Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 25
Der Missionar hatte richtig gerechnet. Nach einigen Tagen kam ihm zu Ohren, daß der Regenmacher eine große Zauberkur vollbracht habe. Er sei vom Leibarzt des Königs zugezogen worden, weil die Krankheit des Königs für einen Doktor allein zu groß gewesen sei, und er habe mit Hilfe seiner zauberischen Kunst das Leiden überwunden. Bald darauf kam der Regenmacher auch selbst zu dem Missionar und dankte ihm mit Thränen in den Augen. Ja er zwang sogar dem Retter in der Not eine goldene Kette aus seinem eigenen Halsschmuck auf, und der Missionar konnte das Geschenk nicht zurückweisen, ohne den dankbaren Mann zu beleidigen. Tags darauf reiste der Regenmacher unter Bedeckung einer Abteilung der königlichen Garde ab, und die Verwünschungen des Volkes schallten zwar hinter ihm her, aber Steine konnten ihn nicht erreichen. Und als ob es der Himmel darauf abgesehen hätte, menschlicher Kunst zu spotten, -- kaum war der Regenmacher aus dem Gesichtskreis Ulundis verschwunden, da kam ein Landregen von Osten herauf und hüllte vierzehn Tage lang die Erde in Nebel, Dampf und nasse Fluten, so daß niemand in den Straßen der Residenz gehen konnte, ohne mit seinen Füßen bei jedem Schritte dicke Ballen aufgeweichter Erde emporzuheben.
Tschetschwajo ließ indessen, sobald er genesen war, mit aller Kraft an der Rüstung und Schulung seiner Armee arbeiten. Er sah, daß der Krieg unvermeidlich oder die Selbständigkeit seiner Herrschaft verloren sei. Pieter Maritz, der ein offenes Auge für die Begebenheiten hatte, sah, daß nach und nach alle Regimenter mit Gewehren bewaffnet und fleißig im Schießen geübt wurden. Auch gewahrte er, daß die unbehilfliche Art der Bewegung der Truppen sich änderte. Die Regimenter von Ulundi übten sich in der Ebene, einen Teil der Leute vorzuschicken, welche einzeln fochten und als Schützen den dichten Haufen des Regimentes umgaben. Wenn diese Leute feuerten, so warfen sie den Schild auf den Rücken, und es waren Riemen am Schilde angebracht worden, woran sie ihn über der Schulter tragen konnten, so daß sie die Hände frei hatten. Nur behielten sie immer noch die Assagaien bei, wodurch sie beim Schießen außerordentlich belästigt wurden. Sie richteten ihren Angriff so ein, daß sie auf weite Entfernung mit ihren Gewehren zu schießen anfingen und dann vorliefen, bis sie auf Wurfweite von den Scheiben waren. Alsdann schleuderten sie auf Kommando zweimal den leichten Wurfspieß, nahmen dann den Stoßassagai in die rechte Faust, Gewehr und Schild in die linke Hand und gingen zum Handgemenge vor. Die geschlossenen Regimenter wurden nicht mehr so tief wie früher aufgestellt, sondern zählten beim Angriff nur noch acht Glieder hintereinander.
Dabulamanzi war der Urheber aller dieser Neuerungen, und er kam häufig von Mainze-kanze herüber, um die Übungen der Armee von Ulundi zu überwachen. Nachdem die Regenzeit vorüber war, ward auch ein großes Manöver nördlich von Ulundi abgehalten, zu welchem die Armee von Mainze-kanze herbeikam. Gegen dreißigtausend Mann blieben in der Ebene am Schwarzen Umvolosi vier Wochen lang zusammen und führten große taktische Bewegungen aus. Vorzüglich übten sie ein bestimmtes Manöver: ein kleines Corps ward aufgestellt, und die übrige Armee griff dieses an. Dann bildete die große Masse eine lange Linie, welche gegen den Feind vormarschierte und allmählich in der Mitte anhielt, während die beiden Flügel herumschwenkten, so daß der Feind in einen Halbkreis eingeschlossen ward.
Der Missionar und Pieter Maritz durften freilich an diesem Manöver nicht teilnehmen, denn ein gewisses Mißtrauen des Königs seit dem Verschwinden Humbatis machte ihn selbst gegen den Missionar, den er doch immer noch in Ehren hielt, argwöhnisch. So konnte Pieter Maritz nicht mit eigenen Augen sehen. Aber die Zulus, mit denen die Weißen in Berührung kamen, prahlten mit den kriegerischen Großthaten ihres Volkes, sagten, daß nun das Mittel gefunden sei, die Weißen zu schlagen, und schilderten dabei die große Kunst Dabulamanzis im Umklammern des Feindes.
Der Missionar war in großer Besorgnis gewesen, daß Tschetschwajo im Zorne über die Forderungen des englischen Generalgouverneurs und über die Abweisung seines Bündnisantrags einen Teil seiner Rache auf ihn selbst und Pieter Maritz fallen lassen würde. Denn durch des Missionars Vermittelung war doch der Lord für die Botschaft gewonnen worden, und für einen Despoten wie Tschetschwajo lag die Vermutung nicht ferne, daß die Weißen in ihrer Verachtung der Schwarzen die Botschaft des Zulukönigs schlecht bestellt oder gar deren Vereitelung unter sich ausgemacht hätten. Als nichts erfolgte, was eine solche Besorgnis als begründet erscheinen ließ, ward der Missionar von hoher Achtung vor dem Charakter des Königs erfüllt, der seinen Grimm nicht an einem Unschuldigen ausließ, den er in seiner Macht hatte. Die Weißen wurden nach wie vor in ihrer Wohnung beschützt und mit Lebensmitteln versorgt, nur ward ihnen die Gelegenheit, mit den Zulus zu verkehren, beschränkt, und so fand sich für den Missionar kein Mittel, seinem Berufe und dem Ziele seines Lebens, nämlich der Lehre des Evangeliums, nachzugehen. So ward auch er mißmutig und ersehnte gleich dem Buernknaben den Augenblick der endlichen Abreise. Aber keine Aussicht zur Abreise zeigte sich, und der Missionar wagte nicht, den König um seine Entlassung zu bitten, um nicht in den Verdacht zu geraten, er wolle die Geheimnisse des Zululandes und der Pläne des Monarchen den Engländern verraten. Lange Monate saßen der alte Mann und der mehr und mehr heranwachsende Knabe in Verlassenheit und trüber Stimmung auf ihrem Gehöft vor den Hütten, verfolgten den Zug der Wolken und den Wandel der Gestirne und versuchten in belehrenden Gesprächen ihrer traurigen Gedanken Herr zu werden.
Solche Gespräche verschafften dem nun zum Jüngling heranreifenden Buernsohn einen kostbaren Schatz: die Erkenntnis vieler wichtiger Dinge, die ihm daheim immer fern geblieben sein würden. Er ward vertraut mit der Beschaffenheit des Himmels und der Erde, mit der Lage fremder Länder und deren Gebirgen, Flüssen, Städten und Einwohnern. Er lernte die Geschichte der europäischen Nationen kennen. Er hatte Unterricht in der Mathematik und manchen andern Wissenschaften. So bildete sich sein Geist, während sein Körper an Größe und Kraft zunahm.
Das Jahr 1878 neigte sich zu Ende, und der Missionar rüstete mit seinem jungen Freunde gemeinsam ein grünes Bäumchen, eine kleine Euphorbiacee, zu, um nach der Gewohnheit der Heimat ein christliches Weihnachtsfest zu feiern, als unerwarteterweise ein Bote vom König kam und den Missionar zu Hofe lud. Der Missionar dachte, es sei vielleicht wieder ein Brief gekommen, den er übersetzen solle, doch zeigte sich diese Annahme als irrig. Der König war allein und saß in nachdenklicher Haltung in einem seiner Gemächer auf der mit Löwenfellen bedeckten hölzernen Ruhebank.
»Du warst mein Vater,« sagte er mit sanfter Stimme zu dem alten Manne, der ihn mit einer Verneigung begrüßte. »Tschetschwajos Herz hat nicht vergessen, was du ihm Gutes gethan. Ich sehe, daß dein Herz traurig ist und sich zurücksehnt nach dem Lande des Königs Wilhelm. Geh, ich lasse dir das Land offen, und wenn du in deine Heimat zurückgekehrt bist, so sage deinem König, daß Tschetschwajo gütig gegen dich war.«
Der Missionar war freudig bewegt bei diesen Worten, die ihm das lang ersehnte Ziel der Rückkehr nahe rückten, und fühlte sich von Dankbarkeit durchdrungen. Dieser unumschränkte Herrscher über ein Volk, welchem jeder seiner Winke Befehl war, dieser Tyrann, der nicht sparsam war mit Menschenblut, hatte sich, durch eine unerklärliche Macht bewogen, gegen ihn, den allein stehenden Fremden, stets gut und milde gezeigt. Er hatte sich von dem fremden weißen Manne mehr verurteilende und vorwurfsvolle Reden gefallen lassen, als er sonst wohl im Laufe seiner ganzen Regierung zu hören bekommen hatte, und der Missionar wünschte, irgend etwas thun zu können, was dem Könige wahren Nutzen thäte.
»Du schickst mich und meinen jungen Freund fort,« erwiderte er, »und ich danke dir für deine Güte. Aber denke nicht, daß ich gern von dir gehe, während ich mir doch sagen muß, daß ich dir keinen Vorteil gebracht und deine Freundlichkeit mit nichts vergolten habe. Glaube mir, König Tschetschwajo, ich würde glücklich sein, ferner an deinem Hofe weilen zu können, wenn ich hoffen dürfte, dir dasjenige geben zu dürfen, was meinen ganzen Reichtum ausmacht.«
»Wovon redet mein Vater?« fragte Tschetschwajo.
»Du weißt, daß das Gold sehr kostbar ist,« sagte der Missionar, »aber Gold habe ich nicht zu geben. Du weißt, daß das Vieh kostbarer ist als Gold, aber Tschetschwajo hat selbst unzählige Herden Vieh. Du weißt, daß das Eisen kostbarer ist als Gold und Vieh, denn mit dem Eisen sind Gold und Vieh zu erringen. Von alledem rede ich nicht, denn ich bin in diesen Dingen arm, du aber bist ein reicher und mächtiger König. Aber ich rede von etwas anderm, was noch kostbarer ist als das Eisen: es ist die Weisheit. Sie lenkt das Eisen, und sie lenkt alle Dinge. Denn ohne Weisheit schadet aller Reichtum und alle Macht, die Weisheit aber giebt uns alles.«
»Du redest von dem Christentum,« sagte der König. »Du möchtest, daß ich und mein Volk die Waffen ablegten und den unsichtbaren Gott verehrten?«
»Ich habe kaum noch den Mut, vom Christentum zu reden,« entgegnete der Missionar. »Denn ich weiß ja, daß der König keine Zeit dazu hat, an seine Seele zu denken. Aber ich möchte davon reden, daß du Krieg führen willst, und hinsichtlich dieser Angelegenheit möchte ich dir einen Rat geben.«
»Ich wollte Krieg führen?« rief Tschetschwajo. »Du irrst dich. Die Engländer sind es, welche Krieg führen wollen. Sie haben mich mit Waffen umstellt, wie die Jäger den Elefanten umringen. An allen Punkten meiner Grenze haben sie feste Krale erbaut und große Schießgewehre hineingestellt, welche sie auf Rädern fahren. Sie haben nach dem Untergange der Sonne wie nach Mittag hin bewaffnete Krieger versammelt. Sie haben die Buern, die in ihren Besitzungen wohnen, zu Pferde steigen lassen, und viele Hüte zeigen sich zwischen den weißen Helmen. Sie haben unter meinen Nachbarn, den Swazis, Regimenter gebildet. Ja, sie haben mein eigenes Volk in Natal, das Volk, welches unter meinem Scepter stehen müßte -- denn es sind Zulus --, das haben sie gegen mich bewaffnet, und zehntausend Krieger von schwarzer Farbe stehen gegen mich unter dem Gewehre. Sage deshalb nicht, daß ich Krieg führen will, sondern sage, daß ich Krieg führen muß. Oder was soll ich thun?«
»Du weißt,« sagte der Missionar, »daß der König groß ist, welcher es ertragen kann, daß seine Freunde ihm sagen, was er nicht gern hört. Denn ein König ist sehr stark, und er kann, wenn er will, die Männer töten, welche ihm etwas Unangenehmes sagen. Hört er sie deshalb ruhig an, so zeigt er, daß seine Weisheit noch größer ist als seine Kraft.«
»Du hast recht,« sagte der König, »aber mein Vater hat schon erfahren, daß Tschetschwajo es ertragen kann, daß die Füße weiser Männer seinen Nacken treten.«
»Nun denn, so will ich frei reden. Deine Armee ist groß und stark und tapfer, o König, aber ich sage dir, du kannst den Kampf mit den Engländern nicht aufnehmen.«
»Oho!« rief der König und sprang von seinem Sitze auf.
»Die Engländer sind zu stark für dich,« fuhr der Missionar unerschrocken fort. »Du kennst ihre Macht nicht. Sie umspannen die ganze Erde und alle Meere mit ihren Kriegern und Schiffen. Bedenke nur, daß sie jetzt, während sie gegen dich den Krieg rüsten, auch noch in einem andern Lande, viele hundert Meilen von hier, Krieg führen. Man nennt jenes Land Afghanistan, und die Menschen sind dort weder weiß noch schwarz, sondern bräunlich. Der englische Induna hat mir davon erzählt. Vielleicht kannst du sie zu Anfang besiegen, denn du bist ein mächtiger König, aber es wird dir das nichts helfen, denn für jeden Engländer, den du tötest, kommen zwei andere über das Meer. Du wirst zuletzt deine Herrschaft verlieren.«
Der König blickte düster vor sich nieder. »Was soll ich thun nach deinem Rat?« fragte er.
»Der Generalgouverneur hat dir geschrieben ....«
»Ha!« rief der König, »rede mir nicht von jenem Briefe! Wenn ich daran denke, wird mein Herz rot wie Blut.«
»Die Engländer haben zu viel verlangt,« fuhr der Missionar fort. »Du könntest ihnen die Hälfte von dem geben, was sie verlangen, und sie wären zufrieden.«
»Was soll ich ihnen geben?«
»Wenn der König einen seiner Brüder zu den Engländern senden wollte und mich in dessen Begleitung, damit ich die Reden mitteilte, so würde sich vielleicht der Friede aufrecht erhalten lassen. Der König möge versprechen, die Garnisonen von der Grenze zurückzuziehen und die Armee zu vermindern, dann würden die Engländer beruhigt sein. Für das Land aber wäre dies von Vorteil, denn das Waffentragen macht arm, der Ackerbau aber reich.«
Der König lächelte bitter.
»Du hast mir einmal gesagt, der Mensch habe eine Seele in sich, welche nach dem Tode weiterlebte,« sagte er. »Wenn ich nun tot bin und meine Seele lebt und sie begegnet der Seele Pandas, meines Vaters, was soll sie antworten, wenn Panda sie fragt, was aus dem Zulureiche geworden ist? Nein, es gilt jetzt zu kämpfen! Ich werde mit meinen Kriegern den Engländern entgegengehen, und dann will ich siegen und mächtig sein oder untergehen wie ein König. Geh, verlasse mich, nimm deinen Freund, deine Diener und deine Ochsen mit dir und ziehe heim, ehe die Waffen klirren. Versuche nicht länger, das Herz des Königs zu schmelzen.«
»So lebe denn wohl, und der allmächtige Gott möge mit dir sein!« rief der Missionar, indem er feierlich seine Hände erhob. Noch einen Blick warf er auf die mächtige Gestalt des schwarzen Königs, den er im Geiste als dem Verderben geweiht erkannte, dann wandte er sich und ging.
Als Pieter Maritz hörte, daß der König die Erlaubnis zur Abreise gegeben hatte, war er vor Freude wie berauscht. Nun endlich sollte er die Heimat und die Seinigen wiedersehen, welche nicht wußten, wo er war und ob er noch lebte. Seit fast einem Jahre war er von ihnen getrennt. Wie mochte es ihnen ergehen? Waren die Brüder und Schwestern wohl und gesund? Waren sie gewachsen? Wie mochten sie aussehen? War die Mutter gesund? Wie mochte es der Gemeinde gehen? Er malte sich im Geiste alles lebhaft so aus, wie er wünschte, daß es sein möchte, und die weite Entfernung, die Mühen der Reise, die Gefahren des Marsches erschienen ihm in dieser Freude ganz unbedeutend.
Er holte das kleine Bäumchen herbei, welches am Abend brennen sollte, besteckte es mit Kerzen, die er selbst aus Talg gemacht hatte, und zündete diese an, obwohl es Vormittag war. Denn es galt keinen Verzug, heute noch sollte aufgebrochen werden. Der Missionar hielt ein Dankgebet, und dann gingen beide daran, den Wagen zu bepacken und die Ochsen anschirren zu lassen.
Währenddessen erschien ein Adjutant Tschetschwajos und überbrachte den Befehl des Königs, in nordwestlicher Richtung nach dem Transvaallande zu reisen. Eine bewaffnete Abteilung sollte den Zug bis zur Grenze begleiten. Der Missionar ließ durch den Adjutanten den König bitten, auch die Missionsbrüder auf dem Lande und den bei jenen weilenden Titus Afrikaner nebst dessen Gefolge mitnehmen zu dürfen, damit auch diese Leute vor den Schrecken des drohenden Krieges bewahrt blieben. Der König erlaubte es, und der Missionar beschloß, einen Umweg zu machen, um die Missionsstation zu berühren.
Bald nachher traf eine Abteilung von zwölf Kriegern vor dem Gehöft des Missionars ein, dieser entließ die Beamten und Diener vom Hofe, nachdem er sie beschenkt hatte, und bald nach Mittag klatschte Kobus mit der langen Peitsche, und der Wagen rollte ächzend und knarrend durch die Straßen Ulundis, hinaus ins freie Feld. Jubelnd ritt Pieter Maritz auf Jagers Rücken voraus.
Die Missionsstation, zu welcher Titus Afrikaner auf Tschetschwajos Befehl geschickt worden war, lag vier deutsche Meilen westlich von Ulundi und ward am ersten Weihnachtsfesttage von der Reisegesellschaft erreicht. Drei Gebäude von Fachwerk, nach Art der Häuser in Transvaal gebaut, standen im Thale an einem Flüßchen, von etwa fünfzig Hütten umgeben, bestellte Felder und bebaute Gärten lagen rings um die Gebäude. Zwei deutsche Familien bewohnten die in der Abgelegenheit, fern vom Tumult der Militärkrale erbauten Häuser. Die Brüder waren einfache und wenig bedeutende Naturen, obwohl ihrem Berufe in echter Frömmigkeit ergeben, und sie hatten niemals Einfluß auf Tschetschwajo zu erringen gewußt gleich dem durch die Gewalt seiner Persönlichkeit hervorragenden alten Manne, der jetzt kam, um sie vor dem Kriegssturm zu retten. Sie waren sehr erfreut über dessen Ankunft und Nachrichten. Denn das Gerücht von nahe bevorstehenden Kämpfen war auch zu ihnen gedrungen, obwohl sie nur undeutliche und schwankende Vorstellungen von der Art der Gefahr hatten. Sie sagten, daß sie schon an Flucht gedacht hätten, daß aber die Befürchtung, an der Grenze von den Außenposten der Zulus zurückgewiesen zu werden, sie zurückgehalten hätte.
Auch Titus Afrikaner kam herbei, um seinen Bekehrer zu begrüßen. Er hatte sich in seinem Äußern jetzt ebenso verändert wie in seinem Innern. Sein Haar war mit weißen Streifen durchsetzt, sein Gesicht war faltig, die schwellenden Muskeln seiner Glieder waren eingefallen. Er war sehr gealtert, trotz der kurzen Zeit, denn die Entbehrung kriegerischer Übung, die anhaltende Beschäftigung mit geistlichen Dingen und vielleicht auch der Gram über den Verlust alles dessen, was er besessen, hatten ihm den Stempel des Greisentums vor der Zeit aufgedrückt. Doch war sein Blick ruhig und heiter, und es sprach aus seinem Gesicht das Bewußtsein von etwas, was besser ist als kriegerischer Stolz, Ehre unter den Stammesgenossen und reicher Besitz.
Von seinen zwanzig Anhängern war noch ein einziger bei ihm.
»Wo sind die andern neunzehn deiner Freunde?« fragte der alte Mann.
Titus Afrikaner zuckte die Achseln und lächelte schwermütig.
»Sie sind alle fortgelaufen, einer nach dem andern,« sagte der eine der Missionsbrüder. »Sie konnten, wie sie sagten, das Beten nicht mehr aushalten. Ach, es hält schwer, die Bekehrten im Glauben aufrecht zu erhalten.«
»Danken wir Gott für diese beiden Seelen!« sagte der alte Mann. »Vorzüglich aber für Titus Afrikaner, der ein Gewaltiger unter den Heiden war. Ich wäre sehr traurig, wenn ihr auch ihn verloren hättet.«
»Wir können wahrhaftig nichts dazu, daß die andern fortgelaufen sind,« entgegneten die Brüder. »Wir haben es an Ermahnungen und täglichen Bitten nicht fehlen lassen.«
Mit Frauen und Kindern, mit Kisten und Kasten in einem zweiten Ochsenwagen zogen am folgenden Tage die Missionare davon, der Grenze zu. Titus Afrikaner ging neben seinem ehrwürdigen Freunde, und sein Antlitz strahlte vor Glück, den Mann wieder reden zu hören, der so viel Gewalt über seine Seele gewonnen hatte.
»O mein Lehrer,« sagte er, »wie freue ich mich deiner! Ich entsinne mich der Sänger und Spielleute, die ehedem mein Ohr entzückten, wenn ich auf Kriegsthaten sann, und ich weiß, daß meine Brust schwoll bei ihren Melodien. Aber du bist ein viel mächtigerer Spielmann als jene. Denn ohne Instrumente, nur mit der Gewalt deines Mundes, mit dem Klange deiner Worte, erregst du mir das Herz viel mehr, als jene konnten, und ich lausche begieriger auf deine Stimme, als ich je auf Musik gelauscht habe. Ich sehne mich nach dem Himmel, um die Schönheit Gottes zu sehen, von der du mir erzählst, und ich wünschte, mein irdischer Leib läge schon begraben in der Erde, um die Seele hinauf zu lassen in den Glanz des Paradieses.«
Der Zug gelangte nach acht Tagen, im Thale des Inlanganaflusses hinaufziehend, an die Grenze des Zululandes und näherte sich einem der äußersten Posten der Zulutruppe, welche die Transvaalgrenze überwachten. Hier kehrte die bewaffnete Begleitung um, und die beiden Wagen fuhren ohne Bedeckung weiter. Pieter Maritz ritt voran, die Büchse vor sich auf dem Sattel, um bei einem Angriff eines wilden Tieres oder eines Räubers an der unruhigen Grenze sofort bereit zu sein. Die Missionare wollten an diesem Tage noch Potgieters Farm erreichen, um die Nacht möglichst in Sicherheit zu verbringen.
Aber es wurde Abend, und noch zeigte sich die Farm nicht. Ringsum war das Land unwirtlich und lud nicht zum Rasten ein; der Zug ging weiter, da man hoffte, doch noch beim Sternenschein den ersehnten Punkt zu erreichen. Jetzt ging es durch ein Thal mit sanft geneigten Hängen und einzelnen Baumgruppen, deren Schatten bei der bleichen Beleuchtung des Nachthimmels wie ungeheure schwarze Klumpen am Wege lagen. Die Wagen rollten ziemlich bequem, da hier eine Straße durch das Land führte, die durch viele Räder und Hufe fest geworden war.
Mit einem Male hielt Pieter Maritz, der dem Zuge etwa hundert Schritte voranritt, sein Pferd an und spähte in die Nacht hinein. Er glaubte, etwas wie Stimmen vernommen zu haben. Gespannt lauschte er, und in der That hatte er sich nicht getäuscht: Stimmen und ein leises Klirren klangen aus der Ferne von seitwärts herüber. Er wandte sein Pferd und ritt zu den Wagen zurück, um sie halten zu lassen, aber schon während er unterwegs war, erschien eine Anzahl von dunklen Gestalten seitwärts des Weges, und Schüsse knallten. Gleich darauf liefen wohl ein Dutzend schwarzer Krieger zu den Wagen, hielten die Ochsen an und fragten die Reisenden, wer sie wären und wohin sie wollten. Die jüngeren Missionare waren in großer Bestürzung, zumal da sie Frauen und Kinder bei sich hatten, und nur der alte Mann, der schon so vielen Gefahren ins Auge gesehen hatte, behielt seine Ruhe. Doch konnte auch er sich nicht auf Auseinandersetzungen mit den Schwarzen einlassen, weil er ganz durch die Sorge um Titus Afrikaner in Anspruch genommen war. Von den Kugeln, die aufs Geratewohl abgefeuert und zum größten Teil über den Wagenzug hingepfiffen waren, hatte eine getroffen: Titus Afrikaner, welcher an der Seite des alten Missionars dahinschritt, war in die Brust geschossen worden und lag in seinem Blute.
Die Schwarzen benutzten die Verwirrung, welche ihr unerwarteter Angriff hervorgerufen hatte, und machten sich trotz des kläglichen Geschreis der erschrockenen Kinder und des Hilferufens der Frauen und Missionare daran, die Wagen zu plündern, obwohl Pieter Maritz sich bemühte, sie zurückzuhalten, als plötzlich neue Gestalten auftauchten und eine Stimme zu hören war, welche auf englisch in der gotteslästerlichsten Weise fluchte. Trotz dieser Flüche, welche von einem Manne ausgestoßen wurden, der große Übung in dem Gebrauche rollender und roher Ausdrücke zu haben schien, kam die englische Sprache den Reisenden in ihrer Not wie eine Erlösung vor, und sie bemerkten zu ihrer großen Freude einen Scharlachrock unter den schwarzen Gestalten, die den Zug umringten. Es war ein englischer Unteroffizier, der in der Negerschar auftauchte.
»Zehntausend Schock Millionen Granaten sollen euch in Grund und Boden schlagen, ihr gottverdammten Spitzbuben von Niggers ehe ihr nur die leiseste Ahnung vom Dienste eines Piketts bekommt!« rief der Unteroffizier, indem er mit dem Kolben seiner Büchse völlig unbekümmert um die Knochen seiner Untergebenen, zwischen die Menge der Schwarzen stieß, um sich einen Weg zu bahnen. »Habe ich euch Halunken gesagt, daß ihr schießen sollt? Steht ihr auf Vorposten, um zu stehlen?«
Dann wandte er sich an die Missionare und sagte: »Die Herren mögen entschuldigen, aber diese Niggers sind wie das liebe Vieh. Eher wollte ich ja eine Herde Rindvieh abrichten, ~God save the Queen~ zu singen, als diese verfluchten Swazi zu anständigen und honetten Soldaten machen. Die Kerls schössen wahrhaftig auf die Kutsche Ihrer Majestät der Königin -- Gott erhalte sie! wenn es der gnädigsten Monarchin einfallen sollte, hier spazieren zu fahren. Aber was ist das? Da liegt ja einer am Boden! Na, Gottlob, 's ist nur ein Nigger.«