Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 23
»Ich weiß, daß Tschetschwajo sein Volk liebt,« sagte der Missionar. »Er trägt seine Unterthanen an seinem Busen und will sie groß und reich und froh machen. Giebt es kein besseres Mittel dazu als den Krieg? Warum hält der König so viele unverheiratete Krieger? Er möge sie verheiraten, damit das Land voll Volks werde. Dann möge er die Leute das Land bebauen lassen, damit es viel Korn trägt. Im Korn liegt der Reichtum, und in der Arbeit liegt das Glück. So verfahren die christlichen Könige, und sie führen nur aus Not Krieg. Du aber lebst vom Kriege und vom Raube an den Gütern der Nachbarn, deine Unterthanen arbeiten nur wenig, gehen mit Schild und Speer einher, prahlen und singen und fechten und faulenzen einen Tag wie den andern. Bedenke, wer dich zum Könige gemacht hat. Du bist nicht selbst vom Himmel gekommen, sondern der unsichtbare Gott hat dich zum Könige gemacht. Er wird die Seelen deines Volkes von deiner Hand fordern und wird dich fragen, was du mit ihnen gemacht hast.«
»Laß uns von etwas anderm reden,« sagte der König. »Mein Vater ist sehr weise in den unsichtbaren Dingen, aber er kennt das Amt eines Königs nicht. Kannst du einen Löwen vor den Pflug spannen oder einen Elefanten melken? Der König der Zulus ist der Herr, nur die Knechte arbeiten. Wenn mein Vater so gut bekannt ist mit dem unsichtbaren Gott im Himmel, so möge er ihn bitten, regnen zu lassen, denn der Acker verschmachtet, und das Vieh stirbt. Über die Seelen aber wollen wir ein anderes Mal sprechen.«
Der Missionar antwortete ihm, daß er Gott wohl bitten könne, Regen zu senden, daß er aber nicht vorhersagen könne, ob Gott seine Bitte erfüllen werde, und der König lenkte das Gespräch nun auf die Sendung des Engländers. Schon vierzehn Tage waren verflossen, seitdem der Lord abgereist war, und noch war keine Nachricht gekommen. Er fing an unruhig zu werden und besprach mit dem Missionar die Möglichkeiten der Zukunft.
Außerdem aber erregte die anhaltende Dürre schwere Sorgen am Hofe und im Volke. Der König kehrte nach Ulundi zurück und beschloß hier Maßregeln zu treffen, um den Regen zu erzwingen. Die Regenmacher, welche in Mainze-kanze und Ulundi wohnten, waren nicht kräftig genug, wie sie selbst erklärten, und der König hatte zu den Swazi, nordwestlich von seinem Reiche wohnend, geschickt und einen sehr berühmten Mann von dort unter reichen Versprechungen nach seiner Hauptstadt bestellt.
Seltsam mischten sich Verstand und Aberglauben in Tschetschwajos Hirn, denn er sagte dem Missionar, als er diesem von dem fremden Regenmacher erzählte, daß er diesen nur deshalb kommen lasse, weil es sein Volk beruhigen werde. »Was aus der Ferne kommt,« so sprach er, »das achten sie höher, als was sie täglich sehen. So lassen die Swazi meine Regenmacher kommen und ich die ihrigen.«
Der Missionar sah der Ankunft des Regenmachers mit einer gewissen Neugierde entgegen. Er hatte immer gefunden, daß unter den südafrikanischen Völkern die Anwesenheit von Regenmachern und Zauberern -- denn beide Eigenschaften steckten in einer und derselben Person -- das größte Hindernis der Verbreitung des Christentums sei. Denn das Volk glaubte, alles höhere Wissen finde sich in diesen Personen, und wenn der Missionar etwas gelehrt hatte, so liefen die Leute zu ihnen und fragten, ob es wahr sei. Jene aber sagten dann regelmäßig, es sei Unsinn, und spotteten über die Lehren des Missionars. Dazu pflegten jene Zauberer immer die klügsten und beredtesten Leute im Orte zu sein, welche das Volk an der Nase führen und mit vielem Witze die Lehren des Missionars überschütten konnten. Sie fürchteten den Einfluß der fremden Lehrer, weil diese ihren eigenen Einfluß vernichten mußten, wie sie recht gut einsahen, und waren die geborenen Feinde der Mission. Die Regenmacher und Zauberer kannte der alte Mann als seine schlimmsten Gegner, denn sie waren in den Augen des Volkes keine unbedeutenden Persönlichkeiten und sogar insgeheim höher geachtet als die Häuptlinge und der König selbst. Als Doktoren und Leiter des Begräbniswesens gingen sie zu allen Familien und wußten sich durch tausend schlaue Vorspiegelungen das Ansehen zu geben, als könnten sie nicht allein Krankheiten heilen, sondern auch die Geister beherrschen. Denn obwohl die Schwarzen nicht eigentlich an die Unsterblichkeit der Seele glaubten, so hatten sie doch eine Scheu vor Dingen, die sie nicht sehen konnten, und machten sich unklare Vorstellungen von Geistern. Deshalb glaubten sie auch, jene Zauberer könnten den Himmel veranlassen, Wolken zu versammeln und Regen auf die Erde zu ergießen. Doch waren nicht alle Doktoren und Totengräber auch zugleich Regenmacher, sondern nur die berühmtesten und geschicktesten unter ihnen unternahmen es, auch über die Kräfte des Himmels zu gebieten.
Die Regenmacher in Ulundi und Mainze-kanze hatten wie nach Verabredung zu jetziger Zeit die Erklärung abgegeben, die Dürre sei für sie zu stark, der Himmel sei wie ein Stein, und sie könnten ihn mit ihren Mitteln nicht erweichen, der König möge deshalb den berühmten Regenmacher der Swazi kommen lassen. Sie hatten hierbei wohl die schlaue Berechnung, daß Zeit darüber vergehen und der Regen von selbst kommen würde. Dazu dachten sie auch wohl das Ansehen ihres Standes im allgemeinen zu heben und rechneten auf Gegendienste von seiten der Swaziregenmacher. Denn die Belohnung für die Dienste eines berühmten Regenmachers war sehr groß. Die Gesandten Tschetschwajos versprachen dem Fremden, er solle seine Hände in Milch waschen, seine Herden sollten Berg und Thal bedecken, die Wälder von seinem Lobgesang widerhallen und Weiber und Kinder ihm die Füße küssen.
Eines Nachmittags hörten der Missionar und Pieter Maritz, die sich vor der heißen Sonne in den Schatten des Wagenverdecks zurückgezogen hatten, ein lautes, weithinschallendes, langgezogenes Jubelgeschrei. Sie traten vor ihren Zaun und sahen, daß ganz Ulundi in Aufregung war. Alles strömte aus den Hütten und lief. Der Regenmacher kam heran. In den höchsten Tönen des Entzückens kreischten Tausende von Stimmen. Dann nach einer Weile sah man alles Volk in einer bestimmten Richtung laufen. Sie zogen nach einem Flüßchen neben der Stadt. Der Regenmacher war außerhalb Ulundis geblieben und hatte einen Boten geschickt, der dem Volke befahl, sich vor seinem Einzug die Füße zu waschen. Nun rannte alles, die Edlen und das Volk, nach dem Flusse, selbst die Dienerschaft der Weißen, sogar die drei christlichen Diener, wurden von dem allgemeinen Taumel ergriffen, und die Weißen blieben allein. Nur der König blieb mit seinem Hofstaat und den Weibern zu Hause, doch hörten die Weißen später, daß auch hier eine Fußwaschung vollzogen worden sei. Merkwürdig erschien es nur den Weißen, welche über diesen Vorgang lachten, daß plötzlich, während das Volk sich noch wusch, an dem klaren Himmel, der seit vielen Wochen strahlend hell geblieben war, dunkle Wolken von mehreren Seiten heraufzogen.
Der Missionar und Pieter Maritz gingen nach der Seite, wo der Regenmacher war, und sie fanden sich bald in einem dichten Gedränge, welches dem mächtigen Manne entgegenging. Alle wiesen nach dem Himmel und zeigten einander die Wolken, welche jener herbeiziehe. Gerade als der Regenmacher von dem Hügel herabstieg, auf welchem er gewartet hatte, und nun der Stadt zuschritt, fingen die Blitze an zu zucken, furchtbarer Donner rollte, und einzelne schwere Tropfen fielen. Das Volk der Zulus geriet darüber in eine solche Freude und in solchen Jubel, daß durch ihr Schreien der Donner übertönt wurde. Sie tanzten, sie sangen, sie bliesen auf ihren Musikinstrumenten, schlugen Trommeln und spielten auf den Geigen. Das Volk war wie vom Wahnsinn ergriffen.
Inmitten dieses Taumels schritt der Regenmacher mit stolz erhobenem Haupte und unbewegter Miene einher. Er war ein stattlicher Mann, der durch seinen Putz noch ansehnlicher wurde. Auf seinem Kopf erhob sich ein Gebäude von mehr als einem Fuß Höhe, aus künstlich aufgetürmtem Haar, Federn, Pelz, Perlenketten und Goldzierat gebildet. Von der Brust, von den Armen und Beinen hingen ihm kostbare Ketten und höchst wunderliche Zieraten aus Knochen und Elfenbein. Als ihn die Häuptlinge begrüßten, dankte er herablassend und sagte, man möge achtsam sein, in diesem Jahre die Gärten an den Hügeln anzulegen und das Vieh nicht in den Thälern zu lassen, damit die Fluten des Himmels nicht alles hinwegschwemmten. Während er so sprach und die Tropfen fielen, drängten sich einige der Doktoren, welche den berühmten Regenmacher umringten und sich in seinem Glanze spiegelten, da er doch aus ihrem Stande hervorgegangen war und zu ihnen gehörte, an den Missionar heran und verhöhnten ihn.
»Wo ist denn nun dein Gott?« fragte ihn der eine mit höhnischem Lachen. »Hast du unsern Morimo gesehen?« fragte der andere. »Hast du wohl bemerkt, wie aus seinen Armen feurige Speere aufflogen und den Himmel spalteten? Hast du die Stimme in den Wolken gehört?« Und ein dritter sagte mit verächtlichem Tone: »Du schwatzest von Jehovah und von Jesus. Was können sie machen? Nichts können sie. Sie schaffen dir kein Fleisch in deine Töpfe und bringen keinen Regen auf das Feld, aber unser Morimo kann das, wie du mit deinen Augen siehst.«
Der Missionar antwortete nicht, nur murmelten seine Lippen, so daß Pieter Maritz es hören konnte: »Sei stille in dem Herrn und wisse, daß ich dein Gott bin. Ich werde verhöhnt werden unter den Heiden.«
Der Triumphzug des Regenmachers wandte sich nach dem Gehöft des berühmtesten Doktors von Ulundi, und die Doktoren sowie viele Vornehme traten in die Umzäunung ein, während das Volk ausgesperrt wurde. Doch gelang es auch den Weißen, mit hineinzukommen, da die Doktoren ihre Eitelkeit dadurch geschmeichelt fühlten, daß der weiße Zauberer, wie sie den Missionar unter sich nannten, dem Empfange ihres großen Kollegen beiwohnte. Ein großer, dicht gedrängter Kreis, in dessen Mitte der fremde Regenmacher stand, versammelte sich vor der Hütte. Erfrischungen wurden angeboten, und der Regenmacher antwortete auf die Fragen, welche ihm vorgelegt, zum größten Teile von den Doktoren gestellt wurden und zum Zweck hatten, die Weisheit des Fremden leuchten zu lassen. Doch hatten sich inzwischen die Wolken bereits wieder verzogen, und die wenigen Tropfen, die gefallen waren, hatten kaum den Boden obenhin angefeuchtet.
»Die Kräfte des Himmels zu beherrschen ist nicht leicht,« sagte der Regenmacher, während die Häuptlinge um ihn her und alle Doktoren atemlos lauschten. »Es bedarf dazu großer Weisheit und genauer Einsicht in den Zusammenhang aller Dinge. Denn alles steht unter sich in Beziehung. Vom Himmel fällt der Regen auf die Erde nieder, die Sonne trocknet ihn weg, so daß er wieder zum Himmel aufsteigt, und nur wenige Männer kennen die Geheimnisse, welche das Wasser hierhin und dorthin lenken. Mich haben meine Untersuchungen dahin gebracht, daß ich alles gut verstehe und die Hebel kenne, welche angesetzt werden müssen, um das Wasser zu beherrschen. Ich sage euch, ihr werdet euch wundern. Blickt über das Land hin: alles ist gelb und trocken, alles verbrannt. Aber ihr sollt binnen kurzer Zeit wieder über das Land hin blicken, und dann werdet ihr sehen, wie der Wind die Ähren schaukelt. Soweit ihr blickt, ist alles grün, weite fruchtbare Äcker dehnen sich aus, und es fehlt an Händen, um das Korn heimzuschaffen. Seht die Wiesen an: die Ochsen und Kühe wandeln durch das Gras hin, und man sieht nur die Hörner. Sie sind fett und schwer und schreiten langsam, weil sie zu dick sind. Die Krüge sind voll von Milch, man schüttet sie aus, weil man sie nicht zu trinken vermag: es ist zu viel. Hört mich an! Im vorigen Jahre waren die Swazi beleidigt von den Bapedis, und sie rüsteten ein Heer, um die Feinde zu züchtigen. Aber die Indunas kamen zu mir und sagten: ‚Hilf uns, hier hast du hundert Ochsen und vier goldene Ketten.‛ Ich erwiderte ihnen: ‚Zählt auf mich, ich werde euch helfen.‛ Ich ging an die Grenze der Bapedis, ehe das Swaziheer gerüstet war. Ich streckte meine Hand aus und sprach zu den Beherrschern der Wolken. Da brach Feuer vom Himmel herab und fiel auf die Kraale der Bapedis. Alle Hütten brannten, und der Rauch zog über das Land hin. Die Bapedis wollten fliehen, da streckte ich noch einmal diese Hand aus, welche ihr hier seht, und ein Regenstrom fiel herab, so stark, daß alle Flüchtlinge ertranken. Hört mich weiter an: Ich war bei den Betschuanen, denn sie waren in großer Not und hatten mir zweihundert Ochsen, sechs Weiber und viel Elfenbein gegeben, damit ich auf ihr trocknes Land regnen ließe. Aber als ich dort war, gerieten sie in große Angst, weil der König der Hereró ihnen mit Krieg drohte. Er hatte ein Heer von vielen tausend Kriegern versammelt und marschierte gegen die Grenze. Aber die Betschuanen gaben mir noch zweihundert Ochsen und viele Schätze. Da warf ich meinen Stab dem König der Hereró entgegen. Wo der Stab lag, öffnete sich die Erde, und eine Wasserflut quoll hervor. Sie ward immer größer und breiter und ergriff die Füße der Hereró. Sie stieg ihnen bis zum Knie, bis zur Brust. Da half keine Flucht. Alle Hereró mußten ertrinken, kein Mann kehrte heim in sein Land.«
Diese und andere ungeheuerliche Lügen trug der Regenmacher mit der größten Ruhe vor und entfaltete dabei eine wunderbare Beredsamkeit. Seine Stimme war bald sanft und einschmeichelnd, bald drohend und donnernd. Sein kluger Blick durchforschte die Versammlung und beobachtete sorgfältig die Wirkung seiner Worte. Seine Gebärden waren majestätisch, und er redete mit solcher Sicherheit und überlegener Ruhe, als könne gar kein Zweifel an der Wahrheit seiner Worte aufkommen. Und wirklich ward kein Zweifel laut. Die Häuptlinge waren begeistert. Sie sahen die geschilderten Felder und das fette Vieh bereits als ihr Eigentum vor sich, und sie machten die guten Nachrichten unter dem Volke bekannt, so daß sie sich wie Wildfeuer verbreiteten. Dem Regenmacher ward eine schöne Wohnung angewiesen, und es wurden ihm Frauen und Vieh reichlich gegeben. Ulundi war in einem Rausche des Entzückens.
Nur auf den Weißen hatte der Blick des Regenmachers mit Argwohn geweilt, und er mußte sich später wohl nach der Stellung und Bedeutung des Missionars erkundigt haben, denn zwei Tage später kam er ganz allein in die Hütte des alten Mannes, um ihm einen Besuch zu machen. Er war von biegsamem, liebenswürdigem Benehmen, zeigte Bekanntschaft mit feineren Umgangsformen, lächelte und war äußerst höflich.
Der Missionar bot ihm eine Pfeife mit Tabak an, und der Regenmacher sagte, indem er dieselbe dankend annahm: »Denke nicht, daß es nur Neugierde ist, welche mich veranlaßt, dich zu besuchen. Ich habe von dir als von einem sehr weisen Manne gehört, und ich möchte von dir lernen.«
Der Missionar betrachtete ihn prüfend. Der Mann hatte etwas Ungewöhnliches und schien aus ganz anderm Stoffe gemacht zu sein als das übrige Volk. Er hatte seinen Putz abgelegt und trug einen Mantel von Tigerfell. Seine Augen waren sehr groß, vortretend und von schlauem Aussehen, seine Stirn viel höher, breiter und ausgewölbter als die anderer Schwarzer.
»Du willst von mir lernen?« entgegnete der Missionar. »Ich denke, ein Mann, der die Kräfte des Himmels beherrscht, braucht nichts mehr zu lernen.«
Der Regenmacher schwieg einen Augenblick und sagte dann: »Erlaube mir, dich zu fragen, warum du deine Heimat verlassen hast? Hast du einen Häuptling beleidigt, daß du fliehen mußtest? Oder sind die Leute in deinem Vaterlande geizig?«
»Keines von beiden ist der Fall,« entgegnete der Missionar. »Ich habe ganz andere Gründe, hier bei euch zu leben.«
»Was für Gründe sind das? Macht der König Tschetschwajo dich nicht reich? Wir beiden müssen offen miteinander reden. Wenn wir Freunde sind, können wir beide reich werden, sind wir aber Feinde, so schaden wir uns gegenseitig, und das dumme Volk spottet unser. Weise Männer sollten Freunde sein, denn sie stehen allein gegenüber dem Volke wie die Hirten in der Herde.«
»Glaubst du denn wirklich, daß ich auch weise wäre?« fragte der Missionar. »Ich denke, du bist es allein.«
Der Regenmacher lächelte. »Du versteckst dich,« sagte er. »Nur weise Männer können Zauberer sein, denn es ist große Weisheit nötig, so viele Menschen zu betrügen.«
»Wenn ich nun dem Könige und dem Volke mitteilte, wie du sprichst?« sagte der Missionar.
»Du kannst sagen, was du willst,« antwortete der Regenmacher, »kein Mensch wird dir glauben. Ich aber sage dir im Vertrauen: wenn du klug bist, so wirst du mein Freund und redest gut von mir. Ich werde dir einen Teil meiner Belohnung geben. Willst du aber mein Feind sein, so hüte dich!«
»Du irrst dich völlig in mir,« versetzte der Missionar. »Ich suche keine Reichtümer. Ich will das Volk belehren. Ich will ihm sagen, daß es sein Herz nicht an Vieh und Korn und Sinnenlust und Eitelkeit hängen darf, sondern daß nur diejenigen Menschen glücklich sind, welche ein gutes Leben führen, einander lieben und Gutes thun und an Gott glauben, der sie nach dem Tode belohnen wird für ihre Tugend.«
Der Regenmacher hörte aufmerksam zu und nickte dann mit dem Kopfe. »Du hast recht,« sagte er. »Ich stimme mit dir überein. Nur gute Menschen sind glücklich. Denn es macht das Herz weiß, Gutes zu thun. Aber welchen Nutzen hast du davon, dem Volke etwas zu sagen, was es nicht versteht?«
»Ich will keinen Nutzen davon haben, sondern ich lehre das Wahre um des Wahren willen. Gott hat mir befohlen, zu lehren und keinen Lohn zu verlangen. Er sagt: ‚Umsonst habt ihr die Wahrheit empfangen und umsonst sollt ihr sie andern geben.‛«
Der Regenmacher sah vor sich nieder und überlegte. Dann blickte er den Missionar mit seinen klugen Augen an und sagte, indem er aufstand: »Du bist so weise, daß ich dich nicht verstehe. Ich verlasse dich. Vielleicht kommt bald die Zeit, wo deine Ohren offen sein werden und wo du meine Freundschaft besser würdigst als heute.«
Damit ging er. Aber die Unterhaltung mit dem Missionar mußte ihn wohl gestachelt haben. Vielleicht war er in seinem Selbstgefühl gekränkt, vielleicht war er wirklich begierig, Dinge zu hören, die ihm neu und unbekannt waren, vielleicht wollte er in den Augen der andern Doktoren das Ansehen des Weißen herabsetzen -- genug, er kam schon nach wenig Tagen, als es noch immer nicht geregnet hatte, wieder. Diesmal war er in Gesellschaft von mehreren Doktoren und Häuptlingen.
Der Missionar empfing den Besuch auf dem freien Platze vor seiner Hütte, da die Hütte zu klein war, um alle Gäste aufnehmen zu können. Der Regenmacher fing eine Unterhaltung an, welche er zu einem Wortkampf über die Kunst der Zauberer zu machen strebte.
»Dieser Mann behauptet, daß es einen Gott gebe,« sagte er laut, indem er auf den Missionar wies. »Was denkt er sich wohl unter einem Gott?«
»Ich will dich zunächst nach etwas anderm fragen,« entgegnete der Missionar. »Was hältst du für das höchste Glück?«
»Das kann dir ein jeder sagen,« antwortete der Regenmacher ausweichend. »Hier, frage diesen tapfern Häuptling.«
Er zeigte bei diesen Worten auf einen der Indunas, einen kräftigen Krieger. Dieser dachte einen Augenblick nach und sagte: »Das größte Glück ist, von dem König gelobt zu werden und einen goldenen Ring von ihm zu erhalten.«
»Nun wollen wir einen von den Doktoren fragen,« sagte der Missionar. »Sage du nur« -- er wandte sich an einen dicken Mann mit hohem Kopfputz und Zauberstücken auf der Brust -- »was das größte Glück ist.«
»Das größte Glück,« sagte dieser, »ist ein Feld, das, soweit du sehen kannst, mit Feuern bedeckt ist, wenn über jedem Feuer ein Topf mit Fleisch kocht und alles Fleisch dir gehört.«
»Siehst du,« sagte der Missionar zu dem Regenmacher, »nicht jeder weiß, was das Glück ist, denn ein jeder hält es für etwas anderes.«
»Der weiße Zauberer ist sehr schlau,« entgegnete der Regenmacher. »Er gleicht der Antilope, welche Taucher genannt wird, denn er verschwindet, wenn man ihn fassen will, und taucht an einer fernen Stelle wieder auf. Sage mir doch, hast du nicht gelehrt, es gebe einen Gott, der alles geschaffen habe, Erde, Himmel, Menschen, Vieh und alle Dinge?«
»Jawohl, das lehre ich,« entgegnete der Missionar. »Zu Anfang war alles finster und leer, Gott aber setzte Sonne und Mond an den Himmel, daß es hell wurde, und er schuf in sechs Tagen alles, was unsere Augen sehen und unsere Ohren hören. Am letzten Tage aber schuf er den Menschen als den Herrn der Erde und sagte ihm, daß er glücklich sein würde, wenn er Gottes Gebote erfülle. Deshalb ist das höchste Glück des Menschen die Erfüllung der Gebote Gottes. Ich aber bin nicht wie ein Taucher, sondern hier stehe ich und lehre immer dasselbe.«
Der Regenmacher wandte sich an die Zuhörer. »Da seht ihr,« sagte er, »wie dieser weise Mann euch Märchen erzählt. Sage mir doch,« sagte er dann zu dem Missionar, »wie ist es möglich, daß ein Gott die Menschen erschaffen hat, während die Menschen doch so verschieden sind, daß man deutlich sieht, wie er sich bei der Arbeit verbessert haben müßte? Du mußt zugestehen, daß er sein Werk immer besser gemacht hat. Zuerst hat er sich an den Buschmännern versucht, aber sie gefielen ihm nicht, weil sie so häßlich waren und Stimmen hatten wie die Frösche. Dann machte er die Hottentotten, und diese fielen schon besser aus, aber machten ihm auch noch keine Freude. Dann übte er seine Kunst an den Betschuanen, und das war schon eine große Verbesserung. Dann machte er die Swazi und die Zulu, und diese gefielen ihm als schöne, tapfere und kluge Männer. Zuletzt aber,« -- hier lächelte der Regenmacher halb spöttisch, halb verbindlich und machte dem Missionar eine Verbeugung -- »zuletzt machte er wohl die Weißen. Diese sind so klug, daß sie alle Schwarzen an der Nase führen. Denn du hast doch gelehrt, Gott sei vollkommen, also kann er sich nicht in seiner Arbeit verbessert haben.«
Die Doktoren fingen laut an zu lachen, und die Häuptlinge stimmten mit ein. Alle verhöhnten den Missionar und riefen dem Regenmacher Beifall zu.
»So sage mir doch,« entgegnete der Missionar, als es wieder ruhig geworden war, »woher kommen denn die Menschen nach deiner Meinung, und wovon sind sie deiner Ansicht nach so verschieden?«
»Ich weiß es nicht,« sagte der Regenmacher. »Die Doktoren haben es noch nicht ergründet. Aber es ist wahrscheinlich, daß die Menschen aus dem Wasser gestiegen sind. Alles, was lebt, ist wahrscheinlich aus dem Wasser gekommen, und weil die Gewässer sehr verschieden sind, müssen auch wohl die Menschen verschieden sein. Deshalb ist auch die Wissenschaft des Regenmachers die höchste. Sie beschäftigt sich mit dem Wasser, aus welchem alles Lebendige kommt, nicht allein die Menschen, sondern auch die Tiere.«
»Du weißt es also nicht,« versetzte der Missionar, »sondern du vermutest es nur. Aber wie können die Menschen aus dem Wasser gekommen sein, da sie doch im Wasser ertrinken?«
Der Regenmacher versuchte, seine Ansicht zu verteidigen, und die Gründe, welche er vorbrachte, genügten zwar nicht, den Missionar zu überzeugen, riefen aber den wiederholten Beifall der Doktoren hervor. Zuletzt, als der Missionar ernstlich und eindringlich hervorhob, daß der Mensch eine Seele habe und unsterblich sei, zeigte der Regenmacher auf seinen Hund, der neben ihm am Boden lag, und sagte: »Welcher Unterschied besteht zwischen mir und diesem Tiere? Du sagst, ich sei unsterblich. Warum ist dann nicht mein Hund oder mein Ochse unsterblich? Sie sterben, wie wir sterben. Siehst du unsere Seelen oder die Seelen der Tiere? Wenn du aber unsere Seele ebensowenig sehen kannst, wie die Seele der Tiere, wie kannst du denn darüber sprechen? Weißt du, was du nicht siehst? Welcher Unterschied ist zwischen den Menschen und den Tieren? Keiner, ausgenommen, daß der Mensch der größere Schuft von den beiden ist.«