Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 24
Der Missionar gab es auf, angesichts der höhnisch lachenden Versammlung seinen Wortkampf mit dem Regenmacher fortzusetzen, und hoffte darauf, daß die Ereignisse mit der Zeit das Ansehen des schlauen und redegewandten Mannes verringern würden. Und in der That gewann es im Laufe der nächsten Zeit ganz den Anschein, als ob die Hoffnung des Missionars in Erfüllung gehen sollte. Es kam kein Regen, der Himmel strahlte fast immer in wolkenloser Klarheit, und die Fluren versengten.
Der Regenmacher stellte mannigfache Versuche an. Sobald sich irgendwo eine kleine Wolke am Himmel zeigte, mußten Boten durch die Straßen von Ulundi laufen, welche den Weibern untersagten, zu pflanzen oder zu säen, damit die Wolken nicht verscheucht würden. Dann schickte er wieder Hunderte von Leuten aus, um bestimmte Wurzeln und Kräuter zu sammeln. Mit diesen wollte er ein Feuer anzünden, welches von den Zulus das »Feuer des Geheimnisses« genannt wurde. Weiber und Männer schwärmten dann in freudiger Hoffnung aus und durchstrichen tagelang Hügel und Thäler, um die bezeichneten Gewächse zusammenzubringen. Mit frohen Gesängen kehrten sie heim und legten ihren Fund vor des Regenmachers Hütte nieder. Er aber ließ die Gewächse auf bestimmte Hügel bringen und zu großen Haufen auftürmen, welche er anzündete. Er hätte gern viel Wind durch seine Feuer erregt, da er wohl wußte, daß oft der Wind der Vorläufer des Regens ist. Auch zündete er diese Feuer beim Mondwechsel an, da er wußte, daß sich oft bei Neumond und Vollmond das Wetter ändert.
Als aber alle seine Feuer vergeblich blieben, fing er an, von geheimen Schurken zu sprechen, welche in der Zauberei wohlerfahren seien und seine Künste vereitelten. Er merkte, daß der Missionar ihn beim Könige nicht unterstützte, ja sogar dem König Mißtrauen gegen ihn einzuflößen suchte, und er hätte gern den Weißen als die Ursache der langen Dürre hingestellt.
Da ereignete es sich eines Tages, daß plötzlich ein starker Regenschauer fiel, der jedoch nur eine halbe Stunde anhielt. Nun liefen mehrere Doktoren und Häuptlinge in des Regenmachers Wohnung, um ihm Glück zu wünschen; als sie aber eintraten, fanden sie ihn zu ihrer Verwunderung schlafend, und als sie ihn weckten, da merkten sie, daß er gar nicht wußte, daß es regnete.
»Hallo!« riefen sie, »wir dachten, du hättest den Regen gemacht!«
Aber der kluge Mann faßte sich rasch. Er deutete mit dem Finger auf eine seiner Sklavinnen, welche auf dem Flur saß und einen Milchsack schüttelte, einen jener ledernen Säcke, in welchen die Schwarzen ihre Milch aufbewahren und welche sie schütteln, um Butter zu machen. »Seht ihr denn nicht,« rief der Schlaue, »daß dort mein Weib sitzt und, so stark sie kann, den Regen schürt?«
Die Antwort befriedigte sie vollständig und sie liefen fort, um der ganzen Stadt zu erzählen, des Regenmachers Weib habe den Regen aus ihrem Milchsack geschüttelt. Als aber der Regen so bald aufhörte, kamen sie wieder und baten, das Weib möge noch länger schütteln. Da wies der Regenmacher sie fort, indem er sagte: »Ihr habt mir nur Schafe und Ziegen gegeben, dafür mache ich nur Ziegenregen; gebt mir fette Schlachtochsen, dann sollt ihr Ochsenregen sehen.«
Aber die Verhältnisse gestalteten sich immer ungünstiger für den Regenmacher. Zuweilen stiegen Gewitter auf und man sah schwere Regen niedergehen, aber mehrere Meilen weit entfernt, was dann für die Regenmacher der schlimmste Ärger war. Einmal verfinsterte sich der Himmel über Ulundi, aber bei vielem Blitzen und Donnern fiel nicht ein einziger Tropfen. Der Boden war völlig ausgedörrt, der Samen lag in den bestellten Feldern, als sei er soeben erst aus der Hand geworfen, das Vieh starb scharenweise auf den verbrannten Wiesen, die armen Leute liefen mager wie Skelette herum, um die Zauberkräuter zu beschaffen, welche der Regenmacher verlangte, und manche Menschen auf dem Lande starben Hungers. Der Regenmacher geriet in die größte Verlegenheit und zerbrach sich den Kopf, um Gründe zu finden, denen er seinen Mißerfolg zuschreiben könnte.
Eines Nachts zog eine Wolke über Ulundi hin, und ein einziger Donnerschlag ertönte. Der Blitz hatte in einen Baum am Rande des großen freien Platzes geschlagen. Nun versammelte der Regenmacher am folgenden Morgen viel Volk um den zerschmetterten Baum, von dem noch ein starker Stumpf aufrecht stand, und ließ ihn mit verzauberten Kräutern einwickeln und mit Wasser reichlich begießen. Hierauf ließ er ihn umhauen und zu Asche verbrennen. Die Asche schüttete er in große Kübel voll Wasser und ließ dann die Einwohnerschaft an sich vorüberziehen, wobei er alle Leute mittels eines Zebraschweifes bespritzte.
Aber es half nichts.
Eines Tages versammelte er eine große Volksmenge und sprach über die geheimnisvolle Natur der Paviane. »Wenn ich einen lebendigen Pavian hätte, in dessen Fell kein Haar fehlte,« sagte er, »dann könnte ich Regen mit ihm machen. Aber ohne einen solchen Pavian kann ich es nicht.« Er mochte wohl darauf rechnen, daß man ihm keinen lebenden Pavian bringen könnte, denn die klugen und behenden Tiere, welche in felsigen Bergen unweit Ulundis lebten, lassen sich nicht leicht fangen. Aber er kannte die Zulus schlecht, wenn er so rechnete. Augenblicklich machten sich vierhundert Krieger auf und zogen in die Felsengebirge. Die Paviane, welche gewohnt waren, von ihren hohen Sitzen behaglich zuzusehen, wie die Zulus das Quagga und die Antilope jagten, waren sehr erstaunt, als sie plötzlich selbst gejagt wurden, und als Hunderte von ausgesuchten Schnellläufern hinter ihnen waren. Mit Geschnatter und Geheul rannten sie davon, flüchteten in die steilsten Felsen und sprangen von Baum zu Baum, von Stein zu Stein. Aber es half ihnen nichts. Zwei Zulus stürzten sich zu Tode, drei brachen ein Bein, viele quetschten sich und stießen sich blutig, aber am Abend zog die Jägerschar triumphierend heim: sie brachten einen lebenden Pavian.
Der Regenmacher konnte sich einer Miene größter Bestürzung beim Anblick des Tieres nicht enthalten. Erst schwieg er, dann aber fing er an, das Fell des Pavians zu untersuchen. »O, o!« rief er, »mein Herz ist in Stücken zerrissen, ich bin stumm vor Gram! Seht ihr denn nicht, daß der Pavian hier gekratzt worden ist und mehrere Haare verloren hat? Sagte ich euch denn nicht, daß ich nur mit einem solchen Pavian Regen machen könnte, dem kein Haar fehlt?«
Nach dieser Scene ging der Missionar zum König und stellte ihm vor, wie unsinnig es sei, einem offenbaren Betrüger noch länger zu erlauben, das Volk zu täuschen und in Schaden zu bringen. Aber der König hörte ihn mit einer geheimen Furcht vor dem Regenmacher an.
»Wir können das nicht beurteilen,« sagte er zögernd. »Es muß doch irgend ein Grund dafür sein, daß der Himmel so hart bleibt. Nur kann der Regenmacher den Grund noch nicht finden. Hat er ihn erst gefunden, so wird er ihn schon zu entfernen wissen. Geh, das sind Dinge, welche nur die Männer der Wissenschaft verstehen.«
Es kam dem Missionar so vor, als sei der König durch den Regenmacher beeinflußt, denn dieser hatte mehrfach Andeutungen gemacht, es sei wohl möglich, daß der weiße Mann durch Zauberei ihm entgegenwirke.
»Laß den Regenmacher zu dir kommen, und wir wollen vor Tschetschwajos Angesicht darüber streiten,« sagte der Missionar. »Ich will vor dir beweisen, daß seine Künste nur Betrug sind, denn ich bin auch ein Mann der Wissenschaft.«
Der König stimmte zu, aber tags darauf schickte er zum Missionar und ließ sagen, der Wortstreit solle nicht stattfinden, denn der Gegenstand sei zu hoch für Krieger und könne nur von Regenmachern selbst erörtert werden. Und in der Folge wurden noch viele Dinge versucht, den Regen herbeizuziehen. Einmal verlangte der Regenmacher ein Löwenherz, und er machte daraus ein Getränk, welches die Häuptlinge trinken mußten, dann sagte er, die Begräbnisse wären falsch ausgeführt worden, ließ die Toten der letzten Monate ausgraben und in anderer Weise neu bestatten, aber schließlich, als alles nichts half und die Dürre anhielt, kam er mit niedergeschlagener Miene einmal spät abends heimlich zu dem Missionar und bat diesen um Rat. »Du bist Freund mit dem König,« sagte er, »und du bist gut und weise. Sage ihm, daß er mich retten möge.«
»Wie?« fragte der Missionar, »bist du der Hilfe bedürftig?«
»Es sind die Weiber!« rief der Regenmacher verzweiflungsvoll. »Die Weiber sind zu dumm, sie wiegeln ihre Männer gegen mich auf. Sage mir, mischen sich die Weiber in deiner Heimat auch in die öffentlichen Angelegenheiten?«
Der Missionar konnte nur mit Mühe das Lachen unterdrücken. »Bei mir zu Hause,« sagte er, »sind die Weiber noch viel wichtiger als hier. Sie werden viel höher geachtet, und das Christentum lehrt, daß die Weiber den Männern gleich an Wert sind. Weißt du nicht, daß das große Reich der Engländer von einem Weibe beherrscht wird? In einigen christlichen Ländern sind die Weiber auch Doktoren.«
Der Regenmacher sprang auf. »Das ist ein schrecklicher Gedanke!« rief er. »Möge das Christentum niemals zu uns kommen! Ich wünschte, alle Weiber wären Männer, denn mit Männern kann ich verkehren, aber die Weiber zu lenken, ist mir unmöglich.«
»Ja,« sagte der Missionar, »die Weiber führen den Haushalt und empfinden es am meisten, wenn das Wasser fehlt. Warum hast du ihnen versprochen, was du doch nicht halten kannst?«
»Sie werden mich umbringen,« rief der Regenmacher, »ich bin ein verlorener Mann. Sage mir, was ich thun kann, um sie zu beruhigen!«
»Gestehe die Wahrheit!« riet ihm der Missionar. »Gestehe ein, daß du gar nicht Regen machen kannst! Wenn du das thun willst, so werde ich den König bitten, dich in seinen Schutz zu nehmen.«
»Das ist unmöglich, das kann ich nicht,« sagte der arme Regenmacher. »Dann würden mich schon die andern Doktoren und Regenmacher umbringen.«
»Es ist besser, du redest die Wahrheit, als du lügst,« entgegnete der Missionar. »Was daraus entstehen wird, mußt du Gott überlassen.«
Der Regenmacher ging, aber war nicht getröstet. Der Missionar überlegte indessen, wie er dem Manne helfen könne, denn dieser that ihm leid, weil er klüger war als das gewöhnliche Volk.
Sechzehntes Kapitel
Der Abschied vom Zululand
Während der Missionar noch überlegte, unter welchem Vorwande er sich dem König nähern könnte, um in erfolgreicher Weise für den Regenmacher ein gutes Wort einzulegen, kam ein Adjutant vom König zu ihm und forderte ihn auf, sogleich zu erscheinen. Es war am Tage nach dem abendlichen und geheimen Besuch des geängstigten Zauberers. Der Missionar machte sich auf und folgte dem Adjutanten. Die Hofleute, welche den Platz vor den königlichen Gebäuden und die inneren Räume erfüllten, waren schweigsam und unruhig. Sie flüsterten nur untereinander und grüßten den weißen Mann mit ehrfurchtsvollen Verbeugungen, als er durch ihre Reihen hindurchschritt. Der König war auf der Veranda seines Palastes allein mit dem Prinzen Sirajo. Er saß auf einem Stuhle von Elfenbein im Schatten des Daches, während Sirajo neben ihm stand. Auf einem Tischchen vor dem Könige stand ein flaches Kästchen von Holz, dessen Deckel aufgeschlagen war.
»Mein Vater möge näher treten,« sagte Tschetschwajo, als der Missionar ihn begrüßte. »Ich bedarf der Wissenschaft meines Vaters. Die Engländer lieben es nicht, durch den Mund der Indunas zu reden, sondern sie senden ein Papier, welches dem Könige ihre Meinung ausdrücken soll.«
Seine Stirn war finster, als er so sprach, und seine Augen funkelten düster. Der Missionar sah, daß die seit sechs Wochen erwartete Antwort der Engländer auf den Vorschlag Tschetschwajos eingetroffen war, daß aber schon die Art der Überbringung den König zum Zorn gereizt hatte.
»Ich stehe dem Könige zu Diensten,« antwortete er. »Hat Humbati diesen Brief gebracht?«
»Humbati!« rief der König. »Wo ist Humbati? Wo ist der Vogel, der über die Ebene hinflog? Humbati ist nicht wiedergekommen, und mit ihm ist die Schar seiner Krieger verschwunden. Er ist ein Verräter, er, der das Ohr des Königs besaß, er, der die Geheimnisse meiner Brust kannte, denn ich trug ihn nahe meinem Herzen als meinen Freund und Bruder -- Humbati ist zum Verräter an mir geworden.«
Der Missionar erinnerte sich des Blickes, mit dem Humbati der Verurteilung seines Bruders zugesehen hatte, und er verstand.
»Weiß der König gewiß, daß Humbati ein Verräter ist?« fragte er.
»Wenn er es nicht wäre, so wäre er zurückgekehrt,« entgegnete der König. »Die Engländer haben ihn nicht getötet, wenigstens nicht mit den Waffen, obwohl sie vielleicht sein Herz mit ihrem Golde vergiftet haben. Doch lies mir diesen Brief, den mein Bruder Sirajo mir gebracht hat. Englische Reiter haben ihn im Krale Sirajos abgegeben.«
Er nahm ein großes Schreiben aus dem Kästchen und reichte das Papier dem Missionar. Dieser las laut, indem er das Englische in die Zulusprache übersetzte:
»Im Dienste Ihrer Majestät der Königin. Der Generalgouverneur des Kaplandes und Oberkommissar für die Angelegenheiten der Eingeborenen, Sir Bartle Frere, an den König Tschetschwajo. Die Regierung Ihrer Majestät zeigt dem König Tschetschwajo den Empfang seiner Botschaft an, welche er durch den Leutnant im Dienste Ihrer Majestät, Lord Adolphus Fitzherbert, übersandt hat, und sie dankt dem König für die gute und ehrenvolle Behandlung, welche er dem britischen Offizier hat zu teil werden lassen.«
Die Stirn des Königs heiterte sich bei diesen Worten etwas auf, und er tauschte einen Blick der Befriedigung mit seinem Bruder aus.
»Zugleich dankt Sir Bartle Frere für den Ausdruck der guten und freundschaftlichen Gesinnung des Königs gegenüber den britischen Besitzungen und spricht die Hoffnung aus, daß diese friedliche Gesinnung sich auch in der That bewähren möge, damit immer ein gutes nachbarliches Verhältnis zwischen dem Zululande und Natal bestehen könne. Dieser Beweis durch die That ermangelt bisher noch, denn gerade in der letzten Zeit sind mehrfache Grenzverletzungen von seiten der Unterthanen des Königs vorgekommen.«
»Wie?« rief der König drohend. »Doch lies weiter!«
»Zweimal sind bewaffnete Haufen durch den unteren Tugela und durch den Buffalo geschwommen und haben Vieh, welches diesseits weidete und den unter britischem Schutze stehenden Farmern gehörte, weggetrieben. Außerdem ist aber eine noch schwerere Grenzverletzung vorgekommen. Zwei Frauen aus dem Krale Sirajos .....«
»Ha!« rief der König, den Missionar unterbrechend. »Doch lies weiter!«
»Zwei Frauen aus dem Krale Sirajos hatten sich geflüchtet und auf britischem Boden Schutz gesucht. Darauf ist eine Kriegerschar in der Nacht bis auf zehn Meilen weit in britisches Gebiet hereingebrochen, hat sich der Frauen bemächtigt, sie zurückgeschleppt und vor dem Krale Sirajos mit Steinen totgeworfen, worin sich nicht nur eine Mißachtung der britischen Gesetze, sondern auch eine grausame und wilde Gesinnung gezeigt hat.«
»Halt ein!« rief der König. »Wie ist die Sache mit den Frauen, Sirajo?«
»Es ist so, wie der Engländer schreibt,« entgegnete der Prinz. »Zwei meiner Frauen zeigten sich widerspenstig, und als ich sie züchtigen wollte, flohen sie heimlich. Ich erfuhr jedoch durch meine Spione, wo sie waren, ließ sie wiederholen und tötete sie, wie sich das gehört.«
»Du hast recht,« sagte der König. »Der Engländer ist unverschämt, sich darüber zu beklagen. Aber es wäre klüger gewesen, mein Bruder, du hättest nicht in dieser Zeit der friedlichen Verhandlungen den stolzen und übermütigen Engländern einen Vorwand zu Klagen gegeben. Das war eine Thorheit von dir, und wenn du künftig nicht klüger handelst, so kann ich dir den Oberbefehl an der Grenze nicht lassen.«
Der Prinz blickte betroffen vor sich nieder. »Lies weiter,« sagte der König.
»Ebenso scheint es mir eine bedauernswerte Unkenntnis der englischen Gesetze und der Verfassung in den englischen Besitzungen zu sein,« fuhr der Missionar fort, »wenn der König voraussetzt, daß die Regierung der Kapkolonie ein Bündnis zum Kriege gegen das Transvaalland mit ihm abschließen würde. Die Buern in Transvaal sind gute und getreue Unterthanen der Königin, und ihr Land wird von der britischen Regierung beschützt, aber nicht geschädigt werden. Der König Tschetschwajo hat schon seit längerer Zeit den Distrikt Utrecht für sich beansprucht, aber es kann ihm nicht deutlich genug ausgesprochen werden, daß jenes Land ihm nicht zukommt und daß er sich jeder Ansprüche darauf zu entschlagen hat.«
»Ich bitte dich,« sagte der Missionar, indem er seine Lektüre unterbrach, »bedenke, daß ich nur lese. Laß deinen Zorn nicht auf den unschuldigen Mund fallen, der fremde Worte ausspricht, weil du es ihm befohlen hast.«
Der Missionar hatte wohl Grund zu dieser Bitte, denn der König war so wütend, daß er nur mühsam atmen konnte, und seine rechte Faust packte das elfenbeinerne schwere Scepter, als wollte er den Überbringer der Botschaft zu Boden schlagen.
»Lies!« rief der König.
»Der Generalgouverneur,« so fuhr der Missionar fort, »hat den Wunsch, mit Tschetschwajo in Frieden zu leben, denn im Frieden gedeiht die Wohlfahrt beider Reiche, des britischen Reiches und des Zulureiches. Aber er möchte sichere Bürgschaft dafür haben, daß Tschetschwajo wirklich den Frieden liebt. Warum hat Tschetschwajo ein so großes Heer unter Waffen? Die britische Regierung fühlt sich dadurch beunruhigt, denn eine bewaffnete Macht von mehr als vierzigtausend Mann so nahe ihren Besitzungen ist für sie eine beständige Drohung. Sie macht dem König folgende Vorschläge: Der König möge sein Heer vermindern in einer Weise, welche mit dem Generalgouverneur verabredet werden soll. Der König möge die festen Krale längs des Tugela und des Buffalo aufgeben und seine Garnisonen weiter zurückziehen. Der König möge die Bai von Santa Lucia an die Engländer abtreten. Denn er bezieht Gewehre und Munition von fremden Schiffern durch diese Bai, und die britische Regierung besorgt, daß diese Waffen zum Kriege gegen die britischen Besitzungen dienen sollen. Der König möge endlich gestatten, daß ein britischer Resident in Ulundi wohne und an allen wichtigen Beratungen des Königs mit seinen Indunas teilnehme. Will der König auf diese Bedingungen eingehen, so wird die britische Regierung mit Sicherheit auf die friedlichen Absichten des Zulureiches rechnen können, und dann wird Frieden und Freundschaft zwischen beiden herrschen, und es wird von seiten des Generalgouverneurs alles geschehen, um den Wünschen Tschetschwajos entgegenzukommen. Denn es ist der aufrichtige Wunsch der britischen Regierung, Frieden zu halten und allen solchen Unternehmungen Tschetschwajos, welche das Wohl seines Landes und seiner Unterthanen zum Ziele haben, ihre Unterstützung zu leihen. Der König möge nicht fürchten, daß die britische Regierung Krieg gegen ihn vorbereite. Sie sichert sich nur aus Friedensliebe gegen die kriegerischen Gelüste der Zulus. Der Generalgouverneur grüßt den König Tschetschwajo.«
Als der Missionar den Brief fertig gelesen hatte, blickte er den König an und sah, daß er in eine Aufregung geraten war, welche ihm den Atem beengte, so daß er kaum Worte hervorbringen konnte, als er nun seinem Zorne Luft machen wollte. Zuerst brachen nur einzelne Silben aus seinen Lippen hervor, während sein Gesicht von Blut anschwoll, die Adern auf der Stirn dick aufliefen und die Augen eine rote Färbung annahmen.
»Ha!« rief er. »Ha! O! O! Sirajo! Laß meine ganze Armee sich versammeln! Dabulamanzi soll heranmarschieren! O, Humbati! Das ist Humbatis Hand! Der Verräter! Sirajo, hole mir den Verräter aus den Händen der Engländer hervor, daß ich ihm mit meinen Zähnen das Herz aus der Brust reiße!«
Der König konnte nicht weitersprechen, die Erregung erstickte ihn, er griff mit den Händen nach der Brust, griff in die Perlenkette an seinem Halse und zerriß sie, als ob sie es sei, die ihm Beklemmungen verursache, und sank dann schwer keuchend zur Seite. Er würde zu Boden gestürzt sein, wenn nicht der Prinz zugesprungen wäre und ihn gehalten hätte.
Der Missionar rief währenddessen Hilfe herbei, die Adjutanten und Kammerherren kamen gelaufen, legten den bewußtlosen Herrscher auf ein Lager von Tierfellen, welches sie eiligst in der Veranda bereiteten, und liefen nach dem Leibarzt. Der Missionar ließ währenddessen Wasser bringen und dem stöhnenden Manne Umschläge um den Kopf machen.
Der Leibarzt war in der Nähe und kam schnell herbei. Er war ein sehr angesehener Doktor und zeichnete sich schon durch seinen Anzug als solcher aus. Er trug einen sehr hohen Kopfputz von Pelzwerk, welcher mit einem breiten Stirnband von Golddraht festgehalten wurde und einer Grenadiermütze glich, dazu eine rote Hose, die einzige Hose vielleicht, welche im ganzen Zululande zu finden war und ehedem wohl einem französischen Soldaten gehört haben mochte. Er war reich behängt mit Ketten und Tierzähnen sowie sonderbar geformten Zieraten und trug einen ledernen Beutel in der Hand. Aus diesem Beutel nahm er ein Messer und einen dünnen Riemen, mit welchem er den rechten Arm des Königs oberhalb des Pulses einschnürte. Dann schlitzte er die Pulsader auf und ließ reichlich Blut herauslaufen, schmierte, als nach seiner Meinung genug Blut geflossen war, die Wunde mit frischem Schöpsenfett ein und verband sie mit einem Brei aus Salbei und andern Kräutern. Der König hatte inzwischen die Augen wieder geöffnet und atmete ruhiger.
Der Missionar entfernte sich während der Behandlung, da seine Anwesenheit nicht ferner erforderlich zu sein schien, und dachte, er könnte die Erkrankung des Königs vielleicht zum Vorteil des armen Regenmachers benutzen. Er hatte in seiner Hütte eine Hausapotheke, mit deren Inhalt er früher wohl kranken Leuten zu Hilfe gekommen war. Seit mehreren Jahren hatte er jedoch schon aufgehört, Medikamente zu verteilen, weil die Schwarzen ihn überlaufen und für einen Zauberer gehalten hatten. Nun nahm er einige der Heilmittel aus der Kiste hervor und bereitete aus Rhabarber und Sennesblättern einen Trank. Diesen Trank trug er in einer kleinen Flasche zu dem Regenmacher und erzählte ihm, daß der König aus Aufregung über eine unangenehme Nachricht krank geworden sei.
»Ich habe hier aus europäischer Medizin ein Heilmittel gebraut,« fügte er hinzu, indem er dem Regenmacher die kleine Flasche gab. »Gehe damit zum Könige und kuriere ihn. Dann läßt er dich aus Dankbarkeit unter seinem Schutze in deine Heimat zurückkehren. Du bist ja wohl mit dem Leibarzt befreundet?«
Des Regenmachers Gesicht, welches sehr trübe gewesen war, hellte sich auf, und er dankte dem Missionar.
»Du bist sehr gut,« sagte er, »und ich bin angenehm überrascht, einen weisen Mann zu finden, der seine Tugendlehren selbst befolgt. Aber weißt du gewiß, daß dieser Trank helfen wird? Oft helfen die Medizinen, aber öfters noch schaden sie, weil der Arzt nicht weiß, wie es im Innern des Kranken aussieht. Auch sind die Körper verschieden, und in derselben Krankheit schadet dem einen, was dem andern nützt. Wenn der König kränker würde, so wäre ich verloren.«
»Ich rechne bestimmt darauf, daß diese Medizin hilft,« sagte der Missionar. »Der König denkt, am Herzen zu leiden, und ist kurzatmig, aber wenn ich bedenke, wie gewaltig viel er zu essen pflegt, so sage ich mir, daß eine Erleichterung seines Magens ihm jedenfalls wohl thun wird. Du wirst mit deiner Schlauheit schon einen Weg finden, ihm den Trank so beizubringen, daß er deine Kunst bewundern muß. Wenn du ihm täglich dreimal einen kleinen Löffel voll giebst, wird es das Richtige sein.«