Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Part 21
Der Prinz kam an Höhe des Wuchses seinem Bruder gleich, und da er nicht so fett war wie dieser, sondern alle seine Glieder kriegerische Übung und Gelenkigkeit verrieten, so bot seine Gestalt einen schönen Anblick. Er war dem Könige ähnlich, doch war er wohl zehn Jahre jünger, und sein Gesicht war angenehm und sehr männlich. Sein Haar war weder in Locken gedreht, noch aufgetürmt, noch über den Ohren abrasiert, sondern nur kurz gehalten wie bei europäischen Offizieren, und es bedeckte den Kopf wie ein kurzer krauser Pelz. Ein einfacher goldener Ring, etwa daumensdick, saß einer Krone gleich auf dem Kopfe, ebenso umgab eine goldene Kette, deren Ringe sehr dick waren und ganz nahe aneinander geschoben waren, den Hals. Sonst trug der Prinz weder Schmuck noch Kleidung. Nur der kleine Schurz von Löwenfell umgürtete seine Hüften. Was aber den Weißen sehr auffiel, war die Art seiner Bewaffnung. Er trug ein Gewehr, einen Hinterlader, in der Hand, und ein dünner Lederriemen, der über die rechte Schulter gehängt war, hielt eine Patrontasche. Ebenso war sein Gefolge nackt und mit Hinterladern bewaffnet.
Der König schien das Eintreffen des Prinzen erwartet zu haben und setzte mit ihm seinen Weg fort. Nach kurzer Zeit erreichte man den Gipfel eines kleinen Berges, von dem sich eine weite Aussicht bot, und nun hatten die Weißen einen Anblick, der sie sehr überraschte. Sie übersahen ein weites, grünes Thal, das von vielen kleinen Höhen unterbrochen war. In diesem Thale konnten sie den Lauf zweier hell glänzender Flüsse, des Schwarzen und des Weißen Umvolosi, verfolgen, welche sich zwischen felsenreichen Ufern dahinwanden und in der Ferne ineinander strömten. Zwischen beiden Flüssen, in dem Winkel, den sie bildeten, lagen mehrere jener ihnen bekannten dunklen Kränze, der Kraale, welche aus einem Ringe von Hütten um einen großen freien Platz gebildet sind. Vor diesen Kraalen aber blitzte es von Waffen: eine ganze Armee war dort aufgestellt.
Der König wandte sich mit triumphierendem Blicke zu dem Missionar. »Mein Vater hat nur einen Teil der Krieger Tschetschwajos gesehen,« sagte er. »Nun wird er einen andern Teil sehen. Dabulamanzi herrscht in Mainze-kanze. Sage dem englischen Induna, Mainze-kanze bedeute: Laßt den Feind kommen.«
Als der königliche Zug den Abhang des Berges hinabschritt und sich den Kriegshaufen näherte, sahen die Weißen ein, warum die Kraale am Vereinigungspunkte der Flüsse einen so stolzen Namen führten: wiederum standen wohl zehntausend Krieger aufmarschiert, diese aber führten sämtlich Gewehre. Dabulamanzis Armee war in zwei Reihen aufgestellt, zwischen welchen der königliche Zug hinschritt, von donnerndem Kriegsgesang empfangen und begleitet. Auch diese Truppen waren in Regimenter abgeteilt, welche sich durch Farben voneinander unterschieden, und es waren vier Regimenter Amatongas dabei, ein Volksstamm nördlich von den Zulus wohnend, der die Oberherrschaft Tschetschwajos anerkannte. Auffallend war bei ihnen besonders ihr Kopfputz. Einige Regimenter trugen weiße oder gefleckte Stirnbänder von Ochsenfell oder Tigerfell. Diese Bänder waren hinter dem Kopfe zusammengebunden, und weiße Ochsenschwänze hingen daran herunter, so daß das Haar gleich einer weißen Perücke seitwärts und hinten bis auf Schultern und Nacken herabfiel. Über dem handbreiten Stirnband stand die schwarze Haarkrone empor und war mit Federbüschen geziert. Es sah aus, als trügen diese Krieger Helme oder hohe Mützen. Ein Regiment trug wirklich Mützen. Aus schwarzem oder fleckigem Fell von Raubtieren waren Kopfbedeckungen hergestellt, welche mit hohem Federschmuck verziert waren und sehr kriegerisch aussahen. Die Brust dieser Krieger war ganz mit weißen Haarbüscheln bedeckt, die vom Halsschmuck herabhingen. Dies war das »Regiment des Königs«, wie Humbati den Weißen erklärte, eine auserwählte Schar von fünfzehnhundert Mann, welche ein jüngerer Bruder Humbatis befehligte. Sämtliche Krieger trugen in der linken Hand den großen Schild, die Assagaien und auch noch den starken Speer, in der rechten Hand aber den Hinterlader.
Der König mit seinem Gefolge durchschritt die langen Reihen und ging dann in den nächstliegenden Kraal. Diesen wollte er den Weißen zeigen, während die Armee sich zum Manöver ordnete. Er führte seine Gäste zu mehreren größeren Gebäuden, welche unähnlich der Bauart der Zulus nach europäischer Weise aufgeführt waren. Ja aus dem einen ragte ein hoher Schornstein empor, aus welchem Rauch aufstieg. Zu ihrer Verwunderung wurden die Gäste eines weißen Mannes gewahr, der den König in der Thür des größten Gebäudes empfing. Es waren eine Pulverfabrik, eine Patronenfabrik und ein Magazin voller Gewehre, was sie hier erblickten. Schwarze Arbeiter stellten unter Leitung des Weißen die Munition für die Gewehre her.
Die Gäste versuchten, mit dem europäischen Landsmann sich zu unterhalten, aber dieser war, wie es schien, unangenehm berührt durch den Anblick von Landsleuten und antwortete ihnen nur kurz und mürrisch. Auch war nicht zu entdecken, welcher Nation er angehörte. Er sprach englisch und holländisch mit gleicher Fertigkeit. Der Missionar vermutete, er sei ein Verbrecher, der die Heimat oder eine Strafanstalt in den Kolonien geflohen habe.
Nachdem der König voll Stolz seine Fabriken gezeigt hatte, wobei er oft den Blick auf dem Lord ruhen ließ, als ob er ihn fragen wollte, welchen Eindruck solche Hilfsmittel auf ihn machten, führte er die Gäste wieder zu den Truppen und nahm mit ihnen eine erhöhte Aufstellung, von der aus das Manöver zu übersehen war. Dabulamanzi ließ die Regimenter ihre Bewegungen ausführen und ritt dabei seinen mit einem Tigerfell gesattelten Fuchs.
Es war aber kein sehr glänzendes Manöver. Soweit die Regimenter freilich Bewegungen ausführten, welche denen glichen, die schon von der Armee bei Ulundi gemacht worden waren, so weit ging alles gut, und selbst die unverhältnismäßig schwere Bewaffnung, indem zum Schilde und zu den Speeren noch das Gewehr hinzukam, schien die Krieger nicht schwerfällig zu machen. Sie rannten mit großer Schnelligkeit und Ausdauer, wobei sie das Gewehr so trugen wie ehedem den starken Speer. Aber als nun die neue Kampfweise gezeigt werden sollte, welche der Bewaffnung mit dem Hinterlader angemessen war, da entstand Unordnung. Dabulamanzi ließ eine Reihe von Scheiben in der Entfernung aufstellen. Diese Scheiben waren offenbar unter Leitung des weißen Fabrikdirektors entstanden, denn sie waren europäischen Scheiben ähnlich und stellten zum Teil Buern dar. Dann mußte ein Regiment nach dem andern die Scheiben angreifen und aus der Ferne danach schießen. Bei diesen Angriffen aber lockerten sich die Glieder, weil keine Ordnung zwischen Schießen und Laufen herzustellen war. Den Zulus war die alte Fechtweise so in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie sich in die neue nicht finden konnten. Wenn die vorderen Glieder stehen blieben, um zu feuern, so wurden sie von den hinteren Gliedern überrannt. Zuweilen feuerten auch die hinteren Glieder, ohne zu bedenken, daß Leute vor ihnen waren, denn der Rauch und Knall berauschte die Zulus. Und weil mit scharfen Patronen gefeuert wurde, fielen mehrere Krieger, von hinten erschossen, nieder. Die Regimenter lösten sich in wilde Haufen auf. Dazu waren die Schilde und Speere beim Schießen hinderlich. Die Leute wußten sich dabei nicht zu benehmen. Bald stützten sie die Mündung auf den Schild und schossen mit der rechten Hand allein, als hätten sie eine Pistole, bald warfen sie Schild und Speere zu Boden, zielten mit beiden Händen, aber hatten dann Aufenthalt, um ihre andern Waffen wiederaufzunehmen. König Tschetschwajo wurde sehr ernst, als er diese Unordnung sah, und ließ das Manöver sehr bald aufhören. Dann entfernte er sich von seinem Gefolge und besprach sich lange mit Dabulamanzi. Die Truppen ruhten während dessen und aßen ihr gewöhnliches Mahl, Kafferkorn und Kürbis, und die Toten und Verwundeten wurden weggetragen.
Pieter Maritz und der Lord gingen an die ruhenden Truppen hinan und betrachteten deren Gewehre. Es waren lauter Hinterlader, aber sie waren von verschiedenen Systemen, hier hatte eine Abteilung Zündnadelgewehre, dort Chassepots, dort Enfieldbüchsen, und aus dieser Ungleichheit wie aus dem schlechten Zustande der Gewehre war zu erkennen, daß es alte Waffen waren, die von Händlern aufgekauft worden waren. Das Reich Tschetschwajos erstreckte sich bis nahe an die Delagoabai im Norden, und der König mochte wohl für Gold, Elfenbein, Straußenfedern und Vieh von den Portugiesen die Gewehre gekauft haben. Doch war es auch möglich, daß er sie aus andern Quellen bezog, denn sein Reich grenzte im Osten überall an das Meer, und außerdem kamen die Smauser aus den englischen Besitzungen und aus den Buernländern zu ihm. Humbati erklärte den jungen Leuten auf ihr Befragen nach der Taktik der Zulus, daß es eine schwierige und immer wieder erwogene Frage sei, ob die Krieger Schild und Speer neben dem Gewehre führen sollten oder nicht. Der Prinz Dabulamanzi sei der Ansicht, daß sie nur Gewehre und Patrontasche führen sollten, aber der König sei der Ansicht, es sei gegen die Zulunatur, ohne Schild und Speer zu kämpfen. Schild und Speer, sagte Humbati, seien ebensowohl Ehrenzeichen wie Waffen, und ein Zulugemüt werde sich nur schwer an den Gedanken gewöhnen, ohne diese beiden Stücke leben oder gar fechten zu können.
Jetzt ließ Dabulamanzi, nachdem seine Unterredung mit dem König beendigt war, das prächtige Regiment antreten, welches nach dem Könige genannt wurde und dessen eigentliche Garde war. Es waren lauter ältere Männer, von etwa vierzig Jahren, und viele von ihnen waren von wahrhaft prachtvollem Wuchse, breitschulterig, hochgewachsen, mit schwellenden Muskeln. Der Prinz ließ die Schilde und Speere reihenweise in das Gras legen, und dann mußte der Induna, Humbatis jüngerer Bruder, das Regiment zum Angriff gegen die Scheiben führen. In drei Haufen, ein jeder fünfhundert Mann stark, lief die Garde vor. Zwischen den Kolonnen war ein Raum von etwa fünfzig Schritten, und die Kolonnen selbst waren zehn Mann breit und fünfzig Glieder tief. In gehöriger Entfernung sollten die vorderen Glieder schießen.
Aber der Angriff fiel nicht gut aus. Die Zulus waren wie verstört, als sie mit den Gewehren allein anstürmten, und während die vorderen Glieder zu feuern anfingen, bemächtigte sich der Kolonne große Aufregung. Die vorderen Glieder blieben nur zum Teil stehen, zum Teil feuerten sie im Laufen, die hinteren Glieder lockerten sich, indem sie stutzten und sich seitwärts wandten. Sie fürchteten, die vorn Stehenden von hinten umzurennen, wußten aber nicht, was sie selbst machen sollten. Mehrere Leute der vorderen Glieder wurden wieder von ihren Hintermännern erschossen. Alle brüllten das Angriffsgeheul, und dieser Lärm, mit dem Knall der Schüsse vereinigt, schien sie rasend zu machen. Nur wenige Schüsse trafen die Scheiben, und bald waren die drei Kolonnen nur noch drei wilde, regellose, brüllende Haufen. Der König machte ein finsteres Gesicht, und Prinz Dabulamanzi ließ das Regiment halten.
Die Kolonnen wurden wieder geordnet und zurückgeführt, dann aber wurden zwanzig Männer herausgesucht, welche einzeln nach der Scheibe schießen sollten. Sie wurden zweihundert Schritte entfernt von einem Buer, der aus Papier gemacht und bemalt war, aufgestellt und schossen der Reihe nach. Der König, der Prinz und das Gefolge stellten sich dazu, und die Weißen standen dicht hinter dem König. Die ausgewählten Leute gehörten wahrscheinlich zu den besten Schützen, und sie schossen sehr gut. Der Zulu, welcher die Treffer anzeigte, und der andere Mann, welcher die Löcher verklebte, standen nur zehn Schritte von der Scheibe ohne jeden deckenden Schutz; nach jedem Schuß ward auf Kopf oder Brust der Figur gezeigt.
Der König sah sich jetzt nach den Weißen um, wie um ihren Beifall zu hören, da bemerkte er das gespannte Interesse, mit welchem Pieter Maritz nach der Scheibe sah, und daß der Knabe instinktmäßig beide Hände an seiner Büchse hatte. Er lächelte und trug dem Missionar auf, Pieter Maritz zu sagen, er möge versuchen, mit des Königs Garde um die Wette zu schießen. Der Missionar führte den Auftrag aus, und errötend trat Pieter Maritz vor. Die Augen des ganzen Gefolges und der Zuluschützen ruhten auf ihm.
Er trat vor die Scheibe, wog einen Augenblick die Büchse in der Hand, schoß, und der Zeiger wies mit der Speerspitze gerade in die Mitte des Gesichts.
Der König nickte.
»Mynheer,« sagte Pieter Maritz zu dem Missionar, »bitte, sagt dem Könige, ich würde jetzt das rechte Auge der Figur treffen.«
»Aber mein bester Junge, hüte dich, den König zu beleidigen, wenn du besser schießest als seine Leute,« entgegnete der alte Mann.
»Was sagt der Knabe?« fragte Tschetschwajo.
»Er will auf das rechte Auge der Figur schießen,« entgegnete der Missionar, nur ungern, aber aufrichtig.
»Mag er es thun!« rief der König. »Die Zulus sollen dasselbe thun.«
Pieter Maritz zielte, der Schuß krachte, und der Zeiger wies auf die vorher bezeichnete Stelle.
»Nun unsere Leute!« sagte der König.
Die Zulus schossen, aber ihre Kugeln trafen wohl in den Kopf und den Hut der Figur, aber unter neun Schüssen hatte noch keiner das Auge getroffen. Da traf der zehnte, und der König nickte befriedigt. Aber alle andern fehlten wieder das Ziel. Die Augen rollten fürchterlich in den schwarzen Gesichtern, die weißen Zähne glänzten, und hohe Aufregung verbreitete sich unter dem königlichen Gefolge wie unter den Gardisten.
Pieter Maritz aber war von Ehrgeiz gestachelt. Es hatte ihn geärgert, daß die Zulus nach einer Scheibe schossen, welche einen Buer darstellte, und er wollte ihnen zeigen, von welcher Art die Buern wären.
»Dies ist kein Ziel für einen Buer,« sagte er stolz. »Es ist viel zu groß. Der König möge eine Kranichfeder auf eine Speerspitze stecken und den Speer weiter entfernt aufstellen lassen.«
Diese Worte wurden dem König übersetzt, und er sandte einen Induna aus, um das neue Ziel zu stecken. Auf dreihundert Schritte wurde ein Speer in den Boden gestoßen, und eine kleine schwarze Feder auf dessen Spitze gesteckt. Es war ein Ziel, welches für den Lord wie für den Missionar gar nicht mehr zu sehen war, nur die scharfen Augen der Zulus und des Buernknaben, durch Lesen nicht verdorben und an freier Luft auf der Jagd und im Kriege geübt, sahen das schmale, von der Luft bewegte Ziel.
Der König ließ zuerst die Zulus schießen. Aber sie schossen alle vorbei, bis auf den Mann, der vorhin das Auge getroffen hatte. Dieser traf zwar nicht die Feder, aber seine Kugel zerschmetterte den Schaft des Speeres, dicht unterhalb der Spitze.
»Gut! Sehr gut!« rief der König, und er ließ einem seiner Hofherren den goldenen Armring abstreifen und dem glücklichen Schützen überreichen.
Aber ein neuer Speer ward aufgerichtet und die schwarze Feder darauf gesteckt. Pieter Maritz trat an den Platz, den der Zulu verließ, setzte den linken Fuß vor und hob langsam die Büchse. Eine Sekunde lang zielte er, und in diesem Augenblicke konnte kein Felsen unbeweglicher stehen als er. Nun blitzte der Schuß, und die kleine Feder war verschwunden, der Speer aber stand noch, wie er gestanden hatte.
Der König rief Beifall, aber in seinen Augen loderte düstere Wut. »Hier,« sagte er, sich bezwingend, und indem er einen der goldenen Ringe vom Finger zog, »hier hast du eine Belohnung für dein Schießen. König Tschetschwajo dankt dir für das Schauspiel, das du ihm gegeben hast.«
Dann aber wandte der König sich um und ging mit seinem Gefolge von dannen. Pieter Maritz betrachtete den Ring. Derselbe war sehr dick und schwer, und ein Rubin funkelte darin. Doch war der Ring viel zu weit für des Knaben Finger, und er zog deshalb einen dünnen ledernen Riemen durch und hing ihn um den Hals. Der Missionar stand mit besorgtem Blick dabei. Er fürchtete des Königs Ungnade.
In der That war der König zornig. Das ganze Manöver hatte ihm mißfallen, und das Schießen des Buernknaben hatte seinen Unmut auf die Spitze getrieben. Doch ließ er seinen Zorn in einer andern Richtung aus, als der Missionar befürchtet hatte. Er versammelte seinen Hofstaat und die höchsten Indunas von der Armee Dabulamanzis um sich und ließ den Kommandanten des Garderegiments, Humbatis Bruder, vor sich treten.
»Lege den Schild und den Speer ab!« rief er mit drohendem Tone dem Induna zu.
Dieser Ruf erfüllte die Herzen aller Anwesenden mit Schrecken, denn sie wußten, was er zu bedeuten hatte. Humbati, welcher neben dem Missionar stand, verfärbte sich und streckte ängstlich teilnehmend den Kopf vor. Voll Mitleid blickte der Missionar auf den Induna, der nun gehorsam die Waffen zu Boden legte. Es war ein schöner schlanker Mann, mit klugem Gesichte, das Haupt mit dem goldenen Ringe geziert. Nun kniete er vor dem König nieder, und ein tiefes Schweigen herrschte in der Versammlung.
»Ich bin mit deinem Regimente nicht zufrieden,« sagte Tschetschwajo. »Es ist das Regiment des Königs, und es soll andern Kriegern als ein Muster vorleuchten. Es soll um die geheiligte Person des Königs selbst sein. Du hast aber die Krieger geführt, als ob sie eine Herde Ochsen wären.«
Der Induna hielt seine glänzenden schwarzen Augen auf das Gesicht des Königs geheftet, und obwohl er in demütig knieender Stellung war, prägte sich Würde und Stolz in seiner Haltung aus. Kein Muskel zuckte weder in den schlanken Gliedern noch in dem edel geschnittenen Antlitz.
»Du bist ein toter Mann,« fuhr der König fort. »Aber« -- er wandte sich halb zu dem Missionar -- »ich will heute thun, was ich noch nie gethan habe: ich will dein Leben schonen um meines Vaters und Freundes willen, welcher es nicht liebt, Blut zu sehen. Ich weiß, daß sein Herz weint beim Blutvergießen, und deshalb darfst du leben. Er ist aus einem fernen Lande gekommen, um mich zu sehen, und er hat mein Herz weiß gemacht. Er sagt mir, es sei ein schreckliches Ding, jemandes Leben zu nehmen, weil es niemals wieder ungeschehen gemacht werden kann. Ich wünsche, daß er, wenn er heimkehrt, um seinem Könige den Gruß Tschetschwajos zu bringen, ein Herz hat, das so weiß ist wie meines. Seinetwegen schone ich dich, denn ich liebe ihn. Aber du mußt für dein ganzes Leben erniedrigt werden. Ich kann dich nicht an der Spitze meines Regimentes lassen. Du sollst nicht mehr mit den Edlen des Landes umgehen, noch in die Städte der Fürsten kommen dürfen, noch am Tanze bei den königlichen Festen teilnehmen. Nimm den Speer und den Schild wieder auf und tritt in das Regiment ein, welches fern am großen Wasser liegt.«
Der Induna senkte das Haupt, dann aber erhob er es wieder, kreuzte die Arme über der Brust und erwiderte: »O, König, betrübe nicht mein Herz! Ich habe deine Ungnade verdient, laß mich erschlagen wie einen Häuptling. Ich kann nicht unter dem niedrigen Volke leben.« Dann legte er die Hand an den goldenen Ring und fuhr fort: »Wie kann ich unter den Hunden des Königs leben und dies Ehrenzeichen schänden, welches ich unter den Mächtigen trug? Nein, ich kann nicht länger leben, laß mich sterben, o Pezulu!«
»Gut,« sagte der König. »Dein Wunsch möge geschehen!«
Auf seinen Wink traten Krieger heran, welche dem Verurteilten die Hände über dem Kopfe zusammenbanden, und dann ward er hinausgeführt, zwei Männer auf jeder Seite. Humbati machte eine Bewegung, als wollte er dem Bruder folgen, aber er besann sich und murmelte, so daß der König es hören konnte: »Der König ist gerecht, er ist sehr weise, Humbati kennt seinen Bruder nicht mehr.«
Doch der Lord flüsterte dem Missionar zu: »Wenn ich der König wäre und hätte Humbatis Blick gesehen, so würde ich unruhige Nächte haben.«
Ein Herr vom Hofe ward dem Verurteilten nachgesandt, und Pieter Maritz stahl sich seitwärts, um zu sehen, was mit dem unglücklichen Befehlshaber der Garde geschehen würde. Es war nicht Lust an grausamen Handlungen, was ihn zog, sondern innige Teilnahme, die ihn fast wider Willen trieb. Er folgte dem kleinen Zuge zu einem Platze neben dem Kraal, der auf der Höhe an der Vereinigung der beiden Flüsse lag. Dort neigte sich ein Felsen senkrecht zum Wasser hinab. Hierher ließ der Induna aus dem Hofstaat den Verurteilten führen. Pieter Maritz sah hinunter. Breit und glänzend strömte unten das Wasser, und weithin schweifte der Blick jenseits des Flusses über Berg und Thal. Er sah den stolzen Krieger an, welcher zum Tode ging, und sah ihn gelassen dahingehen. Ein träumerischer Ausdruck lag auf dem schönen schwarzen Antlitz, und seine Lippen zuckten verächtlich, als trüge das Bewußtsein seiner Würde den tapferen Anführer über die Schrecken des Todes hinweg. Viele Krieger sahen aus der Entfernung zu, als der kleine Zug an den Rand des Felsens hintrat, und tiefes Schweigen herrschte unter ihnen.
Jetzt, als die Begleiter Hand anlegen wollten, ihn vom Felsen hinunterzustoßen, machte sich der Verurteilte mit einer Gebärde des Unwillens aus ihrem Griff los, trat einen Schritt vor, bis an die äußerste Spitze der Höhe, und stürzte sich in weitem Schwunge hinab. Der schwarze Körper tauchte in die Flut ein, für einen Augenblick glänzte noch der goldene Kopfring aus dem blauen Wasser empor, dann sah Pieter Maritz die gräßlichen Rachen mehrerer Alligatoren dort unten erscheinen, und von dem kühnen Manne war jede Spur verloren.
Als der Knabe mit erschüttertem Herzen zurückkehrte, sah er den König inmitten seines Gefolges und der Heerführer unter schattigen Bäumen lagern und speisen. Seine Köche knieten im Hintergrunde um die Feuer herum, und der Geruch gebratenen Fleisches erfüllte die Luft. Die Schmeichler umringten den König und riefen mit leiser Stimme, wie in Verwunderung verloren: »Wo sind die Feinde Tschetschwajos? Sein Atem schlägt in ihr Antlitz wie die Flamme in trockenes Gras! Seine Feinde werden verzehrt von dem Atem des Königs der Könige. Der Vater des Feuers beherrscht den blauen Himmel, er steigt hinauf und sendet seine Blitze aus den Wolken, er läßt den Regen herniederträufeln. Ihr Berge, ihr Wälder und ihr grasreichen Ebenen, hört auf die Stimme Tschetschwajos, des Sohnes Pandas, des Königs des Himmels!«
Gegen seine Gewohnheit schloß sich Humbati diesen schmeichelnden Hofleuten an und pries mit demütiger Gebärde die Größe des Königs. Auch eine Anzahl der Weiber des Königs war aus Ulundi herbeigeführt worden, und sie kauerten um ihn her und reichten ihm knieend die Körbe und Schalen. Er winkte eine von ihnen herbei und erwies ihr die Gnade, seine Füße in ihren Schoß zu stellen und sie als Fußschemel zu benutzen, während er auf einer Rasenbank saß.
Pieter Maritz sah dieser Scene von der Seite zu und war so traurig und so empört über das grausame Gemüt Tschetschwajos, daß er nicht essen mochte und die Speise zurückwies, welche die königlichen Diener ihm anboten. Da bemerkte er, daß ein erbärmlich aussehendes Paar sich dem Kreise näherte. Der Mann hatte ein bekümmertes Gesicht, und sein magerer Leib war elend gekleidet, ganz ohne Schmuck, die Hüften mit einem abgeschabten Ziegenfell umgürtet. In der Hand trug er ein kleines Päckchen, das mit Ziegenfell umwickelt war. Die Frau sah so kümmerlich aus wie der Mann. Mit niedergeschlagenen Augen schlichen sie an das Gefolge heran, als ob sie eine Bitte vortragen wollten. Die Umgebung des Königs schien Erbarmen mit den Leuten zu haben, oder war so eingeschüchtert, daß sie nicht wußte, was sie thun sollte, denn ohne sie gerade heranzuführen, wichen die Hofleute auseinander und ließen das armselige Paar gleichsam unabsichtlich vor den König kommen.