Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 22
Der König war im Gespräch mit seinem Bruder, als er bemerkte, daß etwa zehn Schritte von ihm die armen Leute niederknieten, doch warf er nur einen flüchtigen Blick auf sie und setzte seine Unterhaltung fort. Da legte der Mann sein Päckchen zu Boden, knüpfte es auf und breitete ein paar elende geschnitzte Dinge, einige Kugeln von Horn, einen verzierten hölzernen Löffel und ein paar messingene Ohrringe, auf dem Boden aus. Dazu fing er an, mit kläglicher Gebärde zu erzählen, er sei vom Lande und wohne im Gebiete der Amatongas, die Zulukrieger aber hätten auf dem Durchmarsche seine beiden Söhne mitgenommen, einen Knaben von zehn und einen Knaben von acht Jahren. Nun biete er dem König das Lösegeld, und bitte, ihm und seiner Frau die Kinder wiederzugeben.
Der König runzelte die Brauen, aber beachtete den Bittsteller weiter nicht, denn er erwog gerade die wichtige Frage des Tragens der Schilde im Feuergefecht und blieb in der Unterhaltung mit Dabulamanzi.
Da zog der arme Mann trübselig noch ein altes abgeschabtes Messer aus seinem Karoß und legte es zu den übrigen Dingen. »Dies ist alles, was wir haben, o König,« sagte er kummervoll. »Wir sind zehn Tage lang gelaufen, meine Frau und ich, um dem König unsere Bitte vorzutragen.«
Aber der König bemerkte ihn noch immer nicht, und das Gefolge fing an, sich zwischen ihn und die Armen zu schieben, in der Besorgnis, etwas Mißfälliges zu begünstigen. Ein schwerer Seufzer drang aus der Brust des armen Mannes hervor, und über die Wangen seiner Frau liefen Thränen. Beide stützten die Köpfe auf die Hände und blickten zu Boden, niedergeschlagen, mutlos, ohne Kraft, ferner zu bitten, noch auch wegzugehen. Sie hatten ihr ganzes bewegliches Besitztum geboten, um ihre Kinder wiederzubekommen. Jetzt traten einige Diener heran, um die Lästigen fortzujagen.
Da stand der Missionar auf und näherte sich ihnen. Er legte seine Hand auf des Mannes Schulter, um dessen Aufmerksamkeit zu erregen, und sprach ein paar freundliche Worte. Dieser starrte in die Höhe, aber beim Anblick des weißen bärtigen Gesichtes stieß er einen Schreckensruf aus. Die Frau sprang empor und schrie ebenfalls vor Angst. Nun ward der König aufmerksam und fragte, was es gäbe.
»Hier sind die ärmsten von des Königs Unterthanen,« sagte der Missionar mit fester Stimme. »Sie wissen, daß der König sein Auge über den Geringsten wie über den Mächtigen wachen läßt, darum wagen sie es, mit einer Bitte zu nahen.«
»Was wollen die Leute?« fragte Tschetschwajo mit finsterer Stirn.
»Sie haben zwei Söhne, die von des Königs Truppen geraubt sind. Sie möchten ihre Söhne wiederhaben, denn ihr Herz hängt an den Knaben. Es sind Knaben, die noch nicht die Waffen tragen können.«
»Mein Vater will des Königs Armee ihres jungen Nachwuchses berauben und den König zum Frieden nötigen,« sagte Tschetschwajo mit einem ärgerlichen Lachen. Dann aber sprach er einige Worte zu einem der Heerführer und dieser entfernte sich, während der König sich wieder zu seinem Bruder wandte. Der Missionar ließ die armen Leute beiseite treten, und diese küßten ihm die Füße und die Hände, da sie aus dem Verlauf der Scene schlossen, daß ihre Hoffnung in Erfüllung gehen würde. Sie boten dem Missionar ihre ärmlichen Geschenke an, dieser aber wies sie mit freundlichen Worten zurück und gab ihnen Speise. Die Hofleute aber redeten unter sich und waren voll Verwunderung über den Einfluß des weißen Mannes.
Nicht lange darauf kehrte der Induna zurück, und man sah einen Knaben an seiner Seite gehen. Das Weib stieß einen Ruf aus und rannte so schnell dem Knaben entgegen, daß es aussah, als müßte sie jeden Augenblick stürzen. Sie umarmte das Kind und kam mit ihm herauf, indem sie vor Freude laut weinte. Der Induna berichtete, der andere Knabe sei tot. Der König aber befahl, den Eltern das überlebende Kind wiederzugeben und sie durch einige Stück Vieh für das andere zu entschädigen.
»Ist mein Vater nun zufrieden?« fragte der König den Missionar. »Ist sein Herz nun weiß? Wird er mein guter Vater bleiben?«
»Ja,« entgegnete der alte Mann, »aber unter der Bedingung allein, daß Tschetschwajo mein guter Sohn bleiben wird.«
Das Gefolge erstarrte vor Entsetzen über diese kühne Antwort. Aber da der König in ein herzliches Lachen ausbrach, stimmten alle in das Lachen ein.
Währenddessen sah Pieter Maritz ein neues Schauspiel sich vorbereiten. Er bemerkte, daß das Regiment des Königs sich zusammenzog und, seine Unterbefehlshaber an der Spitze, in langer Linie heranmarschierte. Einige hundert Schritte vom Könige kniete die ganze Masse nieder, und vor der Linie knieten die Indunas. Dabulamanzi machte den König auf die Truppen aufmerksam, und dieser schickte den Prinzen ab, um zu fragen, was das Regiment wolle. Der Prinz kam mit der Nachricht zurück, das Regiment sei traurig über die Ungnade des Königs und bitte um neue Schilde.
Diese Bitte hieß nach der militärischen Sitte der Zulus nichts anderes, als daß die Truppe wünschte, zu einem kriegerischen Zuge gegen einen Nachbarstamm ausgesandt zu werden, um im feindlichen Blute seine Schande abzuwaschen und neuen Ruhm zu erwerben.
Tschetschwajo wandte sich zu dem Missionar. »Du siehst, wie mein Volk ist,« sagte er. »Ich wünsche nicht den Krieg, mein Volk wünscht ihn. Niemals lebte ein König, der friedliebender gewesen wäre als Tschetschwajo.«
Dann winkte er unwillig mit der Hand, und die Garde mußte sich zerstreuen, ohne daß ihre Bitte erfüllt worden war.
Aber der Missionar merkte wohl, daß nur Politik den König bewog, so zu sprechen und zu handeln, denn nun ließ Tschetschwajo den Lord herbeikommen und setzte sich mit ihm zusammen nieder. Der Missionar mußte den Dolmetscher spielen, und nur Dabulamanzi war außerdem noch zugegen.
Er sei den Engländern sehr befreundet, sagte Tschetschwajo. Böswillige Leute hätten wohl über ihn gelogen und gesagt, er liebe den Krieg und mache Einfälle in das Buernland und in die englischen Besitzungen. Aber in Wahrheit gingen solche Grenzverletzungen von unbotmäßigen Stämmen aus, welche sich gegen seinen Willen vergingen, mit der Zeit aber völlig zum Gehorsam gebracht werden würden. Das möge der englische Induna dem Gouverneur von Natal sagen. Tschetschwajo sei Englands Freund, er habe den Engländern schon früher gegen die Buern geholfen und werde es jetzt wieder thun. Die Buern seien Englands schlimmster Feind; wenn sie niedergeworfen seien, würde England das ganze Afrika beherrschen, mit Ausnahme des Zululandes, dessen König der treueste Freund Englands sei. Seine Armee sei groß und stark, und er werde dreißigtausend Mann der besten Truppen zur Hilfe gegen die Buern bereit halten. Er habe genug Gewehre, um die Hälfte der Regimenter damit zu bewaffnen. Zwar hätten sich die Truppen heute ungeschickt gezeigt, aber das komme davon, daß ihnen das Feuergewehr noch neu sei. Nach einiger Zeit werde das anders sein. Der englische Häuptling möge dies alles dem Gouverneur sagen und Tschetschwajos Bündnis anbieten.
Der Lord erwiderte, daß er dankbar sei für die königliche Aufnahme und Bewirtung und den Auftrag pünktlich ausrichten werde. Doch wisse der König wohl, daß er ein sehr junger Mann und keiner der großen Indunas sei. Deshalb könne er weder eine erfolgreiche Botschaft versprechen noch auch vorher sagen, welche Aufnahme der Gouverneur ihm bereiten werde. Doch sei er überzeugt, daß der Gouverneur die große Macht Tschetschwajos zu würdigen wisse und das Bündnis mit dem mächtigen König seiner Bedeutung nach erkennen werde. Jedenfalls werde er, der Leutnant, den Auftrag nach bestem Gewissen ausrichten.
Als der Lord so geantwortet hatte, bezeigte der König seine Zufriedenheit. Er ließ durch einen seiner Hofbeamten eine Perlenkette von hohem Wert herbeibringen und überreichte sie dem jungen Offizier. »Die englischen Indunas tragen solchen Schmuck nicht selbst,« sagte er dabei gnädig lächelnd, »aber du kannst die Kette deiner Lieblingsfrau zum Andenken an Tschetschwajo umhängen. Reise, wann du willst, das Land liegt vor dir.«
Lord Fitzherbert errötete, indem er an das Mädchen in der Heimat, das Mädchen mit den Rehaugen im alten England dachte, und er lachte vor Freude bei dem Gedanken, daß er sie nun doch wohl wiedersehen könne und daß vielleicht einst das Geschenk des schwarzen Fürsten ihren schlanken Hals zieren werde, wenn er so glücklich sei, sie seine Gattin nennen zu dürfen. Er zog seine kostbare Uhr, die von Edelsteinen funkelte, hervor und überreichte sie nebst der goldenen Kette dem König.
»Ich weiß, daß dies Geschenk des Königs nicht würdig ist,« sagte er, »aber vielleicht giebst du das Spielzeug einer deiner Lieblingsfrauen zum Andenken an den Engländer, der dir für seine Freiheit dankt.«
Tschetschwajo nahm das Geschenk sehr huldvoll auf und überreichte die Uhr einem der Kammerherren. Die Audienz war damit beendigt, und mit einer höflichen Verbeugung verabschiedete der König seinen Gast.
Strahlenden Gesichts blieb der junge Lord zurück und besprach sich mit dem Missionar über den Zeitpunkt seiner Abreise. Der alte Mann riet ihm, ruhig abzuwarten, was geschehen würde, da der König selbst ihm die Zeit und die Art und Weise kundgeben werde. In der That näherte sich bald nachher Humbati den Weißen und wandte sich an den Lord mit der Mitteilung, daß er die Ehre haben werde, ihn auf der Reise zu begleiten.
»Der König hat befohlen, daß ich dich an die Grenze bringe,« sagte Humbati, »und zu unserm Schutze wird uns eine Anzahl von Kriegern folgen. Wir werden gerade nach dem Untergange der Sonne zu reisen und können nach wenig Tagesmärschen die Grenze erreichen. Dort kommen wir an den Buffalofluß, und du kannst bei Rorkes Drift hinübergehen in das englische Land Natal. Ich aber soll am Flusse bleiben und die Antwort erwarten, welche der Gouverneur von Natal an den König senden wird.«
Der Missionar beobachtete den Zulu aufmerksam, während dieser sprach, denn ein eigentümlicher Klang war in dessen Stimme, und das sonst so gefaßte Gesicht hatte einen besonderen und ungewöhnlichen Ausdruck. Es schien, als werde der Mann von einem geheimen Gedanken bewegt. Seine Augen funkelten mit düsterem Feuer, und die Ruhe seiner Haltung hatte etwas Gezwungenes.
Der Missionar dachte nach, was wohl den Häuptling bewege. Trauer um den Bruder konnte es wohl nicht allein sein, denn nicht milde Weichheit war in den schwarzen Zügen zu lesen, sondern heimlicher Grimm. War Humbati zornig auf die Weißen als die Ursache des Todes seines Bruders? Aber die Weißen waren doch unschuldig daran, daß der König so grausam war, und im Gegenteil hatte der König dem Häuptling das Leben schenken wollen, um dem Missionar gefällig zu sein. Dennoch hatte der Missionar das Gefühl, die Erregung Humbatis stehe in Verbindung mit der Reise des Lord. Offenbar hatte Humbati selbst veranlaßt, daß er, ein so vornehmer Mann, zur Reisebegleitung bestimmt worden war, denn dies Amt hätte auch wohl einem Geringeren übertragen werden können.
Während der Missionar so dachte und die verschlossene düstere Miene des Häuptlings mißtrauisch beobachtete, während der Lord seine Freude darüber aussprach, von einem so angesehenen und ihm wohlbekannten Mann begleitet zu werden, trat Pieter Maritz heran. Das Herz war ihm schwer geworden, als er von der Abreise des Lord gehört hatte. Das Bild der eigenen Heimat stieg lebhafter als je vorher in seiner Erinnerung auf und ließ ihm den Aufenthalt bei den wilden grausamen Zulus unheimlich und düster erscheinen. Es war ihm, als zöge die Abreise des Lord seine Seele mit. Er wandte sich an Humbati und bat ihn, beim Könige die Erlaubnis zu erwirken, daß auch er mitgehen dürfe.
Humbati zuckte die Achseln. »Wer bin ich,« antwortete er, »daß ich dem großen Könige Rat erteilen sollte, ohne daß er meine Ansicht zu hören verlangt hat? Der weiße Jüngling, der so gut schießt, möge selbst den König bitten.«
Der Lord ergriff des Buernsohnes Hand. »Ich habe schon daran gedacht, für Sie zu bitten, lieber Freund,« sagte er. »Aber die besondere Art des Auftrags, den mir der König gegeben hat, läßt mich zweifeln, ob er die Bitte gut aufnehmen würde. Ja, ich zweifle nicht nur, ich bin ganz gewiß, daß er zornig werden würde, wenn ich ihm den Vorschlag machte, Sie mitnehmen zu dürfen. Es ist klüger, Sie bitten nicht darum, sondern verlassen sich ganz auf unsern alten Freund und Beschützer hier.«
Er wies bei diesen Worten auf den Missionar.
»Wir verdanken ihm unser Leben,« fuhr er dann fort, »ohne ihn hätten uns längst die Geier und Hyänen gefressen. Er ist so gut, daß er selbst die Wilden besänftigt, und so beredt, daß er sie mit seinen Worten bezaubert. Er wird Sie sicherlich nach der Heimat zurückbringen.«
»Die Zukunft steht allein in Gottes Hand,« sagte der Missionar. »Aber gewiß hat Seine Lordschaft damit recht, daß der König nimmermehr erlauben würde, daß du abreisest. Du darfst gar nicht darum bitten, denn der König würde zornig werden und würde selbst Seine Lordschaft mit Mißtrauen ansehen.«
»Dann handelt es sich um einen Plan, der gegen die Buern gerichtet ist!« rief Pieter Maritz erregt.
Der Missionar legte mit bedeutsamem Blick den Finger auf den Mund. »Wer klug ist, der sieht und hört, aber redet nicht,« sagte er in holländischer Sprache. »Glaubst du, daß wir uns zu Werkzeugen eines Planes zwischen Heiden und Christen gegen ein christliches Volk hergeben würden? Laß den König planen, was er will, und aus seiner Verblendung Segen kommen. Sieht er ein, daß seine blutigen und räuberischen Anschläge erfolglos bleiben, so wird er den Friedensworten ein offenes Ohr leihen. Mit Gottes Hilfe werden wir beiden später noch zusammen in deine Heimat zurückkehren.«
Pieter Maritz schwieg. Er war voll Vertrauen zu dem alten Mann. Aber doch blutete sein Herz, als er am Nachmittage der Abreise des Engländers zusah. Humbati hatte zwanzig Krieger mit Schild und Speer um sich versammelt und außerdem zehn Diener, welche Körbe mit Lebensmitteln trugen. Diese sollten die Reisebegleitung sein. Der Rappe scharrte mit dem Hufe, als wüßte er, wohin er seinen Herrn tragen sollte, und wäre darüber erfreut. Lord Fitzherbert drückte dem Missionar und dem Buernsohn zum Abschied herzlich die Hand.
»Kommt ihr jemals in die Lage, auf englischem Gebiete meiner Hilfe zu bedürfen, so rechnet auf mich,« sagte er.
Dann schwang er sich in den Sattel, winkte noch einmal mit der Hand zurück und ritt davon. Neben ihm ging mit elastischem Schritte die dunkle Gestalt Humbatis, und der Zug der Krieger und Träger folgte dem Pferde. Die Sonne strahlte auf dem Pallasch des Engländers, auf dem goldenen Kopfring des Häuptlings und den Speerspitzen der Krieger, nach und nach ward der Zug in der Entfernung kleiner und verschwand dann gänzlich hinter einem Hügel.
Seufzend kehrte Pieter Maritz zu seiner Hütte in Mainze-kanze zurück.
Fünfzehntes Kapitel
Der Regenmacher
Pieter Maritz war traurig. Er fühlte sich einsam, nachdem der Engländer fort war. Wohl hatte er in dem Missionar nicht nur Gesellschaft, sondern auch eine zuverlässige Stütze in seinem Leben unter dem fremden, schwarzen und ihm unheimlichem Volke; aber dieser war doch ein alter Mann und stand in seinen Ansichten und in seiner Lebensanschauung, in seinen Interessen und Beschäftigungen dem Knaben zu fern. Mit dem Lord hatte er sich so gut unterhalten, daß er die Verbannung von der Heimat weniger gefühlt hatte. Er hatte von dem jungen vornehmen Manne viel gelernt und dessen Erzählungen von England, von dem Leben der reichen Leute, vom Kriege und von der Schiffahrt immer mit der größten Andacht gelauscht. Da der Lord getrennt von seinesgleichen gewesen war, hatte er das äußerliche Glänzen und alle störenden Eigenschaften abgestreift, welche ein Hindernis im Umgange zwischen dem reichen, verwöhnten, stolzen Jüngling und dem armen, einfachen, hart erzogenen Buernknaben hätten sein können. Er war einfach und natürlich geworden und so hatte sich zwischen beiden, die an Alter nicht so sehr verschieden waren, ein wahres Freundschaftsverhältnis gebildet. Sie hatten zusammen im Schatten der Bäume geplaudert, waren zusammen spazieren geritten, vereinigt auf die Jagd gegangen. Pieter Maritz hatte englisch gelernt, so daß er es nun sehr gut verstand und fertig sprechen konnte mit dem Accent eines vornehmen Mannes, während er es vorher nur notdürftig hatte lesen und nur wie ein Bauer sprechen können.
Nun war das alles vorbei: die schönen Geschichten von den Kriegen der Engländer, von den stolzen Kriegsschiffen, von den Schlössern und Parks, von dem Leben in London, hatten aufgehört und Pieter Maritz war betrübt. Oft sah er sehnsüchtig den Weg entlang, der von Mainze-kanze nach Natal führte, und er seufzte bei dem Gedanken, nun gleichsam auf einer wüsten Insel zu leben. Oft dachte er, indem er Jagers glänzenden Hals streichelte und dessen Schnelligkeit erwog, darüber nach, ob es nicht möglich sei, auf dem Rücken des treuen Tieres zu fliehen. Aber er gab die Gedanken an Flucht immer wieder auf, wenn er bedachte, daß der Weg bis zur Grenze so weit sei und durch Landstriche führe, die von wilden Tieren nicht nur, sondern von grausamen Menschen bewohnt seien, an den Kraals der Zuluarmee vorbei und zuletzt nahe der Grenze durch die Truppen des Prinzen Sirajo, die an dem Buffalofluß entlang auf der Wacht standen. Am schwersten empfand der Knabe sein Los an seinem Geburtstage, welcher in diese Zeit fiel. Er ward fünfzehn Jahr, und an dem Tage, wo er dies Alter erreichte und nun seine Mutter und seine Geschwister in weiter Ferne sich vorstellte, wo er der Zärtlichkeit gedachte, die ihn sonst an diesem Feste umgeben hatte, war er sehr traurig.
Der Aufenthalt beim König Tschetschwajo sah einer Gefangenschaft sehr ähnlich. Zwar wurden die Weißen mit großer Auszeichnung behandelt und hörte der König den Reden des Missionars immer mit der größten Achtung zu, aber die Freiheit, welcher sie sich erfreuten, war nur gering. Die Hofbeamten und Diener, von denen sie umgeben waren, überwachten sie wie Gefangenwärter. Zwar waren diese Leute voll Höflichkeit und sehr gehorsam. Der Missionar brauchte nur den Finger zu erheben, um sie zum Sprechen oder Schweigen zu bringen, und ein Wink genügte, um sie hierhin oder dorthin zu schicken, aber selten ließen sie die Weißen allein. Sie hatten immer Gründe, in der Nähe der Weißen zu sein, und seitdem der Missionar sich der armen Leute angenommen hatte, welche ihrer geraubten Söhne wegen gekommen waren, durfte kein Fremder mehr den Hütten der Weißen sich nahen. Oft mußte der Missionar wehrend dazwischen treten, wenn die Hofbeamten ganz einfach mit Steinen oder Stöcken nach den Zulus warfen, die sich der Umzäunung näherten, welche die Hütten umschloß. Denn ohne das geringste Bedenken hätten diese eifrigen Diener Köpfe und Knochen zerschlagen, um ihrer Pflicht nachzukommen.
Die Regierung Tschetschwajos war ein Despotismus im höchsten Grade. Die Personen seiner Unterthanen so gut wie ihre Besitztümer waren das Eigentum des Tyrannen, der nach Gutdünken darüber verfügte. Sein Wort war Gesetz, und er brauchte nur die Hand zu erheben und die Brauen zu runzeln, um die vornehmsten Indunas zittern zu machen. Niemand hatte eine eigene Ansicht oder Meinung, mit der einzigen Ausnahme des Prinzen Dabulamanzi, welcher in allen kriegerischen Angelegenheiten gehört wurde und in der That die Seele der königlichen Armee zu sein schien. Aber keiner sonst wagte in Gegenwart des Königs einen eigenen Gedanken auszusprechen. Wenn die Großen zur Beratung herbeigezogen wurden, so krochen sie vor dem Tyrannen und begnügten sich, wenn sie gefragt wurden, die großen Titel des Königs ehrfurchtsvoll vor sich hin zu murmeln. Beständig kamen Boten aus allen Teilen des Reiches an, welche Nachricht von den äußersten Grenzposten brachten und Meldungen über die einzelnen Regimenter sowie über die Beschaffenheit der großen Viehherden des Königs abstatteten. Diese Boten legten, wenn sie sich näherten, in der Entfernung von hundert Schritten vom Könige Schild und Speer zu Boden, kamen dann noch einige Schritte näher und knieten nieder. War es dann das Belieben des Königs, sie anzuhören, so schickte er einen der Indunas zu ihnen, die gerade den Dienst hatten, und durch den Mund des Indunas vernahm er die Meldung. Zuweilen kam die Botschaft, daß Löwen in eine der Herden des Königs eingebrochen seien, aber niemals wagte ein Bote eine solche Meldung zu machen, ohne gleichzeitig den Kopf und die Vordertatzen des Tieres mitzubringen, welches gewagt hatte, sich an königlichem Eigentum zu vergreifen.
Daß der Missionar freimütig mit dem Könige sprach und daß dieser sich darüber nicht erzürnte, war für den ganzen Hof ein Rätsel. Der Missionar ward deshalb gleichsam wie ein überirdisches Wesen betrachtet, man hielt ihn für einen Zauberer ersten Ranges, und nicht selten versuchten Leute, welche ein Anliegen hatten, sich ihm durch Vermittelung seiner Umgebung zu nähern. Der eine wollte von einer Krankheit befreit sein, der andere wünschte sich Vieh, der dritte Regen, und so wurden Ansinnen an ihn gestellt, die nur durch Wunder zu erfüllen gewesen wären. Niemals begriffen die Leute, warum der Missionar sie zurückwies, sondern sie hielten ihn für boshaft und verehrten ihn darum nur noch mehr. Der König selbst konnte sich der Ansicht nicht erwehren, daß der Missionar zaubern könne, und er fragte ihn einmal, da die Regenzeit zu kommen zögerte, ganz ernsthaft, ob er Regen machen könne. Er hielt die Gespräche des Missionars von der Größe und Güte des unsichtbaren Gottes für ein Eingeständnis seiner Zauberkraft. Ebenso glaubte er nicht, es ginge mit natürlichen Dingen zu, daß der Missionar sich so furchtlos ihm näherte und nicht auf seinen eigenen Vorteil bedacht war. Denn der alte Mann wies immer wieder ebensowohl Frauen wie Ochsen, die der König ihm schenken wollte, zurück und begnügte sich mit den Lebensmitteln, die ihm von der königlichen Tafel täglich zugesandt wurden und allerdings sehr reichlich waren, indem nicht selten wohl an fünfzig Schüsseln kamen.
Unter dem Eindruck dieser abergläubischen Furcht zeigte sich der König auch geneigt, den Unterhaltungen des alten Mannes über Religion oft ein williges Ohr zu leihen. So kam er eines Tages ganz allein in die Hütte des Missionars und setzte sich mit den Worten nieder: »Ich will zu deinen Füßen sitzen und deine Belehrung hören. Warum liegt es dir am Herzen, daß ich aufhören soll Krieg zu führen und Menschen zu töten?«
Der Missionar bemerkte, daß der König in ernsterer und nachdenklicherer Stimmung war als gewöhnlich, und antwortete mit festem Tone: »Sieh die Gebeine der Menschen an, die über dein Land hin und über die Nachbarländer verstreut liegen. Sie sprechen eine schreckliche Sprache und sagen mir, der ich diese Sprache verstehe: ‚Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll wiedervergossen werden.‛«
Der König verfärbte sich, seine Lippen wurden blaß. »Du hast mir einmal gesagt, daß die Toten wieder aufstehen würden zu einem neuen Leben,« entgegnete er; »meinst du, daß sie sich an Tschetschwajo rächen werden?«
»Sie werden sich nicht selber rächen,« antwortete der Missionar, »aber sie werden vor dem Throne Gottes Klage führen über ihren Mörder, und Gott wird das Leben des Mörders dem Schwert seiner Feinde ausliefern.«
»Ein König darf so etwas nicht hören,« sagte Tschetschwajo, indem er finsteren Blickes aufstand. »Es ist eine Lehre für die Feiglinge. Warum redest du nicht so zu der Königin von England? Ihre Krieger haben mehr Gebeine über die Erde verstreut als die meinigen.«