigerten jede Auskunft, und die beiden jüngeren Missionare erklärten mit gutem Gewissen, daß sie nichts von den Zuständen beim Heere Tschetschwajos wüßten.
»Wir haben seit fast einem Jahre Tschetschwajos Brot gegessen, und er ist großmütig gegen uns gewesen,« sagte der alte Mann. »Deshalb wäre es Verräterei, wenn wir etwas über sein Heer und seine Pläne sagen wollten.«
Der englische Offizier war unzufrieden mit dieser Antwort, denn er hätte sehr gewünscht, über den Feind Nachricht zu erhalten; doch konnte er sich nicht der Einsicht verschließen, daß eine ehrenwerte Gesinnung die Weigerung der ehemaligen Gäste Tschetschwajos hervorrief. Er sann einen Augenblick nach und sagte dann, er wolle in Rücksicht auf das Alter und den Beruf des Missionars der ferneren Reise der drei Missionare mit den Familien kein Hindernis in den Weg legen. Der junge Mensch dagegen, welcher ein Buer zu sein scheine, müsse in das Hauptquartier nach Utrecht gebracht werden, um vor dem Obersten Wood zu erscheinen. »Ich lasse Euch Pferd und Waffen,« sagte der Kommandant zu Pieter Maritz, »weil ich darauf vertraue, daß Ihr keinen Fluchtversuch machen werdet. Ihr werdet Euch darauf besinnen, was der Patriotismus jedem englischen Unterthan vorschreibt.«
Damit entließ er die Reisenden, ordnete an, daß Pieter Maritz bewacht und am folgenden Morgen unter Bedeckung nach Utrecht gebracht würde, und kehrte in seinen Schlafraum zurück.
Die Reisenden schlugen ihr Nachtquartier in einem Gehöft von Potgieters Farm auf, und der alte Missionar und Pieter Maritz unterhielten sich über die neuen Ereignisse, welche sie betroffen hatten. Die Erlebnisse, welche sie gemeinsam gehabt, ließen ihnen beiden das Jahr, welches sie zusammen gewesen waren, als eine fast unabsehbar lange Zeit erscheinen. Besonders für Pieter Maritz, dem die Zeit noch langsam verstrich, weil er jung war, schien der Rückblick auf die Vergangenheit, auf die Reise vom Buernlager im Norden Transvaals bis zu den Garnisonen der Zulus im Südosten von Afrika fast wie eine Ewigkeit, und er konnte sich nicht an den Gedanken gewöhnen, den alten Mann verlassen zu müssen. Dieser erklärte, daß er es für seine Pflicht halte, bei den jüngeren Missionaren zu bleiben und mit ihnen zusammen eine Station zu gründen, entweder in Transvaal oder im Zululande, sobald der Krieg beendigt sei. »Was dich anbetrifft, Pieter Maritz,« sagte er, »so hoffe ich, daß du bald zu den Deinigen zurückgekehrt sein wirst. Der englische Kommandant in Utrecht wird dich hoffentlich bald entlassen, und dann kannst du dich nach deiner Gemeinde erkundigen und sie aufsuchen. Deine Furcht, wegen der Entweichung der beiden Zulus bestraft zu werden, wird ja nun wohl verschwunden sein. Du bist ein großer Mensch geworden, und ich werde Gott bitten, daß du immer ein guter, ein christlicher Mensch bleibst. In allen Fährlichkeiten, der Seele wie des Leibes, muß ja Gott unsere Stütze sein, denn unsere eigene Kraft ist gar schwach gegenüber den Anfechtungen der Welt.«
Pieter Maritz war in einer eigentümlichen Gemütsbewegung und vermochte lange Stunden nicht einzuschlafen. Trauer und Freude mischten sich seltsam. Er war betrübt, den alten Mann verlassen zu müssen, der sein Freund und Berater war und an den er durch die engsten Bande, durch gemeinsam überstandene Gefahr und durch Unterricht in den höchsten Gegenständen des Wissens, gekettet war. Doch beherrschte ihn die Trauer nicht völlig, da er vor seinem inneren Auge das Bild seiner Lieben daheim erblickte und da ihn das freudige Gefühl belebte, auf der Reise vom Zululande weg nach Hause zu sein. Schon das Bewußtsein, in Bewegung zu sein, den treuen Jager zur Hand zu haben und von Ort zu Ort zu kommen, hatte etwas Ermunterndes, Erfrischendes. Um sein Erscheinen vor dem Kommandanten von Utrecht grämte er sich wenig. Er war entschlossen, nichts über die Zulus zu verraten, und er glaubte, daß er dann die Erlaubnis erhalten würde, sich nach Hause zu begeben.
In der Frühe des andern Morgens erklangen die Hörner, und die Swazis erhoben sich vom Schlafe. Nach dem Vorbilde der Zuluregimenter waren aus dem Stamme der Swazis, die den Zulus immer feindlich gegenüberstanden, Regimenter gebildet worden, die unter dem Befehl La Trobe Lonsdales und einiger jüngeren englischen Offiziere sowie mehrerer englischen Unteroffiziere standen. Dieses schwarze Heer unter englischer Führung streifte von der Grenze Natals bis nach Neuschottland hin dem Zululande zunächst und bildete die äußersten Posten an der Grenze zwischen Transvaal und dem Zululande. Weiter zurück, in Utrecht und an andern Plätzen, formierten sich englische Angriffskolonnen unter Befehl des Obersten Wood.
Pieter Maritz frühstückte mit seinem alten Freunde, während die Familien der andern Missionare noch unter dem Zeltdache der Wagen schliefen. Doch es schmeckte beiden nicht. Sie waren zu sehr betrübt über die bevorstehende Trennung. Nun kam der englische Unteroffizier, der sie in der vergangenen Nacht gefangen genommen hatte, und befahl Pieter Maritz, sich fertig zu machen. Es mußte Abschied genommen werden. Mit nassen Augen sattelte Pieter Maritz sein Pferd, band einen Mantelsack auf, den ihm der Missionar geschenkt hatte und worin er Lebensmittel und einige Bücher verwahrte, dann umarmte er den alten Mann und schwang sich in den Sattel. Zwei mit Gewehren bewaffnete Swazis gingen mit ihm, und so zog er weiter.
Der Marsch ging schnell vor sich, denn die schlanken nackten Swazis hatten wenig Mühe, mit dem Pferde gleichen Schritt zu halten. Sie schwatzten fröhlich, nahmen dankbar den Tabak an, den Pieter Maritz ihnen gab, rauchten aus ihren kleinen Pfeifen und ließen sie sogar dann nicht ausgehen, wenn es im Trabe ging. Meile nach Meile legten sie ohne Ermüdung neben dem Pferde zurück. Pieter Maritz dachte einigemal daran, sich seiner Begleiter zu entledigen. Er war überzeugt, daß sie ihn laufen lassen würden, wenn er ihnen ein Geschenk machte. Aber er hielt es nicht für recht, die Leute von ihrer Pflicht abwendig zu machen, und der Gedanke, Gewalt zu gebrauchen und sich auf sein Pferd und sein Gewehr zu verlassen, um die Freiheit zu erlangen, lag ihm ferne. Er wollte dem Vertrauen des englischen Kommandanten, der ihm Pferd und Waffen gelassen hatte, keine Schande machen.
Der Marsch ging weit schneller, als er in Begleitung der Wagen bis jetzt gegangen war. Es kam Pieter Maritz so vor, als seien ihm Flügel gewachsen. Munteren Schrittes bewegte sich Jager, der erfreut zu sein schien, nicht mehr an den schweren Gang der Ochsen gebunden zu sein, und leicht wie Antilopen liefen die beiden Schwarzen nebenher. Das Land zeigte die Unruhe eines Grenzgebietes bei hereinbrechendem Kriege. Pieter Maritz überholte mehrere Wagenzüge, die landeinwärts gingen, und in denen sich Buernfamilien mit ihren Viehherden vor dem gefürchteten Anmarsch der Zulus retteten. Wie freute er sich, Landsleute wiederzusehen und die holländische Sprache zu vernehmen! Er aß bei einer dieser Familien zu Mittag und erkundigte sich, ob sie etwas von seiner Gemeinde wüßten. Aber die Leute wußten nichts davon, ein zu weiter Raum trennte die Bewohner des Utrechter Distrikts von denen der Ebenen im Norden.
Gegen Abend zeigten sich die dunklen Ketten des Belebasberges, und als die Sonne sank, kam Pieter Maritz durch ein Thal, vor dessen Ausgange die Stadt Utrecht lag. Jager war ermüdet, er ging langsam und senkte den Kopf; auch die Swazis schritten jetzt langsam dahin, und ihr Geschwätz war verstummt. Sie hatten zehn deutsche Meilen zurückgelegt.
Jetzt zeigten sich viele rote Feuerscheine, und dann blinkten Lichter auf, welche weit verbreitet lagen und die einzeln liegenden Häuser von Utrecht anzeigten. Dann tönten Hornsignale, und der Lärm eines Lagers ließ sich vernehmen. Die Nacht war klar und rein. Vom tiefblauen Himmel glänzten die Sterne herab, und ein warmer Wind zog aus der Ebene nach dem Gebirge hin und blies Pieter Maritz entgegen. Ein Trupp von bewaffneten Reitern erschien seitwärts des Weges und rief die Ankömmlinge an. Pieter Maritz hielt, und die Reiter kamen näher. Es waren Buern, die Büchsen über dem Rücken, den Patronengurt über der Brust, das Gesicht vom Hutrand beschattet. Sie umringten den Landsmann und die beiden Schwarzen, und einer von ihnen führte alle drei nach Utrecht hinein. In den ausgedehnten Straßen, welche zwischen Feldern und Gärten sowie vereinzelt stehenden Häusern sich hinzogen, trieb sich ein sehr verschiedenartiges Volk herum. Englische Infanteristen in ihren roten Röcken, dazwischen Buern aus Natal, die als Freiwillige im englischen Heere dienten, auch schwarze Krieger waren zu sehen, und viele Weiber, hauptsächlich Kaffernfrauen, liefen umher und trugen Körbe mit Lebensmitteln oder Krüge auf dem Kopfe, um die Truppen zu versorgen. Seitwärts der Straßen, außerhalb der Stadt, schimmerten lange Reihen der spitzen weißen Zelte, in welchen die englischen Truppen lagerten.
Vor dem ansehnlichsten Hause von Utrecht, einem zweistöckigen Gebäude, hielt der kleine Zug. Pieter Maritz sah das Haus voll Bewunderung an. Er hatte in seinem Leben noch kein so schönes Haus gesehen. Es war glänzend weiß, hatte sechs Fenster Front, alle Fenster waren von innen hell erleuchtet und hatten Glasscheiben. Pieter Maritz war noch nie in einer Stadt gewesen, welche aus Häusern europäischer Bauart bestanden hatte, und glaubte sich in ein Zauberland versetzt. Vor der Hausthür ging ein Soldat in rotem Rocke und mit weißem Helm auf und ab, und mehrere Offiziere und Unteroffiziere standen auf dem Platze davor.
Der berittene Buer teilte einem dieser Offiziere mit, daß zwei Mann von der Truppe des Kommandanten Lonsdale einen Gefangenen brächten, und nun ließ der Offizier Pieter Maritz absteigen und führte ihn in das Haus. Zugleich nahm er ein Schreiben mit, welches ihm einer der Swazis überreichte, und worin Kommandant Lonsdale wohl dem Obersten Wood Meldung über den Stand der Dinge an der Grenze abstatten mochte.
Als Pieter Maritz sich der offenstehenden Hausthür näherte, sah er den Flur mit Männern angefüllt. Rote Röcke und die Blusen der Buern mischten sich, und verwundert sah Pieter Maritz mehrere Zulus an der einen Seite dicht an der Wand hocken. Er konnte sich über die besondere Art des Kopfputzes und der Waffen dieser Leute nicht täuschen, es waren wirklich Zulus. Sie hockten am Boden, das Kinn auf den Knieen, die Hände vor den Schienbeinen verschlungen. Er mußte eine Zeitlang auf dem Flur warten und ward sich hier, wo es hell war und wo die Blicke der Engländer und Buern sich auf ihn richteten, eines Umstandes bewußt, der ihm bis jetzt nicht zur Erinnerung gekommen war: es fiel ihm ein, wie sonderbar und schlecht er gekleidet sei. Nun er die hübschen, glänzenden Anzüge der Engländer und die sauberen ordentlichen Röcke, Beinkleider und Stiefel seiner Landsleute sah, erschien ihm seine eigene Tracht, an welche er lange gar nicht gedacht hatte, in einem neuen Lichte, und er fühlte sich so beschämt, daß er nicht recht wußte, wohin er sich stellen sollte, um möglichst verborgen zu sein. Im Zululande gab es keine Schneider, die ihn mit Kleidungsstücken europäischer Mode hätten versorgen können, und Schuster gab es dort gar nicht. Die Zulus gingen barfuß, und ihre Gewänder waren zwar kunstvoll gearbeitet, aber nicht modern für die Stadt Utrecht. Da Pieter Maritz sich nicht an die Mode von Ulundi, ein schön gegerbtes Fell und einen perlenbesetzten Lendengurt, hatte gewöhnen wollen, hatte er sich damit begnügen müssen, seinen alten Anzug mit neuen Lappen zu flicken. Seine Stiefel hatten so viele neue Stücke bekommen, daß von dem ursprünglichen Leder fast nichts mehr vorhanden war. Sie waren nicht unbequem. Die Schäfte, mit Antilopenleder geflickt, schlossen sich gut an und gingen bis über die Kniee. Es waren vorzügliche Reitstiefel; aber sie waren ziemlich bunt. Ähnlich ging es mit den übrigen Stücken seines Anzugs. Der Missionar, welcher für lange Aufenthalte in wilden Gegenden vorbereitet war und in seinem Wagen allerhand Nützliches mit sich führte, hatte ihm ausgeholfen, aber buntscheckig genug waren Rock und Beinkleid und Hut.
Jetzt kam der Offizier, welcher den Brief des Kommandanten Lonsdale fortgetragen hatte, wieder zum Vorschein und winkte Pieter Maritz, ihm zu folgen. Es ging in ein großes Zimmer neben dem Flur, welches von mehreren Lampen erleuchtet war, und hier bot sich ein Anblick, der die Überraschung Pieter Maritz' vollständig machte. Sein Blick fiel zunächst auf zwei bekannte Gestalten: der Prinz Sirajo und der Induna Molihabantschi saßen auf Stühlen in der Mitte des Zimmers, in ihre vornehmste Tracht gekleidet: goldene Ringe auf dem Kopfe, Hals und Brust mit Ketten geziert, Mäntel von Tigerfell auf dem Rücken, in der Hand lange Elfenbeinstäbe mit zierlich geschnitzten Knäufen.
Vor ihnen saß an einem langen Tische, der mit Karten und Schriften bedeckt war, ein hoher Offizier, die Brust mit mehreren Orden geziert, und neben ihm saßen fünf andere, jüngere Offiziere. Ein Zulu, dessen schwarzes Gesicht sonderbar aus einem weißen Hemdskragen hervorsah und der die Bluse und das Beinkleid des Buern trug, stand zwischen dem Tische und den vornehmen Gesandten Tschetschwajos.
»Treten Sie näher!« rief der hohe Offizier Pieter Maritz zu. »Kommandant Lonsdale schreibt mir, daß Sie aus Ulundi kommen. Verstehen Sie genug von der Zulusprache und genug Englisch, um als Dolmetscher nützlich zu sein?«
»O ja, ich glaube wohl,« entgegnete Pieter Maritz. »Ich habe fast ein Jahr in Ulundi gelebt und habe die Zulusprache ziemlich gut gelernt.«
»Wenn Sie sie ebenso gut verstehen, wie die englische Sprache, so sind Sie ein Meister,« sagte Oberst Wood. »Wer zum Henker ist Ihr englischer Sprachlehrer gewesen?«
»Lord Adolphus Fitzherbert,« entgegnete Pieter Maritz.
»Sind Sie toll?« fragte der Oberst. »Aber freilich -- ich hörte davon, daß der Lord gefangen bei den Zulus gewesen ist.«
Pieter Maritz erzählte von seinem langen Beisammensein mit dem Lord, und daß er dadurch seine Kenntnis des Englischen verbessert habe.
»Es ist gut,« sagte der Oberst. »So werden Sie imstande sein, zwischen mir und den Gesandten zu vermitteln, denn ich verstehe nicht genau, was sie sagen, und glaube, daß unser schwarzer Dolmetscher nicht ganz zuverlässig ist. Lassen Sie sich genau sagen, was diese Leute wollen, und teilen Sie es mir mit. Wenn ich recht verstanden habe, ist einer von ihnen ein Bruder Tschetschwajos.«
Pieter Maritz wandte sich zu den Zulus und begrüßte den Prinzen Sirajo mit einer Verbeugung, welche dieser würdevoll mit Kopfnicken erwiderte. Molihabantschi hatte schon den Auftrag des Obersten Wood vernommen, und nachdem er sich mit dem Prinzen besprochen hatte, teilte er Pieter Maritz in seinem gebrochenen Englisch und mit dazwischen gestreuten Zuluworten die Botschaft Tschetschwajos mit.
Dann wandte sich Pieter Maritz an den englischen Obersten. »Diese Männer sind der Prinz Sirajo, Bruder des Königs, und einer seiner vornehmsten Räte, Namens Molihabantschi,« sagte er. »Ich kenne sie beide, da ich sie oft gesehen habe. Sie sagen, daß König Tschetschwajo sehr bedauert, in Streit mit der englischen Regierung gekommen zu sein. Er wünscht den Frieden. Er ist unzufrieden damit, daß seine Unterthanen die Grenze verletzt haben, und will diejenigen streng bestrafen, welche Vieh aus Natal gestohlen und Flüchtlinge zurückgeholt haben. Auch verspricht er, daß derartiges Unrecht nicht wieder geschehen solle. Zugleich aber spricht er seine Verwunderung darüber aus, daß die englischen Truppen sich an seiner Grenze in so großen Massen versammeln, und er bittet um Auskunft, welchen Zweck diese Truppen haben. Besonders ist er beunruhigt, daß die Festung Lüneburg errichtet worden ist, und erblickt darin eine Bedrohung seines Landes und seiner Verbindungen mit dem Norden. Er bittet um eine genügende Erklärung der kriegerischen Vorbereitungen Englands, da er sich sonst genötigt sehen würde, auch seinerseits auf Krieg bedacht zu sein.«
Oberst Wood zuckte ein wenig die Achseln und unterdrückte ein Lächeln, welches um seinen Mund zuckte.
»So fragen Sie die Gesandten,« antwortete er, »ob Tschetschwajo nicht die Forderungen des Generalgouverneurs kennt: Verminderung seiner Armee, Zurückziehung der Garnisonen an der Grenze, Aufnahme eines britischen Residenten in Ulundi und Abtretung der Bai von Santa Lucia?«
Pieter Maritz teilte die Gegenfrage des Obersten in der Zulusprache dem Prinzen Sirajo mit. Dessen Augen blitzten zornig.
»Der König hat auf diese Forderungen nicht geantwortet,« sagte er, »weil sie seiner königlichen Würde nicht angemessen sind.«
»Nun denn,« versetzte Oberst Wood, als Pieter Maritz dies übersetzt hatte, »die Bedingungen des Generalgouverneurs sind klar und deutlich. Wenn Tschetschwajo darauf nicht eingehen will, so werden die englischen Truppen den Krieg eröffnen. Das mögen die Gesandten zu Hause bestellen.«
Pieter Maritz übersetzte diese Worte, und die Zulus standen mit stolzer Gebärde von ihren Sitzen auf.
»So sei es denn Krieg!« rief Sirajo mit drohender Miene. Er wandte sich um und schritt mit Molihabantschi hinaus. Die englischen Offiziere aber sprachen miteinander und schienen durch das Auftreten und die Drohung der Zulus mehr belustigt als erschreckt zu sein. Pieter Maritz hörte ihrem Gespräch mit dem Gedanken zu, daß sie sich von der Kriegsmacht Tschetschwajos keine deutliche Vorstellung machten. Da sich niemand um ihn bekümmerte und auch der Zuludolmetscher in europäischer Tracht, offenbar ein Einwohner von Natal, sich entfernt hatte, wollte auch er fortgehen, als ihn Oberst Wood anrief.
»Nun, mein junger Freund,« sagte er, »setzen Sie sich einmal hierher an den Tisch und erzählen Sie uns genau, was Sie von den Zulus wissen. Wieviel Truppen hat denn Tschetschwajo? Wo stehen seine Banden? Wie sind sie bewaffnet? Welche Fechtweise haben sie? Erzählen Sie uns das alles recht deutlich und ausführlich.«
»Entschuldigen Sie mich, Mynheer,« antwortete Pieter Maritz. »Ich darf Ihnen das nicht erzählen. Ich weiß es zwar ganz genau, aber ich habe es als Gast des Königs erfahren, und es wäre Verräterei, wenn ich es sagen wollte.«